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Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 22
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
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XXI.

In der ersten Rückwirkung auf ihren kurzen Irrtum in Bezug auf Stephen Wyant akzeptierte Justine mit Anstand die Notwendigkeit, in Lynbrook zu verweilen. Obgleich es ihr inzwischen gut genug ging, um zu ihrer gewöhnlichen Arbeit zurück zu kehren, hatte ihr Gespräch mit Amherst ihr das Gefühl vermittelt, dass sie gegenwärtig von größerem Nutzen wäre, wenn sie bei Bessy bliebe; und sie bereute es nicht, eine weitere Periode des Aufschubs und Nachdenkens zu erhalten, bevor sie den nächsten Schritt in ihrem Leben tat. Das waren zuletzt die Gründe für ihre Entscheidung, nicht fort zu gehen; und wenn irgend welche weniger vordergründigen darunter lauerten, dann blieben sie ihr trotz genauer Selbstbefragung unsichtbar.

Anfangs waren ihr die unausweichlichen Begegnungen mit Dr. Wyant peinlich; an der Wirkung ihrer endgültigen Zurückweisung auf ihn konnte sie sich nicht schuldlos fühlen. Sie hatte ihr Versprechen, ihn am Tag nach ihrer Begegnung am Postamt zu treffen, nicht eingehalten, sondern statt dessen einen Brief geschrieben, dessen Aussage eindeutig jedes weitere Treffen unnötig machte. Ihr ganzes Bemühen, die Schroffheit ihrer Antwort zu lindern, konnte indes weder ihr noch ihrem Anbeter verhehlen, dass es nicht die war, die sie ihm in Aussicht gestellt hatte; und sie sah voraus, dass sie einer Szene mit gegenseitigen Schuldzuweisungen nicht ausweichen könnte, sofern sie in Lynbrook blieb.

Als diese Szene sich abspielte, sprach Wyants Rolle in ihr stark dafür, ihre Entscheidung zu rechtfertigen; seine heftigen Vorwürfe enthielten allerdings ein Körnchen Wahrheit, das hinreichte, ihren Stolz zu demütigen. Es war ein Glück für ihr etwas überzogenes Gerechtigkeitsgefühl, dass er übers Ziel hinausschoss, indem er sie der Koketterie bezichtigte, die sie ihres Wissens sich nicht hatte zu Schulden kommen lassen, und ihr die Verantwortung für alle Torheiten auferlegte, zu denen ihre Zurückweisung ihn treiben könnte. Solche Drohungen wirken in aller Regel nicht mehr auf die weibliche Vorstellungskraft; gleichwohl führte Justines Mitleid mit allen Formen der Schwäche sie, trotz aller hitzigen Verachtung für Wyant, zu der Erkenntnis, dass seine Vorwürfe nicht bloß der Aufschrei verletzter Eitelkeit waren, sondern der Appell eines Geschöpfs, das sich seines Mangels an heilsamer Kraft bewusst war. Sie hatte den Eindruck, als ob sie ihm nicht wieder gut zu machendes Leid zugefügt habe, und dieses Gefühl hätte sie verführen können, zu großes Mitleid zu zeigen, wäre sie nicht von einer gesunden Furcht vor dem Ergebnis zurück gehalten worden.

Der Zustand von Bessys Nerven machte häufige Besuche ihres Arztes nötig; Justine konnte sich aber bei diesen Gelegenheiten gewöhnlich hinter einer beruflichen Reserviertheit verschanzen, die sogar Wyant von jeder offenen Gefühlsaussprache abhielt. Trotzdem waren sie eines Tages doch allein zusammen, da Bessy von ihrem Ausritt noch nicht zurück gekehrt war. Das Dienstmädchen hatte Wyant zur Bibliothek geführt, wo Justine gerade schrieb, und nachdem sie die Fragen zu seiner Patientin beantwortet hatte, befanden sie sich einander gegenüber in einer peinlichen Wartezeit. Justine war zu stolz, diese durch Verlassen des Raumes abzukürzen; Wyant jedoch beantwortete ihre Gemeinplätze aufs Geratewohl, schritt unbehaglich zwischen Fenster und Kamin hin und her und blieb schließlich hinter dem Tisch, an dem sie saß, stehen.

