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Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 15
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
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XIV.

Justine Brent hatte ihre Haushaltspflichten erledigt und war hinauf zu ihrem Zimmer gegangen, einer kleinen Turmkammer, die über die weite Terrasse unten hinausragte, von der die Klänge des lebhaften Verkehrs nun zunehmend zu ihrem Fenster herauf drangen.

Sie wusste, dass Bessy es vorgezogen haben würde, wenn sie bei der Gesellschaft geblieben wäre, von der diese Bekundungen der Lustbarkeit ausgingen. Mrs. Amherst war von der Nähe ihrer Freundin geradezu abhängig geworden. Sie genoss das Gefühl, dass Justines rasche Hände und Augen stets auf ihre Impulse warteten, sie umgehend deuteten und sie ohne irgend eine Anstrengung ihrerseits in die Tat umsetzten. Bessy verband großen sportlichen Eifer – eine unermüdliche Leidenschaft für den Sattel, den Golfplatz, das Tennisfeld – mit einer beinahe orientalischen Trägheit im Haus, einer Arbeitsscheu von Körper und Geist, die sie vor den aktiven Gastgeberpflichten zurückschrecken ließ, obwohl sie zunehmend die Zerstreuungen eines vollen Hauses brauchte.

Obwohl Justine dankbar war und sich bemühte, ihre Dankbarkeit auch zu zeigen, war sie dennoch nicht willens, zu ihren anderen Pflichten die der Teilnahme an den Hausparty-Vergnügungen hinzuzufügen. Sie suchte keinen Vorwand, um sich im Hintergrund zu halten, wenn sie glaubte, dass ihre Anwesenheit nützlich sein könne – doch sogar wenn sie sich aus dem in Lynbrook favorisierten Amüsement etwas gemacht hätte, würde sie ein gewisser heimlicher Stolz davon abgehalten haben, sich dabei auf demselben Fuß wie Bessys Gäste zu beteiligen. Sie schämte sich nicht im Geringsten ihrer Stellung im Haushalt, hatte aber entschieden, dass niemand sie gleich für eines dieser nomadischen Mädchen halten sollte, die den Tross des großen Vergnügungsheeres bildeten. Aber nicht einmal in diesem Punkt war ihre Empfindlichkeit übertrieben. Das Unglück weiß geschickt die losen Fäden des Antriebs in einer Persönlichkeit zu versammeln, und Justines frühe Berührung mit unterschiedlichen Phasen der Erfahrung hatte sie mit einem ziemlich klaren Blick auf das Leben ringsum bedacht, den man eine tadellos funktionierende Topographie seiner relativen Höhen und Tiefen nennen könnte. Sie fürchtete nicht ernsthaft, für irgend etwas gehalten zu werden; wofür gehalten zu werden sie jedoch tatsächlich fürchtete, geschweige denn durch die Macht von Nähe und Einflüsterung dies zu werden, war die Sorte von Wesen, für das man sie vorläufig hätte halten können.

