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Der zertrümmerte Pflug

Josef Gangl: Der zertrümmerte Pflug - Kapitel 11
Quellenangabe
authorJosef Gangl
titleDer zertrümmerte Pflug
publisherHerder & Co. G.m.b.H. Verlagsbuchhandlung
year1942
editorHeinrich Mohr
correctorreuters@abc.de
senderAdolf Weishäupl
created20180425
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9.

Der alte Bersch und seine zwei jüngeren Töchter hatten den regungslosen Leonhard hinuntergetragen in den Kinihof. Die Kinin tat einen gellenden Schrei, als man ihr den Enkel so brachte, aber sie erholte sich rasch von dem Schrecken. Leonhard lag nicht lange in seinem Bette, als er erwachte. Es war ein trauriges Erwachen. Der erste klare Gedanke verursachte dem Jünglinge einen jähen Schmerz. Er hatte wirklich, wie die Grillin hoffte, einen Fall von dem Himmel in die Hölle getan. Die Berschenleute, welche ihn brachten, waren still und traurig wieder fortgeschlichen. Nur die Kinin war bei dem Unglücklichen in dessen Zimmer, und später stürzte auch Ferdl in angstvoller Hast herein. Es war plötzlich ein großes Geschrei im Dorfe entstanden. Ein Weib hatte von fern her gesehen, wie Leonhard oben unter den Obstbäumen neben Friderun stand, wie die Gebärden der beiden auf einen stürmischen Auftritt schließen ließen und wie Leonhard plötzlich hinstürzte. Das Weib verbreitete das Gerücht, der Kini sei von einem Schlagfluss berührt worden; darum war in wenigen Augenblicken die untere Stube des Kinihofes voll von einer ängstlich und ungeduldig wartenden Menge. Und die alte Großdirn hatte schwere Mühe, die Leute von dem Eindringen in Leonhards Schlafgemach zurückzuhalten.

»Ihr könnt ihm nit helfen!« sagte sie, »und ein Kranker braucht Ruh.«

Nur den Ferdl ließ sie hinauf, weil sie wusste, dass der dem Herzen ihres Herrn am nächsten stand. In Ferdls Armen erwachte der junge Bauer. Er hatte kaum die volle Besinnung erlangt, als seinen Körper ein gewaltiger Schauer zu durchlaufen und zu lähmen schien. Der zuerst mit einem kräftigen Ruck erhobene Kopf sank wieder wie im Genick abgebrochen an Ferdls Brust.

»Es ist aus, Ferdl«, stöhnte der junge Bauer. »Jetzt ist alles, alles aus.«

»Nichts ist aus«, sagte die Kinin. »Wenn du nur lebst, dann ist alles recht.«

»Ja, dir«, entgegnete er leise.

»Was ist denn geschehen, mein Kind?« forschte die Alte und legte eine Hand auf Leonhards fiebernde Stirne. »Über was kannst denn du in Ohnmacht fallen?«

»Nur über das eine, Ahnl. Über sonst nichts in der Welt.«

»Kannst mir's sagen?«

»Die Friderun!« stöhnte er.

»Die Friderun!« schrie die Alte zornig. Sie ahnte alles. »Die hat dich zurückgestoßen? Dich?«

»Ja«, antwortete er. »Erst hat sie mir eine gute Hoffnung gegeben, und dann – arg gespielt hat sie mit mir! Oder sie muss etwas Schieches von mir erfahren haben.«

»So?« fragte die Kinin. »Hast du was Schieches auf dem Gewissen, du?«

»So was gar Schieches nit, Ahnl.«

»Das glaub ich auch. Aber etwas doch, gelt? Sag mir's nur.«

»So eine Kleinigkeit«, gestand er.

»Na ja«, sagte sie tröstend, »ein Mensch bist du ja auch. Und die Friderun wird auch kein hell-lediger Engel sein. Kann ich's nit wissen, was euch auseinander gebracht hat? Ich muss euch doch wieder zusammenbringen.«

»Nein«, sagte er ungestüm. »Sie soll sich nur selbst ganz überzeugen von meiner Schlechtigkeit, wenn es ihr dafür steht. Sie hat mich verurteilt, ohne mich zu verhören. Ich komm ihr nimmer. Wenn sie mir nimmer kommt, – so soll's aus sein.«

»Schon gut«, sagte die Alte lächelnd und schritt zur Türe hinaus.

»Ahnl!« schrie ihr Leonhard ängstlich nach, »wohin willst du denn?«

»Wirst es schon erfahren«, sagte sie und schlug die Türe zu.

Er wollte aus dem Bette springen und die Alte zurückhalten. Ferdl duldete das nicht. Er zwang den Freund mit sanfter Gewalt zum Liegenbleiben.

»Lass mich!« schrie Leonhard und wand sich in den Armen des Freundes.

»Nein«, entschied Ferdl, »deine Ahnl wird schon wissen, was dir für eine Medizin gehört.«

Die Kinin ging mit langen Schritten hinauf in den Berschenhof. Dort saß der Bersch am Tische und legte das Gesicht auf die verschlungenen Arme. Seine zwei jüngeren Töchter kauerten mit mürrischen, bleichen Gesichtern auf einer Ecke der Ofenbank. Friderun stand am Fenster und zerzauste mit zitternden Fingern langsam einen jungen Myrtenstock. Bei dem Erscheinen der Kinin wandten sich alle Gesichter nach ihr. Der Bersch stand auf und ging ihr entgegen. Er sah recht verhärmt und elend aus.

»Friderun«, sagte die Kinin rau und streng.

Das Mädchen näherte sich dem Gaste und blickte ihm frei und ernst in das Gesicht.

»Du hast den Kini verschmäht«, sagte die Alte. »Ich will die Ursach davon wissen.«

Friderun schüttelte den Kopf und entgegnete: »Die Ursach wirst nie erfahren. Die liegt in mir. Ich tu, was ich muss.«

Die Kinin war recht betroffen. »Du hast keine Lieb für ihn?« fragte sie tonlos. »Ist das die Ursach?«

»Ja«, entgegnete die Friderun. »Ich darf keine Liebe für ihn haben.«

»Du darfst nit und hast doch eine Lieb für ihn?«

Friderun nickte und sprach: »Dring nit in mich, es ist alles Fragen umsonst. Es ist nichts zu ändern an diesen Dingen. Lasst mir Ruhe. Lasst mich still meiner Wege gehn. Mein Brot will ich mir wie bisher unter euch verdienen, solang ich kann, aber rechnet sonst nicht mehr auf mich. Denkt euch, ich wär' nit mehr ich. Denkt euch, ich ging' ohne Seel unter euch herum, mein besserer Teil wär' für diese Welt verloren. Müht euch nit, mir zu raten und zu helfen. Gegen eine Krankheit, die ihr nie werdet kennen, seid ihr mit eurem Verstande ohnmächtig. Bitt euch, lasst mir Ruhe.«

»So sagt sie immer«, schrie der Bersch in hellster Verzweiflung. »Das Glück, das erste Glück hat meine arme Friderun närrisch gemacht. Sie war kein Glück gewohnt in ihrem Leben, und das erste hat ihr so arg geschadet. Tausend und aber tausend Mal sei das falsche Glück verflucht und vermaledeit!«

Friderun nickte. »Ja, haltet mich für närrisch. Es ist recht so.«

Die Kinin rang in stummem Jammer die Hände.

»Da schaut's schön aus«, sagte sie endlich. »Da ist guter Rat teuer. Spürst du richtig einen Hieb da, Dirndl?« Sie zeigte auf den Kopf.

»Ja«, erwiderte Friderun matt lächelnd. »Einen schweren Hieb hab ich gespürt.«

»Nit bist du närrisch!« schrie die Kinin plötzlich. »So schaut man nit im Wahnsinn. Hell ist's in dir! Hell licht. Grauslich licht. Du weißt was Unerhörtes von dem Leonhard, deine Lieb zu ihm ist von einem schweren Unglück zerstört. Friderun, ich schau dir in die Seel!«

»So schau und schweig!« entgegnete die Friderun und ging hinaus.

»Halt!« rief die Kinin.

