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Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 21
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
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XX.

Amhersts morgendliche Ausflüge mit seiner Stieftochter und Miss Brent wiederholten sich mehr als einmal. Er begrüßte jeden Vorwand, seinen nutzlos umlaufenden Gedanken zu entweichen; und diese Walderforschungen mit ihrer heiteren Konkurrenz beim Suchen nach seltenen Pflanzen oder flüchtigen Vögeln, der Kontakt mit dem glücklichen Staunen des Kindes und mit dem morgendlichen Strahlen von Justines Stimmung verschafften ihm die einzigen Momente von Selbstvergessenheit.

Doch als Cicelys Geplauder ein Echo ihrer Abenteuer nach Hause trug, sah Amherst eine Wolke auf dem Gesicht seiner Frau. Ihr Groll über Justines Einfluss auf das Kind hatte sich zwar längst gelegt, und wegen der vorübergehenden Abwesenheit der Gouvernante freute sie sich, dass ihr Kind unterhalten wurde; aber sie war nie ganz zufrieden damit, dass die Menschen um sie her Beschäftigungen und Vergnügungen nachgingen, an denen sie nicht teilnahm. Ihre Eifersucht konzentrierte sich dabei nicht auf ihren Mann und Miss Brent: Amherst hatte nie die Neigung zur Gesellschaft anderer Frauen gezeigt, und wenn ihr diese Möglichkeit vor Augen geführt worden wäre, hätte sie wahrscheinlich gesagt, dass Justine nicht »sein Typ« sei – zu solcher Unwissenheit neigt eine schöne Frau, wenn es um die Vielseitigkeit des männlichen Geschmacks geht. Amherst begriff jedoch, dass sie sich von Vergnügungen ausgeschlossen fühlte, denen sich anzuschließen es sie gar nicht verlangte und deren Zweck zu erkennen sie folglich nicht im Stande war; und so gab er die Begleitung seiner Stieftochter auf.

Als ob sie um diesen Verzicht gewusst hätte, stand Bessy nun früher auf, um ihre gemeinsamen Ausritte zu verlängern. Dr. Wyant hatte ihr zur Vermeidung von Erschöpfung davon abgeraten, mit der Meute zu jagen; sie hielt daher unwillkürlich ihr Pferd von den Richtungen ab, die die Jagd einschlagen könnte; doch dann und wann ließ das Geschrei der Meute oder ein roter Blitz von einem fernen Hang ihr das Blut zu Gesicht steigen und veranlasste sie, ihre Stute in den Galopp zu zwingen. Wenn sie solchen Zusammentreffen auswichen, zeigte sie keine große Lust an der Bewegung, und so verkamen ihre Ritte zum unbeschwingten Trotten einer gesetzteren Altersklasse die herbstlichen Wege entlang. In der ersten Zeit ihrer Ehe hatte die Freude an einem leichten Galopp nebeneinander sie zu gemeinsamem Empfinden verschmolzen, ohne dass Worte nötig gewesen wären; nun aber, wo der körperliche Zauber dahin war, spürten sie die Last eines Schweigens, das keiner von ihnen zu brechen verstand.

Nur ein einziges Mal rüttelte eine kurzzeitige Reibung diese leblosen Ritte wach. Es ereignete sich an einem Morgen, als Bessys wilde Stute Impuls, untertrainiert und überfüttert, plötzlich aus ihrer Führung ausbrach und sie aus dem Sattel geworfen hätte, wenn nicht Amherst in den Zügel gefallen wäre.

»Dieses Pferd taugt nicht dafür, dass du es reitest,« rief er, als die heißblütige Kreatur sich in trotzigem Zittern ihrer wogenden Flanken mürrisch unterwarf.

»Das liegt nur daran, dass ich sie nicht genug reite,« schnaufte Bessy. »Der neue Groom ruiniert ihr Maul.«

»Dann darfst du sie nicht allein reiten.«

»Ich werde diesen Mann sie nicht reiten lassen.«

»Und ich sage, du darfst sie nicht allein reiten.«

»Es ist lächerlich, einen Groom auf seinen Fersen zu haben!«

»Trotzdem musst du es, wenn du Impuls reitest.«

Ihre Augen begegneten sich, sie zitterte und ergab sich wie das Pferd. »Oh, wenn du es sagst –« Sie hatte sein kurzes Aufflammen von Autorität immer geliebt.

