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Der Zerrissene

Johann Nestroy: Der Zerrissene - Kapitel 10
Quellenangabe
typecomedy
booktitleNestroy Komödien
authorJohann Nepomuk Nestroy
year1995
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-33442-4
titleDer Zerrissene
pages313-378
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Sechste Szene

Lips; die Vorige

Lips (zur Seitentüre links eintretend, für sich, ohne Kathi zu bemerken) Dableiben mag ich nit und fort kann ich nit, das ist die schönste Lag' –

Kathi Herr Göd! Na endlich

Lips (betroffen) Du bist da –?

Kathi O, Herr Göd! Das war g'scheit von Ihnen, daß Sie Ihre habsüchtigen Freund' enterbt haben.

Lips (frostig) Na, wann du's nur g'scheit find'st, das is ja sehr schmeichelhaft für mich.

Kathi (ohne seinen veränderten Ton zu bemerken) Jetzt muß ich Ihnen gleich meinen Plan anvertraun.

Lips (wie oben) Hast recht, zieh mich ins Vertrauen, vertrau mir's halt an, daß der Vetter Krautkopf noch halbwegs ein Mann is, den man halb aus Neigung, halb aus Dankbarkeit für ein' ganzen nehmen kann, und weil halt – und da schon einmal – und etc.! Warum traust dich denn nit heraus mit 'n Vertraun?

Kathi (befremdet) Aber, Herr Göd, wer sagt Ihnen denn, daß ich den Vettern will? Ich betracht' den Vettern als einen Vater, weil ich keinen Vater, sondern nur einen Vetter hab'.

Lips Also haben wir eine jugendliche Inklination? Nur anvertraut, schenk' mir das gar angenehme Vertraun! Unter welchem Militär steckt er, wo muß er los'kauft wer'n? Du bist Erbin, 's Vermögen is da! Oder is er desertiert, willst ihm nach? Heirat' mit Namensveränderung in der Schweiz, oder ohne Namensveränderung Vereinigung in die Vereinigten Staaten! 's geht alls, 's Vermögen is da!

Kathi Sie glauben also, ich bin in einen jungen lüftigen Purschen verliebt? (Sieht Lips an und schüttelt verneinend den Kopf.)

Lips Also in kein' Alten und in kein' Jungen? Du hast aber doch g'sagt, du hast einen Plan.

Kathi O, einen Plan hab' ich freilich. Ich nehm' all Ihr bares Geld, verkauf' Ihre Häuser, Ihre Güter und petschier' das Ganze ein in einen großmächtigen Brief, den schick' ich Ihnen dann nach, daß's Ihnen recht gut geht in Ausland – das is mein Plan.

Lips (in freudiger Verwunderung) Kathi –! Das wolltest du –!? Aber (sich mäßigend) wen heirat'st denn hernach?

Kathi Niemand.

Lips Also g'fallt dir gar keiner –!?

(Kathi will sprechen, unterdrückt aber, was sie sagen wollte, und schweigt gedankenvoll.)

Lips Hat denn die ganze Welt ein Bulldoggmaul oder kommt dir unser ganzes G'schlecht kralewatschet vor?

Kathi Ich glaub' gar, Sie haben gehorcht, wie ich über Ihnen los'zogen hab'? Dann müssen S' aber auch g'merkt haben, daß das nur aus Besorgnis um Ihnen g'schehen is.

Lips (seinen Irrtum einsehend) Ja – ja – ich hab's aber nicht g'merkt.

Kathi Müssen nicht bös sein, Herr Göd, Sie merken überhaupt vieles nit.

Lips Eine Bemerkung möcht' ich für mein Leben gern machen, aber –

Kathi (schalkhaft) Welche denn zum Beispiel?

Lips (in freudiger Aufwallung) Und ich bemerk' wirklich – ein klopfendes Herz – ein' verstohlnen Blick – einen wogenden – o Gott! Ich trau' mir 'n nicht aufz'Iösen, diesen Rebus! (Seine Bewegung unterdrückend.) In meine Jahr' blamiert man sich zu leicht und verschmerzt Blamagen zu schwer. (Man hört links die später Kommenden). Was is denn das –!?

