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Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 32
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
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XXXI.

Die Feierlichkeiten in Westmore waren vorüber. Die Gesellschaft von Hanaford war zu dem Ereignis angetreten, war durch das Hospital geströmt, hatte die Klinik inspiziert, Amherst Komplimente gemacht, sich an Mr. Langhope und Mrs. Ansell erinnert und strömte wieder hinaus zu ihren Kutschen und Automobilen.

Die Hauptdarsteller der Feier verabschiedeten sich ebenfalls. Mr. Langhope, der etwas blass und nervös nach dieser Tortur wirkte, wurde in den Landauer Eine viersitzige, vierrädrige Komfortkutsche, die im 18. und 19. Jh. verbreitet war. Die davon abgeleitete Karosserie wurde in der Frühzeit des Automobils ebenfalls als Landauer bezeichnet; dessen Stückzahlen blieben jedoch gering. der Gaines geholfen, zusammen mit Mrs. Ansell und Cicely; Mrs. Amherst hatte einen Platz im Victoria Siehe Anm. 18. der Dressels angenommen; und Westy Gaines war mit einer Dienstbeflissenheit, die einen Stich Herablassung enthielt, gerade dabei, seinen Elektro-Phaëton Elektro-Automobile mit Phaëton-Karosserie gab es in den Nuller-Jahren des 20. Jh. einige, z.B. den »Fritchle Electric Victoria Phaeton« ab 1907, dem Veröffentlichungsjahr des Romans. zu Miss Brents Verfügung zu .

Sie stand da auf der hübschen weißen Veranda des Hospitals und schaute hinaus über dessen Karrées von blumengerändertem Rasen auf die lange Straße von Westmore. In dem warmen Goldpuderlicht des Septembers erschien die Fabrik immer noch wie ein Schandfleck auf dem Gesicht der Natur; doch hier und da sah Justine allseits Zeichen humanisierender Veränderung. Die derben Böschungen an der Straße waren geglättet und mit Rasen bedeckt; junge Ahornbäume bildeten schon, in Reihe gesetzt, eine lange Gold-Girlande gegenüber den schäbigen Häuserfronten; und die Häuser selbst – einst so unverbesserlich geächtet und entwürdigt – zeigten durch ihre weißen Vorhänge an den Fenstern, ihre blühenden, weiß eingezäunten Vorgärten eine zunehmende Annäherung an zivilisiertes, menschenwürdiges Wohnen.

Schaute man auf die andere Seite, traf das Auge zwar weiterhin auf den grimmigen Haufen von Fabrikgebäuden, die mit ihren schroffen Dachlinien und geschwärzten Schornsteinen in den Horizont stachen; doch auch hier gab es Zeichen von Verbesserung. Eines der Fabrikgebäude war bereits vergrößert worden, ein anderes war für denselben Zweck schon eingerüstet, und junge Bäume und hübsch eingezäunte Rasenflächen ersetzten die frühere Wüste gestampfter Erde.

Als Amherst aus dem Hospital kam, hörte er, wie Miss Brent gerade einen Platz in Westys Phaëton ablehnte.

»Ich danke Ihnen sehr; aber es gibt hier jemanden, den ich zuerst besuchen möchte – einen der Arbeiter – und ich kann gut die Straßenbahn nach Hanaford nehmen.« Sie streckte ihre Hand mit einem Lächeln aus, das ihr ganzes Gesicht wie mit Glanz überzog; und Westy, gereizt von dieser unerklärlichen Missachtung ihrer Privilegien, bestieg sein Gefährt allein.

Während er traurig davon rollte, wandte Amherst sich Justine zu. »Sie wollten die Dillons besuchen?« fragte er.

Ihre Augen trafen sich, und sie lächelte wieder. Er hatte sie noch nie so durchsonnt, so licht gesehen seit den fernen Novembertagen, wo sie mit Cicely neben dem Moor gepicknickt hatten. Er stellte sich flüchtig die Frage, ob sie aufwendiger gekleidet sei als gewöhnlich, oder ob der festliche Eindruck, den sie hervorrief, einfach ihre Stimmung widerspiegele.