Friderun wandte sich im Türrahmen um, schüttelte den Kopf und sagte: »Frag um keine Auskunft, um die mich der Pfarrer im Beichtstuhl tät' vergebens fragen!« Somit entfernte sie sich.

»Bringst nix heraus, und wenn du sie schindest, auch nit«, rief der Bersch. »Was haben wir ihr alle schon zugeredet! So ist sie ihr Leben lang gewesen. Ihre Red ist so kurz und fest wie das Evangeli. Selbst jetzt, wo – meinst du nit, dass ihr was im Kopfe geschehen ist, Kinin?« unterbrach er sich plötzlich angstvoll lauernd.

»Keine Spur«, entschied die Alte, »das versteh ich besser als du, mein lieber Bub. Ich kenn die alte deutsche Weiberart länger und besser. Der Leonhard wird die Schuld tragen. An ihm wird die Ursach liegen. Von ihm muss man das Geständnis erpressen. Bei der Friderun ist richtig alle Müh umsonst. Behüt' euch Gott und hofft. Schau nit so, als ob deine offene Grube vor dir läg'. Du musst mein Schwieher werden und einen Deutschen mit mir tanzen auf der Hochzeit. Merk dir's. Trägt der Leonhard eine Schuld auf dem Gewissen, die ihn von der Friderun trennt, so gibt es eine Buße und eine Verzeihung für diese Schuld wie für eine jede andere, das wird die Friderun auch wissen. Hoff, Bub, hörst du?«

Sie schüttelte den Berschen an den Schultern.

Aber er starrte sie immer auf die gleiche Weise an.

»Ich mag nimmer hoffen«, sagte er. »Neue Hoffnung bringt neue Täuschung. Ich will nichts mehr hören und nichts mehr sehen von dem Glück, das verdammt ist und vermaledeit.«

»Still sei!« schrie die Alte. »Du hältst die Friderun für närrisch. Sie ist es nit. Aber du bist es.«

Dann ging die Kinin wieder heim.

»Ja, ja«, sagte sie dann am späten Abend zu Leonhard, der längst wieder aus dem Bette war und nun – so blass wie sein eigenes Gespenst – auf der Ofenbank hockte. »Ja, ja, mein lieber Leonhard, das ärgste Kreuz ist immer dasjenige, welches man sich anrichtet. Mir scheint, das denkst du dir jetzt auch.«

»Und mir scheint«, gab er zurück, »du lernst erst jetzt auf deine alten Tag schlecht über andere denken.«

»So?« fragte sie überrascht. »Hab ich unrecht? Und die Friderun? Tut sie dir unrecht?«

»Ja, Ahnl. Schwer unrecht. Himmelschreiend unrecht tut sie mir, mehr kann und werd ich dir nit sagen. Sie hat kein Herz. Wenn sie mir nit aus eigenem Antrieb kommt, um etwas an mir gutzumachen, dann kann sie nit selig sterben.«

»Das ist meinem Verstand zu viel«, sagte die Alte.

»Grüble nit darüber«, entgegnete Leonhard, »und quäl mich nit mit Fragen. Ich will still mein Leid tragen und ohne Klag wie ein Mann. Die Ohnmacht war meine erste und letzte. Ich schäm mich jetzt für sie. Vergess' auf den heutigen Vorfall, Ahnl. Von mir wirst du gewiss nimmer darauf erinnert. Mag das Schicksal was immer bringen, ich will stark und ruhig sein.«

Die Alte zuckte mit den Achseln und sagte: »So tu, was du willst. Aber es ist sonst keine für dich wie die Friderun, das merk dir.«

»Das weiß ich«, erwiderte Leonhard.

+++

Zur selben Zeit führten die Grillin und ihre Tochter ein Zwiegespräch in der Stube des Grillenhauses. Sie beide hatten durch das Fenster die Leute in den Kinihof laufen und wieder allmählich zurückkehren sehen. Die zwei Mägde der Grillin waren auch in das Nachbarhaus gerannt und brachten die Kunde heim, dass Leonhard in einer tiefen Ohnmacht läge, weil ihm die Friderun grausam begegnet hätte.

»Willst du mehr?« hatte die Grillin gefragt, als sie mit Leni allein war.

»Nein, Mutter«, entgegnete Leni, und ihre Mienen verrieten einen wilden Jubel. »Ich danke dir. Jetzt ist mir wohl und leicht. Vor dir muss man halt doch eine Achtung haben, du weißt mit den Leuten umzugehen wie keine.«

Die Grillin lächelte geschmeichelt und sagte: »Jetzt verlang ich aber, dass du ein Gemüt fasst für den Ferdl.«

»Will's versuchen, Mutter. Aber wie hast du denn das alles angestellt, dass es gar so geschwind aus ist zwischen den beiden?«

»Das bleibt in Ewigkeit mein Geheimnis. Die Kunst lern ich dir nit. Du wirst sie hoffentlich nimmer brauchen im Leben. Und dem Vater benimm jetzt seine Angst. Es ist eine Sünd, dass du den so erschreckt hast, dass du ihn aus Bosheit leiden lässt. Ein anderes Kind tät' sich hüten, sich so in das eigene Fleisch zu schneiden. Zu den Seinen muss man halten. Ich mein, du tätest mich bei Gelegenheit gerad so behandeln wie deinen Vater. Hast blutwenig Gefühl und Empfindung.«

Leni lachte. »Jetzt hab ich schöne Empfindung genug. Verlang mir keine bessere. Und die verdank ich dir. Du hast meine Rach gesättigt, dafür will ich dich gernhaben und dir dankbar sein wie für nichts anderes.«

»So?« fragte die Grillin, »das wär' also mein bestes Verdienst um dich? Ein erkenntliches Kind bist du, das muss man sagen.«

»Mach dir nichts daraus«, sagte Leni belustigt, »wir zwei passen eh schön zusammen. Jetzt geh ich noch hinaus in die Felder. Mir wird's zu klein mit meinem heutigen Glück.«

»Geh nur«, entgegnete die Bäuerin. »Du bist richtig so übermütig, dass du leicht Ursach zu einem Streit geben könntest.«

Leni ging in der Abenddämmerung plan- und ziellos auf den grünen Feldrainen umher. Von Zeit zu Zeit sah sie mit einem glühenden, langen Blick und einem wollüstigen Lächeln auf den Kinihof hinab, als ob ihr schon der Anblick des Daches, unter welchem Leonhard jetzt litt, einen Sinnenreiz verschaffte. Als sie oben an der Feldergrenze ankam, wollte sie umkehren. Aber da bemerkte sie am Rande des Asenwaldes einen Mann. Sie erkannte nach längerem Spähen in dem einsamen Spaziergänger Ferdl. Einen Augenblick überlegte sie, dann schritt sie über die Hutweide auf den Jüngling zu.

Ferdl bemerkte die Herannahende nicht eher, als bis sie vor ihm stand.

»Guten Abend«, sagte sie lächelnd und versenkte ihren Blick in den seinen. »Weil du nit zu mir kommst, komm ich zu dir.«

Er war sehr freudig überrascht und gestand dies auch sofort.

»Ah, das hätt' ich von dir nit erwartet, Leni.«

»Gelt?« fragte sie lachend. »Na, wenn's dich nur freut. Das macht mich ja nachher auch unsinnig glücklich.«

»Du spottest«, sagte er plötzlich wieder betrübt.

