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Der Zauberlehrling oder die Teufelsjäger

Hanns Heinz Ewers: Der Zauberlehrling oder die Teufelsjäger - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHanns Heinz Ewers
titleDer Zauberlehrling oder die Teufelsjäger
publisherGeorg Müller
year1917
isbn
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131021
projectid45c12322
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V.

Die Dinge sind – weil wir sie sehen.

Osc. Wilde, Verfall der Lüge.

 

Das Mädchen löste den Strick vom Pfahle, setzte sich auf die Bank und griff die Riemen. Er nahm das Ruder, lenkte mitten in den See.

»Alle Hände!« rief er. Lachend legte sie sich ein. Sie war stark und das Boot glitt schnurgerade über den See, hart auf das Westufer zu. Er machte eine schöne Schleife, dass sie dicht unter den Felsen drehten, und gab scharf acht – kaum einen Zoll vom Steine tauchte der Riemen ins Wasser. So hetzte er sie, rund herum um den See, dicht am Ufer entlang. Und noch einmal.

Heiss ward ihr, sie schlug die Aermel hoch und knöpfte die Bluse auf. Ihre Muskeln strafften sich, mit aller Kraft lag sie in den Riemen. Aber ihre Augen leuchteten vor Stolz, als er sie lobte.

Zwischen dem Schilf hiess er sie die Riemen ins Boot legen. Sie lagen still unter den hängenden Weiden, deren lange Zweige ein dichtes Nest um sie bauten. Der Mond stieg im Westen über die Berge und warf hundert tanzende Silberflocken durch die Blätter. Hinten sprang die Fiavè mit langen Sätzen von dem Felsen, ihr Rauschen hüllte die beiden wie ein weiter grauer Mantel.

Da stand das Mädchen auf von ihrer Bank und sass nieder zu seinen Füssen. Sie warf die Zöpfe nach hinten und blickte zu ihm auf. »Erzähle!« bat sie. »Das Märchen!«

»Das Märchen?« fragte er langsam. »Ach, es ist eine traurige Geschichte.«

Seine Hand ruhte auf ihrem Kopfe und doch fühlte er sie nicht. Er blinzelte durch die Zweige nach dem hellen, stillen See – und hinauf in den Mond. Er fühlte sich sicher in seinem einsamen Versteck im Tale von Scodra, rings wohl gedeckt von himmelhohen Bergen. Und nun da wieder still verborgen in dieser grünen Grotte – weit ab von allem Leben. Hier war er sicher vor allen Menschen und kein Feind mochte ihn finden in diesem Mauseloch. Hier war er allein.

Wohl war etwas bei ihm. Ja. Was nur? Etwas, das ihn liebte, etwas, dessen Dasein ihm eine stille, frohe Ruhe gab. Marfa, die Ziege. Oder der Kater. Oder auch Teresa. Irgendeines. Gewiss aber ein Stück der Natur – – da galt es ja gleich, wie es hiess. Er fühlte nur: irgend etwas war da, das Leben hatte und Atem, das ein Fremdes war und das doch sein Ding war, welches ihm gehörte.

Das war es, was er brauchte. Ein stummes Ding, zu dem er sprechen konnte.

Er kannte es wohl, dies Gefühl, das allen Menschen eignet. Diese grosse Sehnsucht zur Beichte. Fromme Leute haben es gut, dachte er, sie gehen zum Priester. Und die nicht fromm sind, wählen doch einen Beichtvater, gehen zur Geliebten oder zum guten Freunde. Der muss hören und der muss vergeben.

Er aber hatte keinen Freund und hatte keine Geliebte.

Früher hatte er einen Pudel gehabt, und den grossen Augen dieses Tieres hatte er vieles erzählt. Wenn er ihm die Hand leckte, wenn er wedelte mit dem Schwanz, dann war ihm vergeben.

Aber sein Pudel war tot.

Er streichelte Teresa, wie seinen treuen Hund. Es war ihm, als ob er zu Hause läge, wie in alter Zeit, als er zur Schule ging. Auf weichen Fellen lag er vor dem Kamin, abends zur Dämmerung, wenn kein Mensch da war in dem grossen Hause. Er nur allein und das schwarze Tier.