»Ich möchte tatsächlich die Dillons besuchen – wie haben Sie das erraten?« gab sie zurück; und Amherst spürte den plötzlichen Drang zu antworten: »Aus demselben Grund, der Sie daran denken ließ.«

Dass sie sich an die Dillons erinnerte, machte ihn unsinniger Weise glücklich; es richtete zwischen ihnen jene geistige Verständigung wieder ein, die er gedanklich am vergangenen Tag untersucht hatte.

»Ich fürchte, ich bin, was die Dillons betrifft, ziemlich befangen, weil sie eines meiner Lehrbeispiele darstellen – sie sind die Illustration zum Text,« sagte er lachend, als sie die Stufen hinabstiegen.

Westmore war wegen der Eröffnung des Hospitals ein halber Feiertag gegönnt worden, und als Amherst und Justine sich zur Straße wandten, zerstreuten sich Gruppen von Arbeitern zu ihren Häusern. Sie waren immer noch ein trüb blickender, verkümmerter Pulk, dem Luft und Bewegung zu lange verwehrt gewesen schien; aber es gab mehr Lebhaftigkeit in den Gruppen, mehr Licht in einzelnen Gesichtern; viele der jüngeren Männer erwiderten Amhersts Gruß mit freundlichem Blick, und die Frauen, mit denen er sprach, begegneten ihm mit einer Redseligkeit, die auf die Gewohnheit häufigen Umgangs hindeutete.

»Wie viel haben Sie getan!« rief Justine, als er sich ihr nach einem dieser zur Seite geführten Gespräche anschloss; aber kurz darauf erkannte er einen Schimmer von Verlegenheit auf ihrem Gesicht, als ob sie fürchte, Vergleiche nahegelegt zu haben, die sie vermeiden wollte.

Er antwortete ganz natürlich: »Ja – ich sehe jetzt allmählich meinen Weg; und es ist wunderbar, wie sie darauf eingehen –« und sie gingen weiter ohne den Schatten eines Zwangs zwischen sich, während er ihr beschrieb, was bereits geleistet war und welche Richtung seine geplanten Versuche einschlagen sollten.

Den Dillons oblag die Aufsicht über eines der alten Fabrikwohnhäuser, das nun in eine Wohnstätte für unverheiratete Arbeiter umgewandelt war. Sogar deren Ziegelaußenseite, mit Kletterpflanzen behangen und mit Blumenrabatten geschmückt, hatte ein freundliches Aussehen erhalten; innen besaß sie eine saubere, sonnige Küche, ein großes Speisezimmer mit farbenfrohen Wänden und einen Raum, wo die Männer sich aufhalten und rauchen konnten und auf einem Tisch Zeitungen lagen.

Die Schaffung dieser Musterwohnstätten war stets ein Lieblingsplan Amhersts gewesen, und die Dillons, die zur Arbeit in der Fabrik nicht mehr in der Lage waren, hatten sich als wunderbar geeignet für ihre neue Pflichten erwiesen. In Mrs. Dillons kleinem heißen Wohnzimmer verströmte Justine inmitten der steifen Aufgeräumtheit des Sofas und der rosa Schalen, die Zeugnis vom Wohlstand der Familie ablegten, Freude und Sympathie. Sie hatte schon immer Interesse gehabt am Leben und Denken der Werktätigen: nicht so sehr das konstruktive Interesse des soziologischen Verstandes, sondern mehr die lebhafte, phantasievolle Anteilnahme eines Herzens, das für jede menschliche Ansprache offen ist. Sie hörte gern von ihren harten Kämpfen und kleinen, rührenden Erfolgen: von den Krankheiten der Kinder, der glücklichen Arbeitsstelle des Vaters, dem kleinen Betrag, den sie schon hatten zur Seite legen können, den Plänen, die sie für Tommys Fortkommen entwickelt hatten, und wie Sues gute Schulnoten denen von Mrs. Hagans Mary meilenweit voraus seien.

