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Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 17
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
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XVI.

Amherst hatte nach Verlassen des Zuges von Zweifeln befangen auf dem leeren Bahnsteig verweilt. Sein Ankunft war unangekündigt, und kein Wagen erwartete ihn; aber dann bemerkte er, dass der Dorfkutscher mit einem Peitschenschlag das Zeichen seiner Bereitschaft gab. Amherst spürte gleichwohl das Verlangen, den Augenblick seiner Ankunft noch aufzuschieben, und nachdem er sein Gepäck auf der Kutsche verstaut hatte, ging er zu dem Drehkreuz, das Justine vorhin durchschritten hatte. Indem er so einen möglichst langen Heimweg einschlug, gab er seinem Widerwillen in einem weiteren Punkt nach. Er wusste, dass zu dieser Stunde die Gäste seiner Frau noch im Salon versammelt waren, und er wünschte den unangekündigten Eintritt unter ihnen zu vermeiden.

Erst jetzt empfand er die Peinlichkeit solch einer Ankunft. Schon seit einiger Zeit war ihm klar gewesen, dass er nach Lynbrook zurückkehren müsse, aber er hatte nicht gewusst, wie er Bessy sagen sollte, dass er kommen werde. Aufgrund mangelnder Gewohnheit war er unerfahren in der Kunst müheloser Übergänge, und seine Unfähigkeit, heikle Klüfte zu überbrücken, hatte ihm bei seiner Frau und ihren Freunden oft geschadet. Die Bedeutung der Einhaltung von Formen, die den täglichen Ritus ihres Lebens bildeten, war ihm immer noch fremd, und gegenwärtig gab es schon genug Empfindlichkeiten zwischen ihm und Bessy, wodurch sich die Befolgung jener Formen ohnehin schwieriger als gewöhnlich gestaltete.

Zwar war keine offene Entfremdung eingetreten, doch hatte der Friede nur auf Kosten einer langsam anwachsenden Anamnese von Kränkungen auf beiden Seiten erhalten werden können. Seit Amherst seinen Standpunkt in Bezug auf die Fabrik durchgesetzt hatte, war die von ihm vorhergesehene Gefahr Wirklichkeit geworden: sein Sieg in Westmore hatte zu seiner Niederlage in Lynbrook geführt. Es wäre zu plump zu behaupten, seine Frau ließe ihn für ihr öffentliches Zugeständnis durch private Missachtung seiner Wünsche zahlen; und wenn etwas dieser Art tatsächlich die Folge war, sagte ihm sein Gerechtigkeitsgefühl, dass es lediglich die natürliche Reaktion einer sanften Natur gegen die augenblickliche Last der Selbstverleugnung darstellte. Im Anfang war er dieser Konsequenz seines Triumphs kaum gewahr geworden. Die Freude, in Westmore nach seinem Willen verfahren zu können, hatte alle geringeren Empfindungen überdeckt; und seine Leidenschaft für Bessy war seit langem zu einem jener seichten Gefühlstümpel geschrumpft, den vielleicht eine plötzliche Flut füllen mochte, der aber niemals wieder zu dem immer währenden Quell werden konnte, aus dem sich sein Leben speiste.

Die Notwendigkeit, während der ersten Veränderungen kontinuierlich in Hanaford zu bleiben, hatte die Angespanntheit der Lage vermehrt. Er hatte nie erwartet, dass Bessy dort mit ihm wohnen wollte – hatte es im Grunde genommen kaum gewünscht – und ihr Vorhaben, mit Miss Brent in die Adirondacks zu gehen, schien ihm eine zufriedenstellende Alternative zu der Europareise, auf die sie verzichtet hatte. Er war erleichtert, als habe ihm jemand die Aufgabe abgenommen, ein ruheloses Kind zu unterhalten, und er ließ seine Frau ziehen, ohne zu ahnen, dass dies ein entscheidender Moment zwischen ihnen sein könnte. Bessy wäre freilich nicht auf die Idee gekommen, dass jemand sechs Wochen in den Adirondacks als angemessenen Ersatz für einen Sommer im Ausland betrachten könne. Sie hatte das Gefühl, dass ihr Opfer Anerkennung verdiene, und persönliche Zuneigung war die einzige Form von Anerkennung, die sie zu befriedigen vermochte. Sie erwartete, dass Amherst zu ihrem Urlaubsort hinzustoßen werde, doch er kam nicht; und als sie nach Long Island zurückkehrte, hielt sie sich nicht in Hanaford auf, um ihn zu treffen, obwohl es auf dem Weg lag. Zur Zeit ihrer Rückkehr machten die Arbeiten in der Fabrik es ihm unmöglich, nach Lynbrook zu kommen; und so verrannen die Wochen ohne ein Zusammentreffen.

