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Der zertrümmerte Pflug

Josef Gangl: Der zertrümmerte Pflug - Kapitel 3
Quellenangabe
authorJosef Gangl
titleDer zertrümmerte Pflug
publisherHerder & Co. G.m.b.H. Verlagsbuchhandlung
year1942
editorHeinrich Mohr
correctorreuters@abc.de
senderAdolf Weishäupl
created20180425
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1.

»Was hast du denn heut getan, Leonhard?« »Einen Baum umgehackt, Ahnl.«

»Nur einen? Einen Baum im Krüppelholz? Das wär' dein ganzes Tagewerk?«

»Es war ein Baum im Asenwald, Ahnl.«

Da fuhr das alte Weib mit unglaublicher Schnelligkeit von seinem Sitze empor. Das schöne, stillselig lächelnde Großmuttergesicht verzog sich plötzlich zu erschrecklichen, hexenhaften Fratzen, der lange, dürre, hinfällige Leib nahm eine straffe, drohende Haltung an, und aus dem hellen Falkengeschau brach ein flirrendes Feuer. »Schon der dritt Frevel im Asenwald!« schrie sie mit schrillender Stimme. »Muss ich denn dasjenig Kiniweib sein, das den Asenwald fallen sieht? Vor mir haben ihn wohl mehr als dreißig Kinibäuerinnen ragen sehen. Und von denen hätt' eine jede ihr Leben gewagt für die Asenbäum. Noch einmal soll wer ein Beil legen an das ehrwürdig Holz, und ich erwürg ihn, wenn ich auch dazu aus der Grub her müsst'.«

Sie tappte mit zitternden Krallenfingern in die Luft. Das schien ihr viel Genugtuung zu gewähren. Schon in den nächsten Augenblicken knickte ihr mit aller Kraftanwendung aufgerichteter Körper sanft und gelinde wieder in sich zusammen. Endlich ging die Greisin, sich vornübergebeugt, mit großen langsamen Schritten auf den offenen Herd zu. Im Gehen rang sie die Hände und seufzte: »O du mein schöner, armer Asenwald!«

Der Jüngling hatte ihrem Toben mit finsterem Ernste zugehört. Jetzt lächelte er ihr traurig, mitleidig nach. Sein Gesicht zeigte hierbei viel feine Ausdrucksfähigkeit. Er war ein schlanker, prächtiger Bursche. Die Schönheit seiner Körperformen trat sieghaft hinter der armseligen, vielgeflickten Leinenhülle hervor, zumal Rock und Hose viel zu knapp und zu kurz waren. Zu der herrlichen Gestalt passte der blonde, von köstlichstem Braun gleichmäßig übergossene Heldenkopf, um welchen diesen Bauern jeder Prinz beneiden konnte. Ein blaues, sonnig blickendes Augenpaar milderte den mächtigen, edlen Stolz; der mit unauslöschlichen Zügen in dieses kühn geschnittene Gesicht geschrieben war. Die starken, tiefschwarzen Augenbrauen besaßen eine weiche, leichte Beweglichkeit; noch vollkommener, bewunderungswerter aber war das natürliche Spiel der vollen roten Lippen und der feinen Nüstern. Es schien in diesen Mienen die Bürgschaft zu liegen, dass sie keine bedeutendere seelische Empfindung falsch widerspiegeln oder verbergen konnten; ihre Sprache schien beredter, verständlicher als jede andere. Der Jüngling lehnte noch schweigend und regungslos an dem. Tische, als das alte Weib schon ein großes Herdfeuer entfacht und etliche Kochtöpfe hinzu gerückt hatte. Und diese Arbeit nahm fürwahr eine geraume Zeit in Anspruch. Die alte Bäuerin setzte ja den dürren Reisighaufen mittels Stahl und Stein in Brand, wobei sie blasen und pusten musste, bis ihr der Atem ausblieb und das pergamentfarbene Gesicht rotblau wurde. Wie sie die schweren, wassergefüllten Kochtöpfe vom Boden auf den Herd hob, knarrten ihr förmlich die alten, schwachen Arme. Endlich schreckte sie mit einem besonders lauten Ächzen den Jüngling aus seinen jedenfalls nicht heiteren Gedanken auf. Er schnellte den tiefgesenkten Kopf jäh zurück und huschte flink, beinahe unhörbar, auf die Arbeitsame zu, welche eben mit schwerer Mühe einen großen Eisentopf voll Kartoffeln an das Feuer bringen wollte.