»Komm, Ali, komm,« sagte er, »ich habe so lange nicht gesprochen mit dir! Komm du, ich habe dir so viel zu erzählen!«

Das Mädchen kauerte still zu seinen Füssen, regte sich nicht.

Er sprach: »Siehst du, mein gutes Tier, das ist nun wieder passiert. Erinnerst du, wie wir zwei spazieren gingen, eines Abends in der letzten Woche, unten am Schlosse? – Da kam Thekla! – Nein, nein, du weisst es nicht, du warst ja unten im Garten, die Enten zu jagen. – Immer mit deinen Enten! Gestern ist wieder ein Protokoll von der Polizei gekommen – zehn Mark, weil es schon das dritte Mal ist in diesem Herbste. Die Mutter ist böse und sagt, sie zahle es nicht und ich müsse dich abschaffen. Aber sie zahlt es doch und ich schaffe dich nicht ab. – Uebrigens: was möchte es nützen, wenn man dich auch abschaffte? Du wärst ja doch am andern Tage wieder da!

Ja, du hast es gut! Du benimmst dich gar nicht wie ein wohlerzogener Hund. Du zerkratzt die Beete und jagst die Enten und zerreisst den Leuten die Hosen, die du nicht leiden magst. Das ganze Haus machst du schmutzig, so dass man auf den Treppen schon keinen Teppich mehr legen kann. Zweimal am Tage müssen die Mädchen von oben bis unten aufwaschen, deinetwegen, und um dich reinzuhalten brauchen sie Stunden, du Schmutzfink du! Wenn ich zwei Paar reine Stiefel gebrauche am Tage, dann maulen sie, aber hat sich je eine beklagt, über die Arbeit, die du ihnen machst? Sie sind stolz, wenn du gnädig einmal in die Küche gehst oder gar eine begleitest ein paar Strassen weit. Ja, schlag nur den Takt mit dem Schwanz dazu, ich weiss recht gut, dass das deine Art ist, mich auszulachen.

Komm, sei brav, Ali! Sag mir doch, wie du es machst, dass alle Menschen gut sind zu dir?

Denn sieh, zu mir ist niemand gut. Niemand. Alle quälen mich. Alle treten mich. Alle schlagen mich.

Hör zu:

– Also Thekla kam den Graben entlang am alten Schlosse. Ich wurde rot und schämte mich. Ich schäme mich immer.

Lieber Hund, warum nur? Warum? Warum hab ich immer dieses grässliche Gefühl?

Wenn ich ein Schulheft kaufen soll, stehe ich eine Viertelstunde vor dem Ladenfenster und wage nicht hineinzugehen. Ich schäme mich. – Wenn Besuch ist im Hause, so komme ich nicht heraus aus meinem Zimmer. Ich schäme mich.

Warum denn nur? Ich weine vor Wut und beisse in mein Taschentuch und es nutzt nichts.

– Thekla kam daher. Ich schämte mich und wurde rot und grüsste sie nicht. Dann ging ich ihr nach und wollte sie ansprechen. Sie ging langsam und an der Ecke wartete sie ein wenig. Aber ich drehte wieder um und sprach sie nicht an. Ich schämte mich.

Zu Hause schrieb ich ihr. Oder vielmehr, ich wollte ihr schreiben. Aber es wurde nichts daraus: ich schämte mich zu sagen, dass ich mich so schämte.

Dann kam es, dass ich ein Gedicht machte. Ich schrieb es ab und schickte es ihr.

Weisst du, Ali, was sie getan hat? Sie hat es ihrer Tante gegeben! Und die Tante hat es meinem Mathematiklehrer geschickt. Und der hat es dem Direktor gebracht. – Nun habe ich zum Samstag zwei Stunden Karzer und der Mutter werden sie's auch noch sagen und das ist das Schlimme.

Siehst du, das ist passiert.

