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Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 20
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
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Drittes Buch

XIX.

Es war spät im Oktober, als Amherst nach Lynbrook zurückkehrte.

Er hatte in der Zwischenzeit die schwierigste Lektion für seine direkte, energische Natur gelernt: dass der Kompromiss das Gesetz des Ehelebens ist. Am Nachmittag des Gesprächs mit seiner Frau hatte er sie aufsuchen wollen, weil er entschlossen war, einen letzten Versuch zur Klärung der Lage zwischen ihnen zu unternehmen; er erfuhr jedoch, dass sie sofort nach dem Lunch im Auto mit Mrs. Carbury und zwei Herren der Gesellschaft aufgebrochen sei und die Nachricht hinterlassen habe, dass sie wahrscheinlich nicht vor dem Abend zurück sein würden. Es kostete Amherst einen Kampf, nachdem er sich gedemütigt gesehen hatte, diese Information vom Butler zu erhalten, nicht seinen Koffer zu packen und den nächsten Zug nach Hanaford zu nehmen; doch stand er immer noch unter dem Einfluss von Justine Brents Worten und auch unter dem seiner eigenen Empfindung, dass zum jetzigen Zeitpunkt ein Bruch zwischen ihm und Bessy endgültig sein würde.

Dementsprechend blieb er und ertrug, so gut er konnte, die stumme Befolgung des Haushaltsreglements und die feine Ironie von Mr. Langhopes Höflichkeit; und bevor er zwei Tage später Lynbrook verließ, hatte er ein provisorisches Einvernehmen erreicht.

Seine Frau erwies sich in dem Entschluss, die Kontrolle über ihr Einkommen wieder zu gewinnen, standhafter als erwartet; ihr Gespräch endete in gegenseitigen Zugeständnissen: Bessy stimmte zu, das New Yorker Haus für den Winter zu lassen und in Lynbrook zu bleiben, während Amherst einwilligte, seine Verbesserungen in Westmore auf die bereits begonnenen zu beschränken und den Aufwand dafür möglichst zu reduzieren. Es bedeutete gewissermaßen die Niederlage seiner Strategie, und er musste den dezenten Triumph der Gaines ebenso erdulden wie den bittereren Schmerz seiner vereitelten Bestrebungen. Trotz der Opposition des Direktors hatte er Truscombs Rücktritt genutzt, um Duplain an die Spitze der Fabrik zu setzen; doch die offene Abneigung des neuen Geschäftsführers gegen die Veränderung des Plans durch die Firma gab zu verstehen, dass er nicht lange in Westmore bleiben werde; es war eine der Qualen in Amhersts Lage, dass er die Gründe für seine Abtrünnigkeit nicht nennen durfte, sondern es aushalten musste, in Duplains Vokabular als »Schlappschwanz« geführt zu werden. Die Schwierigkeit, einen neuen Fabrikleiter zu finden, der genügend Erfahrung besaß, um die Direktoren zufrieden zu stellen, und gleichwohl mit seinen eigenen sozialen Theorien sympathisierte, ließ Amherst befürchten, dass Duplains Kündigung den Weg zur Wiedereinstellung Truscombs ebnen werde, ein Resultat, auf das, wie er vermutete, Halford Gaines immer spekuliert hatte; und diese Möglichkeit zeichnete sich vor ihm ab als die endgültige Niederlage seiner Hoffnungen.

Inzwischen hatten jedoch die unmittelbar vor ihm liegenden Probleme das Verdienst, ihn beschäftigt zu halten. Die Aufgabe, seine Pläne durch Einschränkungen zu modifizieren, stellte einen trostlosen Gegensatz zu der hoffnungsvollen Betätigung der letzten Monate dar. Er besaß allerdings eine eiserne Belastbarkeit für harte Arbeit unter widrigen Umständen; und zu beschäftigt zu sein, um nachdenken zu können, half ihm, sich durch die Tage zu schleppen. Dieser Arbeitsdruck entlastete ihn zunächst von zu genauer Betrachtung seines Verhältnisses zu Bessy. Er hatte seine liebsten Hoffnungen auf ihren Wunsch aufgegeben, und für den Augenblick hatte sein Verzicht ihre Meinungsverschiedenheit eingerenkt; allmählich erkannte er freilich, dass er ebenso, wie er die Ruinen seiner Westmore-Pläne zusammenflickte, sich jetzt auch bemühen musste, sein Eheleben wiederherzustellen.

