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Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 26
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
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XXV.

Bessy schaute etwa fünf Tage später gelangweilt ihre Post durch; sie schrie plötzlich leise auf und zog ihre Fingerspitze von der Lasche des Umschlags zurück, den sie zu öffnen begonnen hatte.

Es war ein schwarzer, graupeliger Tag; der Ostwind bog die Bäume zu den nassen Fensterscheiben hernieder, und die beiden Freundinnen hatten sich nach dem Mittagessen in die Bibliothek zurückgezogen, wo Justine die Korrespondenz für Bessy erledigte, während diese sich in ihrem Armsessel zurücklehnte; sie befand sich in einem Zustand verträumter Trägheit, in den sie stets versank, wenn sie nicht von Vergnügungen oder Sport stimuliert wurde.

Plötzlich setzte sie sich kerzengerade auf, als ihr Blick auf den Brief fiel.

»Entschuldige bitte! Ich dachte, er wäre für mich,« sagte sie und hielt ihn Justine hin.

Diese errötete, als sie auf den Absender schaute. Sie wäre nicht auf die Idee gekommen, dass Amherst auf ihre Bitte antworten würde: sie hatte sich vorgestellt, wie er auf den nächsten Zug nach Norden sprang, vielleicht sogar ohne sich die Zeit zu nehmen, seiner Frau seine Rückkehr anzukündigen … Und diesen Brief unter Bessys Augen zu empfangen, war unbestreitbar peinlich, da Justine die Notwendigkeit spürte, ihre Intervention geheim zu halten.

Aber unter Bessys Augen befand sie sich freilich – sie ruhten weiterhin auf ihr voller Neugier und Vermutungen, mit einem untergründigen Schimmer boshaften Ausdrucks.

»Wie dumm von mir – wieso sollte ich erwarten, dass mein eigener Ehemann mir schreibt!« Bessy fuhr, sich zurücklehnend, in der trägen Durchsicht ihrer anderen Briefe fort, behielt jedoch ihre Freundin verdeckt in ihrem Blickwinkel.

Justine erbrach nach einiger Zeit das Siegel und las.

Millfield, Georgia.

Meine liebe Miss Brent,

Ihr Brief erreichte mich gestern, und ich habe sehr sorgfältig über ihn nachgedacht. Ich weiß das Gefühl, das ihn veranlasst hat, zu schätzen – aber ich glaube nicht, dass irgend ein Freund, wie wohlwollend und urteilsfähig er auch sei, einen endgültigen Rat in solchen Angelegenheiten geben kann. Sie teilen mir mit, Sie seien sicher, meine Frau werde mich nicht um meine Rückkehr bitten – nun, das scheint mir unter den gegenwärtigen Bedingungen ein hinreichender Grund, fort zu bleiben.

Inzwischen, das versichere ich Ihnen, habe ich an alles gedacht, was Sie mir an jenem Tag sagten. Ich habe hier keinen bindenden Vertrag geschlossen – nichts, das mein künftiges Handeln festlegt – und ich habe dies ausschließlich getan, weil Sie darum gebeten haben. Dies wird ihnen deutlicher als Worte sagen, wie viel mir Ihr Rat gilt und welch starke Gründe ich haben muss, um ihn jetzt nicht zu befolgen.

Ich gehe davon aus, dass es bei diesem Wetter keine weiteren Erkundungstouren geben wird. Ich wünschte, ich könnte Cicely ein paar von den Vögeln hier unten zeigen.

Hochachtungsvoll,

John Amherst.

Bitte sorgen Sie dafür, dass meine Frau nicht Impuls reitet.