»Darf ich fragen, wie lange Sie hier noch bleiben wollen?« fragte er leise, wobei sich seine Augen unter den düster hervorspringenden Brauen verdunkelten.

Als sie überrascht aufschaute, stellte sie zum ersten Mal eine eigenartige Kontraktion seiner Pupillen fest, und dieser Befund, der ihr durch berufliche Erfahrung nur zu vertraut war, ließ sie die Abruptheit seiner Frage vernachlässigen und milderte den Ton ihrer Antwort. »Ich weiß es noch nicht – ich nehme an, so lange, wie ich gebraucht werde.«

Wyant lachte. »Gebraucht? Von wem? Von John Amherst?«

Ein Augenblick verstrich, ehe Justine die vollständige Bedeutung dieser Replik erfasst hatte; dann stieg ihr das Blut zu Gesicht. »Ja – ich glaube beide, Mr. und Mrs. Amherst, brauchen mich,« sagte sie, seinem Blick standhaltend; und Wyant lachte wiederum.

»Das war nicht Ihre Auffassung, bis Amherst von Hanaford zurückkam. Seine Rückkehr scheint Ihre Pläne in mehrfacher Hinsicht geändert zu haben.«

Sie wandte ihren Blick weit von ihm ab, denn sogar jetzt veranlassten seine Augen sie zu Mitleid und Selbstvorwürfen. »Dr. Wyant, es geht Ihnen nicht gut; warum warten Sie auf Mrs. Amherst?« sagte sie.

Er starrte sie an, dann sank sein Blick. »Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet – aber es geht mir so gut wie immer,« brummte er und schob sich das Haar mit zitternder Hand aus der Stirn; und in demselben Augenblick gab der Klang von Bessys Stimme Justine einen Vorwand zur Flucht.

In ihrem eigenen Zimmer versank sie eine Weile in einen Anfall von Ekel vor sich selbst; er wich jedoch rasch den gesünderen Kräften ihrer Natur und hinterließ nur einen Rückstand von Mitleid für den armen Menschen, von dessen Geheimnis sie überrascht worden war. Nie zuvor hatte sie Wyant verdächtigt, Drogen zu nehmen, noch vermutete sie jetzt, dass er es gewohnheitsmäßig tue; aber ihn auch nur vorübergehend unter solchem Einfluss stehend zu erleben, rechnete ihr instinktives Gespür auf das Konto seiner Schwäche. Sie glaubte nun, dass das, was von anderen Lippen eine Beleidigung dargestellt hätte, von seinen nichts anderes war als ein Schrei der Verzweiflung; und einmal mehr schrieb sie sich selbst die Schuld zu und vergab ihm.

Hätte sie jedoch in irgend einer Form zu krankhafter Selbstanklage geneigt, so wäre sie durch andere Sorgen davor bewahrt worden. Zur Zeit war es ihr mehr um Bessys Schicksal zu tun als um ihr eigenes – bei ihrer Freundin schien so viel mehr auf dem Spiel zu stehen, während sie so viel weniger Stärke zum Schutz ihres Glücks aufbrachte. Justine war vor jedem Auswuchs von Selbstmitleid stets durch das ihr innewohnende Gefühl geschützt worden, über reiche Kräfte von Wachstum und Erneuerung zu verfügen, als ob jedem zurückgestutzten Streben ein frischer Strom von Energie entspringen müsse; aber sie spürte, dass Bessy keine solchen Erneuerungsquellen besaß und dass jede Enttäuschung in ihrer Seele einen verödeten Fleck hinterließ.

