Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edith Wharton >

Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 34
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
Schließen

Navigation:

XXXIII.

Über die Teetafel vergaß Justine den Brief in ihrem Muff; aber als sie zum Umkleiden hinauf ging, fiel er zu Boden; sie hob ihn auf und legte ihn auf ihren Toilettentisch.

Sie hatte bereits die Handschrift von Wyant erkannt, denn es war nicht der erste Brief, den sie von ihm erhalten hatte.

Dreimal hatte er sie seit ihrer Heirat um Hilfe gebeten und sich jedesmal mit dem Vorwand von Schwierigkeiten und schlechter Gesundheit entschuldigt. Als er das erste Mal schrieb, deutete er vage an, geheiratet zu haben und infolge Krankheit gezwungen gewesen zu sein, seine Praxis in Clifton aufzugeben. Nach dem Empfang dieses Briefes stellte sie Nachforschungen an und erfuhr, dass Wyant ein paar Monate nach ihrer Abreise aus Lynbrook ein Mädchen aus Clifton geheiratet hatte – ein hübsches Stück zur Schau gestellter Unschuld, an das sie sich auf den Straßen, in der Regel mit einem jungen Mann in einem Wagen, erinnerte. Die Heirat hatte augenscheinlich etwas Obskures, Überstürztes an sich gehabt, was befremdlich wirkte bei einem ehrgeizigen jungen Arzt. Justine vermutete, dass dies die Ursache gewesen war, weshalb er Clifton verlassen hatte – oder vielleicht war er bereits der verhängnisvollen Gewohnheit erlegen, derer sie ihn verdächtigte. Auf jeden Fall schien er auf geheimnisvolle Weise innerhalb von zwei Jahren seit seinem Versprechen zum Versager gesunken zu sein; und trotzdem vermochte sie nicht zu glauben, dass ein solches Abgleiten bei seinen Talenten und dem Namen, den er sich allmählich gemacht hatte, mehr als vorübergehend sein konnte. Sie hatte oft vernommen, wie Dr. Garford ihm Großes verhieß; aber Dr. Garford war plötzlich im vergangenen Sommer verstorben, und der Verlust seines mächtigen Freundes wurde von Wyant unter seinen Missgeschicken erwähnt.

Justine wollte ihm gerne helfen, aber ihre Ehe mit einem reichen Mann hatte ihr nicht die Vollmacht über viel Geld verschafft. Sie und Amherst betrachteten sich lediglich als Verwalter des Westmore-Vermögens und beschränkten gewissenhaft ihre persönlichen Ausgaben; ihre Tätigkeit unter den Arbeitern strapazierte ihr bescheidenes Taschengeld, auf dem ihr Mann bestanden hatte, mit zahlreichen Ansprüchen. In ihrer Antwort auf seinen ersten Bittbrief, der sie kurz nach ihrer Heirat erreichte, hatte sie ihm hundert Dollar geschickt; aber als nur etwa zwei Monate später schon der zweite kam – mit einer neuen Geschichte voller Missgeschick und schlechter Gesundheit – war sie nicht in der Lage gewesen, mehr als die Hälfte dieses Betrages zusammen zu bringen. Schließlich war ein dritter Brief angekommen, kurz bevor sie nach New York aufbrachen. Er erzählte dieselbe Geschichte von beständigem Pech; doch diesmal schlug Wyant, anstatt direkt um Geld zu bitten, vor, dass sie ihm auf Grund ihrer Krankenhaus-Verbindungen helfen solle, in New York eine Praxis zu etablieren. Sein Ton war zugleich jammernd und fordernd, seine früher präzise Handschrift war schmierig und unleserlich geworden; und diese Anzeichen überzeugten sie in Verbindung mit ihrem früheren Verdacht, dass er zur Zeit zu medizinischer Tätigkeit nicht in der Lage war. Jedenfalls konnte sie die Verantwortung, ihn zu empfehlen, nicht auf sich nehmen; in ihrer Antwort riet sie ihm deshalb, sich an einen der Ärzte zu wenden, mit dem er in Lynbrook zusammen gearbeitet hatte, und sie milderte ihre Ablehnung durch Einschluss einer kleinen Summe Geldes. Auf diesen Brief erhielt sie keine Antwort. Wyant hielt zweifellos das Geld für unzureichend und verübelte ihr, dass sie nicht gewillt war, ihm durch Geltendmachen ihres Einflusses zu helfen; sie hatte nun das sichere Gefühl, dass der Brief, der vor ihr lag, die Erneuerung seines früheren Ansinnens enthielt.