Verborgen unter ihrem scharfen Bewusstsein der Bedeutung dieses Briefes spürte Justine Bessys Schlussfolgerungen und Vermutungen. Sie fühlte, dass sie das Blatt in ihrer Hand geradezu durchbohrten, wie ein übernatürliches visuelles Organ, für das Materie kein Hindernis darstellt, oder vielmehr, dass sie ratlos waren in ihrem Unterfangen und aus dem Ungesehenen Gott weiß welche phantastischen Intrigengebäude empor riefen – und das unschuldige Blatt mit dem Vermerk besudelten, es handele sich um manifeste Belege von Untreue und geheimem Einverständnis …

Eines wurde ihr umgehend klar: sie musste Bessy den Brief zeigen. Sie durchlief noch einmal seine Zeilen und versuchte die Konsequenzen zu entwirren. Da gab es die Anspielung auf ihr Gespräch in New York – gut, davon hatte sie Bessy erzählt! Aber der sorglose Bezug auf ihre Waldexkursionen – was konnte Bessy in ihrer gegenwärtigen Laune nicht alles daraus machen? Justines vordringlichster Gedanke richtete sich auf das Elend, das beim Scheitern ihres Plans heraus käme. Vielleicht hätte sie Amherst noch dazu bringen können, zurück zu kehren, wäre es nicht wegen dieses Unglücks gewesen; aber nun war diese Hoffnung zerstört.

Sie hob ihre Augen und begegnete Bessys. »Willst du ihn lesen?« sagte sie und hielt den Brief hin.

Bessy empfing ihn mit erhobenen Brauen und einem gemurmelten Protest – doch als sie las, sah Justine, wie das Blut unter ihrer durchsichtigen Haut anstieg, in die Schläfen eindrang, in den Nacken, sogar in die blumengleichen Ohren; dann wich es ebenso plötzlich, verebbte zuletzt ganz von den Lippen, so dass das Lächeln, mit dem sie von ihrer Lektüre aufschaute, so weiß wirkte, als stehe sie unter dem Druck physischen Schmerzes.

»Also hast du meinem Ehemann geschrieben, er soll zurück kommen?«

»Wie du siehst.«

Bessy schaute ihr direkt in die Augen. »Ich bin dir sehr verpflichtet – äußerst verpflichtet.«

Justine begegnete dem Blick mit Ruhe. »Was bedeutet, dass du meine Einmischung zurückweist – –«

»Oh, du kannst es gern so nennen, wenn du magst!« spottete Bessy und warf den Brief auf den Tisch an ihrer Seite.

»Bessy! Nimm es nicht auf diese Weise. Wenn ich einen Fehler begangen habe, dann in der Hoffnung, dir zu helfen. Wie kann ich daneben stehen nach all diesen gemeinsamen Monaten und mit ansehen, wie du vorsätzlich dein Leben zerstörst, ohne dass ich versuche, dich aufzuhalten?«

Das Lächeln verdorrte auf Bessys Lippen. »Es ist sehr lieb und gut von dir – ich weiß, dass du nicht glücklich bist, wenn du nicht jemandem helfen kannst – aber in diesem Fall kann ich nur wiederholen, was mein Mann sagt. Er und ich sehen die Dinge nicht oft in demselben Licht – aber ich bin ganz seiner Meinung, dass die Handhabung solcher Angelegenheiten am besten den – den Personen überlassen wird, die es betrifft.«

Justine zögerte. »Ich könnte darauf antworten: wenn du diesen Standpunkt einnimmst, dann war es inkonsequent von dir, mit mir so offen zu sprechen. Du hast mir nämlich das Gefühl gegeben, dass du Hilfe benötigtest – du hast dich darum an mich gewandt. Aber vielleicht rechtfertigt das nicht, dass ich ohne dein Wissen an Mr. Amherst geschrieben haben.«

Bessy lachte. »Ach, meine Liebe, du wusstest, wenn du mich gefragt hättest, wäre der Brief nicht abgeschickt worden.«

»Vielleicht hätte ich es trotzdem getan,« sagte Justine schlicht. »Ich versuchte dir gegen deinen Willen zu helfen.«

»Nun, da siehst du das Ergebnis.« Bessy berührte den Brief voller Spott. »Verstehst du jetzt, wessen Schuld es ist, wenn ich allein bin?«