Auch ohne vertrauliche Mitteilung ihrer Freundin hätte Justine keine Schwierigkeit gehabt, den sukzessiven Stadien von Amhersts innerer Entwicklung zu folgen. Sie wusste, dass er von seinem Regiment in Westmore so gut wie zurückgetreten war und dass seine Frau, als Gegenleistung für dieses Opfer, sich derjenigen Lebensweise anzupassen versuchte, von der sie glaubte, dass er sie bevorzuge; die Nutzlosigkeit beider Versuche war Justine sichtbarer als den beiden Betroffenen. Sie erkannte, dass das Scheitern von Amhersts Ehe nicht in zufälligen äußeren Umständen begründet war, sondern im Mangel an natürlichen Berührungspunkten. Auf sie wirkte es so, dass sie weder ›unten‹ noch ›oben‹ zusammen kamen: praktische Erfordernisse vereinigten sie nicht stärker als Freuden des Geistes.

Es gab Zeiten, da glaubte sie, dass Amherst sich Bessy gegenüber hart verhielt, so wie sie vermutete, dass er einst hart zu seiner Mutter gewesen war – wie ein Mann, der Männer führte, vielleicht immer hart sein muss gegenüber dem Schwierigkeiten machenden Geschlecht. Seinen Anstrengungen, das Unwiederbringliche zu akzeptieren und in seiner Frau die Fähigkeit zu wecken, an seinen geringeren Interessen teilzuhaben, da sie keine eigenen besaß, mit denen sie ihre Tage hätte füllen können, ließ sie dennoch Gerechtigkeit widerfahren.

Amherst hatte immer gerne gelesen; er verschlang nicht flammengleich die Seiten wie Justine, sondern nahm ihre Essenz langsam in sich auf; und in den frühen Tagen seiner Ehe hatte er sich eingebildet, Bessy würde leicht dazu gebracht werden können, diese Vorliebe zu teilen. Obwohl seine Mutter keine Bücherfrau war, hatte er an ihrer Seite eine Luft geatmet, die anspielungsreich und mit der lichten Gegenwart von Romantik erfüllt war; und er hatte stets diesen Umgang mit Phantasie für eine der normalen Lebensbedingungen gehalten. Die Entdeckung, dass es in Lynbrook keine Bücher gab, abgesehen von ein paar in Saffianleder gebundenen Werkausgaben, eingekerkert hinter den Messinggittern der Bibliothek, war eine der zahlreichen Überraschungen seines neuen Status gewesen. Es war freilich in den ersten Monaten mit Bessy für Bücher keine Zeit vorhanden, und wenn er daran dachte, dann nur mit Blick auf zukünftige Abende, an denen sie im ruhigen Nachglühen des Glücks sich aneinander gelehnt in ein geschätztes Buch vertieften. Das Ausbleiben einer Reaktion auf irgend etwas, das außerhalb des geringen Kreises alltäglicher Tatsachen lag, hatte mit dieser Vision schon lange aufgeräumt; aber da nun sein eigener Geist die Notwendigkeit inneren Halts spürte, begann er sich zu fragen, ob er nicht hätte mehr tun können, um ihre Phantasie anzuregen. Während der langen Abende am Feuer in der Bibliothek versuchte er dann und wann, durch einen Abschnitt aus der Seite vor seinen Augen das Gespräch auf Bücher zu bringen; und Bessy begegnete dem Experiment mit versöhnlichem Eifer. Sie bewies insbesondere eine hoffnungsvolle, aber irreführende Vorliebe für Poesie, zu der sie sich mit verträumten Lidern und lieblich geöffneten Lippen zurücklehnte, während er die unsterblichen Verse erklingen ließ; ihre äußeren Zeichen von Aufmerksamkeit reiften allerdings nie zu irgend einer Meinungsäußerung oder nachträglichen Andeutung über das Vernommene, und es dauerte nicht lange, bis er entdeckte, dass Justine Brent seine einzige Zuhörerin war. An sie richteten sich unbewusst die von ihm gelesenen Worte; ihre Kommentare leiteten ihn bei seiner Wahl der Themen, und die darauf folgenden Diskussionen vermittelten ihm wieder so etwas wie geistige Betätigung.

