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Der Zauberlehrling oder die Teufelsjäger

Hanns Heinz Ewers: Der Zauberlehrling oder die Teufelsjäger - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHanns Heinz Ewers
titleDer Zauberlehrling oder die Teufelsjäger
publisherGeorg Müller
year1917
isbn
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131021
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VII.

Sie war eine Blume zu Saron
und eine dunkle Rose im Tale.

Hohelied.

 

Die rauhe polternde Stimme des Gendarmen rief vor dem Hause; Frank Braun trat ans Fenster. – Er sah den breiten Leib Aloys Drenkers sich herschieben, der sein kräftiges Pferd am Zügel führte. Auf dem Sattel hing, wie zwei alte Säcke, die übereinander lagen, die Bettlerin Sibylla Madruzzo.

»Halloh!« rief er herunter. »Was ist mit ihr geschehn?«

Drenker schwenkte grüssend den Arm. »Nichts!« antwortete er. »Was soll geschehen sein? Sie ist meine alte Freundin und immer, wenn ich abends zum Dorfe komme, hebe ich sie aufs Pferd oben auf der Strasse. Da kommt sie bequemer herab mit ihren steifen Knochen.«

Der Knecht und Teresa halfen der Alten vom Pferde; sie nickte dankend mit dem Kopfe. Drenker lud sie ein mit hineinzukommen sie solle essen und einen Schluck Wein trinken. Aber sie wehrte heftig ab, kroch mühselig an ihrem kurzen Stabe ins Dorf hinein.

»Die Sibylla trinkt nicht mehr.« erklärte das Mädchen. »Sie hat jetzt auch das Heil gefunden, das der Amerikaner predigt.«

»Sie auch?« Der Gendarm sah ihr nach. »Arme Frau!« Dann rief er hinauf zu Frank Brauns Fenster: »Ich habe Ihnen etwas mitgebracht, Doktor! Kein Mensch soll sagen, dass Aloys Drenker sein Wort nicht halte!«

Teresa kam auf sein Zimmer und brachte ihm wohlverpackt den blankgeputzten Helm. »Hier ist noch etwas.« sagte sie zögernd. »Ein Brief des Pfarrers – er hat ihn Herrn Drenker mitgegeben!«

»So?« lachte er. »Für mich? – Nicht für dich?«

Sie senkte den Blick. »Nein, es steht Ihr Name darauf.«

Er nahm den Brief. »Hast du ihm denn nicht mehr geschrieben?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein.« Ihre Stimme klang ein wenig beschämt. Dann ging sie hinaus.

Er öffnete den Brief und las ihn. So schrieb der Pfarrer:

»Mein lieber Herr! Ich bin beunruhigt, weil ich nichts höre von Val di Scodra; Teresa Raimondi hat in all der Zeit nicht geschrieben, seit sie zum letzten Male zur Beichte kam. Das Mädchen hat Ihnen ja gewiss gesagt, dass sie mir beichtete, so wissen Sie, dass ich ein Mitwisser Ihres Geheimnisses bin. Ich kann zu Ihnen, lieber Herr, ja nicht sprechen wie ein Priester und wie zu meinen Beichtkindern, aber lassen Sie mich zu Ihrem Herzen sprechen, als ein alter Mann, der nichts weiter mehr auf dieser Welt zu tun hat, als zu versuchen, nach seinen schwachen Kräften ein wenig Elend zu lindern und ein wenig Gutes zu stiften.

Ich wäre selbst gerne, trotz allem, nach meinem Heimatdorfe gefahren, um nach dem Rechten zu sehen, ich habe das ungewisse Gefühl, als ob irgend etwas Böses sich da vorbereite. Aber der Bischof, dem ich meinen Wunsch noch einmal vortrug, hat es mir ausdrücklich verboten; ich dürfe nicht eher hin, als bis die Gemeinde selber wieder nach ihrem Hirten rufen würde. Sie kennen ja seine Grundsätze.

Nun war Teresa mein einzig treues Schäflein in dem Tale der Teufelsjäger – wolle Gott, dass der Satan, den sie vertreiben wollen, nicht die Rolle umkehre und aus den Jägern ein hilflos Wild mache! – Teresa aber ist mir genommen durch Sie, lieber Herr. Es liegt mir durchaus fern, Ihnen Vorwürfe zu machen, über die Sie ja doch nur lachen möchten. Ich habe das alles in Gottes gütige Hand gestellt, und Sie mögen mir glauben, dass mein Gebet ebenso warm wie für mein armes Beichtkind, auch für Sie, lieber Herr, zum Himmel dringt.

Mein heisser Wunsch – und einen glühenderen habe ich seit langen Jahren nicht gehabt – ist der, dass der Höchste alles zum Guten wenden möge! War ich es doch, der Sie, lieber Herr, nach Val di Scodra sandte – und so ist meine Schuld eine nicht geringere, wenn – etwas geschähe – –

Ich weiss ja nicht, was eigentlich geschehen könnte und ich schelte mich aus und nenne mich einen Dummkopf, dass ich mir solche Sorge mache um ein Nichts. Es ist nur diese graue, trübe Ahnung, die mich nicht loslässt und Tag und Nacht verfolgt, Und eine Schuld an dem Unglück – das des Himmels barmherzige Güte gnädigst verhüten möge – trage ich noch weit mehr, wie Sie wohl wissen, lieber Herr! Als ich mein armes Beichtkind so qualvoll elend zu meinen Füssen sah, als ich sah, wie sich ihre junge Seele verzehrte in dieser heissen Liebe zu Ihnen, lieber Herr, wie alles in ihr schrie, sie nicht wegzureissen von dem Wege, der ihr höchste Seligkeit schien auf Erden, da – Sie wissen es ja – stiess ich sie nicht zurück.

Wenn ich heute ruhig überdenke, was ich tat in jenem verhängnisvollen Augenblicke – und ich denke hundertmal am Tage daran – so scheint mir, dass ich ein schweres Unrecht beging an dem armen Kinde. Nun liegt sie frei in Ihren Armen, und ich selbst war es, der ihr den Segen gab. Und doch, wenn ich mir den Moment wieder vergegenwärtige, mich ganz zurück versetze in diesen Augenblick, so glaube ich, würde ich wieder so handeln. So werfen mich meine Gefühle hin und her und ich kann kein Ende finden.

Ich denke auch, lieber Herr, an unsere Unterredung, als ich Ihnen von Val di Scodra sprach. Vielleicht habe ich das, was Sie so hinwarfen im Gespräche, viel zu ernst genommen – oder vielmehr, es kommt mir jetzt erst, wenn ich, fast gegen meinen Willen, mich immer damit beschäftige, viel ernster vor, als es wohl gemeint war. Ich grübele vergebens darüber nach, was ich denn eigentlich befürchte, und was Sie, lieber Herr, denn in meinem Heimattale gar so Schlimmes anrichten könnten! Aber ich kann mir gut sagen, dass ich mich grundlos fürchte und dass Sie gewiss den armen Verblendeten von Val di Scodra nicht einen Streich spielen werden – – es ist, als ob mich diese unheilvolle Ahnung nicht loslassen wolle. Und ganz ähnlich geht es mir, wenn ich an mein Beichtkind denke. Freilich ist Ihr Verhältnis zu Teresa unerlaubt und ein Greuel vor dem Herrn – verzeihen Sie, lieber Herr, einem alten Priester, wenn er zuweilen in seiner Sprache spricht. Ich kenne die Welt ja ein wenig und ich weiss sehr gut, dass man nicht jedes Schäflein nach demselben Kamme scheeren darf. Teresa liebt Sie und diese Liebe ist das Glück ihres Lebens – vielleicht das einzige, das sie je haben wird. Hatte ich das Recht, ihr dieses kurze Glück zu rauben? Was durfte sie erwarten in dem weltverlassenen Tale unter den rauhen Bauern ihrer Heimat? Ein langsames Verblühen und Sterben – wie ihre arme Mutter. Und der Zufall, der Sie, lieber Herr, in das Tal warf, gab ihr ein Glück, das sie nie vergessen wird, so kurz es auch sein mag und so alt sie auch werden wird.

