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Der zertrümmerte Pflug

Josef Gangl: Der zertrümmerte Pflug - Kapitel 5
Quellenangabe
authorJosef Gangl
titleDer zertrümmerte Pflug
publisherHerder & Co. G.m.b.H. Verlagsbuchhandlung
year1942
editorHeinrich Mohr
correctorreuters@abc.de
senderAdolf Weishäupl
created20180425
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3.

Am nächsten Morgen wollte Leonhard die diesjährige Haferaussaat beginnen. Der Tag zeigte sich diesem Unternehmen günstig. Als der junge Bauer erwachte und ein prächtiges Morgenrot durch das vergitterte Kammerfenster fluten sah, reckte er sich nicht lange, sondern sprang sofort mit beiden Füßen zugleich aus dem Pfühle.

Das Schlafgemach Leonhards lag oben in dem breiten Giebel, neben der köstlich eingerichteten Prunkstube, und war ehemals noch viel mehr als diese ein Heiligtum des Hauses gewesen. In der mit allerlei uraltem Hausrate vollgekramten Kammer schliefen dereinst die Töchter des Hauses. Von der letzten dieser Schönen, einer Urgroßtante Leonhards, lag noch manches wertvolle Kleinod in dem bis an die Decke reichenden, mit schweren Vorhängeschlössern versehenen Mauerschranke. Ehe sich der Jüngling ankleidete, nahm er ein tüchtiges Morgenbad. Er musste sich hierzu vor die Scheune hinaus begeben, wo der vorüberfließende klare Wiesenbach ein tiefes, sandiges Becken bildete.

Als Leonhard in den Hofraum zurückkam, rief er die Knechte wach. In der Küche waren schon zwei Stimmen laut. Die Küchendirne schalt mit dem Hütbuben, weil dieser die Milch überlaufen ließ, und der Verbrecher blieb keine Antwort schuldig. Und im Kuhstalle redete die Magd gar zärtlich zu dem jüngst geborenen Kalbe.

Leonhard zog sich schleunigst an und war alsbald emsig mit den Vorbereitungen zur Haferaussaat beschäftigt, als da sind: das Einschütten der Frucht in Säcke, das Ausbessern der Eggen und das Putzen der sechs stattlichen Zugochsen, welche heute zum ersten Male nach langer Winterrast aus dem Stall sollten. Dann ging der junge Bauer mit seinen Dienstboten zum Frühstücke, welches wie das Abendessen aus Milch und Kartoffeln bestand. Bei dem Mahle nahm die alte Kinin den Hausvaterplatz in der geschilderten Bilderecke ein. Leonhard saß zwischen der vierschrötigen Stalldirne und dem weißhaarigen Großknecht, zwei goldtreuen, langjährigen Hausgenossen.

Sonst wurde nach dem stillen Segengebet die Milch ausgelöffelt, ohne dass dabei jemand ein Wort hätte fallen lassen. Heute kam es anders. Vom Dorfe herauf erscholl plötzlich ein zweistimmiger Gesang. Man hörte es deutlich durch das offene Fenster hereinklingen, welches die zwei jüngeren Mägde und der Hütbube blitzschnell besetzten, so dass den anderen Mitgliedern der Tischrunde alle Aussicht genommen war:

Dirndl, heirat'st ein' Maurer,
Bist armseli dran,
Hast im Winter nix z'essen,
Im Sommer kein'n Mann.

