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Der Zerrissene

Johann Nestroy: Der Zerrissene - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
booktitleNestroy Komödien
authorJohann Nepomuk Nestroy
year1995
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-33442-4
titleDer Zerrissene
pages313-378
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Fünfte Szene

Lips (allein)

Lips (tritt zur Mitte rechts während dem Ritornell des folgenden Liedes aus der Türe des Speisesalons auf)

Lied

1.
            Ich hab' vierzehn Anzüg', teils licht und teils dunkel,
Die Frack' und die Pantalon, alles von Gunkel,
Wer mich anschaut, dem kommet das g'wiß nicht in Sinn,
Daß ich trotz der Garderob' ein Zerrissener bin.
Mein Gemüt is zerrissen, da is alles zerstückt,
Und ein z'riss'nes Gemüt wird ein' nirgends geflickt.
Und doch – müßt' i erklär'n wem den Grund von mein' Schmerz,
So stundet ich da als wie 's Mandl beim Sterz;
Meiner Seel', 's is a fürchterlichs G'fühl,
Wenn man selber nicht weiß, was man will!
2.
Bald möcht' ich die Welt durchflieg'n, ohne zu rasten,
Bald is mir der Weg z'weit vom Bett bis zum Kasten;
Bald lad' ich mir Gäst' a paar Dutzend ins Haus,
Und wie s' da sein, so werfet ich s' gern alle h'naus.
Bald ekelt mich 's Leben an, nur 's Grab find' ich gut,
Gleich drauf möcht' ich so alt wer'n als der ewige Jud';
Bald hab' ich die Weiber alle bis daher satt,
Gleich drauf möcht' ich ein Türk' sein, der s' hundertweis' hat;
Meiner Seel', 's is a fürchterlichs G'fühl,
Wenn man selber nicht weiß', was man will!

Armut is ohne Zweifel das Schrecklichste. Mir dürft' einer zehn Millionen herlegen und sagen, ich soll arm sein dafür, ich nehmet s' nicht. Und was schaut anderseits beim Reichtum heraus? Auch wieder ein ödes, abgeschmacktes Leben. Langweile heißt die enorm horrible Göttin, die gerade die Reichen zu ihrem Priestertum verdammt, Palais heißt ihr Tempel, Salon ihr Opferaltar, das laute Gamezen und das unterdrückte Gähnen ganzer Gesellschaften ist der Choral und die stille Andacht, mit der man sie verehrt. – Wenn einem kleinen Buben nix fehlt und er is grantig, so gibt man ihm a paar Braker, und 's is gut. Vielleicht helfet das bei mir auch, aber bei einem Bub'n in meinem Alter müßten die Schläg' vom Schicksal ausgehn, und von da hab' ich nix zu riskier'n; meine Gelder liegen sicher, meine Häuser sind assekuriert, meine Realitäten sind nicht zum Stehlen – ich bin der einzige in meiner Familie, folglich kann mir kein teurer Angehöriger sterben, außer ich selber, und um mich werd' ich mir auch die Haar' nicht ausreißen, wenn ich einmal weg bin – für mich is also keine Hoffnung auf Aufrieglung, auf Impuls. – Jetzt hab' ich Tafel g'habt – wenn ich nur wüßt', wie ich bis zu der nächsten Tafel die Zeit verbring'! – Mit Liebesabenteuer? – Mit Spiel –? Das Spielen is nix für einen Reichen; wem 's Verlier'n nicht mehr weh tut, dem macht 's Gewinnen auch ka Freud'! – Abenteuer –? Da muß ich lachen! Für einen Reichen existieren keine Liebesabenteuer. Können wir wo einsteigen? Nein, sie machen uns so überall Tür und Tor auf! – Werden wir über a Stieg'n g'worfen? Nein, Stubenmädl und Bediente leuchten uns respektvoll hinab. Werden auf uns Sulteln gehetzt? Wird was hinabg'schütt't auf uns? Nein, Papa und Mama bitten uns, daß wir ihr Haus bald wieder beehren. – Und selbst die Eh'männer – sind auch meistens gute Leut'. Wie selten kommt eine Spanische-Rohr-Rache ins Spiel? Die korsische Blutrache liegt gar ganz in Talon. Wann hört man denn, daß ein Eh'mann einen Kugelstutzen nimmt und unsereinem nachschießt? Ja, anreden tun s' ein', daß man ihnen was vorschießt. (Deutet Geldgeben.) Das is die ganze Rache! Wo sollen da die Abenteuer herkommen? Man is und bleibt schon auf fade Alletagsgenüsse reduziert, die man mit Hilfe der Freundschaft hinunterwürgt. Das is noch das Schönste, über Mangel an Freunden darf sich der Reiche nicht beklagen. Freunde hab' ich und das, was für Freunde! Den warmen Anteil, den sie nehmen, wenn s' bei mir essen, das heiße Mitgefühl, wenn s' mit mir z'gleich einen Punschdusel kriegen, und die treue Anhänglichkeit! Ob einer zum Losbringen wär'! – Keine Möglichkeit! Ich bin wirklich ein beneidenswerter Kerl, nur schad', daß ich mich selber gar nicht beneid'! –