Als sie sich Bessy auf deren Bitte zu ihrem Adirondacks-Urlaub angeschlossen hatte, war der Übergang von einem erschöpfenden ›Fall‹ in Hanaford zu einem Leben, in dem die Freiheit des Waldes kunstreich mit höchst durchdachtem persönlichen Luxus gemischt war, als köstliche Erfrischung für Leib und Seele willkommen. Sie war damals von Hässlichkeit, Mühsal und harter Arbeit erschöpft, und das Leben schien unter dem Aspekt eleganter Muße wieder Bedeutung zu gewinnen. Auch Lynbrook, wohin mit zu kommen sie von Bessy nach ihrer Waldland-Kur überredet worden war, hatte sie zunächst ergötzt und interessiert. Das große Haus inmitten seiner ausgebreiteten Terrassen, mit Fenstern, durch die man über helle Gärten bis zu den verschwommenen Fernen der Plains schauen konnte, erschien wie ein Hafen unbeschwerter Behaglichkeit und Heiterkeit. Justine war durchaus empfänglich für die feineren Gaben luxuriösen Lebens, für die warmen Lichter auf den alten Bildern und Bronzen, die weich gemischten Farben in verblichenen Läufern und vergilbten Eichen-Paneelen. Und das Dasein, für das dieser Hintergrund den Rahmen bildete, schien zuerst dieselben dekorativen Qualitäten zu besitzen. Wenigstens einmal war es erfreulich, unter Leuten zu sein, deren Hauptgeschäft darin bestand, gut auszusehen und das Leben leicht zu nehmen, und Justines eigene lebenskräftige Natur gewann ihr unmittelbaren Zugang zu den liebenswürdigen Personen, die Bessys Wochenend-Partys bevölkerten. Wenn sie nur ein wenig mehr eigenes Profil besessen hätten, wäre sie vielleicht ihrem Bann unterlegen. Es schien ihr indes, dass sie die Poesie ihrer Situation gar nicht erkannten, sondern ihre Vergnügungen eintönig und kurzsichtig abwickelten, wie ein ans Kontobuch gebundenes Wettrennen. Sogar die sprachliche Gewandtheit, die ihr das Gefühl gegeben hatte, in einer Welt freierer Ideen zu sein, entpuppte sich bald als eine Form der Flucht vor eben diesen, unter denen das Wettrennen ausgesprochen flott stattfand; und Justines Phase passiven Genießens schwand mit der Rückkehr ihrer physischen und geistigen Tatkraft. Sie war ein vor Energie strotzendes Geschöpf, ein kleines flüchtiges Partikel jener Kraft, welche die Sonne und andere Sterne bewegt, und die abstumpfenden Einflüsse des Lebens in Lynbrook ließen diese Anlagen zu größerer Stärke anwachsen, so wie eine erstickte Person im Kampf um Luft plötzlich abnorme Kräfte entwickelt.

Sie bereute es allerdings nicht, mitgekommen zu sein. Sie war froh über ihre Gemeinschaft mit Bessy, zum Teil aus Gründen der jugendlichen Freundschaft, die so tiefe Spuren in ihrem einsamen Herzen hinterlassen hatte, und zum andern, weil das, was sie von der Lage ihrer Freundin erlebt hatte, in ihr sämtliche Regungen von Mitgefühl und Hilfsbereitschaft wach rief; doch der Gedanke, in solch einem Leben zu verweilen, herab zu sinken zu einer jener halbabhängigen Stellungen, die sich ein cleveres, hübsches Mädchen im Tross einer gefragten Dame schaffen kann – diese Möglichkeit hatte sich Justine nie dargestellt, bis Mrs. Ansell sie diesen Nachmittag in Worte gefasst hatte. Und von ihr zu hören, bedeutete sich gegen sie zu empören mit der ganzen Stärke ihrer innersten Natur. Der Gedanke an die Zukunft bekümmerte sie nicht so sehr materiell – denn sie vertraute wie ein Vogel leichthin auf die Kost des morgigen Tages – vielmehr weil sich ihre eigenen Neigungen mit weniger Klarheit entwickelt zu haben schienen, so dass sie ihnen nicht einfach die Führung überlassen konnte, wie sie es früher getan hatte. Die Erneuerung der körperlichen Aktivität hatte ihr nicht den Glauben an ihre Berufung zurück gebracht: ihre Arbeit hatte das weihevolle Leuchten verloren. Sie fühlte sich nicht mehr prädestiniert, für den Rest ihres Lebens Kranke zu pflegen, und in ihrer Unerfahrenheit warf sie sich dies als Haltlosigkeit vor. Jugend und Weiblichkeit förmlich in ihr nach individueller Befriedigung; aber ebenso tief verwurzelte Instinkte schützten sie davor, auch nur einen Augenblick den Illusionen betreffs der Art dieses Verlangens zu erliegen. Sie sehnte sich so leidenschaftlich nach Glück und eigenem Leben, wie junges Fleisch und Blut sie je gewünscht hatten; aber sie mussten in einem Lichtbad von Phantasie kommen und durchdrungen sein vom Gefühl reicherer Gemeinsamkeiten. Sie konnte sich nicht vorstellen, sich in einer kleinen Zitadelle persönlichen Wohlergehens abzuschotten, während draußen die großen Wellen des Daseins unbeachtet aufrauschten. Ob sie ihr Schätze zu Füßen spülten oder ihr Leben mit Wracks übersäten: sie spürte auch jetzt, dass ihr Platz dort an den Ufern war, Aug' und Ohr auf den großen Strom gerichtet; und in eben dem Maße, wie der Lebensstil in Lynbrook darin fortschritt, alle Wahrnehmung jenes weiteren menschlichen Bewusstseins auszuschließen, sprach um so erregender dessen Stimme in ihr.