»Ich tratsche einfach gerne mit ihnen und gebe ihnen Ratschläge wegen des Hustens vom Baby und der preiswertesten Art ihres Wirtschaftens,« sagte sie lachend, während sie und Amherst wieder auf die Straßen traten. »Dasselbe Interesse empfand ich früher für meine Puppen und Meerschweinchen – ein regelndes, vermittelndes Interesse wie bei einer alten Haushälterin. Ich würde mich, glaube ich, nicht ein bisschen um sie kümmern, wenn ich ihnen nichts verabreichen und vorschreiben könnte.«

Amherst musste auch lachen: er erinnerte sich an die Zeit, als er geträumt hatte, dass genauso ein warmherziges, persönliches Mitgefühl der ihrem Geschlecht bestimmte Beitrag zur umfassenden Arbeit menschlicher Wohltätigkeit sei. Nein, es war kein Traum gewesen: hier gab es eine Frau, deren Taten für sie sprachen. Und plötzlich kam ihm der Gedanke: was könnten sie nicht in Westmore zusammen vollbringen! Die Helligkeit dieses Gedanken blendete ihn förmlich – wie der Glanz des Sonnenlichts, der ihnen ins Gesicht strahlte, als sie auf die Fabrik zugingen. Aber sie machte ihn sprachlos, verwirrte ihn – so war er froh, einen Vorwand zu haben, Duplain aus dem Büro zu lotsen, um ihm Miss Brent vorzustellen und ihn um die Schlüssel für die Gebäude zu bitten …

Es war wiederum wundervoll, wie sie begriff, was er in der Fabrik tat, und erkannte, wie sein gesamter Plan zusammen hing, der darauf gerichtet war, Arbeit und Freizeit der Arbeiter in Einklang zu bringen, anstatt sie halb wie Maschinen, halb wie Menschen zu behandeln und den Menschen über der Maschine zu vernachlässigen. Utopische Allgemeinplätze stellten auch sie keineswegs zufrieden: sie wollte das Wie und Warum des einzelnen Falls wissen, wollte hören, welche Schlüsse er aus seinen Ergebnissen zog, auf welche Lösungen seine Versuche verwiesen.

Beim Erläutern der Fabrikarbeit vergaß er seine Hemmungen und kehrte zur freien Kameradschaftlichkeit geistigen Austauschs zurück, der seit jeher ihre Beziehung gekennzeichnet hatte. Er drehte in der letzten Tür den Schlüssel nur zögernd um und wartete einen Augenblick auf der Schwelle.

»Noch mehr?« fragte er mit einem Lachen, das sein Verlangen, die Tour zu verlängern, verbergen sollte.

Sie schaute zur Sonne hinauf, die noch frei über den hohen Fabrikdächern ihre Bahn zog.

»So viel, wie Sie Zeit haben. Cicely braucht mich heute nachmittag nicht, und ich weiß nicht, wann ich Westmore wiedersehen werde.«

Ihre Worte gingen auf ihn nieder wie Eisregen. Sein Lächeln schwand, und er schaute einen Moment fort.

»Aber ich hoffe, Cicely wird oft hier sein,« sagte er.

»Oh, das hoffe ich auch,« versetzte sie, anscheinend ohne Bewusstsein einer Verbindung zwischen diesem Wunsch und seinen vorigen Worten.

Amherst zögerte. Er hatte beabsichtigt, einen Besuch im alten Eldorado-Gebäude vorzuschlagen, das nun schließlich die langersehnte Abendschule und Kindertagesstätte beherbergte; aber nachdem sie gesprochen hatte, spürte er eine plötzliche Gleichgültigkeit, ihr noch etwas zu zeigen. Was nützte es, wenn sie Cicely verlassen wollte und aus seiner Reichweite geriet? Er konnte ganz gut ohne Mitgefühl und Verständnis auskommen, aber deren augenblicklicher Genuss ließ den gewöhnlichen Geschmack des Lebens etwas flach erscheinen.

