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Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 30
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
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XXIX.

Vier weitere Tage waren vergangen. Bessy sprach selten, wenn Justine bei ihr war. Es umgab sie eine dichte Wolke von Opiaten – tagsüber Morphium – Bromid, Sulfonal, Chloralhydrat bei Nacht. Wenn diese Wolke aufbrach und das Bewusstsein hervortrat, konzentrierte es sich intensiv auf einen einzigen Punkt, den der körperlichen Qual. Heftige neuralgische Krämpfe schüttelten sie, der Todeskampf raubte ihr den Atem, der ganze hilflose Körper war einem diffusen Elend ausgesetzt – all dies würdigte sein Opfer herab zu einem bloßen Instrument, auf dem der Schmerz unentwegt seine tödlichen Variationen spielte. Einige Male richtete sie ihre stumpfen Augen auf Justine und flüsterte: »Ich will sterben,« während ein unvermeidliches Anheben oder Neurichten ihres Körpers diesen mit frischen Schmerzensstichen heimsuchte; aber Anzeichen für Kontakt mit der äußeren Welt gab es nicht – sie hatte sogar aufgehört, nach Cicely zu fragen …

Und dennoch hielt die Patientin stand nach Aussage der Ärzte. Gewisse alarmierende Symptome waren zurück gegangen, und während andere fortbestanden, blieb die Kraft, sie zu bekämpfen, ebenfalls erhalten. Wo auf eine solche Stärke zurück gegriffen werden konnte: welch neuen Todeskämpfe musste da der arme Körper erdulden, wenn die Narkotika in ihrer Wirkung nachließen?

Unentwegt stand Justine vor dieser Frage. Wyant verriet sie nie wieder ihre Ängste – sie führte vielmehr seine Anweisungen mit geradezu krankhafter Präzision aus, weil sie bangte, dass irgend ein Mangel ihrer Leistungsfähigkeit seinen Argwohn aufs Neue schüre. Sie wusste kaum, welchen Verdacht sie bei ihm befürchtete – es beherrschte sie nur das undeutliche Gefühl, sie seien Feinde und sie die Schwächere von beiden.

Und dann begannen die Betäubungsmittel zu versagen. Es war der sechzehnte Tag seit dem Unfall, die Möglichkeiten der Linderung waren nahezu erschöpft. Es war sogar jetzt nicht sicher, ob Bessy sterben würde – gewiss müsste sie eine lange Zeit leiden. Wyant schien sich des Anwachsens der Schmerzen kaum bewusst – sein Verstand war gänzlich auf die Prognose fixiert. Welche Rolle spielte es, dass die Patientin litt, solange er sich in seinem Fall bewies? So wollte er es natürlich nicht verstanden wissen. Tatsächlich tat er alles, was in seiner Macht stand, um die Qual zu dämpfen, und übertraf sich selbst in neuen Vorrichtungen und Versuchen. Doch der Tod stellte ihn unnachgiebig zur Rede und forderte seinen Lohn: so viele Stunden raubte er ihm, so hoch war der Tribut, der zu entrichten war; und Wyant kämpfte mit zusammengebissenen Zähnen weiter – und Bessy zahlte.


Justine hatte allmählich bemerkt, dass sie kaum ein Wort mit Dr. Garford allein wechseln konnte. Die anderen Krankenschwestern waren dabei nicht im Weg – es war Wyant, der es stets so einfädelte, dass er dabei war. Vielleicht war es unvernünftig von ihr, seiner Anwesenheit eine besondere Absicht zu unterstellen: es war durchaus selbstverständlich, dass die beiden Personen, die mit dem Fall vor allem befasst waren, sich zusammen mit ihrem Vorgesetzten berieten. Seine Hartnäckigkeit ärgerte sie jedoch, und sie war froh, als eines Nachmittags der Chirurg ihn bat, per Telephon eine wichtige Botschaft nach New York zu übermitteln.

