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Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 13
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
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XII.

An diesem Abend hatte Mrs. Ansell nach dem Dinner Bessy mit einem Blick durch die hohen Esszimmerfenster vorgeschlagen, es sei angenehmer, den Kaffee auf der Veranda zu nehmen; aber Amherst hielt seine Frau mit einem Blick zurück.

»Ich möchte gerne, dass Bessy bleibt,« sagte er.

Da das Esszimmer auf der kühlen Seite des Hauses lag und einen erfrischenden Ausblick auf den Garten gestattete, rauchten die Männer lieber hier als in dem steif drapierten orientalischen Gemach, das für solche Riten eigentlich bestimmt war; und Bessy Amherst sank mit einem Seufzer auf ihren Sitz, während Mrs. Ansell durch eine der offenen Fenstertüren hinaus schlenderte.

Die Männer um Richard Westmores Tisch waren dieselben, die sich vor nahezu drei Jahren in diesem Haus zu demselben Zweck versammelt hatten: der Diskussion der Zustände in der Fabrik. Der einzige wahrnehmbare Unterschied in der Beziehung zu jeder anderen Person dieser Gruppe bestand darin, dass John Amherst nun der Gastgeber der anderen beiden war anstatt ein zum Kreuzverhör einbestellter Untergebener; aber er war ein so gleichgültiger oder zumindest unachtsamer Gastgeber – ein so vergesslicher etwa, wenn es um Mr. Tredegars Vorliebe für »leichte« Zigarren ging oder um Mr. Langhopes obligate Neigung, den Madeira mit dem Sonnenlauf kreisen zu lassen – dass die Veränderung nur in Amhersts Abendanzug und seinem Sitz am Kopf der Tafel augenscheinlich wurde.

Falls er sich des hierin liegenden Gegensatzes bewusst war, dann nur als einer Beschränkung seiner Freiheit. So weit es das Wohlergehen Westmores betraf, hätte er vor seinen Gästen lieber als der stellvertretende Geschäftsführer der Fabrik gestanden denn als Ehemann ihrer Besitzerin; und zurückblickend schien es ihm, dass er sehr wenig aus der Chance gemacht hatte, die im Licht seiner gegenwärtigen Eingeschränktheit so groß aussah. Was er aus ihr gemacht hatte – der Nutzen, den er, wie unfreundliche Kritiker unterstellen könnten, geschickt aus ihr zu ziehen wusste – hatte ihn ironischer Weise in einer hässlichen Sackgasse landen lassen, aus der es anscheinend keinen Ausweg gab, ohne ziemlich sinnlos Gefühle zu opfern.

Die Gefühle seiner Frau zum Beispiel offenbarten sich bereits am ungeduldigen Spiel mit ihrem Fächer, was ihren Vater dazu brachte, sich sogleich mit dem Hinweis vorzubeugen: »Wenn wir Männer fachsimpeln – ist es da nötig, Bessy hier in diesem heißen Raum fest zu halten?«

Amherst stand auf und öffnete das Fenster hinter dem Sessel seiner Frau.

»Es kommt eine Brise von Westen her auf – der Raum wird jetzt kühler werden,« sagte er, zu seinem Platz zurückkehrend.

»Oh, es macht mir nichts aus –« murmelte Bessy in einem Ton, der ihren Gästen das volle Maß dessen zu verstehen geben sollte, was man sie auszuhalten nötigte.

Mr. Tredegar hustete verhalten. »Darf ich Sie wegen jener anderen Zigarrenkiste bemühen, Amherst? Nein, nicht die Cabañas.« Bessy erhob sich und reichte ihm die Kiste, auf der sein Blick verlangend ruhte. »Ah, danke, meine Liebe. Ich wollte gerade fragen,« fuhr er fort, sich nach dem Zigarrenanzünder umschauend, der unbeachtet neben Amhersts Ellenbogen brannte, »welch besonderem Zweck eine vorausgehende Besprechung von Fragen dienen soll, die morgen ohnehin erörtert werden müssen?«

»Ah, genau,« murmelte Mr. Langhope. »Der Madeira, mein lieber John? Nein – ah – bitte – dort links!«

Amherst wechselte ungeduldig die Richtung, in welche er das kostbare Behältnis in Bewegung gesetzt hatte, und wendete sich Mr. Tredegar zu, der soeben ostentativ seine Zigarre mit einem Streichholz anzündete, das er aus seiner Westentasche herausgeholt hatte.

»Der Zweck besteht darin, meine Haltung zum Sachverhalt zu bestimmen; und ich ziehe es vor, dass Bessy dies mit Ihrer statt mit meiner Hilfe tut.«

Mr. Tredegar begutachtete seine Zigarre unter gesenkten Lidern, als ob das von Amherst vorgetragene Problem sich auf deren Spitze niedergelassen hätte.