Am Ende war er auf Drängen seiner Mutter für eine Nacht nach Long Island gefahren; aber trotz der Ankündigung seines Kommens hatte er ein volles Haus vorgefunden, und die ganze Gesellschaft, außer Mr. Langhope, war gerade im Begriff, zu einem Dinner in der Nachbarschaft aufzubrechen. Natürlich erwartete man von ihm, dass er sich anschließe, und Bessy schien verletzt, als er erklärte, er sei zu müde und ziehe es vor, bei Mr. Langhope zu verweilen; sie schlug allerdings nicht vor, selbst zu Hause zu bleiben, sondern fuhr ab in einer Stimmung übertriebener Ausgelassenheit. Amherst war sein ganzes Leben zu beschäftigt gewesen, um zu wissen, welche komplizierte Verdrehtheit eine emotionale Kränkung in einem müßigen Gemüt zu entwickeln im Stande ist, und er sah in Bessys Handeln nur ein Zeichen von Gleichgültigkeit. Am nächsten Tag beschwerte sie sich bei ihm über Geldprobleme, so als sei sie überrascht, dass ihr Einkommen plötzlich beschnitten wäre; und als er sie daran erinnerte, dass sie aus eigenem Willen dieser vorübergehenden Reduzierung zugestimmt hätte, brach sie in Tränen aus und beschuldigte ihn, sich nur noch um Westmore zu kümmern.

Er fuhr aufgebracht über ihre Inkonsequenz davon, und Rechnungen aus Lynbrook trafen weiterhin massenhaft bei ihm ein. In den ersten Tagen ihrer Ehe hatte Bessy ihm die Verantwortung für ihre Finanzen übertragen, und sie war zu träge – und wohl eigentlich auch zu sensibel – ihn zu bitten, auf dieses Amt zu verzichten. Es war ihm daher vollkommen klar, wie wenig sie den Geist ihres Abkommens einhielt, und sein Kopf quälte sich mit der Vorahnung finanzieller Verlegenheiten. Er schrieb ihr einen Brief mit sanften Vorhaltungen, in ihrer Antwort aber ignorierte sie seine Beschwerde; und danach brach jenes Schweigen zwischen ihnen herein.

Der einzige Weg, dieses Schweigen zu brechen, bestand darin, nach Lynbrook zu kommen; aber nun, wo er zurück gekommen war, wusste er nicht, welcher Schritt als nächster zu tun sei. Etwas im Dunstkreis seiner Frau schien seine Willenskraft zu lähmen. Wenn alle um sie eine Sprache benutzten, die von seiner so verschieden war: wie konnte er hoffen, sich ihr verständlich zu machen? Er wusste, dass ihre Familie und ihre engen Freunde – Mr. Langhope, die Gaines, Mrs. Ansell und Mr. Tredegar – weit davon entfernt waren, als Stützen bei einer Verständigung zu dienen, sondern vielmehr als Wachtposten bereit standen, um bei seiner Annäherung die Zugbrücke hochzuziehen und das Fallgitter herab zu lassen. Sie bildeten zusammen eine Liga zur Unterdrückung der anfänglichen Gefühle, die er in Bessy hervorgerufen hatte, um sie in die abstumpfende Routine ihres früheren Lebens zurück zu drängen, und die einzige Stimme, die möglicherweise für ihn sprechen könnte, war die von Miss Brent.

Der »Fall«, der sich ihr durch einen der Ärzte am Hope Hospital unerwartet anbot und Justine den ganzen Juni in Hanaford festhielt, hatte eine Freundschaft zwischen ihr und Amherst begründet. Sie sahen sich zwar nicht oft oder lernten einander gründlich kennen; doch gelegentlich traf er sie bei seiner Mutter und bei Mrs. Dressel, und einmal fuhr er mit ihr hinaus nach Westmore, um sich mit ihr wegen der Notfallstation zu beraten, die zu den ersten Verbesserungen dort gehörte; und als Bessy etwa zwei Wochen später in ihrem Brief den Vorschlag machte, Miss Brent zu den Adirondacks mitzunehmen, wäre Amherst niemand anderes, den seine Frau zur Begleitung hätte wählen mögen, lieber gewesen.