Bevor er Lynbrook verließ, hatte er noch eine letzte Unterredung mit Miss Brent; kein vertrauliches Gespräch – denn dieselbe Reserviertheit hielt beide von einer ausdrücklichen Erneuerung ihrer damaligen Vertrautheit ab – sondern eines von jenen, in denen Gemeinplätze ausgetauscht werden und es den Umständen überlassen bleibt, sie mit besonderer Bedeutung aufzuladen. Justine hatte nur gefragt, ob er tatsächlich abreise, und auf seine Bestätigung rief sie sofort: »Aber Sie werden bald zurück kommen?«

»Ich werde gewiss zurück kommen,« antwortete er; und nach einer Weile fügte er hinzu: »Werde ich Sie hier wiederfinden? Werden Sie in Lynbrook bleiben?«

Ihrerseits gab es ebenfalls eine Spur von Zögern; dann sagte sie lächelnd: »Ja, ich werde bleiben.«

Sein Gesicht hellte sich auf. »Und Sie schreiben mir, wenn irgend etwas – wenn es Bessy nicht gut geht?«

»Ich werde Ihnen schreiben,« versprach sie; und einige Wochen nach seiner Rückkehr nach Hanaford bekam er tatsächlich einen kurzen Brief von ihr. Dessen vordergründiger Zweck bestand darin, ihn bezüglich Bessys Gesundheit zu beruhigen, die sicherlich stärker geworden sei, seit Dr. Wyant sie am Ende der letzten Hausparty überzeugt habe, sich selbst eine Periode der Ruhe zuzugestehen; jedoch sei nun (setzte die Schreiberin hinzu) nach Mr. Langhopes und Mrs. Ansells Abreise die Ruhe vielleicht zu vollständig, und Bessys Nerven begännen bereits an der Reaktion zu leiden.

Amherst hatte keinerlei Schwierigkeiten, diese kurze Mitteilung zu deuten. »Es ist mir gelungen, die Leute zu vertreiben, die Sie und Ihre Frau immer von einander fernhalten; das ist jetzt Ihre Chance: kommen und ergreifen Sie sie.« Das war es, was Miss Brents Brief meinte; und seine Antwort kam in einem Telegramm an Bessy, das seine Rückkehr nach Long Island ankündigte.

Dieser Schritt war für ihn nicht leicht; entschiedenes Handeln, wie hart es auch sein mochte, fiel ihm allerdings immer leichter als der nachfolgende Zeitraum der Neuanpassung. Nach Lynbrook zu kommen, hatte ihm eine starke Willensanstrengung abverlangt; doch die Anstrengung, dort zu bleiben, brachte weniger geübte Fähigkeiten ins Spiel.

Amherst war an ständige Beschäftigung gewöhnt; nun musste er sich damit abfinden, einen Zustand zu ertragen. Die materiellen Vorteile des Lebens um ihn und die Art und Weise, in der die Maschinerie des großen leeren Hauses weiter lief wie ein komplizierter Apparat, der ins Leere arbeitet, vermehrten seine nervöse Verzweiflung. Dr. Wyants Vorschlag – von dem Amherst annahm, dass Justine ihn angeregt hatte – dass Mrs. Amherst nämlich ihre herbstlichen Verpflichtungen absagen und sich mit ihrem Mann ein ruhiges Leben draußen gönnen sollte, bot scheinbar jene Gelegenheit, die diese beiden verstörten Naturen brauchten, einander zu finden und wieder in Besitz zu nehmen. Aber obgleich Amherst Bessy dankbar war, ihre Besucher entlassen zu haben – zum Teil, um ihm eine Freude zu machen, wie er vermutete – fand er dennoch die Routine des Etablissements bedrückender, als wenn das Haus voll war. Wenn er mit ihr hätte allein sein können in einem ruhigen Winkel – sogar in der verachteten Villa von Westmore! – dann hätten sie, so bildete er sich ein, durch den beschränkteren Raum und die vertrauten Erfordernisse des Lebens doch noch zueinander finden können. Alle urtümlichen Zwänge, die auf Grund wiederkehrender Bedürfnisse Naturen an einander binden, die sonst nicht dazu bestimmt sind, einen höheren Punkt der Einheit zu erklimmen, waren sorgfältig aus dem Leben in Lynbrook eliminiert worden; materielle Bedürfnisse wurden durch einen verborgenen Mechanismus, der das Haus mit dem beständigen Gefühl unsichtbarer Aufwartung erfüllte, nicht nur versorgt, sondern geradezu vorausgeahnt. Wenngleich Amherst wusste, dass er und Bessy sich niemals auf dem Gebiet bedeutsamer Themen treffen konnten, glaubte er doch, er hätte den Weg zu ihrem Herzen zurück gewinnen können, und erfuhr in den kleinen Diensten des Alltags Entlastung von seiner Untätigkeit; doch im nächsten Augenblick lächelte er bei der Vorstellung von Bessy in Umgebungen, wo die Uhren sich nicht von selbst aufzogen und die Türen bei ihrer Annäherung sich nicht öffneten. Solche dicht zusammengedrängten Kümmernisse und Plackereien, die als huldvolle Schirme zwischen so vielen uneinigen Naturen dienen, wären für sie ebenso unerträglich gewesen, wie es für Amherst der grelle Glanz der Muße war, dem sie und er jetzt gegenüber standen.