Sechste Szene

Stifler, Sporner, Wixer (kommen aus der Mitte rechts); der Vorige

Stifler (zu Lips) Aber, Herr Bruder, sag' doch, was ist's mit dir? Die Gesellschaft wird immer lauter, du wirst immer stiller, alle Gesichter verklären sich, das deine verdüstert sich, endlich lassest du uns ganz in Stich –

Wixer Sein auch richtig alle ang'stochen!

Stifler (zu Lips) Es herrscht eine allgemeine Bestürzung unter den Gästen, weil sie dich nicht sehn.

Lips Sie sollen sich trösten, früher haben s' mich alle doppelt g'sehn, also gleicht sich das wieder aus.

Wixer Wenn s' sehn, du kommst nicht, so verlier'n sie sich halt schön stad, die Anhänglichkeit, die wir haben, die kann man nicht prätendieren von so gewöhnliche Tischfreund'.

Lips Freilich!

Wixer Bist du lustig, ist's recht, bist du traurig, sind wir auch da und essen stumm in uns hinein, das heißt Ausdauer im Unglück!

Stifler, Sporner Auf uns kannst du zählen!

Lips An euch drei hab' ich wirklich einen Terno g'macht.

Stifler Komm, trink noch ein Glas Champagner mit uns!

Lips Ich hab' keine Freud' mehr dran. Wie ich noch zwanzig Jahr' alt war, damals ja – aber jetzt!

Stifler Ich finde jetzt alles am schönsten.

Lips Ja, wenn man so jung is als wie du!

Stifler Nu, gar so jung – ich bin wohl erst im Vierundfünfzigsten.

Lips Ich aber schon im Achtunddreißigsten!

Stifler Das schmeckt ja noch nach dem Flügelkleide!

Lips Und doch schon Matthäi am letzten!

Stifler Laß dir nichts träumen!

Lips Eben die Träum' verraten mir's, daß es auf die Neig' geht, ich mein', die wachen Träum', die jeder Mensch hat. Bestehen diese Träum' in Hoffnungen, so is man jung, bestehen sie in Erinnerungen, so is man alt. Ich hoff' nix mehr und erinnere mich an vieles, ergo: alt, uralt, Greis, Tatl!

Wixer Du mußt dich zerstreuen.

Lips Das is leicht g'sagt, aber mit was?

Wixer Wir begleiten dich, geh auf Reisen!

Lips Um zu sehn, daß es überall so fad is als hier?

Stifler Nein, er meint Naturgenuß, Alpen, Vulkane, Katarakte –

Lips Sag' mir ein Land, wo ich was Neues seh'; wo der Wasserfall einen andern Brauser, der Waldbach einen andern Murmler, die Wiesenquelle einen andern Schlängler hat, als ich schon hundertmal g'sehn und gehört hab'! – Führ' mich auf einen Gletscher mit schwarzem Schnee und glühenden Eiszapfen, segeln wir in einen Weltteil, wo das Waldesgrün lilafarb, wo die Morgenröte paperlgrün is! – Laßts mich aus', die Natur kränkelt auch an einer unerträglichen Stereotypigkeit.

Wixer (zu Sporner) Gib ihm doch auch einen Rat, du Engländer ex propriis.

Sporner Ich sage: Pferde, nichts als Pferde! (Zu Lips.) Halte dir zehn bis fünfzehn Stück Vollblut, verschreibe dir Jockeis, besuche alle Wettrennen, und du wirst ganz umgewandelt!

Lips Am End' gar selbst zum Roß! Nein, Freund', ich reit' gern aus zur Bewegung, ich fahr' gern aus zur Bequemlichkeit, und meine Pferd' hab'n g'wiß nix Fiakrisches an sich – aber wie man alle seine Gedanken und Ideen bloß auf Rasse, Vollblütigkeit und Familienverhältnisse der Pferd' konzentrieren kann, dafür hab' ich keinen Sinn, so leer is weder mein Kopf noch mein Herz, daß ich Stallungen draus machen möcht –

Wixer So mach' sonst verruckte G'schichten, begeh Narrenstreich', das is auch eine Unterhaltung.