Leonhard sprang auf und ging an das nächste Fenster, durch welches man auch über den Hausanger hinabsah auf die holperige Dorfstraße, jenseits welcher die zehn kleineren Wohnhäuser des Dorfes in einer Reihe standen. Hier auf der Anhöhe lagen nur die großen Gehöfte. Das mittlere und weitaus ansehnlichste war der Kinihof, zu welchem fast ebenso viel Grundbesitz gehörte wie zu den beiden Nachbarhäusern. Unten auf dem Wege stand ein mit einer alten Mähre bespannter Leiterwagen. Vor einer jeden Hütte war schier deren ganze Bewohnerschaft zu sehen. Einige beluden den Wagen schwer mit Koffern, vollgepfropften Schnappsäcken und Binkeln. Als diese Arbeit vollendet schien, gingen zwei alte Männer über den Anger herauf dem Fenster zu, an welchem Leonhard mit seiner Großmutter stand. Allmählich folgten den langsam schreitenden Greisen auch einige Jünglinge und zuletzt zwei pralle Dirnen. Alle diese Leute trugen ihre Feiertagskleider. Vor dem besagten Fenster blieben sie nacheinander stehen.

Einer der beiden Greise redete dem mit Spannung horchenden Leonhard zu: »Beurlauben kommen wir uns, Kini. Wir wissen es, du siehst es nit gerne, wenn ein Unseriger in die Fremd sein Brot suchen geht. Du haltest es für eine Schand. Wenn's nur noch halbwegs zu existieren wär' bei der Kuh und dem Ackerl. Oder wenn ein noch so mühseliger Nebenverdienst zu kriegen wär' daheim, wir blieben gerne dem alten Brauch treu. Aber so heißt es, das Ehrgefühl, den Bauernstolz überwinden, der in uns so gut ist wie in dir, und den Ranzen auf den Buckel nehmen.«

»Du gehst auch, Grönauer?« fragte Leonhard tiefernst und, wie es schien, mit heimlichem Schaudern. »Du auch, Grönauer?« wiederholte die alte Kinin in einem nicht fröhlicheren Tone. »Den Wanderbinkel hast du dir verdient mit deiner lebenslänglichen Müh und Plag? Jetzt mit deinen weißen Haaren musst du fechten gehen um Brot und Arbeit, nachdem du deine ganze Kraft und Jugend für den Heimatboden hast geopfert?«

»Du siehst es«, antwortete der alte Bauer traurig lächelnd, und dabei rannen ihm ein paar helle Tränen über das tiefdurchfurchte, ehrliche Gesicht. »Du weißt, dass ich nichts verschwendet hab, sondern geknaust und gespart nach Möglichkeit bei der langjährigen, fruchtlosen Rackerei auf meinem Bergfelde. Meine zwei Kind sind mir getreulich beigestanden, bis sie schier in dasselbe Elend hineingeheiratet haben. Ich will mich nicht von ihnen erhalten lassen, solang es nit sein muss. Sie haben eh ihr Nest voll hungeriger Schnäbel. Und ich kann's nit verlangen, dass sie mir noch meine Schulden zahlen, die ich beim Bader gemacht hab, wie im heurigen Winter mein Weib krank war.«

»Und du, Kauzer?« fragte Leonhard. »Kannst du denn nit von deinem Ausgeding leben? Hast du darum die Keuschen deinem Jungen 'geben, dass du kannst aus einem freien Bauern ein Ziegelträger bei einem Herrenbau werden?«

»Ich Verzicht auf das Ausgeding«, rief der Kauzer. »Das schmeckt gar bitter. Mein Sohn gibt mir gern das Ausbedungene, aber dafür leidet er selber Hunger und lässt Weib und Kinder verkümmern. Ich verzicht auf das Ausgeding! Geh lieber in einen Dienst oder gar betteln.«

»Lustig wird's auf der Kalten Tred!« rief die Kinin mit einem rauen Auflachen.