Irgendwo, das spürte sie – doch ach, noch außer Reichweite –, gab es das Leben, nach dem sie verlangte, ein Leben, in dem hohe Aussichten auf Tätigkeit verbunden wären mit den feineren Formen des Genusses. Aber welches Recht besaß sie, ein solches Dasein zu teilen? Nein, keines außer ihrem Gefühl für dessen Wert – und was zählte das in einer Welt, die ihre sämtlichen Hilfsmittel aufbot, um sich gegen all ihre Möglichkeiten zu verbarrikadieren? Sie wusste, dass es Mädchen gab, die eine ›gute Partie‹ suchten, eine Flucht in die Welt äußerlichen Tuns und Denkens – und dabei ein leeres Hirn und einen vollen Beutel als Schlüssel zu diesen beneideten Gefilden nutzten. Gelegenheiten dieser Art schien das Leben in Lynbrook wohl genügend zu bieten – man ist in Justines Alter und bei ihrer Fähigkeit, den Dingen auf den Grund zu gehen, nicht blinder für die Haltung eines Kopfes als für den Spielraum von dessen Ideen; hier aber kamen die subtileren Hürden von Geschmack und Stolz dazwischen. Weder Bessys durchsichtige Manöver noch ihre zärtliche Besorgtheit um das Glück ihrer Freundin konnte Justines Widerstand auch nur für einen Augenblick erweichen. Wenn sie schon ohne Liebe heiraten musste – und das wurde ihr zunehmend vorstellbar – dann musste sie wenigstens ihr Verlangen nach einem persönlichen Glück in irgend einer Weltanschauung aufgehen lassen, die mit ihrem Leben harmonierte.

Ein Klopfen an ihrer Tür unterbrach diese Grübeleien und verwies auf einen Gesichtspunkt, dem Bessy Amhersts Eintritt sofort sichtbaren Ausdruck zu verschaffen schien.

»Warum bist du weg gelaufen, Justine? Du hast versprochen, unten zu sein, wenn ich vom Tennis käme.«

» Bis du zurück kämst – war es nicht so, Liebe?« berichtigte Justine lächelnd und schob ihren Armsessel vor, während Bessy unentschlossen im Eingang verweilte. »Ich habe für einen frischen Vorrat Tee im Salon gesorgt und wusste, dass du da sein würdest, bevor der Omnibus vom Bahnhof käme.«

»Oh, ich war da – aber alle fragten nach dir – –«

»Alle?« Justine hob spöttisch ihre dunklen Augenbrauen.

»Also – Westy Gaines jedenfalls; in dem Moment, wo er den Fuß ins Haus setzte!« verkündete Bessy lachend, als sie sich in den Armsessel setzte.

Justine nahm das Lachen auf, gab aber keinen Kommentar zu der Bemerkung, die es begleitete, und einen Augenblick schwiegen die beiden Frauen, während Bessy ihren hübschen missmutigen Kopf zurücklehnte, so dass ihre Augen sich auf einer Höhe mit denen ihrer Freundin befanden, die in ihrer Nähe an der Fensterlaibung lehnte.

