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Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 31
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
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Viertes Buch

XXX.

An einem Tag im September, etwas über anderthalb Jahre nach Bessy Amhersts Tod, saßen ihr Mann und seine Mutter beim Abendessen im Speisezimmer des Westmore-Hauses in Hanaford.

Das Haus gehörte nun John Amherst, und kurz nach dem Verlust seiner Frau hatte er sich mit seiner Mutter dort niedergelassen. Durch ein Testament, das ungefähr ein halbes Jahr vor ihrem Tod aufgesetzt worden war, hatte Bessy ihr Vermögen zwischen ihrem Mann und ihrer Tochter aufgeteilt, deren Anteil unter treuhänderischer Verwaltung stand, und Mr. Langhope und Amherst zu Cicelys Vormündern bestimmt. Da letzterer auch als ihr Treuhänder amtierte, war die gesamte Vermögensverwaltung ihm zugefallen, während seine Aufsicht über die Westmore-Fabrik dadurch gesichert war, dass er einen etwas größeren Anteil der Aktien erhalten hatte als seine Stieftochter.

Dieses Testament war überraschend gekommen, nicht nur für Amherst selbst, sondern auch für die Familie seiner Frau, und ganz besonders für ihren Rechtsberater. Mr. Tredegar hatte nämlich nichts mit dem Entwurf der Urkunde zu tun gehabt; da sie aber in doppelter Form ausgefertigt war, und zwar von einem Unternehmen exzellenten Rufs, war er, trotz seiner privaten Ansichten und Mr. Langhopes offenen Beschwörungen, er müsse »etwas tun«, verpflichtet zu erklären, dass es keinen Vorwand gebe, die Gültigkeit des Dokuments in Frage zu stellen.

Für Amherst bedeutete das Testament entschieden mehr als nur den Beweis für das Vertrauen seiner Frau: es erschien ihm wie ein versöhnendes Wort aus ihrem Grabe. Denn das Datum erwies, dass es zu einem Zeitpunkt verfasst worden war, zu dem er selbst glaubte, jeden Einfluss auf sie verloren zu haben – an jenem Tag nämlich, der dem folgte, als sie von ihm verlangt hatte, die Leitung der Westmore-Fabrik aufzugeben und die Verwaltung ihrer Vermögensverhältnisse Mr. Tredegar abzutreten.

Während sie ihn mit einer Hand schlug, bat sie mit der anderen um Vergebung; und der Widerspruch war so charakteristisch, er erklärte und entschuldigte in so berührender Weise die Ungereimtheiten ihres impulsiven Herzens und zögerlichen Geistes, dass ihn jenes liebevolle Schuldgefühl, jenes eindringliche Empfinden eigener Unzulänglichkeiten überkam, das großzügige Naturen spüren, wenn sie bemerken, dass sie die Großzügigkeit anderer unterschätzt haben. Amhersts Geist war jedoch nicht introspektiv veranlagt, und sein gesundes moralisches Gespür sagte ihm, als der erste Stich der Selbstanklage abgeklungen war, dass er sein Bestes für seine Frau getan habe und in keiner Weise beschuldigt werden könne, wenn ihre Erkenntnis dieser Tatsache zu spät gekommen war. Die Selbstbeschuldigung ließ nach; und statt der bitteren Vergangenheit hinterließ sie eine gemilderte Erinnerung, die ihn seine Aufgabe mit dem Gefühl wieder aufnehmen ließ, dass er nun mit Bessy und nicht gegen sie arbeite.

Aber vielleicht war es doch hauptsächlich die Arbeit selbst, die alte Wunden heilte und die Neigung zu fruchtloser Reue bezwang. Amherst war erst vierunddreißig; und in der Blüte seiner Kräfte erhielt er die Aufgabe zurück, für die er geschaffen war. Für eine gesunde Natur, die ihr Ventil in fruchtbringender Tätigkeit findet, vereinfacht nichts so die Kompliziertheit des Lebens und zielt so auf eine weitgehende Hinnahme seiner Wechselfälle und Rätsel wie das Gefühl, jeden Tag etwas zur Bereinigung der Wildnis in sich selbst getan zu haben. Und diese Freude wurde Amherst schließlich gewährt. Die Fabrik gehörte faktisch ihm; und die Tatsache, dass er sie leitete, nicht nur auf Grund eigenen Rechts, sondern auch als Cicelys Stellvertreter, schürte seinen Eifer doppelt, das Vertrauen seiner Frau in ihn zu rechtfertigen.