Siebente Szene

Stifler, Sporner, Wixer, die Vorigen; dann Justitiarius, Knechte

Stifler (mit Sporner und Wixer rasch zur Seitentüre links eintretend) Da is der freche Pursche –!

Wixer Der Pachter Krautkopf hat uns deine Post ausg'richt't.

Justitiarius (hereineilend) Mäßigung, meine Herrn!

Wixer (zu Lips) Jetzt wer'n wir dir eine Cachucha einstudier'n.

Sporner Unsre Reitgerten sollen die Kastagnetten sein.

Stifler (auf Lips eindringend) Infamer –! (Erkennt ihn, als er ihn eben am Kragen fassen will, und ruft, ganz starr vor Erstaunen.) Ha –!

Wixer (der ebenfalls näher getreten) Was is's? (Erkennt Lips.) Ha!

Stifler Freund Lips –?!

Sporner und Wixer Du lebst –!

Lips Ja, ich leb', meine undankbaren, heuchlerischen, jämmerlichen Freund'!

Stifler (verlegen) Verzeih –!

Sporner und Wixer (verlegen) Wir konnten nicht wissen –

Stifler Ein unbedachtes Wort –

Justitiarius (erstaunt) Lipsius redivivus! (Ihm respektvoll nähertretend.) Euer Gnaden erlauben, daß ich mich von Dero Identität überzeuge.

Lips Lassen S' mich ung'schoren! Ich will von der Welt und ihren Faxen nix mehr wissen, ich zieh' mich zurück in eine stille, reizende Verborgenheit.

Justitiarius Still kann Dero Verborgenheit allerdings werden, aber reizend –? Quod nego.

Lips Wie meinen Sie das?

Justitiarius Auf Hochdenenselben lastet die Inkulpation einer Schlosserersäufungs-Inzicht, weshalb ich mich Dero vielwerter Person versichern muß.

Lips Sie unterstehn sich –!?

Justitiarius Ich handle amtlich nach höhernortiger Instruktion.

Lips Mein Gegner is zufällig ertrunken, ich bin unschuldig.

Justitiarius Diesfalls wird Ihnen eine Beweisführung obliegen, welche nach den absichtverratenden Worten des Testamentswiderrufes, die da lauten: »Da es möglich ist, daß ich morgen mein Grab in den Wellen finde –« sich einer bedeutenden Schwierigkeit erfreuen dürfte.

Lips (sich vor die Stirn schlagend) Das hab' ich dumm g'macht – Kathi, ich bin verloren!

Justitiarius (zum Tore hinausrufend) Heda, Knechte! Leute! Famuli!

Kathi (in großer Angst um Lips) Gott, was tu' ich jetzt!?

Justitiarius (zur Seitentüre gehend) Diese Türe ist von innen zu verschließen. (Sperrt selbe zu und steckt den Schlüssel zu sich.) Die Bauern müssen von außen Wache halten.

Kathi (leise zu Lips) Sei'n S' ruhig, der Vetter Krautkopf muß Ihnen retten. (Läuft zur Türe links ab.)

Justitiarius (zu Lips) Hochdieselben werden gnädigst bemerken, daß jeder Fluchtversuch vergeblich wäre. Wir lassen den pleno titulo Gefangenen allein. (Verneigt sich tief und geht mit Stifler, Sporner und Wixer durch die Seitentüre links ab; die Knechte folgen. Man hört die Türe links von innen schließen.)

Achte Szene

Lips (allein, wie aus einem Traume erwachend)