»Ist Ihre Haltung nicht naturgemäß in der Ihrer Frau eingeschlossen und von der ihren bestimmt? Sie werden entschuldigen, wenn ich mich so ausdrücke – natürlich im rein fachlichen Sinn – ich kann mir kaum vorstellen, dass Ihre Position eine gesonderte Existenz besäße.«

Mr. Tredegar sprach mit jener vorsätzlichen Milde, die vor Gericht als seine wirksamste Waffe galt, weil sie in der Regel diejenigen in Verlegenheit brachte, die zu intelligent waren, sich von ihr besänftigen zu lassen.

»Gewiss ist sie in ihrer Haltung mit eingeschlossen,« bestätigte Amherst; »aber wie weit sie sie bestimmt, genau das herauszufinden habe ich bis jetzt gewartet.«

Bessy brachte sich an diesem Punkt durch eine unruhige Wendung ihrer reizenden Gestalt in Erinnerung, und ihr Vater warf mit einem liebevollen Blick auf sie gütlich ein: »Aber sicher beinhaltet dies – nach altmodischer Anschauung zumindest – Identität der Interessen?«

»Ja; aber wessen Interessen?« fragte Amherst.

»Was? – Die Ihrer Frau, Mensch! Ihr gehört die Fabrik!«

Amherst zögerte. »Ich würde lieber vom Interesse meiner Frau für die Fabrik sprechen als von ihren Interessen an ihr; aber wir wollen beim Plural bleiben, wenn Sie es vorziehen. Ich persönlich glaube, dass die Begriffe bei der Führung eines solchen Geschäfts austauschbar sein sollten.«

»Aha – ich freue mich, das zu hören,« sagte Mr. Tredegar rasch, »weil es exakt der Standpunkt ist, den wir alle einnehmen.«

Amherst verfärbte sich. »Definitionen sind mehrdeutig,« sagte er. »Bevor Sie sich meine zu eigen machen, sollte ich sie vielleicht besser ein wenig weiter entfalten. Meiner Meinung nach sollten Bessys Interessen an der Fabrik bedingt sein von ihrem Interesse für sie – für ihr Wohlergehen als soziale Körperschaft, abgesehen von ihrem Erfolg als Wirtschaftsunternehmen. Wenn wir dieser Definition zustimmen, sind wir auch bei dem anderen einig: insbesondere dass meine Beziehung zu der Angelegenheit durch ihre bestimmt ist.«

Er wartete einen Augenblick, wie um seiner Frau Zeit zu geben, irgend ein Zeichen der Zustimmung und Ermutigung beizusteuern; aber sie bewahrte ihr ratloses Schweigen, und so fuhr er fort: »Darin liegt nichts Neues. Ich habe Bessy von Anbeginn zu verstehen gegeben, welche Verpflichtungen meiner Ansicht nach das Eigentumsrecht von Westmore mit sich bringt und wie ich hoffte, bei deren Erfüllung mit zu helfen; aber seit unserer Heirat ist jede konkrete Erörterung des Themas stets aus diesem oder jenem Grund aufgeschoben worden, und das hat mich veranlasst, darauf zu drängen, dass sie auf die Tagesordnung der Direktorenversammlung morgen gebracht wird.«

Es entstand eine weitere Pause, während der Bessy zaghaft Mr. Tredegar anschaute und dann mit entzückendem Erröten sagte: »Aber, John, manchmal denk' ich, du vergisst, wie viel schon in Westmore getan wurde – der Mütterclub und der Spielplatz und alles – um deine Ideen zu verwirklichen.«

Mr. Tredegar senkte diskret seinen Blick auf seine Zigarre, und Mr. Langhope ließ einen nicht unterdrückbaren Laut billigenden Beistands hören.

Amherst lächelte. »Nein, ich habe das nicht vergessen; und ich bin dir dankbar, meinen Ideen eine Chance zu geben. Aber was bisher getan wurde, ist rein oberflächlich.« Bessys Augen bewölkten sich, und er fügte hastig hinzu: »Glaub' nicht, ich unterschätze es aus diesem Grund – der Himmel weiß, die Oberfläche des Leben benötigt Verbesserung! Aber es ist, wie wenn man Blumen pflückt und sie in die Erde steckt, um einen Garten daraus zu machen – wenn man die Blume nicht mit ihren Wurzeln verpflanzt und den Boden für ihre Aufnahme vorbereitet, wird der Garten morgen eingegangen sein. Es hat in Westmore noch keine grundlegenden Veränderungen gegeben; und grundlegende Änderungen sind es, von denen ich sprechen will.«