Mrs. Amherst schaute auf von einem Telegramm, das das Stubenmädchen ihr gebracht hatte, und lächelte über den Tisch ihren Sohn an.

»Von Maria Ansell – sie kommen alle morgen.«

»Ah – das ist gut,« gab er zurück. »Ich würde es bedauern, wenn Cicely nicht hier wäre.«

»Mr. Langhope kommt auch,« fuhr sein Mutter fort. »Ich freue mich darüber, John.«

»Ja,« stimmte Amherst wieder zu.

Der morgige Tag würde für Westmore große Bedeutung haben. Die Notfall-Station, in den ersten Monaten seiner Ehe geplant und nach der allgemeinen Kostenreduzierung in der Fabrik fallen gelassen, war nun als eine Erinnerungsstätte für Bessy in größerem, aufwendigerem Stil fertig gestellt worden. Strikte Einsparung bei allen persönlichen Ausgaben sowie die Vermietung von Lynbrook und dem New Yorker Haus hatten es Amherst innerhalb von achtzehn Monaten ermöglicht, bei hinreichendem Einkommen diesen Plan auszuführen, dessen Vollzug er mit Ungeduld erwartete, weil er ihn als sichtbares Erinnerungszeichen für die Großzügigkeit seiner Frau gegenüber Westmore verstanden sehen wollte. Denn Amherst bestand darauf, das Geschenk ihres Vermögens nicht als Gabe an ihn selbst, sondern an die Fabrik zu betrachten: er sah sich selbst lediglich als Beauftragter ihrer wohltätigen Absichten. Er war darauf bedacht, dass Westmore und Hanaford denselben Standpunkt einnahmen; und die Eröffnung des Westmore Memorial Hospital sollte daher in einem ungewohnten Grad von Feierlichkeit durchgeführt werden.

»Ich freue mich, dass Mr. Langhope kommt,« wiederholte Mrs. Amherst, als sie sich von der Tafel erhoben. »Es zeigt, mein Lieber – nicht wahr? – dass er wirklich zufrieden ist – dass er deine Beweggründe zu schätzen weiß …«

Sie warf ihrem hochgewachsenen Sohn einen stolzen Blick zu; sein Kopf schien ihre kleine Gestalt höher als je zu überragen. Wiedergewonnenes Selbstbewusstsein und die Gewohnheit zu befehlen hatten in der Tat die aufgerichteten Schultern und die Klarheit seines Auges wiederhergestellt. Die Falte zwischen seinen Brauen war verschwunden, und sein verhangenes Schauen nach innen war einem beinahe ebenso auswärts gerichteten, unspekulativen Blick wie dem seiner Mutter gewichen.

»Es zeigt – nun ja – wie du schon sagtest!« erwiderte er mit einem leisen Lachen und einem Tippen auf ihre Schulter, als er vorbei ging.

Er hatte im Hinblick auf die Haltung seines Schwiegervaters keine Illusionen: er wusste, dass Mr. Langhope mit Freuden das Testament zerrissen hätte, das seine Enkelin der Hälfte ihres Erbes beraubte, und dass die anschließend gezeigte Freundlichkeit nur ein Zugeständnis an die Schicklichkeit darstellte. Aber in seiner gegenwärtigen Stimmung glaubte Amherst fast daran, dass Zeit und engere Beziehungen solche Empfindungen zu ehrlicher Zuneigung verwandeln mochte. Er liebte seine kleine Stieftochter sehr und war sich seiner Verpflichtungen ihr gegenüber zutiefst bewusst; und er hoffte, dass Mr. Langhope dies schließlich erkannte und so ein größeres Verständnis zwischen ihnen entstand.