Bessy strahlte, getreu ihrer neuen Rolle der Fügsamkeit, schweigend zu diesem Gedankenaustausch; Amherst entdeckte sogar in ihr eine unbestimmte Bewunderung für seine Fähigkeit, sich über Themen zu unterhalten, die sie für abstrus hielt; und dieser kindliche Beifall, gepaart mit ihrer Unterwerfung unter seinen Willen, täuschte ihn mit einem Gefühl wieder gewonnener Macht über sie. Er konnte nicht umhin festzustellen, dass diese neue Phase in ihrer Beziehung mit der ersten Durchsetzung seiner Überlegenheit begonnen hatte; und er schloss daraus voreilig, dass mit der Entfernung von Einflüssen, die sich auf ihre Trennung richteten, seine Frau allmählich für ihre frühere Sympathie mit seinen Standpunkten zurück gewonnen werden könne.

Diese Theorie anzuerkennen hieß sie anzuwenden; denn nichts vermochte Amherst lange von seinem Hauptziel abzulenken, und die gesamte hintertriebene Stärke seines Willens sammelte nur frische Energievorräte. Er war nie ein geschickter Liebhaber gewesen, da keine Frau in ihm bislang jene Gefühle wachgerufen hatte, welche die feineren Wahrnehmungen ins Spiel bringen; und kein Instinkt sagte ihm, dass Bessys plötzliche Einwilligung in seine Wünsche ebenso vernunftlos war wie ihre Hingabe an seinen ersten Kuss. Er stellte sich vor, dass er und sie schließlich eine gewisse moralische Harmonie erreichen würden, die aus dem körperlichen Einklang emporwüchse, und dass diese, so dürftig und unvollständig das gegenseitige Verständnis auch wäre, ihre Beziehung heben und stärken müsse.

Er wartete, bis der frühe Winter Einsamkeit über Lynbrook ausgebreitet hatte, indem er die Jagdgesellschaft in alle Himmelsrichtungen zerstreut und Mr. Langhope nach Ägypten und an die Riviera verbannt hatte, während Mrs. Ansell wie gewöhnlich ihre jährliche gesellschaftliche Rundreise antrat, deren Eckpunkte von Boston und Baltimore gebildet wurde – und da unternahm er seinen letzten Appell an seine Frau.

Sein Vorwand bestand in einem Brief Duplains, der unwiderruflich seinen Entschluss ankündigte, nicht in Westmore zu bleiben. Ein Jahr zuvor hätte Amherst, tief von dem Brief bewegt, ihn seiner Frau gegeben, in der Hoffnung, er werde bei ihr dieselbe Wirkung erzielen. Jetzt wusste er es besser – er hatte ihren Instinkt kennen gelernt, unter jedem ernsthaften Bemühen um ihre Aufmerksamkeit das ›Geschäft‹ zu entdecken. Seine einzige Hoffnung bestand, wie immer, darin, sie durch persönliche Ansprache zu erreichen; und er stellte ihr Duplains Rückzug als offenen Sieg seiner Widersacher dar. Aber er erkannte sofort, dass selbst dies dem Problem kein neues Leben einhauchen konnte.

»Wenn ich zurück käme, würde er bleiben – ich kann ihn halten, kann Zeit gewinnen, bis die Dinge eine Wendung nehmen,« drängte er.

»Noch eine? Ich dachte, sie wären endgültig erledigt,« wandte sie gelangweilt ein.

»Nein – sind sie nicht; das können sie auf solch einer Grundlage nicht,« stieß Amherst in plötzlicher Nachdrücklichkeit aus. Er schritt durch den Raum und kehrte mit entschlossenem Gesicht zu ihr zurück. »Es ist eine Täuschung, ein Betrug,« rief er, »anzunehmen, ich könne noch länger daneben stehen und zusehen, wie die Dinge in Westmore den Bach hinunter gehen! Wenn ich dich dazu gebracht habe, das zu glauben, habe ich unbewusst uns beide betrogen. Solange du meine Frau bist, gibt es zwischen uns nur eine Ehre, und das ist meine, für die ich Sorge tragen muss.«

»Ehre? Was für ein seltsamer Ausdruck!« sagte sie mit forciertem Lachen und einem rosa Hauch auf ihren Wangen. »Du sprichst, als hätte ich – hätte die Leute über mich reden machen – wo du weißt, dass ich einen anderen Mann noch nicht einmal angeschaut habe!«