Keiner aber, glauben Sie mir, lieber Herr, gönnt ihr dieses Glück mehr wie ihr Beichtvater. So sehr, dass ich mich über alles, was die Religion, was die Sitte der Welt verlangt, hinweggesetzt habe, ich, ein Priester! – Und ich würde mich belohnt sehen, wenn ich für einen Augenblick nur die völlige Gewissheit haben könnte, dass es wirklich ihr Glück wäre!

Aber sehen Sie, lieber Herr, je mehr ich denke und grüble, je mehr ich mich eingrabe in diese Gedanken, um so mehr wächst meine trübe Furcht. Ich wehrte mich dagegen, so gut es geht, aber es hilft nichts; immer fester nistet sich der Gedanke in mein Hirn, dass Ihre Anwesenheit im Tale ein Böses bringen wird für Teresa wie für das Dorf. Noch ist nichts geschehen, aber irgend etwas – Furchtbares – kann – ja, wird geschehen! Und ich, ich trage letzten Endes die Schuld daran!

Nennen Sie mich einen alten Narren, lieber Herr, sagen Sie mir, dass ich auf meine alten Tage wieder zum albernen Kinde würde – Sie mögen recht haben. Vielleicht ist es das Greisenalter, das sich plötzlich so meldet und mich am hellen Tage Gespenster sehen lässt. Aber was es auch sei, glauben Sie mir, ich leide sehr darunter. Ich habe alles versucht, um die trüben Gedanken abzuschütteln, aber es geht nicht, geht nicht, mit immer erneuter Heftigkeit leben sie wieder auf.

So wende ich mich nun an Sie, lieber Herr, als an den einzigen, der hier helfen kann. Ich bitte Sie: packen Sie Ihre Koffer, reisen Sie ab von Val di Scodra! So unsinnig Ihnen meine Bitte erscheinen mag – ich beschwöre Sie, sie zu erfüllen. Während ich dieses schreibe, fasst mich der Gedanke mit unentrinnbarer Gewissheit: es wird irgend etwas geschehen, schrecklich für Val di Scodra, schrecklich für Teresa – schrecklich auch für Sie.

Ich bitte Sie, kniefällig bitte ich Sie, lieber Herr, reisen Sie ab! – Dann wird alles gut werden –

Reisen Sie gleich, in dieser Stunde noch –«

Frank Braun las nicht weiter. »Also auch du bist hellseherisch, Don Vincenzo?« dachte er. »Aber sie ist ein wenig billig, deine Prophezeiung! – Ein grosses Unglück – das klingt wie die Orakel einer Kartenlegerin: man wird eine Reise machen, man wird Geld bekommen.«

»Pfarrer, Pfarrer,« fuhr er langsam fort, »du weisst nicht, was du tust. – Dein Brief ist gut und ist sehr rührend und so anständig. Aber die Zeit ist nun lange vorbei, wo mir das einen Eindruck machte, was rührend war und anständig und gut.«

Er steckte den Brief in die Tasche, dann ging er hinunter.

* * *

Der Gendarm empfing ihn lärmend, er sass mit dem Wirt am Tisch, während Teresa das Essen auftrug. Er zeigte stolz seinen neuen Helm und sagte, dass er die Nacht in seinem Leben nicht vergessen wolle, in der er den alten vertrank. Bewundernd sah er Frank Braun an – ja, das war ein Kerl!

Frank Braun war nicht in der Laune zu singen und zu trinken. Die Reden Drenkers belästigten ihn, so lenkte er ab. »Die alte Bettlerin ist Ihre Freundin?«

Der Grenzer sagte: »Gewiss ist sie meine Freundin. Aber so alt ist sie gar nicht: ein paar Jahre jünger als ich und wenigstens zehn Jahre jünger als Raimondi!« Er wiederholte das dreimal, dass ihn der Wirt verstehen könne.

Der nickte bestätigend. »Sie sieht nur so alt aus.«

Drenker lachte. »Die Sibylla sieht aus wie achtzig, oder hundert, oder hundertundzwanzig! Das ist alles eins. Und doch ists wahr, dass wir alle drei verliebt in sie waren!«

Frank Braun war froh, dass der Wein und der Helm erledigt waren. Er hielt ihn fest. »Drei? Wer war in die Alte verliebt?« fragte er.

»Ho, nicht in die alte – in die junge Sibylla!« verbesserte ihn Drenker. »Wir drei waren in sie verliebt: Raimondi, Ussolo und ich – drei flotte Kaiserjäger! Bessere Liebhaber hatte nie eine Dirne in Val di Scodra. – Was Raimondi? – Aber schlimm ists ausgelaufen und die arme Sibylla schleppt noch heute ihr Kreuz herum. Denn damals, Herr, war sie schlank und gerade wie eine Tanne und kein Mädel war hübscher in ganz Tirol. – Als der arme Ussolo so jämmerlich zugrunde ging, da bekam sie den Knacks.«

»So erzählen Sie doch.« drängte Frank Braun.

»Erzählen – ja, es ist eine ganze Geschichte!« rief Drenker. »Aber trocken?« Er goss die letzten Tropfen aus der Flasche in sein Glas.

Frank Braun hiess den Wirt ein paar Flaschen Vino Santo holen, vom Tobliner Tal. Er baute sie dicht vor dem Gendarmen auf. Drenker wollte ihm einschenken, aber er wehrte ab. »Nein, danke, ich mag heute nicht trinken.«

Drenker schüttelte den Kopf. »Komische Leute seid Ihr gelehrten Herrn! Einmal trinken sie wie zehn alte Schiffskapitäne und dann wieder keinen Tropfen! – Es ist kein Sinn und Verstand darin.«

»Nein,« bestätigte Frank Braun, »es ist durchaus kein Sinn und Verstand darin. – Aber nun trinken Sie, Drenker, und erzählen Sie von den drei Liebhabern der jungen Sibylla Madruzzo.«

Der Gendarm schneuzte sich und brannte seine Pfeife an. Er hob das Glas an die Lippen, trank und schnalzte lobend mit der Zunge.

Dann begann er. Er erzählte laut, hastig, in zerhackten Sätzen. Immer wandte er sich schreiend an den Gastwirt: »Wars nicht so, Raimondi?« Der nickte stumm oder brummte ein »Ja!« zwischen den Zähnen.

Aloys Drenker sagte: »Das sind wohl dreissig Jahre her. Wir standen in Bozen alle drei, und waren die besten Freunde von der Welt. Ussolo – der war auch aus Val di Scodra; dort, wo es zur Kreuzplatte hinaufgeht, stand seiner Leute Haus. Nun ist das längst verfallen – der arme Ussolo liegt auf dem Kirchhof und seine Verwandten sind alle drüben in Argentinien. Nichts ist mehr da von der ganzen Sippe! – Also wir drei waren Kaiserjäger in Bozen; Ussolo und ich waren Unteroffiziere – aber Raimondi war gerade Feldwebel geworden. Was, Alter? – Nun gut, wenn die beiden Urlaub hatten, fuhren sie nach Hause und da bin ich ein paarmal mit ihnen gewesen. Denn, wissen Sie, ich hatte kein Heim, mich hat meine selige Mutter im Strassengraben gefunden und ist an dem Schreck schnell drauf gegangen. So wurde ich herumgestossen und geschlagen bei fremden Leuten, und wohl wurde mir erst, als ich in der Kompagnie war. Die Kaiserjäger – das war meine Familie – und eine fesche dazu, nicht Raimondi? Hols der Teufel, eine bessere Truppe gibts auf der ganzen Welt nimmer! Also gut, ich fuhr ein paarmal mit meinen Freunden hinunter nach Val di Scodra – einmal mit Raimondi und zweimal mit Ussolo. Na, Sie können sich denken, wie die Leute schauten, wenn wir ankamen! Das ganze Dorf war vernarrt in uns. Und wir drei – alle drei – waren in die Sibylla vernarrt und jeder tat sein Bestes, ihr zu gefallen.