Justine fasste sie unverwandt ins Auge. »In Mr. Amhersts Brief steht nichts, was meine Auffassung ändert. Ich glaube immer noch, es liegt bei dir, ihn zurück zu holen.«

Bessy erhob ein funkelndes Gesicht zu ihr – ganz Härte und Lachen. »So viel Bescheidenheit, meine Liebe! Als ob ich eine Erfolgschance hätte, wo du gescheitert bist!«

Sie sprang auf und wischte mit einer gereizten Gebärde die Locken aus ihren Schläfen. »Kümmere dich nicht um mich, wenn ich verquer bin – aber ich erhielt schon von Maria Ansell eine Dosis Moralpredigt, und ich weiß nicht, warum meine Freunde mich behandeln wie eine Marionette ohne jede eigene Meinung und mich einem Mann aufdrängen, der sein Bestes getan hat, um zu zeigen, dass er mich nicht braucht. Er und ich sind glücklicher Weise auch in dem Punkt einer Meinung – und ich fürchte, aller gute Rat der Welt wird uns nicht davon überzeugen, unsere Meinung zu ändern!«

Justine wich nicht von der Stelle. »Wenn ich das von einem von euch glauben würde, hätte ich nicht geschrieben – würde dich jetzt nicht anflehen – Und Mr. Amherst glaubt das auch nicht,« fügte sie nach einer Weile im Bewusstsein des Risikos, das sie auf sich nahm, hinzu, dachte jedoch, die Worte könnten wie ein Windstoß ins Gesicht einer Person wirken, die unter eine tödliche Narkose gefallen ist.

Bessys Lächeln vertiefte sich zu höhnischem Grinsen. »Ich sehe, ihr habt gründlich über mich gesprochen – und zu seinen Ansichten hätte ich vielleicht besser keine Meinungsäußerung riskiert – –«

»Wir haben nicht über dich gesprochen,« rief Justine. »Mr. Amherst könnte niemals über dich sprechen … auf die Art, die du meinst …« Und unter dem leichten Stakkato von Bessys Lachen entschloss sie sich hinzuzufügen: »Es kommt nicht daher, dass ich weiß, was er fühlt.«

»Ach? Dann sollte ich wohl neugierig sein, mir anzuhören – –«

Justine wandte sich dem Brief zu, der noch immer zwischen ihnen lag. »Würdest du den letzten Satz noch einmal lesen? Das Postscriptum meine ich.«

Bessy nahm nach einem überraschten Blick auf sie den Brief mit einem abfälligen Gemurmel, als handle sie eher unter Zwang, als über eine Bagatelle zu streiten.

»Das Postscriptum? Wo haben wir's denn … ›Bitte sorgen Sie dafür, dass meine Frau nicht Impuls reitet.‹ – Et puis? Na und?« murmelte sie und ließ das Blatt wieder sinken.

»Nun, sagt dir das nichts? Es ist ein kühler Brief – so dachte ich zuerst – der Brief eines Mannes, der sich selbst für tief verletzt hält – so tief, dass er weder vorrückt noch nachgibt. Das dachte ich, als ich den Brief zum ersten Mal las … aber das Postscriptum macht dies alles zunichte.«

Justine hatte sich beim Sprechen Bessy genähert, eine Hand auf ihren Arm gelegt und ergoss über sie den Glanz eines Gesichts, das ganz in Barmherzigkeit und süßem Mitgefühl erstrahlte. Es gehörte zu ihren seltenen Gaben, in solchen Augenblicken ihre eigene Beziehung zu der Person zu vergessen, um die sie sich sorgte, und jedes Bewusstsein von Kritik und Misstrauen gegenüber dem Herzen, das sie zu erreichen strebte, auf die Seite zu schieben, so wie mitleidige Menschen ihre physische Furcht vergessen, wenn sie versuchen, einem verwundeten Tier zu helfen.

