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Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 19
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
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XVIII.

Wenn Mr. Langhope sich jemals zu einem so banalen Triumph herabgelassen hätte, wie er sich in dem bequemen »Hab' ich's nicht gesagt?« zusammenfassen lässt, dann wäre dieser Satz an Mrs. Ansell im Verlaufe einer Unterredung verschwendet gewesen, welche diese beiden am nächsten Nachmittag einige Mühe hatten gegen die Einfälle der Gesellschaft in Lynbrook aufrecht zu erhalten.

Mrs. Ansell gehörte zu der Art Frauen, die sich sogar auf einem Ausflugsboot mit einer Privatsphäre umgeben und in einem Hotelsalon einen Schlupfwinkel erschaffen können, aber es stellte selbst ihre Findigkeit auf eine harte Probe, sich von den Telfers abzusondern. Als das Kunststück vollbracht und Mr. Langhope offensichtlich bereit war, sich in Geborgenheit den Freuden vertrauten Gesprächs hinzugeben, stand er kurz vor einer Enthüllung, indem er sagte: »Es ist genauso, als hätte ich das Ming-Porzellan aus den Ruinen gerettet.«

»Aus welchen Ruinen?« rief sie; ihr bestürzter Anblick erbrachte in vollem Umfang den Effekt, den er hervorzurufen trachtete.

Er widmete sich bedächtig dem Wählen und Entzünden einer Zigarette. »Truscomb ist restlos fertig – er hat ›abgedankt‹, wie's die Schlauköpfe nennen. Und die Veränderungen in Westmore werden weitaus mehr kosten, als mein erfahrener Schwiegersohn erwartete. Das ist Westys Voranschlag von heute morgen – er und Amherst haben ihn gestern Abend fertig gemacht. Ich sag' meiner armen Tochter, dass sie zumindest nichts verliert, wenn der Nippes, den ich ihr gekauft habe, im Pfandhaus landet.«

Mrs. Ansell nahm dies mit bekümmerter Miene auf. »Was ist los mit Bessy? Ich habe sie seit dem Lunch nicht gesehen.«

»Nein. Sie ist mit Blanche Carbury im Auto 'rüber nach Islip, um mit den Nick Ledgers zu dinieren.«

»Hast du sie gesprochen, bevor sie ging?«

»Kurz, aber sie sagte fast nichts. Westy erzählte mir, Amherst mache Andeutungen, das Haus in New York zu verpachten. Man kann verstehen, dass sie wortlos gegangen ist.«

Mrs. Ansell setzte sich bei diesen Worten kerzengerade auf. »Das Haus in New York?« Sie brach jedoch ab, um mit scheinbarer Bedeutungslosigkeit hinzuzufügen: »Wenn du wüsstest, wie ich Blanche Carbury verabscheue!«

Mr. Langhope vollführte eine Gebärde halben Einverständnisses. »Sie ist nicht die Freundin, die ich für Bessys ausgesucht hätte – aber wir wissen, dass die Vorsehung seltsame Mittel anwendet.«

»Vorsehung und Blanche Carbury?« Sie starrte ihn an. »Ach, du bist von Grund auf verdorben!«

»Ich verfahre nach der groben männlichen Gewohnheit, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen. Du als Frau machst von ihnen lieber insgeheim Gebrauch und übersiehst sie, wenn du ihnen in der Öffentlichkeit begegnest.«

»Blanche ist nicht die Art von Tatsachen, von denen ich, unter welchen Umständen auch immer, Gebrauch machen möchte!«

»Das verlangt keiner von dir. Nimm sie einfach als Naturgewalt – lass sie in Ruhe, und stell nicht zu viele Blitzableiter auf.«

Sie erhob ihre Augen zu seinem Gesicht. »Willst du wirklich eine Scheidung für Bessy?«

»Dein Stil ist elliptisch Nicht im linguistischen, sondern im logischen Sinn des Begriffs, bezogen auf Mrs. Ansells ›Gedankensprung‹., liebe Maria; aber Scheidung schreckt mich nicht besonders. Sie ist inzwischen ebenso schmerzlos wie moderne Zahnbehandlung.«