»Für euch ist's eh lustig«, entgegnete einer der jungen Männer, »ihr lebt im Überfluss. Bei euch wird das alte Urei Urei=alter Vorrat nie gar. Aber wir alle sind Bettelleut.«

»Ich tausche aber doch nit mit einem Bauern«, meinte ein zweiter. »Als ein Maurer verdien ich mir den Sommer über in Wien zweihundert Gulden. Davon leb ich den ganzen Winter mit den Meinen wie ein Herr, während der Kinibub bei der Kälten dreschen muss. Und die vielen Sorgen hab ich auch nit wie ein Bauer. Ein Handwerker, und wär' er der schlechteste, ist heute lang nit so der Welt Narr und lang nit so unter'druckt, an'bunden, veracht' wie ein Bauer. Ich tausch nit mit dir, Kinibub. Aber sei deswegen nit harb. Behüt' dich Gott!« Der Bursche ging pfeifend wieder den Anger hinab.

»Dem fehlt der Bauernstolz«, meinte der Kauzer.

»Um den is nit schad, wenn er muss wandern«, sagte die Kinin. »Wenn die jungen alle so denken, dann ist ja nit leicht ein Verdienst und ein Aufenthalt für sie zu schlecht. Aber den alten Väterboden, die heilige Heimat sind so entartete Männer nit wert.«

»Gehen die zwei Dirnen auch mit?« fragte Leonhard düster.

»Freilich«, rief die erste. »Wir brauchen ja auch ein paar Gulden für unseren Haushalt. Oder zahlst du uns die Schulden, dass wir daheim bleiben können?«

»Die Dirnen wandern auch?« schrie die alte Kinin. »Deutsche Weiber, die goldene Säulen sein sollen im Haus, gehen wie die Zigeunerinnen? Ihr werdet schöne Tugenden heimbringen, ihr! Pfui! Ehrenwerte deutsche Männer sind es auch, die ihre Weiber wie die Vetteln laufen lassen! Pfui!«

»Wir haben ja keinen Mann im Haus«, verteidigte sich die eine Dirne weinend. »Und ich will mich ja nit verwerfen draußen.«

»Ich pfeif auf deinen Willen«, schrie die Kinin. »Du wirst auch wider Willen verderben draußen. Und wenn ihr auch keinen Mann habt im Haus, haben wir keine Männer mehr im Dorf?« Sie sah Leonhard mit einem vorwurfsvollen Blicke an. Der junge Mann errötete, als hätte er sich arg zu schämen, und rief dann schnell entschlossen: »Dableiben werden die Weiber und – und – daheimbleiben werdet ihr alle! Legen will ich euch das Fortgehen, solang ich leb! Ladet eure Binkeln ab, sucht euch eine würdige Arbeit daheim und wartet getrost auf das, was ich tue, damit ihr nicht mehr braucht wandern.«

Im nächsten Augenblicke stand er draußen bei den Männern. »Das ist so«, sagte er. »Ihr alle, die ihr von meinem Blute seid, könnt rechtermaßen von meinem Überfluss etwas fordern. Mein Reichtum rührt von dem Stammvater her, der so gut der Eure ist wie der Eeine und der es gewiss wollen hat, dass es allen seinen Nachkommen soll gleich gut gehen, wenn sie nur halbwegs gleich brav sind. So viel auch schon von unserem Stammhaus weggeteilt worden ist, es ist doch noch so groß 'blieben, dass ich euch jetzt in der äußersten Not helfen kann. Ich muss euch helfen. Es ist meine Ehrenpflicht. Solange so viel auf der Kalten Tred ist, dass wir alle davon leben können, soll sich keines anderswo sein Brot suchen, wenn mir meiner Vorväter Wille heilig ist. Und der soll mir heilig bleiben, so gut wie Gottes Wille. Ihr seid unverschuldeterweise in der Not, und ich darf euch nit vorenthalten, was ich euch geben kann. Wie viel seid ihr, die ihr wandern wollt? Neun Männer, nit wahr, mit dem, der schon davongelaufen ist?«

»Ja, neune«, bestätigte der Grönauer.