Einen Augenblick schien Bessy zu wanken. Die Farbe züngelte verhalten ihre Wangen empor, ihre langen Wimpern sanken – sie besaß die zartesten Lider! – und ihr ganzes Gesicht schien unter Justines feurigem Strahlenglanz dahin zu schmelzen. Doch der Brief befand sich noch in ihrer Hand – ihre Augen fielen im Niedersenken auf ihn, und sie ließ schwer atmend den verhängnisvollen Satz erklingen: »›Ich habe dies ausschließlich getan, weil Sie darum gebeten haben.‹ – Nach solch einem Tribut an deinen Einfluss wundert es mich nicht, dass du dich für kompetent hältst, jedermanns Angelegenheiten in Ordnung zu bringen! Aber merk dir, meine Liebe – verlange nie von mir, Impuls nicht zu reiten!«

Das Mitleid gefror auf Justines Lippen: sie wich tief betroffen zurück. Einen Moment lang rang das Schweigen zwischen den beiden Frauen mit Gedanken, die wie Wunden schlagende Pfeile flogen; dann flaute Bessys Ärger ab, sie gab eines ihrer verlegenen Halblachen von sich, wandte sich um und berührte missbilligend den Arm ihrer Freundin.

»Das wollt' ich nicht, Justine … aber wir sollten das Reden jetzt lassen … ich kann nicht!«

Justine bewegte sich nicht: ein Umschwung konnte sich in ihrem Fall so schnell nicht einstellen. Aber sie wandte Bessys zwei Augen voller Vergebung, voller sprachlosen Mitleids zu … und Bessy empfing diesen Blick schweigend, bevor sie sich zur Tür begab und hinaus ging.

»Oh, armes Ding – armes Ding!« stieß Justine nach Luft ringend hervor, als sich die Tür schloss.

Ihre eigene Kränkung hatte sie bereits vergessen – sie war wieder allein mit Bessys fruchtloser Qual. Eine Weile stand sie da und starrte vor sich hin – dann fiel ihr Blick auf Amhersts Brief, der zwischen ihnen auf den Boden geflattert war. Der verhängnisvolle Brief! Wäre er nicht in diesem unglücklichen Augenblick gekommen, hätte sie vielleicht doch noch ihr Ziel erreicht … Sie hob ihn auf und las ihn noch einmal. Ja, er enthielt Wendungen, die ein verwundetes, eifersüchtiges Herz missdeuten mochte … Trotzdem hatten Bessys letzte Worte sie frei gesprochen … Warum hatte sie diese nicht beantwortet? Warum hatte sie stumm da gestanden? Der Hieb auf ihren Stolz war zu tief eingedrungen, war zu unerwartet ausgeteilt worden – nur eine elende Sekunde hatte sie zuerst an sich selbst gedacht! Ach, jenes ungelegene, unbändige Ich – dieses moi haïssable Verabscheuungswürdiges Ich. des Christen – könnte man es doch aus seiner Brust heraus reißen! Sie hatte eine Chance vertan – ihre letzte Chance vielleicht! Mittlerweile mochten schon hundert feindliche Einflüsse, kalte Einflüsterungen von Eitelkeit, Egoismus und weltlichem Stolz ihren vereisenden Ring um Bessys Herz gezogen haben.

Justine fuhr auf und wollte ihr folgen … hielt dann aber inne und rief sich ihre letzten Worte ins Gedächtnis. »Wir sollten das Reden jetzt lassen … ich kann nicht!« Sie besaß kein Recht, in ihre schmerzliche Zurückgezogenheit einzudringen – wenn sie dazu je die Gelegenheit gehabt hatte, so war sie nun verwirkt. Sie ließ sich in ihren Sessel am Tisch sinken und verbarg das Gesicht in ihren Händen.

