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Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 25
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
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XXIV.

Justine durchschritt die geräumige Bibliothek in Lynbrook zwischen den eingesperrten Ausgaben der Klassiker.

Sie fühlte sich genauso eingesperrt wie sie: als ein ebensolcher Teil eines konventionellen Bühnenbildes, das in keinerlei Beziehung zu der vor ihm ablaufenden Handlung steht. Zwei Wochen waren seit ihrer Rückkehr von Philadelphia vergangen; und während dieser Zeit war ihr klar geworden, dass es mit ihrer Nützlichkeit in Lynbrook vorbei war. Wenn sie auch nicht un willkommen war, konnte sie sich doch selbst als geradezu un benötigt bezeichnen; das Leben raste dahin und hielt sie angekettet an den Schandpfahl der Untätigkeit; ein bitteres Los für jemanden, der die Wahl getroffen hatte, das Dasein nach Taten anstatt nach Tagen zu messen. Sie hatte Bessy in ostentativer Beschäftigung mit einer Aufstellung nachfolgender Gäste angetroffen; niemand im Haus außer Cicely brauchte sie, und sogar Cicely war zeitweise in den Wirbel des Lebens ihrer Mutter mit eingebunden: sie sauste zu Schlittenfahrten und Autotouren davon oder fuhr mit nach New York zur Tanzstunde oder einer Opern-Matinée.

Mrs. Fenton Carbury hatte sich nicht unter den Besuchern befunden, die Lynbrook am Montag nach Justines Rückkehr verlassen hatten.

Mr. Carbury war mit den anderen Brotverdienern der Gesellschaft zu seiner Tretmühle auf der Wall Street zurück gekehrt, nachdem er einen Sonntag in schweigendem Studium von Finanzbuchhaltungsdaten verbracht hatte; seine Frau jedoch blieb da, zeigte sich in ihrer besitzergreifenden Art ziemlich aggressiv, kritisierte die Einrichtung ihres Zimmers, arrangierte sie neu, schellte nach den Dienstboten, erhob plötzliche Ansprüche auf den Stall, telegraphierte, telephonierte, befahl Feuer zu entzünden oder Fenster zu öffnen und hinterließ überall hinter sich eine Spur von Zigarettenasche und Cocktailgläsern.

Ned Bowfort war zu der Hausparty nicht eingeladen gewesen; aber an dem Tag, als die Gäste sich zerstreuten, ritt er unangekündigt zum Mittagessen herüber, stellte sein Pferd in den Stall, bahnte sich vertraut seinen Weg durch die dösenden Hunde in der Eingangshalle, grüßte Mrs. Ansell und Justine mit der genau angemessenen Portion Ehrerbietung, holte aus seiner Tasche ein neues Puzzle für Cicely und setzte sich neben ihre Mutter mit der gelassenen Weltläufigkeit des Hausfreundes, der seine Privilegien kennt, aber zu diskret ist, sie zu missbrauchen.

Danach kam er jeden Tag, ritt manchmal spät heim zum Jagd-Club, und manchmal begleitete er Bessy und Mrs. Carbury nach New York zum Dinner und ins Theater; jedoch stets mit jener ›selbstkritischen‹ Miene, nur zufällig vorbeigeschaut zu haben und in der bescheidenen Hoffnung, dass sein Eindringen nicht unwillkommen sei.

Der folgende Sonntag brachte einen weiteren Einfall von Besuchern, und Bessy schien sich mit erneutem Enthusiasmus in die Gastgeberpflichten zu stürzen. Sie hatte Justine seit ihrem mitternächtlichen Gespräch gemieden, indem sie es so einrichtete, dass sie sie in Cicelys Gegenwart antraf, oder Eile vorschob, wenn sie allein zusammenfanden. Der Winter war ungewöhnlich freundlich, und sie verbrachte lange Stunden im Sattel, sofern ihre Zeit nicht von den Besuchern beansprucht war. Eine Weile nahm sie Cicely auf ihre täglichen Ausritte mit; aber sie wurde es bald müde, ihre Jagdstute an den Schritt von Cicelys Pony anzupassen, und das kleine Mädchen wurde wieder einmal der Betreuung des Kutschers übergeben.