»Und du verlangst einen heiligen Ernst von mir, Ferdl. Mir ist heut nur zum Lachen und Ausgelassensein. In der besonderen Laune bin ich jetzt auf dich zugegangen.«

»Und ich möcht' dich gerade jetzt ein ernstes Wort fragen, Leni.«

»Ich bin neugierig auf deine Fragen.«

»Musst aber doch wissen, was ich fragen will, Leni.«

»Ja, aber wie du fragen willst, auf das bin ich neugierig.«

Da blitzte es in seinem Gesichte eigentümlich auf. Er schien sich diesem Geschöpfe plötzlich weit überlegen zu fühlen, und seine Worte klangen gar stolz und sieghaft, als er sprach: »Du bist auf ein demütiges Scharwenzeln von mir gefasst, du erwartest, dass ich bettle um deine Lieb, dass mir keine Erniedrigung vor dir zu tief ist. Es schmeichelt dir, wenn ich dir so komm, es unterhält dich, und du stehst mir dann vom ersten Augenblicke an gegenüber wie die Frau dem Knecht. Es schaut dann nit aus, als ob ich dich und die Deinen mit meinem Heiratsgut von der Schuldenlast erlöst hätt', sondern als ob ich es für weiß Gott welche Gnad betrachten tät', dass du dich zu mir herablässt. Hast mir deinen Stolz schon grausam genug gezeigt. Jetzt ist die Zeit der Rach da. Jetzt musst du ohne Stolz mein gehören. Du bist gekauft von meinem Freund für mich. Es steht bei meiner Gnad und Lieb, wie ich mit dir verfahr. Na aber, weil du mir lieber bist als alles andere, was mir mein Schutzengel, der Leonhard, hätt' kaufen können, so will ich dir ein guter Herr sein. Um deine Lieb frag ich gar nit, die musst du mir einfach geben, wenn ich sie will. Ich zwing dich zu allem, was mir gefällt. Schau, wie stark ich bin, um dich zu zwingen.«

Er hob sie jetzt empor wie ein Kind und drückte sie an seine Brust. Dabei bedeckte er ihr Gesicht mit unzähligen, heißen Küssen. Sie wollte sich erst mit aller Gewalt wehren. Aber nach vergeblichen Kraftanstrengungen gab sie sich seufzend in ihr Geschick. Endlich schlang sie sogar ihre beiden Arme um seinen Hals und sagte: »Ich spür's, dir ist nit zu widerstehen. Deine hochmütige Red ist wahr. Ich kann sonst nichts als mich deiner Gnad empfehlen, du lieber, starker Mann.«

»Gelt«, sagte er frohlockend, »bitten hätt' ich lange können um die Lieb?«

Er stellte sie jetzt auf den Boden. Und wie sie hinab schritten in das Dorf, da schmiegte sie sich an seine Seite wie ein sanftes Lämmlein an den Hirten. Aber es zuckte manchmal ein seltsames Lächeln um ihre Lippen, welches er bei der hereinbrechenden Dunkelheit nicht mehr sah. Vor dem Grillenhause blieben sie ein wenig stehen. Ferdl zögerte, ob er eintreten solle, aber auf ihre Einladung tat er es.

»Tu es meinen Leuten zulieb«, sagte sie, »die werden eine närrische Freud haben, wenn sie uns so kommen sehen.«

Der Grill und sein Weib ließen allzugleich einen Laut der Überraschung vernehmen, als sie die jungen Leute miteinander Hand in Hand eintreten sahen.

»Ist das nit schnell gegangen?« fragte Leni. »Ich gehör schon sein – meinem Käufer – mit Leib und Seel, denn das ist einer, der von seinem Recht Gebrauch zu machen weiß.«

»Ist's wahr?« rief der Grill, »Leni, ist's wahr?«

»Freilich ist's wahr, Vater. Ich hab's ja nit so ernst gemeint mit meiner Weigerung, und jetzt, nachdem ich den Mann erst näher kenn –!« Da umarmte der alte Bauer seine Tochter und strich ihr kosend über das Haar.

»Hab's ja gleich nit für möglich gehalten, dass mein Kind so boshaft und stützig sein könnt'. Und dein grausames Verstellen verzeih ich dir vom Herzen gerne. Jetzt entschädigst du mich mit dieser Freud für alles Üble. Du bist doch ein prächtiges Mädel, das hab ich ja immer gewusst.«

»Na ja«, entgegnete sie lächelnd, »wie wird denn der Vater sein eigenes Kind nit kennen?«

Unterdessen hatte sich die Grillin dem Jüngling genähert und ihn scherzend gefragt:

»Nun? Wie verhält es sich denn zwischen uns zweien? Wirst doch keinen Abscheu vor der Schwiegermutter haben?«

»Nit ein bissl«, entgegnete er.

»Das sagst du! Aber einen Beweis will ich! Nit einmal die Hand hast mir noch geben.«

»Da hast du die ganze.«

»Nun, und –?« forschte sie und sah ihn wie schmollend und schmachtend an. »Der Handdruck ist noch kein Beweis, da gehört nit viel dazu, aber ein Busserl –«

»Nun denn«, sagte er gutmütig und voll tapferer Entschlossenheit, »in Gottes Namen.«

Sie küssten sich. Die Grillin nahm sich statt einen zwei Küsse.

»Oho!« rief Leni, »das verbitt ich mir, Frau Mutter.«

Am andern Morgen gingen der Grill, Leonhard und Ferdl nach Beneschau, um die zweitausend Gulden zu holen. Dieses Geld war das sämtliche Barvermögen Leonhards. Freilich war der Kinihof unverschuldet und die dazu gehörenden Waldbestände hatten einen bedeutenden Wert. Von der Sparkasse begaben sich der Grill und Ferdl sogleich zu den Gläubigern und zahlten dieselben bei Heller und Pfennig aus. Zu diesem Behufe mussten sie in verschiedene Dörfer gehen und kamen deshalb, so sehr sie sich auch tummelten, erst spät in der Nacht heim. So oft sie eine der Zahlungen erstattet hatten, sagte Ferdl zu dem Grillen: »Das ist recht schön, aber vergiss nur nit, dass die zweitausend Gulden mein Heiratsgut sind.« Er wollte sich Leonhards Wunsche und auch dem eigenen gemäß die Grillenleute nicht über den Kopf wachsen lassen.

Leonhard kehrte schon am sonnigen Nachmittag von seiner Wanderung zurück. Er sah aus wie nach einer langen, schweren Krankheit. Auf seinem Gesichte lag eine starre Ruhe. Unten vor dem Dorfberge begegnete er dem Berschen. Dieser schritt in seinem Feiertagsgewande taleinwärts.

Leonhard wollte mit einem finsteren Gruße vorüber.

»Nein«, sagte der Bersch und verstellte dem Jünglinge mit ausgebreiteten Armen den Weg. »Wir sind keine Feinde. Ich kann nichts für dein Unglück und der Friderun das ihre.«

»Schweig von dem Unglück!« entgegnete Leonhard in fast rauem, befehlendem Tone; dann setzte er viel milder hinzu: »Wohin gehst du denn?«

»Wohin?« der Bersch lächelte trübe und sagte dann langsam: »Ein End machen geh ich diesem Leben.«

»Was?« fragte Leonhard. Erschrecken schien er nicht mehr zu können, seitdem ihn jener einzige große Schrecken betroffen hatte. »Erhängen willst du dich oder ertränken?«

»Das nit«, entgegnete der Bersch lächelnd. »Ich hab zwar übergenug an dem Leben, aber so geduldig bin ich schon, dass ich's ertrag. Nur dem Gefrett' da auf der Kalten Tred will ich ein End machen. Wozu schind ich mich denn da? Um neue Schulden! Das wär' ja ein Wahnsinn. Alle andere Arbeit lohnt sich und bringt ein' Segen, nur die unsere bringt Schaden und Fluch, so ehrlich und blutig schwer sie ist. Warum noch dem Bauernstande anhängen, wenn das ein Wahnsinn geworden ist? Ich geh hinunter zum Herrschaftsjäger. Der hat mir schon lang einmal gesagt: ,Verkauf der Herrschaft all deinen Grund und dein Haus. Wirst gut dafür bezahlt, und die Herrschaft setzt einen Wald auf den Boden, wo sich der Feldbau nimmer auszahlt, in Ewigkeit nimmer auszahlen wird. Ja, Wald soll wachsen über dem Acker, der uns das Brot versagt. Wald und Vergessen soll wachsen über unserem vergeblichen Werk. Und wir gehen mit dem Wanderbinkel eine andere Heimat suchen. Es muss sein. Es gibt keinen anderen Ausweg. Besser, wir gehen heut freiwillig, als wir werden in kurzer Zeit gejagt. Die Herrschaft gibt mir so viel für den Grund, dass mir noch ein paar Gulden bleiben nach dem Schuldenzahlen. Wenn aber das Haus feilgeboten wird, verlieren noch die Gläubiger, und das ist bitter. Der Herrschaft steht mein Grund so viel gut zu, denn ihr Wald grenzt an drei Seiten daran, meine Acker machen, wie du weißt, eine förmliche Bresch in den Herrschaftsforst. Und der Fürst möcht' schon lang diesen Buckel auf seiner Besitzmappe gerade machen, wenn das auch ein bissl teuer käm'. Das Vergnügen kann er jetzt haben. Behüt' dich Gott, Kini.«

»Bersch!« schrie Leonhard.