»Ich sage es. Versprichst du's mir?«

»Wenn du es möchtest – –«


Amherst hatte sich mit der Situation von Lynbrook zu beschäftigen versucht, einem jener verlotterten Dörfer ohne individuellen Charakter oder überlieferte Selbstachtung, wie sie in Amerika an den Grenzen reicher Sommerresidenzen aufsprießen. Bessy hatte allerdings an dieses Dorf nie einen Gedanken verschwendet, und ihm war klar, dass er sie so kurz nach seinem eklatanten Scheitern in Westmore nicht für Lynbrooks gemischte Bevölkerung von Tagelöhnern und Kneipenwirten würde interessieren können. Der Anblick des Dorfes ärgerte ihn jedesmal, wenn er durch die Tore des Lynbrook-Landhauses schritt, aber nachdem er notgedrungen die Stellung eines Prinzgemahls hatte akzeptieren müssen, ohne ein Stimmrecht bei der Regierung zu haben, war er bemüht, sich aus allen Problemen, die ihn bis dahin in Atem gehalten hatten, heraus zu halten und das Leben als bloßer Zuschauer zu betrachten. Er konnte sich sogar vorstellen, dass unter gewissen Bedingungen in einer passiven Haltung Ersatz zu finden sein mochte; unglücklicher Weise jedoch existierten solche Bedingungen im Leben von Lynbrook nicht.

Die vorübergehende Einstellung von Bessys Wochenend-Partys hatte selbstverständlich ihre Türen nicht für gelegentliche Besucher verschlossen, und bisweilen fielen im Gesichtskreis der Amhersts flüchtige Blicke auf die herbstliche Belebtheit Long Islands. Blanche Carbury hatte sich in Mapleside niedergelassen, einer ›schicken‹ Siedlung auf halbem Weg zwischen Lynbrook und Clifton, und sogar Amherst, so ungeübt er in der Beachtung scheinbar unregelmäßiger Bewegungen müßiger Leute war, musste feststellen, dass ihre Besuche bei seiner Frau nahezu ausnahmslos zusammenfielen mit Ned Bowforts unangekündigtem Herübergaloppieren vom Jagd-Club, wo er sein Winterquartier aufgeschlagen hatte.

Bowfort besaß etwas Einnehmendes, das Amherst anzog, weil er einer der wenigen Männer in Bessys Kreis war, der wusste, was draußen in der Welt ablief. Obwohl sein Wesen durchweg Abhängigkeit und Schwäche erahnen ließ, hatte er sich einen Sinn für größere Zusammenhänge bewahrt und eine Handvoll Kenntnisse erworben, auf die er seine einzige unabhängige Fähigkeit anwandte, die des klaren Denkens. Er vermochte intelligent und nicht zu ungenau über die größeren Probleme zu sprechen, die in Lynbrook ignoriert wurden, und eine heitere Gleichgültigkeit gegenüber der Bedeutung des Geldes schien sein Wesen reizvoll zu krönen, bis Amherst plötzlich entdeckte, dass diese distanzierte Haltung hauptsächlich auf das Konto der Großzügigkeit von Mrs. Fenton Carbury ging. »Jeder weiß, dass sie Fenton geheiratet hat, um Ned zu versorgen,« hatte jemand im Verlauf eines der Rauchzimmer-Gespräche fallen lassen, auf die sich zu konzentrieren für den Gastgeber von Lynbrook so schwierig war; und der selbstverständliche Ton des Sprechers sowie die unbekümmerte Zustimmung seiner Zuhörer verletzten Amherst mehr als die Tatsache selbst. In der ersten Anwandlung von Ekel klassifizierte er die Geschichte als eine jener Lügen, wie sie in der verseuchten Luft nachmittäglicher Gerüchteküchen erzeugt werden; doch allmählich musste er einsehen, dass sie, ob wahr oder nicht, genügend Umlauf besaß, um einen zweideutigen Schatten auf die betreffenden Personen zu werfen. Nur Bessy blieb taub für die Gerüchte um ihre Freundin. Irgend etwas an Mrs. Carburys Jargon und ihrem geräuschvollem Auftreten, an ihrer Missachtung der Etikette und ihrer Geringschätzung von Kritik fesselte sie. »Ich mag Blanche, weil sie nicht heuchelt,« lautete Bessys vage Rechtfertigung der Dame; in Wirklichkeit jedoch stand sie unter jenem mysteriösen Bann, dem solche Naturen weniger kühne Vorstellungswelten ihres eigenen Geschlechts unterwerfen.