Dann kamen Schnee und ein langer Frost; Bessy wurde ruhelos in ihrer Gefangenschaft und murrte, es gebe keinen Weg, sich in einem Winterklima gesund zu halten, das regelmäßige sportliche Betätigung unmöglich mache.

»Man könnte doch einen Squashplatz errichten?« schlug Blanche Carbury vor; und die beiden verfielen umgehend darauf, unter der Führung von Ned Bowfort und Westy Gaines Pläne zu machen. Als der Entwurf sich entwickelte, meinten verschiedene Ratgeber, dass es eine Schande wäre, nicht noch eine Bowlingbahn, ein Schwimmbecken und eine Sporthalle hinzuzufügen; aus New York wurde ein ›schicker‹ Architekt herbei zitiert, Maße wurden genommen und Ingenieure konsultiert bezüglich der Kosten artesischer Quellen Artesische Bedingungen liegen vor bei einem Grundwasservorkommen, bei dem die Grundwasserdruckfläche höher liegt als die Geländeoberfläche. Das Wasser tritt dann ohne Zuhilfenahme von Pumpen aus einer Bohrung aus. Eine artesische Quelle bezieht sich auf den artesischen (gespannten) Zustand von Grundwasser, das infolge Überdrucks eigenständig oberflächennah ausfließt bzw. über das Gelände sprudelt. und des besten Verfahrens zum Heizen des Beckens.

Bessy schien von einem fieberhaften Verlangen erfüllt, den Plan so schnell wie möglich auszuführen und in so großem Maßstab, wie die Phantasie des Architekten es überhaupt zuließ; schließlich wurde jedoch entschieden, dass sie vor Unterzeichnung der Verträge nach New Jersey eilen sollte, um sich ein Bauwerk derselben Art anzusehen, auf das kürzlich ein Sportsfreund von Mrs. Carbury ein Vermögen verschwendet hatte.

Es geschah an dem Tag, als sich die beiden Damen in Gesellschaft von Westy Gaines und Bowfort zu diesem Gang verabschiedet hatten, dass sich Justine in der Bibliothek befand und sie ruhelos der Länge nach durchmaß. Sie und Mrs. Ansell hatten das Haus für sich; und es überraschte sie kaum, als Mrs. Ansell im Laufe des Nachmittags nach einem diskreten Verweilen auf der Schwelle den langen Raum hinunter zu ihr vorschritt.

Seit dem Abend ihrer Rückkehr hatte Justine das sichere Gefühl, dass Mrs. Ansell sprechen werde; aber die ältere Dame neigte dazu, wie ein Falke Kreise um ihr Thema zu ziehen, über ihm hängen zu bleiben und es zu beschauen, bevor ihre Flügel sich zum Sinkflug bereiteten.

Jetzt aber war es eindeutig, das sie sich zum Zustoßen entschlossen hatte; und Justine überkam ein Gefühl der Erleichterung bei diesem Gedanken. Sie befand sich schon zu lange isoliert in ihrer Angst, ihrer Ohnmacht zu helfen; und sie hegte die vage Hoffnung, dass Mrs. Ansells weltläufige Klugheit erreichen könne, was ihrer Unerfahrenheit versagt geblieben war.

»Sollen wir uns ans Feuer setzen? Ich bin froh, Sie allein anzutreffen,« begann Mrs. Ansell mit der freundlichen Direktheit, die in Wahrheit eines der subtilsten Mittel ihrer Umweg-Strategie darstellte; und nachdem Justine zugestimmt hatte, fügte sie, ihre schlanke Gestalt den schwelgerischen Tiefen eines Armsessels anvertrauend, hinzu: »Ich wurde ziemlich unvermittelt von einer invaliden Cousine gebeten, sie nächste Woche nach Europa zu begleiten, und ich kann nicht beruhigt abreisen, ohne wegen unserer Freunde im Reinen zu sein.«

Sie hielt inne; Justine indes gab keine Antwort. Trotz ihrer wachsenden Sympathie für Mrs. Ansell konnte sie ein ihr innewohnendes Misstrauen nicht los werden, nicht was ihr Vorgehen betraf, sondern ihr letztendliches Ziel. Was bedeutete für sie zum Beispiel, ›im Reinen‹ wegen der Amhersts zu sein? Justines eigene Überzeugung besagte, dass, so weit es ihr endgültiges Wohlergehen betraf, jeder Zustand zwischen ihnen besser wäre als die rein äußerliche Harmonie, die während Amhersts Aufenthalt in Lynbrook herrschte.