Bald hörte sie die Uhr schlagen, und getreu ihrem unermüdlichen Tätigkeitsdrang hob sie den Kopf, nahm ihren Stift und fuhr mit der Korrespondenz fort, die sie unterbrochen hatte … Es fiel ihr zuerst schwer, ihre Gedanken zu ordnen oder sogar dem Stift jene konventionellen Phrasen zu entlocken, die für die meisten der Mitteilungen hinreichten. Während sie nach einem Wort suchte, schob sie ihr Schreibzeug beiseite und starrte hinaus auf die fahle, eisige Landschaft, die von dem Fenster eingerahmt wurde, vor dem sie saß. Der Eisregen hatte aufgehört, und Vertiefungen sonnenlosen Blaus zeigten sich zwischen den vom Wind getriebenen Wolken. Ein harter Himmel und ein harter Boden – frostgebunden klirrende Erde unter starren eisgepanzerten Bäumen.

Als Justine ein wenig erschauernd hinausschaute, sah sie, wie eine weibliche Gestalt die Allee hinunter zum Tor ritt. Die Gestalt verschwand hinter einem Gebüsch immergrüner Pflanzen – zeigte sich wieder weiter unten durch die Zweige eines Birkengerippes – und entpuppte sich an der nächsten offenen Stelle als Bessy – Bessy im Sattel an einem Tag scharfen Frosts, wo kein Pferd Halt außerhalb eines Weges finden konnte!

Justine ging zum Fenster und strengte die Augen an, um ihren Eindruck zu bestätigen. Ja – es war Bessy! Diese leichte, geschmeidige Gestalt, die sich ganz im Rhythmus des Pferdes wiegte, konnte man nicht verwechseln. Justine erinnerte sich freilich, dass Bessy nicht hatte reiten wollen – das Pferd sogar abbestellt hatte wegen der schlechten Reitbedingungen … Nun, sie war eine perfekte Reiterin und hatte ohne Zweifel ihr schrittsicherstes Tier gewählt … wahrscheinlich den Braunen, Tony Lumpkin Der Name einer witzigen Figur in dem Schauspiel She Stoops to Conquer (1773) des englischen Dichter Oliver Goldsmith (1728-74)..

Aber seit wann schienen Tonys Flanken so hell durch die entlaubten Zweige? Und seit wann riss er seinen Reiter in einem so freien Spiel der Hinterhand mit sich? Ross und Reiterin gerieten erneut in Sicht, als sie die Kurve in der Nähe des Tores nahmen, und im Hervorbrechen des Sonnenlichts erkannte Justine das Glitzern fuchsiger Flanken – und erinnerte sich, dass Impuls der einzige Fuchs in den Ställen war …


Sie kehrte zu ihrem Sessel zurück und schrieb weiter. Bessy hatte einen Respekt einflößenden Haufen von Rechnungen und Briefen hinterlassen; und wenn dies erledigt war, musste Justine sich mit ihrer eigenen Korrespondenz befassen. Sie hatte heute morgen Nachricht von der Oberschwester des St. Elisabeth's erhalten: ein interessanter »Fall« wurde ihr angeboten, aber sie musste innerhalb zweier Tage kommen. In den ersten Stunden hatte sie noch geschwankt, weil sie Lynbrook nur sehr ungern verlassen wollte, ohne dass ein klares Licht auf die Zukunft ihrer Freundin fiel; doch jetzt hatte Amhersts Brief dieses Licht zum Erlöschen gebracht – oder vielmehr: er hatte die Dunkelheit vertieft – und sie verfügte über keinen Vorwand mehr, noch zu verweilen, wo ihre Nutzlosigkeit so sattsam vorgeführt worden war.

Sie schrieb der Oberschwester, dass sie die Anstellung annehme; und dies führte zum Verfassen anderer Briefe, zur allgemeinen Umgestaltung jener winzigen Organisation, die das Leben von Justine Brent ausmachte. Sie lächelte ein wenig bei dem Gedanken, wie mühelos sie versetzt und verpflanzt werden konnte – wie dürftig ihr materieller Tross war und wie gering ihre unsichtbaren Fesseln! Sie war so leicht und ablösbar wie ein totes Blatt im herbstlichen Wind – während sie doch in Saft und Blüte stand, wo Leben und Lieder in den Bäumen klingen.

