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Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 23
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
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XXII.

Als Amherst am nächsten Morgen in dem Hotel erwachte, zu dem er von Lynbrook aus hingefahren war, bedrückte ihn das Gefühl, dass der härteste Schritt, den er tun musste, noch vor ihm lag. Es war beinahe leicht gewesen zu entscheiden, dass die Zeit für die Trennung gekommen war, da die Umstände jedes andere Ergebnis aus dieser unglücklichen Lage ausgeschlossen hatten; aber wie sollte er seiner Frau diese Entscheidung beibringen? Amherst, für den das Handeln an erste Stelle im Leben stand, wurde zu einem schwachen Zauderer, wenn es darum ging, zu schreiben statt zu sprechen.

Zur Erklärung seiner plötzlichen Abreise von Lynbrook hatte er als Nachricht hinterlassen, dass er geschäftlich nach New York abberufen worden sei; da er jedoch nicht zurück zu kehren beabsichtigte, war nun eine weiter gehende Erklärung vonnöten, und die Schwierigkeit, sie schriftlich zu formulieren, lähmte ihn. Er hatte seinem Freund bereits telegraphiert, dass er am nächsten Tag in der Fabrik sein werde; doch der Southern Express fuhr erst am Nachmittag, und es verblieben noch mehrere Stunden, um zu überlegen, was er seiner Frau mitteilen sollte. Um die gefürchtete Aufgabe aufzuschieben, verfiel er auf den Vorwand, gewisse Geschäfte besorgen zu müssen, nahm die U-Bahn zur Wall Street und verbrachte den Vormittag in unnützen Betätigungen. Seit dem Verzicht auf seine Arbeit in Westmore besaß er keine aktive Beziehung mehr zur Finanzwelt, und um zwölf Uhr hatte er seine imaginären Angelegenheiten erledigt und fuhr wieder stadteinwärts. Er stieg am Union Square aus und ging die Fourth Avenue entlang, nunmehr entschlossen, zum Hotel zurückzukehren und seinen Brief vor dem Mittagessen zu schreiben.

An der 26. Straße war er auf die Madison Avenue eingebogen und mit dem unbeweglichen Auge und der ziellosen Hast eines Mannes voran geschritten, der leere Stunden zu füllen hat, als ein Hansom Ein niedrig aufgehängter, zweiräderiger, zweisitziger überdachter Wagen mit nur einem Pferd sowie einem Kutscher, 1850/55 von dem britischen Architekten J. A. Hansom (1803-82) entworfen. direkt vor ihm anhielt und Justine Brent heraussprang. Sie war gepflegt gekleidet, wie zu einer Reise, und trug einen kleinen Koffer in der Hand; doch als sie ihn sah, blieb sie mit einem Freudenschrei stehen.

»Oh, Mr. Amherst, ich bin so froh! Ich hatte schon gefürchtet, Sie zum Abschied nicht mehr zu sehen.«

»Zum Abschied?« Amherst blieb betreten stehen. Wie hatte sie erraten, dass er nicht mehr nach Lynbrook zurückzukehren beabsichtigte?

»Wie Sie wissen,« erinnerte sie ihn, »besuche ich für zehn Tage ein paar Freunde in der Nähe von Philadelphia« – und er erinnerte sich verwirrt, dass er sie vor langer Zeit – wahrscheinlich gestern vormittag – von ihrer Besuchsabsicht hatte sprechen hören.

»Ich hatte keine Ahnung,« sprach sie weiter, »dass Sie gestern nach New York gekommen sind, sonst hätte ich Sie vor Ihrer Abfahrt zu treffen versucht. Ich wollte Sie bitten, mir ein paar Zeilen zu schreiben, wenn Bessy mich braucht – ich werde sofort zurück kommen, wenn es so ist.« Amherst hörte weiter verblüfft zu, als quäle er sich in dem Bemühen, ein Bewusstsein von dem zu gewinnen, was ihm gerade gesagt wurde, und sie fuhr fort: »Sie wirkte so nervös und unpässlich gestern abend – und es tat mir so leid, dass ich mich zu der Reise entschieden hatte – –«

Ihr eindringlicher Blick gemahnte ihn daran, dass die Empfindungen der letzten vierundzwanzig Stunden noch in seinem Gesicht erkennbar sein mussten; und der Gedanke an das, was sie etwa entdecken mochte, half ihm, seine Selbstbeherrschung wieder herzustellen. »Sie dürfen nicht daran denken, Ihren Besuch aufzugeben,« begann er eilig – er hatte eigentlich »wegen Bessy« hinzufügen wollen, war jedoch nicht im Stande, den Namen seiner Frau auszusprechen.