Seine Mutter hielt ihn zurück. »Du gehst schon wieder zurück zur Fabrik? Ich wollte mit dir über die Zimmer sprechen. Das von Miss Brent sollte am besten neben dem von Cicely liegen, oder?«

»Ja – das glaube ich auch. Wir sehen uns noch, bevor ich gehe.« Er nickte ihr herzlich zu und ging mit Händen voller Papiere weiter in das orientalische Rauchzimmer, das jetzt unerwartet zum Büro- und Studierzimmer umgewidmet war.

Mrs. Amherst wandte sich ab und traf das Stubenmädchen dabei an, wie es gerade der farbenfrohen und gut gekleideten Mrs. Harry Dressel die Haustür öffnete.

»Es freut mich ja so, dass Sie Justine erwarten,« fing Mrs. Dressel an, als die beiden Damen in den Salon gegangen waren.

»Ach, Sie haben auch davon gehört?« versetzte Mrs. Amherst und wies ihrer Besucherin einen der monumentalen Plüschsessel unter dem bedrohlichen Gewicht der ›Bucht von Neapel‹ an.

»Bis gerade eben noch nicht; eigentlich bin ich hergeeilt, um Neuigkeiten zu erfahren, und da stand an der Eingangstür so ein apart aussehender junger Mann, der nach ihr fragte, und ich hörte, wie das Stubenmädchen sagte, sie werde morgen ankommen.«

»Ein junger Mann? Einer, den Sie nicht kennen?« Aparte Erscheinungen männlichen Geschlechts traten in Hanaford nur gelegentlich auf, und Mrs. Amhersts ungebrochenes Interesse an den Bewegungen des Lebens brachte sie dazu, bei dieser Feststellung zu verweilen.

»Oh, nein – es war auf jeden Fall ein Fremder. Extrem schlank und blass, mit bemerkenswerten Augen. Er war so enttäuscht – er war anscheinend sicher gewesen, sie zu finden.«

»Na ja, dann wird er zweifellos morgen noch 'mal kommen. – Wissen Sie, wir erwarten die ganze Gesellschaft,« fügte Mrs. Amherst hinzu, für die das Verbreiten von guten Nachrichten stets eine unwiderstehliche Versuchung bedeutete.

Mrs. Dressels Interesse vertiefte sich auf einmal. »Tatsächlich? Mr. Langhope auch?«

»Ja. Es ist meinem Sohn eine große Freude.«

»Das nehm' ich an! Ich freu' mich so. Irgendwie wird es, glaub' ich, für Mr. Langhope ziemlich traurig sein – hier alles so unverändert zu sehen – –«

Mrs. Amherst straffte sich ein wenig. »Ich denke, es wird ihm lieber sein, es so vorzufinden,« sagte sie mit kaum wahrnehmbarer Veränderung des Tons.

»Oh, ich weiß nicht. Sie haben dieses Haus nie sehr gemocht.«

Es war ein zusätzlicher Klang von Autorität in Mrs. Dressels Stimme zu vernehmen. In den letzten Monaten hatte sie sich in Europa aufgehalten und eine nervöse Erschöpfung erlitten, und diese unbestreitbaren Belege wachsenden Wohlstandes konnte sie nicht immer aus ihrer Stimme und ihrem Betragen heraus halten. Jedenfalls rechtfertigten sie ihre Überzeugung, dass ihre Meinung zu fast jedem Thema innerhalb des menschlichen Erfahrungsbereichs eine wertvolle Zutat zur Gesamtsumme der Weisheit bildete; und ungeachtet des Schweigens, mit dem ihr Kommentar entgegen genommen wurde, fuhr sie mit ihrer kritischen Musterung des Salons fort.

»Liebe Mrs. Amherst – Sie wissen, ich kann nicht anders: ich muss sagen, was ich denke – und ich hab' mich so oft gefragt, weshalb Sie diesen Raum nicht überholen lassen. Mit diesen hohen Zimmerdecken könnten Sie 'was Hübsches im Louis-Seize-Stil Stilrichtung in Kunst, Architektur und Inneneinrichtung; benannt nach dem frz. König Ludwig XVI. Die Epoche reicht von ca. 1760 bis 1790 und bildet – als Übergang von Rokoko zu Klassizismus – eine Art vorrevolutionären Klassizismus. machen.«

Ein schwaches Rosa stieg in Mrs. Amhersts Wangen. »Ich glaube nicht, dass mein Sohn hier jemals irgend welche Änderungen vorzunehmen wünscht,« sagte sie.