Die feine Ausstrahlung ihres Misstrauens mochte Mrs. Ansell gespürt haben; denn sie fuhr sogleich mit einer gewissen Vornehmheit fort: »Ich bin umso betroffener, weil ich glaube, dass ich selbst, in geringem Umfang freilich, mit verantwortlich bin für Bessys Heirat –« und als Justine sie überrascht ansah, setzte sie hinzu: »Ich dachte, sie könnte nie glücklich werden, wenn nicht ihre Gefühle zufrieden gestellt würden – und auch jetzt noch glaube ich das.«

»Ich glaube das auch,« sagte Justine zustimmend, überrascht von der Schlichtheit der Erklärung Mrs. Ansells.

»Gut – wenn wir dann also in unseren Diagnosen übereinstimmen,« fuhr die ältere der beiden Frauen lächelnd fort, »welche Medizin schlagen Sie vor? Oder besser: Wie können wir sie darreichen?«

»Welche Medizin?« sagte Justine zögernd.

»Oh, ich glaube, wir beide stimmen auch hierin überein. Mr. Amherst muss zurück kommen – aber wie bringt man ihn dazu?« Sie unterbrach sich und fügte dann mit einem eigenartigen Eindruck flehender Freimütigkeit hinzu: »Ich frage Sie, weil ich glaube, dass Sie von Bessys Freundinnen die einzige sind, die überhaupt das Vertrauen ihres Ehemanns besitzt.«

Justines Verlegenheit wuchs. Wäre es Bessy und Amherst gegenüber nicht illoyal, einer dritten Person etwas zur Kenntnis zu bringen, von dem Bessy selbst nichts ahnte? Unter Mrs. Ansells Augen Verlegenheit zu verraten, barg allerdings das Risiko, dieser eine gefährliche Bedeutung zu verleihen.

»Bessy hat ein- oder zweimal mit mir gesprochen – aber ich weiß sehr wenig über Mr. Amhersts Standpunkt, außer,« setzte Justine nach einem weiteren raschen Abwägen von Alternativen hinzu, »dass ich glaube, er leidet am meisten darunter, von seiner Arbeit in Westmore abgeschnitten zu sein.«

»Ja – das denke ich auch; aber das ist eine Schwierigkeit, die von Zeit und Zweckmäßigkeit geregelt werden muss. Alles, was wir tun können – ihre Freunde, meine ich – besteht darin, sie wieder zusammen zu bringen, bevor der Bruch zu tief wird.«

Justine überlegte. Sie war vielleicht im Hinblick auf die Situation unwissender, als sich Mrs. Ansell vorstellte, denn seit ihrem Gespräch mit Bessy hatte diese nicht wieder auf Amhersts Abwesenheit angespielt; und Justine konnte lediglich vermuten, dass er seinen Plan ausgeführt hatte, die Geschäftsführung in der von ihm erwähnten Fabrik zu übernehmen. Am meisten wünschte sie zu wissen, ob er ihre Bitte erhört und diese Stellung nur vorübergehend und ohne sich durch die Annahme eines Honorars zu binden angenommen hatte; oder ob er, verletzt durch den Skandal von Bessys Flucht, sich von seiner finanziellen Abhängigkeit befreit und sich bindend als Geschäftsführer verpflichtet hatte.