Bessys Gesicht wirkte immer gequälter, und Mr. Langhope rief in ungewohntem Jähzorn aus: »Bei meiner Seele, Amherst, der Ton, den Sie anschlagen wegen dem, was Ihre Frau getan hat, wird sie wohl kaum ermutigen, mehr zu tun!«

»Ich will sie gar nicht ermutigen, auf dieser Basis mehr zu tun – je früher sie deren Sinnlosigkeit einsieht, um so besser für Westmore!«

»Sinnlosigkeit – ?« stieß Bessy mit einem Anflug von Tränen in ihrer Stimme aus; aber bevor ihr Vater eingreifen konnte, hatte Mr. Tredegar sein Hand erhoben mit der Gebärde eines, der gewohnt ist, den Richterhammer zu schwingen.

»Mein liebes Kind, ich begreife Amhersts Argumentation, und es ist am besten, wie er sagt, dass auch Sie sie auch erkennen sollten. So wie ich es verstanden habe, verlangt er die vollständige Neuorganisation des gegenwärtigen Zustands in Westmore; und er hat Recht, wenn er sagt, dass all Ihre guten Werke dort – Abendschule und Kindertagesstätte und so weiter – diesen Aspekt unberührt lassen.«

Ein Lächeln zitterte unter Mr. Langhopes Schnurrbart. Er und Amherst wussten beide, dass Mr. Tredegars Finte, die Gerechtigkeit von seines Gegners Zielsetzung anzuerkennen, nur der erste Schritt war, diese zu vernichten; aber das zu erkennen, fehlte Bessy das Verständnis, statt dessen fühlte sie sich verlassen und verraten, wenn irgend einer Seite außer ihrer eigenen Gehör geschenkt wurde.

»Es tut mir leid, wenn alles, was ich in Westmore zu tun versuchte, nutzlos ist – aber ich vermute, ich werde das ›Geschäft‹ nie verstehen,« murmelte sie, vergeblich in den Augen ihres Vaters Trost suchend.

»Hier geht es nicht um das ›Geschäft‹,« wandte Amherst ein. »Es geht um die Frage deiner persönlichen Beziehung zu den Leuten dort – das ist das Letzte, was das ›Geschäft‹ berücksichtigt.«

Mr. Langhope stieß einen ungeduldigen Ausruf aus. »Ich wünschte beim Himmel, der Besitzer der Fabrik hätte klar gestellt, wie diese Beziehung genau sein sollte!«

»Ich denke, das hat er, Sir,« antwortete Amherst entschlossen, »indem er seiner Frau die uneingeschränkte Kontrolle des Eigentums hinterließ.«

Er war unter Mr. Langhopes Vorstoß rot geworden, aber seine Stimme verriet keine Irritation, und Bessy belohnte ihn mit einem unerwarteten Strahl von Sympathie: sie geriet immer in Harnisch beim geringsten Zeichen, dass man ihn wie einen Eindringling behandelte.

»Ich bin sicher, Papa,« sagte sie leicht erbebend, »dass der arme Richard, obwohl er wusste, dass ich nicht klug bin, das Gefühl hatte, dass er mir zutrauen könnte, den besten Rat anzunehmen – –«

»Ah, das ist alles, was wir von dir verlangen, mein Kind!« seufzte ihr Vater, während Mr. Tredegar trocken einwarf: »Wir verlieren bloß Zeit bei dieser Abschweifung. Ich schlage vor, dass Amherst uns eine Vorstellung von den Veränderungen gibt, die er in Westmore vorzunehmen wünscht.«

Als Amherst sich der Antwort zuwandte, erinnerte er sich, mit welch flammendem Vertrauen in seine Überzeugungskraft er auf dieselbe Aufforderung vor drei Jahren reagiert hatte. Damals glaubte er, dass alles, was sein Anliegen brauche, Anhörung sei; nun wusste er, dass die Bereitschaft des Pragmatikers, den Idealisten reden zu lassen, ihre Entsprechung fand in der Erlaubnis beschäftigter Eltern gegenüber destruktiven Kindern, sich ›draußen auszutoben‹. Sie würden ihn seinen Fall bis in alle Himmelsrichtungen der Erde vortragen lassen – wenn er nur nicht erwartete, dass man danach handelte! Es war ihre Strategie, sich ihn im Argumentieren und Mahnen erschöpfen zu lassen und dabei so höflich und geduldig zuzuhören, dass es, wenn es ihm nicht gelang, seine Ideen in die Tat umzusetzen, jedenfalls nicht an Gelegenheit gefehlt hätte, sie darzulegen … Und ihm schien, die Alternative sei kaum weniger zu befürchten. Angenommen, das Unglaubliche geschah und seine Gründe obsiegten bei seiner Frau und durch sie bei den anderen – zu welchen Kosten würde der Sieg errungen werden? Würde Bessy ihm je vergeben, ihn erreicht zu haben? Und wie sähe seine Lage aus, wenn ihm die Kontrolle über Westmore überlassen wäre, aber entfremdet von seiner Frau?