Sie dachte indes nicht lange über sich selbst nach, denn eine unwägbare Angst rann durch ihre Gedanken wie ein schwarzer Faden. Sie erhielt hier und da Ausdruck in langen Blicken durch das Fenster – in ihrem Aufstehen, um die Standuhr zu Rate zu ziehen und mit ihrer Armbanduhr zu vergleichen – in einem Summen, in das sie nervös verfiel, während sie den Raum einige Male durchmaß, ehe sie zu ihrem Tisch zurück ging …

Wo blieb Bessy so lange? Die Dämmerung war schon herein gebrochen – das frühe Ende dieses kalten, schieferfarbenen Tages. Bessy ritt allerdings stets noch spät – es gab immer eine vernünftige Antwort auf Justines unvernünftige Vermutungen … Es war der Anblick jener fuchsigen Flanken, der sie marterte – sie wusste um Bessys frühere Kämpfe mit der Stute. Doch ein Schwelgen in eitlen Ängsten lag nicht in Justines Natur; und als das Teebrett kam und mit ihm Cicely, die von einem stürmischen Spaziergang und im Korallenrot ihres Schwalls gekräuselten Haars strahlte, sprang Justine auf und schüttelte ihre Sorgen ab.

Es versetzte ihr noch einmal einen Stich, die Lampen entzündet und die Vorhänge zugezogen zu sehen – sie schlossen die Wärme und Helligkeit des Hauses ab gegen das stürmische, frostige Zwielicht, durch das Bessy alleine ritt. Aber die eisige Berührung dieses Gedankens entschwand Justines Gemüt, als sie sich über das Teebrett beugte, voller Ernst Cicelys Milch in eine »erwachsene« Teetasse füllte, den vertraulichen Details vom Tagesablauf des Kindes lauschte und sie mit Neckerei und phantastischen Geschichten krönte.

Es machte ihr nichts aus zu gehen – ach, nein! Das Haus war für sie zu einem Gefängnis geworden, wo Gespenster trostlos über die Flure wandelten. Aber Cicely zu verlieren, würde bitter sein – sie hatte nicht bemerkt, wie bitter, ehe das Kind sich im Feuerschein in hingebungsvollem Beharren an sie drückte und ihre kleinen spitzen Ellbogen in ihre Knie stach: »Und was passierte dann, Justine?«

Die Tür öffnete sich, und jemand kam, um nach dem Feuer zu schauen. Justine, die noch ganz in das Labyrinth ihres Märchens verstrickt war, erkannte dunkel, dass es sich um Knowles handelte und nicht um einen der Lakaien … den stolzen Knowles, der sonst nie selbst das Feuer schürte … Als er sich wieder zum Ausgang wandte und dabei langsam durch den weitläufigen Raum schwebte, erhob sie sich, ließ Cicely auf den Kaminvorleger herab und folgte ihm zur Tür.

»Ist Mrs. Amherst noch nicht zurück?« fragte sie, ohne zu wissen, weshalb sie die Frage außerhalb der Hörweite des Kindes zu stellen wünschte.

»Nein, Miss. Ich habe selbst nachgeschaut – weil ich dachte, sie sei vielleicht durch die Seitentür gekommen.«

»Sie ist vielleicht in ihr Wohnzimmer gegangen.«

»Sie ist nicht oben.«

Beide schwiegen. Dann sagte Justine: »Welches Pferd hat sie geritten?«

»Impuls, Miss.« Der Butler sah auf seine große Dienstuhr. »Es ist noch nicht spät –« sagte er mehr zu sich selbst als zu ihr.