»Oh, ich versteh' sein Empfinden; aber wenn er es vielleicht doch in Erwägung zieht – und Sie wissen, die arme Bessy hat diese Möblierung immer gehasst

Mrs. Amherst lächelte ein wenig. »Vielleicht wenn er wieder heiratet –« sagte sie, nach einem Vorwand zum Themenwechsel greifend.

Mrs. Dressel ließ ihre Hände sinken, mit denen sie sich geistesabwesend vom Bestand einer ungebrochenen Beziehung zwischen ihrem Hut und ihrem Haar überzeugt hatte.

» Wieder heiratet? Wieso? – Sie meinen doch nicht – ? Denkt er etwa daran?«

»Nicht im mindesten – ich sprach rein bildlich,« gab ihre Gastgeberin lachend zurück.

»Oh, natürlich – ich verstehe. Er könnte ja auch gar nicht heiraten, nicht wahr? Ich mein', es wäre Cicely gegenüber nicht richtig – unter den gegebenen Umständen.«

Mrs. Amhersts schwarze Augenbrauen zogen sich zu einem leichten Runzeln zusammen. Sie hatte bereits auf seiten des Hanaford-Clans eine Einstellung bemerkt, die Amherst als Gefangenen seines Treuhandverhältnisses betrachtete und ihn für verpflichtet hielt, Cicely ungeschmälert das Vermögen auszuhändigen, das eine Laune seiner Frau ihm geschenkt hatte; und dieser offene Ausdruck des Familienstandpunkts war für sie außerordentlich unerfreulich.

»Ich hatte es nicht vor diesem Hintergrund gesehen – aber es ist wirklich gleichgültig, wie man auf etwas schaut, das nicht geschehen wird,« sagte sie leichthin.

»Nein – natürlich; ich verstehe: Sie haben nur gescherzt. Er ist ja Cicely so zugetan, nicht wahr?« erwiderte Mrs. Dressel in strahlender Uneinsichtigkeit.

Ein Schritt auf der Schwelle kündigte Amhersts Nahen an.

»Ich fürchte, ich muss los, Mutter –« begann er, im Türrahmen stehen bleibend, mit instinktivem männlichen Zurückzucken vor der nachmittäglichen Besucherin.

»Oh, Mr. Amherst, wie geht's Ihnen? Sie sind wohl sehr beschäftigt wegen morgen? Ich bin g'rad' her geeilt, um heraus zu kriegen, ob Justine tatsächlich kommt,« erklärte Mrs. Dressel, ein wenig nervös von der Anstrengung, sich daran zu erinnern, was sie bei seinem Eintreten soeben gesagt hatte.

»Ich glaube, meine Mutter erwartet die ganze Gesellschaft,« antwortete Amherst und schüttelte ihr die Hand mit der vorgetäuschten Jovialität eines hereingelegten Mannes.

»Wie erfreulich! Und es ist so nett, dass Mr. Langhopes Vereinbarung mit Justine immer noch so gut funktioniert,« beeilte sich Mrs. Dressel zu sagen, die aufgeregt hoffte, dass ihre Redseligkeit jegliche Erinnerung an das unterdrückte, was er vielleicht zufällig aufgeschnappt hatte.

»Mr. Langhope hatte Glück, dass er Miss Brent überreden konnte, Cicely in ihre Obhut zu nehmen,« warf Mrs. Amherst ruhig ein.