Sie war dieser Plage sanft enthoben, ehe sie sich dessen versah. Dafür grollte sie dann in Tönen, durch welche doch schon viel Wohlwollen zitterte: »Meinst, ich bin schon so schwach, dass ich nit einmal das Häferl erheb? Das ist mir gottlob noch eine Spielerei.« Nach kurzem Schweigen setzte sie plötzlich bittend und beinahe schmeichelnd hinzu: »Gelt, Leonhard, du rührst mir den Asenwald nimmer an?«

»Solang es nit sein muss«, entgegnete er, ohne einen tröstlichen Beiklang in der tiefen, reinen Stimme.

»Hat heut der Baum fallen müssen?« fragte die Greisin.

»Ja«, entgegnete Leonhard. »Ich hab die dreißig Gulden 'braucht und der Reichmüller einen Mühlgrindel.«

»Zum Verschenken hast die dreißig Gulden 'braucht, Leonhard?«

»Ja, Ahnl.«

»Wer ist denn in Not?«

»Die Jaglin. Sie hätt' böhmischen Leuten ein Kind verdungen.«

»Ihr leibhaftig's Kind?« schrie die Alte entsetzt und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Und nur z'wegen dem schmählichen Geld? Ein deutsch' Kind in böhmischen Dienst!? Da hast ihr aber die dreißig Gulden hingeworfen, der Rabenmutter, gelt, mein Kind?«

»Ja, Ahnl.«

»Recht hast g'habt. Sei's um den einen Asenbaum! Wie hat denn der Müller g'schaut zu dem Grindel?«

»Groß! So einen hätt' er nimmer 'kriegt.«

»Nit im ganzen Land«, sagte die Alte stolz und fügte dann hinzu: »Sehen möcht' ich ihn, den liegenden Baum. Bleib du mir bei den Erdäpfeln, dass sie nit versieden. Ich steig noch hinauf in den Wald. Eh's völlig Nacht wird, bin ich zurück. Das heißt, zu den Erdäpfeln schick ich eine Dirn herein; ein Kinimann darf nit Weiberarbeit tun.«

»Lass die Dirnen im Stall«, entgegnete er lächelnd. »Wird mich doch kein so gottseliger Urehnl anweichen Anweichen=mit Geisterspuk erschrecken beim Erdäpfelsieden?«

»Eine Schand wär's doch für dich«, sagte sie und ging kopfschüttelnd hinaus.

Leonhard setzte sich neben der Herdstelle auf die Mauerbank. Dieser Sitz hatte statt einem Polster einen breiten, über drei Meter langen Hüllstein. In den Letzteren waren viele leserliche und unleserliche Runen und Schriftzeichen eingemeißelt. Es gab fast kein glattes Fleckchen auf der ganzen großen Steinplatte. Von einer Seite her bis zur Mitte des Steines waren die alten Lettern schon arg verwetzt und ausgebröckelt, aber von dem großen Kreuze an, welches besonders tief in den alten, blauen Granit gegraben war, standen leicht zu entziffernde Zahlen und Namen in Hülle und Fülle.