»Unsere verhasste Gefühllosigkeit macht sie dazu!«

Mr. Langhope reagierte darauf mit der Milde eines aufgeschobenen Urteils. »Wie soll Bessy denn dann nach deinem Vorschlag retten, was von ihrem Geld noch übrig ist?«

»Ich würde sie lieber retten lassen, was von ihrem Glück noch übrig ist. Bessy wird auf die neue Art nie glücklich werden.«

»Was verstehst du unter der ›neuen Art‹?«

»Irgend ein Boot über einen menschlichen Körper hinweg vom Stapel laufen zu lassen – oder mehrere, wie es der Fall sein mag!«

»Aber du übersiehst, dass als Notlösung, diesen Wahnsinnigen zur Räson zu bringen – –«

»Ich habe dir schon gesagt, dass du ihn nicht verstehst!«

Mr. Langhope wandte sich ihr zu mit einer Miene, die bei jemandem mit weniger Zwischentönen des Verhaltens eine Bekundung von Temperament dargestellt hätte. »Gut, dann erkläre ihn mir, um Himmels Willen!«

»Ich könnte ihn erklären, indem ich sage, dass sie noch immer in ihn verliebt ist.«

»Ah, wenn du noch so in den alten formelhaften Vorstellungen befangen bist!«

Mrs. Ansell sah ihm mit ernstem Gesicht in die Augen. »Steht es nicht mit Bessy genau so? Ist sie nicht eines der erschütterndsten Opfer der Methode, unsere Töchter in die Doppelbindung von Zweckmäßigkeit und Unwirklichkeit hinein zu erziehen, indem man ihre Körper durch Luxus und ihre Köpfe durch Sentimentalität verdirbt und sie dann damit alleine lässt, die beiden, so gut sie können, unter einen Hut zu bringen oder ihre Seelen bei dem Versuch zu verlieren?«

Mr. Langhope lächelte. »Ich könnte anmerken, dass ich, nachdem mein armes Kind so früh mir allein überlassen war, wohl mein Bestes tat, ihre Führung den Händen der bewundernswertesten Frauen, die ich kenne, anvertraut zu haben.«

»Von denen ich eine war – und damit das nicht am wenigsten zu bedauernde Beispiel des Systems! Natürlich ist das Einzige, was uns von ihrer Rache retten kann,« fügte Mrs. Ansell hinzu, »dass so wenige von ihnen je aufhören zu denken …«

»Und trotzdem willst du, wie ich feststelle, dass Bessy genau das tut!«

»Weder du noch ich können ihr dabei helfen. Du hast ihr gerade so viel Scharfsinn mitgegeben, um Fragen zu stellen, freilich ohne genügend Folgerichtigkeit, um sie zu verdeutlichen. Sollte sie aber in dem Kampf untergehen – und ich sehe keine Hoffnung für sie –« rief Mrs. Ansell und stand mit dramatischer Plötzlichkeit auf, »dann lass sie wenigstens so untergehen, dass sie dabei ihre Ideale verteidigt und sie nicht leugnet – selbst wenn sie das Haus in New York und all deine chinesische Keramik zum Sonderpreis verkaufen muss.«

Mr. Langhope erhob sich ebenfalls, missbilligend seine Hände heben. »Wenn es das ist, was es für dich bedeutet, mich vor ihrer Rache zu retten, – mich das zu Bruch gehende Geschirr hören zu lassen!« Und als sie sich ohne jeden Anspruch, seinen Scherz zu übertrumpfen, abwandte, füge er mit einem Aufleuchten freundlicher Bosheit hinzu: »Ich nehme an, du gehst als Kassandra zum Jagd-Club-Ball?«


Amherst hatte an diesem Morgen seine Frau gesucht mit dem sicheren Entschluss, den unglücklichen Eindruck ihres vorigen Gesprächs zu tilgen. Er warf sich selbst vor, dass ihn ihre Ungeduld zu leicht abgeschreckt habe. Als der Stärkere der beiden, mit der Kraft eines ihn aufrecht haltenden, feststehenden Ziels, hätte er die Unbeständigkeit ihrer Antriebe und vor allem den automatischen Einfluss ihrer Gewohnheit in Betracht ziehen müssen.