»Nein. Hat sie in letzter Zeit Impuls geritten?«

»Nein, Miss. Nicht mehr seit dem Tag, an dem die Stute sie beinahe abgeworfen hätte. Ich konnte verstehen, dass Mr. Amherst es nicht wünschte.«

Justine kehrte zu Cicely und dem Märchen zurück. – Als sie den Faden von den Abenteuern der Prinzessin wieder aufnahm, fragte sie sich, weshalb sie jemals irgend eine Hoffnung gehegt hatte, Bessy helfen zu können. Der Samen des Verhängnisses lag in der Seele des armen Geschöpfs … Sogar wenn sie bewegt schien oder aus sich herausgehoben, wurden ihre auf Ausbruch zielenden Regungen stets zurück gezerrt zum magnetischen Zentrum harten Misstrauens und Widerstands, die manchmal das Innere weich besaiteter Naturen bestimmen. Und hatte sie die vorige Bitte ihres Mannes durch Flucht zu der Frau beantwortet, die ihm missfiel, so beantwortete sie diese, indem sie das Pferd ritt, das er fürchtete … Justines letzte Illusionen stürzten zusammen. Die Distanz zwischen zwei solchen Naturen war unüberbrückbar. Amherst hatte gut daran getan, fort zu bleiben … und wie in einer Flutwelle glitt ihre Sympathie zurück auf seine Seite …


Die Gouvernante kam, um Cicely zu holen. Einer der Lakaien erschien, um ein weiteres Scheit aufs Feuer zu legen. Sodann wurde in hoheitsvollem Ritus das Abräumen der Tee-Tafel zelebriert – jenes Zeremoniell, dass so oft Amhersts Nerven strapaziert hatte. Als sie es beobachtete, beschlich Justine eine vage Empfindung von Unwandelbarkeit dieser Haushaltsroutine – ein seltsam ehrfürchtiges Gefühl, dass, was auch immer geschehen mochte, eine so perfekt eingestellte Maschinerie unerbittlich weiter funktionieren würde, wie ein Naturgesetz …

Sie stand auf, um aus dem Fenster zu schauen, und starrte vergeblich in die Schwärze zwischen den geteilten Vorhängen. Als sie sich umdrehte und am Schreibtisch vorbei kam, bemerkte sie, dass sie wegen Cicelys Eindringen vergessen hatte, die Briefe abzuschicken – ein ungewöhnliches Versehen. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es für die Post zu spät war – und erinnerte sie gleichzeitig daran, dass kaum drei Stunden vergangen waren, seit Bessy ihren Ausritt begonnen hatte … Sie erkannte die Torheit ihrer Ängste. Sogar im Winter ritt Bessy oft mehr als drei Stunden aus; und wo nun die Tage länger wurden – –

Mit einem Schlag beruhigt ging Justine hinaus in die Halle mit der Absicht, ihr Bündel von Briefen zum roten Briefkasten an der Tür zu bringen. Dabei traf sie ein kalter Windstoß. War es möglich, dass tatsächlich einmal die makellose Routine des Hauses nachgelassen – dass einer der Bediensteten die äußere Tür offen gelassen hatte? Sie ging hinüber zur Diele – ja, beide Türen standen sperrangelweit offen. Als sie die Dielentür zudrückte, hörte sie die Hunde auf der Schwelle schnüffeln und jaulen. Sie überquerte die Diele und hörte Stimmen und das Trampeln von Füßen in der Dunkelheit – dann sah sie eine Laterne aufleuchten. Plötzlich schoss Knowles aus der Nacht heraus – das Laternenlicht fiel auf sein bleiches Gesicht.

Justine trat zurück, betätigte den elektrischen Schalter an der Wand, und der breite Eingang wurde mit seiner zusammengedrängten, schwer atmenden Gruppe jäh erleuchtet … schwarze Gestalten aus der Finsternis, fremde, im Lichtstrahl entstellte Gesichter.

»Bessy!« rief sie und sprang hinzu; aber sofort kam Wyant ihr zuvor und legte seine Hand auf ihren Arm; und als die schreckliche Gruppe sich in die Halle kämpfte, erstarrte sie zu Eis, als er ihr zuflüsterte: »Das Rückgrat – –«


 

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