Sobald die Tür sich geschlossen hatte, sagte Justine zu Dr. Garford: »Sie beginnt ganz entsetzlich zu leiden.«

Er beantwortete dies mit der großen, unpersönlichen Geste eines Mannes, für den physisches Leiden zu einer schmerzlichen, allgemeingültigen Tatsache des Lebens geworden ist, die nicht weiter in einzelne Fälle unterteilt werden kann. »Wir tun alles, was wir können.«

»Ja.« Sie hielt inne und erhob dann ihre Augen zu seinem nüchternen, freundlichen Gesicht. »Gibt es irgend eine Hoffnung?«

Eine weitere Geste – diesmal in Form des fatalistischen Wehens hoher Palmen. »Die nächsten zehn Tag werden es uns sagen – der Kampf ist im Gange, wie Wyant es nennt. Und wenn irgend einer es schaffen kann, dann dieser junge Bursche. Er hat das Zeug dazu – und einen höllischen Ehrgeiz.«

»Ja, aber glauben Sie, dass sie leben kann – ?«

»Meine liebe Miss Brent,« sagte er, »ich habe inzwischen ein Alter erreicht, in dem man immer eine Tür für das Unerwartete offen lässt.«

Während er sprach, veranlasste ein schwaches Geräusch in ihrem Rücken sie dazu, sich umzudrehen. Wyant stand hinter ihr – er musste schon eingetreten sein, als sie ihre Frage stellte. Und es war mit Sicherheit nicht genug Zeit gewesen, die Treppe hinab zu steigen, das ganze Haus zu durchqueren, in New York anzurufen und Dr. Garfords Botschaft auszurichten … Derselbe Gedanke schien dem Chirurgen gekommen zu sein. »Hallo, Wyant?« sagte er.

»Besetzt,« antwortete Wyant barsch.


Etwa zu dieser Zeit gab Justine ihre Nachtwachen auf. Sie vermochte nicht länger den Kampf in der Morgendämmerung mit anzusehen, wenn das Leben zum tiefsten Punkt abebbte; und da sich ihre Pflichten über das Krankenzimmer hinaus erstreckten, konnte sie glaubhaft vorschützen, sie werde am Tag im Haus mehr gebraucht. Wyant allerdings protestierte: er benötigte sie am meisten in den schwierigen Stunden.

»Sie wissen, dass Sie sie einer Chance berauben,« sagte er beinahe streng.

»Oh, nein – –«

Er schaute sie forschend an. »Sie fühlen sich nicht dazu in der Lage?«

»Nein.«

Mit einem leichten Achselzucken wandte er sich ab; doch sie wusste, dass er ihr diese Abtrünnigkeit verübelte.

Die Tageswachen waren elend genug. Es war nun der neunzehnte Tag; und Justine lag auf dem Sofa in Amhersts Wohnzimmer und versuchte Kraft zu gewinnen für die Ablösung der diensthabenden Schwester. Ein aus dem Kalender heraus gerissenes Blatt lag vor ihr – sie hatte wieder einmal berechnet, wie viele Tage vergehen müssten, bevor Mr. Langhope eintreffen würde. Zehn Tage – zehn Tage und zehn Nächte! Und die Länge der Nächte zählte doppelt … Was Amherst betraf, so war es unmöglich, ein Datum seiner Ankunft festzustellen, weil sein Dampfer von Buenos Ayres verschiedene Häfen auf dem Weg nach Norden anlief und die Länge des jeweiligen Aufenthalts von der Frachtabwicklung und der Säumigkeit der südamerikanischen Behörden abhing.

Sie warf den Kalender hin, lehnte sich zurück und presste die Hände an ihre Schläfen. Oh, was hätte sie für ein kurzes Gespräch mit Amherst gegeben – nur er hätte verstanden, was sie durchmachte! Mr. Langhopes Kommen würde keinen Unterschied machen – oder vielmehr: es würde lediglich die Schwierigkeiten der Situation vermehren. Instinktiv spürte Justine, dass sein schmerzlicher Aufschrei, obwohl sein Herz sich im Angesicht von Bessys Qualen zusammenziehen würde, doch der übliche, herkömmliche sein würde: Haltet sie am Leben! Seine oberflächliche Originalität, seine verbalen Kühnheiten und Sarkasmen überlagerten lediglich übernommene Meinungen: er hatte nie wirklich selbst über eines der drückenden Probleme des Lebens nachgedacht.

Amherst war freilich anders. Enger Kontakt mit vielen Formen des Elends hatte ihn von den Banden akzeptierter Meinung befreit. Er schaute auf das Leben ausschließlich mit seinen eigenen Augen; und was er sah, dazu stand er. Er versuchte nie den Konsequenzen seiner Entdeckungen auszuweichen.