Nun sag doch, was hab ich getan, dass sie alle so schlecht zu mir sind? Wenn Thekla mein Gedicht nicht mag, warum zerreisst sie es nicht? Und die Tante – warum ruft sie mich nicht? Sie kommt doch oft genug her ins Haus – ich hätte ihr gewiss gerne versprochen, nie wieder ein Gedicht für die Thekla zu machen. – Nein, sie schickt es aufs Gymnasium! Wenn sie es noch dem deutschen Professor gegeben hätte oder dem griechischen – die sie doch auch kennt! Die hätten ja beide gelacht und mir nur einen Verweis gegeben.

Aber nein – sie muss es dem ekligen Mathematikprofessor schicken! Weisst du, warum? Weil sie recht gut weiss, dass ich gar nichts kann in der Mathematik, und dass der dumme Kerl mich nicht ausstehen mag. Darum! – Und der natürlich muss auch gleich ein grosses Geschrei machen und zum Direktor laufen!

Was habe ich nun getan? Ich habe die Thekla nicht gegrüsst, das ist wahr. Aber sie weiss doch recht gut, dass ich sie sehr gerne grüssen will, und mit ihr sprechen und noch viel mehr. Und dann habe ich ihr ein Gedicht gemacht. Ja, das ist doch auch nichts Böses? Ich habe es doch gemacht, weil ich sie lieb hatte und weil ich mich entschuldigen wollte. – Das war sehr unpassend, sagte der Direktor. Wenn ich schon Gedichte mache, dürfe erstens, sagte er, nichts von Mädchen darin stehen. Nun frage ich dich, Ali, was soll denn sonst darin stehen? Ich kann ihr doch keine Ballade machen mit Riesen und Rittern – weil ich sie nicht gegrüsst habe und mich nun entschuldigen will! Und zweitens, sagte er, dürfe ich keinesfalls so ein Gedicht abschicken. Ja, aber die Dichter haben doch sicher ihre Gedichte auch abgeschickt, an die, für die sie bestimmt waren. – Man kann sie doch nicht liegen lassen, bis man ein Buch voll hat!

Nein, ich habe ihr nichts Böses getan, der Thekla. Den ganzen Sommer über habe ich jeden Tag Rosen geschnitten im Garten – die Mutter schimpfte, wo sie nur immer blieben. Ihr kleiner Bruder musste sie ihr bringen. Das habe ich getan. Sie hat sie alle genommen und nun hat sie mich der Tante verklatscht. Und dieser selben alten Tante habe ich vor drei Wochen erst zwei von meinen weissen Meerschweinchen geschenkt, als sie bei uns war. Sogar dem alten Mathematikprofessor habe ich einmal etwas Gutes getan; er verlor neulich sein Taschentuch auf der Strasse und ich hob es auf und brachte es ihm.

Warum also sind sie alle so schlecht zu mir?

Sieh, Ali, ich bin gut zu dir, nicht wahr? Und ich möchte gut sein zu allen Menschen – – aber man darf es nicht. Alle tun mir Böses an, alle. Nur die nicht, die mich gar nicht kennen.

Du darfst es mir ruhig glauben, Ali, ich kenne keinen, gar keinen Menschen, der mir nichts Böses tut. Sag mir, wie muss man es machen, dass sie gut sind?«

Er schwieg, seine Augen blickten sehnsüchtig durch die Zweige.

Das Mädchen zu seinen Füssen trank seine Worte. Sie verstand gar nicht, was das alles sollte, aber seine weiche, traurige Stimme trieb ihr Tränen ins Auge. Sie sah ihn an, die blonden Haarsträhnen fielen ihm über die Stirne, die jungen Lippen standen halboffen über den blanken Zähnen. Seine Hände ruhten auf den Knien, als ob sie ein offenes Buch hielten, aber er blickte weit darüber hinweg.

Wie ein fünfzehnjähriger Bube sah er aus, der da vor ihr sass, einsam, totverlassen auf weiter Welt.

Sie hätte aufspringen mögen und seinen Kopf an ihre Brust betten; wie eine Mutter fühlte sie für ihren armen Jungen.

