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Der Zerrissene

Johann Nestroy: Der Zerrissene - Kapitel 5
Quellenangabe
typecomedy
booktitleNestroy Komödien
authorJohann Nepomuk Nestroy
year1995
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-33442-4
titleDer Zerrissene
pages313-378
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Vierzehnte Szene

Kathi; Madame Schleyer, Stifler, Sporner, Wixer (treten Seite links durch die Glastüre ein)

Kathi Gott, was hab' ich getan? Ich hab' mein' Herrn Göden verraten! Ich bin eine unglückselige Person –

Stifler (mit Mathilde, Sporner und Wixer zur kleinen Glastüre Seite links aus dem Garten eintretend) Kommen Sie, liebenswürdige Mathilde, die Abendluft ist kühl.

Wixer Auf unsern Freund seine Braut müssen wir ja weiter nit schaun!

Madame Schleyer Zu gütig, meine Herren!

Kathi (welche erst ängstlich nach der Mitteltüre links gelaufen, läuft jetzt Mitte rechts an die Türe, welche in den Speisesalon führt, und ruft an der zugemachten Türe) Herr Göd –! Lieber gnädiger Herr Göd!!

Stifler Was macht denn das Geschöpf für einen heillosen Rumor?

Kathi Ach, meine Herren, ich muß mit mein' Herrn Göden sprechen, und das an der Stell'!

Stifler Das geht jetzt nicht an!

Madame Schleyer Geh, Kind, geh und komm ein andersmal!

Kathi O Madame, ich muß!

Madame Schleyer (ungeduldig und gebieterisch) Ein andersmal, hab' ich gesagt! Und jetzt bitt' ich mir's aus – (zeigt nach der Türe Mitte links).

Stifler (zu Madame Schleyer) Ärgern Sie sich nicht!

Kathi (eingeschüchtert, für sich, indem sie sich rückwärts nach der Türe zieht) Der alte Bediente muß ihn warnen – den muß ich schaun, daß ich find'. (Eilt in die Mitte links ab.)

Fünfzehnte Szene

Die Vorigen ohne Kathi

Stifler Wir bringen also heute noch der baldigen Gebieterin dieses Hauses ein Lebehoch.

Madame Schleyer Meine Herren, Ihre Huldigung erfreut mich unendlich, und ich werde Ihnen stets eine freundliche Hauswirtin sein.

Wixer Wirtin, das is das echte Wort.

Madame Schleyer Wir wollen einen kleinen, aber um so fröhlicheren Zirkel bilden.

Wixer Das is das Wahre. Klein muß a G'sellschaft sein, aber honett, nacher is's a Passion.

Stifler Jetzt lassen wir aber Freund Lips nicht länger schmachten.

Madame Schleyer Nicht wahr, die Viertelstund' is schon vorbei?

(Zwei Bediente treten, jeder mit zwei angezündeten Armleuchtern, zur Mitte links ein und stellen jeder einen davon auf den Tisch rechts und links. In den Kulissen Tag, im Hintergrunde bleibt es Nacht.)

Stifler (zu Madame Schleyer) Erlauben Sie mir, daß ich ihm sein Glück verkünde. (Er öffnet Mitte rechts die Türe nach dem Speisesalon, und man sieht Lips auf einem Diwan ausgestreckt liegen und schlafen.) Er schlaft –!?

(Die zwei Bedienten, welche die beiden andern Armleuchter nach dem Speisezimmer tragen wollten, haben sich in dem Moment der Türe genähert, als Stifler selbst öffnete, so daß sie unwillkürlich den schlafenden Lips beleuchten.)

Sporner und Wixer (erstaunt) Er schlaft –!?

Madame Schleyer (überrascht und ihren Ärger kaum bezwingend) Er schlaft! – Das is etwas stark –

Stifler Ohne Zweifel hat ihn infolge der Gemütsaufregung und der eingetretenen Dunkelheit ein leiser Schlummer überfallen.

(Lips schnarcht.)

Madame Schleyer Das scheint schon mehr als ein Schlummer zu sein.

Wixer Was man sagt, ein Roßschlaf.

Stifler (zu den Bedienten) Stellt nur die Lichter hinein!

(Die Bedienten stellen die Lichter in den Speisesalon.)

Madame Schleyer Lassen S' mich jetzt allein, meine Herren, mit dem – (halbleise) Murmeltier.

Stifler Gehn wir zu den übrigen ins Billardzimmer!

Wixer (indem er mit Stifler und Sporner durch Mitte rechts in den Speisesalon nach rechts ab- und an dem schlafenden Lips vorübergeht, den Bedienten, welche die Lichter in den Speisesalon gestellt, zurufend) G'schwind, Bediente, aufzünden beim Billard, eine à la guerre geht los.

(Die Bedienten folgen ihm.)