»Gibt es noch mehr zu sehen?« fuhr sie fort, als sie sich zum Ort zurück wandten; und er antwortete abwesend: »Oh, ja – wenn Sie wollen.«

Er vernahm die Veränderung in seinem eigenen Stimmklang und erkannte an ihrem raschen Seitenblick, dass sie sie auch gehört hatte.

»Bitte zeigen Sie mir alles, was sich damit vereinbaren lässt, die Bahn nach Hanaford um sechs zu nehmen.«

»Gut, dann – als nächstes die Abendschule,« sagte er mit angestrengter Leichtigkeit; und um die beharrliche Bedrängung durch seine Gedanken abzuschütteln, fügte er, als sie weiter gingen, scheinbar gleichgültig hinzu: »Übrigens – es dürfte unwahrscheinlich sein – aber ich denke, ich sah Dr. Wyant gestern in einer Westmore-Straßenbahn.«

Sie wiederholte überrascht den Namen. »Dr. Wyant? Wirklich! Sind Sie sicher?«

»Nicht ganz; aber wenn er es nicht war, war es sein Geist. Sie haben von seiner Anwesenheit in Hanaford nichts gewusst?«

»Nein. Ich habe seit Ewigkeiten nichts von ihm gehört.«

Etwas in ihrem Ton veranlasste ihn, ihren seitlichen Blick zu erwidern; doch ihre Stimme ließ bei genauerer Untersuchung nur Gleichgültigkeit erkennen, und ihr Profil schien dieselbe negative Haltung auszudrücken. Ihm fiel ein vages Gerücht von Lynbrook ein, das darauf hinauslief, dass der junge Arzt von Miss Brent angezogen gewesen sei. Solch umlaufende Saat des Tratsches schlug selten Wurzeln in seinem Verstand, aber nun erhielt diese Tatsache eine neue Bedeutsamkeit, und er fragte sich, warum er damals so wenig daran gedacht hatte. Wahrscheinlich besagte ihre etwas übertrieben gleichgültige Miene, dass sie von Wyants Aufmerksamkeiten gelangweilt gewesen war und die Erinnerung daran immer noch eine leichte Verlegenheit verursachte.

Amherst murmelte nach dieser Schlussfolgerung erleichtert: »Oh, ich vermute, er kann es nicht gewesen sein,« und führte sie schnell zum Eldorado. Aber das alte Gefühl freier Verständigung war erneut gehemmt, und ihr Interesse an den Einzelheiten der Schule und der Kindertagesstätte erschien ihm jetzt nur als ein Teil ihres wundersamen Geschicks, in den Angelegenheiten anderer aufzugehen. Er war ein Dummkopf, sich davon nasführen zulassen – sich eingebildet zu haben, es sei etwas Persönlicheres und nicht nur Anstand im Benehmen.

Als sie sich vom Inspizieren der Tafeln in einem der leeren Schulräume abwandte, blieb er vor ihr stehen und sagte plötzlich: »Sie sprachen davon, Westmore nicht wieder zu sehen. Denken Sie daran, Cicely zu verlassen?«

Diese Worte waren beinahe das Gegenteil von dem, was er hatte sagen wollen, so als ob eine unbezähmbare innere Überzeugung sein oberflächliches Misstrauen ihr gegenüber herausfordere.

Sie blieb ebenfalls stehen, und er sah, wie ein Gedanke sich über ihr Gesicht bewegte. »Nicht sofort – aber vielleicht, wenn Mr. Langhope eine andere Regelung treffen kann – –«

Bedingt durch den halben Feiertag hatten sie das Schulgebäude für sich, und mit ihr allein zu sein, ohne die Angst, unterbrochen zu werden, erweckte in Amherst ein unkontrollierbares Verlangen, ausnahmsweise einmal die Freude unbeschränkter Aussprache zu genießen.

»Warum wollen Sie gehen?« fragte er und bewegte sich näher zu dem Podium, auf dem sie stand.