Justines Erinnerung flog zurück zu ihrer ersten Begegnung in Hanaford, wo sein Vertrauen in die eigenen Kräfte noch unerschüttert, sein Glaube an andere unversehrt gewesen war. Und nach und nach erlebte sie innerlich aufs Neue jede Einzelheit ihrer Unterhaltung an Dillons Bett – ihren ersten Eindruck von ihm, als er die Abteilung hinunter ging; den ersten Laut seiner Stimme; ihre Überraschung über seine Autorität; ihre fast unwillkürliche Unterwerfung unter seinen Willen … Dann liefen ihre Gedanken weiter zu ihrem Heimweg vom Krankenhaus – sie erinnerte sich seiner nüchternen und doch schonungslosen Zusammenfassung der Lage in Westmore und an jenen Ton der Erkenntnis, mit dem er die Nöte der Arbeiter berührt hatte … Dann kam ihr Wort für Wort ihr Gespräch über Dillon wieder in den Sinn … Amhersts Entrüstung und Mitleid … sein Erschauern vor Empörung über das schlimme Schicksal des Mannes.

»Fühlen Sie sich in Ihrer Arbeit jemals versucht, einen armen Teufel zu befreien?« Und dann, nach einem konventionellen Protestgemurmel von ihrer Seite: »Zu retten? – Was? Wenn alles Gute vom Leben vorbei ist?«

Um ihre Gedanken zu zerstreuen, streckte sie ihre Hand nach dem Bücherregal aus und entnahm den ersten Band in Reichweite – die kleine Bacon-Ausgabe. Sie lehnte sich zurück, blätterte ziellos in den Seiten – so verstrickt war sie in ihr eigenes Elend, dass die Bedeutung der Worte sie nicht erreichen konnte. Zu lesen versuchen war sinnlos: jegliche Wahrnehmung der äußeren Welt ging unter im Getöse innerer Tätigkeit, die ihren Geist wie eine Schmiede in Hitze und Lärm pochen ließ. Doch plötzlich fiel ihr Blick auf einige mit Bleistift geschriebene Sätze auf dem Vorsatzblatt. Sie stammten von Amhersts Hand, und ihre Ansicht fesselte sie, als ob sie ihn sprechen höre.

La vrai morale se moque de la morale … Die wahre Sittlichkeit macht sich über ›das Moralische‹ lustig.

Wir gehen zu Grunde, weil wir den Beispielen anderer folgen …

Sokrates bezeichnete die Meinungen der Mehrheit mit dem Namen der Lamien In der antiken Mythologie vampirartige, dämonische Bestien. – Schreckgespenster, um Kinder zu einzuschüchtern.

Ein Luftzug schien in ihren erstickten Geist Eingang gefunden zu haben. Waren dies seine eigenen Gedanken? Nein – ihr Gedächtnis besann sich auf eine wirre Assoziation mit bedeutenden Namen. Aber zumindest mussten sie seine Ansichten repräsentieren – mussten tiefgefühlte Überzeugungen verkörpern – sonst hätte er sich kaum die Mühe gemacht, sie zu notieren.

Sie flüsterte den letzten Satz ein- oder zweimal vor sich hin: Die Meinungen der Mehrheit – Schreckgespenster, um Kinder einzuschüchtern … Ja, sie hatte ihn oft von landläufigen Urteilen in dieser Weise reden hören … sie hatte nie einen Geist kennen gelernt, der so frei vom Bann der Lamien gewesen war.


Jemand klopfte; sie legte das Buch auf die Seite und stand auf. Es war ein Dienstmädchen, das ein Billett von Wyant brachte.

»Es gab einen Autounfall hinter Clifton, und ich bin dorthin gerufen worden. Ich denke, ich kann gefahrlos für zwei oder drei Stunden abkommen, aber rufen Sie mich in Clifton an, wenn Sie mich brauchen. Miss Mace hat ihre Instruktionen, und Garfords Assistent wird um sieben da sein.«

Sie schaute auf die Uhr: es war gerade drei, die Zeit, zu der sie Miss Mace ablösen musste. Sie warf ihr Haar aus der Stirn, befestigte ihre Haube und band die Schürze um, die sie zur Seite gelegt hatte …

Als sie Bessys Wohnzimmer betrat, kam die Schwester heraus mit den Anweisungsnotizen in der Hand. Die beiden gingen zum Fenster, um sich kurz zu beraten, und als das winterliche Licht auf Miss Maces Gesicht fiel, erkannte Justine, das es weiß vor Erschöpfung war.