»Nun?«

»Das darfst du nit tun. Frett noch weiter! Vielleicht kann ich dir helfen.«

»Nein«, sagte der Bersch, »ich nehm deine Hilfe nit an. Könnt' mich schlecht dankbar zeigen dafür. Wenn ich dir die Friderun wieder zukehren könnt', – dann ja. Aber weil das unmöglich ist, will ich nit dein Schuldner sein. Überhaupt, was liegt dir denn an dem Verkauf? Einem Böhm verkauf ich ja den Grund nit. Und die Herrschaft war ja mit uns Anrainer seit jeher. Meine Äcker sind die schlechtesten auf der Kalten Tred, gar nit schad darum, wenn sie herrschaftlich werden. Um die brauchst du nit zu jammern. Und um uns? Es ist vielleicht gut für dich, wenn wir dir aus den Augen kommen.«

»Meinst du?« fragte Leonhard. »Und ist auch die Friderun mit dem Fortwandern auf Nimmerwiederkehr einverstanden?«

»Nit ganz«, antwortete der Bersch. »Sie hängt so viel fest an dem Heimatboden. Sie möcht' gern halten und kämpfen, solange es geht. Aber weil wir alle das Ziehen beschlossen haben, muss sie eben einverstanden sein. Grad jetzt haben wir Rat gehalten, und ich geh gleich frischweg das Geplante wahr machen.«

»Also sie will nit«, sagte Leonhard leise.

»Nein, aber sie muss. Uns fällt ja auch das Entsagen auf die Heimat nit leicht. Aber wenn's die reine Vernunft befiehlt! Der Mensch muss verzichten können. Der Kopf muss das Herz bezwingen können. Ich hab ja auch die alt deutsch Art in mir, die sich gegen das Verlassen dieses geheiligten Bodens mehr sträubt wie gegen den ärgsten Glaubens- und Treubruch, aber auch dieses Gefühl muss überwunden werden, von dem Verstand. Behüt' dich Gott zum zweiten Mal, Leonhard.« Er reichte dem Jünglinge die Hand, über seine eingefallenen Wangen schlichen zwei Zähren.

Leonhard wandte sich rasch ab, um nicht ebenfalls nasse Augen sehen zu lassen. So gingen die zwei Männer auseinander.

§§§10.

Am nächsten Morgen, bald nach Sonnenaufgang, fuhr Friderun mit ihren Ochsen hinaus, um ein Stück Brachfeld umzuackern. Der Bersch war bis zu jener Stunde nicht zurückgekehrt. Er hatte seinen Töchtern gesagt, dass er ganz sicher über die Nacht und vielleicht auch über den kommenden Tag ausbleiben werde, falls der Herrschaftsjäger mit ihm einen Gang zum Forstmeister oder gar zum Fürsten machen würde. Friderun wollte heute keinen Rasttag haben, wenn nun der Vater was immer für eine Kundschaft nach Hause brachte. Sie sagte, ehe sie ausfuhr, zu ihrer ältesten Schwester: »Hat er den Grund nit verkauft, so tät' es mich ärgern, wenn ich das Ackern auf morgen verschoben hätt'. Und ist der Kauf geschehen, so habe ich wenigstens treu zu meinem Stande gehalten, bis auf die letzte Stund.« Die anderen Schwestern folgten dem Beispiele der Friderun und gingen in den Wald, Streu rechen. Sie kamen zu Mittag nach Hause.

Friderun nicht; die hatte Heu für die Ochsen mit hinausgenommen und eine Krume Schwarzbrot für sich. Als sie dann ihr karges Mahl beendet hatten, kehrte der Bersch zurück.

Sie stürzten ihm förmlich alle zugleich, entgegen.

»Nun?« schrien sie.

»Geschehen ist's«, keuchte er und setzte sich schwer auf einen Stuhl nieder.

»Neunzehnhundert Gulden hat er mir gegeben, der Fürst. Neunzehnhundert! Da bleiben uns nach dem Schuldenzahlen noch zweihundert. Hab selber mit ihm geredet. Nit ein bissl stolz ist er. Allweil hat er mich Herr Nachbar geheißen, und jausen hab ich mit ihm müssen. Sein Weib will euch zu Mägden haben. Wie sie sagt, hat sie keine verlässlichen. Ich soll euch nur alle bringen. Ich hab ihr's so halb und halb versprochen, denn lieber ist es mir, ihr seid in einem so raren Haus im Dienst, als ihr verdient euch noch so viel als Handlangerinnen bei den Maurern. Ein feines Leben werdet ihr haben bei dieser Frau. Und die Welt werdet ihr sehen und die feine Manier kennen lernen, denn ihr sollt mit der Fürstin in die Residenz. Eine von euch soll zu einer kranken alten Jungfer, welche auch so eine überständige Herrentochter ist. Und ich – ich krieg eine Arbeit im fürstlichen Park. So haben wir alle einen Unterschlupf und ein Verdienst. Was Besseres hättet ihr euch nimmer erhoffen können.«

Die Mädchen erklärten sich zufrieden, obwohl sie es unter Weinen und Schluchzen taten.

»Aber gleich abziehen heißt es«, erklärte er.

»Holt sie! Oder ich hole sie selber. – Gebt mir eher ein wenig Milch, wenn ihr ein wenig habt. Packt gleich euere Siebensachen! Morgen treiben wir das Vieh zum Verkauf nach Schweinitz. Übermorgen versteigern wir den Dorfleuten unser überiges Gerümpel. Und am dritten Tage können wir wandern. So, jetzt wisst ihr alles.«

Er aß einen Teller voll Milch und etliche Brotbrocken, dann schritt er hinaus, um die Friderun heimzuholen. Das Mädchen ließ von der Arbeit ab, als es den Vater nahen sah. Er erzählte ihr alles, was er den anderen erzählte, mit gesenkten Augen. Erst als er geendet hatte, blickte er fast ängstlich zu ihr auf. Friderun stand von einer hellen Glut übergossen da. Ihre Augen sprühten förmlich Funken.

»Tun hättest du es nit sollen«, sagte sie mit bebender Stimme, und man merkte, wie sie nach Ruhe und Selbstbeherrschung rang. »Aber du hast es getan, und es ist nimmer rückgängig zu machen. Verhungern hättest du lieber mit uns sollen, ehe du dich in einen Herrendienst begibst! Mir ist nichts so verhasst, als dienen zu müssen für ein' Lohn. Lieber mich umsonst totschinden für einen Todfeind. Ich bild mir halt ein, es ist so viel was Hohes und Herrliches, ein freies deutsches Bauernkind von der Kalten Tred. Weiß nit, ob sich die Frau Fürstin nit leichter herablassen könnt', mir zu dienen. Du weißt gar nit, Vater, was in mir für ein wilder, sündiger Stolz ist, der sich nit beugen will lassen von aller Gewalt der Welt. Du kennst mich nit. Ich hab immer zu still in mich gehalten und von meinem unbändigen Hochmut wenig merken lassen. Aber jetzt ist's Zeit, dass ich es zeig, wie ich bin. Ich kann nit anders. Gott soll mir's verzeihen. Er hat mich ja so gemacht. Oder er soll mich vernichten für meine Hoffart! Es ist mir, als ob der Weg da hinab in die Welt ein Weg in die Schande wäre. Ich werde doch nit mit euch gehen, werde mich nit so weit bezwingen können. Allem kann ich entsagen, dem Wohlleben, der Lieb, der Hoffnung, aber nur der Heimat, dem alten deutschen Weiberbrauch nit. Ob von meinen Ahnln eine wär' gezogen, wie ich jetzt ziehen soll? Ob die nit lieber auf einem Stein im Asenwald geschlafen und Gras gegessen hätt'? Geh zur alten Kinin und frag, was sie lieber will, sterben oder einem Herren dienen. Setz ihr dabei ein Messer an die Gurgel und schau, ob sie mit einem Aug zuckt. Und so bin ich auch. Ich kann nit dafür. Geh nur du mit den anderen Geschwistern und kümmert euch nit um mich.«

Der Alte rang die Hände und rief: »Musst du mich auch noch quälen?«

Sie antwortete: »Meinetwegen brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Gräm dich um die Jüngeren. Zieh mit ihnen und schirm sie, so gut du kannst. Ich kann mich selber schirmen. Und die Lieb zwischen uns stirbt ja nit aus, wenn auch unsere Wege auseinandergehen.«

»Was willst du denn anfangen hier?« fragte er.