Zu dieser Zeit war er viel zu beschäftigt, um sein Empfinden für Miss Brent zu entwickeln oder zu untersuchen; er beruhigte sich bei dem Gedanken, dass sie das »netteste« Mädchen sei, das er je getroffen hatte, und freute sich unumwunden, wenn der Zufall sie zusammen führte; der in ihrer beider Gemüt durch solche Zugfallsbegegnungen gesäte Samen war noch nicht aufgekeimt.

Das schrittweise Wachstum ihrer Vertrautheit war so unbemerkt geblieben, dass es Amherst selbst überraschte, an sie nun als eine Stütze der Verständigung mit seiner Frau zu denken; dieser Gedanke indes ermutigte ihn dermaßen, dass er, als er Justine auf dem Weg vor sich sah, mit seltenem Eifer zu ihr strebte.

Justine ihrerseits empfand ebenso viel Freude. Sie wusste, dass Bessy ihren Ehemann nicht erwartete und dass seine verlängerte Abwesenheit schon Ursache maliziöser Kommentare in Lynbrook gewesen war; und sie fasste wieder Hoffnung, dass diese plötzliche Rückkehr Zeichen einer günstigeren Wendung der Angelegenheiten sein könne.

»Oh, ich bin so froh, Sie zu treffen,« rief sie; und ihr Ton verschaffte ihm vollends Gewissheit und das freudige Gefühl, dass sie ihn verstehen und ihm helfen würde.

»Ich wollte Sie auch treffen,« begann er etwas konfus; dann fügte er, sich der Intimität der Redewendung bewusst werdend, mit einem verhaltenen Lachen hinzu: »In Wahrheit bin ich ein Missetäter, der nach einem Friedensengel sucht.«

»Ein Missetäter?«

»Ich war wegen der Fabrik so gebunden, dass ich bis gestern nicht wusste, wann ich mich losreißen könnte; und in der Eile des Aufbruchs –« Er unterbrach sich wieder, eingedenk der Unmöglichkeit, dem Mädchen vor ihm etwas von den kleinen konventionellen Unwahrheiten zu erzählen, die in Bessys Kreis umliefen. Nicht dass ihn irgend welche Skrupel der Rechtschaffenheit zurückgehalten hätten: bei Kleinigkeiten begriff er durchaus die Zweckmäßigkeit solcher Vorstöße im gesellschaftlichen Spiel; aber wenn er mit Justine zusammen war, empfand er stets dunkel das Bedürfnis, sein wirkliches Lebens erkennen zu lassen.

»Ich habe dummer Weise nicht telegraphiert,« sagte er, »und ich fürchte, meine Frau wird mich für nachlässig halten: sie muss mir oft meine Unterlassungssünden vorhalten, und diesmal weiß ich, werden es viele sein.«

Das Mädchen nahm dies schweigend auf, weniger aus Verlegenheit denn aus Überraschung; sie hatte nämlich schon vermutet, dass es Amherst ebenso schwer fiel, seine privaten Angelegenheiten, wenn auch nur sehr zurückhaltend, anzusprechen, wie es bei seiner Frau instinktiv geschah, dass sie ihr Leiden in jedes willfährige Ohr strömen ließ. Justines erster Gedanke bestand in der Genugtuung darüber, dass er sich aussprechen wollte, und in dem Verlangen, ihm das, was auch immer er zu sagen hatte, zu erleichtern; doch bevor sie antworten konnte, sprach er hastig weiter: »Bessy weiß einfach nicht, wie kompliziert die Arbeit in Westmore ist; und als ich Sie jetzt erblickte, dachte ich, Sie seien diejenige Ihrer Freunde, die ein technisches Verständnis für das hat, was ich zu tun versuche, und die ihr folglich helfen könnte zu begreifen, wie schlimm es für mich ist, meine Hand vom Pflug zu nehmen.«

Justine hörte ernst zu; sie wollte ihr Begreifen und ihr Mitgefühl förmlich heraus schreien, besann sich jedoch, dass dies ein kritischer Augenblick war, wo einem Impuls nicht zu weitgehend getraut werden durfte. Es war durchaus möglich, dass eine Reaktion des Stolzes Amherst veranlasste, ein auch noch so vorsichtiges Bekenntnis zu bereuen; und wenn dies geschah, mochte er ihr vielleicht niemals vergeben, ihn zum Reden ermutigt zu haben. Sie sah lächelnd zu ihm auf.