»Ich weiß wirklich sehr wenig über die derzeitige Situation,« sagte Justine und sah Mrs. Ansell an. »Bessy hat mir nur gesagt, dass Mr. Amherst seine alte Arbeit in einer Baumwollfabrik im Süden aufgenommen hat.«

Als ihre Augen sich mit denen von Mrs. Ansell trafen, schoss ihr durch den Kopf, dass diese wohl nicht glaubte, was sie sagte, und diese Wahrnehmung veranlasste sie unverzüglich, sich in sich selbst zurück zu ziehen. Mrs. Ansells Ton bestätigte gleichwohl nicht den Zweifel, den ihr Blick verriet.

»Ach – ich hatte gehofft, Sie wüssten mehr,« sagte sie bloß; »denn wie Sie habe ich von Bessy lediglich gehört, dass ihr Ehemann plötzlich davon gegangen sei, um einem Freund zu helfen, der irgend eine Fabrik in Georgia neu organisiert. Natürlich ist unter diesen Umständen solch eine vorübergehende Unterbrechung ganz selbstverständlich – vielleicht unvermeidlich – nur darf er nicht zu lange fort bleiben.«

Justine schwieg. Mrs. Ansells flüchtiger Selbstverrat hatte jede weitere Möglichkeit freimütiger Verständigung vernichtet, und die betreffende Dame hatte ihren Irrtum zu spät erkannt, um ihn noch berichtigen zu können.

Das Herz ihrer Zuhörerin jedoch machte einen Freudensprung. Aus dem, was Mrs. Ansell gesagte hatte, ging klar hervor, dass Amherst sich nicht dauerhaft gebunden hatte, da er so etwas nicht getan hätte, ohne seine Frau zu informieren. Und mit einer geheimen Glücksregung gedachte sie seiner letzten Worte zu ihr: »Ich werde an alles denken, was Sie gesagt haben.«

Er hatte sein Versprechen gehalten und danach gehandelt; trotz Bessys letztem Angriff auf seinen Stolz hatte er Nachsicht mit ihr gehabt und den Tag endgültiger Entzweiung verschoben; und das Gefühl, dass sie bei seiner Entscheidung eine Rolle gespielt hatte, erfüllte Justine mit einem Hoffnungsschimmer. Ihr Bewusstsein von Mrs. Ansells Verdacht schwand zur Bedeutungslosigkeit – Mrs. Ansell und Menschen ihrer Art mochten denken, was sie wollten, da es nur noch darauf ankam, dass sie selbst bei ihrem letzten Versuch, ihre Freunde zu retten, tapfer und umsichtig handelte.

»Ich bin nicht sicher,« fuhr Mrs. Ansell, behutsam ihre Gesprächspartnerin unter die Lupe nehmend, fort, »ob ich sein Weggehen für unklug halten soll; nur wenn er zu lange bleibt, könnte Bessy auf üblen Rat hören – auf einen Rat, der für ihr Glück verhängnisvoll wäre.« Sie hielt inne und schaute nachdenklich zum Feuer. »So weit ich weiß,« sagte sie mit derselben Miene ernsthafter Aufrichtigkeit, »sind Sie die einzige Person, die ihm dies mitteilen kann.«

»Ich?« rief Justine, während ihre bleichen Wangen sich sprunghaft verfärbten.

Mrs. Ansells Augen mieden sie weiterhin. »Meine liebe Miss Brent, Bessy hat mir etwas von den klugen Ratschlägen erzählt, die Sie ihr erteilt haben. Mr. Amherst ist also Ihr Freund. Wie ich gerade sagte: Sie sind die einzige Person, die als Verbindung zwischen ihnen handeln könnte – Sie werden diese Rolle gewiss nicht zurückweisen.«

Justine beherrschte sich. »Meine einzige ›Rolle‹, wie Sie sich ausdrücken, bestand darin, Bessy dazu zu bringen, dass … dass sie versucht, die Ansichten ihres Mannes in Betracht zu ziehen – –«

»Und haben Sie nicht Mr. Amherst denselben Rat gegeben?«

Die Augen der beiden Frauen trafen sich. »Ja,« sagte Justine nach einer Weile.