Amherst versuchte zunächst, sich gegen diese Situation unempfindlich zu machen, indem er sie als Teil eines größeren Inventars von Miseren, in denen er steckte, einzuordnen suchte; einer solchen Duldsamkeit widersprach freilich seine ganze Einstellung, und diese empörte sich beim Erhalt eines von anonymer Hand zugeschickten Zeitungsausschnitts, der sich darüber verbreitete, dass die heimlichen Treffen eines schicken Paares durch ›Mitwisserschaft‹ einer Long-Island- châtelaine Schlossherrin. gefördert werde. In Hitze gebracht durch die Lektüre dieses Abschnitts, sprang Amherst in den nächsten Zug und legte den Zeitungsausschnitt seinem Schwiegervater vor, der auf seinem Weg vom Hudson zu den Hot Springs Nationalpark in Arkansas. gerade in der Stadt weilte.

Mr. Langhope hatte seinen Schwiegersohn zum Treffen in den Amsterdam Club eingeladen, in dessen gedämpfter Ungestörtheit des Lesesaals er es sich gemütlich gemacht hatte; er prüfte den Artikel mit dem kühlen Auge des Sammlers, dem eine neue Rarität angeboten wird.

»Ich gehe davon aus,« sagte er nachdenklich, »dass in den Zeiten der Pharaonen der Morgen-Papyrus mit demselben Zeug aufwartete« – und als dann die nervöse Spannung seines Zuhörers sich in einer jähen Bewegung äußerte, fügte er, den Ausschnitt zurückreichend, lächelnd hinzu: »Was wollen Sie tun? Den Herausgeber umbringen und Blanche und Bowfort das Haus verbieten?«

»Ich werde irgend etwas tun,« fing Amherst an, wurde aber unversehens abgekühlt durch die Erkenntnis, dass sein Zorn sich noch nicht zu einem bestimmten Plan des Handelns ausgeformt hatte.

»Also, es muss dies sein, oder gar nichts,« sagte Mr. Langhope und zog seinen Stock in Gedanken versunken über sein Knie. »Und wenn es dies sein sollte, werden Sie natürlich Bessy in Teufels Küche bringen.«

Ohne seinem Schwiegersohn Zeit zu protestieren zu geben, streifte er kurz, aber lebhaft die nutzlose Peinlichkeit von Verleumdungsklagen und wies hin auf Verfahren, durch welche die rechtlichen Mittel der Verteidigung gegen solche Angriffe sich gegen diejenigen wenden könnten, die zu ihnen Zuflucht genommen haben; und Amherst lauschte mit einem krank machenden Gefühl der Unverträglichkeit zwischen den abstrakten Normen der Ehre und deren praktischer Anwendung.

»Was würden Sie denn tun?« murmelte er, als Mr. Langhope mit leichtem Schulterzucken und einem »Fragen Sie Tredegar, wenn Sie mir nicht glauben« zum Ende kam –; und sein Schwiegervater erwiderte mit einer ausweichenden Geste: »Na ja, lassen Sie die Verantwortung da, wo sie hingehört!«

»Wo sie hingehört?«

»Bei Fenton Carbury natürlich. Glücklicher Weise ist es ausschließlich seine Angelegenheit, und wenn es ihm nichts ausmacht, was über seine Frau gesagt wird, weiß ich nicht, wie Sie für sie eine Lanze brechen könnten, ohne einen weiteren Schatten auf ihr etwas angeschlagenes Renommée zu werfen.«

Amherst erstarrte. »Seine Frau? Was geht's mich an, was man von ihr sagt? Mir geht's um meine eigene!«