Eine dunkle Abneigung veranlasste sie, sich erst zu entkleiden, bevor sie ihn öffnete. Sie fühlte sich etwas müde, dabei schmerzlos glücklich, und wollte nicht, dass irgend ein misstönender Eindruck ihr Gefühl von Vollständigkeit beschädigte, das die Ankunft ihres Mannes stets ihrem Leben verlieh. Ihr Glück hatte sie furchtsam und anspruchsvoll gemacht: sie schrak inzwischen sogar vor belanglosen Belästigungen zurück.

Doch als sie sich schließlich in ihrem Morgenmantel, das Haar gelöst über ihre Schultern fallend, vor den Toiletten-Spiegel setzte, sah sie sich noch einmal Wyants Brief gegenüber. Es war lächerlich, seine Lektüre aufzuschieben – wenn er wieder um Geld bat, würde sie einfach die ganze Angelegenheit Amherst anvertrauen.

Sie hatte mit ihrem Mann nie über ihren Briefwechsel mit Wyant gesprochen. Die bloße Tatsache, dass dieser sich an sie gewendet hatte anstatt Amherst anzuschreiben, nährte ihren Verdacht, dass er eine Schwäche zu verbergen hatte und auf ihre berufsbedingte Verschwiegenheit rechnete. Seine fortgesetzten Aufdringlichkeiten würden sie gewiss von jeder mutmaßlichen Verpflichtung entbinden; und sie dachte erleichtert daran, das Gewicht ihrer Schwierigkeiten den Schultern ihres Ehemannes aufzuerlegen.

Sie öffnete den Brief und las.

»Ich beantwortete Ihren letzten Brief nicht, weil ich mich schämte, Ihnen mitzuteilen, dass das Geld nicht genug war, um etwas zu nützen. Aber jetzt bin ich über die Scham hinaus. Meine Frau ist seit drei Wochen ans Bett gefesselt und seitdem hoffnungslos krank gewesen. Sie ist nicht in der Lage, sich zu bewegen, aber wir werden aus diesen Räumen hinaus geworfen, wenn ich nicht sofort Geld oder Arbeit bekommen kann. Ein gutes Wort von Ihnen hätte mir einen Neuanfang in New York ermöglicht – und ich wäre willens, wieder als praktizierender Arzt oder als Assistenzarzt anzufangen.

Ich habe Sie nie daran erinnert, was Sie mir schulden, und ich würde es auch jetzt nicht, wenn ich nicht durch die Hölle und wieder zurück gegangen wäre, seit ich Sie traf. Aber ich nehme an, Sie würden es lieber haben, von mir daran erinnert zu werden, als sich an Mr. Amherst zu wenden. Sie können mir mitteilen, wann ich meine Antwort abholen kann.«

Justine legte den Brief hin und schaute auf. Ihre Augen ruhten auf ihrem Spiegelbild, und es erschreckte sie. Sie saß bewegungslos da, mit stark klopfendem Herzen, eine Hand geballt auf dem Brief.

»Ich nehme an, Sie würden es lieber haben, von mir daran erinnert zu werden, als sich an Mr. Amherst zu wenden.«