Sie zögerte und ließ ihre Hand auf dem Lehrerpult ruhen. Ihre Augen waren freundlich, aber er dachte, ihr Ton sei kühl.

»Dieses unbeschwerte Leben liegt nicht auf meiner Linie,« sagte sie schließlich mit einem Lächeln, das ihre Worte in Unbestimmtheit hüllte.

Amherst schaute sie wieder an – sie schien sich in ihrer Unzugänglichkeit zunehmend zu entfernen. »Sie meinen, dass Sie nicht bleiben wollen?«

Sein Ton war so schroff, dass er ein seltenes Erröten bei ihr hervorrief. »Nein – das nicht. Ich war mit Cicely sehr glücklich – aber bald werde ich etwas anderes zu tun haben.«

Warum errötete sie? Und was sollte ihr letzter Satz bedeuten? »Etwas anderes – ?« Das Blut summte in seinen Ohren – er hoffte allmählich, sie werde nicht zu bald antworten.

Sie war auf den Sitz hinter dem Pult gesunken, stützte ihre Ellbogen auf den Pultdeckel und legte das Kinn auf ihre verflochtenen Hände. Ein kleiner Veilchenstrauß, der in die Falten ihres Kleides gesteckt war, löste sich und fiel auf den Boden.

»Ich meine,« sagte sie leise und schaute hoch in Amhersts Augen, »dass ich in letzter Zeit ein großes Verlangen danach hatte, wieder richtige Arbeit zu leisten – meine spezielle Arbeit … ich war zu müßig im vergangenen Jahr – ich will harte Krankenpflege leisten; ich möchte Leuten helfen, die schlecht d'ran sind.«

Sie sprach ernst, fast leidenschaftlich, und beim Zuhören schwand seine unbestimmte Angst. Er hatte sie nie zuvor in dieser Stimmung erlebt, mit grübelnden Augenbrauen und der Dunkelheit des Weltschmerzes in ihren Augen. All ihr Glühen war verblasst – sie war ein dunkles, drosselartiges Geschöpf, in halben Farben gekleidet; trotzdem schien sie viel näher, als wenn ihr Lächeln Licht auf ihn schoss.

Er stand bewegungslos, seine Augen hafteten abwesend auf dem Veilchenstrauß zu ihren Füßen. Plötzlich hob er den Kopf, und es brach mit jungenhaftem Erröten aus ihm heraus: »Könnte es Wyant gewesen sein, der Sie zu treffen versuchte?«

»Dr. Wyant – versuchte mich zu treffen?« Sie legte ihre Hände auf den Tisch und sah ihn mit offener Verwunderung an.

Er erkannte die Belanglosigkeit seiner Frage und brach unwillkürlich in ein jugendliches Gelächter aus.

»Ich wollte sagen – Es hat nur ein unbekannter Besucher gestern im Haus nachgefragt und darauf bestanden, dass Sie hätten angekommen sein müssen. Er wirkte so irritiert darüber, Sie nicht vorzufinden, dass ich dachte … ich stellte mir vor … es müsse jemand sein, der Sie sehr gut kannte … und der Ihnen hierher gefolgt war … aus irgend einem besonderen Grund …«

Ihre Röte nahm wieder zu, als habe sie diese von seiner geholt; ihre Augen jedoch erklärten weiterhin ihre Unwissenheit. »Einem besonderen Grund – –«

»Und gerade jetzt,« platzte er heraus, »als Sie sagten, Sie wollten vielleicht nicht länger bei Cicely bleiben – dachte ich an den Besuch – und fragte mich, ob es jemanden gebe, den Sie zu heiraten beabsichtigten …«

Schweigen senkte sich zwischen ihnen. Justine stand langsam auf, die Augen verdeckt von dem Schleier, den sie niedergelassen hatte. »Nein – ich habe nicht vor zu heiraten,« sagte sie mit halbem Lächeln, als sie vom Podium herab stieg.