»Warum versagen Sie dann jetzt Ihre Hilfe? Es ist der kritische Moment.«

Justines Gedanken waren über das Stadium, Mrs. Ansells dezente Hartnäckigkeit übel zu nehmen, hinweg geflogen. All ihre seelischen Kräfte waren vereinnahmt von der Frage, wie sie am wirksamsten von irgend einer Einflussmöglichkeit, über die sie verfügte, Gebrauch machen könnte.

»Ich als alte Freundin stelle Ihnen als einer anderen diese Frage – werden Sie Mr. Amherst schreiben, dass er zurück kommen soll?«

Justine beachtete schon nicht mehr die Seltsamkeit dieses Ersuchens und dessen indirekte Widerspiegelung der Art von Macht, die ihr zugeschrieben wurde. Inmitten ihrer wirren Herzschläge kämpfte sie nur um ein klareres Gefühl von Orientierung.

»Nein,« sagte sie langsam. »Das kann ich nicht.«

»Sie können nicht? Wo das Glück einer Freundin auf dem Spiel steht?« Mrs. Ansell wartete einen Moment, bevor sie hinzusetzte: »Es sei denn, Sie glauben, dass Bessy durch eine Scheidung glücklicher würde?«

»Scheidung – ? Oh, nein,« sagte Justine schaudernd.

»Dazu wird es aber kommen.«

»Nein, nein! Mit der Zeit – –«

»Zeit ist das, was ich am meisten fürchte – wenn nämlich Blanche Carbury über sie verfügt.«

Justine seufzte tief.

»Sie werden schreiben?« sagte Mrs. Ansell leise und berührte sanft ihre Hand.

»Ich habe nicht den Einfluss, den Sie denken – –«

»Können Sie irgend ein Unheil anrichten, wenn Sie es versuchen?«

»Ich könnte –« Justine stockte und verlor das genaue Gespür für die benötigten Worte.

»Ach,« gab die andere zurück, »dann haben Sie also Einfluss! Warum wollen Sie keinen Gebrauch davon machen?«

Justine wartete einen Augenblick; dann fand ihre Entschlossenheit zum Wort. »Falls ich irgend einen Einfluss besitze, bin ich nicht sicher, dass es richtig wäre, ihn so zu gebrauchen, wie Sie möchten.«

»Nicht auf Mr. Amhersts Rückkehr zu drängen?«

»Nein – nicht jetzt.«

Sie empfing denselben verborgenen Schimmer von Unglauben unter Mrs. Ansells Lidern – empfing und vernachlässigte ihn.

»Es muss jetzt sein oder niemals,« insistierte Mrs. Ansell.

»Das kann ich nicht glauben,« beharrte Justine.

»Dennoch – werden Sie es versuchen?«

»Nein – nein! Es wäre fatal.«

»Für wen?«

»Für beide.« Sie dachte nach. »Wenn er jetzt zurück käme, dann weiß ich, dass er nicht bleiben würde.«

Mrs. Ansell fuhr abrupt auf sie los. »Sie wissen? Dann sprechen Sie mit Befugnis?«

»Nein – was für eine ›Befugnis‹? Ich spreche, wie ich fühle,« antwortete Justine stockend.

Die ältere der Damen stand auf. »Ach – dann liegt eine größere Verantwortung auf Ihren Schultern!« Sie näherte sich Justine und berührte sie erneut flüchtig. »Sie werden ihm nicht schreiben?«

»Nein – nein,« versetzte das Mädchen heftig; und die Stimmen der zurückkehrenden Gesellschaft veranlassten Mrs. Ansell, sich mit einer kaum wahrnehmbaren Geste der Warnung nachdenklich zum Feuer abzuwenden.


Bessy kam randvoll von den Wundern, die sie gesehen hatte zurück. Ein verglaster »Sonnenraum«, Mosaikboden, ein Marmorbrunnen zum Befüllen des Marmorbeckens – und draußen ein Wasser-Garten, in einer Folge von Terrassen absteigend, um – man konnte sehen, wie praktisch das war! – den Überfluss aus dem Becken aufzunehmen und zu nutzen. Wenn man diese Sache überhaupt anfing, warum dann nicht mit Anstand? Sie hatte auf ihr neues Auto verzichtet, hatte ihr Haus in New York sausen lassen, hatte sich hundert Mal dieses abgezwackt und bei jenem geknausert – wenn überhaupt eine Frau das Recht hatte, sich zum Ausgleich eine kleine Freude zu gönnen, dann war es gewiss sie!