»Ich weiß es noch nit; aber Unrechtes nichts. Aber fort geh ich nit, solang ich meinen freien Willen hab.«

»Nun«, sagte er endlich dumpf, »so tu, was du willst. Aber jetzt hör da die Arbeit auf. Zum Waldansetzen ackert man nit.«

»Da hast du recht, Vater, zum Waldansetzen tut man etwas anderes.«

Sie ging zu dem Feldrain. Dort lag ein großer Steinschlägel, mit welchem sie vorher eine aus dem Acker ragende Felsenspitze zerschlug. Sie hob das schwere Werkzeug auf und begab sich damit zum Pfluge zurück.

»Was willst du denn tun?« fragte der Bersch staunend. Aber da hatte sie schon den Schlägel mit beiden Händen hoch über das Haupt erhoben.

»Nit!« schrie der Bauer. »Um Gottes willen, lass dir deinen Zorn an was anderem aus! Der Pflug ist ein uraltes Andenken, das wir heilig halten sollen.«

»Eben darum«, entgegnete Friderun. »Der Spruch, der auf diesem Eisen steht, ist zur Lug geworden und der Voreltern Leben und Wirken zunichte.«

Sie ließ den Hammer auf das Pflugschar niedersausen. Es gab einen mächtigen Klang, der außergewöhnlich dicke Stahl hatte ein Loch erhalten, und aus diesem Loche kam es jetzt funkelnd, augenblendend an das Sonnenlicht gerieselt und geklimpert, was ein Jahrtausend lang die Sonne nicht mehr gesehen hatte. In diesem Augenblicke lag der alte Bauer vor dem Pfluge auf den Knien. Friderun tat blitzschnell dasselbe. Der Alte tappte mit beiden Händen auf das rote Häuflein, welches aus der Wunde des Stahlmantels gefallen war. Das Pflugschar war nicht die so ungeheuer dicke Platte, für welche man es stets ansah; es war hohl von dem handbreiten oberen Ende an bis hinab, nahe an die geschärfte Schneide. Oben auf dem glatten Rücken stand mit tiefen, schlanken Runen der Spruch:

Bleib mir hold,
I bin von Gold.

Dicht vor die Augen hielt der Bersch eine der runden, prächtig geprägten Münzen. Es waren altrömische Goldstücke. Er wollte eines der deutlich leserlichen lateinischen Worte entziffern, aber da begann es ihm vor den Augen zu flirren. Friderun langte mit einem Finger in das Loch des Stahlmantels, und da rollten noch viel mehr der gelben Münzen als vorher an den Tag. Die Höhle war ganz mit Gold gefüllt. Jetzt schien der Bersch das Geschehnis erst zu erfassen. Er breitete die Arme aus, sah hinauf zu dem blauen Frühlingshimmel und schrie: »Das Glück! Das Glück!« Dann beugte er sich tief zu dem Golde nieder, und plötzlich lag er mit dem Gesichte darauf.

»Vater!« schrie Friderun und packte ihn an den Schultern. Er rührte sich nicht. »Vater!« wiederholte sie und riss ihn empor. Dann hatte sie ihn in den Armen. Auf seinem Gesichte lag ein seliges, verklärtes Lächeln. Aber sein Blick war starr und verglast. Friderun tat einen langen, gellenden Schrei, wobei in ihrem Innern alles zu reißen und zu springen schien. Durch den Körper des Berschen ging noch ein leises, kurzes Zucken. Dann hielt Friderun einen Toten in den Armen. Sie stand lange so mit ihm da und sah ihm bald in das Gesicht, bald wieder klagend zum Himmel empor. Endlich legte sie ihn auf den Boden. Sie riss ihre Oberkleider vom Leibe und gab sie dem Toten als Kissen unter den Kopf. Dann drückte sie ihm die starrenden Augen zu und kniete wieder lange vor ihm.

Als sie aufstand, sah sie mit einem Blick voll Hass und Abscheu auf das Gold. Sie stieß mit dem Fuße danach, so dass etliche Münzen weit über das Feld hin schnellten. Dann machte sie ein paar Sätze hinab gegen das Dorf. Plötzlich blieb sie stehen und überlegte eine Weile, um dann wieder eilig zu dem Toten zurückzukehren. Sie lud ihn auf ihre Arme und trug ihn hinab. Von seiner Last spürte sie nichts.

+++

Um eine Stunde früher, als das Erzählte geschah, traf Leonhard mit Leni zusammen. Der Jüngling säte auf einem frisch geeggten Acker, welcher ziemlich weit unterhalb des Dorfes an der Wiesengrenze lag, Kleesamen aus, und das Mädchen kam mit einem Streurechen aus dem Forste herauf.

Ihr Weg ging dicht an dem Felde vorbei, wo Leonhard arbeitete. »Guten Morgen«, sagte sie, da er nicht aufsah. Er hatte sie wirklich nicht kommen sehen.

Jetzt fuhr er förmlich empor. »Guten Morgen«, gab er dann ernst zurück und schien es dabei bewenden lassen zu wollen, denn er bückte sich sogleich wieder zu seiner Arbeit. Aber dann besann er sich doch eines anderen. »Leni!« schrie er, als sie schon ein Stück an ihm vorüber war.

Sie blieb augenblicklich stehen und wandte ihm ein so vergrämtes, jammerentstelltes Gesicht zu, dass es ihn unwillkürlich wie ein noch so gerechtfertigter Vorwurf traf.

Er ging ihr näher und sagte: »Ich hab heut schon in aller Früh gehört, dass du dich jetzt gerne in deiner Eltern Willen gibst. Den Ferdl hast du mir glücklich gemacht, dafür dank ich dir. Was zwischen uns vorgefallen ist, vergiss, so wie ich es vergesse. Wir wollen gute Nachbarschaft halten. Da, meine Hand darauf.«

Er, hielt seine Rechte hin. Leni versteckte ihre Hände hinter dem Rücken und sagte höhnend: »Du meinst, ich heirat den Ferdl so gern, dass ich damit den Meinen gar kein Opfer bring. Du meinst, ich bin dir noch Dank schuldig. Nein, Kini, es gibt nichts, was die einzige Wahrheit süßer macht, die Wahrheit, dass du mich zu deinen Zwecken kaufst und zwingst wie ein Stück Vieh; ohne Rücksicht auf mein Fühlen, auf meine Menschlichkeit. Du hättest nit grausamer mit mir verfahren können.« »Lüge nit«, entgegnete er mit einem strafenden Blicke, »du nimmst den Ferdl jetzt gern. Gute Augen haben es gesehen, wie ihr gestern von der Höh heim seid, und gute Ohren haben es gehört, was ihr daheim geredet habt. Dein Vater selber hat es mir heute voll Freuden erzählt. Und ich hab mich mit ihm gefreut; du wirst mit dem Ferdl glücklicher sein wie mit jedem anderen. Keiner bringt dir so viel Lieb entgegen, das weißt du alles. Aber du möchtest mir durchaus noch Gewissensbisse machen. Ich kenne das. Lass ab davon. Es nützt dir nichts. Was ich getan hab, war recht.«

Sie lachte spottvoll auf.

