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Der Zerrissene

Johann Nestroy: Der Zerrissene - Kapitel 7
Quellenangabe
typecomedy
booktitleNestroy Komödien
authorJohann Nepomuk Nestroy
year1995
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-33442-4
titleDer Zerrissene
pages313-378
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Fünfte Szene

Krautkopf; dann Gluthammer

Krautkopf (allein) So ein Knecht is mir noch nicht vorgekommen. Das muß mir auch noch g'schehn, wo ich ohnedem – au weh, mein Kopf!

Gluthammer (steckt aus dem Getreideschober nur den Kopf heraus) Krautkopf!

Krautkopf (sich umwendend und Gluthammers Gesicht erblickend) Was is das für ein Kopf –!?

Gluthammer (sich aus den Getreidegarben herauswühlend) Der meinige –!

Krautkopf (staunend) Gluthammer

Gluthammer Ein Kopf, den 's Gericht gleich beim Kopf nehmen wird – Brüderl, versteck' mich! (Sinkt an Krautkopfs Brust.)

Krautkopf Ich hab' glaubt, du bist ersoffen!

Gluthammer Nicht ich, der Herr von Lips.

Krautkopf Ich hab' glaubt, alle zwei.

Gluthammer 's Gericht weiß das besser, man forscht mir nach – in jedem Dorf hab' ich einen Wachter g'sehn. (Aufschreiend.) Ha, sie kommen – Rettung –! Verschluf –!

Krautkopf (erschrocken) Wer –? Wo –? Es is ja nix!

Gluthammer (sich erholend) Nein, es is nix – mir war nur so –

Krautkopf Ich bin erschrocken, daß ich keinen Tropfen Blut gäbet.

Gluthammer So erschreck' ich schon seit acht Täg! – Wie ich herausg'schwommen bin, bin ich ins Gebüsch gekrochen, die Lipsische Dienerschaft is an mir vorbei mit den Worten: »Er is tot, er is tot!« – Seitdem is das ganze Land mit Wachtern übersät – man forscht – man spürt – ich glaub' sogar, das Unglaublichste is geschehn –

Krautkopf Was denn?

Gluthammer Man hat einen Preis auf meinen Kopf gesetzt.

Krautkopf Ah, 's Gericht wirft 's Geld nicht so hinaus. Aus welchem Grund sollten sie denn glauben, daß du mit Vorsatz –

Gluthammer Ich bin Schlosser, ich muß verstehn, was ein unangenageltes Geländer is. (Aufschreiend.) Ha – da sind sie –! Stricke – Ketten! Zurück! Zurück! (Umfaßt Krautkopf krampfhaft.)

Krautkopf (erschrocken) Wer –? Wo –?

Gluthammer (sich erholend) Es is nix – mir war nur so –

Krautkopf Ich krieg' völlig 's Herzklopfen – hörst, wenn du mich nochmal so erschreckst –

Gluthammer Brüderl, du hast keinen Begriff, was das is, wenn man nix als Wachter in Kopf hat.

Krautkopf Wo hast dich denn aufgehalten, was hast denn g'macht in die acht Täg?

Gluthammer (seufzend) Ich hab' ein sehr freies Leben geführt, aber ganz ohne Wonne, der Wald war mein Nachtquartier, der Mond war meine Sonne – (heftig zusammenfahrend) ha –!!

Krautkopf (ebenfalls zusammenfahrend) Was?

Gluthammer (aufatmend) Nix! – Gestern abend bin ich in diese Gegend kommen, du warst nicht z' Haus, so hab' ich mich da in deinem Stadl ins Getreid' verkrochen, bin eing'schlafen, mir hat von nix als Gericht geträumt, man hat mich verhört, man hat die Bank bringen lassen – da hat mich 's Dreschen aufg'weckt.

Krautkopf Und was soll denn jetzt g'schehn?

Gluthammer Brüderl, versteck' mich!

Krautkopf (ängstlich) Wenn aber –

Gluthammer Und wenn's dein Tod wär', du bist mein Freund, du mußt mich verstecken!

Krautkopf Wenn ich nur wüßt', wo – ich muß erst derweil – übermorgen wird gebacken – ich versteck' dich in die Backstub'n. Komm!

Gluthammer Gut, schieb' mich in Backofen hinein! Wenn s' ihn auch heizen, ich rühr' mich nit. Alles eher, nur kein Gericht, nur kein – (heftig aufschreiend) ah!! Ha, dort – Schergen Hochgericht – Rad!! (Klammert sich in großer Angst an Krautkopf.)

Krautkopf (sich von ihm losmachend) Du bist ja narrisch. Wie kommt denn auf mein' Traidboden a Hochgericht –?