»Aber wir sind zwei Brüder aus einer Keuschen, uns musst statt einen rechnen, wenn du was verteilen willst«, sagte ein junger Mann. So sind wir nur achte.«

»Also achte. Und oben meine Hutweide ist dreißig Joch groß. Und auf das Brachfeld neben dem Krüppelholz fallen vierzig Strich. Das macht zusammen fünfzig Joch. Jetzt ist's Laußin Laußin=Lenz, Frühling. Bei einem bissel guten Willen könnt ihr leicht ein jeder euren Teil noch zeitig genug angebaut haben, dass ihr schon im Herbst eine Schatzung macht, die so viel beträgt als das, was ihr im besten Falle sommersüber draußen verdient. Den frisch umgegrabenen Weidegrund braucht ihr im ersten Jahr nit zu düngen. Für das Brachfeld schenk ich euch den Mist, und selber lass ich heuer das Düngen bleiben. Meinen Feldern wird das nit so schiech schaden. Mir bleiben halt nachher noch fünfzig Joch gute Äcker, die ich hernach um desto besser betreuen kann. Was ihr zum Anbau braucht, geb ich euch auch. So, das ist ausgemacht. Ihr müsst darauf eingehen, wenn ihr so gerne daheimbleibt, wie ihr sagt, wenn ihr so seid, wie ihr sein sollt.«

»Ich sag dir gleich zu tausendmal Vergelt's Gott«, sagte der Grönauer. »Du gibst gern, und ich nimm noch lieber. Und dass ich nimmer dienen gehen will in die Fremd, wenn ich daheim um sechs Joch Grund mehr hab, das versprech ich dir vor Gott und den Männern da.«

»Und ich auch«, sagte der Kauzer. »Die Arbeit mit dem Feld wird mich wieder jung und kräftig machen und glücklich. Vergelt's Gott, Kini.«

Es schritt nun ein Mann nach dem andern auf Leonhard zu, und ein jeder schüttelte dem jungen Bauern unter herzlichen Dankesworten die Hand.

»Jetzt hab ich noch mit einem zu reden«, sagte der Jüngling, »mit dem stolzen Maurerbuben, der nit mit mir tauschen möcht'. Will sehen, wie weit er Ernst hat mit seinem Wort. Muss ihm gleich nach. Wartet da auf mich, ich gehe dann gleich mit euch hinaus, die Teilung vornehmen, dass ihr in euerem Werke nit aufgehalten seid. Und da die zwei Dirnen...« »Die lass mir über«, rief die alte Kinin vom Fenster herab. Sie war von Leonhards Handeln anfangs sehr überrascht, aber dann hörte sie den Männern still lächelnd zu, und was sie dabei dachte, war ein schönes Segengebet für ihren Enkel.

»Was hättet ihr euch denn verdienen wollen draußen?« fragte sie die Mädchen.

Die eine von ihnen weinte noch immer seit der vorhin erhaltenen Rüge leise in die Schürze hinein, aber die andere antwortete der Kinin: »Das brauchst uns nit zu geben, was wir draußen verdient hätten. Zahl mir die heurige Grundsteuer, das Schulgeld für die Geschwister, die Krüppelsteuer für meinen großen Bruder, und hernach zahl noch den Zimmermann, der uns fert Fert=voriges Jahr die Hütten hat geflickt, was alles zusammen einundzwanzig Gulden und dreizehn Kreuzer macht. Und gib der Liesl da, weil ihr daheim ist die Geiß verreckt, eine andere oder eine Kuh, so bleiben wir mit tausend Freuden da und sagen dir für jeden Kreuzer extra Vergelt's Gott!«

»Bravo«, sagte die Kinin. »Ihr seid doch rare Dirndeln. Man kennt es an der Bescheidenheit. Kommt herein zu mir.«

Die Mutige nahm die andere, Trostlose, Widerstrebende, bei der Hand und zwang sie zum Eintreten in das Haus.