»Da bist du ja eh ganz zufrieden mit dir selbst?«

»Ganz zufrieden«, sagte er ernst. »Und auch von der Welt ist mir schon alles recht. Mich wirst du schwerlich mehr aus der Ruh bringen können.«

»Wer weiß!« rief sie mit blitzenden Augen. »Versuchen möchte ich es, ob der Herzenstod, in welchem du umzugehen vermeinst, gar so stark und ernsthaft ist, dass ihn nichts mehr zu rühren vermag, was dir von der Welt widerfährt. Das wär' ja auch gar keine Vergeltung, wenn du jetzt stumpf und leidlos herumgehen solltest und ich mit dem heißesten Schmerze! Ich heiß' das nämlich Vergeltung, dass dich die Friderun vor sich gestoßen hat. Nur ein wenig hat es dir das Schicksal fühlen lassen, wie das tut, verschmäht zu werden. So gar groß war ja deine Lieb nit für die Friderun. Du hättest ganz leicht eine andere neben ihr halsen können, das weiß ich.«

»Jetzt hör auf!« rief er rau und zornig. »Unschön genug von dir, wenn du ewig mein einziges, kleines Fehlen von damals aufdeckst. Pfui!«

Sie prallte zurück vor der Verachtung, die plötzlich aus seinem Gesichte sprach. Ihr ganzer Leib zitterte vor Wut.

»Das auch noch?« rief sie. »Gut, Leonhard, gut, dass du dich mir zeigst. Überzeugt bist du davon, dass dein bester Freund mit mir glücklich wird, gelt? Und dabei kennst du mich so gut, spuckst vor mir aus und verabscheust mich aus tiefster Seele. Und doch hältst du mich gut genug für den Freund, der dir die längste Zeit des Tages in den Armen liegt. So aufrichtig bist du mit ihm. Kini, ich will dir die Wahrheit sagen: Dir ist's alleins, was du für ein Verbrechen begehen musst, um den Böhm von unserem Dorfe fern zu halten. Für diesen Zweck betrügst und opferst du in heimlicher List den Freund. Jetzt machst du mir erst recht die Augen auf damit, weil du mir deine Verachtung nit verhehlst. Du hättest dir noch Zeit lassen sollen mit dieser Aufrichtigkeit, mit der du mir einen Grund dazu gegeben hast, dass ich dir einen Strich durch die Rechnung mach. Will dir beweisen, dass ich nit so armselig, so unterwürfig, so hündisch bin, als du meinst. Ich kann mich erheben über deinen Zwang und werde es. Bei Gott schwör ich's. Vor die Füße werf ich dir dein Sündengeld. Der Böhm kauft mich los von dir, der Böhm, den du verachtest, als ob er so wenig Ehr und Rechtschaffenheit im Leibe hätt' wie du. Und dem Böhmen werd ich lernen, wie er dein Nachbar sein muss, wie er dich grüßen muss, mit einem Pfui! Pfui! Pfui!«

Jetzt stürmte sie fort. Und sie tat gut daran. Leonhard wäre jetzt tatsächlich um eine würdige Antwort sehr verlegen gewesen.

Daheim platzte Leni vor ihren Eltern gleich heraus:

»Dass ihr's wisst, jetzt wird es doch der Böhm. Und wenn geschieht was immer, und wenn ihr euch deshalb in den Tod legt, in drei Wochen ist der Böhm Bauer auf dem Grillenhof. Deine Rach, Mutter, hat ihn schlecht gerührt. Er ist fest wie ein Buchenstock. Aber die meine wird ihn rühren.« Sie redete lange derart fort.

Die beiden Alten waren erst starr vor Entsetzen. Endlich ging der Grill auf die Tobende zu und sagte mit zornbebendem Munde und hocherhobener Faust:

»Du schlechte Vettel! Sei so oft verflucht, als du Haar am Kopfe hast! Gestern bist dem Ferdl an dem Hals gehangen. Und wenn du den Kinibuben verdächtigen könntest, du schriest gerne deine eigene Schand in die Welt. Sag mir nur noch einmal, dass der Böhm dein Mann wird! Nur noch einmal!«

»Einmal!« schrie auch die Grillin und erhob gleichfalls die Hand gegen Leni.

»Tausendmal!« schrie Leni. »Ich schwör es bei allem, was mir und der ganzen Welt heilig ist, dass der Böhm. . .

Hier fielen zwei Fäuste schwer auf ihren Kopf nieder. Sie stürzte lautlos zu Boden.

11.

Es war zur toten Winterszeit. Die Kalte Tred lag unter einer drei Meter dicken Schneedecke. Von einer Behausung zur anderen waren Pfade geschaufelt. Zwischen den drei großen Gehöften auf der Höhe aber war kein Pfad.

In den Hütten unten ging es bei dem Spinnen lustig zu, aber in den drei Höfen nicht. Die Berschenkinder schienen das Lachen und Singen für ihr Leben lang verlernt zu haben. Sooft eines das andere länger ansah, fingen beide zu weinen an. Die Armut hatte freilich ein Ende. Nahezu viertausend Gulden hatten sie für den so unverhofft gefundenen Schatz erhalten. Vor neunhundert Jahren hatte ein reicher, sonderbarer Ahne diesen Pflug verfertigt. Dieses seltsame Werkzeug war eine Hochzeitsgabe für den ersten Berschen gewesen. Die Berschenkinder hatten jetzt die Schulden gezahlt und hielten sich mit dem übrigen Gelde noch für sündhaft reich. Aber sie wussten nun auch, dass der Reichtum allein nicht glücklich macht. Sie bekamen ihr Leben lang alle keine rechte Liebe mehr zu dem Gelde, dessen Anblick ihrem Vater das Leben kostete. In der ersten Zeit hatten sie all das Gold durchaus verschenken wollen. Sie gedachten, wie das schon einmal vereinbart war, den Wanderbinkel zu nehmen. Sie trugen das Gold in einem Sacke zu dem alten Bucherser Pfarrer und baten ihn, es für seine Kirche oder für seine Armen zu nehmen. Aber der schalt sie tüchtig aus und sagte: »Die Ärmsten seid ihr!« Auf das Zureden des alten Mannes mussten sie den verabscheuten Reichtum behalten.

Die erwachsenen Berschentöchter hatten zu allem noch ihre liebe Not mit der Abwehr der vielen Freier, welche ihnen bald nach des Berschen Tod von nah und fern zugeströmt kamen. Einem von ihnen, einem besonders armen Teufel, welcher von seinen Eltern ein schwerverschuldetes Haus übernehmen sollte, schenkten die barmherzigen, der Not so kundigen Mädchen hundert Gulden und trösteten ihn dabei am wirksamsten über den nebstbei erhaltenen Korb. Um Friderun wurde am tüchtigsten gefreit. Das entlockte ihr erst kaum ein wehmütiges Lächeln, aber endlich wurde sie unwillig und fertigte die Bewerber recht kurz und bündig ab.

»Wir wollen miteinander ableben«, sagten die Geschwister. Friderun zeigte sich seit Wochen heiterer als alle ihre Schwestern. Sie wurde oft von der Zweitältesten bei einem sonderbaren Mienenspiele ertappt. In letzter Zeit sagte einmal das scharfblickende Mädchen zu Friderun: »In dir geht entweder was Gutes vor, Friderun, oder es ist dir doch etwas im Kopfe geschehen.« Friderun lächelte zur Antwort. Es war aber kein trauriges Lächeln.

Im Kinihofe hatte sich nichts verändert. Leonhard tat tiefernst und ruhig seine Arbeit, tagein tagaus, und die alte Kinin saß auf der steinernen Ofenbank neben der Kienleuchte und spann so fein und schön wie kaum ein zartfingeriges Dirndlein auf der Kalten Tred. Und sie war unlängst zur Weihnacht sechsundneunzig Jahre alt geworden.