Es entsann sich plötzlich eines Satzes, den er an diesem Nachmittag auf der Gartenparty zu dem dunkeläugigen Mädchen gesagt hatte: »Welche Risiken geht man ein, wenn man sich in den Streitwagen der Götter hineindrängt!« Und in demselben Moment hörte er ihre scharfe Erwiderung und sah ihre feine trotzige Gebärde. Wie konnte er jemals zweifeln, dass diese Sache es wert war getan zu werden – zu welchem Preis auch immer? Etwas in ihm – ein geheimnisvoll lauerndes Element von Schwäche und Ausflucht – schrumpfte zur Unsichtbarkeit im Licht ihrer Frage: »Handeln Sie danach?« und des »Das verhüte Gott!«, das er ihr sogleich entgegengeschleudert hatte. Er wandte sich an Mr. Tredegar mit seiner Antwort.

Amherst wusste, dass jede lange theoretische Erläuterung des Problems bei den beiden Männern ebenso verschwendet wäre wie bei seiner Frau. Um seinen Standpunkt durchzusetzen, durfte er nur einen Schritt zur Zeit tun, und ihm schien in Westmore vorerst am nötigsten, dass die Arbeiter unter gesünderen Verhältnissen arbeiten und leben konnten. Um dies zu erreichen, waren zwei bedeutende Veränderungen erforderlich: die Grundfläche der Fabrik musste vergrößert werden, und die Firma musste aufhören, die Arbeiter in Mietskasernen wohnen zu lassen, und ihnen statt dessen die Möglichkeit geben, selbst Land zu erwerben. Diese beiden Änderungen beinhalteten die Aufhebung des bestehenden Systems. Immer wenn die Westmore-Fabrik vergrößert worden war, geschah es einzig zu dem Zweck, die Erträge der Firma zu steigern; und nun verlangte Amherst, dass diese Erträge grundlegend und dauerhaft gesenkt werden sollten. Was die Beseitigung der Mietskasernen der Fabrik betraf, so ging eine solche Maßnahme an die Wurzeln jener verderblichen Bevormundung, die bei den Werktätigen jeden Keim von Eigeninitiative erstickte. Hatten die Arbeiter erst einmal genügend Raum bei der Arbeit und Hoffnung auf eigene Häuser, zu denen sie gingen, wenn die Arbeit getan war, dann könnten mit der Zeit, glaubte Amherst, auch ihre anderen Bedürfnisse befriedigt werden. Er vertraute darauf, dass eine vernünftigere Auffassung dieser Bedürfnisse sich auf beiden Seiten entwickeln würde, sofern die Unternehmer ihre Gutwilligkeit durch wohlüberlegten und dauerhaften Verzicht auf ausufernden Profit zugunsten des Wohlergehens der Beschäftigten bewiesen; und hätten beide erst einmal gelernt, einander nicht mehr als Gegner, sondern als Partner zu betrachten, dann wäre es nur noch ein großer Schritt hin zu einer Neuordnung der industriellen Beziehungen. Im Hinblick auf generelle und ferner liegende Resultate bemühte sich Amherst sogar in seinen Gedanken um eine nicht zu sanguinische Einstellung. Sein Ziel war, den nächstliegenden Missständen abzuhelfen in der Hoffnung, auf diese Weise dem zentralen Problem schrittweise näher zu rücken; und wäre sein Handeln auch unbehindert geblieben, so hätte er immer noch den längeren und umständlicheren Pfad praktischer Erprobung jeder radikalen Einführung eines neuen industriellen Systems vorgezogen.

Seine Forderungen, so moderat sie auch waren, setzten jedoch bei seinen Zuhörern das Bewusstsein eines moralischen Anspruchs voraus, der einen höheren Rang besaß als die Verpflichtung, das Geschäft ›bezahlt‹ zu machen; und es war die Vergeblichkeit dieser Voraussetzung, wodurch die Argumente auf seinen Lippen erkalteten, weil es nach dem orthodoxen Credo der Geschäftswelt von Schwäche statt von Stärke zeugt, mit fünf Prozent zufrieden zu sein, wenn man zehn erreichen konnte. Geschäft war das eine, Philanthropie das andere; und die Enthusiasten, die beides zu kombinieren versuchten, wurden gewöhnlich nach kurzem Flug herunter geholt, waren pro Dollar nur noch fünfzig Cent wert und durften ihren Führungsstab an einen Organisator übergeben, den voraussichtlich keine humanitären Ideale behinderten.