Unter dem Kreuze waren die Worte: »Engelbert und Anna, die Getauften.«

Leonhard starrte in die prasselnden Herdflammen, deren roter Schein flackernd mit dem durch die Stubenfenster ziehenden Abendlicht kämpfte. Das dichte, üppige Efeugerank vor den Fenstern hob sich tiefschwarz von dem herein leuchtenden, hellgelben Himmel ab. Ebenso schwarz erschien die Fensterwand. Die trug keinen Mörtelanwurf. Hingegen waren ihre ungeheuren, fest aneinandergefügten Balken dunkel, mattglänzend gebeizt und mit kleinfältigem Schnitzwerk verziert. Eines der Fenster hatte Glastafeln, die andern viere kleine, bleiumränderte runde Horntäfelchen. In der rechten Fensterecke war ein breiter, wachsgelb gescheuerter Sitzladen in die Wand eingerahmt. Davor stand ein merkwürdiger Tisch: ein zwei Spannen dicker Stock, von dem Erdstamme einer Eiche geschnitten und mit drei kräftigen Beinen versehen. Die fast regelrechte Scheibe hatte nahezu zwei Meter im Durchmesser, und man konnte auf ihrer glatt polierten Oberfläche gegen fünfhundert Jahresringe zählen. Ein mäßig starker Mann konnte diesen Tisch nicht von der Stelle rücken. An der rechten Seitenwand der niederen, aber sehr großen Stube standen drei mächtige Truhen. Darüber waren als Wandschmuck schöne Hirschgeweihe, ein weißbeinernes Kruzifix und eine uralte Armbrust samt Köcher und Pfeilen aufgehängt. An der gegenüberliegenden Wand stand neben einer Türe ein Himmelbett mit blütenweißen Leinenvorhängen. Vor dem Bette lag ein ungeheures Bärenfell. Zwischen zwei weiteren Türen nahm der umfangreiche Herd den Hintergrund des Raumes ein. Über der Feuerstelle gähnte in der hölzernen, rauchgeschwärzten Stubendecke eine noch schwärzere Esse. Leonhard saß nicht lange einsam hier. Knapp hinter ihm tönte alsbald eine helle, lachende Stimme: »So einen Mann möcht' ich kriegen, der kochen tät'.«

Der Jüngling fuhr rasch herum. Vor ihm stand ein junges Weib, an welchem vor allem die großen, tiefschwarzen Augen auffielen, welche schier mit verzehrender Glut aus dem schmalen, ebenmäßigen Gesichte loderten. Der üppige, sinnlich geformte Mund schien nur dazu geschaffen, die leidenschaftliche Sprache dieser Augen zu wiederholen, wiewohl ihn jetzt ein scherzendes Lächeln umschwebte. Eine überreiche Fülle schwarzen, glanzlosen Haares war am Hinterhaupte zu einem Knäuel gewunden, aber ein großer Teil des struppigen Gewirres ließ sich nicht bändigen und flatterte wild um Hals und Gesicht. Bekleidet war das junge Geschöpf mit einer groß geblumten, zerschlissenen Kattunjacke und einem härenen Kittel, welcher die braunen, reizenden Füßchen noch ein gut Stück über die Knöchel hinauf sehen ließ.

Der erste Blick, welchen Leonhard diesem Wesen zeigte, war ein vollkommen gleichgültiger, wenn schon kein unfreundlicher.

»Guten Abend«, brummte dann der Bursche und starrte wieder in die Herdflammen.

In dem Gesichte des Mädchens zuckte es wehleidig auf. Dann biss es die spitzen, blitzenden Zähne aufeinander, nahm Leonhards beide Ohren in die Fäuste und wiederholte, anscheinend mehr im Zorne als im Scherze, die erste Anrede:

»So einen Mann möcht' ich kriegen, der kochen tät'. Hörst du denn nit, mit deinen großen Losern?«

Er befreite mit einem jähen Ruck seinen Kopf aus ihren Fingern, welche ihn gar grausam in die Ohrläppchen kneipten.

»Aber ich möcht' kein Weib, das mich kochen ließ'«, antwortete er endlich.

Sie streifte sein Gesicht flüchtig mit einem fragenden, durchdringenden Blicke, dann ging sie unter lautem, erzwungenem Lachen um den Herd herum zu dem Erdäpfeltopf. Während sie die obersten der siedenden Früchte prüfend betupfte, sagte sie:

»Ich weiß ja, dass du mich nit magst, aber das musst du mir ja nit schnurgerad ins Gesicht sagen.«

»Bin halt ein Lümmel«, brummte er in dem vorigen, gleichmütigen Tone, aber dann spielte ein leises feines Lächeln um seinen Mund.

Sie sah durch das Herdfeuer zu ihm hinüber. Ihre Augen durchfunkelten und überleuchteten förmlich die Flammen.