»Ich versteh' dich nicht, Justine. Du weißt genau, weshalb er wieder gekommen ist.«

»Um Hanaford mit der Tatsache zu überwältigen, dass er in Lynbrook war.«

»Unsinn – die Neuigkeit ist verbraucht. Er ist dreimal hier gewesen, seit wir zurück sind.«

»Du bist bewundernswert gastlich gegenüber deiner Familie – –«

Bessy ließ ihre hübsch beringte Hand mit einer entmutigten Geste sinken. »Warum findest du ihn so viel schlimmer als – als andere Leute?«

Justines Augenbrauen hoben sich erneut. »Von demselben Potenzial? Du sprichst, als hätte ich unbeschränkte Gelegenheiten zum Vergleich.«

»Nun, du hast Dr. Wyant!« schleuderte Mrs. Amherst ihr plötzlich entgegen.

Justine verfärbte sich unter diesem unerwarteten Vorstoß, behielt aber stetigen Kontakt mit den Augen ihrer Freundin. »Als Alternative zu Westy? Also, wenn ich auf einer einsamen Insel wäre – bin ich aber nicht!« schloss sie mit einem sorglosen Lachen.

Bessy runzelte die Stirn und seufzte. »Das kannst du nicht so meinen mit den beiden –?« Sie hielt ein und fuhr dann zweifelnd fort: »Ist es, weil er klüger ist?«

»Dr. Wyant?« Justine lächelte. »Darauf erhebt er keinen riesigen Anspruch.«

»Oh, ich weiß, Westy ist nicht brillant; aber mit dummen Männern ist das Leben nicht unbedingt am härtesten.« Sie seufzte wiederum und warf auf Justine einen Blick voll ehelicher Erfahrung.

Justine hatte sich auf den Fenstersitz gesetzt und umfasste ihr Knie mit ihren schlanken Händen in jener Haltung, die ihr in nachdenklichen Momenten zu eigen war. »Vielleicht nicht,« stimmte sie zu; »aber ich weiß nicht, ob ich mir etwas aus einem Mann mache, der das Leben erleichtern würde; ich brauch wohl eher einen, der es interessant macht.«

Bessy griff dies mit einem bedauernden Ausruf auf. »Bilde dir nicht ein, dass du das erfunden hast! Jedes Mädchen glaubt das. Danach findet es heraus, dass es viel erfreulicher ist, selbst für interessant gehalten zu werden.«

Sie redete mit einer Bitterkeit, die von ihren Lippen befremdlich klang. Es war diese Bitterkeit, die ihrer weichen Persönlichkeit jene scharfe Kontur gab, die Justine am Tag ihres Zusammentreffens in Hanaford gespürt hatte.

Das Mädchen versuchte zunächst, sich gegen diese kaum verhüllten vertraulichen Mitteilungen zu wehren, die für sich selbst schon geschmacklos genug waren und sie, wenn sie ihnen Gehör schenkte, in eine Haltung impliziter Illoyalität gegenüber dem Mann versetzte, unter dessen Dach sie ausgesprochen wurden. Frühzeitige Lebenserfahrung hatte sie freilich gelehrt, dass Gefühle, die zu stark sind, als dass die Natur sie eindämmen könnte, sich nach irgend einem Gesetz geistiger Chemie in ein fressendes Gift verwandeln; und darum fand sie sich damit ab, als eine Art Ventil für Bessys aufgestaute Unzufriedenheit herzuhalten. Die Klagen ihrer Freundin stießen bei ihr keineswegs auf persönliche Sympathie; sie besaß genügend Kenntnis von der Lage, um ihre moralische Zustimmung vorbehaltlos der anderen Seite zu erteilen. Es war allerdings bezeichnend für Justine, dass sie dort, wo sie am wenigsten mitfühlte, manchmal am meisten Mitleid hatte. Wie alle raschen Geister ertrug sie Beschränktheit oft nicht; wenn aber diese Unduldsamkeit vorbei war, hinterließ sie einen Rückstand von Mitgefühl für eben die Unfähigkeit, über die sie sich gerade geärgert hatte. Die ›tragischen‹ Ehekrisen schienen ihr gewöhnlich auf die Dummheit eines der beiden Betreffenden zurückzugehen; und von den beiden Opfern solch einer ›Katastrophe‹ fühlte sie am meisten für den, dessen Begrenztheit sie wahrscheinlich verursacht hatte. Trotz alledem konnte keine Gefangenschaft so grausam sein wie die, durch ein unnachgiebiges, niedriges Gemüt beschränkt zu sein. Undurchdringlich an jedem einzelnen Punkt für das Farbenspiel und die irrlichternde Musik der Welt – sie konnte sich keine physische Behinderung vorstellen, die so beengend war wie das. Wie musste die kleine dürre Seele in einsamer Gefangenschaft sich verzehren und verkümmern in ihrem blinden Versteck der Eigenliebe!