»Einen anderen Mann?« Amherst sah sie verwundert an. »Guter Gott! Kannst du dir kein anderes Gelöbnis zwischen Mann und Frau vorstellen als das primitive der körperlichen Treue? Der Himmel weiß, ich habe auch nie eine andere Frau angeschaut – aber nach meiner Lesart unserer Übereinkunft würde ich dir nicht die Treue halten, wenn ich dir nicht helfen würde, etwas Höherem die Treue zu halten. Und du schuldest mir dieselbe Hilfe – dieselbe Chance, mich durch dich zu erheben, und nicht durch dich zu sinken – andernfalls haben wir uns gegenseitig tiefer gehend betrogen, als jeder Ehebruch es könnte!«

Sie war zurückgewichen, erblasste wieder und schrumpfte ein wenig zusammen bei diesem Klang von Worten, die sie, außer wenn sie sie in der Kirche hörte, vage mit Flüchen, zugeschlagenen Türen und anderen Belegen schlechter Erziehung assoziierte; Amherst aber war von der Flut seiner Empörung schon zu weit getragen worden, um sich von solch geringen Zeichen der Missbilligung bestimmen zu lassen.

»Du wirst sagen, ich verlange, dass du mir den freien Gebrauch deines Geldes zurück gibst. Also! Warum nicht? Bedeutet dies zu geben so viel für eine Ehefrau? Ich weiß, ihr alle denkt, dass ein Mann, der eine reiche Frau heiratet, seine Selbstachtung verliert, wenn er einen Pfennig ohne ihre Zustimmung ausgibt. Aber das liegt daran, dass Geld für euch alle so ein Heiligtum ist! Mir scheint es das Unwichtigste, was eine Frau ihrem Mann anvertrauen kann. Was ist mit ihren Träumen und ihren Hoffnungen, mit ihrem Glauben an Gerechtigkeit, Güte und Anstand? Wenn er diese nimmt und sie zerstört, dann sollte er besser einen Mühlstein um seinen Nacken tragen. Aber keiner sagt ein einziges Wort, bis er ihre Dividenden anrührt – dann ist er ein berechnender Rohling, der sie wegen ihres Vermögens geheiratet hat!«

Er war wieder näher gekommen und stand ihr mit ausgestreckter Hand, halb befehlend, halb bittend, gegenüber. »Begreifst du nicht, dass ich auf diese Art nicht weiter machen kann – dass ich nicht das Recht habe zuzulassen, dass du mich von Westmore abhältst?«

Bessy schaute ihn unter halbgeschlossenen Lidern gleichgültig und kühl an. »Ich verstehe kaum, was du meinst – du benutzt so eigentümliche Wörter; aber ich begreife nicht, wie du erwarten kannst, dass ich alle Vorstellungen aufgebe, in denen ich aufgewachsen bin. Unsere Maßstäbe sind unterschiedlich – aber warum sollten deine immer richtig sein?«

»Du hieltest sie für richtig, als du mich geheiratet hast – haben sie sich denn seitdem geändert?«

»Nein, aber – –« Ihr Gesicht schien sich zu verhärten und zu einer kleinen, ausdruckslosen Maske zusammenzuziehen, in der er nichts mehr außer dem blanken Widerstand gegen seinen Willen lesen konnte.

»Du hast vor kurzem noch meinem Urteil getraut,« fuhr er fort, »als ich dich bat, Mrs. Carbury nicht mehr zu treffen – –«

Sie errötete, aber vor Ärger, nicht aus Gewissensbissen. »Es scheint mir, dass dies für dich ein Grund sein sollte, von mir keine anderen Opfer mehr zu verlangen! Als ich Blanche aufgab, dachte ich, du würdest erkennen, dass ich dir eine Freude machen wollte – und dass du im Gegenzug etwas für mich tun würdest …«

Amherst unterbrach sie mit einem Lachen. »Danke, dass du mir deine wahren Gründe mitgeteilt hast. Ich war dumm genug zu glauben, du handeltest aus Überzeugung – und nicht, dass du einfach nur ein gutes Geschäft abschließt – –«