Aber keiner von uns sagte etwas, weder den andern, noch dem Mädchen. Jeder überlegte, und jeder fasste seinen Plan, aber heraus kam keiner damit. Wir schrieben ihr alle drei und sie schrieb uns auch – aber, wissen Sie, immer zusammen allen drei. Da, eines Winterabends, wie wir zusammen in der Kantine beim Gossensasser sitzen, sagt der Ussolo, dass er seinen Abschied nehmen wolle und nicht weiter kapitulieren. Ich denke, der Schlag rührt mich und ich frag ihn, ob ihn der Teufel stäche? Da kommts heraus! Er sagt, dass er die Sibylla liebe und sie heiraten und mit ihr leben und sein Land bebauen wolle in Val di Scodra. Er habe seiner Mutter schon geschrieben – denn der Vater war tot – und die sei einverstanden, dass er den Hof übernehme. Nun, zum nächsten Urlaub wolle er mit dem Mädchen sprechen. Da fuhr der Raimondi los! – Brauchst dich nicht zu schämen, Alter, es war doch so! – Denn wissen Sie, damals kannte er die schöne Maria noch nicht, des Brixener Schulmeisters Tochter, die dann später seine Frau und Teresas Mutter wurde. Damals war sein Gedanke nur Sibylla und immer wieder Sibylla! – Na, wars nicht so, Alter? – Also, er fuhr los auf den Ussolo und sagte, dass er sich nicht unterstehen sollte, an das Mädchen zu denken. Er müsse sie haben und niemand sonst! Und er sei der Aeltere und er sei Feldwebel – Da konnte ich auch nicht mehr an mich halten. Aelter oder jünger, Feldwebel oder nicht, das sei ganz gleichgültig, sagte ich. Und ich liebe die Sibylla auch und ich wolle sie haben und kümmere mich den Teufel um die wälschen Fack'n. Ich schrie und der Raimondi brüllte und der Ussolo heulte und ehe wirs uns versahen, lagen wir einander in den Haaren und prügelten darauf los, dass es eine Freude war. Ein Leutnant kam dazwischen und störte den Spass; dann hatten wir im Mittelarrest alle drei genug Zeit, über unsere Liebe und unsere Dummheit nachzudenken. Als wir herauskamen, war unsere Aufregung merklich abgekühlt und wir sahen nun ein, dass es herzlich dumm sei, uns wegen des Mädchens zu zanken, das doch nur einer haben konnte. Wir beschlossen also, der Sibylla selbst die Wahl zu überlassen und zu dem Zweck zum nächsten Septemberurlaub alle drei nach Val di Scodra zu fahren. Inzwischen war abgemacht, dass keiner ihr besonders schreiben sollte; so schrieben wir immer zusammen Briefe und schickten ihr auch zu Weihnachten und zu Ostern gemeinschaftlich ein Geschenk. Na, es war ja nicht viel, ein seidenes Kopftuch und eine silberne Schnalle – aber die Sibylla hat sie bis heute aufbewahrt und die Briefe auch. Also gut, der Frühling kam und der Sommer und wir fühlten uns alle nicht recht wohl. Jeder war misstrauisch auf die andern beiden und alle paar Tage musste einer dem andern schwören, dass er ganz gewiss nicht hinter dem Rücken doch einen Brief geschrieben habe. Endlich kam das Manöver und dann der Tag, da wir Urlaub bekamen. Es hielt schwer genug, dass wir alle drei loskamen, da Raimondi und ich bei derselben Kompanie waren – aber schliesslich gings doch. – Die Fahrt werd ich meiner Tage nicht vergessen! Keiner sprach ein Wort und jeder machte ein Gesicht, als ob er die andern lebendig auffressen wollte. Ich glaube, es war nur die Uniform, die uns noch zusammen hielt, sonst hätten wir aufeinander losgeschlagen wie an dem Abende in der Kantine.