»Ja – und es war auch für Justine so ein Glück! Als sie mit uns letzten Herbst von Europa zurück kam, war mir klar, dass sie den Gedanken, wieder als Krankenschwester tätig zu sein, einfach hasste.«

Amhersts Gesicht verdunkelte sich bei dieser Andeutung, und seine Mutter sagte eilig: »Ach, sie war erschöpft, das arme Kind; aber ich fürchte nur, dass sie nach der sommerlichen Entspannung vielleicht etwas mehr Beschäftigung braucht, als sich um ein kleines Mädchen zu kümmern.«

»Oh, das glaube ich nicht – sie mag Cicely ja so. Und natürlich bedeutet es ihr alles, ein bequemes Heim zu haben.«

Mrs. Amherst lächelte. »In ihrem Alter bedeutet dies nicht unbedingt alles.«

Mrs. Dressel schaute ein wenig erstaunt. »Oh, Justine ist siebenundzwanzig, wissen Sie; sie wird jetzt wohl nicht mehr heiraten,« sagte sie mit der milden Endgültigkeit der Frühverheirateten.

Sie erhob sich im Sprechen und streckte herzlich ihre Hände zum Abschied aus. »Sie werden ja so viel Arbeit haben wegen des großen Tages … wenn es nur nicht regnet! … Nein, bitte, Mr. Amherst! … Es ist sind nur ein paar Schritte – ich gehe zu Fuß …«


Als Amherst an diesem Nachmittag nach Westmore ging, um einen prüfenden Blick auf die letzten Vorbereitungen zu werfen, stellte er fest, dass unter den erfreulichen Gedanken, die ihn begleiteten, einer der erfreulichsten die Erwartung des Wiedersehens mit Justine Brent war.

Inmitten der kleinen Gruppe, die ihn am morgigen Tag umgeben würde, war sie die einzige, die genügend Unterscheidungsvermögen besaß, um zu verstehen, was der Tag für ihn bedeutete, oder hinreichende Kenntnisse besaß, um zu beurteilen, wie er seine große Chance genutzt hatte. Sogar jetzt, als diese Chance gekommen und alle Hindernisse beseitigt waren, fehlte es an Sympathie für seine Leistung wie eh und je; und nur Duplain, der als Geschäftsführer längst wieder eingesetzt war, verstand wirklich seine Ziele und teilte sie. Justine Brents Sympathie indes war von anderer Art als die des Geschäftsführers. Sie war weniger verstandesmäßig, sondern wärmer, eindringlicher – wie ein feines, unwägbares Fluidum, so subtil, dass es stets einen Weg durch die schwerfälligen Abläufe menschlichen Verkehrs fand. Amherst hatte sehr oft an diese ihre Eigenschaft gedacht während der Wochen, die seiner jähen Abreise nach Georgia gefolgt waren; und indem er sie zu definieren versuchte, hatte er sich gesagt, dass sie mit ihrem ›Gehirn fühle‹.

Und jetzt war sie, abgesehen von dem instinktiven Verständnis zwischen ihnen, in seinen Gedanken verknüpft mit ihrer Verbindung zu den letzten Tagen seiner Frau. Bei seiner Ankunft aus dem Süden hatte er von allen Seiten Beweise ihrer liebevollen Hingabe an Bessy erhalten: sogar Mr. Tredegars zurückhaltendes Lob vereinigte sich mit der allgemeinen Anerkennung. Von den Chirurgen hörte er, wie ihr unermüdliches Geschick ihnen geholfen hatte bei ihren fruchtlosen Anstrengungen; die arme Cicely hängte sich, überwältigt vom Verlust ihrer Mutter, mit kindlicher Beharrlichkeit an deren Freundin; und der junge Pfarrer von St. Anna, der sich schüchtern seines Kondolenzbesuches entledigte, ging hauptsächlich ein auf den tröstlichen Gedanken von Miss Brents Anwesenheit am Totenbett.

Das Wissen, dass Justine bis zum Ende bei seiner Frau gewesen war, hatte tatsächlich mehr als irgend etwas sonst dazu beigetragen, Amhersts Schuldgefühle zu besänftigen; und er hatte versucht, etwas in dieser Richtung im Laufe seines ersten Gesprächs mit ihr zum Ausdruck zu bringen. Justine hatte ihm einen klaren, selbstbeherrschten Bericht der schrecklichen Wochen in Lynbrook gegeben; doch auf seine erste Andeutung ihrer eigenen Rolle dabei schrak sie zurück und verfiel in einen Zustand von Verzweiflung, der ihn anzuflehen schien, auf das noch so zarte Anrühren ihrer Gefühle zu verzichten. Eine Besonderheit ihrer Freundschaft lag darin, dass Schweigen und Abwesenheit stets geheimnisvoll deren Wachstum begünstigt hatte; und er spürte jetzt, dass ihre Verschlossenheit das Verständnis zwischen ihnen so vertieft hatte, wie es der freieste Austausch von Vertraulichkeiten nicht vermocht hätte.