Er erkannte, dass Bessy sich im Zustand des Versöhnungseifers befand, der stets eintrat, wenn sie in ihrem langen Duell einen Punkt gemacht hatte; und er konnte sich vorstellen, dass sie vor Angst bebte, nicht nur, um bei ihm mit allen ihr bekannten Künsten das von ihr abverlangte Opfer wieder gut zu machen, sondern auch, um vor jedem zu verheimlichen, dass er, wie Mr. Langhope es rundheraus formuliert hatte, ›zur Vernunft gebracht‹ worden war. Amherst rührten ihre Anstrengungen, und er war fast beschämt über seine eigene Unfähigkeit, auf sie einzugehen. Sein Verstand, entbunden von seiner normalen Hauptbeschäftigung, war indes zu einem gefährlichen Instrument von Analyse und Auflösung geworden; Zustände, die er einige Monate zuvor mit der gesunden Toleranz eines beschäftigten Mannes hingenommen haben mochte, übten nun einen unerträglichen Druck auf ihn aus. Er begriff, dass er und seine Frau sich zum ersten Mal seit ihrer Heirat Auge in Auge gegenüber standen. Bis dahin war stets etwas zwischen sie getreten – zuerst der Zauber ihrer Reize und Schönheit und die kurze Freude ihrer Teilnahme an seiner Arbeit; dann der Kummer um den Tod ihres gemeinsamen Kindes, und danach das zeitweilige Hochgefühl, seine Ideen in Westmore ausführen zu können – aber jetzt, da der letzte dieser Schleier fortgezogen war, traten sie sich als Fremde gegenüber.


Die Gewohnheit, sich an die Fabrikzeiten zu halten, brachte Amherst lange vor dem Tagesbeginn seiner Frau auf die Beine, und im Laufe einer seiner frühen Wanderungen traf er Miss Brent und Cicely, die zu einem entfernten Moor aufbrachen, wo dem Gerücht nach eine seltene einheimische Orchidee zu finden war. Justines Vorliebe für Waldgebiete hatte in dem kleinen Mädchen eine Leidenschaft für solche Beutezüge entwickelt, und Cicely, die entdeckt hatte, dass ihr Stiefvater fast genauso viel über Vögel und Eichhörnchen wusste wie Miss Brent über Pflanzen, war nicht zu beruhigen, ehe Amherst in den Ponywagen gestiegen war, seine langen Beine zwischen einer Botanisiertrommel und einem Picknickkorb verstaut hatte und den teleskopartigen Körper eines Scotch Terriers über seinen Knien balancierte.

Die Jahreszeit war so mild, dass nur selten leichter, windfreier Frost das Laub der Eichen und Buchen verfärbt und die Straßenränder mit einem weichen Ahornblätter-Teppich vergoldet hatte. Der Morgennebel erhob sich wie der Rauch ausgebrannter Scheiterhaufen von den Sumachs und den Zucker-Ahornbäumen Der »amerikanische Sumach« (caesalpinia coriaria) ist ein strauchartiger Baum, dessen Frucht für Gerbereizwecke verwendet wird. – Der »Zuckerahorn« (acer saccharum) liefert den beliebten Ahornsirup., silberner Reif lag auf den Ackerfurchen der gepflügten Felder; und als sie weiterfuhren, zeigte die baumbestandene Straße dann und wann an ihrem Ende eine matte Lichtscheibe, wo Himmel und Meer verschmolzen.