Er brach ab, und sie schauten einander an mit einer Art Furcht, dass jeder das Echo nicht wieder gut zu machender Worte zwischen ihnen höre. Amhersts einziges deutliches Gefühl sagte ihm, dass er nicht eher wieder sprechen dürfe, bis er die furchtbare Erregung in seiner Brust niedergekämpft habe – die Raserei des Hasses, die ihn im Griff hatte und ihm, solange sie währte, fast Angst machte, sein Auge auf dem blonden, weichen Geschöpf vor ihm ruhen zu lassen. Auch Bessy befand sich in den Fängen eines stummen Zorns, der langsam seinen betäubenden Strom um ihr Herz ergoss. Starke Wellen der Leidenschaft beflügelten jedoch nicht ihre Lebendigkeit: sie wurde vielmehr reglos und kalt unter ihrem Schock. Nur ein einziger kleiner Pulsschlag von Selbstmitleid pochte fortdauernd in ihr und führte schließlich zu dem Aufschrei: »Ach, ich weiß, es ist nicht weil du dich um Westmore so sorgst – es ist nur, weil du von mir weg willst!«

Amherst erstarrte, als ob ihre Worte ein Licht in die dunkelsten Windungen seines Elends hinein entzündet hätten. »Ja – ich will fort …« sagte er, wandte sich um und schritt aus dem Raum.

Er ging hinunter zum Rauchzimmer, schellte nach einem Dienstboten und befahl sein Pferd zu satteln. Der Lakai, der seine Aufforderung entgegennahm, brachte die Nachmittagspost, und Amherst ließ sich auf das Sofa sinken und begann die Briefe aufzureißen, während er wartete.

Er durchflog die ersten, ohne zu wissen, was er las; aber plötzlich wurde seine Aufmerksamkeit erregt durch die Handschrift eines Mannes, den er auf dem College gut gekannt hatte und der kürzlich in den Besitz einer großen Baumwollfabrik im Süden gekommen war. Er fragte nun Amherst, ob er einen guten Geschäftsführer empfehlen könne – »keinen von deinen alten Routiniers, sondern einen jungen Burschen mit neuen Ideen. Es ist hier unten alles in einem ziemlich schlechten Zustand,« fügte der Schreiber hinzu, »und da ich jetzt der Besitzer bin, will ich schauen, was man tun kann, um den Standort zu kultivieren«; und er drängte Amherst, selbst her zu kommen, die Fabrik zu inspizieren und Verbesserungen vorzuschlagen, wie seine Erfahrung sie . »Wir haben alle von den großartigen Dingen gehört, die Du in Westmore geleistet hast,« schloss der Brief; und Amherst warf ihn mit einem Stöhnen von sich …

Das war natürlich Duplains Chance … war sein erster Gedanke. Er hob den Brief auf und überlas ihn noch einmal. Er kannte den Schreiber – das war kein sentimentaler Schwärmer, der bloß emotionale Abwechslung in vagen philanthropischen Experimenten suchte, sondern ein ernsthafter Kenner sozialer Bedingungen, der nun unerwartet die Gelegenheit bekam, seine Ideen zur Anwendung zu bringen. Ja, das war Duplains Chance – wenn es tatsächlich nicht seine eigene sein konnte! … Amherst richtete sich, überwältigt von diesem Gedanken, plötzlich auf. Warum Duplain – warum nicht er selbst? Bessy hatte das erleuchtende Wort gesprochen – was er wollte, war fort gehen – fort gehen um jeden Preis. Flucht war zu seinem einzigen Gedanken geworden: Flucht aus der Gefangenschaft von Lynbrook, vor der bitteren Erinnerung seines Scheiterns in Westmore; und hier bestand die Chance, zurück ins Leben zu entweichen – in die Unabhängigkeit, die Aktivität und die Nützlichkeit! Jede verkümmerte Fähigkeit in ihm erhob sich plötzlich aus ihrer Erstarrung, und sein Gehirn hämmerte im Schmerz des Erwachens … Der Dienstbote kam, um ihm zu melden, dass sein Pferd gesattelt sei, und so sprang er auf, nahm seine Reitpeitsche vom Ständer, starrte eine Weile abwesend dem Rückzug des Mannes hinterher und sank dann wieder auf das Sofa zurück …