Die Tage wurden mit endlosen Beratungen gefüllt. Der Architekt, Bauunternehmer, Ingenieure, ein Landschaftsgärtner und ein Dutzend untergeordneter Handwerker kamen und gingen … entrollte Entwürfe, angefeuchtete Bleistifte … man zeichnete, berechnete, argumentierte, überredete … und erfüllte Bessy mit der Furcht, unter Blanche Carburys Augen irgend welchen beschränkenden Einflüssen von ›Ökonomie‹ dienstbar zu erscheinen. Was!? Sie war eine junge Frau mit einem eigenständigen Vermögen, und sie zauderte dauernd, trug Bedenken und bezog sich heimlich auf die stumme Kritik eines unsichtbaren Richters – des Ehemanns, der sich als erster von einer gemeinsamen Abhängigkeit befreit hatte? Die abgebrühte Blanche brauchte dies gar nicht auszusprechen – sie übermittelte es durch das Heben ihrer gefärbten Brauen, durch ein spöttisch fragendes Lächeln, ein mit Vorbedacht Schweigen oder einen resignierten Blick auf den Architekten. So liefen die Kostenvoranschläge ein, wurden studiert, abgelehnt – schließlich aber doch angenommen und unterzeichnet; dann nahte die Stunde der Bezahlung, und so wurde ein gebieterisches Gesuch an Mr. Tredegar gesandt, dem die Führung von Bessys geschäftlichen Angelegenheiten übertragen worden war.

Mr. Tredegar beantwortete zur Überraschung seiner Klientin das Gesuch in eigener Person. Er war in letzter Zeit nicht mehr in Lynbrook gewesen, weil er die winterliche Kälte und Nässe auf dem Land fürchtete; und seine plötzliche Ankunft erhielt daher eine ominöse Bedeutung.

Er kam an einem Abend Mitte der Woche, als sogar Blanche Carbury abwesend war und Bessy und Justine das Haus für sich hatten. Mrs. Ansell war in der Woche zuvor mit ihrer invaliden Cousine zu Schiff abgereist. Zwischen ihr und Justine war kein weiteres Wort gewechselt worden – aber diese war sich darüber im Klaren, dass ihr Gespräch die Distanz vermehrt statt verringert hatte. Justine selbst beabsichtigte, bald fort zu gehen. Ihre Hoffnung, Bessys Vertrauen zurück zu gewinnen, hatte sich zerschlagen, und da sie erkannte, dass sie endgültig überflüssig geworden war, ärgerte sie sich erneut über ihre ziellose Untätigkeit. Sie hatte bereits ein paar Ärzte in New York angeschrieben und die Oberschwester des St. Elisabeth's. Bei Operationen hatte sie sich einen Namen gemacht, und es konnte nicht lange dauern, bis ein Ruf sie erreichte …

Mittlerweile war Mr. Tredegar eingetroffen, und die drei dinierten zusammen, wobei die beiden Frauen sich widerstandslos seinem Diskurs beugten, der nie orakelhafter und autoritativer war, als wenn er sich dem zarteren Geschlecht allein auslieferte. Amhersts Abwesenheit schien besonders den schmalen Strom von Mr. Tredegars Beredsamkeit zu lockern. Er fühlte sich nie ganz behaglich in der Gegenwart eines unabhängigen Geistes, und Justine dachte oft, dass es, sogar wenn die beiden Männer nichts von den Ansichten des anderen gewusst hätten, zwischen ihnen eine instinktive und nicht verminderbare Feindseligkeit gegeben hätte – sie hätten einander nicht leiden können, auch wenn sie bloß auf der Straße mit den Ellbogen aneinander gestoßen wären.

Obwohl nun Mr. Tredegar sogar von Amhersts Gegenwart befreit war, zog er dennoch eine sich verdunkelnde Braue empor; und als Justine nach dem Dinner entschwand, spürte sie, dass sie Bessy bei etwas Ernsterem als der üblichen geschäftlichen Besprechung zurück ließ.