Schließlich verließen sie die Straße und bogen auf einen gewundenen Weg ein, der durch Eichgebüsch und glänzendes Berglorbeer-Dickicht führte; der Weg hörte am Fuß einer bewaldeten Anhöhe auf, und indem sie deren Rand entlang kletterten, gelangten sie auf das Moor. Da lag es in bezaubernder Einsamkeit, eingeschlossen von einem lohfarbenen Lärchen- und Rotahornbewuchs »Swamp-maple« (acer rubrum), mit leuchtend roter Herbstfärbung.; seine Ränder schienen ausgebrannt zu glimmenden Schatten von Rostbraun, Glutrot und Aschgrau, während das bebende Zentrum noch ein juwelenartiges Grün bewahrte, durch das sich verborgene Feuchtpfade zwischen kleinen Inseln wanden mit Büscheln von Moor-Cranberry und den verkohlten Brauntönen von Farn, Wildrosen und Lorbeer. Durchnässte Erde und faulendes Astwerk gaben einen seltsamen süßen Duft von sich, als sei der tote Sommer mit aromatischen Essenzen einbalsamiert; und die mit diesem Geruch erfüllte Luft war so still, dass das Platzen von Zaubernussschalen »Witch hazel« (hamamelis virginia). Die Kapselfrüchte öffnen sich explosionsartig und schleudern die Samen etwa 10 Meter weit fort., das Herabfallen einer Nuss oder der Sprung eines aufgeschreckten Frosches das Schweigen mit gesonderten Klängen durchbrach.

Das Pony wurde festgemacht, der Terrier losgelassen und die Botanisiertrommel und der Picknickkorb über Amhersts Schulter geworfen; so setzten die drei Forscher ihren Weg fort. Amherst ging zuerst, wie es seinem Geschlecht zukam; aber nach einigem geistesabwesenden Eintauchen in die grasigen Tiefen zwischen den Inseln wurde ihm befohlen, sein Kommando abzutreten und das Schlusslicht zu bilden, wo er den niederen Dienst, gelegentlich Cicely über unüberschreitbare Abgründe von Feuchtigkeit hinüber zu heben, verrichten mochte.

Justine ging voran und führte sie über die heimtückische Oberfläche so furchtlos wie ein Eisvogel »King-fisher« (alcedo atthis), ernährt sich von Fischen; wenn er eine mögliche Beute entdeckt, stürzt er sich schräg nach unten kopfüber ins Wasser.; sie trat bei diesem unsicheren Pfad instinktiv nur auf Grasbüschel und untergetauchte Baumstümpfe. Dann und wann hielt sie an, die Füße eng zusammengezogen auf dem schmalen Raum, und ihr schlanker Körper schwang vor, während sie hinunter langte nach einem seltenen Gewächs, das sie unter dem verwelkten Schilf und Gras entdeckt hatte; dann richtete sie sich wieder auf durch eine Rückwärtsbewegung, die so natürlich erfolgte wie das Hochfedern eines Zweiges – so frei und geschmeidig war sie in all ihren Bewegungen, dass sie Ähnlichkeit besaß mit dem schwankenden Schilf und den gekrümmten Brombeerranken, die nach ihr griffen, wenn sie vorbei ging.

Schließlich erreichten die Forscher den moosigen Winkel, wo die Orchideen wuchsen, und Cicely, die sicher auf einem umgesunkenen Baumstamm balancierte, durfte die begehrten Pflanzen an der Wurzel ausgraben. Als sie weggepackt waren, kam das Gefühl auf, dass dieser Höhepunkt unverzüglich durch ein Trankopfer aus Marmelade und Milch gefeiert werden müsse; und nachdem man einen trockenen Hang inmitten von Pfefferbüschen erklommen hatte, fiel die Gesellschaft über die Inhalte des Picknickkorbes her. Es war gerade die Stunde, zu der Bessys Zofe ihr Frühstückstablett mit delikatem Service aus antikem Silber und Porzellan ins abgedunkelte Schlafzimmer von Lynbrook brachte; aber frühes Aufstehen und hartes Kraxeln hatte den Naturforschern Appetit gemacht, und die Kinderkost, die Cicely vor ihnen ausbreitete, schien ein üppiger Lohn für ihre Mühe.