Selbst weit für die Ströme des Lebens geöffnet zu sein, trägt nicht notwendig zu einem Verständnis engerer Naturen bei; in Justine indes waren die persönlichen Empfindungen bereichert und vertieft durch ein Gefühl der Teilnahme an allem, was die Welt um sie tat, litt und freute; und dieses Gefühl fand Ausdruck im Trieb des Dienens und Tröstens. Sie war von Natur aus eine Wiedergutmacherin, eine Restauratorin; und bei ihrer Arbeit geriet oft, wie sie einst Amherst erzählt hatte, das Verlangen, zu helfen und die langsamen, umständlichen Prozesse unmittelbar durch persönliches Eingreifen zu beschleunigen, in Konflikt mit den ihr beruflich auferlegten Einschränkungen. Dennoch plagte sie kein müßiges Verlangen, die Tiefen des Lebens anderer zu erforschen; und wo Hilfe hoffnungslos zu sein schien, schrak sie vor fruchtlosen Vertraulichkeiten zurück. Sie fühlte allmählich, dass dies bei Bessy Amherst der Fall war. Den Fels zu berühren, genügte nicht, wenn nur ein paar Tropfen in ihm waren Siehe 2. Buch Mose 17: Moses schlägt Wasser aus dem Felsen am Horeb.; jedoch lag in dieser Kargheit das Pathetische der Lage – und könnte nicht trotzdem die dürftige Quelle von einem volleren Strom gespeist sein?

»Ich bin mir da nicht sicher,« sagte sie, nach einer Weile tiefer Nachdenklichkeit an die letzten Worte ihrer Freundin anknüpfend. »Ich meine, was die Freude angeht, interessant gefunden zu werden. Ich bin sicher, dass die passive Rolle immer die langweilige ist: das Leben ist weitaus erregender geworden, seit wir heraus bekommen haben, dass wir uns um die Sonne drehen, anstatt dazusitzen und sich einzubilden, dass all die Planeten nur um uns herum scharwenzeln. Am Ende taten sie es eben nicht; und es ist ziemlich beschämend sich vorzustellen, wie die morgendlichen Sterne allesamt darüber gelacht haben müssen.«

Es lag keine Selbstgefälligkeit in Justines Bestreben zu helfen. Es war weitaus leichter für sie, es durch Tätigkeit auszudrücken als Ratschläge zu geben, mit ihrer Freundin nach dem Pfad zu tasten als den Weg zu ihm zu weisen; und wenn sie sprechen musste, nahm sie ihre Zuflucht zu Bildern, um den Anschein eines pedantischen Ratgebers zu vermeiden. Allerdings blieben ihre Gleichnisse nicht nur Mrs. Dressel dunkel, und der leere Ausdruck in Bessys Augen riss sie bald hinunter aus der Höhe ihrer Metapher.