Damals fuhr noch keine Post ins Tal und wenn es eine gegeben hätte, hätten wir doch nicht drauf gewartet. Wir marschierten los und spät in der Nacht kamen wir an. Raimondi ging zu seinen Eltern, ich ging mit Ussolo nach Hause. Geschlafen aber habe ich keinen Augenblick, immer fürchtete ich, mein Kamerad möchte aufstehen um zu dem Hause der Madruzzo zu gehen. Ihm aber gings ebenso. Es war kaum hell, als wir aufbrachen, um Raimondi abzuholen, aus Angst, dass der uns zuvorkommen möchte. Kaum standen wir hier vor dem Hause, als er auch schon herauskam – offenbar mit demselben Gedanken wie wir. Nun sahen wir wohl ein, dass es noch viel zu früh wäre zur Sibylla zu gehen, zumal es gerade ein Sonntag war. Wir gingen wieder in Raimondis Haus, kochten Kaffee und frühstückten. Dann trat Ussolo vor den Spiegel – so sehr hatten wir uns beim Aufstehen geeilt, dass wir kaum die Haare gekämmt hatten. Er frisierte sich und machte sich schön – – und da zeigte sichs, dass wir doch noch gute Freunde und Kameraden waren. Raimondi holte alles heran, was er hatte, Stiefelglanz, Bürsten, Kämme, sogar Schnurrbartwichse, und wir halfen einander, uns so stattlich herauszuputzen wie nur möglich. Fesch muss der Kaiserjäger sein, was Raimondi? So ging die Zeit herum, schneller wie wir geglaubt. – Dann kamen Raimondis Eltern und wir mussten noch einmal mit ihnen Kaffee trinken. Endlich brachen wir auf, schnitten im Garten noch ein paar Rosen für die Mützen und dann gings zum Hause der Madruzzo. Aber ehe wir noch da waren, rief Ussolo: »Da kommt sie!« Und wirklich, da stand sie vor uns im Olivengarten und lachte. Sie war im Sonntagputz und sie war so sauber und hübsch, dass mir das Herz lachte im Leibe. Aber dabei klopfte es doch so stark, und ich fühlte eine solche Angst, dass ich kaum wagte, einen Schritt weiter zu gehen. Aber auch den beiden Kameraden ergings nicht anders und sie blieben stehn wie ich. Sagt der Raimondi: »Freunde, ich bin der älteste!« »Ja,« sag ich, »das bist du wohl – doch –« Er aber flüsterte: »Sei still und hör, was ich sag! Wir haben ausgemacht: der, den sie will, der soll sie haben. Aber die andern beiden sollen ihm deshalb nicht feind sein, sondern gute Freunde wie zuvor.« – ›Bist du deiner Sache so sicher?‹ dachte ich. Aber ich war meiner Sache auch sicher, denn ich glaubte bestimmt, dass sie gerade mich anlachte und nicht die andern. Darum sagte ich: »Hand drauf!« und schlug ein. Der Ussolo sagte gar nichts, aber er gab auch seine Hand. »Gut denn.« sagte Raimondi. »Vorwärts, marsch! – Und ich spreche, weil ich der älteste bin und Feldwebel!« – Das wollte mir nun gar nicht gefallen, aber es war nichts mehr zu reden, denn er ging mit langen Schritten vor und wir mussten laufen, ihm beizubleiben. Wir grüssten mit der Hand an der Mütze und Raimondi wollte eine Rede beginnen. Aber es kam nichts heraus. Wir standen stumm vor ihr und glotzten sie an. Da lachte die schwarze Sibylla und streckte uns die Hände hin und fragte, wie es uns gehe, und sagte, das sei nett, dass wir alle drei zusammen zum Urlaub gekommen. Sie bedankte sich für die Briefe und die Geschenke und sagte, dass sie für jeden von uns eine Uhrkette geflochten habe aus ihren Haaren. So plauderten wir, aber eigentlich sagten wir gar nichts und nur die Sibylla lachte und schwatzte, und wir standen da wie die dummen Bauern und starrten sie an. Ich sah wohl ein, dass es eine Schmach wäre für uns Kaiserjäger und stiess den Raimondi an, dass er sprechen sollte. Aber der tat, als merkte er es gar nicht. Dann flüsterte ich dem Ussolo zu: »So red doch!« – Der Ussolo redete auch – aber was! Er erzählte stotternd, wo wir im Manöver gewesen. Da wollte ich sprechen, aber es ging auch nicht. Wenn nur die andern nicht dagewesen wären, hätte ichs ganz leicht gekonnt, das fühlte ich. Darauf also gründete ich meinen Plan. Ich sagte der Sibylla, wir drei hätten einen Augenblick etwas allein zu besprechen. Sie lachte und wollte gleich nach Hause gehen, ich aber sagte ihr, dass sie ein klein wenig warten möchte; da ging sie etwas abseits in den Olivengarten. Nun sagte ich den beiden, dass sie Esel seien – und ich auch: alle drei seien wir Esel! Und so ginge es nicht weiter. Ich nahm drei Grashalme und hielt sie in der Hand: wer den längsten ziehe, der solle zuerst mit ihr sprechen dürfen – allein. Damit waren sie einverstanden. Der Feldwebel zog zuerst, dann Ussolo: er fand den längsten Halm. Ich aber hatte den allerkleinsten, kam also zuletzt daran. Nun, ich tröstete mich, war ich doch überzeugt, dass die beiden Wälschen einen Korb bekämen, und dass sie auf mich warten würde. Ussolo ging inzwischen zu der Sibylla und wir beide setzten uns ins Gras, drehten ihnen den Rücken und warteten. Ein Soldat, wissen Sie, ist das Warten gewohnt; das lernt man schon beim Postenstehen. Aber obwohl wir zu zweit waren, ist mir doch nie ein Warten so lange geworden wie dieses. ›Sind sie denn immer noch nicht fertig?‹ dachte ich. Keiner von uns sprach ein Wort; ich sah, wie der Raimondi stier vor sich hinguckte. Plötzlich sagte er: »Nun halt ichs nicht mehr aus. Der Ussolo könnte doch längst fertig sein!« Wir drehten uns um, aber die beiden waren verschwunden. Wir standen also auf und gingen ein wenig hinein in den Olivengarten, spähten rechts und links, aber sahen niemanden. Ich rief halblaut und dann lauter: »Ussolo!« Aber niemand gab eine Antwort. Da brüllte Raimondi, als wenn er drei Regimenter vor sich habe: »Ussolo! Ussolo!« – Jetzt antwortete der Kerl: »Ja! Ja! Wir kommen schon!« Und gleich darauf kamen sie auch angelaufen. Ussolo lachte über das ganze braune Gesicht und streckte uns beide Hände entgegen. »Verzeiht mir, Kameraden, wir beide hatten euch wirklich ganz und gar vergessen!« Dann, wie er unsere verdutzten und ärgerlichen Gesichter sah, nahm er vor Raimondi Stellung, legte die Hand an die Mütze und sagte: »Herr Feldwebel, melde gehorsamst: Unteroffizier Ussolo nebst Braut Sibylla Madruzzo.« Und das Mädchen machte ein sehr ernstes Gesicht dazu und einen tiefen Knix. Später habe ich einmal die Sibylla gefragt, wer von uns wohl ein dümmeres Gesicht gemacht habe, Raimondi oder ich. Aber sie hatte leider darauf nicht acht gegeben, und so wird sich das nie feststellen lassen. Dumm aber waren sie beide – das schwöre ich!

Raimondi fasste sich zuerst. Er griff in die Tasche und zog ein hübsches, silberbeschlagenes Portemonnaie heraus, das gab er der Sibylla und gratulierte beiden. Da holte ich auch die Ohrringe hervor, die ich für sie gekauft hatte, und gab sie ihr als Brautgeschenk. Ussolo schlug sich vor den Kopf und rief: »Herrgott – und ich habe ganz vergessen, ihr mein Geschenk zu geben!« Damit zog er eine hübsche kleine Uhr heraus. So hatten wir alle drei ihr heimlich etwas mitgebracht, aber nur dem Ussolo kam es zugute. – Der arme Kerl, wenn er nur gewusst hätte, wie kurz sein Glück sein sollte!

Dann liessen wir die beiden allein und ich ging mit Raimondi nach Hause. Wir waren recht niedergeschlagen, aber dennoch fühlten wir uns erleichtert, dass wenigsten der bisherige unerträgliche Zustand zu Ende war. Wir beschlossen, recht brüderlich zu den beiden zu sein, wie echte Kameraden, die so lange Jahre treue Freunde waren. Aber es ging nicht so leicht, wie wir dachten; jedesmal, wenn wir Ussolo und Sibylla sahen, in ihrem grossen Glück, wurden wir neidisch und man sah uns wohl an, wie wenig wir im Grunde es ihnen gönnten. So dachten wir, dass es wohl das beste wäre, wieder abzureisen nach Bozen, ehe der Urlaub zu Ende. Hätten wirs doch getan! Aber Ussolo drängte uns und quälte, wir möchten doch bleiben, wenigstens bis zum nächsten Sonntag. Da war Kirchweih in dem Nachbardorfe – in Cimego, wissen Sie, sieben Stunden über die Berge nach der Grenze zu. Jetzt ist die Gendarmeriestation dort, und ich wohne da. Dahin hatte uns Ussolo eingeladen; er hatte Verwandte dort, und denen wollte er seine schöne Braut zeigen – und zugleich uns, seine Freunde von den Kaiserjägern. Wir hatten nur wenig Lust, unser Sinn stand gar nicht nach Festen und Kirchweih. Aber Ussolo gab nicht nach und die Sibylla half ihm mit Bitten, so liessen wir uns überreden. Wir wollten also nach Cimego, um dort Abschied zu feiern, ehe wir zurückfuhren zum Regiment. Wir beschlossen nachts aufzubrechen, unterwegs in einer Köhlerhütte zu ruhen, um früh am Morgen im Nachbardorfe einzutreffen.