Wie ernst diese war, sollte sie noch in derselben Nacht erfahren, als ihre Freundin in den frühen Morgenstunden tränenüberströmt bei ihr hereinplatzte. Bessy war ruiniert – ruiniert – das war es, weshalb Mr. Tredegar zur ihr gekommen war! Sie hätte wissen müssen, dass er nicht wegen einer Lappalie nach Lynbrook gereist wäre … Sie hatte erwartet, sich einschränken zu müssen – hatte mit der Warnung gerechnet, dass sie »auskommen« müsse, welch schreckliches Wort! … Aber das! Das war unglaublich! Unerträglich! Es gab kein Geld, um die Sporthalle zu bauen – überhaupt keins! Und das alles, weil es in Westmore 'reingesteckt worden war – wegen der lächerlichen Veränderungen dort, Veränderungen, die niemand brauchte, niemand gut geheißen hatte – die Truscomb und all die anderen Experten abgelehnt und verhöhnt hatten von Anfang an – diese Veränderungen, obwohl sie abgeschwächt und gestoppt worden waren, hatten bereits so viel von ihrem Einkommen geschluckt, dass es Jahre – ja, er sagte Jahre! – dauern könnte, bis sie sich wieder frei fühlen würde – frei in der Verfügung über ihr eigenes Vermögen, Cicelys Vermögen … das Geld, das der arme Dick Westmore zur Freude seiner Frau und seines Kindes bestimmt hatte!

Justine lauschte ängstlich diesem konfusen Ausbruch von Ressentiments. Bessy war ein fehlendes Fassungsvermögen für Zahlen angeboren; deshalb war es durchaus möglich, dass die Tatsachen für sie überraschend kamen – dass sie die vorübergehende Reduzierung ihres Einkommens vollkommen vergessen und statt dessen begonnen hatte sich vorzustellen, dass sie das, was sie in einer Beziehung sparte, dafür in einer anderen ausgeben konnte. All das war vorstellbar. Aber warum hatte Mr. Tredegar ein so dunkles Bild der Zukunft gemalt? Oder war es so, dass Bessy, der ihr unmittelbares Verlangen vereitelt wurde, bloß aus Enttäuschung den entferntesten Rand des Horizonts geschwärzt hatte? Obwohl Justine der Mangel an Durchblick bei ihrer Freundin bewusst war, hatte sie den Verdacht, dass eine Hand aus dem Hinterhalt geholfen hatte, die Aussichten so aus der Bahn zu werfen …

Wäre es demnach möglich, dass Mr. Tredegar zu denen gehörte, die eine Scheidung wünschten? Dass die Einflüsse, auf die Mrs. Ansell angespielt hatte, nicht bloß von Blanche Carbury und ihrer Gruppe ausgingen? Hilflos inmitten dieser andrängenden Vorahnungen konnte Justine nicht mehr tun, als zu beschwichtigen und zu bändigen – zu argumentieren, wäre nutzlos gewesen. Ihr war vorher nie klar gewesen, wie vollständig sie bei Bessy ihren Einfluss eingebüßt hatte.

»Diese Demütigung – vor meinen Freunden! Oh, ich bin gewarnt worden … mein Vater, jeder … um Cicelys willen bin ich gewarnt worden … aber ich wollte nicht hören – und jetzt! Von Anfang an war es alles, worum er sich kümmerte – sogar in Europa hat er mich dauernd zu Fabriken geschleppt. Mich! – Ich war nur die Besitzerin von Westmore! Er wollte Macht – Macht, das ist alles – als er sie verlor, verließ er mich … oh, ich bin jetzt froh, dass mein Baby tot ist! Froh, dass es nichts zwischen uns gibt – nichts, nichts in der ganzen Welt, das uns länger aneinander bindet!«

Das Missverhältnis zwischen diesem heftigen Gram und seinem trivialen Anlass hätte Justine einfach als grotesk empfunden, hätte sie nicht erkannt, dass der Vorfall mit der Sporthalle, der mit gesteigertem Druck auf eine Serie ähnlicher Episoden folgte, Bessy wie das Ausstrecken einer vergeltenden Hand erschien – eine spöttische Mahnung, dass sie noch immer in den Folgen ihrer unglücklichen Ehe gefangen war.