»Ich meine,« fuhr sie mit einem Lächeln fort, »dass die menschliche Natur so eingerichtet ist, dass sie ihr wirkliches Ich finden muss – jenes Ich, an dem man Interesse haben muss – außerhalb dessen, was wir herkömmlich ›ich‹ nennen: die besondere Justine oder Bessy, die nach ihrem besonderen Happen Leben schreit. Weißt du, dieses Ich kann man nicht in einer Schachtel festhalten – Stücke davon entfliehen ihr und fliegen davon, um sich in allen möglichen Verstecken einzunisten; wir stoßen auf Fetzen unseres Ichs an den unwahrscheinlichsten Plätzen – du zum Beispiel, glaube ich, in Westmore, wenn du nur zurückgehen und nach ihnen suchen würdest!«

Bessys Lippen bebten und ihr Gesicht verfärbte sich sprunghaft; aber sie antwortete mit einem Anflug von Verärgerung: »Warum sucht er dann nicht dort nach mir – wenn er mich noch finden will?«

»Ah – seine Aufgabe ist es, hier suchen – um sich selbst hier zu finden,« murmelte Justine.

»Na ja, er kommt nie hierher! Das ist seine Antwort.«

»Er wird kommen – er wird kommen! Nur: wenn er es tut, dann lass dich auch von ihm finden!«

»Mich finden? Das versteh' ich nicht. Wie kann er es, wenn er mich nie besucht? Ich bin für ihn nicht mehr als der Teppich auf dem Boden.«

Justine lächelte wieder. »Gut, dann sei das! Es kommt darauf an zu sein

»Unter seinen Füßen? Ich danke dir! Ist es das, wofür du meinst, dass man heiratet? Es ist nicht das, was Ehemänner an einer Frau bewundern, weißt du!«

»Nein.« Justine stand auf mit einem Gefühl schleichender Entmutigung. »Aber ich glaube nicht, dass ich bewundert werden will – –«

»Ach, das kommt daher, weil du weißt, dass du es wirst!« brach es aus den Tiefen der Bitterkeit der anderen heraus.

Dieser Ton quälte Justine, und sie sank auf den Sitz an der Seite ihrer Freundin und legte wortlos eine Hand auf Bessys fieberhaft verschlungene Finger.

»Oh, lass uns nicht über mich reden,« jammerte diese, von deren Lippen dieses Thema niemals lange abwesend war. »Und du darfst nicht denken, ich will, dass du heiratest, Justine; nicht um meinetwillen, meine ich – ich würd' dich so gern' hier behalten. Ich fühl' mich weniger einsam, wenn du bei mir bist. Aber du sagst, du willst nicht bleiben – und es ist zu schrecklich zu glauben, du würdest wieder zu diesem trostlosen Krankenhaus zurück gehen.«

»Aber du weißt, dass das Krankenhaus für mich nicht trostlos ist,« warf Justine ein; »es ist der interessanteste Ort, den ich je kannte.«

Mrs. Amherst lächelte nachsichtig über diese Extravaganz. »Ganz viele Leute machen diesen Wahn der Philanthropie durch –« begann sie im Ton reifer Erfahrung; aber Justine unterbrach sie mit einem Lachen.

»Philanthropie? Ich bin nicht philanthropisch. Ich glaube nicht, dass ich jemals die Neigung hatte, Gutes im abstrakten Sinn zu tun – auch nicht Böses! Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals einen Plan entwarf, um nach ihm mein Leben zu führen. Nur,« fuhr sie fort mit einem ratlosen Stirnrunzeln, als versuche sie ehrlich ihre Beweggründe zu analysieren, »nur interessiere ich mich so unheimlich für Leute, dass ich, bevor ich es selbst merke, in ihre Haut geschlüpft bin; und wenn dann natürlich irgend 'was mit ihnen schief läuft, komme ich mir vor, als würde es mir passieren; und ich kann dann nicht anders, als mich vor ihren Schwierigkeiten zu retten! Ich glaube, du würdest es Einmischung nennen – und das würde ich auch, wenn ich nur daran denken könnte, dass andere Leute nicht ich sind.«