»Warum sagen Sie es Bessy nicht selbst? Ihr Verständnis der Sache ist um einiges deutlicher als meins oder das irgend eines anderen.«

»Oh, Bessy ist es leid, darüber von mir zu hören; und außerdem –« Sie entdeckte einen Hauch Enttäuschung in seinem Ton, und es tat ihr leid, irgend etwas gesagt zu haben, das sein Vertrauen entmutigen könnte. Es kam ihr auch der Gedanke, dass sie unaufrichtig gewesen war, indem sie ihm nicht erzählt hatte, dass sie schon in das Geheimnis häuslicher Differenzen hinein gezogen worden war: sie wünschte ebenso wie Amherst absolute Offenheit zwischen ihnen.

»Ich weiß,« sagte sie fast schüchtern, »dass Bessy zuletzt nicht ganz zufrieden damit war, Ihnen so viel Zeit in Westmore zugestanden zu haben, und vielleicht weiß sie selbst, dass es daran liegt, dass die Arbeit dort sie nicht interessiert; aber ich glaube, es liegt an einem anderen Grund.«

»An welchem?« fragte er, sie überrascht anschauend.

»Dass Westmore Sie ihr wegnimmt; weil sie denkt, dass Sie glücklicher dort sind als in Lynbrook.«

Der Tag war so war rasch zur Neige gegangen, dass die beiden nicht länger das Gesicht des anderen zu erkennen vermochten, und es wurden ihnen leichter, die Unterhaltung durch den Schleier fallender Dunkelheit zu führen.

»Aber, Herr im Himmel! sie könnte dort bei mir sein – sie wird dort genau so gebraucht wie ich!« rief Amherst.

»Ja; aber Sie müssen bedenken, dass das alles gegen ihre Gewohnheiten verstieße – und gegen den Standpunkt eines jeden um sie herum – ein Leben dieser Art zu führen; und mittlerweile – –«

»Ja?«

»Wäre es nicht mittlerweile zweckmäßig, ein wenig mehr ihres zu führen?«

Immer die gleichen Antworten auf seine rastlosen Fragen! Die Antwort seiner Mutter, Bessys Antwort und die ihrer Freunde. Irgendwie hatte er gehofft, dieses Mädchen an seiner Seite würde eine andere Lösung des Problems finden, und seine Enttäuschung mündete in einen verbitterten Ausruf.

»Aber Westmore ist mein Leben – ihres auch, wenn sie es nur einsehen würde! Ich kann die Fabrik jetzt nicht im Stich lassen, ohne vor ihr genauso wie vor mir selbst als Betrüger da zu stehen!«

Während er sprach, hatte ihn wieder einmal die Hoffnungslosigkeit des Versuchs überkommen, seine Sache klar zu stellen. Wie konnte auch Justine, trotz all ihrer aufgeweckten Sympathie, eine Situation verstehen, deren tiefere Bestandteile ihr notwendig unbekannt sein mussten? Der Rat, den sie ihm gegeben hatte, lag natürlich auf der Hand, und von ihren Lippen wirkte er nicht wie ein Anwalt oberflächlicher Zweckdienlichkeit, sondern wie ein Plädoyer aus mitfühlendem Verständnis. Trotzdem wusste sie nichts von dem langen Kampf um gegenseitige Anpassung, der in dieser Krise zwischen ihm und seiner Frau kulminierte, und sie konnte darum nicht begreifen, dass er, wenn er sich in diesem Punkt fügte und seine Arbeit in Westmore aufgab, ein Zugeständnis machte, das auf Zerstörung statt Erneuerung hinauslief. Er spürte, dass er Bessy hassen müsste, wenn er sie um diesen Preis zurück gewänne; und die Heftigkeit dieser Empfindung erschütterte ihn. Es war eigentlich, wie er gesagt hatte, sein eigenes Leben, für das er kämpfte. Gäbe er Westmore auf, so könnte er nicht in die nutzlosen Aktivitäten von Lynbrook zurück fallen, und das Schicksal mochte vielleicht eine etwas geringere Alternative im Angebot haben. Er konnte sich auf seine eigene Kraft und seine Selbstbeherrschung verlassen, solange seine Energien ein gesundes Ventil fanden; Müßiggang freilich und Hemmungslosigkeit könnten in ihm wie eine gefährliche Droge wirken.