Amherst wusste, dass dies die Antwort war, die auf seinen Appell erfolgen würde; er wusste darüber hinaus, dass diesem Appell Gehör einfach deshalb geschenkt wurde, weil seine Richter es für so erbärmlich leicht hielten, ihn zu widerlegen. Aber nachdem er einmal zu sprechen begonnen hatte, entfachte dieses Wissen seine Argumentation zur weißen Glut eines Plädoyers, da bei so klar bevorstehendem Scheitern kleine Zugeständnisse und Kompromisse nicht mehr lohnten. Vernunft wäre bei allen verschwendet, aber Beredsamkeit könnte wenigstens bei Betty den Sieg davontragen …


Als er spät an diesem Abend nach langem Umherwandern im Garten die Treppe hoch ging, überraschte ihn ein Licht in ihrem Zimmer. Sie neigte nicht zu mitternächtlichen Studien, und in der Furcht, sie könne krank sein, klopfte er an ihre Tür. Es erfolgte keine Antwort, und nach kurzem Warten drückte er die Klinke und trat ein.

Sie lag auf der großen überdachten Westmore-Couch, hatte ihre Arme hochgelegt, die Hände unter ihrem Kopf verschlungen und starrte verdrießlich auf die elektrische Lampe, die von der Mitte der mit vergoldetem Stuck verzierten Decke herabhing. Wenn man sie so sah, mit den entblößten weichen Hals- und Armrundungen und ihrem Gesicht, das von einer Wolke gelösten Haares umrahmt war wie das eines Kindes, wirkte sie nicht älter als Cicely – und genauso unzugänglich für erwachsene Argumente und die strengere Logik der Erfahrung.

In solchen Stimmungen verfiel darauf, jeden Versuch zu ignorieren, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen; und Amherst war darauf vorbereitet, dass sie bewegungslos verharrte, während er auf der Schwelle wartete und dann zur Mitte des Raum vortrat. Es hatte eine Zeit gegeben, wo ihn ihre vorgetäuschte Nichtwahrnehmung fast zur Verzweiflung gebracht hätte, aber ein tiefer geistiger Überdruss hatte ihn inzwischen gegenüber diesen oberflächlichen Nadelstichen abgestumpft.

»Ich fürchtete, du fühltest dich nicht wohl, als ich das Licht brennen sah,« begann er.

»Danke – es geht mir ganz gut,« erwiderte sie mit farbloser Stimme, ohne ihren Kopf zu drehen.

»Soll ich es dann ausschalten? Du kannst ja nicht schlafen, wenn deine Augen so geblendet werden.«

»Ich könnte sowieso nicht schlafen; und ich hasse es, im Dunkeln zu liegen.«

»Warum solltest du nicht schlafen können?« Er trat näher und schaute voller Mitgefühl auf ihr verwirrtes Gesicht und ihre kämpfenden Lippen.

Sie lag einen Moment schweigend; dann sprach sie stockend: »W–weil ich so unglücklich bin!«

Die Vorspiegelung von Gleichgültigkeit wurde hinweg gefegt von einem Strom kindlicher Schluchzer, während sie sich auf die Seite warf und ihr Gesicht in den gestickten Kissen begrub.

Amherst beugte sich hinunter und legte eine beruhigende Hand auf ihre Schulter. »Bessy – –«

Sie schluchzte weiter.

Schweigend setzte er setzte sich in den Armsessel neben dem Bett und ließ weiter besänftigend seine Hand auf ihrer Schulter. Er war inzwischen so weit, dass er all diese gewohnten Beschwichtigungshandlungen genauso mechanisch vollzog wie ein Kindermädchen, das ein quengeliges Kind beruhigt. Und einst hatte er ihr Weinen für beredt gehalten! Er sah sich um in dem geräumigen Zimmer, das mit schwerem Damast behängt war und auf dessen Boden ein dicker Samtteppich die Schritte dämpfte. Überall fand man die liebenswürdigen Zeichen ihrer Anwesenheit – der riesige spitzenverzierte Toilettentisch war mit Silber und Kristall übersät, die gestickten Musselinkissen häuften sich auf dem Sofa, die kleinen rosa gefütterten Pantoffeln, die sie gerade abgestreift hatte, der Spitzenumhang mit einem Hauch von Samt in seinen Falten, den er zur Seite geschoben hatte, als er sich neben sie setzte – und er dachte daran, wie diese Dinge einst voller Geheimnis und intimen Zaubers für ihn gewesen waren. Dass die Erinnerung daran ihn jetzt geduldiger mit ihr stimmte, war bezeichnend. Vielleicht war es trotz allem sein Misserfolg, über den sie weinte …

»Sei nicht traurig. Du hast entschieden, wie es dir am besten schien,« sagte er.