Gluthammer (vergeblich bemüht, sich zu sammeln) Siehst es, diese Anwandlungen wandeln immer mit mir auf der Flucht. – Die Knie schnappen z'samm', (matt) ich schnapp' auf (Sinkt.)

Krautkopf (ihn im Zusammensinken auffangend) So wart' nur, bis wir in der Backstuben sind.

Gluthammer (sehr matt) Schlepp' mich, Brüderl – du bist mein Freund – du mußt mich schleppen.

Krautkopf (indem er mühsam Gluthammer in die Seitentüre rechts hineinzieht) Das is a gute Kommission – ich weiß mich nicht aus – au weh, mein Kopf!

(Beide Seite rechts ab; es wird nicht abgeräumt, Tisch und Stühle bleiben in der Verwandlung stehen, die Seitentüren bleiben in der Verwandlung ebenfalls stehen. Verwandlung fällt vor. Die Bühne stellt eine Stube in Krautkopfs Pachthof vor. Mitteltüre, Seitentüren, Tisch und Stühle von früher. Rechts changiert ein Kasten heraus, links im Hintergrunde ein Bett, welches mit Vorhängen ganz geschlossen ist, im Kasten ist eine große Flasche Wein, ein kälberner Schlegel, eine Laterne, Feuerzeug und Brot.)

Sechste Szene

Kathi (allein)

(Aus Mitteltüre kommend, bringt Milch und Brot.)

Kathi Da hab' ich ihm sein Frühstück gericht't, so gut als wir's halt haben auf 'n Land. (Stellt das Mitgebrachte in einen Schrank rechts.) Jetzt muß ich nur g'schwind hier, weil der Vetter Krautkopf g'schafft hat – mir geht alles so g'schwind von der Hand, ich leb' neu auf, weil mein Herr Göd nicht mehr tot is. Wenn ich ihm nur –

Siebente Szene

Krautkopf; die Vorige

Krautkopf (aus der Seitentüre links kommend und in dieselbe zurücksprechend) Bleib nur ruhig, ich werd' dir gleich – (bemerkt Kathi) was machst denn du da?

Kathi Ich mach' Ordnung.

Krautkopf Ich brauch' keine Ordnung. Hinaus, geh dem neuen Knecht entgegen, schau, wo er bleibt.

Kathi (halb für sich) O, das lass' ich mir nicht zweimal sagen. (Geht zur Mitteltüre ab.)

Achte Szene

Krautkopf; dann Gluthammer (inner der Szene)

Krautkopf (allein, indem er zu einem Schranke rechts gebt) Das is a Verlegenheit mit dem Gluthammer! Wenn er nur nicht mein Freund wär', ich werfet ihn für mein Leb'n gern hinaus, aber –

Gluthammer (von innen links) Was z' essen, Freund! Was z' essen!

Krautkopf Gleich, Brüderl, gleich! (Hat aus dem Schranke eine Schüssel mit den Überresten eines Kalbsschlegels und ein Stück Brot genommen und eilt damit in die Seitentüre links ab, spricht dann inner der Szene) So, da stopf' dir 's Maul! (Aus der Türe herauskommend und noch zurücksprechend.) Und verhalt dich still, bis ich wiederkomm'. (Macht die Türe zu. Ängstlich, für sich.) Wann das verraten wurd', daß ich mich untersteh' und einen Unterstandgeber mach' –

Gluthammer (von innen) Was z' trinken, Brüderl! Was z' trinken!

Krautkopf Gleich, Freund, gleich! Schrei nur nicht so! (Eilt zum Schranke rechts, wie früher, und nimmt eine große Flasche Wein heraus.) Macht der a Spektakel, als wenn er schon verdursten müßt'! (Eilt in die Seitentüre links ab, spricht inner der Szene.) Jetzt iß und trink und gibt mir einmal ein' Ruh'! (Tritt wieder aus der Türe, in welche er noch zurückspricht.) Meine Leute merken's ja sonst. (Macht die Türe zu.) Das is ein Kerl, mein Freund, so eine Einquartierung hat mir noch g'fehlt! – Was hab' ich denn jetzt –? Ich werd' ganz konfus.

Gluthammer (von innen) Brüderl, ein Polster! Bring' mir ein Polster!

Krautkopf (die Hände zusammenschlagend) Nein, was der alles braucht –! Gleich! (Eilt zu seinem im Hintergrunde links stehenden Bette.) Es is zum Fraiskriegen –! (Nimmt ein Polster.) Kann der nicht so auf der Ofenbank liegen? (Eilt in die Seitentüre links ab, spricht inner der Szene.) Da hast, mach' dich kommod! Wennst jetzt aber noch einen Muxer machst, (tritt wieder aus der Türe) meiner Seel', ich geh' aufs Gericht und geb' dich an. – (Schließt die Türe ab.) Ich glaub', wenn s' in einem Haus Drilling' kriegen, es is kein solches Spektakel. Ich weiß wirklich nicht – au weh, mein Kopf! (Geht zur Seitentüre rechts ab.)