Lips Wie g'schieht mir –? Ich war so selig – ich hab' gar nicht nachzählt, im wievielten Himmel als ich war – aber nur einen Augenblick bin ich in Wolken g'schwebt, jetzt steh' ich wieder da mit der Aussicht auf jahrelanges Sitzen. – Der Abstand is zu groß – Paradies und Untersuchung, Kathi und Kerker – Liebe und Kriminal! Das is Eiswassersturz im russischen Dampfbad des Geistes. Mich beutelt was, und weil ich allein bin, so kann's nur das Fieber sein. – 's is Abend – Licht und Wärme geht dem Übeltäter immer zugleich aus; wie's dämmert, fangt das unheimliche Frösteln an. Die Seel' eines Verbrechers is eine Nachteulen, beim Tag is sie stumpfsinnig, aber wie's dunkel wird, flattert s' auf, und mit der Finsternis wachst die Klarheit ihrer Katzenaugen – in jedem Winkel eine bleiche Gestalt. (Nachdem er sich unheimlich umgesehen, nach einer Ecke starrend.) Steht nicht dort –? Ja, er is's –!! Nein – nein , s is nix als ein Rechen, und ich hab' glaubt, es is sein Geist, der mich zur Rechenschaft zieht. – Wenn die Leut' wüßten, was das heißt, einen Schlosser ertränken, es ließ's g'wiß jeder bleiben. Mir scheint gar, d' Latern' geht mir aus. (öffnet die Laterne und geht dabei über die Mitte der Bühne.) Das ging' mir noch ab! – (Stolpert über etwas.) Stock an! – Was ist denn das? (An den Boden leuchtend.) Ein eiserner Ring –? Eisen, unheimliches Metall für den, der Anspruch auf Ketten hat! (Untersuchend.) Das is ja – (am Ring ziehend) richtig, eine Falltür' – da komm' ich in einen Keller hinab. – Da kann ich mich verstecken. – Alte Fässer – neue Erdäpfeln – vergebliche Durchforschung – Kathi um Mitternacht – vielleicht unterirdischer Gang – Rettung – Freiheit! Die ganze praktische Romantik liegt da vor meinem Blick –! (Öffnet die Falltüre in der Mitte der Bühne.) Da schaut's schauerlich aus – ah, was! Was sein muß, muß sein! (Steigt mit der Laterne hinab, im Orchester beginnt dumpfe Musik.)

Neunte Szene

Gluthammer; der Vorige

Lips (unten, stößt einen durchdringenden Schrei aus) Ah –!!

Gluthammer (unten, ebenfalls erschrocken aufschreiend) Ah –!!

Lips (unten) Höllengespenst –!

Gluthammer (unten) Satanas –!

Lips (eilig mit der Laterne ganz verstört heraufkommend) Zu Hilf'! Zu Hilf'! (Schlägt die Falltüre hinter sich zu.) Da drunt' – sein Geist – so deutlich hab' ich die Gestalt noch nie gesehn!

Gluthammer (die Falltüre von unten öffnend und heraufkommend. Nur bis an die Brust sichtbar; er ist in Krautkopfs Bettdecke eingehüllt und hat die Schlafhaube auf. In großer Angst) Sein Geist verfolgt mich – Luft – Luft!

Lips Der Schatten steigt herauf – hinab mit dir! (Läuft mit dem Mute der Desperation auf die Falltüre zu und tritt dieselbe mit den Füßen nieder.) Wart', Abgrund! Ich werd' dich lernen, Kobolde heraufschicken! – (Schwer aufatmend.) Haben wir auf der Oberfläche nicht so schon Schauerliches in Überfluß –?

Gluthammer (erscheint wie früher, aber unter der Falltüre links) Mich bringt die Angst um! –

Lips (entsetzt) Dort wieder –!? Höllisches Gaukelspiel –! (Eilt wie früher darauf los und tritt die Falltüre zu.) Ich hab' ja nur einen umgebracht, (kleinlaut werdend) zu was diese gräßliche Multiplikation!?

Gluthammer (erscheint wie früher unter der Falltüre, aber in der Mitte der Bühne) Ich muß herauf –

Lips (außer sich) Hinab mit dir! Was tot is, g'hört unter die Erd'! (Wirft sich mit ausgebreiteten Armen auf die Falltüre nieder, drückt dieselbe auf diese Art zu und Gluthammer wieder hinab.) Der ganze Erdboden is unterminiert, die Schlosser schießen wie d' Spargel in d' Höh'! Das halt' aus, wer will! (Will sich mühsam aufraffen.) Meine Knie – meine Sinne – meine Kraft – ich bin tot! (Sinkt wieder zusammen.)