Bald darauf war wegen eines Anfalls nervöser Erschöpfung Mrs. Harry Dressel in einem günstigen Moment ein Auslandsaufenthalt verordnet worden, und Justine wurde als ihre Gesellschafterin erwählt. Sie blieben sechs Monate in Europa; und bei ihrer Rückkehr erfuhr er zu seiner Freude, dass Mr. Langhope Miss Brent gebeten hatte, Cicely unter ihre Fittiche zu nehmen.

Mr. Langhopes Kummer um seine Tochter hatte sich durch den sinnlosen Zorn über ihr unerklärliches Testament verschlimmert; und die so erzeugte, gemischte Empfindung fand Ausdruck in einer eifersüchtig überquellenden Zuneigung zu Cicely. Er nahm umgehend das Kind in seinen Besitz, und in den ersten Stadien seines Kummers hatte ihre Gesellschaft etwas durchaus Tröstendes. Aber als die Zeit verging und die jahrelangen lieben Gewohnheiten sich wieder geltend machten, wurde ihre Anwesenheit im Kleinen uneingestanden zur Quelle häuslichen Verdrusses. Die Kinderbetreuungsstunden störten die bequeme Routine seines Haushalts; das ältliche Stubenmädchen, das diesen lange geführt hatte, verübelte Cicelys Kindermädchen seine Einmischung; die kleine Gouvernante, die in den Disput hineingeriet, bekam einen Zusammenbruch und musste mit dem Schiff heim nach Deutschland geschickt werden; eine Nachfolgerin war schwer zu finden, und in der Zwischenzeit drang in Mr. Langhopes Privatsphäre ein Strom von vorbeischauenden Lehrern ein, die sich immer über Cicelys Lektionen mit ihm beraten wollten und ihre ermüdenden, ratlosen Beschwerden vor ihm ausbreiteten. Der arme Mr. Langhope befand sich in der Lage eines Leidtragenden, der im ersten Affekt des schmerzlichen Verlustes die Errichtung eines imponierenden Gedenksteins unternommen hat, ohne die Kosten berechnet zu haben. Er hatte geglaubt, dass seine Zuneigung zu Cicely ein Monument seines väterlichen Kummers sein würde; aber die Fundamente waren kaum gelegt, als er herausfand, dass der Fundus von Zeit und Geduld so gut wie erschöpft war.

Sein Stolz verbot ihm, Cicely ihrem Stiefvater anzuvertrauen, obwohl Mrs. Amherst sie mit Freude in ihre Obhut genommen hätte; auf Grund ihrer Reisegewohnheiten konnte Mrs. Ansell allenfalls dann und wann heranschweben und Rat geben; und so fasste Mr. Langhope neue Hoffnung, als er auf den Gedanken verfiel, Miss Brent anzusprechen.

Dieser Versuch war von Erfolg gekrönt, und als Amherst Justine wieder sah, hatte sie bereits einige Monate das kleine Mädchen betreut; die Abwechslung und die zuträgliche Beschäftigung hatten ihr eine normale Anschauung des Lebens zurück gegeben. In ihr fand sich nun keine Spur mehr jenes stummen Kummers, der ihm bei ihrer Trennung nahe gegangen war; sie erschien wieder wie das blühende Geschöpf, das von mehr Leben erfüllt war als irgend jemand sonst, den er kannte. Die überstandene Krise zeigte sich nur in einem Glätten der Brauen und den tiefer liegenden Augen, als ob ein erlebnisreiches Aufblühen den ersten Jugendglanz verschleiert habe, ohne ihn zu schwächen.