Sie presste ihr Taschentuch an die Lippen; den Kopf hatte sie immer noch abgewandt. »Aber ich hasse dieses ganze Argumentieren und Erörtern. Warum willst du alles aus dem Gleichgewicht bringen?« murmelte sie.

Die Worte seiner Mutter! Unwillkürlich zog er seine Hand von ihrer Schulter zurück, blieb jedoch am Bett sitzen.

»Du hast Recht. Ich sehe, dass es sinnlos ist,« stimmte er mit einem unkontrollierbaren ironischen Unterton zu.

Sie wendete bei diesem Ton ihren Kopf und heftete einen von Leid randvollen Blick auf sein Gesicht. »Du bist böse auf mich!«

»Was hat dir Kummer gemacht?« Er lehnte sich wieder vor, voller Mitgefühl in seiner Miene. Sancta simplicitas! Heilige Einfalt. dachte er bei sich.

»Ich bin nicht böse,« fuhr er fort; »sei vernünftig und versuch zu schlafen.«

Sie richtete sich auf, die hellen Massen ihres Haares umflossen sie, emporgehoben wie seidene Algen von einer unsichtbaren Flut. »Sprich nicht so mit mir! Ich ertrage es nicht, wie ein Baby bei Laune gehalten zu werden. Ich bin unglücklich, weil ich nicht verstehe, warum alle diese elenden Probleme in unser Leben gezerrt werden müssen. Ich hasse es, wenn du dauernd anderer Meinung bist als Mr. Tredegar, der so klug ist und so viel Erfahrung hat; und trotzdem hasse ich es, wenn ich sehe, wie du ihm nachgibst, weil es dann so aussieht als ob … als ob …«

»… er sich nicht einen Deut aus meinen Ideen macht?« Amherst lächelte. »Nun, das tut er nicht – und ich habe mir nie eingebildet, ihn dazu zu bringen. Also mach dir nichts d'raus.«

»Du hast dir nie eingebildet, ihn dazu zu bringen, sich etwas aus deinen Ideen zu machen? Aber warum machst du dann – –«

»Warum ich damit weiter mache, sie ihnen so langwierig auseinander zu setzen?« Amherst lächelte wieder. »Um dich zu überzeugen – das ist mein einziger Ehrgeiz.«

Sie starrte ihn an und warf ihren Kopf zurück, um eine lose Locke aus ihren ratlosen Augen zu schleudern. Immer noch glänzte eine Träne auf ihren Wimpern, doch mit der Bewegung fiel sie zitternd auf ihre Wange.

»Um mich zu überzeugen? Aber du weißt doch, dass ich von solchen Dingen keine Ahnung habe.«

»Wie fast alle Frauen.«

»Ich habe nie so getan, als würde ich etwas davon verstehen – von ›Ökonomie‹ oder wie ihr das nennt.«

»Nein.«

»Aber dann – –«

Er drehte sich zu ihr und schaute sie sanft an. »Ich dachte, du hättest vielleicht angefangen, mich ein wenig zu begreifen.«

»Dich?« Die Farbe erblühte sacht unter ihrer durchsichtigen Haut.

»Was meine Ideen in Bezug auf solche Themen möglicherweise wert sind – wenn du sie danach beurteilst, was du von mir in anderer Hinsicht weißt.« Er hielt inne und schaute von ihr fort. »Nun,« schloss er mit Vorbedacht, »ich nehme an, ich habe meine Antwort heute abend bekommen.«

»Oh, John – –«

Er stand auf und schritt durch den Raum, blieb aber einen Moment stehen, um abwesend den Schmuck auf der Frisierkommode zu befühlen. Diese Handlung erinnerte mit eigentümlicher Lebhaftigkeit an gewisse gedämpfte Erregungen ihrer ersten gemeinsamen Tage, als es Teil seiner wundervoll vergnüglichen neuen Existenz gewesen war, diese zerbrechlichen kleinen Accessoires ihrer Toilette zu handhaben und zu untersuchen. Er konnte sie noch lachen hören, wenn sie sich über ihn beugte und seinen verzauberten Blick im Spiegel beobachtete, bis sich in dessen Reflex ihre Augen begegneten und ihre Lippen zu seinen hinunter zogen. Er legte die wohlriechende Puderquaste nieder, die er langsam zwischen seinen Fingern gedreht hatte, und ging zurück zum Bett. In der Zwischenzeit hatte er eine Entscheidung gefällt.