»Ich mag so ein Picknick viel lieber als die, wo Mutter die ganzen Lakaien mitnimmt und wo man die Mayonnaise erst von den Sachen kratzen muss, ehe man sie essen kann,« verkündete Cicely und ließ einen Milchbart über ihrem Becher sehen.

Amherst steckte seine Pfeife an, streckte sich zufrieden inmitten der Pfefferbüsche aus und tauchte ein in jenen gedankenlosen Frieden, der sich in manchen Herzen in der Gemeinschaft mit Bäumen und Himmel einfindet. Er war auch froh, von den Lakaien und der Mayonnaise losgekommen zu sein, und er vermutete, dass der Ausruf seiner Stieftochter alle Gründe seines Glücks zusammenfasste. Die jungenhafte Schnitzkunst, die er gepflegt hatte, um bei seinen Fabrikburschen dieselbe Vorliebe zu fördern, wurde bei dieser plötzlichen Rückkehr zur Natur wieder lebendig, und er machte seine beim Überqueren des Moors wieder wett, indem er das Nest eines Sumpfzaunkönigs »Marsh-wren« (cistothorus palustris), in Nordamerika beheimatet. erspähte, das Justine entgangen war, und in einem hurtig flitzendem braunen Vogel eine verspätete Tangare »Tanager« (thraupida), amerikanischer Sperling; ein Wandervogel. in herbstlichem Inkognito entdeckte.

Cicely saß andächtig da, während er die Winterreise des Vogels beschrieb mit seinen flüchtigen Blicken auf das Meer und die Inseln, die unter ihm vorbeiflogen, bis sein langer südlicher Flug in den dämmerigen Lichtungen äquatorialer Wälder endete.

»Oh, was für ein schönes Leben – wie gern' wär' ich ein Wandervogel und würde zweimal im Jahr auf die Schornsteine der Leute 'runter schauen!« lachte Justine und beugte ihren Kopf zurück, um einen letzten Blick der Tangare zu erhaschen.

Die Sonne strahlte aus einem diesig-blauen Himmel voll auf ihren Hügel herab; sie hatte ihren Hut beiseite geworfen und die üppigen Wellen ihres Haares enthüllt, das, blau-schwarz in den Vertiefungen, an den Rändern vom Sonnenlicht einen warmen, rostbraunen Ton erhielt. Cicely zog eine gefiederte Waldreben-Ranke »Traveller's joy« (clematis viorna bzw. vitalba), eine wilde Klematis. – Die ›blumensprachliche‹ Bedeutung lautet: »Ruhe«, »Sicherheit«, »geistige Schönheit«. herunter und wand sie ihrer Freundin um die Stirn; und so bekränzt, mit ihrer hellen Blässe, die sich von den dämmerigen Herbstfarben abhob, sah Justine aus wie ein Waldgeist, der die letzten goldenen Säfte des Jahres in sich aufgesogen hatte.

Sie lehnte sich lachend an einen Baumstumpf, bewarf Cicely mit Zaubernussschalen, brachte den Terrier für Gingerbrotstücke zum Männchenmachen und stieß dann und wann mit ihrem klaren, vollen Organ Imitationen des Rufs eines verborgenen Sumpfvogels oder das schimpfende Schnattern eines Eichhörnchens im Eichenunterholz aus.

»Ist es das, was Ihnen am meisten an dieser Reise gefallen würde – auf die Schornsteine 'runter zu schauen?« fragte Amherst lächelnd.