Eine solche Torheit glich dem Beweinen von Vergangenem – sie erkältete Justines Mitgefühl bis hin zur Verachtung, bis sie sich erinnerte, dass die Quellen unseres Kummers manchmal edler sind als ihre Ausdrucksformen, und dass ein ungestilltes Liebesbedürfnis in seiner Ratlosigkeit vielleicht der wirkliche Anlass von Bessys Zorn auf ihren Ehemann war.

Auf jeden Fall war der Zeitpunkt ein kritischer, und Justine versetzte es einen Stich, als sie daran dachte, dass Mrs. Ansell einen solchen Fall vorhergesehen und sie beschworen hatte, Maßnahmen dagegen zu ergreifen. Sie hatte abgelehnt, aus aufrichtiger Furcht, eine endgültige Entfremdung zu beschleunigen – aber hatte sie mit ihrer ach so logischen Beurteilung der Situation Recht gehabt? Bei einem Geschöpf mit Bessys gefühlsmäßigen Ungewissheiten war das Ergebnis streitender Einflüsse eigentlich unberechenbar – es konnte immer noch sein, dass zum jetzigen Zeitpunkt Amhersts Rückkehr einen Umschwung zu einer günstigen Gefühlslage zu Stande brächte …

Justine saß da und grübelte über dies, nachdem sie ihre Freundin erschöpft auf einem tränenfeuchten Kissen zurückgelassen hatte. Sie spürte, dass sie vielleicht die Situation in zu großem Stil untersucht hatte – dass die Frage, ob es je wieder ein Glück für dieses gepeinigte Paar geben könne, mit denen, die für ihr Wohlergehen kämpften, nichts zu tun hatte. Die meisten Ehen sind Flickwerke aus sich beißenden Geschmäckern und schlecht abgestimmten Bestrebungen – wenn sich hier und da für einen Augenblick zwei Farben mischen, zwei Texturen sich ähneln, um so besser für das Muster! Justine konnte gewiss in einer Wiedervereinigung kein sicheres Glück für einen ihrer Freunde ausmachen; aber sie glaubte an eine sichere Katastrophe für Bessy im Falle der Trennung von ihrem Ehemann …

Plötzlich erhob sie sich von ihrem Sessel am zusammensinkenden Feuer und schritt hinüber zum Schreibtisch. Sie würde Amherst selbst schreiben – sie würde ihm sagen, er solle kommen – die Freude am Handeln verführte sie so oft zum unmittelbaren Glauben an seine Resultate!

»Lieber Mr. Amherst,« schrieb sie, »als ich Sie zuletzt traf, sagten Sie mir, Sie würden an das denken, was ich sagte. Ich bitte Sie, dies nun auch zu tun – daran zu denken, dass ich in Sie drang, nicht zu lange fort zu bleiben. Ich glaube, Sie sollten jetzt zurück kommen, obwohl ich weiß, dass Bessy Sie nicht darum bitten wird. Ich schreibe ohne ihr Wissen, aber mit der Überzeugung, dass sie Sie braucht, obwohl sie es vielleicht selbst nicht weiß …«

Sie unterbrach sich und legte ihren Stift zur Seite. Warum machte es sie so glücklich, ihm zu schreiben? War es ausschließlich das Gefühl wieder erlangter Hilfsbereitschaft, oder etwas Wärmeres, Persönlicheres, das es zu einer Freude machte, seinen Namen zu schreiben und ihn an ihren letzten vertrauten Wortwechsel zu erinnern? Nun – vielleicht war es das auch. Es gab Momente, in denen sie so tödlich einsam war, dass eine mitfühlende Berührung mit einem anderen Leben ihr ein Glühen in die Adern sandte – dass sie dankbar war, sich selbst an irgend einem Feuer zu wärmen.


 

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