Sechzehnte Szene

Madame Schleyer, Lips

Madame Schleyer Die poltern an ihm vorbei, und er rührt sich nicht! – (Dem schlafenden Lips nähertretende.) Herr von Lips –

(Lips schnarcht sehr stark.)

Madame Schleyer (erschrocken einen Schritt zurücktretend) Nein, wie der schnarcht – wie mein Seliger – liebenswürdige Eigenschaft! (Tritt ihm näher und ruft laut.) Herr von Lips! Herr von Lips!

Lips (erwachend und aufspringend) Was gibt's –? Ah, Madame, Sie sind's – entschuldigen!

Madame Schleyer Sie schnarchen ja, daß einem die Haar' zu Berg stehn.

Lips Da bitt' ich um Vergebung, das kommt vom Träumen, ich hab' g'rad so einen g'spaßigen Traum g'habt.

Madame Schleyer Sonst is das nur bei beängstigenden Träumen der Fall, oder wenn die Trud –

Lips Mir hat von Ihnen geträumt. Sie haben mich verschmäht, haben meine Hand ausgeschlagen.

Madame Schleyer Und das is Ihnen gar so spaßig vorgekommen?

Lips Im Traume kommt einem ja alles anders vor als in der Wirklichkeit.

Madame Schleyer Träume bedeuten auch gewöhnlich das Konträre. Die Viertelstunde, die Sie mir gegeben, is vorüber und –

Lips (zerstreut) Was für eine Viertelstund'?

Madame Schleyer (pikiert) Na, die Bedenkzeit!

Lips Ah, ja so, richtig – das hätt' ich bald verschlafen. Sie verschmähen mich also nicht?

Madame Schleyer Beinahe hätten Sie's verdient; demungeachtet will ich diesmal –

Lips (im ruhigen, gleichgültigen Tone) Gnade für Recht ergehen lassen, weil – etcetera, gut! Wir wollen also, weil mein Traum nicht ausgeht, weiter träumen, das heißt, von der Zukunft diskurier'n; das is auch ein Traum, der selten ausgeht. Is Ihnen nicht gefällig, Platz zu nehmen? (Rückt einen Stuhl zurecht.)

Madame Schleyer (für sich) Is das eine Hindeutung, daß er mich sitzen lassen will?

Lips (sich setzend, ohne in der Zerstreuung zu bemerken, daß Madame Schleyer sich nicht setzt) Bis wann glauben Sie also, daß unsere Verlobung –?

Madame Schleyer Hm! Da eben Gäste, folglich auch Zeugen anwesend sind, so meinet ich – heut' abends.

Siebzehnte Szene

Gluthammer; die Vorigen

Gluthammer (tritt, von beiden unbemerkt, zur Mitteltüre links ein und bleibt, im Hintergrunde lauschend, in heftiger Aufregung stehen, für sich) Sie is's!! – Das Lamm steht vor dem Opferer.

Lips Und bis wann meinen Sie die Hochzeit?

Madame Schleyer Ich glaub', das wär' wohl an Ihnen, den Tag zu bestimmen.

Gluthammer (betroffen, für sich) Was? Dem Lamm is's recht, wann's dem Opferer gefällig is.

Lips So können wir also in sechs Wochen ein Paar sein.

Madame Schleyer (beleidigt) Sechs Wochen?! – Ich glaub', wenn die Braut in einer Viertelstund' den Entschluß faßt, so könnt' der Bräutigam doch längstens in acht Tagen mit die Anstalten fertig sein.

Gluthammer (furchtbar enttäuscht) Wie g'schieht mir denn? 's Lamm kann's nicht erwarten, bis's geopfert wird –!?

Lips (mit forcierter Laune) Acht Tag', sagen Sie? Zu was? Das wär' traurig, wenn man einen Geniestreich nicht in vierundzwanzig Stund' zusamm'brächt'. Morgen muß die Hochzeit sein.

Gluthammer (vorstürzend) Und heut' noch is die Leich'!

Lips (erstaunt) Was will denn –?

Madame Schleyer (aufschreiend) Ah! Der Gluthammer! (Hält sich an einen Stuhl.)

Gluthammer Ja, Elende, der Gluthammer in der furchtbarsten Hitz'!

Lips Und sie erstarret zu Eis!

Gluthammer (wütend zu Lips) Mach' dein Testament, Glückzerstörer! Seligkeitsvernichter!

Madame Schleyer Ich bin verloren! –

Lips Für mich keineswegs. Glauben Sie, dieses schmutzige Verhältnis (auf Gluthammer deutend) schreckt mich ab? Glauben Sie denn, ich hab' Ihnen für eine reine Seele gehalten? Eine Narrheit will ich begehn, und ich sehe immer mehr und mehr, ich hätte keine würdigere Wahl treffen können. (Schließt sie in seine Arme.)