Bessy nahm dies mit der milden Toleranz höherer Weisheit auf. Nun, da sie einmal sicher auf dem erprobten Boden traditioneller Autorität angekommen war, fühlte sie sich Justine stets überlegen. »Das ist alles sehr gut jetzt – du siehst die romantische Seite davon,« sagte sie, als ertrage sie die Launen ihrer Freundin mit Geduld. »Aber mit der Zeit wirst du etwas anderes wollen; du wirst einen Ehemann und Kinder wollen – ein eigenes Leben. Und dann musst du praktischer denken. Es ist lächerlich so zu tun, als ob Komfort und Geld keinen Unterschied machen. Und wenn du einen reichen Mann heiraten würdest, denk 'mal, wie viel Gutes du tun könntest! Westy ist sehr wohlhabend – und ich bin sicher, er würde dich Krankenhäuser und so stiften lassen. Denk nur, wie interessant es wäre, eine Station in genau dem Krankenhaus einzurichten, wo du Krankenschwester gewesen bist! Ich hab' so 'was dieser Tage in einem Roman gelesen – es war schön beschrieben. All die Schwestern und Ärzte, mit denen die Heldin gearbeitet hatte, waren da, um sie zu empfangen … und ihr kleiner Sohn ging herum und brachte den verkrüppelten Kindern Spielsachen …«

Wenn das Schlussbeispiel der Sprecherin kaum die beabsichtigte Wirkung erzielte, lag es vielleicht nur daran, dass Justines Aufmerksamkeit noch an dem früheren Teil der Ausführungen haftete. Es war eigenartig, zu einer Ehe gedrängt zu werden von einer Frau, die zweimal in ihr das Glück verfehlt hatte – eigenartig, und doch: welch ein lebhaftes Zeichen, dass, sogar für eine so in ihre persönlichen Ansprüche eingebundene Natur, nicht Glück, sondern Vollständigkeit das innerste Verlangen ist! »Ein eigenes Leben« – das war es, was sogar Bessy auf ihre unklare Art als das Beste erschien und für wert hielt, Leiden auf sich nehmen. Und wie sollte sich eine Seele wie die Justines, durchdrungen von Jugend und Mitgefühl, als letzte Antwort auf dieses Verlangen sich als isolierte Existenz begreifen? Ein Leben, das umrissen war durch die Grenzen des eigenen armen individuellen Bewusstseins, war überhaupt kein Leben – lieber das »Abenteuer des Tauchers« Möglicherweise auf Friedrich Schillers Ballade »Der Taucher« anspielend. als allein auf der Bank zu zittern! Bessy las Ermutigung in ihrem Schweigen und erwiderte zärtlich ihren Händedruck.

»Du würdest das mögen, Justine?« fragte sie mit heimlichem Stolz, das überzeugende Argument getroffen zu haben.

»Mit dem Geld deines Cousins Krankenhäuser zu stiften? Nein; ich brauche etwas weitaus Aufregenderes!«

Bessys Gesicht entflammte. »Du meinst, ins Ausland reisen – und ich vermute, New York im Winter?«

Justine brach in Lachen aus. »Ich dachte an deinen Cousin selbst, als ich sprach.« Und auf Bessys enttäuschten Aufschrei – »Dann ist es doch Dr. Wyant?« erwiderte sie leichthin und ohne die Herausforderung zu verübeln: »Ich weiß nicht. Ich glaub', wir überlassen's dem Orakel.«

»Dem Orakel?«

»Zeit. Ihre Frage-und-Antwort-Abteilung ist im Allgemeinen die zuverlässigste auf lange Sicht.« Sie fuhr empor und zog sanft Bessy auf die Füße. »Und gerade im Augenblick erinnert sie mich daran, dass es fast sechs ist und dass du Cicely versprochen hast, nach ihr zu sehen, bevor du dich zum Dinner umziehst.«

Bessy erhob sich gehorsam. »Erinnert sie dich auch an deine Versprechen? Du sagtest, du würdest heute abend zum Dinner 'runter kommen.«

»Sagte ich das?« Justine zögerte. »Gut, dann komm' ich,« sagte sie lächelnd und küsste ihre Freundin.


 

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