»Oh, ich weiß nicht – ich würde es alles mögen! Denken Sie nur an den Spaß, über die halbe Erde zu fliegen – und dabei zu sehen, wie sie aus der Dunkelheit jeden Morgen neu geboren wird! Wenn ich manchmal die ganze Nacht bei einem Patienten aufgeblieben bin und gesehen habe, wie die Welt ungefähr so zu mir zurückgekommen ist, hat mich ihre Schönheit fast wahnsinnig gemacht; und dann gibt mir der Gedanke, dass ich davon kaum mehr als eine kleine Ecke gesehen habe, das Gefühl, als sei ich angekettet. Aber ich glaube, wenn ich Flügel hätte, würde ich gern eine Hausschwalbe sein; und nachdem ich dann meinen Anteil an Wundern gehabt hätte, würde ich zu meiner vertrauten Ecke und meinem mit langweiligen Leuten gefüllten Haus zurückkehren, niedrig fliegen, um sie vor Regen zu warnen, hochsteigen, um ihnen zu zeigen, dass gutes Heuwetter sei, und wissen, was in jedem Raum des Hauses und jedem Haus des Dorfes los sei; und die ganze Zeit würde ich mein wundervolles großes Geheimnis hüten – das Geheimnis von Schneeebenen und brennenden Wüsten, von Koralleninseln und begrabenen Städten – und würde es alles in mein Geplapper unter der Dachtraufe hineintun, für das die Leute im Haus immer zu beschäftigt wären, um anzuhalten und zuzuhören – und wenn der Winter käme, würde ich es sicher hassen, sie zu verlassen, sogar um zurückzukehren zu meinen großen brasilianischen Wäldern mit all ihren Orchideen und Affen!«

»Aber im Winter, Justine, könnest du dich um die Affen kümmern,« schlug die praktische Cicely vor.

»Ja – und das würde mich an Zuhause erinnern!« rief Justine und schwang sich herum, um das Kinn des kleinen Mädchens zu zwicken.

Sie befand sich in einer dieser ausgelassenen Stimmungen, in denen der Lebensgeist sie im Griff hatte und sie auf seinen mächtigen Wellen herum schüttelte und schleuderte, so wie ein Seevogel durch die Gischt heranrollender Fluten emporgeworfen wird. In solchen Augenblicken schienen alles Licht und alle Musik der Welt sich in ihren Adern zu destillieren und im sprudelnden Lachen ihrer Lippen und Augen in die Höhe zu treiben. Amherst hatte sie noch nie so erlebt, und er beobachtete sie mit jener entspannten Empfindung, die der Kontakt mit wolkenloser Fröhlichkeit einem durch Scheitern und geschwundenes Selbstvertrauen verdunkelten Gemüt einbringt. Die Welt war trotz alledem kein so düsterer Ort, wenn solche Quellen der Freude in einem Herzen aufwallen konnten, das so empfänglich war wie ihres für die quälende Last des Daseins.

»Ist es nicht eigenartig,« fuhr sie mit einem plötzlichen Tropfen Ernst fort, »dass der Vogel, dessen Flügel ihn am weitesten tragen und ihm die wundervollsten Dinge zeigen, derjenige ist, der immer wieder zu den Traufen zurückkehrt und am glücklichsten im alltäglichen Getümmel ist?«

Ihre Augen trafen sich mit Amhersts. »Mir scheint,« sagte er, »dass Sie selbst so sind, lange Flüge lieben, aber am glücklichsten im Alltagsgetümmel sind.«

Sie hob lachend ihre dunklen Brauen. »Davon gehe ich aus – aber, wissen Sie: ich hatte noch nie diesen langen Flug!«

Amherst lächelte. »Ah, so ist das – es weiß niemand und niemand sagt es: Das ist der Augenblick! denn so perfekt er auch ist, er scheint immer die Tür zu einem noch besseren dahinter zu sein. Faust hat es erst am Ende gesagt, als ihm nichts geblieben war von all dem, was er für der Mühe wert gehalten hatte; und wie anders wurde es da ausgesprochen!«

Sie überlegte. »Ja – aber es war der beste, trotz allem – der Augenblick nämlich, wo ihm nichts geblieben war …«

»Oh,« rief Cicely plötzlich dazwischen, »schaut euch das Eichhörnchen da oben an! Guck 'mal, Vater – jetzt ist es weg! Folgen wir ihm!«

Als sie dort mit zurückgeworfenem Kopf und glitzernden Lippen und Augen kauerte und ihr blondes Haar – von demselben Farbton wie das ihrer Mutter – einen leuchtenden Schleier über ihr Gesicht warf, erinnerte sich Amherst an den Winterabend in Hopewood, als er und Bessy das graue Eichhörnchen unter den verschneiten Buchen verfolgt hatten. Kaum drei Jahre war dies her – und wie bitter war die Erinnerung daran geworden! Eine kühle Wolke legte sich auf sein Gemüt und reduzierte alles wieder auf die gewöhnliche Farbe der Realität …

»Es ist zu spät für weitere Abenteuer – wir müssen los,« sagte er.


 

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