(Man hört einen zahlreichen Jubelruf von innen: »Es lebe der gnädige Herr!«)

(Hier endet die Musikbegleitung.)

Lips (auffahrend) Was war das –!?

(Ruf von innen: »Es lebe der gnädige Herr!!«)

Lips (matt) Ich soll leben!? – Dummköpf', ich hab' keine Zeit, ich bin grad mit 'n Tod beschäftigt! (Rafft sich mühsam auf. Man hört die Türe Seite links öffnen.)

Zehnte Szene

Krautkopf, Justitiarius, Stifler, Sporner, Wixer, Kathi, mehrere Bauern kommen mit; Der Vorige ohne Gluthammer (Alle eilen Seite links herein, der Justitiarius zuletzt.)

Krautkopf (in freudiger Verwirrung) Hab' ich ein' Kopf? Hab' ich kein'?! Hab' ich ein' gnädigen Herrn, hab' ich kein'?!

Kathi (auf Lips zeigend) Da is er!

Justitiarius (zu Krautkopf) Wie kann Er die Leute zu Vivatrufen alarmieren?

Krautkopf (ohne auf den Justitiarius zu hören) Und ich verworfener Grobian – erlauben mir Euer Gnaden, Ihnen im zerknirschtesten Triumph aufs Schloß zu tragen.

Justitiarius (zwischen Lips und Krautkopf tretend) Halt! Ihre Gnaden gehören der Justiz.

Krautkopf Er ist unschuldig, das werd' ich gleich beweisen.

Justitiarius Der Schlosser ist einmal tot!

Elfte Szene

Gluthammer; die Vorigen

Gluthammer (hat die Falltür rechts von unten aufgehoben und kommt herauf) Wer hat Ihnen denn das gesagt? Der gnädige Herr ist tot!

Krautkopf Wer hat dir denn das g'sagt? Der gnädige Herr lebt!

Gluthammer Plausch' nicht! (Zum Justitiarius.) Nehmen S' mich, ich will lieber ein Gefangener als ein Lebendigbegrabener sein.

Lips (Gluthammer mit freudigem Staunen betrachtend) Der Schlosser!? – Er is's wirklich –!? Er lebt!?

Gluthammer (ebenso) Der gnädige Herr –!? Er is's richtig –!? Er is nicht tot!?

Lips (ihm freundlich die Hand reichend) Nein, lieber Ermordeter!

Gluthammer Ich auch nicht, Euer umgebrachten Gnaden!

Justitiarius Keiner is tot, dann hat auch keiner den andern umgebracht, der Kriminalfall zerfällt in nichts.

Stifler (sich Lips mit devoter Freundlichkeit nähernd) Wirst du unsern Glückwunsch verschmähn –?

Lips Im Gegenteil, ihr könnt sehr viel zu meinem Glück beitragen.

Stifler, Sporner, Wixer (äußerst zuvorkommend) O sag' nur, wie?

Lips Wenn ihr euch an der Stell' zum Teufel packt!

Justitiarius Prosit!

(Stifler, Sporner, Wixer ziehen sich betroffen zurück und entfernen sich Seite links.)

Lips (zu Gluthammer) Ich bin jetzt nicht mehr dein Nebenbuhler, nimm deine Witwe samt einer reichen Aussteuer von mir!

Gluthammer Die Aussteuer nehm' ich und kauf' mir ein Schlosserg'werb', aber für d' Witwe dank' ich; mir is die ganze Mathildenlieb' vergangen.

Lips Und in mir is eine Kathilieb' erwacht. Jetzt seh' ich's erst, daß ich nicht bloß in der Einbildung, daß ich wirklich ein Zerrissener war. Die ganze eh'liche Hälfte hat mir g'fehlt, aber gottlob, jetzt hab' ich s' g'funden, wenn auch etwas spät. Kathi! Hier steht dein Verlebter, Verliebter, Verlobter, hier steht meine Braut! (Umarmt Kathi.)

Krautkopf Seine Braut! Schreits Vivat!

Alle (zusammen) Vivat!!

Der Vorhang fällt.

Ende

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