»Sie sind krank!« rief sie.

Die Schwester schüttelte den Kopf. »Nein – aber es ist entsetzlich … diesen Nachmittag …« Ihr Blick richtete sich auf das Krankenzimmer.

»Gehen Sie und ruhen Sie sich aus – ich werde bis zur Schlafenszeit bleiben,« sagte Justine.

»Miss Safford is' unten und hat wieder Kopfweh.«

»Ich weiß, das macht nichts. Ich bin recht frisch.«

»Sie sehen ausgeruht aus!« rief die andere, während ihre Augen neidisch auf Justines Gesicht verweilten.

Sie ging leise fort, und Justine betrat das Zimmer. Es stimmte, dass sie sich frisch fühlte – ein neuer Quell von Hoffnung war in ihr aufgestiegen. Sie hatte ihre Nerven wieder in der Hand, sie hatte ihre stabile Lebensanschauung zurück gewonnen …

Aber in dem Zimmer war es entsetzlich, wie die Schwester gesagt hatte. Es war die Zeit gekommen, wo mit der Wirkung der Betäubungsmittel sorgfältig und sparsam umgegangen werden musste, wo durch lange Schmerzintervalle die geringer werdenden Augenblicke der Erleichterung erkauft wurden. Von Wyants Standpunkt aus war es allerdings ein günstiger Tag – ›es sah gut aus‹, wie er sich ausgedrückt hätte. Und jeder Tag bedeutete nun einen erneuten Sieg.

Justine vollzog mechanisch ihre Aufgabe. Das Glühen von Stärke und Mut blieb; es stärkte sie zu ertragen, was Miss Maces professionelle Standhaftigkeit mürbe gemacht hatte. Als sie sich indes ans Bett setzte, begann Bessys Stöhnen anzuschwellen. Es war nicht mehr die Äußerung menschlicher Qual, sondern das eintönige Wimmern eines Tieres – jener Klang, den eine mitfühlende Hand instinktiv zum Schweigen gebracht hätte. Aber ihre Hand hatte andere Pflichten; sie musste Puls und Herz bewachen, musste ihr Tun mit den enormen Stimulantien untermauern, die Wyant nun benutzte; und nachdem sie die Empfindung für Schmerz neu belebt hatte, musste sie bald versuchen, ihn durch vorsichtige Gaben von Narkotika wieder zu lindern.

Es war alles ganz einfach – aber angenommen, sie täte es nicht? Angenommen, sie ließe die Stimulantien unangetastet? Wyant war abwesend, eine Schwester war vor Erschöpfung entkräftet, die andere lag mit Kopfweh danieder. Justine hatte das Feld für sich. Mindestens drei Stunden würde wahrscheinlich niemand die Schwelle des Krankenzimmers überschreiten … Ach, wenn nicht mehr Zeit benötigt würde! Aber es war zu viel Leben in Bessy – ihre Jugend kämpfte zu hart für sie! Sie würde nicht innerhalb von drei Stunden dem Leben entsinken … und Justine konnte auf nicht mehr als das zählen.

Sie betrachtete die kleine Reiseuhr auf dem Toilettentisch und erkannte, dass ihre Zeiger auf vier standen. Eine Stunde war bereits vergangen … Sie erhob sich und verabreichte das vorgeschriebene Stärkungsmittel; dann nahm sie den Puls und hörte auf den Herzschlag. Immer noch stark – zu stark.

Als sie ihren Kopf hob, hörte das unbestimmte tierhafte Wehklagen auf, und sie hörte ihren Namen: »Justine – –«

Sie beugte sich eifrig hinab: »Ja?«

Keine Antwort: das Wehklagen hatte wieder eingesetzt. Aber dieses eine Wort zeigte ihr, dass der Geist immer noch lebte in dieser Folterkammer, dass der arme kraftlose Körper, der vor ihr lag, nicht bloß ein Bündel fühlloser Reflexe war, sondern ihre Freundin Bessy Amherst, die starb und selbst ihr Sterben spürte …

Justine setzte sich wieder hin, und die Nachtwache begann erneut. Die zweite Stunde floss langsam dahin – ach, nein, jetzt flog sie! Ihre Augen verfolgten die Zeiger der Uhr, und die schienen sich gegen sie verbündet zu haben, so gierig verschlangen sie die kostbaren Sekunden. Und nun konnte sie auf Grund gewisser spasmodischer Symptome erkennen, dass eine weitere Krise der Qual nahte – einer dieser Kämpfe, die Wyant zeitweise frohlockend geradezu provozierte.