Wieder mit ihm auf gleicher Höhe, befand sich ihr kleiner, geheimnisvoller Kopf in einer Linie mit seinen Augen, sie wirkte näher, nahbarer und weiblicher – und dennoch wagte Amherst nicht zu sprechen.

Sie legte einige Schritte zum Fenster zurück und schaute hinaus auf die verlassene Straße. »Es wird dunkel – ich muss nach Hause,« sagte sie.

»Ja,« bestätigte er und folgte ihr geistesabwesend. Er hatte keine Ahnung, was sie gesagt hatte. Die inneren Stimmen, durch die sie gewöhnlich miteinander sprachen, wurden lauter als äußere Worte. Oder war es nur die Stimme seiner eigenen Wünsche, die er hörte – der Aufschrei neuer Hoffnungen und unvermuteter Lebensinhalte? Alles in ihm war zur Flut geworden: das war bestimmt der Höhepunkt des Lebens – sie in seinem Hirn ebenso zu spüren wie in seinem Puls, Augen und Ohren einzutauchen in die Freude an ihrer Nähe, während sich ein Gedanke die ganze Zeit klar aussprach: »Das ist die Gefährtin meines Geistes.«

Er fing erneut unvermittelt an. »Würden Sie nicht heiraten wollen, wenn es Ihnen die Möglichkeit gäbe zu tun, was Sie gesagt haben – wenn es Ihnen harte Arbeit anböte und die Gelegenheit, etwas zu verbessern … für ganz viele Leute … wie es keiner außer Ihnen tun könnte?«

Es war eine befremdliche Art und Weise, sein Anliegen vorzubringen: er war sich dessen bewusst, ehe er fertig war. Aber es war ihm nicht in den Sinn gekommen, ihr zu sagen, wie reizend und begehrenswert sie sei – in seiner Bescheidenheit glaubte er, dass das, was er zu geben hatte, ein besseres Wort für ihn einlegen werde, als das, was er war.

Die Wirkung seiner Ansprache auf sie war zwar nicht zu erschließen, aber jedenfalls außerordentlich. Sie erstarrte ein wenig und verharrte bewegungslos im Blick auf die Straße.

»Sie!« flüsterte sie nur; und er sah, dass sie zu zittern begann.

Seine Werbung war herb und holprig gewesen – er fürchtete, sie verletzt zu haben, und seine Hand zitterte ebenfalls, als sie ihre suchte.

»Ich dachte nur – für die meisten Frauen wäre es eine langweilige Angelegenheit – und ich bin lebenslang daran gebunden … aber ich dachte … ich habe so oft erlebt, wie Sie mit den Leidenden mit leiden … wie Sie geradezu danach verlangen, es zu lindern …«

Sie wandte sich von ihm mit einem schaurigen Seufzen ab. »Oh, ich hasse das Leiden!« brach es aus ihr heraus, wobei sie die Hände vor ihr Gesicht hob.

Amherst erschrak. Wie gefühllos von ihm, einfach nur die alte Bitte zu wiederholen! Er hätte für sich selbst bitten sollen – den Mann in ihm sich um sie bemühen lassen und seinen Korb akzeptieren müssen, anstatt auf den fadenscheinigen Busch der Philanthropie zu klopfen.

»Ich wollte nur … ich hab' versucht, mich durch meine Arbeit zu empfehlen …« sagte er verlegen lachend, während sie weiter stumm ihre Augen abwandte.

Das Schweigen dauerte längere Zeit – es erstreckte sich zwischen ihnen wie eine sich verengende endlose Straße, und mit bleiernem Herzen kam es ihm vor, als beobachte er, wie sie auf dieser allmählich verschwinde. Als sie dann zu einem winzigen Fleck am Ende der Straße geschrumpft war, kehrte sich indes unerwartet die Perspektive um, und er fühlte sich ihr wiederum näher, fühlte sie eng bei sich – fühlte ihre Hand in seiner.

»Ich bin eigentlich wie alle Frauen, weißt du – ich werde deine Arbeit mögen, weil sie deine ist,« sagte sie.


 

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