Nun muss ich sagen, dass Ussolo gerne trank. Nicht, dass er ein Säufer war, aber er konnte so wenig vertragen und nach ein paar Glas schon wurde er sehr lustig und manchmal wild. Und jetzt in seiner Freude als Bräutigam, und daheim im Urlaub unter alten Bekannten und Freunden, die ihn einluden, ein Glas mit ihnen zu trinken, war er jeden Abend fidel und lärmte und randalierte durch die Gassen. Das mochte nun die Sibylla gar nicht leiden, denn was trinken heisst, das wusste sie von Kindesbeinen an. Ihr Vater nämlich, der alte Carlo Madruzzo, hatte die ausgepichteste Kehle im Dorfe, und da verging kaum ein Tag, an dem sie seine schweren trunkenen Fäuste nicht fühlte. So war es denn kein Wunder, wenn sie bei ihrem Bräutigam die Flasche nicht gerade gerne sah; sie machte ihm Vorwürfe und er versprach ihr, kein Glas mehr anzurühren – – aber am Abend war er doch wieder betrunken. Daher kam es, dass Sibylla den Wein, den Ussolo trank, noch mehr hasste, wie den, der durch ihres Vaters Gurgel floss. Als wir nun in der Nacht zum Sonntage – sie war finster und kein Stern war am Himmel – aufbrachen, richtete die Sibylla es so ein, dass sie mit mir ging, während Ussolo und der Feldwebel ein wenig voranschritten. Raimondi und Sibylla trugen Laternen; ihr Schatz schleppte einen schweren Korb, in dem er in frisches Laub Fische verpackt hatte, die er am Abende im See gefangen hatte und nun seinem Onkel in Cimego bringen wollte. Den Rucksack, den auch Ussolo eingepackt hatte, trug ich; es war Brot darin, Schinken und Wurst, dazu fünf Flaschen guten Weines. Darauf hatte nun die Sibylla es abgesehen. Als wir nach einer halben Stunde an eine Quelle kamen, blieb sie stehen und bat mich, ihr den Rucksack zu geben. Sie wartete noch eine Weile, bis sie die beiden andern genügend weit entfernt glaubte, dann nahm sie die Flaschen heraus und öffnete sie. Sie fragte, ob ich noch einmal trinken wolle und ich nahm auch ein paar gute Züge. Dann schüttete sie den Wein aus, eine Flasche nach der andern. Ich wollte sie hindern, aber sie lachte und sagte, für diese eine Nacht könnte ich doch wohl verzichten auf den Wein, morgen gäbe es ja genug in Cimego. Sie füllte die Flaschen bis zum Rande mit Wasser voll und verkorkte sie wieder sorgfältig; beide freuten wir uns dabei auf das Gesicht, das Ussolo machen würde, wenn er entdeckte, dass sein Wein so zu Wasser geworden war.

Wir schritten rüstig aus und holten bald die andern ein. Wir brüllten unsere Soldatenlieder und dazwischen sang die schöne Sibylla. So vergingen die Stunden. Ein paarmal schlug Ussolo vor, man solle nun ein Glas Wein trinken; aber ich rückte nicht heraus damit, sagte ihm, dass er warten müsse, bis zu dem Rastplatze in der Köhlerhütte.

Wir waren um neun Uhr abmarschiert Und konnten so bequem gegen drei Uhr morgens in der Hütte sein. Dort wollten wir uns stärken und dann etwas ausstrecken; wir hatten ja unsere Mäntel und für die Sibylla war eine warme Decke da, die Raimondi trug. Dann wollten wir nach ein paar Stunden das letzte Stückchen hinabsteigen ins Cimegotal. Es war kalt genug auf dem Wege, und Ussolo hängte seiner Braut seinen Mantel um. Aber wir waren alle froh und gut gelaunt und wie wir so zusammen marschierten, hintereinander im Gänsemarsch, oder auch Arm in Arm, wenn der Weg etwas breiter war, kam es uns vor, als ob die schöne Rose nicht ihm allein gehöre, dem Ussolo, sondern gemeinsam allen drei Brüdern von den Kaiserjägern.

Es war ein Uhr vorbei, als wir durch die Schlucht des Boazol schritten. Raimondi ging voran mit der Laterne, ich war hinter ihm. Dann kam Sibylla und den Schluss machte Ussolo. Plötzlich hörte ich ihn fluchen; er war ausgeglitten und lag auf den Steinen. Aber er sprang gleich wieder auf. Ich wandte mich und sah nach ihm, Sibyllas Laterne beleuchtete ihn hell genug.

»Verdammtes Vieh!« rief er, und ich sah, wie er in dem Lichtschein eine kleine Schlange in der Hand hielt. Er fasste sie am Schwanz und zerschlug ihr den Kopf an den Felsen.

»Hat sie dich gebissen?« fragte das Mädchen ängstlich.

Er lachte und sagte, er habe jedenfalls nichts davon gemerkt. Wir waren alle zu ihm hingetreten und sahen, dass er sich Gesicht und Hände ein wenig zerschunden hatte bei dem Fall. Sibylla reinigte ihn mit ihrem Tuche. Dann nahm er seinen Korb wieder auf und wir gingen weiter; diesmal schritt er hinter Raimondi und ich war der letzte.

Noch keine fünf Minuten waren vergangen, als Ussolo zähneklappernd stehen blieb; er zitterte vor Frost und bat Raimondi ihm seinen Mantel zu leihen. Er zog den Mantel an und legte noch die Decke, die für Sibylla bestimmt war, über die Schultern, aber es fror ihn immer noch. Ich rief ihm zu, tüchtig auszuschreiten und das tat er denn auch. Nach einer Weile sah ich, wie er sich mit der Hand an den Felsen stützte, es war, als ob er betrunken wäre. Aber er sagte nichts und so schwieg ich auch, um seine Braut nicht zu erschrecken. Das ging so eine Zeitlang, dann fasste ihn wieder ein Schwindel; er taumelte nach vorne über und wäre lang hingeschlagen, wenn Raimondi ihn nicht gestützt hätte. Er setzte den Korb nieder und hielt sich mühsam an der Felswand aufrecht.

»Was ist dir?« schrie die Sibylla. Er schüttelte den Kopf und versuchte zu lachen.

»Nichts.« sagte er. »Ich weiss nicht –«

Der Feldwebel hielt ihm die Laterne ins Gesicht. Dann griff er seine linke Hand und betrachtete sie genau von beiden Seiten. »Da, du Esel,« rief er, »natürlich hat sie dich gebissen!« Wir drängten heran und ich bemerkte eine ganz kleine Wunde dicht am Puls; ein Blutströpfchen kam heraus, kaum grösser wie ein Nadelknopf. Die Hand und das Gelenk waren geschwollen, und schwollen schnell immer mehr an, fast unter unsern Augen. Raimondi, der einen Samariterkurs durchgemacht hatte, griff schnell in seine Tasche und nahm ein Tuch. Dann fiel sein Blick auf den Rucksack, er steckte das Tuch wieder ein und befahl mir die Schnüre abzuschneiden. Wir banden die Hand ab, oberhalb der Wunde, und zogen die Schnur zu, so fest es nur gehen mochte, sodass sie ihm tief in die Haut schnitt. Inzwischen taumelte Ussolo hin und her und wir mussten ihn platt auf den Boden legen.

Raimondi sagte: »So das wäre das erste. Nun müssen wir die Wunde aussaugen.« Sofort warf sich Sibylla über ihren Bräutigam, aber Raimondi riss sie zurück. Er leuchtete ihr ins Gesicht und stiess sie gleich weg: sie habe einen kleinen Sprung in der Lippe, da könne sie sich auch noch vergiften, sagte er. Dann zog er mich heran, hiess mich den Mund aufsperren und suchte mit seiner Laterne. »Du kannst es tun!« rief er.

Ich nahm also Ussolos Hand und sog aus Leibeskräften. Der Speichel lief mir zusammen und ich spie aus zur Seite hin, es war mir, als schmeckte ich das Gift mit der Zunge. Aber es mag wohl nur eine Einbildung gewesen sein. Ich sog, bis mich Raimondi wegriss. »Jetzt muss er trinken.« sagte er. »Je mehr, je besser. Alles was wir haben. Da bleibt das Herz in rascher Tätigkeit.«

Er griff in den Rucksack und entkorkte die erste Flasche. Ich hörte einen leisen Schrei der Sibylla, sie hielt sich fest an meinem Arm. Sie stammelte leise: »O Madonna – Madonna!« Und ich verstand, dass sie zur Mutter Gottes betete und sie bat, ein Wunder zu tun. Ich war so erschreckt und verwirrt, dass ich leise mit ihr betete, und ich weiss heute noch, dass ich in jenem Augenblicke wirklich die Hoffnung hatte, das Wasser möchte sich wieder in Wein verwandeln. Aber leider geschehen heute keine Wunder mehr, wie auf der Hochzeit zu Kanaan!