Sporner Und überdies englisch!

Lips (zu Sporner) Freund, blamier' dich nicht, du kennst die Nation schlecht, die du so mühselig kopierst, wenn du glaubst, daß die Narrheit eine englische Erfindung is. An Narren fehlt's nirgends, aber es sind meist arme Narren, folglich red't man nicht von ihnen, und dann sind's Narren, die mit einer erbärmlichen Ängstlichkeit sich in den Nimbus der G'scheitheit einhüllen! Der Engländer hat das Geld, seine narrischen Ideen zu realisieren, und hat den Mut, seine Narrheit zur Schau zu tragen; darin liegt der Unterschied, von daher stammt das Renommée.

Stifler Bruder, jetzt treff' ich das Rechte. Eins ist dir noch neu – der Eh'stand.

Lips Eh'stand? Das is, glaub' ich, wenn man heirat't? Darüber existieren so viele Beschreibungen, so viele Sagen der Vorzeit und Memoiren der Gegenwart – was soll ich da Neues finden?

Stifler Treffe nur eine originelle Wahl!

Lips Eine originelle Wahl? Wie is das möglich? Wähl' ich vernünftig, so haben schon Hundert' so gewählt, und wähl' ich dumm, so haben schon Millionen Leut' so gewählt; aber wenn ich – ja, freilich – (von einer Idee ergriffen) ich hab's!

Stifler und Wixer Was?

Lips Die originelle Wahl! Ich wähle ohne Wahl, ich treffe eine Wahl, ohne zu wählen.

Stifler Erkläre mir, o Örindur, diesen Zwiespalt der Natur!

Lips (mit festem Entschluß) Das erste fremde Frauenzimmer, welches mir heut' begegnet, wird meine Frau!

Stifler Bist du toll –?

Wixer (zugleich) Laß nach –!

Lips Schön oder wild, gut oder bös, jung oder alt – alles eins – ich heirat' sie!

Sporner Das ist echt englisch!

Stifler Wenn aber – setzen wir den Fall –

Lips (in heiterer Stimmung) Kein Aber, kein positus! Unbedingt die erste, die mir begegnet! Ich sag' euch, Freunde, ich g'spür' jetzt schon die heilsame Wirkung von diesem Entschluß, die Spannung, die Neugierd', wer wird die erste sein?

Siebente Szene

Anton; die Vorigen

Anton (zur Mitte links eintretend, meldend, zu Lips) Die Frau von Schleyer wünscht ihre Aufwartung zu machen.

Lips Schicksal, du hast gut pausiert, du fallst a tempo ein!

Anton Sie hat g'sagt, sie möchte unbekannterweis' die Ehre haben.

Stifler Wer ist sie denn, diese Unbekannte?

Wixer Sollt' mich wundern, wenn ich s' nit kenn'.

Anton Sie hat heraußt ihre Sommerwohnung in der Feldgassen –

Lips Das is egal, nur herein, sie is willkommen!

Anton Sehr wohl! (Geht nach der Türe Mitte links.)

Lips (Anton nachrufend) Halt, du mußt erst fragen, ob sie Witwe is.

Anton Sehr wohl!

Lips Wohlgemerkt, nur im Witwenfall wird sie vorgelassen.

Anton Sehr wohl! (Geht zur Mitte links ab.)

Achte Szene

Die Vorigen ohne Anton

Lips (in sehr aufgeregter Stimmung) Brüderln, was sagt ihr dazu?

Stifler Die Sache spielt sich ins Verhängnisvolle hinüber.

Lips (nach dem Garten sehend) Am End' – richtig – sie kommt – sie is also Witwe!

Stifler Meiner Seele –!

Lips Gehts jetzt, meine Freunde, laßt mich mit meiner Zukünftigen allein!

Stifler Du wirst doch nicht des Teufels sein?

Lips Vielleicht auch des Engels, das muß sich erst zeigen, aber der ihrige werd' ich auf alle Fäll'.

Sporner Goddam!

Wixer (zu Sporner) Das is ein guter Rat.

Stifler Promenieren wir ein wenig durch den Garten! (Geht mit Sporner und Wixer durch die kleine Glastüre links nach dem Garten ab.)

Lips (allein) Das is Aufregung, so ein Moment reißt ei'm die Schlafhauben vom Kopf, das is Senf für das alltägliche Rindfleisch des Lebens.

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