Das war es also, was seine Aufdringlichkeit bedeutete! Sie hatte die ganze Zeit über Erpressungsgeld gezahlt … Von Beginn an hatte sie irgendwo in einer finsteren Falte des Bewusstseins die Regung einer namenlosen, uneingestandenen Furcht gespürt; und jetzt hob diese Furcht ihren Kopf und schaute sie an. Nun! Dann würde sie eben ihren Blick erwidern: ihr direkt in ihr heimtückisches Auge sehen. Was war sie im Grunde? Nichts als ein »Schreckgespenst, um Kinder einzuschüchtern« – der Geist der Meinungen der Mehrheit? Sie hatte von Anfang an den Verdacht gehabt, dass Wyant wusste, dass sie die Frist des Leidens von Bessy Amherst verkürzt hatte – als er damals ins Zimmer zurück gekommen war, konnte es fast nicht anders sein, als dass er erraten hatte, was geschehen war; und sein Schweigen hatte sie glauben machen, dass er ihre Motive verstand und sie billigte. Aber angenommen, sie hatte sich geirrt, so hatte sie dennoch nichts zu fürchten, weil sie nichts getan hatte, das ihr eigenes Gewissen verurteilte. Falls die Tat noch einmal getan werden müsste, so würde sie sie wieder tun – sie hatte sie keinen Augenblick bereut!

Plötzlich hörte sie Amhersts Schritt auf dem Flur – hörte ihn lachen und sprechen, als er Cicely die Treppe hinauf zum Kinderzimmer hinterherjagte.

Wenn sie keine Angst hatte, warum hatte sie es Amherst nie erzählt?

Oh, die Antwort war ganz einfach! Sie hatte es ihm nicht gesagt, weil sie keine Angst hatte. Von Beginn an hatte sie hinreichend Abstand bewahrt, um ihre Tat unvoreingenommen zu betrachten, sie vollständig durch die Umstände gerechtfertigt zu finden und die Entscheidung zu treffen, dass sie, da jene Umstände ihrem Mann nur teilweise und indirekt bekannt sein konnten, nicht nur das Recht hatte, ihr eigener Anwalt zu bleiben, sondern geradezu verpflichtet war, ihm nicht das Wissen einer Tatsache aufzuzwingen, die er nicht ändern und nicht vollständig beurteilen konnte … Gab es irgend einen Makel in dieser Argumentationskette? Zeigte sie nicht ein wohlüberlegtes Abwägen der Bedingungen, eine vollkommene Rechtschaffenheit des Vorsatzes? Und im Grunde genommen besaß sie ja Amhersts Einverständnis! Sie kannte seine Empfindungen bei solchen Dingen – seine Unabhängigkeit von überkommenen Urteilen, seinen Abscheu, ohne Not Schmerzen zu bereiten – sie war sogar sicher, dass er, wenn sie es ihm sagte, ihre Gründe, es ihm bisher nicht mitgeteilt zu haben, zu würdigen wüsste …

Denn nun musste er natürlich alles erfahren – dieser schreckliche Brief machte es unvermeidlich. Sie bereute, dass sie entschieden hatte, wenn auch aus den besten Gründen, sich ihm gegenüber nicht aus eigenem Antrieb geäußert zu haben; denn es war nicht zu ertragen, dass er glauben könnte, nur ein äußerer Druck habe sie zu einem Geständnis gebracht. Doch nein! er würde nicht so denken. Das Verständnis zwischen ihnen war so vollkommen, dass kein trügerisches Aufgebot von Umständen ihm je ihre Beweggründe verdunkeln konnte. Sie ruhte sich einen Augenblick bei diesem Gedanken aus …

Da hörte sie ihn im Nachbarzimmer – er war zurückgekommen, um sich zum Dinner umzukleiden. Sie schob ihr Haar zurück und zerknitterte den Brief in ihrer Hand; aber indem sie dies tat, fiel ihr Blick wieder auf ihr Spiegelbild. Sie konnte nicht mit einem solchen Gesicht vor ihren Mann treten! Wenn sie keine Angst hatte: warum sah sie dann so aus?

Nun – sie hatte Angst! Es wäre leichter und einfacher, es zuzugeben. Sie hatte Angst – zum ersten Mal – Angst um ihr Glück! Sie hatte dieses Glück nur acht Monate besessen – der Gedanke, es so bald zu verlieren, war furchtbar … Es zu verlieren? Aber warum sollte sie es verlieren? Der Brief musste ihr Gehirn in Mitleidenschaft gezogen haben … all ihre Gedanken waren verschwommen vor lauter Furcht … Furcht wovor? Vor dem Mann, dessen Klugheit und Erbarmen sie vertraute wie der Gläubige seinem Gott? Dies hier war eine Art grässlichen Albtraums – sogar Amhersts Bild war in ihrem Kopf entstellt! Der einzige Weg, ihren Verstand frei zu machen, das normale Gespür für die Dinge wieder herzustellen, bestand darin, jetzt sofort zu ihm zu gehen, seine Arme um sich zu fühlen, durch seinen Kuss ihre Ängste zu vertreiben … Sie erhob sich mit einem langen erleichterten Atemzug.