Ussolo setzte die Flasche an die Lippen und trank gierig – aber gleich spie er alles wieder aus. »Wasser!« stöhnte er. Raimondi trank selbst einen Schluck, schüttelte den Kopf und warf die Flasche in die Schlucht. Er glaubte wohl an einen zufälligen Irrtum und öffnete die nächste Flasche. Sibylla zitterte und wagte in ihrer Todesangst kein Wort zu sagen; Und ich war auch von meiner Mitschuld so niedergedrückt, dass ich nicht eine Silbe über die Lippen brachte.

Wieder nahm Ussolo einen Schluck Und wieder spie er ihn aus. Raimondi nahm die nächste Flasche und schlug ihr den Hals ab, sah, dass auch diese voll Wasser war und warf sie fort. Nun fasste ich mir ein Herz und sagte, was geschehen wäre. Aber ich sagte, dass ich den schlechten Witz gemacht hätte und sprach kein Wort von Sibylla – – noch heute bin ich froh darüber, dass ich das tat. Raimondi schrie, ich wäre ein Verbrecher; aber Ussolo sagte schwach, dass er wohl wüsste, dass ich es nicht böse gemeint hätte. Er streckte mir die andere Hand hin zum Zeichen der Vergebung, und er sagte, dass es ja nicht so schlimm wäre und dass er wohl bald wieder auf könnte. Ich redete auch und versuchte ihn zu trösten, doch Raimondi riss mich auf, und schrie, dass jetzt keine Zeit sei zu schwatzen. Er nahm sein Taschenmesser, steckte die schärfste Klinge in die Flamme der Laterne und befahl mir, meines zu nehmen und ein gleiches zu tun. Als sein Messer glühend heiss war, schnitt er in die Wunde und vergrösserte sie. Dann nahm er mein Messer und ich musste das andere in die Flamme halten; so wechselte er immer und schnitt und brannte in der Wunde. Der arme Ussolo litt entsetzlich, er versuchte seinen Schmerz zu verbeissen, wie ein guter Soldat; es war jämmerlich, wie wir ihn quälten – so völlig nutzlos. Die Sibylla kniete vor ihm und hielt seinen Kopf und er stöhnte Und knirschte mit den Zähnen.

Endlich war der Feldwebel fertig. Wir sahen ein, dass wir nicht einen Schritt mit ihm weiter konnten, da war es das beste, dass einer von uns nach Cimego lief, um Hilfe zu holen. Ich kannte den Weg nicht, so ging Raimondi; er hoffte beim Pfarrer Aetzkali und Salmiakgeist zu bekommen. Er nahm seine Laterne und schritt rasch aus, nach einer kurzen Weile war er verschwunden.

Die Stelle, wo wir lagen, war misslich genug. Rechts stieg die Felswand auf – links fiel die Schlucht ab, nicht gerade steil, aber doch unbequem genug in der Dunkelheit. Der Weg dazwischen war sehr schmal. Ich rollte einen Mantel zusammen und gab ihn Ussolo als Kopfkissen, auf dem andern Mantel lag er. Ueber ihn breitete ich die Decke und den dritten Mantel. Aber er fror trotzdem; ein Frostschauer schüttelte ihn über den andern. Nach einer Weile begann er nach Atem zu ringen, er schnappte, und es war, als ob die Lungen nur mühsam arbeiten könnten. Er sagte nichts, nur manchmal stöhnte er leise. Die Sibylla kniete vor ihm; auch sie sprach kein Wort, ganz erstarrt schien sie zu sein. So schwatzte ich denn drauf los, sagte ihm, dass ja nun die Quälerei vorüber wäre und dass der Feldwebel bald kommen werde mit guter Hilfe. Dann wusste ich nichts Rechtes mehr und sagte dasselbe noch einmal – – ich glaube, ich habe es wohl hundertmal gesagt in dieser gottverlassenen Nacht. Aber es war ja auch ganz gleichgiltig, was ich sagte, es hörte doch keiner zu von den beiden. Manchmal liess die Atemnot nach, dann befiel sie ihn wieder; auch die Schwindelanfälle kehrten regelmässig zurück.

Eine Stunde verrann nach der andern. Die Nacht sank und die Nebel krochen von den Bergen. Es wurde Tag, und der kalte, feuchte Frühwind strich durch die Schlucht. Zuweilen, wenn er ruhig dalag, glaubten wir, dass es besser würde, aber bald überfiel ihn wieder ein kräftiges Zittern; auch bewusstlos war er für Augenblicke. An der Handwurzel hatte er stechende, sehr heftige Schmerzen; die Hand war entsetzlich angeschwollen und die wunde Stelle sah tief blaurot aus. Gegen sechs Uhr morgens bekam er Krämpfe, er hob den Leib hoch und liess ihn schwer zurückfallen. Dann riss es ihn in den Muskeln, die Finger der gesunden Hand krampften sich und die Beine stiessen nach vorne in starken Zuckungen. Wir hielten ihn mit Mühe fest und er wurde auch wieder ruhiger; aber bald fing die Atemnot von neuem an und mit ihr der Schüttelfrost.

Es wurde acht Uhr; Raimondi musste längst zurück sein nach meiner Schätzung. Ussolo war um diese Zeit ein wenig stiller geworden und schien zu schlummern; so dachte ich, dass es das beste sei, wenn ich aufbräche, um den Feldwebel zu suchen. Ich sprang also auf und lief den Pfad entlang, der nach Cimego führte, so schnell mich nur meine Beine tragen mochten. Nach einer Stunde etwa kam mir Raimondi entgegen, mit ihm waren der Pfarrer und drei Burschen von Cimego.

»Lebt er noch?« schrie der Feldwebel. Ich nickte und kehrte mit ihnen um. Raimondi sah aus wie ein Wilder, seine schöne Uniform war von oben bis unten voll Schmutz; Gesicht und Hände starrten von Blut und Schweiss. Er war fehlgetreten, abgestürzt und hatte dabei seine Laterne zerschlagen. Nun hatte er im Finstern seinen Weg gesucht, sich verirrt, und erst bei Tagesanbruch gemerkt, dass er in ein falsches Tal geraten war. Er musste also wieder zurück und fand nur mit Hilfe eines Geisbuben, den er unterwegs traf, den Weg nach Cimego. Dort hatte er gleich den Pfarrer geholt, von der Messe weg, und war dann zurückgelaufen mit den Leuten. Während er mir noch erzählte, hörten wir plötzlich einen wilden, grässlichen Schrei. Wir erkannten Sibyllas Stimme und rannten nun wie rasend weiter. Raimondi weit voraus, hinter ihm sprang der Pfarrer von Cimego, die schwarze Soutane mit beiden Händen hochhebend. Er war ein braver Mann; konnte er mit seinen Doktormitteln nicht zur rechten Zeit kommen, so hoffte er doch, als Priester nicht zu spät zu sein, um dem Sterbenden die letzte Oelung zu geben.

Aber es war zu spät für beides. Wie wir herauskamen aus der Schlucht, sahen wir dicht vor uns einen Toten liegen. Sein Gesicht war furchtbar verzerrt, die Augen quollen ihm weit aus den Höhlen. Die rechte Hand war festgekrallt in seinen Mantel, die Beine hoch an den Leib gezogen. Vor ihm stand Sibylla, aufrecht, aber den Leib vornüber gebeugt – – so, wie sie jetzt geht und steht. Wir gaben zuerst wenig acht auf sie, beschäftigten uns nur mit Ussolo, rieben ihn, gossen ihm Wein in die offenen Lippen und hielten ihm Aether unter die Nase. Aber wir sahen bald ein, dass alles zu spät war, und dass es aus war mit ihm. Wir breiteten einen Mantel über ihn und wandten uns zu seiner Braut.