»Nun, wenn Carbury nichts dagegen hat, wenn seine Frau Bowfort trifft, weiß ich nicht, wie Sie sie daran hindern wollen, ihn in Ihrem Haus zu treffen. In solchen Fällen wird, wie Sie wissen, zum Glück so entschieden, dass die Haltung des Ehemanns für andere Leute die Richtung vorgibt; andernfalls würden wir des legitimen Vergnügens beraubt, unsere Nachbarn zu verleumden.« Mr. Langhope achtete stets sorgfältig darauf, seine Darlegungen mit einem »Wie Sie wissen« abzumildern: er hätte es für ein Zeichen schlechter Erziehung gehalten, ohne diese Parenthese seinen Schwiegersohn über den gesellschaftlichen Kodex aufzuklären.

»Dann meinen Sie, dass ich gar nichts tun kann?« rief Amherst.

Mr. Langhope grinste. »Was für Carbury gilt, gilt auch für Sie – indem Sie nichts tun, konstatieren Sie die Tatsache, dass es nichts zu tun gibt; ebenso, wie Sie das Problem erst schaffen, indem Sie es zugeben.« Und da Amherst schweigend da saß, fügte er hinzu: »Schaffen Sie Bessy fort, dann müssen sie sich anderswo umsehen.«


Amherst kehrte mit den Echos dieser Kasuistik in seinem Kopf nach Lynbrook zurück. Es schien ihm nur ein Teil jenes ausgeklügelten Umgehungssystems, durch das eine Gesellschaft, die zur ungestörten Verfolgung ihres Vergnügens neigte, es fertig gebracht hatte, sich gegen das Eindringen von allem Unangenehmen zu schützen: eine Strategie, die zusammengefasst werden konnte in Mr. Langhopes abschließendem Rat, dass Amherst seine Frau ›fortschaffen‹ solle. Ja – das war stets die herablassende Antwort des Reichtums, wenn Verantwortung gefragt war: Pflicht, Leid und Schande waren gleichermaßen zu umgehen, indem einfach der Aufenthaltsort gewechselt wurde, und es gab nichts im Leben, dem man ins Gesicht schauen oder das man auskämpfen musste, solange man noch Geld für eine Fahrt nach Europa besaß!

In ruhigerer Stimmung hätte Amherst sein Sinn für Humor davor bewahrt, den Rat seines Schwiegervaters von solch einem Standpunkt aus zu beurteilen; aber gerade jetzt fiel er wie ein Zündfunken auf seine schwelenden Vorurteile. Er verfügte über hinreichend klare Sicht, um die Hindernisse für eine gesetzliche Vergeltungsmaßnahme wahrzunehmen; aber schon das machte ihn entschlossener, seinen Willen im Haus durchzusetzen. Er wartete nicht weiter ab, um die mögliche Wirkung eines solchen Kurses auf sein bereits strapaziertes Verhältnis zu seiner Frau zu erwägen: der männliche Wille erhob sich in ihm zu Worte.

Die Szene zwischen Bessy und ihm war kurz und heftig; und sie endete auf eine Weise, die ihn in größere Verwirrung als je über die Gepflogenheiten ihres Geschlechts stürzte. Ohne Geduld zu einer Einleitung hatte er den Angriff mit seinem Ultimatum eröffnet: dem verdächtigten Paar müsse der Zugang zum Haus verweigert werden. Bessy flammte umgehend auf zu einer Verteidigung ihrer Freundin; doch zu Amhersts Überraschung schlug sie nicht mehr den Ton ihrer eigenen Rechte an. Ehemann und Ehefrau wurden von Regungen gesteuert, die tiefer saßen und mehr auf Instinkten beruhten, als sie jemals zuvor zwischen ihnen aufgetreten waren; während jedoch Amhersts Widerstand aus dem Konflikt Stärke gewann, brach Bessy unerwartet in Tränen aus und unterwarf sich. Sie würde natürlich tun, was er wollte – Blanche aufgeben, Bowfort fortschicken, kurz: ihre Hände bezüglich dieses unbesonnenen Paares in Unschuld waschen – bei solchen Angelegenheiten bedurfte eine Frau der Führung eines Mannes, eine Frau muss notwendiger Weise mit den Augen ihres Mannes sehen; und sie schaute auf zu seinen durch einen Nebel von Bußfertigkeit und Bewunderung …


 

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