Sie musste das Zimmer der Länge nach durchschreiten, um an seine Tür zu gelangen, und als sie die halbe Strecke zurückgelegt hatte, hörte sie ihn klopfen.

»Darf ich hereinkommen?«

Sie befand sich in der Nähe des Kamins, und ein helles Feuer brannte darin.

»Komm herein!« antwortete sie, und dabei drehte sie sich um und warf Wyants Brief ins Feuer. Ihre Hand hatte ihn zu einem kleinen Ball zusammen geknüllt, und sie sah die Flammen aufwallen und ihn verschlingen, bevor ihr Mann eintrat.

Sie hatte sich nicht etwa anders entschieden – sie wollte ihm noch immer alles mitteilen. Aber der Brief in ihrer Hand war ihr vorgekommen wie eine Giftschlange – sie wollte ihn vernichten, um zu vergessen, dass sie jemals diese hingeschmierten, widerlichen Schriftzüge gesehen hatte. Und sie hätte es nicht ertragen können, dass Amhersts Augen diesen Brief wahrnahmen, dass er wusste, dass irgend ein Mensch es gewagt hatte, ihr in einem solchen Ton zu schreiben. Welche ekelhaften Bedeutungen mochten nicht zwischen Wyants Zeilen zu lesen sein? Sie besaß ein Recht, die Geschichte auf ihre Art zu erzählen – auf die wahre Art …

Als Amherst sich in seiner Abendgarderobe näherte – seine starken Locken aus der Stirn gestrichen, eine Blume, die er von Cicely geschenkt bekommen hatte, im Knopfloch – da dachte sie, sie habe ihn nie so liebenswürdig und gutaussehend erlebt.

»Noch nicht angezogen? Weißt du, dass es zehn Minuten vor acht ist?« sagte er mit einem Lächeln auf sie zu kommend.

Sie riss sich zusammen und legte ihre Hände an ihr Haar. »Ja, ich weiß – ich hatte es vergessen,« murmelte sie, während sie sich danach sehnte, seine Arme um sich zu spüren, aber wie angewurzelt stehen blieb, unfähig sich nur einen Zentimeter zu ihm hin zu bewegen.

Er war es, der nahe heran kam und ihre erhobenen Hände in seine nahm. »Du siehst bekümmert aus – ich hoffe, es war nichts Ärgerliches, worüber du es vergessen hast?«

Die himmlische Liebenswürdigkeit in seiner Stimme, seinen Augen! Ja – es würde leicht sein, ganz leicht, es ihm mitzuteilen …

»Nein – ja – ich war ein bisschen beunruhigt …« sagte sie im Gefühl der Wärme seiner Berührung, die beruhigend durch ihre Hände strömte.

»Liebes! Aus welchem Grund?«

Sie atmete tief ein. »Der Brief – –«

Er blickte verwundert. »Welcher Brief?«

»Unten … als wir kamen … es war kein gewöhnlicher Bettelbrief.«

»Nein? Was dann?« fragte er; sein Gesicht bewölkte sich.

Sie bemerkte die Veränderung, und sie erschreckte sie. War er wütend? Würde er wütend werden? Aber das war lächerlich! Er war nur bekümmert über ihren Kummer.

»Was dann?« wiederholte er nun sanfter.

Sie schaute kurz auf in seine Augen. »Es war ein furchtbarer Brief – –« flüsterte sie, während sie ihm ihre verschlungenen Hände entgegen drückte.

Sein Griff um ihre Handgelenke wurde fester, und wieder zog dieser ernste Ausdruck über sein Gesicht. »Furchtbar? Wovon sprichst du?«

Sie hatte ihn nie wütend erlebt – aber sie spürte plötzlich, dass sein Zorn gegenüber dem schuldigen Geschöpf schrecklich sein würde. Er würde Wyant vernichten – sie musste vorsichtig sein mit dem, was sie sagte.