Bessy richtete wieder ihre Augen auf sie. »Justine – –«

Justine wusste, was das bedeutete: es war eine Bitte um die Subkutannadel. Das kleine Instrument lag griffbereit neben einer frisch gefüllten Morphiumflasche. Aber sie musste warten – musste den Schmerz erst stärker werden lassen. Trotzdem vermochte sie nicht ihren Blick von Bessy abzuwenden, und Bessys Augen flehten sie noch einmal an – Justine! Diesmal wurde gar kein Wort gesprochen – das Wimmern kam ohne Unterbrechung. Justine hörte jedoch eine innere Stimme, und deren Flehen erschütterte ihr Herz. Sie erhob sich, füllte die Spritze – kehrte mit ihr zurück und beugte sich über das Bett …


Sie erhob ihren Kopf und schaute auf die Uhr. Die zweite Stunde war vergangen. Während sie hinsah, hörte sie einen Schritt im Wohnzimmer. Wer konnte es sein? Dr. Garfords Assistent nicht – sein Dienst begann erst um sieben. Sie lauschte wieder … Eine der Krankenschwestern? Nein, kein Frauenschritt – –

Die Türe öffnete sich, und Wyant kam herein. Justine stand am Bett, ohne sich auf ihn hin zu bewegen. Er wartete ebenfalls, als ob er überrascht sei, sie dort bewegungslos zu sehen. In dem tiefen Schweigen stellte sie sich einen Moment lang vor, sie höre Bessys heftiges Atmen des Todeskampfes. Sie versuchte zu sprechen, um den Klang dieses Atmens zu übertäuben; aber ihre Lippen zitterten so sehr, dass sie schweigend verharrte.

Wyant schien nichts zu hören. Er stand so still, dass sie spürte, sie müsse sich vorwärts bewegen. Während sie dies tat, hob sie vom Tisch neben dem Bett das Blatt mit dem Behandlungsplan auf, das sie verpflichtet war ihm vorzulegen.

»Nun?« fragte er im gewöhnlichen Flüsterton des Krankenzimmers.

»Sie ist tot.«

Er wich einen Schritt zurück und starrte sie bleich und ungläubig an.

» Tot? Wann – –«

»Vor wenigen Minuten …«

» Tot – ? Das ist nicht möglich!«

Er raste an ihr vorbei, schob sie mit der Schulter zur Seite und drückte den Lichtschalter, während er zum Bett sprang. Da erst nahm sie wahr, dass der Raum fast völlig dunkel gewesen war. Sie gewann ihre Selbstbeherrschung zurück und folgte ihm. Er führte die übliche schnelle Prüfung durch – Puls, Herz, Atem – und hing über dem Bett wie ein zorniges Tier, dem seine Beute entwischt ist. Dann hob er die Lider an und beugte sich tief zu den Augen hinunter.

»Entfernen Sie den Lampenschirm!« befahl er.

Justine gehorchte.

Er bückte sich erneut, um die Augen zu prüfen … er blieb lange Zeit gebückt. Plötzlich richtete er sich auf und fasste sie ins Auge.

»Hatte sie große Schmerzen?«

»Ja.«

»Schlimmer als gewöhnlich?«

»Ja.«

»Was haben Sie gemacht?«

»Nichts – es war keine Zeit dazu.«

»Keine Zeit?« Er brach ab und ließ wieder seinen erregten, ungläubigen Blick durch den Raum schweifen. »Wo sind die anderen? Warum sind Sie allein?« fragte er fordernd.

»Es kam plötzlich. Ich wollte sie gerade rufen – –«

Ihrer Augen begegneten sich kurz. Ihr Gesicht war vollkommen ruhig – sie konnte spüren, dass ihre Lippen nicht mehr zitterten. Sie fürchtete nicht im geringsten Wyants Untersuchung.

Während er fortfuhr, sie anzuschauen, wandelte sich sein Gesichtsausdruck langsam von ungläubigem Zorn zu etwas Weicherem – Menschlicheren – sie wusste nicht, was es war …

»Das war zu viel für Sie – gehen Sie und schicken sie mir eine der anderen … Es ist vorbei,« sagte er.


 

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