Unterdessen war Leonhard zu dem Burschen hinab geeilt, welcher, seitdem er sich mit jener kecken Rede von den andern wandte, an dem Frachtwagen lehnte und hie und da zu einer nahestehenden Gruppe junger Weiber hinüber redete. Er war sehr erstaunt, als er plötzlich Leonhard mit einem freundlichen Gesichte vor sich stehen sah.

»Ich hätt' eine Bitt, Ferdl«, hob Leonhard an.

»Na?«, machte der Bursche mit argwöhnisch forschenden Augen.

»Bleib daheim!«

»Willst mich frozzeln?« fragte Ferdl, und es schoss ihm augenblicklich eine Zornesröte in das Gesicht.

»Nein«, entgegnete Leonhard, einfach, ernst. Da staunte der andere und fragte erst nach einer Weile, aber diesmal lustig lächelnd: »Oder hast du dir's überlegt und willst mit mir tauschen? Da musst du mir noch dein Gesicht zur Draufgabe geben, damit ich unseren stolzen, heiklichen Dirndeln besser gefalle.«

Er sah flüchtig zu den lauschenden jungen Weibern hinüber, als ob er nun von denen eine Schmeichelei erwartete. Die Weiber blieben still, und Leonhard sprach so leise weiter, dass kaum ein Laut zu den Horchenden hinüberdringen konnte:

»Bleib bei uns daheim, wirf den Maurerpinsel, der nit in deine Hand gehört, weg, dann gefallst unseren stolzesten Dirndeln mit deinem Gesicht.«

»Du hast gut reden«, erwiderte Ferdl mit einem unwillkürlichen Seufzer. Sogleich danach schien er sich über diesen Seufzer zu ärgern und sagte wieder in recht unliebenswürdigem Tone: »Aber was willst denn eigentlich von mir?«

»Alles will ich daransetzen, dass du daheim bleibst«, antwortete Leonhard.

Ferdl staunte wieder. »Alles willst daransetzen? Was denn alles?«

»Sechs Joch Feld will ich dir geben.«

»Leonhard! Jetzt ist's genug!« rief Ferdl plötzlich sehr erregt und empört. »Du willst mich gar zu dumm für einen Narren halten und meine Armut verspotten, weil ich das früher zu dir gesagt hab. Hätt' mir nit gedacht, dass du so feindselig und spottsüchtig sein kannst.« Die Wut und das Gefühl der Kränkung hatten dem empfindlichen Menschen Tränen in die Augen gepresst.

»Warum tragst es denn nit ehrlich und mannbar mit mir aus, wenn du was gegen mich hast?« fragte er nach kurzem Schweigen mit geballten Fäusten. »Warum willst denn nit raufen?« Leonhard sann nach, wie er diesen Burschen, der so wenig Neigung zu einem schöneren Menschenglauben hatte, des Irrtums überweisen sollte.

Indessen steigerte sich Ferdls einmal gereizte Rauflust mächtig, und er drang auf Leonhard ein, ehe dieser noch das gesuchte Wort fand.

»Traust dich nit zum Raufen, ha? Denkst du nach, wie du mich jetzt wieder besänftigen könntest? Nein, du musst raufen oder rennen. Ich lass dich rennen, weil mir so ein Kinibub erbarmt, der sich nit zur Gegenwehr getraut. Aber satzen Satzen=Sätze machen musst, eh ich drei zähl, sonst –« – er richtete die Hände zum Angriff.

Leonhard erwiderte: »Ich sollt' dir für deine schlechte Meinung nit die Ehr antun, dass ich mit dir rechtmäßig ring. Für deine Verstocktheit und deinen Unglauben sollt' ich dir den harten Dickschädel weichklopfen. Aber geh her, ich ring doch mit dir und tu dir aus Erbarmen nit weh dabei. Geh her!«

Sie packten beide regelrecht an. In den nächsten Augenblicken hielt Leonhard den andern wie ein Wickelkind in den Armen und redete lachend auf ihn ein, welcher in der festen Umschlingung keiner Bewegung fähig war:

»Möchtest jetzt auch mit mir tauschen, du stolzer Maurerbub? Und wirst mich recht schön um Gnad bitten?«

»Lass mich aus und rauf noch einmal mit mir«, sagte Ferdl. Und in einem Weilchen hatte ihn der andere wieder in den Armen wie vorhin.