»Du bist kein Lümmel«, sagte sie, »aber du willst, dass ich dich für einen halt und dich darum in Ruh lass. Dir ist meine Näh zuwider. Du kannst nit lügen und musst mir darum deinen Hass, wenn auch oft wider Willen, offen zeigen. Und ich lern so schwer an diesen Hass glauben, weil ich seine Ursach nit find und begreif. Seine Ursach liegt in deinem Wesen. Du bist so unschuldig zu diesem Hass 'kommen wie zu deiner Lieb für die Friderun. Wenn ich dich tausendmal anred, so ist's, weil ich's tausendmal vergess, dass du mich nit leiden kannst, aber von jetzt an will ich mir's fest merken. Diesmal hat mich dein Ahnl zu dir hereingeschickt. Ich bin ihr draußen auf der Buid Buid=Hauswiese über den Weg gekommen, und da hat sie mich angeschrien: »Schau mir zu den Erdäpfeln in die Stuben! Jetzt sind die Erdäpfeln 'kocht, und wir zwei sind auch fertig miteinand.«

Sie senkte mit einem bitteren Lächeln auf den Lippen tief den Kopf und wollte rasch an Leonhard vorbei zur Türe hinaus. Der Bursche haschte nach ihren Rockfalten. Die Falten rissen mit lautem Gekrach, und das Mädchen stürmte weiter, bis es der plötzlich pfeilschnell nachschießende Jüngling mit beiden Armen umfing. Das geschah schon draußen in dem finsteren Hausflur. Die Gefangene wollte sich erst mit Gewalt befreien, wobei sie sofort alle ihre Kraft zu erschöpfen schien. Schon im nächsten Augenblick lehnte die feine Gestalt müde und zitternd an dem jungen Menschen. Es war eigentlich mehr ein Anschmiegen als ein Anlehnen zu heißen.

Leonhard befand sich in Verlegenheit. Er hielt das Mädchen nicht im Entferntesten aus dem Grunde auf, um es an die Brust pressen zu können. Ihn hatten ganz achtbare Ursachen zu der leidigen Gewalttat an der Enteilenden bewogen. Es lag anfänglich nicht in seiner Absicht, das Mädchen zu kränken oder zu beleidigen. Seine rauen, unzarten Worte entsprangen freilich zum Teile dem großen Gleichmut, in welchem ihn die Nähe dieses Wesens beließ, und zum andern Teile einer augenblicklichen üblen Laune. Als sich das junge Weib in der langen Rede als die Tiefverletzte, wenn nicht gar als die verschmähte Liebende vorstellte, erschrak der Bursche ganz gewaltig. Er fühlte sich nicht von der Wahrheit jener Rede, sondern von deren Ungerechtigkeit betroffen. Fürs erste war er sich nicht im Entferntesten des Hasses bewusst, dessen sie ihn zieh. Eine wärmere Empfindung für dieses Mädchen hatte er freilich noch nicht gehegt, aber ebenso wenig war es ihm je lästig oder unangenehm gewesen. An ihrer Meinung lag ihm immerhin etwas. Es war ihm weder alleins, wenn sie ihn falsch beurteilte, noch wollte er seine Beziehungen zu ihr verschlechtern. Leni war die einzige Tochter eines Nachbarn, mit welchem Leonhard in bestem Frieden und Einvernehmen lebte. Die wohl gerechtfertigte Scheu vor einer Störung des guten Verhältnisses zu den Nachbarsleuten bestimmte den Jüngling nicht allein, Leni gewalttätig aufzuhalten. Leonhard hatte plötzlich auch seine Herzensgründe, um ihr nachzueilen. Vor allem bewegte ihn ein reines, wenn auch nicht ganz vernünftiges Bedauern. Sein ungewöhnliches Zartgefühl ließ ihn in diesen Augenblicken ganz unglücklich werden. Er sah dieses Geschöpf seinetwegen leiden, und das war ihm, der niemandem wehe tun konnte, des Elendes genug.

Dass er für ihr Leiden nichts konnte, dass er sich stets so richtig als nur möglich zu ihr benahm, zog er freilich in Anbetracht, und dennoch gewährte ihm all seine diesfällige Unschuld fast keinen Trost gegen die einfache Tatsache, dass jetzt Leni seinetwegen litt. Er wusste sich nicht Rats, wie er ihr helfen könnte und wie er sich fürderhin zu ihr benehmen solle. Jedenfalls meinte er, sich so eindringlich und artig gegen ihre Vorwürfe wehren zu müssen, als dies nur wahrheitsgemäß geschehen konnte.