In dem Wissen, dass sie frühes Aufstehen nicht liebte, wartete er bis zehn Uhr, sich an ihrer Wohnzimmertür einzufinden, aber die auf sein Klopfen antwortende Zofe informierte ihn, dass Mrs. Amherst noch nicht auf sei.

Seine Erwiderung, dass er warten werde, schien den geruhsamen Prozess ihrer Toilette nicht zu beschleunigen, und er hatte den Raum für eine volle halbe Stunde für sich allein. Viele Monate waren vergangen, seit er so viel Zeit darin verbracht hatte, und obwohl er äußere Einzelheiten gewohnheitsmäßig nicht beachtete, fand er nun ein Ventil für seine Ruhelosigkeit, als er mechanisch die intimen Attribute von Bessys Leben gewahrte. Zuerst wurde ihm nur eine wohltuende Harmonie der Linien und Farben bewusst; sie erstreckte sich von den verschwommenen Tönen des Läufers bis zu dem gedämpften Lichtglanz auf alten Bilderrahmen und den feinen Wölbungen von Porzellanvasen; aber dann bemerkte er allmählich, wie jeder Sessel, jeder Sichtschirm, jedes Polster und sogar jedes unbedeutende Utensil auf dem Intarsien-Schreibtisch mit Bezug auf die gesamte Komposition gewählt worden war, bis hin zum geringsten Bedarf einer anspruchsvollen Muße. Einige Monate zuvor hätte dieser wohldurchdachte Rahmen, falls er ihn überhaupt wahrgenommen hätte, sich selbst gerechtfertigt als Ausdruck der natürlichen Affinität einer schönen Frau zu hübschem Spielzeug; jetzt aber waren es dessen Kosten, die ihn betroffen machten. Er hatte mittlerweile aus Bessys Rechnungen abzulesen gelernt, dass kein Handelsgut so hoch veranschlagt wird wie Schönheit, und die Schönheit um ihn herum erfüllte ihn mit jähem Widerwillen, als tarne sie die bösen Einflüsse, die das Leben seiner Frau von seinem trennte.

Bei ihrem Eintreten freilich gab er diesen Gedanken auf und versuchte ihr zu begegnen, als stehe ihrer vollkommenen Verständigung nichts im Wege. Ihr Haar, noch feucht vom Bad, fiel von einem dryadenartigen Dryaden: Baumgeister (Baum-Nymphen) der griechischen Mythologie. Knoten in dunklen, golddurchwirkten Locken herab, und aus ihrer locker beweglichen Draperie und ihrer ganzen Person strömte, als sie sich bewegte, ein Duft von Jugend und morgendlicher Frische. Ihre Schönheit rührte ihn an und erleichterte es ihm, sich zu demütigen.

»Ich war dumm und widerwärtig gestern abend. Ich kann nie das sagen, was ich möchte, wenn ich die Minuten zählen muss, und ich bin nun wieder her gekommen, um in Ruhe zu reden,« fing er an.

Ein Schatten der Enttäuschung überflog Bessys Gesicht. »Über das ›Geschäft‹?« fragte sie und blieb etwa einen Meter entfernt von ihm stehen.

»Lass es uns nicht so nennen!« Er näherte sich ihr und zog ihre Hände in seine. »Du hast es früher ›unsere Arbeit‹ genannt – möchtest du nicht zu dieser Art der Betrachtung zurückkehren?«

Ihre Hände widerstrebten seinem Druck. »Ich wusste damals nicht, dass es das Einzige sein würde, woran dir liegt – –«

Aber um ihrer selbst willen wollte er sie nicht fortfahren lassen. »Eines Tages wirst du erkennen, dass meine Mühen dafür nichts anderes bedeuten als meine Fürsorge für dich. Aber willst du inzwischen,« drängte er, »deine Aversion gegen das Thema nicht überwinden und mit ihm als meiner Arbeit nicht Nachsicht haben, wenn du es schon nicht mehr als deines betrachten möchtest?«