Wir fragten sie, wie er gestorben sei, sie gab uns keine Antwort. Wir drängten sie und sahen wohl, dass sie uns verstand; ihre Lippen bewegten sich, aber ihr Mund war stumm: sie hatte die Sprache verloren. Ihre Augen blieben trocken, keine Träne fiel, und nicht einmal mehr in all den Jahren – selbst an seinem Grabe nicht – hat sie weinen können. Der Pfarrer nahm sie in die Arme und versuchte sie aufzurichten; es gelang ihm nicht und er bat mich, ihm zu helfen. Alle halfen wir – – aber sie blieb steif wie sie war – den Oberkörper gerade nach vorne gerichtet. Wir wollten es nicht glauben, fassten sie rauh an und versuchten es mit Gewalt: es war unmöglich.

Was da vorging in diesen letzten zwei Stunden, die Ussolo lebte, das weiss ich bis heute nicht. Ich habe später oft die Sibylla darnach gefragt, bat sie, sie möchte es mir aufschreiben. Aber sie schlug die Hände vor das Gesicht, schauderte und schüttelte den Kopf – so gab ich es endlich auf. Schrecklich muss es gewesen sein – das las man auf ihrem Gesicht! Ihre Züge waren verzerrt und starr, es war, als habe sie in die offene Hölle gesehen. Und dieser Schreckensausdruck wich nicht, er blieb; erst mit den Jahren, als ihre Haut runzlig und braun wurde, als sie alterte, weit vor ihrer Zeit, ist der Ausdruck allmählich geschwunden, Heute sieht man nur wenig mehr davon.

Aber der furchtbare Krampf, der ihren Körper brach, gab sich nicht, noch fand sie jemals die Sprache wieder. – Wir machten Bahren und trugen sie und Ussolo nach Cimego – dort liegt er begraben.

Das ist die Geschichte von der schönen Sibylla und ihrem armen Bräutigam.«

Der Gendarm schnaufte und trank drei grosse Gläser Wein, um seine Rührung zu ersticken. Frank Braun fragte: »Und machte man keinen Versuch sie zu heilen?«

»Keinen Versuch?« Drenker lachte. »Wir haben alles getan, was wir konnten, Raimondi und ich! – Als wir sie zurücktrugen in ihr Heimatdorf, war ihr Alter betrunken, wie gewöhnlich. Er schrie und schimpfte und hätte sie am liebsten geschlagen in seiner blinden Wut. Da nahm sie Ussolos Mutter auf. Später fuhren wir sie zur Stadt; aber der Arzt sagte, dass er nicht helfen könnte, sie müsste nach Innsbruck – da lag sie Jahr und Tag im Spital. Man quälte sie gehörig mit allen möglichen Mitteln und experimentierte so an ihr herum. Aber es war nichts zu machen und endlich schickte man sie wieder nach Hause – krumm und steif, wie sie war. – Inzwischen war der Vater gestorben – ertrunken im See, als er wieder einmal völlig besoffen war; ihr Erbteil bestand aus Schulden. Sie wohnte dann wieder bei Ussolos Mutter, und haust noch jetzt in der zerfallenen Hütte, obwohl die Alte auch schon lange tot ist. – Sie braucht ja nicht viel und die paar Kreuzer bettelt sie auf der Landstrasse zusammen an den Posttagen. – Sie ist eine krumme, alte, hässliche Bettlerin geworden, aber solange Aloys Drenker lebt, wird er gut zu ihr sein.«

Teresa sagte: »Der Vater ist auch gut zu ihr. Er schickt ihr immer Milch und alles, was übrig bleibt vom Essen.«

Aber der Gendarm fuhr auf. »Ach was!« schrie er. »Du tust es, und nicht dein Vater. Und er möchte es nicht einmal dulden, wenn er sich nicht schämen würde vor mir! Ich weiss es genau. Dein Vater ist ein Geizkragen geworden auf seine alten Tage, wie alle Bauern in diesen wälschen Lausedörfern!«

Raimondi spuckte bedächtig aus, aber er antwortete nicht. Er zeigte auf die leeren Flaschen, und als Frank Braun nickte, stand er ruhig auf, um neue zu holen.

Das Mädchen fragte rasch: »Bleiben Sie zur Nacht, Herr Drenker? Soll ich ein Bett zurechtmachen?«

»Nein.« sagte der Grenzer. »Ich muss gleich wieder weg, zur Stadt. Nur der Gaul soll fressen und sich ausruhen.« Er wandte sich an Frank Braun. »Doktor, soll ich Don Vincenzo eine Antwort bringen?«

Der Deutsche sann einen Augenblick nach. Dann schickte er das Mädchen hinauf, Papier zu holen. Er setzte sich an den Fenstertisch und schrieb dem Pfarrer:

»Lieber Don Vincenzo: ich danke Ihnen sehr für Ihren freundlichen Brief, der mir den sicheren Beweis dafür gibt, dass Sie das sind, was die Welt einen wirklich guten Menschen nennt – wenn ich es nicht schon längst gewusst hätte. Um so mehr bedaure ich, Ihrem Wunsche nicht nachkommen zu können. Sie befürchten – verzeihen Sie, wenn mir Ihre ungewissen Ahnungen klarer zu sein scheinen, als Ihnen selbst – dass ich hier in Val di Scodra auf eine Weise Schicksal spielen könnte, die durchaus nicht in dem Interesse liegt, das Sie für Ihr Heimatdorf für das beste halten. – Sie begnügen sich nicht mehr damit, Don Vincenzo, das, was geschehen mag, getrost in Gottes Hand zu stellen, sondern Sie befürchten, dass ich dem Höchsten hier auf durchaus unehrerbietige Weise ins Handwerk pfuschen möchte. Ist es nicht so, Hochwürden? – Nun gut, ich leugne nicht, dass ich die allergrösste Lust dazu habe, namentlich jetzt, nachdem Sie mich so freundlich noch einmal darauf aufmerksam machten. Gott ist doch das, was Heiden und Ungläubige Schicksal nennen – – wenn also der Mensch Schicksal spielt, so spielt er Gott Er ist vielleicht unfromm und wenig christlich, dieses Spiel, aber Sie werden mir zugeben müssen, dass es gewiss das höchste Spiel ist, das der Mensch überhaupt spielen kann. Und wenn sich nun hier – ich weiss nicht, ob es so ist – wenn sich mir hier eine Gelegenheit zu diesem edlen Spiel bieten sollte, aus welchem Grunde sollte ich sie wegstossen? Unser Leben ist nicht so reich, als dass wir das wenige Gute verschmähen dürften, das uns ein Zufall schenkt.

Ich werde also einstweilen hier bleiben und ich wünschte, Hochwürden, dass Sie recht hätten mit Ihren Ahnungen! Ich freilich sehe weniger optimistisch – oder pessimistisch, wie Sie wollen – wie Sie, Don Vincenzo: ich glaube, dass leider das, was vielleicht geschehen könnte, nur ein sehr Kleines und Geringes und Lächerliches und gar nichts Schreckliches sein wird! Das ist meine ehrliche Ueberzeugung, die Sie vielleicht ein wenig beruhigen wird. Ich werde mir gewiss die beste Mühe geben, ein Spektakelstück heraus zu bringen – aber es ist das gar nicht so leicht auf der Bühne des Lebens. Ich bin leider kein Hexenmeister, wie Sie zu glauben scheinen, sondern nur ein armseliger Zauberlehrling! Und so werden Sie voraussichtlich lachen und nicht weinen!