Das Schweigen der beiden jungen Leute und das Verharren in ihrer Stellung dauerte viel länger, als Leonhard wünschen konnte. Im Laufe dieser Sekunden hatte er die anfangs sehr kräftige Umarmung stark gelockert, aber gänzlich wagte er sie nicht aufzugeben. Er sah mit wachsender Verlegenheit, dass Leni freiwillig an seiner Brust lehnte. Und er sagte sich mit Schrecken, dass sie seine Umarmung missverstehe. Wenn er nun aber die Arme fallen ließ, meinte er das an ihn geschmiegte Mädchen grausam zu verletzen und zu erniedrigen. Auch fand er kein Wort, mit welchem er sich artig aus dieser Lage hätte befreien können. Dabei fühlte er es förmlich, wie Leni in der äußersten Aufregung eine nähere Äußerung von ihm erwartete.

Plötzlich schlang sie mit wildem Ungestüm beide Arme um seinen Hals und zog den Kopf des Jünglings zu sich herab, um sein Gesicht mit brennenden Küssen zu bedecken.

Leonhard wollte erst den Nacken nicht beugen. Aber das Widerstreben reizte das Weib zu noch größerer Leidenschaft; es bezwang mit allem Kraftaufgebot das freilich recht unentschiedene, zögernde Sträuben des Jünglings. Es machten ihn lediglich seine zarten Rücksichten zu einer Gegenwehr unfähig. Dann vergrößerte die heißblütige Leni mit ihren Liebkosungen seine Ohnmacht. Sie schien ihn zu verzaubern, zu einer Gegenliebe zwingen zu können, als sie einmal in ihren Armen sein Nachgeben fühlte. Es war ihm, als ob sie mit ihrem Hauche viel von ihrer Leidenschaft in sein Inneres übertrüge, und ehe er recht wusste, was er tat, hatte er einen ihrer Küsse erwidert. Es durchfloss ihn dabei wie flüssiges Feuer, und er meinte, dasselbe um jeden Preis der Welt weiterhin hinsaugen zu müssen von Lenis Munde.

Aber da drehte sie plötzlich den Kopf zurück und sagte: »Halt! Gesteh mir erst deine Lieb, Leonhard. Deinem Worte glaub' ich alleweg, auch da in der Finsternis, aber deinem Kuss? Gesteh mir deine Lieb, stolzer, schöner Kinimann!«

Leonhard hatte sie in den letzten Augenblicken jäh umschlungen, und jetzt ließ er sie ebenso jäh aus. Es kehrte ihm die schier völlig verlorene Überlegung wieder bei den Worten Lenis. Er kam sich vor wie einer, der in einer kurzen Sinnenverwirrung Abscheuliches verbrach und nun, bei der wiedererlangten Vernunft, von Entsetzen, Reue und einem Ekel vor sich selbst ergriffen wird. Leni hatte jedenfalls auf eine solche Veränderung des Burschen nicht gerechnet. Sie schien über die Wirkung ihrer Worte zu erschrecken. Leonhard spürte es, wie ihre Hände zitterten, als sie sich wieder sanft um seinen Hals schlingen wollten. Diesmal prallte er vor der Berührung zurück und sprach dann endlich: »Täusch dich nicht, Leni!«

Mit seinem Zurückweichen war er knapp vor der halbgeöffneten Stubentüre angelangt. Jetzt tat er noch zögernd einen Schritt über die Schwelle, und dann verschwand er plötzlich in dem matt erleuchteten Raume. Leni stieß einen gellenden Schrei aus, bei welchem alles in ihr zu reißen und zu bersten schien. Nach einer geraumen Weile sah der braune Mädchenkopf mit weit aufgerissenen Augen und wild zerzausten Haaren zur Türspalte hinein und zog sich alsbald wieder mit schrecklich verzerrten Mienen zurück. Leonhard befand sich nicht in der Stube, er war durch die Türe neben dem Himmelbette abgegangen.

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