»Ich weiß, dass du mich für dumm hältst – aber von Frauen wird gewöhnlich nicht erwartet, sich mit allen Details der Beschäftigung ihres Mannes zu befassen. Ich habe dir mitgeteilt, dass ich tun will, was immer du in Westmore möchtest, und ich verstehe nicht, warum das nicht reicht.«

Amherst sah sie überrascht an. Etwas in ihrer raschen mechanischen Äußerung ließ vermuten, dass nicht allein der Gedanke, sondern sogar die gerade gesprochenen Worte auf fremder Anregung beruhten, und er glaubte in ihnen ein Echo von Blanche Carburys Tonfall zu hören. Wenn auch Bessys Vertrautheit mit Mrs. Carbury jüngeren Datums war, so kehrten nun Fragmente unbeachteten Rauchzimmer-Tratschs wieder und verstärkten die vage Antipathie, die Amherst gegen sie am vergangenen Abend empfunden hatte.

»Ich weiß, dass unter deinen Freunden von Frauen nicht erwartet wird, sich für die Arbeit ihrer Männer zu interessieren; und wenn die Fabrik mir gehörte, würde ich versuchen, mich an den Brauch zu halten, obwohl ich es immer schade fände, wenn die Probleme, die einen Mann gedanklich beanspruchen, außerhalb der Gespräche mit seiner Frau geregelt würden; aber wie die Dinge liegen, bin ich nur dein Repräsentant in Westmore, und ich kann deshalb nicht erkennen, wie wir vermeiden könnten, dass das Thema zwischen uns aufkommt.«

Bessy verharrte schweigend, nicht als ob sie sich seinem Appell fügte, sondern als ob ihr eigener schmaler Vorrat an Argumenten sie zeitweise im Stich ließe; und so fuhr er fort, sich über seine Thematik zu verbreiten, vermied dabei vorsorglich technische Begriffe und bemühte sich unentwegt, ihr die menschliche und persönliche Seite des Problems vor Augen zu führen.

Sie hörte kommentarlos zu, richtete ihre Augen auf einen kleinen, juwelenbesetzten Brieföffner, den sie vom Schreibtisch aufgenommen hatte, und drehte ihn fortwährend zwischen ihren Fingern, solange er sprach.

Die vollständige Entwicklung von Amhersts Plänen in Westmore hatte, abgesehen vom Rücktritt Truscombs und von Halford Gaines' unverblümtem Widerstand gegen die neue Politik, was er vorhergesehen hatte, auch zu einem unmittelbaren Bedarf von Investitionskapital geführt, der größer war, als die ersten Schätzungen erwarten ließen, und Amherst, der Bessy diese Angelegenheit vortrug, war darauf vorbereitet, ihr dabei auf dem alten Boden der Missbilligung ihrer sämtlichen Ratgeber zu begegnen. Doch als er geendet hatte, sagte sie lediglich, ohne von dem Spielzeug in ihrer Hand aufzublicken: »Ich habe immer erwartet, das du sehr viel mehr Geld brauchen würdest, als du dachtest.«

Dieser Kommentar rührte an seinen wundesten Punkt. »Aber du verstehst nun, weshalb? Du begreifst, wie die Arbeit weiter fortschreitet –?«

Seine Frau hob ihren Kopf, um ihn einen Moment anzuschauen. »Ich bin nicht sicher, dass ich es verstehe,« sagte sie gleichgültig; »aber wenn ein weiteres Darlehen nötig ist, werde ich natürlich die Schuldverschreibung dafür unterzeichnen.«

Diese Worte hemmten seine Erwiderung, indem sie, bevor er gerüstet war, sich damit auseinander zu setzen, jenen anderen, prekäreren Aspekt des Problems zur Sprache brachte. Er hatte gehofft, in Bessy etwas Gefühl für die Dringlichkeit seiner Aufgabe wiedererwecken zu können, ehe er das Thema ihrer Kosten aufgreifen würde; aber ihre kühle Vorwegnahme seiner Ansprüche als Teil eines unliebsamen Geschäfts, das erledigt und aus dem Kopf verdrängt werden musste, machte das, was er zu sagen hatte, doppelt schwierig; und ihm kam der Gedanke, dass sie vielleicht dieses Resultat vorhergesehen und darauf gerechnet hatte.