Justine blieb fest bei ihrem Standpunkt. »Westmore muss mit der Zeit für Sie beide Vorrang erhalten; ich kann nicht erkennen, wie einer von Ihnen dem entkommen sollte. Aber die Erkenntnis darüber muss Bessy durch Sie gewinnen, und aus diesem Grund glaube ich, dass Sie geduldiger sein sollten – dass Sie das Problem sogar für eine gewisse Zeit zur Seite legen und etwas mehr an ihrem Leben teilnehmen, während sie Ihres zu verstehen lernt.« Als sie aufhörte, hatte sie von dem, was sie gesagt hatte, einen banalen und untauglichen Eindruck und sogar das Gefühl, das Maß der Diskretion überschritten zu haben; zwischen zwei Zweifeln hin und her gerissen fügte sie darum eilig hinzu: »Aber Sie haben genau das getan, indem Sie jetzt zurück gekommen sind – das ist die wahre Lösung des Problems.«

Während sie sprach, waren sie von dem eingeschlagenen Waldpfad abgewichen und hatten eine Masse von Strauchwerk umrundet, das auf dem Rasen unter den Terrassen auftauchte. Der lange Hauptteil des Hauses über ihnen hob sich dunkel mit hell erleuchteten Fenstern, die seinen unregelmäßigen Umriss markierten, vor dem nachglimmenden Schimmer im Westen ab; und dieser Anblick rief in Amherst und Justine ein unbestimmtes Gefühl hilfloser Einschränkung hervor. Es war nicht mehr möglich, mit derselben Freiheit zu sprechen, wenn man mit diesem wesenhaften Symbol der anerkannten Ordnung konfrontiert war, das auf sie herunter zu starren schien in wuchtiger Verachtung ihrer kümmerlichen Anstrengungen, den Lauf der Ereignisse umzulenken; ohne an ihre letzten Wort anzuknüpfen, fragte Amherst nach einer Weile, ob seine Frau viele Gäste habe.

Er hörte schweigend zu, während Justine die Namensliste überflog – die Telfer-Mädchen und ihr Bruder, Mason Winch und Westy Gaines, eine Gruppe von jungen, Bridge spielenden Paaren und, unter den letzten Ankömmlingen, die Fenton Carburys und Ned Bowfort. Die Namen waren Amherst alle vertraut – er wusste, dass sie die Blüte des Wochenend-Schicks repräsentierten; aber er erinnerte sich nicht, die Carburys unter den Gästen seiner Frau schon gesehen zu haben, und sein Gedächtnis blieb bei dem Namen hängen und bemühte sich, irgend einen verlorenen Eindruck mit ihm zu verknüpfen. Aber er rief wie die anderen lediglich jenes verworrene Gefühl von greller Unrast hervor, das er von seinem letzten Besuch in Lynbrook mitgenommen hatte; und diese Erinnerung brachte ihn dazu, Miss Brent nach Abschluss der Liste zu fragen, ob sie nicht meine, dass eine so kontinuierliche Aufeinanderfolge von Besuchern für Bessy zu ermüdend sei.

»Manchmal denke ich, es ermüdet sie mehr, als sie selbst weiß; aber ich hoffe, sie lässt sich überreden, mehr auf sich Acht zu geben, wo jetzt Mrs. Ansell zurückgekommen ist.«

Amherst blieb abrupt stehen. »Ist Mrs. Ansell da?«

»Sie kam heute von Europa zurück.«

»Und Mr. Langhope auch, nehme ich an?«

»Ja. Er kam vor zehn Tagen von Newport.«

Amherst riss sich zusammen, denn ihm war klar, das seine Fragen verrieten, dass er und seine Frau seit längerem einander nicht mehr schrieben. Derselbe Gedanke schien Justine zu kommen, und sie gingen schweigend über den Rasen, unwillkürlich ihre Schritte beschleunigend, wie um dem bedrückenden Gewicht der zwischen ihnen gewechselten Worte zu entkommen. Justine war allerdings unzufrieden damit, dass dieses fruchtlose Gefühl der Bedrücktheit das letzte Ergebnis ihres Gesprächs sein sollte; und als sie die obere Terrasse erreichten, hielt sie an und wandte sich impulsiv zu Amherst um. Während sie dies tat, fiel Licht aus einem vorhanglosen Fenster auf ihr Gesicht; Augenblicke starken Fühlens hatten es vor innerer Helligkeit zur Glut angefacht.

»Eines ist sicher: Bessy wird sehr, sehr froh sein, dass Sie gekommen sind,« rief sie.

»Ich danke Ihnen,« antwortete er.

Ihre Hände trafen sich mechanisch, und sie wendete sich ab und betrat das Haus.


 

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