»Na ja – ist es nicht natürlich, dass ich so denke?« begann er wieder, als er neben ihr stand. »Als wir heirateten, erwartete ich nie, dass du dir etwas aus Ökonomie machst oder viel darüber weißt. Ein Mann wählt gewöhnlich seine Frau nicht um einer solchen Eigenschaft willen. Aber ich hatte die Vorstellung – vielleicht beweist sie meine Einbildung – wenn wir ein oder zwei Jahre zusammen gelebt hätten und du herausgefunden hättest, was für ein Bursche ich in anderen Beziehungen wäre – Beziehungen, die jede Frau beurteilen kann – ich hatte die Vorstellung, dass du meine Überzeugungen auf guten Glauben annehmen würdest, wenn es um meine eigene besondere Tätigkeit ging – die Sache, von der ich im Allgemeinen eigentlich etwas verstehen müsste.«

Er wusste, dass er eine empfindliche Saite berührte, denn Bessy besaß den vollen Besitzerstolz ihres Geschlechts. Er war menschlich und fehlerhaft, bis andere ihn kritisierten – dann wurde er zum Gott. In diesem Fall jedoch hielt sie ein widerstreitender Einfluss von einer vollständigen Reaktion auf seine Ansprache ab.

»Ich bin sicher, dass du etwas davon verstehst – wie man mit den Arbeitern umgeht und all das; aber du hast 'mal selbst gesagt – als wir das erste Mal über Westmore sprachen – dass die Geschäftsseite etwas anderes sei – –«

Da war er wieder, der alte unausrottbare Glaube an die Trennbarkeit von Körper und Seele! Sogar eine industrielle Organisation musste sich der alten theologischen Abgrenzung unterwerfen, und Bessy war bereit, mit ihrem Mann zu kooperieren, solange es um die Emanzipation des geistigen Teils von Westmore ging, wenn nur dessen Körper unter gesetzlicher Kontrolle verblieb.

Amherst mäßigte seine Ungeduld, was er stets leicht vermochte, wenn er sich auf eine bestimmte Verhaltenslinie festgelegt hatte.

»Meine Position war das, was anders war; nicht das, was du die ›Geschäftsseite‹ nennst. Die ist untrennbar mit der Behandlung der Arbeiter verknüpft. Wenn ich jetzt irgend etwas mit der Fabrik zu tun hätte, könnte ich mit ihnen nur umgehen als dein Vertreter; und als solcher bin ich verpflichtet, mich des gesamten Problems anzunehmen.«

Bessys Gesicht bewölkte sich: fing er wieder mit all dem an? Aber er las ihren Gesichtsausdruck und fuhr beschwichtigend fort: »Das meinte ich, wenn ich eben die Hoffnung aussprach, dass du auf mich vertrauen würdest. Wenn ich das Wohlergehen von Westmore möchte, dann ist es, glaube ich, vor allem, weil ich will, dass Westmore dich so sieht wie ich es tue – als die Glücksspenderin, die es nicht ertragen könnte, Nutzen zu ziehen aus irgend einem Unrecht oder einer Ungerechtigkeit gegenüber anderen.«

»Natürlich, natürlich, ich will ihnen nichts Unrechtes tun!«

»Nun, dann – –«

Er hatte sich wieder neben sie gesetzt und seine Hand mit ihrer verschlungen, mit der sie das spitzenverzierte Betttuch walkte. Er spürte, wie sich ihre rastlosen Finger langsam ergaben, und ihre Augen wandten sich ihm bittend zu.

»Aber ich mache mir auch etwas aus dem, was die Leute über dich sagen! Und weißt du – es ist entsetzlich, aber man muss es berücksichtigen – wenn sie sagen, du gibst mein Geld unüberlegt aus …« Das Blut stieg ihr in Nacken und Kopf empor. »Mir selbst ist es egal … sogar wenn ich so vieles aufgeben müsste, wie Papa und Mr. Tredegar denken … aber da ist Cicely … und wenn die Leute sagen …«

»Wenn die Leute sagen, ich würde Cicelys Geld ausgeben, um die Lage der Menschen zu verbessern, deren Arbeit sie eines Tages all ihren Reichtum verdanken wird –« Amherst hielt inne: »Also, es wäre mir lieber, man würde dies über mich sagen, als irgend etwas anderes, das mir einfällt – mit einer Ausnahme.«

»Welcher Ausnahme?«

»Dass ich es mit der Hilfe und Einwilligung ihrer Mutter getan habe.«

Sie stieß einen langen, bebenden Seufzer aus: er wusste, dass es ihr immer eine Erleichterung bedeutete, wenn er seine Durchsetzungskraft zeigte. Aber noch bewölkte ein Rest von Widerstand ihr Gemüt.