Ferdl verbrachte all seine freie Zeit im Kinihofe. Er hing mit allen Fasern seines Herzens an Leonhard. Die Freundschaft zu dem jungen Bauern hatte dem Jüngling wunderleicht über das Liebesunglück hinweggeholfen. Die zweitausend Gulden, das Heiratsgut Ferdls, hatten zum großen Teil ihren Zweck verfehlt. Die leidenschaftliche Leni brauchte sich gegen das Ehebündnis mit Ferdl nicht lange zu weigern; der Bursche verzichtete sofort nach dem zuletzt Erzählten auf seine falsche Geliebte. Nach jenen beiden Faustschlägen sagte Leni nicht mehr viel von dem Böhmen. Sie lag vier Wochen lang an einer Gehirnerschütterung erkrankt zu Bette. Sodann blieb ihr nichts übrig, als ihr jungfräuliches Dasein daheim weiter zu fristen.

Der alte Grill war mit einem Male ein strenger, eigenwilliger Vater geworden. Er bereute es keinen Augenblick, damals sein Kind so arg misshandelt zu haben. Die zweitausend Gulden blieben ihm geschenkt. Leonhard fiel es nicht ein, das Geld zurückzufordern, um welches ihn die Grillenleute sozusagen geprellt hatten.

Die Grillin hatte seit all der Zeit schwere Sorgen. Da Leni nicht heiratete, sah sich diese unglückliche Mutter vor Friderun arg Lügen gestraft. Das alte Weib hatte deswegen viele schlaflose Nächte. Sie wartete von Stunde zu Stunde darauf, dass Friderun gleich einem fürchterlichen Rachegeiste in den Grillenhof kommen und sagen werde: »Du hast gelogen. Du hast Leonhard verleumdet. Du hast dein eigenes Kind in meinen Augen geschändet.« Die Grillin konnte die Folgen ihrer Lügen gar nicht absehen. Sie war in einer beständigen Verzweiflung. Schon oft wollte sie sich der Friderun zu Füßen werfen und um Verzeihung, um ein Verschweigen der ganzen Geschichte flehen. Aber dann ließ sie immer wieder die Hoffnung auf irgendeine unerwartete günstige Wendung der Dinge von dem schweren Gange abstehen. Und nicht am seltensten dachte sie auch daran, alles das keck abzuleugnen, womit sie damals die Friderun mit Leonhard bewog. Eines Morgens sagte Friderun zu ihren kleinen Brüdern: »Schaufelt mir einen Pfad zum Grillenhaus.«

Ihrem Befehl wurde gehorcht. Die Grillin sah die Schneeschaufler und ahnte sofort die Nähe des so schrecklich gefürchteten Ereignisses. Das Weib litt Höllenqualen.

Der Pfad war kaum fertig, als ihn Friderun langsam betrat. Sie hatte ihr langes, schwarzes Feiertagsgewand an, und auf ihrem Gesichte lag eine leuchtende Ruhe. Ihren Schwestern hatte sie schon am Morgen dieses Tages eine seltsam feierliche, fröhliche Miene gezeigt, aber was jene auch nach dem Grunde dieser Veränderung fragten, Friderun gab nur eine Antwort, welche freilich glückverheißend genug klang. »Aufleben will es in dem tot geglaubten Herzen«, sagte sie, »wundersamer Frühling will es werden mitten im starren Winter.« Die Berschenkinder sahen alle ihrer Schwester mit großen Augen und klopfenden Herzen nach, bis sie im Grillenhause verschwand.

Durch eine Lücke im Scheunentor hatte die alte Großdirn auf die Vorbeigehende hinausgeguckt und das verklärte Gesicht der Letzteren gesehen. Da schlug das gute alte Geschöpf die Hände über dem Kopfe zusammen, lief zu der alten Kinin in die Stube und sagte:

»Die Friderun ist hinten vorbei gegangen und hat unseren Hof wunderlieb angelacht. Die Friderun, sag ich! Und nachher ist sie zum Grillen. Im Feiertagsgewand. Und einen eigenen Pfad hat sie sich zum Grillen schaufeln lassen.«

Die Kinin seufzte: »Vielleicht ist's doch wahr, was allweil ihr Vater gemeint hat, dass ihr was im Kopf geschehen ist. Wär's denn auch ein Wunder bei dem vielen schweren Unglücke?«

Leonhard und Ferdl saßen vorne an dem Tische, als die Großdirn diese Kunde brachte. Ferdl sah den sich etwas verfärbenden Freund prüfend an; der letztere zuckte mit den Achseln.

Friderun trat in die Stube des Grillenhauses und fand hier nur den Bauern und Leni anwesend. Der Grill schien sehr freudig überrascht. Er stand auf und hielt dem Besuche beide Hände entgegen. Lenis Staunen war unbeschreiblich. Ihr war das Kommen Frideruns ein uauflösliches Rätsel.

»Mit der Bäuerin möcht' ich reden«, sagte Friderun.

Der Grill zeigte auf die halbangelehnte Nebenzimmertüre, und das Mädchen folgte sogleich dieser stummen Einladung. Die Grillin drückte sich an die Wand wie ein in die Enge getriebenes und dennoch zur verzweifeltsten Gegenwehr bereites Raubtier. Sie schien nur auf den Angriff zu warten, um sich dann mit aller Macht verteidigen zu können. So ratsam es ihr auch scheinen mochte, die Ruhe zu bewahren, sie fand jetzt doch nicht die nötige Stärke und Verstellungskunst dazu.

Friderun hatte eine Zerknirschte, Vernichtete zu finden gehofft. Aber der erste, scheele, flirrende Blick, das katzenartige Fauchen des Weibes belehrten sie sofort eines anderen. Das Mädchen hatte von seiner Patin mit mildem Ernste das Eingeständnis jener schrecklichen Lüge verlangen wollen. Aber bei dem Anblick der Grillin entfiel der Friderun die wohlüberlegte Rede. Eine mächtige Empörung bemächtigte sich des Mädchens, welches sofort bemerkte, dass die andere zu unverschämtem Lügen und Leugnen bereit stand.

Der Entrüsteten fiel plötzlich eine andere Ansprache ein.

»Nun?« fragte sie, »wie geht's euch denn im Schnee? Hab doch einmal kommen müssen, nachschauen, weil du das Pfadbrechen scheust. Wo habt ihr denn den kleinen Kinisohn? Möcht' ihn doch sehen, für den ich hab auf den Vater verzichtet.«

Da schrie die Grillin gellend auf:

»Maria, Josef! Missverstanden hat sie mich! So missverstanden!«

»Nein«, sagte Friderun, »deine Lügen waren zu deutlich. Ich habe dich nit missverstanden. Aber du hast dich verrechnet! Dein Spiel war zu keck. Du hast zu fest auf die schleunige Heirat mit dem Ferdl gehofft und auf einen baldigen Sprossen aus dieser Ehe. Hast einen eisernen Glauben gehabt auf dein Glück und auf mein Elend. Jetzt willst du dich aufs Leugnen verlegen. Das hast du dir vorgenommen für den letzten Fall, wenn dir die Rechnung anderswie nit besser ausgehen sollt'. Nur eines möcht' ich wissen: was dich zu dieser unerhörten Lug getrieben hat. Es gehört viel dazu, wenn eine Mutter ihr eigenes Kind so verdächtigt. Gesteh mir den Grund ein.«

»Närrisch bist du?!« schrie die Grillin händeringend. »So ist es doch wahr, was die Leut sagen! Kein Wort begreif ich von deinen Reden, Gott soll mich strafen, wenn ich ein Wort davon versteh –!«

Sie wurde von Leni unterbrochen, welche jetzt mit rollenden Augen und geballten Fäusten hereinkam.

»Aber ich versteh die Friderun!« schrie das Mädchen. »Du hast mich zu einer Vettel gemacht in ihren Augen. Du, meine eigene Mutter. Das war die Rach, die du für mich ausgeübt hast, das war deine Kunst und dein Geheimnis. Jetzt durchschau ich alles. Nein, so schlecht hätt' ich nit von dir denken können. Und du willst meine Mutter heißen, du? Und du willst mir Lehren halten und mich für die echtere von uns beiden ausgeben? Gut, dass alles an das Licht gekommen ist, dass ich keinen Augenblick länger für dich eine Achtung, ein Gefühl haben brauch. Keine ewige Straf ist hart genug für eine Mutter, die zu so was imstande ist. Ich Narr hab mir noch eingebildet, mir geschieht recht, wenn ihr mich misshandelt, ich hätt's verdient! Und darum hab ich mich geduckt und gedemütigt. Aber jetzt kommt die Heimzahlung. Da hast du gleich ein Drangeld, und noch eines!«

Sie schlug mit beiden Fäusten auf die Grillin los. Der hereinstürzende Bauer hatte Mühe, die Wütende von dem um Hilfe schreienden Weibe abzuwehren.