Justine schaute ihn immer noch an. »Oh, ich gehe davon aus, dass alles wieder ins Lot kommt,« erwiderte sie. »Sie kehren heute nachmittag zurück, nehme ich an? Ich habe ihnen einen kleinen Brief hinterlassen, mit meiner Adresse, und ich möchte, dass Sie mir versprechen – –«

Sie hielte inne, denn Amherst machte eine Bewegung, als ob er sie unterbrechen wolle. Das alte konfuse Gefühl, dass es stets Wahrheit zwischen ihnen geben müsse, kämpfte in ihm mit den starken Hemmnissen von Gewohnheit und Charakter; und plötzlich, bevor er sich bewusst war, sich zum Sprechen entschieden zu haben, hörte er sich selbst sagen: »Ich sollte Ihnen wohl mitteilen, dass ich nicht zurück gehen werde.«

»Nicht zurück gehen?« Eine Vorahnung zuckte wie ein Blitz über Justines Gesicht. »Nicht vor morgen, meinen Sie?« fügte sie, sich fassend, hinzu.

Amherst zögerte und schaute ungewiss die Straße auf und nieder. Zur Mittagsstunde war sie nahezu menschenleer, und Justines Fahrer döste auf seinem Sitz im Hansom. Sie konnten fast so offen reden, als wären sie auf einem der Waldwege in Lynbrook.

»Auch nicht morgen,« sagte Amherst leise. Nach einer Weile fügte er hinzu: »Es mag einige Zeit dauern, bevor –« Er brach ab, dann fuhr er mit einiger Mühe fort: »Ich denke eigentlich daran, zu meiner alten Arbeit zurück zu kehren.«

Sie ging überrascht mit einem Ausruf der Sympathie auf ihn ein. »Ihre alte Arbeit? Sie meinen in – –«

Ein rasche schmerzliche Anspannung in seinem Gesicht bremste sie. »Das nicht! Ich meine, dass ich daran denke, eine neue Stelle anzunehmen – als Geschäftsführer einer Fabrik in Georgia … Es ist das Einzige, wovon ich etwas verstehe, und ich muss etwas tun –« Er lachte gezwungen. »Die Gewohnheit zu arbeiten ist unheilbar!«

Justines Gesicht war hierbei ernst geworden. Sie zögerte einen Moment und schaute die Straße hinab auf eine Seite des Madison Square, die von der Ecke, wo sie standen, sichtbar war.

»Wollen Sie mit mir zum Square zurück gehen? Da können wir uns einen Moment hinsetzen.«

Während sie sprach, ging sie los, und er schritt schweigend an ihrer Seite, bis sie zu der angedeuteten Bank gekommen waren.

Als Amherst sich neben sie gesetzt hatte, wandte sich Justine ihm mit einer Miene ruhiger Entschlossenheit zu. »Mr. Amherst – darf ich Sie etwas fragen? Ist dies eine plötzliche Entscheidung?«

»Ja. Ich habe mich gestern entschieden.«

»Und Bessy – –«

Sein Blick senkte sich zum ersten Mal, aber Justine blieb beharrlich. »Bessy stimmt zu?«

»Sie – sie wird es, denke ich – wenn sie weiß – –«

»Wenn sie weiß?« Die Erregung verfärbte ihr Gesicht. »Wenn sie weiß? Dann weiß sie es nicht – noch nicht?«

»Nein. Das Angebot kam plötzlich. Ich musste sofort los.«

»Ohne sie zu sprechen?« Sie schnitt ihm das Wort mit einer raschen befehlenden Geste ab. »Mr. Amherst, das können Sie nicht tun – Sie werden es nicht tun! Sie werden nicht weg gehen, ohne mit Bessy zu sprechen!« sagte sie.

Ihre Augen suchten seine, zogen sie hoch und zwangen sie, dem vollen Strahl ihres tadelnden Blicks zu begegnen.