»Hast du's nun satt?«

Der Besiegte antwortete nicht und erhob lange kein Auge von der Erde, als er dann wieder auf eigenen Füßen stand. Unterdessen waren die Männer herbeigekommen und machten mit erschreckten Gesichtern und hastigen Fragen einen Kreis um die Kämpfer.

»Ist das im Ernst geschehen? Hat er dich beleidigt, Kini? Das wär' ein schöner Dank für dein' Lieb und Barmherzigkeit. Totprügeln sollt' man den an'brennten An'brennten=dumm, eingebildet Buben, wenn er da noch einmal so ein Wort gegen dich hätt' fallen lassen wie vorhin.«

Ferdl brummte: »Von was für einer Lieb und Barmherzigkeit wird denn da geredet? Ich brauch so was nit von dem Kinibuben.«

»Du brauchst so was besser als wir alle, Bettelbub, armseliger«, rief der Grönauer ganz empört. »Nit dankbar genug könntest du ihm sein für die Schenkung. Jetzt wird er sich's freilich überlegen, dass er dich auch beteilt wie uns.«

»Nein, Grönauer«, sagte Leonhard. »Gerad jetzt tät' es mir noch mehr Freud machen, wenn er den Acker von mir, annähm' und daheimblieb'.«

Ferdl stutzte und forschte voll Hast: »Du hast mir ernstlich was schenken wollen? Ein Feld schenken? Wär' das möglich? Und ihr anderen wisst davon?«

Die Männer klärten ihm unter vielen rügenden Worten die Sache auf.

Ferdl stand dabei erst starr vor Schrecken und Erstaunen. Auf seinem Gesichte flammte eine Röte der Verlegenheit und Scham. Die vorhin so übermütige Miene zeigte jetzt für Augenblicke die tiefste Rührung und Reue an. Dann lag der junge Mensch plötzlich an Leonhards Brust und bat unter Schluchzen:

»Sei nit harb, Kini. Dich verkenn ich nie wieder. Wenn du mir das Feld schenken willst, so bitt ich dich halt darum. Brauchen tu ich's.«

»Bleibst doch gern daheim, gelt?« fragte der junge Bauer ganz beglückt.

»Freilich, dir gesteh ich's jetzt ein, dass mich das Heimweh draußen mehr drückt wie alle anderen. Aber ich kann so was verbergen mit meiner auswendigen Lustigkeit. Gerad weil ich mich schäm, dass ich ein Bauernbub, mauern muss in der Fremd, hab ich der Maurerei zu höheren Ehren verhelfen wollen. Verstehst mich schon, gelt? Weißt, so einen verdammten Bettelstolz hab ich, und – muss ich noch weiter beichten?«

»Nein«, sagte Leonhard, »ich hab dir schon in das Herz geschaut, und auf einmal bist mir lieber als – ich weiß gar nit wer.«

Dann, wandte er sich an die andern Männer: »Jetzt gehen wir die Feldteilung vornehmen, kommt!«

Er schritt mit Ferdl voran, die andern folgten. Der Kauzer sagte dabei heimlich zu dem Grönauer: »Ein goldenes Herz hat er. Dass er dieses dem Andenken unserer Stammväter zu Ehren tut, ist nur seine Ausred, weil er sich in seiner Bescheidenheit scheut, seine ganze große Nächstenlieb zu zeigen.«

»Wohl möglich«, entgegnete der Grönauer, »aber ich wett, er hätt' das ohne der besonderen Menschenlieb auch getan – nur rein darum, weil er ein Kinimann ist.«

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