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Der Zundelheiner

Johann Peter Hebel: Der Zundelheiner - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
titleDer Zundelheiner
authorJohann Peter Hebel
year1991
publisherLangewiesche-Brandt Verlag
addressEbenhausen
isbn3-7846-0148-0
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6 Die Tabaksdose

In einer niederländischen Stadt in einem Wirtshaus waren viele Leute beisammen, die einander einesteils kannten, zum Teil auch nicht. Denn es war ein Markttag. Den Zundelheiner kannte niemand. «Gebt mir auch noch ein Schöpplein», sagte ein dicker bürgerlich gekleideter Mann zu dem Wirt und nahm eine Prise Tabak aus einer schweren silbernen Dose. Da sah der Zundelheiner zu, wie ein windiger gewürfelter Gesell sich zu dem dicken Mann stellte, ein Gespräch mit ihm anfing und ein paarmal, wie von ungefähr, nach der Rocktasche schaute, in welche der Mann die Dose gesteckt hatte. «Was gilt's?», dachte der Heiner, «der führt auch etwas im Schild.»

Anfänglich stand der Gesell. Hernach ließ er ein Schöpplein kommen, setzte sich auch auf den Bank und sprach mit dem Dicken allerlei kuriose Sachen, woran dieser Mann viel Spaß fand. Endlich kam ein Dritter. «Excüse», sagt der Dritte, «kann man auch noch ein wenig Platz hier haben?»

Also rückte der windige Gesell ganz nahe an den dicken Mann hin, und diskutierte immer fort. «Ja», sagte er, «ich habe mich ein rechtes verwundert, als ich in dieses Land kam und sah, wie die Windmühlen so flätig vom Winde umgetrieben werden. Bei mir zulande geht das ganze Jahr kein Lüftlein. Also muß man die Windmühlen anlegen, wo die Wachteln ihren Strich haben. Wenn nun im Frühjahr die milliontausend Wachteln kommen, vom Meer her aus Afrika, und fliegen über die Mühlenräder, so fangen die Mühlen an zu gehen, und wer in dieser Zeit nicht kann mahlen lassen, hat das ganze Jahr kein Mehl im Haus.»

Darüber geriet der dicke Mann so ins Lachen, daß ihm fast der Atem verging, und unterdessen hatte der schlaue Gesell die Dose. «Aber jetzt hört auf», sagte der Dicke, «es tut mir weh im Kreuz», und schenkte ihm von seinem Wein auch ein Glas ein.

Als der Spitzbube ausgetrunken hatte, sagte er: «Der Wein ist gut. Er treibt. Excüse», sagte er zu dem Dritten, der vorne an ihm saß, «laßt mich einen Augenblick heraus!» Den Hut hatte er schon auf.

Als er aber zur Tür hinausging, und fort wollte, ging ihm der Zundelheiner nach, nahm ihn draußen auf die Seite, und sagte zu ihm: «Wollt Ihr mir auf der Stelle meines Herrn Schwagers seine silberne Dose herausgeben? Meint Ihr, ich hab's nicht gemerkt? Oder soll ich Lärmen machen? Ich hab Euch schonen wollen vor den vielen Leuten, die drin in der Stube sitzen.»

Als nun der Dieb sah, daß er verraten sei, gab er zitternd dem Heiner die Dose her, und bat ihn vor Gott und nach Gott, stille zu sein. «Seht», sagte der Heiner, «in solche Not kann man kommen, wenn man auf bösen Wegen geht. Euer Leben lang laßt es Euch zur Warnung dienen. Unrecht Gut faselt nicht. Ehrlich währt am längsten.» Den Hut hatte der Heiner auch schon auf Also gab er dem Gesellen noch eine Prise Tabak aus der Dose, und trug sie hernach zu einem Goldschmied.

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