»Ich muss tun, was unter den herrschenden Umständen am besten scheint,« antwortete er zögernd. »Sie wird natürlich von mir hören; ich werde heute schreiben – und später – –«

»Nicht später! Jetzt – sie werden nach Lynbrook zurückkehren! So etwas kann man nicht durch Schreiben erledigen – wenn es überhaupt gesagt werden muss, muss es ausgesprochen werden. Erzählen Sie mir nicht, dass ich es nicht verstehe – oder dass ich mich in etwas einmische, das mich nichts angeht. Das ist mir völlig gleichgültig! Ich hab' mich immer in Sachen eingemischt, die mich nichts angingen – und ich werd' es vermutlich weiter tun, bis ich tot bin! Und ich versteh' genug von allem, um zu wissen, dass Bessy sehr unglücklich ist – und dass Sie der Klügere und Stärkere von beiden sind. Ich weiß, was es für Sie bedeutet hat, ihre Arbeit aufzugeben – sich nutzlos zu fühlen,« sie unterbrach sich mit einem besänftigenden Blick, »und ich weiß, Sie haben's versucht … ich hab' Sie beobachtet … aber Bessy hat's auch versucht; und selbst, wenn Sie beide gescheitert sind – wenn Sie ans Ende Ihrer Reserven gekommen sind – Sie müssen der Tatsache ins Auge schauen und ihr dabei helfen, es auch zu tun – und nicht einfach weglaufen, so wie jetzt!«

Amherst saß schweigend da unter ihrem redegewandten Angriff. Er war sich keiner instinktiven Feindseligkeit bewusst, keines Gefühls, dass sie sich, wie sie gestand, in Angelegenheiten einmischte, die sie nichts angingen. Seine abebbende Energie belebte sich wieder durch den Schock ihrer Leidenschaftlichkeit, die seiner eigenen glich. Sie war nicht davor zurück geschreckt, ihn einen Feigling zu nennen – und es geschah ihm recht, von ihr so genannt zu werden! Ihre Worte gaben dem Leben wieder seine richtige Perspektive und stellten die Bedeutung der alten Begriffe wieder her: Wahrheit, Männlichkeit und Mut. Er hatte so lange unter Mehrdeutigkeiten gelebt, dass er vergessen hatte, wie man einer Tatsache ins Auge sah; aber hier gab es eine Frau, die das Leben nach ihren eigenen Maßstäben beurteilte – und auf Grund solcher Maßstäbe hatte sie bemerkt, was ihm fehlte!

Noch konnte er die letzten bitteren Stunden nicht vergessen oder seine Meinung ändern, dass ein Versuch, in Lynbrook zu bleiben, nutzlos sei. Er spürte ebenso stark wie zuvor die Notwendigkeit moralischer und geistiger Befreiung – das Recht, wieder ein Leben nach seinen eigenen Begriffen zu führen. Justine Brent hatte ihm indes bewusst gemacht, dass sein erster Schritt zur Selbstbehauptung in sich unschlüssig war, weil er seinen Resultaten zu entfliehen versuchte.

»Sie haben Recht – ich werde zurück gehen,« sagte er.

Sie dankte ihm mit ihren Augen, wie sie es auf der Terrasse in Lynbrook getan hatte an jenem Herbstabend, der Zeuge ihres ersten abgebrochenen Austauschs von Vertraulichkeiten gewesen war; und ihn machte wiederum die Veränderung betroffen, die durch Gefühle in ihr hervorgerufen wurde. Empfindungen zuckten blitzartig über ihr Gesicht wie das Dahinstreichen von durchsonnten Wolken über eine ruhige Landschaft, die das Glühen verborgenen Wassers, die Glut glimmender Farben und all die zarten Köstlichkeiten der Formenbildung, die unter dem Licht eines offenen Himmels verloren gehen, mit sich führen. Und es war außergewöhnlich, wie sie einen Grundsatz mit der warmen Farbe der Leidenschaft zu durchtränken vermochte! Wenn Handeln für die meisten eine kalte Angelegenheit gesellschaftlicher Klugheit oder ererbter Gewohnheit darstellte, dann war es für sie immer die jedesmal neu entdeckte Frage nach ihrer eigenen Beziehung zum Leben – und wenn die meisten Frauen die großen Kernfragen nur aus der Perspektive ihrer eigenen Bedürfnisse und Vorteile betrachten, schien sie ihre persönlichen Wünsche stets im Licht größerer Zusammenhänge zu sehen.