Ich bin, lieber Don Vincenzo,
Ihr sehr ergebener Frank Braun.«

 

Er winkte Teresa an den Tisch. Dann faltete er den Brief, gab ihr die Feder und wies ihr die unbeschriebene vierte Seite. »An deinen Beichtvater!« sagte er. »Willst du ihm nicht einen Gruss schicken?«

Ihr Gesicht leuchtete. Sie nahm den Bogen und schrieb in grossen Buchstaben:

»Ich bin sehr glücklich! Teresa.«

* * *

Der Gendarm war längst fortgeritten; Frank Braun stand in seinem Zimmer und starrte in die Nacht hinaus. Es war ein Wetter aufgezogen und die Wasser des kreisrunden Sees kochten wie in einem Kessel. In langen Stössen schlugen die Wellen an die Felswände, stiegen hoch, als ob sie hinaus wollten aus diesem Loch, in das sie doch gebannt waren für alle Ewigkeiten. Aber es gab keine Flucht, die Felsen hielten sie in hartem Ring und lachten laut über die ohnmächtigen Rebellen.

Frank Braun schloss das Fenster und setzte sich an den Tisch. Es war spät genug und er fühlte, dass er doch nichts mehr arbeiten könnte heute. Aber er hatte auch keine Lust zu Bett zu gehen; so sass er müssig da, schaute zerstreut in die Bücher und lauschte auf das Heulen und Brausen des Regens, dieses Klatschen und Zischen und tiefdröhnende Rollen. Er nahm des Pfarrers Brief und las ihn noch einmal durch. Leise murmelte er vor sich hin: »Es wird irgend etwas geschehen, schrecklich für Val di Scodra, schrecklich für Teresa – schrecklich auch für Sie.«

Er wiederholte die Worte, zwei-, dreimal. Sprach sie langsam, bedächtig, fast liebkosend. Dann hielt er den Brief über die Lampe; die Flamme griff ihn im Augenblick. Er streute die Asche in den Papierkorb.

Plötzlich war ihm, als hörte er ein Geräusch an der Türklinke. Er horchte auf und fragte: »Teresa?« Aber es kam keine Antwort. Der Wind raste und riss an den Laden und Fenstern, zog auch durch das Zimmer und rüttelte an der Tür. Frank Braun hatte das Gefühl: etwas steht da draussen und will herein. »Mag es kommen.« dachte er. »Ich bin bereit.«

Dann schüttelte er die Gedanken ab und lachte. Er öffnete ein Buch und blätterte darin. Aber wieder, und jetzt deutlich genug, hörte er ein Geräusch von der Türe her. Er rief noch einmal des Mädchens Namen, ging dann in die Mitte des Zimmers. Nein, nein, das war nicht der Sturm – – jemand arbeitete an dem Schloss. Er ging zur Türe und öffnete sie rasch: niemand stand davor. Dann aber hörte er, wie das Geräusch von der andern Türe, der des Schlafzimmers herkam, die von innen verriegelt war. Er vernahm ganz deutlich, dass die Klinke, leise und vorsichtig, immer wieder vergeblich niedergedrückt wurde. Er tat einen Schritt auf den Gang und sah, die Hand an der Klinke, eine weisse Gestalt. Instinktiv trat er zurück und warf die Türe ins Schloss.

Er hatte wenig sehen können in dem dunklen Flur, in den nur schwach der Schein seiner Lampe fiel. Teresa war es gewiss nicht, sie wusste ja, dass diese Türe verschlossen war. Ihr Vater vielleicht? Oder der Knecht? Was wollten sie in seinem Schlafzimmer um diese Stunde?

Er ging an den Tisch und nahm aus der Schublade seinen Browning. Er überzeugte sich, dass das Magazin gefüllt war, und löste die Sicherung. Dann wandte er sich wieder zur Türe. Aber ehe er noch einen Schritt getan, sah er, dass sich die Klinke bewegte – die Türe öffnete sich weit.

Das volle Licht fiel auf den Eindringling: es war Pietro Nosclere. Er war in schmutzigem, völlig vom Regen durchweichten Hemde, auf den schwarzen Haaren hing schief eine weisse Nachtmütze. Die nackten Füsse trieften von Kot, die Beine, unbedeckt bis zum Knie herauf, waren schwarz von langer dichter Behaarung, zwischen der der Schmutz klebte.

»Eine seltsame Besuchstoilette.« dachte Frank Braun. Er rief, aber Pietro hörte ihn nicht. Seine Augen waren weit geöffnet und blickten starr gerade aus. Aber sie sahen nichts. Frank Braun nahm die Lampe und leuchtete ihm nahe ins Gesicht – nicht einmal die Wimpern zuckten. Wie in tiefster Dunkelheit tappte er dahin, griff an die Wand und tastete weiter.

Plötzlich blieb er stehen. Er schien sich zu besinnen, die Stirn zog sich in Falten. Dann drehte er um, tastete langsam wieder zur Türe zurück und ging hinaus. Der Deutsche folgte ihm, die Lampe in der linken, den Revolver in der rechten Hand. Er sah, wie Pietro sich zur Treppe hinschlich, dann hinunter tappte und unten in das Gastzimmer trat. Rasch ging er ihm nach und trat zugleich mit ihm ein.

Der Amerikaner schlich vorbei an der langen Bank und betastete den Kamin; es war augenscheinlich, dass er etwas suchte. Schliesslich fand er den Wirtschaftschrank, wühlte darin herum und zog ein langes spitzes Fleischermesser heraus. Er prüfte mit dem Daumen die Schneide und ein breites Grinsen glitt über sein Gesicht. Er fasste den Griff fest mit der Rechten und stieg vorsichtig wieder die Treppe hinauf.

Diesmal ging er gleich durch die offene Tür des Wohnzimmers. Frank Braun stand zwei Schritte neben ihm und beobachtete jede Bewegung; stets bereit, mit seinem Browning das erste Wort zu sprechen. Aber der Nachtwandler gab ihm auch nicht die kleinste Veranlassung, die Hand zu heben; es war ganz offenbar, dass er durchaus nichts sah und hörte. Er stand nun vor der Verbindungstür und öffnete sie mit einem leisen vorsichtigen Druck, dann ging er in das Schlafzimmer.

Frank Braun trat hinter ihm in die Türe und sah ihm zu. Pietro schritt gerade hin auf das Bett, das nahe dem Fenster stand, er nahm das Messer in den Mund und tastete vorsichtig mit beiden Händen nach dem Kopfende. Der helle Schein der Lampe fiel ihm ins Gesicht und Frank Braun sah, wie es verzerrt war in massloser Wut.

Endlich schien er seiner Sache gewiss zu sein; er fasste das Kopfkissen mit der Linken, griff das Messer und führte dann mit wahnsinniger Kraft einen Stoss. Noch einmal riss er das Messer hoch und stiess wieder zu, dann wischte er sich mit der Hand über die Augen, als ob ihm das Blut ins Gesicht gespritzt wäre. Und wieder und wieder stiess er das Messer bis zum Heft in die Kissen.

Ein seliges Lächeln voll innerster Befriedigung legte sich auf seine Lippen. Er atmete ein paarmal tief auf, dann liess er das Messer fallen. Mit ruhigen, fast festen Schritten ging er zur Türe. Frank Braun liess ihn vorbei und folgte ihm dann wieder, durch das Zimmer und die Treppen hinunter. Er sah, wie der Nachtwandler die Haustüre öffnete und sorgfältig hinter sich schloss. Der Regen schlug ihm ins Gesicht, aber er merkte es nicht, langsam schritt er durch die aufgeweichten Gassen seinem Hause zu.

Der Deutsche ging zurück in sein Zimmer, trat ans Bett und betrachtete es. Die Decken und Kissen waren durchbohrt, die Stiche gingen tief hinein in die Matratze. »Es ist wohl besser für uns beide, dass ich da nicht gelegen habe.« sagte er.

Und jetzt erst fasste ihn eine stille Furcht. Die Hand zitterte und er musste die Lampe rasch niedersetzen.

Langsam entkleidete er sich und legte sich nieder.

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