Während er bei dem auf diese Weise hervorgerufenen Bild verweilte, erinnerte er sich an Mrs. Dressels Worte: »Justine ist siebenundzwanzig – sie wird jetzt wohl nicht mehr heiraten.«

Merkwürdiger Weise hatte er nie daran gedacht, sie zu heiraten – aber als er nun vernahm, dass die Möglichkeit bezweifelt wurde, spürte er eine unliebsame Überzeugung von deren Unvermeidlichkeit. Mrs. Dressels Ansicht war natürlich lächerlich. Trotz Justines weiblicher Reize hatte er sonst in ihr eine elfenhafte Unreife gespürt, wie die eines irrlichternden Ariel Luftgeist in Shakespeares Drama »Der Sturm«., dessen Herz und Sinne noch unberührt sind: erst in letzter Zeit hatte sie jene subtilen Eigenschaften entwickelt, die Gedanken an Liebe hervor rufen. Nicht heiraten? Oh, das vagabundierende Feuer hatte sie soeben entdeckt – und die Tatsache, dass sie arm und alleinstehend war, ihren eigenen Weg gehen wollte und keine gefällige Eleganz sie schmückte – diese Nachteile bedeuteten Amherst nichts gegenüber der persönlichen Wärme, die sie ausstrahlte. Und außerdem würde sie sich nie zu einem Mann hingezogen fühlen, der feine Kleidung und Luxus benötigte, um ihn auf den Reiz des anderen Geschlechts hinzuweisen. Sie war stets vollendet und anmutig in ihrer Erscheinung, wie sie mit hübschem weiblichen Geschick ihre wenigen schlichten Kleidungsstücke so trug, als wären es viele in reicher Variation; und dennoch hätte man sich nicht vorstellen können, dass sie viel Wert auf die Auspolsterung des Lebens legte … Nein, der Mann, der sie gewann, müsste ein anderer Typus sein, müsste andere Anreize zu bieten haben … und Amherst stellte fest, dass er sich selbst fragte, welche Anreize das wohl wären.

Unversehens dachte er an etwas, das seine Mutter gesagt hatte, als er das Haus verließ – etwas über einen markant aussehenden jungen Mann, der nach Miss Brent gefragt hatte. Mrs. Amherst, die bei Kleinigkeiten unschuldige Neugier bewies, war ihrem Sohn in die Eingangshalle gefolgt, um das Stubenmädchen zu fragen, ob der Herr seinen Namen hinterlassen habe; und dieses hatte verneinend geantwortet. Der junge Mann war offenbar kein Ortsansässiger: die gesellschaftlichen Einheiten in Hanaford waren einander alle gut bekannt. Er war demnach ein Fremder und vermutlich hierher gekommen in der Hoffnung, Miss Brent zu treffen. Aber wenn er wusste, dass sie kam, musste er mit ihren Aktivitäten vertraut sein …

Diesen Gedanken empfand Amherst als unerfreuliche Überraschung. Er zeigte ihm zum ersten Mal, wie wenig er von Justines Privatleben wusste, von den Banden, die sie vielleicht außerhalb des Lynbrook-Kreises geknüpft hatte. Trotzdem hatte er sie hauptsächlich nicht unter ihren eigenen Freunden angetroffen, sondern unter denen seiner Frau. War es denkbar, dass ein Geschöpf von solch kühner Individualität sich damit zufrieden gab, am Rande anderer Existenzen ihr Leben zu fristen? Irgendwo musste sie natürlich ihren eigenen Mittelpunkt haben, musste Einflüssen ausgesetzt sein, von denen er gar nichts wusste. Und seit ihrer Abreise von Lynbrook hatte er noch weniger von ihrem Leben erfahren. Sie hatte den letzten Winter mit Mr. Langhope in New York verbracht, wo Amherst sie nur bei seinen seltenen Besuchen von Cicely getroffen hatte; und Mr. Langhope, der den Sommer im Ausland verbringen wollte, hatte seine Enkelin in einem Landhaus in Bar Harbour untergebracht, wo, abgesehen von zwei flüchtigen Besuchen seitens Mrs. Ansell, Miss Brent bis zu seiner Rückkehr im September allein das Regiment führte.