»Ich glaube aber nicht,« fuhr Amherst fort, »dass irgend etwas mich überzeugen könnte, meine Entscheidung zu ändern. Diese Monate der Nutzlosigkeit haben mir gezeigt, dass ich zu denjenigen Mitgliedern der Gesellschaft gehöre, die zu einer Gefahr für die Gemeinschaft werden, wenn sie sich nicht in die Tretmühle der Arbeit begeben – –«

Justine ließ nachdenklich ihre Augen sinken, und er begriff, dass sie gerade die Reaktion der Befangenheit durchlief, die stets ihren Ausbrüchen ungeplanter Offenherzigkeit folgte.

»Das kann ich nicht beurteilen,« antwortete sie nach einer Weile. »Aber wenn Sie sich entscheiden, für eine gewisse Zeit fort zu gehen – dann sollte es jedenfalls so geschehen, dass kein falsches Licht auf Bessy fällt oder sie unfreundlicher Kritik aussetzt wird.«

Amherst errötete leicht und schaute sie überrascht an. »Ich denke nicht, dass Sie dies fürchten müssen – ich werde der einzige sein, den man kritisiert,« sagte er trocken.

»Sind Sie sicher – wenn Sie so eine Position einnehmen wie die, von der Sie gesprochen haben? So wenige Leute verstehen die Liebe zu harter Arbeit um ihrer selbst willen. Sie werden sagen, dass Ihr Streit mit Ihrer Frau Sie dazu getrieben hat, Ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten – und das wird grausam für Bessy sein.«

Amherst zuckte die Schultern. »Sie werden wahrscheinlich eher sagen, ich hätte versucht, den feinen Herrn zu spielen, sei daran gescheitert und nun nicht zufrieden, bevor ich zu meinem alten Leben zurückkehre,« setzte er mit einer Spur Ironie hinzu.

»Sie könnten auch das sagen; aber zuerst werden sie Bessy leiden lassen – und es wird Ihre Schuld sein, wenn sie auf diese Weise gedemütigt wird. Wenn Sie sich entscheiden, sich für eine gewisse Zeit Ihrer Fabrikarbeit zu unterziehen: können Sie das tun, ohne – ohne eine Vergütung anzunehmen? Oh, Sie sehen, ich schrecke vor nichts zurück,« sie brach in ein Lachen über sich selbst aus, »und Bessy hat Dinge gesagt, die mich erkennen lassen, dass sie fürchterlich leiden würde, wenn – wenn Sie sie in ein solches Licht stellen würden.« Er verharrte schweigend, und sie fuhr drängend fort: »Aus Bessys Standpunkt würde es einen endgültigen Bruch darstellen – die Ablehnung Ihrer gesamten Vergangenheit. Und es ist eine Frage, bei der Sie es sich leisten können, großzügig zu sein, weil ich weiß … ich glaube … dass es in Ihren Augen weniger bedeutet als in Bessys …«

Amherst sah sie rasch an. »Sie meinen jene besondere Form von Verschulden?«

Sie lächelte. »Sie ist am leichtesten zu tilgen und macht damit am wenigsten Ärger; ist das nicht Ihre Art, dies zu betrachten?«

»Früher hab' ich's so gemacht – ja; aber –« Er war versucht hinzuzufügen: »Niemand in Lynbrook tut es,« aber die in ihren Augen aufblitzende Einsicht hielt ihn davon ab, während sie gleichzeitig zu antworten schien: »Darauf will ich hinaus! Ihre Begrenztheit zu erkennen, bedeutet sie mit einzukalkulieren, da jede Erkenntnis eine entsprechende Verpflichtung nach sich zieht.«

Sie versuchte nicht, das durch ihren Blick bekundete Argument in Worte zu fassen, sondern erhob sich von ihrem Platz mit einem flinken Blick auf ihre Uhr.