Neunte Szene

Lips und Kathi

Kathi (mit Lips durch die Mitte eintretend) Ich kann mir's denken, daß Euer Gnaden müd' sind; wer g'wohnt is, in Equipagen z' fahr'n und nur auf Teppich' zu gehn –

Lips Wenn ich nur die Dichter, die die Wiesen einen Blumenteppich, die den Rasen rasenderweise ein schwellendes grünes Sammetkissen nennen – wenn ich nur die a drei Stund' lang barfuß herum jagen könnt' in der so vielfältig und zugleich so einfältig angeverselten Landnatur – ich gebet was drum.

Kathi (Milch und Brot aus dem Schrank rechts bringend und auf den Tisch rechts setzend) Um so besser, hoff' ich, wird Ihnen 's Fruhstuck schmecken.

Lips Was servierst du mir denn da?

Kathi Brot und Milch.

Lips Kipfeln habts ihr nicht?

Kathi Das is unser schönstes Brot.

Lips Und euer einziger Kaffee besteht in Milich? Wenigstens hat man keine Wallungen zu riskieren. Frische Beeren und kristallhelles Quellwasser ging' jetzt noch ab.

Kathi Ich wär' glücklich, wenn ich Euer Gnaden alle Leckerbissen der Erde vorsetzen könnt', aber –

Lips Du liebe Kathi, du bist so eine liebe Kathi, daß mir dieses Fruhstück, von deiner Hand gereicht, zum allerleckersten Leckerbissen wird.

Kathi Nein, nein, das Leben hier muß Ihnen schrecklich sein.

Lips Na, so viel merk' ich wohl, daß's mir früher zu gut gangen is und daß nur diese Einförmigkeit des beständigen Gutgehens die Sehnsucht nach besonderer Gemütsaufregung in mir erzeugt hat. Jetzt geht's aber schon acht Tag' so, und acht Tag' Aufregung wäre genug Aufregerei; und jetzt hab' ich erst noch eine ganze aufgeregte Zukunft zu erwarten. Und dann is noch was – noch was –

Kathi (teilnehmend) Was denn? Sag'n S' mir alles, Herr Göd!

Lips O du liebe Kathi, du kommst mir allweil lieber vor! (Will sie ans Herz drücken.)

Kathi Aber, Göd –

Lips Gleich a Milich drauf, das kühlt. (Frühstückt gierig und spricht währenddem weiter.) Was mir außerdem is, das kannst du gar nicht beurteilen. Nicht wahr, du hast noch niemanden umgebracht?

Kathi Was fallt Ihnen nicht noch ein!

Lips Na, wenn sich zum Beispiel einer aus Lieb' zu dir was angetan hätt', wärst du seine indirekte Mörderin, Todgeberin par distance.

Kathi Gott sei Dank, so eine grimmige Schönheit bin ich nicht.

Lips O Kathi! Du weißt gar nicht, was du für eine liebe Kathi bist! (Umfaßt sie.)

Kathi (sich losmachend) O, gehn S' doch –

Lips Gleich wieder a Milich drauf! (Trinkt.) So, jetzt bin ich wieder ein braves Bubi. – Daß ich dir also sag', ich hab' Visionen.

Kathi Die Krankheit kennen wir nicht auf 'n Land.

Lips Das sind Phantasiegespinste, in den Hohlgängen des Gehirns erzeugt, die manchmal heraustreten aus uns, sich krampusartig aufstellen auf dem Niklomarkt der Einsamkeit erloschne Augen rollen, leblose Zähne fletschen und mit drohender Knochenhand aufreiben zu modrigen Grabesohrfeigen, das is Vision.

Kathi Nein, was die Stadtleut' für Zuständ' haben –

Lips Wenn's finster wird, seh' ich weiße Gestalten –

Kathi Wie is das möglich? Bei der Nacht sind ja alle Küh' schwarz.

Lips Und 's is eigentlich eine Ochserei von mir, hab' ich ihn denn absichtlich ertränkt? Nein! Und doch allweil der schneeweiße Schlossergeist! – Du machst dir keine Vorstellung, wie schauerlich ein weißer Schlosser is.

Kathi So was müssen S' Ihnen aus 'n Sinn schlagen.

Lips Selbst diese Milch erinnert mich – wenn s' nur a bisserl kaffeebraun wär'- aber weiß is mein Abscheu. (Stoßt die Milchschüssel von sich, daß einiges davon auf den Tisch herausläuft.)

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