Was hätte ihn von der Annahme abhalten sollen? Die Zuneigung seiner Frau war erloschen – wenn ihr sentimentales Schwärmen für ihn jemals diesen Namen verdient hatte! Und seine flüchtige Überlegenheit ihr gegenüber war ebenfalls dahin – er musste bei dem Gedanken lächeln, dass er vor zwei Stunden so töricht gewesen war sich einzubilden, er könne sie noch zurückgewinnen! Nun wusste er, sie würde eher eine Freundin im Stich lassen, um ihm eine Freude zu machen, als ihm einen Bruchteil ihres Einkommens opfern; und diese Entdeckung besudelte ihre ganze Beziehung mit einem Schmutzfleck. Er konnte sich immer noch vorstellen zu kämpfen, um sie von einem anderen Mann zurück zu gewinnen oder sogar, um sie aus einer Dummheit zu retten, in die falsches Urteil oder irregeleitete Schwärmerei sie gestürzt hatte; aber weiterhin Schlachten zu schlagen gegen die dumpfe, phantasielose Unterwürfigkeit gegenüber dem individuellen Luxus – ah, nein, solange ihm noch Kampfgeist blieb, war er es wert, für eine bessere Sache verausgabt zu werden!

Durch das offene Fenster konnte er in der milden Dezemberstille die Hufe seines Pferdes auf dem Kies hören. Ihres Pferdes, von ihrem Dienstboten auf und ab geführt an der Tür ihres Hauses! … Dieser Klang versinnbildlichte seine gesamte Zukunft … die Lage, in die seine Ehe ihn gebracht hatte und an die er fortan gebunden war, sofern er mit ihr nicht hier und jetzt brach … Er versuchte nach vorne zu schauen und hintereinander die Konsequenzen eines solchen Bruchs weiter zu verfolgen. Dass er endgültig wäre, unterlag für ihn keinem Zweifel. Es gibt Naturen, die anscheinend durch Zwietracht näher zusammen rücken und sich um der Erneuerung der Verständigung willen auf den Funken von Großzügigkeit und Bedauern verlassen, den der Zorn aus beiden herausschlägt; Amherst wusste indes, dass zwischen ihm und seiner Frau eine solche Klärung der moralischen Atmosphäre nicht möglich war. Die Entrüstung, die ihm Nervenkribbeln verursachte, und das brennende Verlangen, umgehend seine Zuflucht zum Handeln zu nehmen, kristallisierte sich bei Bessy zu einem harten Kern von Sturheit, in die nach jedem neuen Zusammenstoß ein wenig mehr von ihr Eingang gefunden hatte … Nein, der Bruch zwischen ihnen würde endgültig sein – wenn er jetzt ginge, käme er nicht mehr zurück. Und ihn durchzuckte blitzartig der Gedanke, dass diese Lösung von seiner Frau vielleicht vorhergesehen – sogar womöglich von ihrer Umgebung wohlüberlegt geplant und ihr eingegeben worden war. Sein Schwiegervater hatte ihn nie leiden können – die verstörenden Wellen seiner Aktivität hatten sogar die geschützte Oberfläche von Mr. Langhopes Existenz zum Kräuseln gebracht. Er muss sich furchtbar dabei gefühlt haben! Nun gut – es war nicht zu spät, sich davon frei zu machen. In Bessys Kreis wurde das Durchtrennen solcher Bande als kostspielige, aber risikolose Operation betrachtet – niemand blutete sich an der Wunde zu Tode … Der Lakai kam zurück und erinnerte ihn daran, dass das Pferd warte, und Amherst stand auf.

»Schicken Sie es zurück in den Stall,« sagte er mit einem Blick auf seine Uhr, »und bestellen Sie einen Pferdewagen, um mich zum nächsten Zug zu bringen.«


 

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