»Und jetzt muss ich los, oder ich verpasse meinen Zug.« Sie streckte ihre Hand aus, und als Amherst sie nahm, sagte er leise, als antworte er auf ihre unausgesprochene Bitte: »Ich werde an alles denken, was Sie gesagt haben.«


Es war für Amherst eine neue Erfahrung, unter dem Druck eines anderen Willens zu handeln; aber während seiner Rückfahrt nach Lynbrook an diesem Nachmittag spürte er schiere Erleichterung, sich diesem Druck preiszugeben, und diese Kapitulation führte nicht zu einem Gefühl von Schwäche, sondern von wieder gewonnener Energie. Es lag nicht in seiner Natur, seine Beweggründe zu analysieren oder seine Kräfte damit zu verschwenden, fein ausbalancierte Alternativen des Verhaltens abzuwägen; und obwohl er in den letzten ziellosen Monaten allmählich über jede Quelle des Handelns in sich selbst und in andern gegrübelt hatte, entschwand diese Tendenz mit einem Mal angesichts der zu verrichtenden Tat. Es war, als ob ein Nebenfluss, der seine kristallene Fahrt inmitten der Hügel gewonnen hatte, sich plötzlich in das stehende Gewässer seines Willens ergösse; und er erkannte nun, wie dick und trübe dieses Gewässer geworden war – wie voll von jenem aus Schlamm gezeugten Leben, das die Quellen des Mutes erstickt.

Sein Verlangen richtete sich jetzt nur darauf, großzügig zu seiner Frau zu sein: die volle Wucht dessen zu ertragen, was ihre Trennung brachte. Justine hatte gesagt, dass Bessy nervös und unglücklich wirke: es war daher klar, dass sie auch an den Wunden litt, die sie sich gegenseitig zugefügt hatten, wenn sie auch zuletzt ihre unbewegte Außenseite bewahrte. Das arme Kind! Vielleicht war das fühllose Äußere die einzige Möglichkeit für sie, Mut zum Ausdruck zu bringen! Es schien Amherst, dass alle Mittel, feinere Regungen zu bekunden, in der Atmosphäre von Lynbrook langsam verkümmern mussten.

Als er sich seinem Bestimmungsort näherte, waren alle seine Gedanken an sie voller Mitleid: nichts war geblieben von dem persönlichen Groll, durch den ihre Trennung entwürdigt worden war. Er hatte aus New York telephoniert, um die Stunde seiner Rückkehr anzukündigen, und als er aus dem Bahnhof kam, hatte er fast damit gerechnet, sie in dem Brougham Automobiltyp um 1900. Ursprünglich eine einspännige, vierrädrige, geschlossene Kutsche, um 1840 entwickelt, deren Aufbau von verschiedenen Autoherstellern seit den 1890er Jahren übernommen und weiter entwickelt worden war. sitzen zu sehen, der wegen seiner Scheinwerfer in der frühen Dämmerung erkennbar war. Es würde ihr ähnlich sehen, eine solche Gefühlsreaktion durchzumachen und sie nicht in Worten auszudrücken, sondern einfach ihre Beziehung wieder aufzunehmen, als hätte es keinen Bruch in ihr gegeben. Er hatte einst diese Art von Wiederaufnahme als Zeichen von Leichtfertigkeit verdammt, als Ergebnis jener kontinuierlichen Umgehung von ernsten Sachverhalten, die das Leben in Bessys Welt zu einer dünnen Kruste von Gewohnheit über gedanklicher Leere machte. Jetzt allerdings sah er ein, dass diese, wenn sie ein Produkt ihrer Umgebung war, nur ein anderes Gebiet ihrer ›Wohltätigkeit‹ erzeugte und jede Regung natürlichen Fühlens, das den nivellierenden Druck ihres Lebens überdauert hatte, um so kostbarer machte. Als er sich dem Brougham näherte, sagte er in Gedanken zu sich: »Und wenn ich's noch 'mal versuche?«

Bessy war nicht gekommen, ihn abzuholen; aber er sagte sich, dass er sie allein zu Hause finden und ihr sofort sein Geständnis machen werde. Als der Wagen zwischen den Lichtern auf den großen steinernen Torpfosten durchfuhr und am kahlen Gebüsch der Straße vorbei rollte, fühlte er, wie sich sein Herz einen Moment zusammenzog – ein Gefühl, als tappe er zurück in die Falle, aus der er sich gerade selbst mit einem Ruck befreit hatte – eine Vorahnung, wie die sanfte, systematisierte Routine der Lebensweise seiner Frau ihn wohl in seine Auflehnung zurück reißen mochte, so wie damals die Hand eines sorglosen Arbeiters ergriffen und in einen rotierenden Treibriemen gerissen worden war In Kapitel I ist Dillon nach Amhersts Darstellung allerdings mit seiner Hand nicht in einen Treibriemen geraten, sondern in einen der Textilkämme hinter sich.