»Ich würde dir natürlich am liebsten immer helfen; aber wenn Mr. Tredegar und Halford Gaines deinen Plan für ›ungeschäftsmäßig‹ halten – –«

»Mr. Tredegar und Halford Gaines werden es gewiss so betrachten. Und deshalb meinte ich, dass es gerade jetzt schließlich auf deine Wahl zwischen uns ankommt: entscheidest du dich für sie wegen ihrer Erfahrung oder für mich, weil du mir glaubst.«

Sie sah ihn wehmütig an. »Ich müsste natürlich damit rechnen, einiges aufzugeben … du würdest doch nicht verlangen, dass ich hier lebe?«

»Ich würde dich nicht darum bitten,« sagte er mit halbem Lächeln.

»Wir würden wahrscheinlich ziemlich vieles nicht mehr tun können – –«

»Für eine Anzahl Jahre hättest du gewiss weniger Geld; danach würdest du glaube ich eher mehr haben als weniger; aber du solltest nicht denken, dass jenseits eines akzeptablen Punktes das Gedeihen der Fabrik jemals an deinen Dividenden zu messen wäre.«

»Nein.« Sie lehnte sich müde zurück auf die Kissen. »Ich nehme an, wir müssten zum Beispiel Europa diesen Sommer aufgeben – –«

Hier war am Ende der Bodensatz ihres Denkens! Immer war es nur das unmittelbare Vergnügen, woran ihre Seele hing: sie besaß nicht genug Vorstellungskraft, um darüber hinaus zu schauen, sogar beim Entwurf ihrer eigenen Anliegen. Und auf die Kenntnis genau dieser Begrenztheit hatte Amherst mit Fleiß gebaut.

»Ich sehe nicht, wie du nach Europa reisen könntest,« sagte er.

»Die Ärzte meinen, ich hab's nötig,« zögerte sie.

»In dem Fall natürlich –« Er stand auf, nicht abrupt oder mit irgend einem Zeichen von Gereiztheit, sondern als akzeptiere er dies als ihre endgültige Antwort. »Was du inzwischen am meisten brauchst, ist etwas Schlaf,« sagte er. »Ich werde deiner Zofe sagen, dass sie dich morgen früh nicht stören soll.« Er war zu seinem besänftigenden Sprechton zurückgekehrt, als habe er sich ein für alle Mal in die Nutzlosigkeit weiterer Erörterung geschickt. »Und ich werde jetzt ›Leb wohl‹ sagen,« fuhr er fort, »weil ich wahrscheinlich, bevor du aufwachst, einen Frühzug nehmen werde – –«

Mit einem Ruck setzte sie sich auf. »Einen Frühzug? Wieso? Wohin willst du?«

»Ich muss diesen Monat 'mal nach Chicago, und da ich morgen hier nicht benötigt werde, könnte ich genauso gut gleich dahin fahren und nächste Woche wieder bei dir in Lynbrook sein.«

Bessy erblasste. »Aber ich verstehe nicht – –«

Ihre Augen trafen sich. »Kannst du nicht verstehen, dass auch ich ein Mensch bin und es unter diesen Umständen vorziehe, bei der Sitzung morgen nicht anwesend zu sein?« sagte er mit einem trockenen Lachen.

Sie sank mit einem entmutigten Stöhnen zurück und wandte ihr Gesicht ab, als er sich zu seinem Zimmer aufmachte.

»Soll ich das Licht ausschalten?« fragte er und blieb mit der Hand am Lichtschalter stehen.

»Ja, bitte.«

Er betätigte den Schalter und ging weiter, durch die Dunkelheit geleitet von der Lichtlinie unter seiner Tür. Als er die Schwelle erreichte, hörte er einen kleinen erstickten Schrei.

»John – oh, John!«

Er wartete.

»Ich ertrag' das nicht!« Das Schluchzen nahm zu.

»Was erträgst du nicht?«

»Dass du mich hasst – –«

»Sei nicht albern,« sagte er und griff nach seiner Türklinke.

»Aber du hasst mich – und ich verdiene es!«

»Unsinn, Liebes. Versuch zu schlafen.«

»Ich kann nicht schlafen, bevor du mir vergeben hast. Sag mir, dass du mich nicht hasst. Ich will alles tun … nur sag, dass du mich nicht hasst!«

Er stand einen Augenblick still und dachte nach; dann wandte er sich um und ging hinüber zu dem Raum auf ihrer Seite. Als er sich neben sie niedersetzte, spürte er, wie ihre Arme sich um seinen Nacken schlangen und ihr feuchtes Gesicht sich gegen seine Wange presste.

»Ich werde alles tun …« schluchzte sie; und in der Dunkelheit hielt er sie an sich gedrückt und hasste seinen Sieg.


 

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