Gluthammer (grimmig) Ha, dieser Anblick

Madame Schleyer (zu Lips) Rufen S' Ihre Bedienten!

Lips Zu was? Ich krieg' selbst einen Gusto, eine alte Gymnastik regt sich in mir.

Gluthammer (sein Schurzfell aufrollend, zu Lips) Heraus, wennst Courage hast!

Lips (zu Gluthammer) Prahlhans, ich bin ein g'lernter Boxer. (Zieht den Rock aus.)

Gluthammer (die Fäuste ballend) A solche Lektion hast aber sicher noch keine kriegt. (Beide stürzen aufeinander los und ringen.)

Madame Schleyer (während dem Kampf) Aber Herr von Lips – geben Sie sich nicht ab – (ängstlich) zu Hilf'! Bediente!

Gluthammer (im Ringen zu Lips, den er gegen die Mitte links gedrängt) Dir hilft kein Bedienter mehr!

Lips (indem er seine Kraft zusammennimmt) Ich will dir zeigen, daß ich keinen brauch'. (Drängt Gluthammer in die Mitte links zur Türe hinaus.)

Madame Schleyer (ängstlich) Is denn niemand da?

Gluthammer (Mitte links zurückkommend) Ich bin wieder da!

Lips Noch keine Ruh'? Na, wart' – Kerl, g'freut' dich! (Stürzt ihm entgegen und beide kommen, indem sie ringen, in die Nähe der Balkontüre, die offensteht; unwillkürlich drängt einer den andern hinaus auf den Balkon. Beide stürzen während eines Schreckensrufes, indem sie sich umklammert halten, samt dem noch nicht festgemachten Eisengitter über den Balkon hinab.)

Madame Schleyer (laut aufschreiend) Ah –!! Er is des Todes! (Stürzt zum Balkon.) Himmel –! Ins Wasser! – Rettung! Tod! Hilf'!

Achtzehnte Szene

Madame Schleyer, Stifler, Sporner, Wixer, mehrere Herren (aus Mitte rechts). Anton, Christian, Josef (aus Mitte links)

Stifler (mit den übrigen eilig und in ängstlicher Verwirrung aus der Türe des Speisesalons kommend) 's ist nicht möglich!

Wixer Vom Billardzimmer hat man's deutlich g'sehn.

Madame Schleyer In Abgrund g'stürzt, alle zwei –! (Sinkt auf einen Stuhl links.)

Stifler Der Mörder mit?

Wixer Nur g'schwind, Schinakeln, Schiffleut'! (Mitte links ab.)

Die Herren Ja, Schiffleute! Stricke! Stangen! (Eilen mit den Bedienten zur Mitte links ab.)

Neunzehnte Szene

Madame Schleyer, Stifler, Sporner

Stifler Erholen Sie sich, schöne Frau!

Madame Schleyer Das is zuviel! Vor zwei Minuten haben noch zwei Männer um mich g'rauft, und jetzt macht mich ein zweifacher Tod zur dreifachen Witib.

Stifler Beruhigen Sie sich, Herr von Lips muß gerettet werden. (Zu Sporner.) Sie könnten sich auch ein wenig tätiger annehmen!

Sporner (ganz ruhig) Goddam!

Stifler Damit ist ihm nicht geholfen.

Zwanzigste Szene

Wixer (mit mehreren Herren durch die Mitte links eintretend); Die Vorigen

Wixer Beim Mondschein hat man einen Kopf ober'n Wasser g'sehn, sie rudern schon nach.

Stifler Treten wir auf den Balkon.

Die Herren Von hier kann man's sehen.

(Alle, auch Madame Schleyer, drängen sich auf den Balkon.)

Wixer Dort – sehn S' –

Alle Wo? Wo?

Wixer Dort! Sieht man nix mehr?

Die Herren Da ist keine Rettung!

Stifler Offenbar Mord –!

Wixer Ein Glück für 'n Mörder, wann er auch ersoffen is.

Einundzwanzigste Szene

Lips und die Vorigen (auf dem Balkon)

Lips (ist, ohne von den Anwesenden, welche, um die Balkontüre gedrängt, ihre Blicke nach außen richten und folglich Lips den Rücken kehren, bemerkt zu werden, ganz durchnäßt zur Mitteltüre links eingetreten und hat die letzten auf dem Balkon geführten Reden gehört) Schauderhaft, er is nicht ersoffen, der Mörder lebt – lebt fürs Kriminal –! (Faßt sich verzweifelt mit beiden Händen an den Kopf.)

Die Herren (auf dem Balkon) Tot ist tot!

Lips (in größter Angst) Flucht! – Flucht! – Schleunige Flucht! (Eilt zur Seite links ab.)

(Im Orchester fällt passende Musik ein.)

Der Vorhang fällt.

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