Er begegnet mit Ernst ihren Augen. »Ein weiteres Darlehen ist nötig; aber wenn eine angemessene Rückstellung für die Tilgung zu treffen ist, werden deine Ausgaben für die nächsten paar Monate um einiges beschnitten werden müssen.«

Bessys Gesicht errötete. »Meine Ausgaben? Du scheinst zu vergessen, wie sehr ich sie schon beschneiden musste.«

»Die Haushaltsrechnungen zeigen das allerdings nicht. Sie steigen ständig, und es hat in letzter Zeit einige schwerwiegende überflüssige Ausgaben gegeben.«

»Was meinst du mit ›überflüssigen Ausgaben‹?«

»Nun, da gab es dieses Paar von Haflingern, die du letzten Monat gekauft hast – –«

Sie nahm die resignierte Betrachtung des Brieföffners wie auf. »Wenn man nur ein Auto hat, braucht man natürlich mehr Pferde.«

»Die Ställe schienen mir vorher ziemlich voll. Aber wenn du mehr Pferde verlangst, verstehe ich nicht, warum es im gleichen Augenblick ebenfalls notwendig war, einen Satz chinesischer Vasen für zweitausend fünfhundert Dollar zu kaufen.«

An diesem Punkt hob Bessy ihren Kopf mit einem Ausdruck der Entschiedenheit, die ihn überraschte. Ihre Röte war ebenso schnell gewichen, wie sie gekommen war, und er bemerkte, dass sie bis zu ihren Lippen bleich wurde.

»Ich weiß, dass du dir aus solchen Sachen nichts machst; aber ich hatte eine außergewöhnliche Gelegenheit, diese Vasen zu einem geringen Preis zu erwerben – sie sind eigentlich doppelt so viel wert – und Dick hatte immer einen Satz von Ming-Porzellan für den Kaminsims des Salons haben wollen.«

Richard Westmores Name war stets stillschweigend gemieden worden zwischen ihnen, denn in Amhersts Fall vermehrte das missliche Gefühl der Abhängigkeit von den Wohltaten eines toten Mannes die Empfindung eines zwanghaften Widerwillens, wie sie jede Erinnerung an die Existenz des ersten Ehemannes bei seinem Nachfolger hervorzurufen pflegt.

Er wurde rot bei dieser Antwort, und Bessy, die von dieser vielleicht bewusst provozierten Verlegenheit profitierte, sprach hastig und wie auswendig gelernt weiter: »Ich habe dir völlige Freiheit gelassen, in der Fabrik zu tun, was du für das Beste hältst, aber diese dauernde Diskussion meiner persönlichen Ausgaben ist für mich äußerst unerfreulich wie für dich sicherlich auch, und in der Zukunft, denke ich, wäre es viel besser für uns beide, getrennte Konten zu haben.«

»Getrennte Konten?« wiederholte Amherst in echtem Erstaunen.

»Ich hätte gerne meine persönlichen Ausgaben wieder unter meiner eigenen Kontrolle – ich war es nie gewohnt, Rechenschaft für jeden Pfennig abzulegen, den ich ausgebe.«

Die senkrechte Linie zwischen Amhersts Brauen vertiefte sich. »Du hast natürlich die Freiheit, dein Geld auszugeben, wie es dir beliebt – und ich glaubte, du tätest dies, als du mich im letzten Frühling ermächtigt hast, mit den Veränderungen in Westmore anzufangen.«

Ihre Lippen zitterten. »Willst du mir das vorwerfen? Ich hab' es nicht verstanden … das hast du dir zunutze gemacht …«

»Oh!« stieß er aus.