Sehr wahrscheinlich, überlegte Amherst, war der mysteriöse Besucher eine Bekanntschaft aus Bar Harbour – nein, mehr als eine Bekanntschaft: ein Freund. Und da Mr. Langhopes Gesellschaft Mount Desert nur drei Tage zuvor verlassen hatte, bewies die Ankunft des Unbekannten in Hanaford bemerkenswerte Ungeduld, Miss Brent wiederzusehen.

Als er in seinen Betrachtungen bei diesem Punkt angelangt war, befand sich Amherst an jener Straßenecke, an der er gewöhnlich in die Westmore-Bahn stieg. Gerade als sie auf ihn zukam und er auf die Plattform sprang, hielt eine andere, von Westmore kommende Bahn an, um die Fahrgäste aussteigen zu lassen. Unter ihnen bemerkte Amherst einen schlanken, untersetzten Mann in abgetragener Kleidung, dessen sich entfernender Rücken, während er die Straße überquerte, um einer zur Bahnhofsstraße fahrenden Straßenbahn ein Zeichen zu geben, ihm irgendwie dunkel bekannt vorkam und auf sorgenschwere Erinnerungen hindeutete. Amherst lehnte sich vor und schaute noch einmal hin: ja, der Rücken ähnelte bestimmt dem von Dr. Wyant – aber was konnte Wyant in Hanaford zu suchen haben, zumal in einer Westmore-Bahn?

Amhersts erste Regung war, heraus zu springen und ihn einzuholen. Er wusste, wie bewundernswert der junge Arzt sich in Lynbrook verhalten hatte; sogar er konnte sich erinnern, wie Dr. Garford mit seinem freundlich-skeptischen Lächeln gesagt hatte: »Der arme Wyant glaubte bis zum Schluss, dass wir sie hätten retten können« – und erneut rührte sich in seinem Innern ein Gefühl der Dankbarkeit, dass dieses grausame Wunder nicht zu Stande gekommen war.

Er verdankte Wyant viel und hatte versucht, dies durch warmherzige Worte und ein großzügiges Honorar auszudrücken; aber seit Bessys Tod war er nie mehr nach Lynbrook zurück gekehrt, und so hatte er den jungen Arzt aus den Augen verloren.

Nun spürte er, dass er versuchen sollte, ihn wieder zu treffen, herauszufinden, weshalb er in Hanaford war und ihm seine Gastfreundschaft anzubieten; aber wenn es sich bei dem Fremden tatsächlich um Wyant handelte, dann bedeutete seine Wahl der zum Bahnhof fahrenden Straßenbahn, dass er den New-York-Express nehmen wollte; und in jedem Fall machten Amhersts Verpflichtungen in Westmore eine unverzügliche Verfolgung unmöglich.

Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass der Arzt, wenn er Hanaford nicht verließ, gewiss in seinem Haus nachfragen werde; und dann eilte er im Geist zurück zu Justine Brent. Allerdings war die Vorfreude auf ihre Ankunft durch neue Gefühle getrübt. Ein Empfinden von verlegener Zurückhaltung war in seiner Seele aufgekeimt und prüfte jene freie geistige Verständigung, die, wie er nun erkannte, eines der unbewusst förderlichen Elemente ihrer Freundschaft gewesen war. Es fühlte sich an, als ob seine Gedanken eine Fremde ins Auge fassten, und nicht wie die vertraute Gegenwart, die so lange in ihnen verweilt hatte; da verstand er allmählich, dass das Gefühl von Erkenntnis, das zwischen Justine und ihm bestand, nicht etwa das Resultat einer wirklichen Vertrautheit darstellte, sondern bloß jenes Zaubers, den sie über einen zwanglosen Umgang zu werfen wusste.

Als er sein Haus verlassen hatte, war es in seinem Kopf zugegangen wie am Sommerhimmel: offenes Blau überall mit sonnenhell vorbeiziehenden Wolken; aber mit der Zeit hatten sich diese verdunkelt und zusammengeballt, bis sie einen undurchdringlichen Vorhang vor das Licht dort oben gezogen hatten und sich drohend über den ganzen Horizont erstreckten.


 

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