Doch hielt dies nur einen kurzen Moment an; dann richteten sich seine Gedanken wieder auf Bessy. Sie war es, auf die er Rücksicht zu nehmen hatte – dieses Mal musste er stark genug für sie beide sein.

Der Butler empfing ihn, flankiert von dem gewöhnlichen Aufgebot an Lakaien, auf der Schwelle; und als er sah, wie sein Koffer zeremoniell von Hand zu Hand wanderte, fühlte Amherst erneut die eiserne Schlinge um seinen Nacken.

»Ist Mrs. Amherst im Salon, Knowles?« fragte er.

»Nein, Sir,« sagte Knowles, der ein zu hohes Gefühl seines Amtes besaß, um von sich aus eine Information preiszugeben, die über bloße Fakten hinausging.

»Ist sie dann in ihr Wohnzimmer gegangen?« fuhr Amherst fort und wandte sich dem breiten Bogen der Treppe zu.

»Nein, Sir,« sagte der Butler langsam; »Mrs. Amherst ist fortgegangen.«

»Fortgegangen?« Amherst hielt kurz an und starrte verblüfft dem Mann in sein maskenhaft glattes Amtsgesicht.

»Diesen Nachmittag, Sir; nach Mapleside.«

»Nach Mapleside?«

»Ja, Sir, mit dem Auto – um bei Mrs. Carbury zu bleiben.«

Einen Augenblick herrschte Schweigen. Alles war so schnell geschehen, dass Amherst mit dem doppelten Sehvermögen, das in solchen Momenten auftritt, bemerkte, dass der dritte Lakai – oder war es der vierte? – gerade seinen Koffer einer hemdsärmeligen Hand hinter die Tür weiter reichte, die zum Dienstbotenflügel führte …

Er riss sich zusammen und schaute auf die große Uhr. Es war gerade sechs. Er hatte von New York um zwei telephoniert.

»Wann fuhr Mrs. Amherst ab?«

Der Butler besann sich. »Kurz vor vier, Sir. Die Zofe nahm den Drei-Uhr-Vierzig-Zug mit dem Gepäck.«

Mit dem Gepäck! Also war es nicht bloß ein Besuch mit nur einer Übernachtung. Das Blut stieg Amherst langsam ins Gesicht. Die Lakaien waren verschwunden, aber sogleich öffnete sich die Tür an der Rückseite der Eingangshalle, und einer von ihnen kam heraus und trug ein kunstvoll zusammengestelltes Teebrett ins Rauchzimmer. Die Routine des Hauses lief einfach weiter, als sei nichts geschehen … Der Butler schaute Amherst respektvoll – zu respektvoll – fragend an, und dieser wurde sich plötzlich bewusst, dass er bewegungslos mitten in der Halle stand und eine letzte, unerträgliche Frage auf seinen Lippen hatte.

Nun – sie musste ausgesprochen werden! »Hat Mrs. Amherst meine telephonische Nachricht erhalten?«

»Ja, Sir. Ich habe sie ihr selbst übermittelt.«

In seiner Verwirrung kam Amherst auf den Gedanken, dass ein ›wohlerzogener Mann‹ – so wie Lynbrook diesen Ausdruck verstand – an diesem Punkt durch eine verspätete Finte vorgetäuscht hätte, dass er im Vertrauensverhältnis zu seiner Frau stehe und bei genauerem Nachdenken keinen Grund habe, über ihre Abreise überrascht zu sein. Es war demütigend, nahm er an, so entblößt in seiner Niederlage vor seinen Angestellten zu stehen – er konnte erkennen, dass sogar Knowles von der offenkundigen Ungehörigkeit der Situation berührt war – aber kein Vorwand bot sich seinem Verstand dar, und nach einer weiteren Zeitspanne des Schweigens wandte er sich langsam zur Tür des Rauchzimmers.

»Meine Briefe sind wahrscheinlich hier?« fragte er, auf der Schwelle wartend, nach; und auf die zustimmende Antwort des Butlers sagte er sich mit einer letzten Anstrengung, sein Urteil noch aufzuschieben: »Sie hat ein paar Zeilen hinterlassen – sie werden einiges erklären – –«

Aber da war nichts – kein Wort, keine Botschaft; nichts außer dem widerhallenden Schlag ihrer Abreise angesichts seiner Rückkehr – ihre Flucht zu Blanche Carbury als endgültige Antwort auf seine letzte Bitte.


 

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