»Du«, schrie sie, »du bist gewiss einverstanden gewesen mit ihr, du ehrloser Rabenvater. Verflucht sollst du sein, wie sie!«

Der Grill stand starr und unbehilflich da. Das alles war seinem Fassungsvermögen zu viel. Jetzt kam wieder die Grillin zu Worte:

»So?« schrie sie. »Hast du mir nit selbst von deinem heimlichen Umgang mit Leonhard erzählt? Das, willst du jetzt leugnen, du –«

»Erstick an der Lug!« kreischte Leni. »Der Teufel sagt dir ein, aber ungeschickt. Er verlässt dich jetzt schadenfroh, dein bester Freund, dem du zu schlecht bist.«

»Friderun«, wandte sie sich dann schluchzend an diese, »dass du so was hast von mir glauben können!«

Friderun zuckte mit den Achseln. »Hab's wohl glauben müssen, weil's deine Mutter von dir sagte.«

»Na freilich«, rief Leni, »da müsst' ja ein Engel argwöhnisch werden, denn dass so eine Lug möglich ist, hätt' niemand auf der Welt geglaubt. Und darum hast du auf den Leonhard verzichtet! Zu meinen Gunsten auf ihn verzichtet! Und ich hab dich dafür gehasst, Friderun. Ich weiß es, dass ich schlecht bin, verdorben durch eine schlechte Erziehung, es ist keine Dirn auf der Kalten Tred, die mit mir Seelen tauschen möcht. Aber ein guter Funken ist doch noch in mir, glaub mir's! Wenigstens meine Eifersucht auf dich ist jetzt aus, und wenn ich was gutmachen könnt' an dir –«

»Du hast mir nichts getan«, sagte Friderun. »Für deine Liebe kannst du nichts. Sie hat dich unglücklicher gemacht als mich. Mein Unglück ist jetzt aus, das deine nit. Du erbarmst mir.«

»Das auch noch!« brachte Leni unter Weinen hervor. Sie schien tatsächlich gerührt zu sein. »Wie ich dir dein Glück vergönn! Du wirst es dir jetzt nach der argen Zeit erst zu schätzen wissen. Aber ich hab alles verloren, alles verscherzt. Rein alles. Und noch einem Unschuldigen, dem einzigen, an den ich mich hätt' halten können, das Herz gebrochen! Friderun, nur das wenn ich nit auf dem Gewissen hätt', was ich in meiner blinden Wut dem Ferdl angetan hab! Nur der wenn verzeihen könnt!« Friderun zuckte mit den Achseln. Die Grillin kauerte nun auf dem Bette und verdeckte mit beiden Händen das Gesicht. Ihr Mann rüttelte sie oft vergeblich und sagte: »Red! Red!« Dann sah er immer wieder erwartungsvoll auf Friderun. Endlich sprach er zu dieser: »Jetzt möcht' ich auch eine Erklärung für dies alles, Friderun.«

Sie antwortete: »Lass dir diese Erklärung von der Leni geben. Sie ist am ärgsten betroffen von der Geschicht und wird die richtigsten Worte dafür finden.«

Nach dieser Rede ging Friderun fort. Oben vor dem Scheunentor des Kinihofes blieb sie stehen. In demselben Augenblicke ging das Tor auf, und die Großdirn stand mit freundlich einladenden Worten da.

»Ist der Kini daheim?« fragte Friderun ernst. »Freilich, komm nur herein!« entgegnete die über alle Maßen staunende, vor der Größe dieses Ereignisses fast schauernde Großdirn. Sie öffnete vor Friderun weit die Türe. Das Mädchen ging in tief vornüber gebeugter Haltung in die Stube hinein. Da stieß die alte Kinin das Spinnrad um und sprang so hurtig auf wie eine Achtzehnjährige. Aber dann stand sie wie versteinert und sah der hohen, schlanken Gestalt nach, welche sich zu dem Tische begab, wo die beiden Freunde saßen. Leonhard hatte es zwar einen jähen Riss gegeben, welchen Ferdl deutlich fühlte, aber dann stand der junge Bauer in einer kerzengeraden Haltung vor der Nahenden, welche mit einem bleichen Gesichte voll und ernst zu ihm empor blickte.

»Ich komm abbitten, Kini«, sagte sie. »Öffentlich will ich es tun vor den Anwesenden. Ich hab dir ja auch öffentlich Unrecht getan. Nicht um deine Lieb komm ich betteln. Ich verlang nit, was ich nit verdien. Mit einem abscheulichen Argwohn hab ich mir deine Liebe verscherzt, die ich hätt' hüten sollen als meinen köstlichsten Schatz, die ich blindlings hätte rein halten sollen vor jedem Verdachte. Ich hab den Glauben an dich verloren, und das war eine Todsünde. Jetzt häng ich diesem Glauben freilich wieder mit einer Treu an, die nicht mehr zu brechen ist. Du hast dich gegen meinen Verdacht nit verteidigt; du hast ihm kaum nachgefragt, das steht dem stolzen Kini wohl an. Du hast wohl gewartet, bis ich selbst, von meinem Irrtum und deiner Reinheit überzeugt, komme und mich meines Verdachtes reumütig anklag. Das tu ich jetzt. Ich hätt' wissen sollen, dass ein Mann wie du um keine freit, wenn er einer anderen verpflichtet ist. Und ich hab mehr als deiner angefangenen ehrsamen Werbung einem bösen Maul geglaubt.«

»Die Grillin!« schrien drei Stimmen zugleich.

»Was hat sie gesagt?« fuhr Leonhard hastig fort. »Dass ich ein Verhältnis hab mit der Leni?«

»Ja, ein gesegnetes Verhältnis.«

Da tat der junge Mann einen lauten Schrei. Man merkte es nicht recht heraus, ob es ein Schrei der Wut oder der Freude war. Und dann hielt er seine Friderun in den Armen.

Sie sträubte sich gewaltig und sagte: »Nein! Nit mehr deine Lieb! Ich verdien es nit mehr, dein Weib zu werden. Nie wieder könnt' ich mich deiner wert fühlen und ganz glücklich sein. Du wirst noch eine kriegen, die nie das Vertrauen und den Glauben an dich verliert, die rein und unschuldig ist wie du. Verzeih mir nur, und dann lass mich meiner Wege gehen.«

Einmal während ihrer Rede rang sie sich wirklich von ihm los. Aber jetzt fasste er sie mit größerer Kraft und sagte lachend:

»Versuch's, ob ich dich noch allein gehen lass. Stoß mich noch einmal von dir, wenn du kannst. Dein Verdacht war ja sündig, aber dass du jetzt abbitten kommen bist, das ist eine weit ausreichende Buß, mit der du dich wohl gereinigt hast in meinen Augen. Rauf nur mit mir, rauf, wirst dich doch bald in dein Schicksal geben müssen, so eigenwillig du auch bist. Wenn es wirklich dein Wille ist, dir noch eine weitere, närrisch grausame Buß aufzuerlegen, indem du mir entsagst, so wirst du diesmal nit durchdringen mit deinem Willen. Musst jetzt überhaupt folgen lernen, du stolze Friderun.«

Jetzt lag sie doch stillweinend in seinen Armen und fand sich in ihr' seliges Los.

»Nun?« fragte die alte Kinin nach einer geraumen Weile. »Wann wirst du sie denn auslassen?«

Da musste er die Geliebte wohl oder übel den Armen der Greisin überliefern.

»Weil du nur sein Weib wirst«, sagte die Alte, »da will ich fröhlich und ohne Furcht um unseren alten deutschen Stamm zur Ruhe gehen.«

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