Bei diesem Ton stieg ihr erneut das Blut ins Gesicht. »Es war natürlich mein Fehler – ich wollte dir nur eine Freude machen – –«

Amherst verschlug es die Sprache, so plötzlich mit dem Gefühl seiner Verantwortlichkeit konfrontiert zu sein. Was sie sagte, entsprach der Wahrheit – er hatte gewusst, als er ihr das Opfer abverlangte, dass sie es nur getan hatte, um ihm eine Freude zu machen und aus einer Regung wieder erwachten Gefühls, und nicht etwa aus der wirklichen Erkenntnis einer höheren Pflicht. Diese Einsicht veranlasste ihn, behutsam zu erwidern: »Ich bin bereit, jeden Tadel, den ich verdiene, auf mich zu nehmen; aber es wird uns jetzt nicht helfen, auf die Vergangenheit zurück zu greifen. Es ist wichtiger, dass wir zu einem Einvernehmen für die Zukunft kommen. Falls du mit dem Wunsch eines getrennten persönlichen Kontos die Absicht verbindest, die Kontrolle über dein gesamtes Einkommen wieder zu erlangen, dann solltest du wissen, dass die Verbesserungen in der Fabrik umgehend gestoppt werden müssten und die Dinge dort wieder zu ihrem alten Zustand zurückkehren.«

Sie fuhr auf mit einer ungeduldigen Geste. »Oh, ich will niemals mehr irgend etwas von der Fabrik hören!«

Er betrachtete sie einen Augenblick schweigend. »Ist das deine Antwort?«

Sie ging zur Tür, ohne seinen Blick zu erwidern. »Natürlich,« murmelte sie, »wirst du am Ende tun, was dir beliebt.«

Die Schärfe dieser Erwiderung bewegte ihn, denn er vernahm darin den Aufschrei ihres verletzten Stolzes. Er wollte gerne zur Antwort herausschreien, dass Westmore ihm nichts bedeute, dass alles, was er wolle, darin bestehe, sie glücklich zu sehen … Aber es stimmte nicht, und seine Männlichkeit revoltierte gegen den Betrug. Außerdem wäre dessen Wirkung ohnehin nur vorübergehend – er würde nicht besser standhalten als ihre vergeblichen Versuche, ein Interesse an seiner Arbeit vorzutäuschen. Zwischen ihnen standen für alle Zeiten die unübersteiglichen Barrieren von Charakter, Erziehung und Gewohnheit – und trotzdem konnte er nicht glauben, dass irgend eine Barriere unübersteiglich sei.

»Bessy,« rief er aus, während er ihr folgte, »lass uns nicht auf diese Weise scheiden – –«

Sie blieb mit der Hand auf der Klinke ihres Ankleideraums stehen. »Es ist Zeit, sich für den Kirchgang umzuziehen,« wandte sie ein und warf einen Blick auf die kleine vergoldete Uhr auf dem Kaminsims.

»Kirchgang?« Amherst erstarrte in der Verwunderung darüber, dass sie in solch einer Krise so unbeteiligt geblieben sein sollte, die Zeit im Blick behalten zu können.

»Du vergisst,« versetzte sie mit einem Ausdruck leisen Tadels, »dass ich vor unserer Heirat gewohnt war, jeden Sonntag zur Kirche zu gehen.«

»Ja – selbstverständlich. Würdest du nicht gerne mit mir zusammen gehen?« antwortete er leise, als komme ihm soeben ein weiteres Versäumnis in der langen Liste seiner gesellschaftlichen Unzulänglichkeiten zum Bewusstsein; denn der Kirchgang in Lynbrook war ihm stets als rein gesellschaftliche Pflichterfüllung vorgekommen.

Bessy hatte indessen die Tür ihres Ankleideraums geöffnet. »Es wäre mir viel lieber, wenn du tätest, was dir gefällt,« sagte sie und verließ den Raum.

Amherst versuchte nicht weiter, sie zurück zu halten, und so schloss sich hinter ihr die Tür, als beschließe sie ein Kapitel in ihrem Leben.

»Das ist das Ende!« murmelte er, griff nach dem Brieföffner, mit dem sie gespielt hatte und drehte ihn abwesend zwischen seinen Fingern. Aber nichts im Leben hört jemals auf, und im nächsten Augenblick stellte sich ihm eine neue Frage – wie würde das nächste Kapitel beginnen?


 

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