»Das habe ich nicht so gemeint – nur unangenehm …«

»Wo ist der Brief? Lass ihn mich sehen.«

»Oh, nein,« rief sie zurückschreckend.

»Justine, was ist passiert? Was fehlt dir?«

Blind einer Regung folgend war sie zum Kamin zurückgewichen, stützte ihre Arme auf den Sims und warf dabei einen verstohlenen Blick auf die Glut. Nichts war übrig geblieben – nein, nichts.

Aber wenn sich nun sein Zorn gegen sie selbst richtete? Der Gedanke war absurd, und trotzdem brachte er sie zum Zittern. Es war klar, dass sie sofort etwas sagen musste – irgendwie ihre Aufregung erklären musste. Aber ihre Verunsicherung – nicht mehr ihre Gesichtszüge, ihre Stimme kontrollieren zu können – gab ihr das Gefühl, sie würde ihre Geschichte nicht gut vorbringen, wenn sie sie jetzt erzählte … Hatte sie nicht das Recht auf einen Aufschub, auf die Wahl des richtigen Zeitpunkts? Schwäche – wiederum Schwäche! Jede Verzögerung würde nur den Phantomschrecken anwachsen lassen. Jetzt, jetzt – mit ihrer Hand auf seiner Brust!

Sie drehte sich zu ihm hin und begann impulsiv zu sprechen.

»Ich kann dir den Brief nicht zeigen, weil es nicht – nicht mein Geheimnis ist – –«

»Aha?« murmelte er erkennbar erleichtert.

»Es ist das eines anderen – eines Unglücklichen – über den ich Bescheid weiß …«

»Und wessen Kummer hat dich bekümmert? Aber können wir nicht helfen?«

Sie schaute ihn durch glänzende Wimpern an. »Es ist jemand, der arm ist und krank – der Geld braucht, ich meine – –« Sie versuchte ihre Tränen fort zu lachen. »Und ich hab' keins! Das ist mein Kummer!«

»Törichtes Kind! Und darum zu bitten schämst du dich? Und deshalb kühlst du mit deinen Tränen Mr. Langhopes Suppe?« Er hatte sie nun seinen Armen, seine Küsse trockneten ihre Wangen; und sie wandte ihren Kopf, so dass sich ihre Lippen in einem langen Kuss trafen.

»Werden hundert Dollar reichen?« fragte er mit einem Lächeln, als er sie los ließ.

Hundert Dollar! Nein – sie war beinahe sicher, das sie nicht reichten. Aber sie bemühte sich, ein Murmeln des Danks von sich zu geben. »Ich danke dir – ich danke dir! Es war mir unangenehm, darum zu bitten …«

»Ich werde sofort den Scheck ausstellen.«

»Nein – nein,« protestierte sie, »es hat keine Eile.«

Aber er ging zurück in sein Zimmer, und sie wandte sich wieder dem Toilettentisch zu. Ihr Gesicht machte immer noch einen schmerzlichen Eindruck – doch es bahnte sich ein Licht durch seine Angst. Sie fühlte die Wirkung eines Betäubungsmittels in ihren Adern. Wie ruhig und friedlich der Raum war – und wie köstlich der Gedanke, dass ihr Leben in ihm weiter gehen würde, sicher und friedvoll, in der alten, vertrauten Weise!

Als sie ihr Haar aufschwang, den Kamm hindurch arbeitete und es geschickt über ihr Handgelenk warf, hörte sie Amherst hinter sich, wie er stehen blieb und etwas auf ihren Schreibtisch legte.

»Danke,« murmelte sie wieder und neigte ihren Kopf, als er vorüber ging.

Nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, steckte sie die letzte Klammer in ihr Haar, sprühte einige Tropfen Kölnisch Wasser auf ihr Gesicht und ging zum Schreibtisch. Beim Aufnehmen des Schecks erkannte sie, dass er auf dreihundert Dollar lautete.


 

 << Kapitel 33  Kapitel 35 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.