* * *

»Nun bin ich wieder zurück.« sagte Frank Braun. »Wieder einmal. Komm her, komm dicht zu mir, mein gutes Tier!

Weisst du, warum ich so gerne zurückkehre in den Ferien? – Um dich zu sehen, du alter, lieber Kerl.

Warum ich dich nicht mitnehme zur Universität, so wie früher? Sieh, es geht nicht, wirklich nicht! – Was hast du denn auch draussen? Nur mich! – Hier aber hast du alles und darfst tun, was du willst, und bist der Herr!

Draussen bist du nur – irgendein Hund.

Da! Ich hab dir ein Halsband mitgebracht. Sieh dirs nur an, ein schöneres gibt es nicht in der Welt! Es ist ganz aus getriebenem Silber und zeigt den Jagdzug der Diana. Ascanio von Tagliacozzo arbeitete es, Benvenutos Schüler, für die starke Dogge der blonden Herzogin von Ferrara.

Weisst du, wer mirs gab? Eine schöne und kluge Frau. Und es bedeutet, dass sie mich nie wieder küssen will – nie wieder, verstehst du wohl?

So war es, mein liebes Tier. Ich war im Palazzo Gerelli, wie in jeder Nacht. Als wir aufwachten, ich und die schönste Frau in Pisa, brannten die gelben Becken noch und zugleich drang ein weisser Schein durch die offne Tür vom Altane her.

Das ist ein hässliches Gift, weisst du, das erste Licht des jungen Tages. Es macht die Menschen schlecht und böse.

Wir lagen auf dem breiten zerwühlten Bett; Wein stand auf dem Tische in Karaffen und Gläsern, und hohe Schalen standen dabei mit Früchten und Gebäck. Reste unseres Mahles vom Abende. Und viele Rosen, in Gläsern und Vasen und zerstreut auf dem Boden und in den Kissen. Meine Laute aber hing über dem goldenen Bettpfosten.

»Spiele.« sagte die schöne Fürstin Ginevra.

Aber ich war müde und wollte nicht spielen; auch war eine Saite gerissen auf der Laute. Der Raum war voll von einem schweren Hauch, es war also ob da tiefe Schatten lägen von dem Dufte des Malvasiers, von den heissen Rosen und dem Rauche der myrrhengetränkten Becken. Aber ihr nackter Leib und alles Linnen atmete den Duft Armide de Perse und ein schwüler Klang schwebte daher von wehen Umarmungen, die nun alle tot waren.

Ihre Lippen bluteten und sie sagte: »Singe!«

Ich nahm die Laute und zog eine neue Saite auf. Und ich nahm die Malmaisons und gab sie ihr ins Haar, grüne Ranken dazu, und weisse Boules de Neige, die alle Träume binden.

Ich sang ihr Lancelots Lied und ich sagte:

»Amor, che a nullo amato amar perdona,
Mi prese del costui piacer' si forte
Che, come vedi, ancor' non m'abandonna.«

Dann nahm sie Kirschen von den Schalen und wand sie um ihre Zehen. Und sie gab nur den süssen Fuss zum Kusse und ich ass die Kirschen und küsste ihre Zehen – eine Kirsche um einen Kuss – einen Kuss um jede Kirsche.

Sie legte kleine, blaue Feigen auf ihre Brüste und süsse Erdbeeren in ihren Schoss. Und ich küsste ihre Brüste und ihren Schoss und ich ass die Feigen und die Erdbeeren. Und ich trank den Wein, den sie mir bot in ihren blutenden Lippen.

Sie fragte mich, ob es etwas gäbe in der Welt, das ich noch liebe, ausser der Ginevra Gerelli.

Und ich sagte, dass es nichts gäbe in der weiten Welt, das ich noch liebe, ausser dem Leibe der schönen Ginevra Gerelli.

Da sagte sie, ich solle es schwören bei der Madonna und bei allen Heiligen.

Ich aber schwur ihr bei der Madonna und bei allen Heiligen, dass es nichts gäbe, das ich liebe, ausser dem süssen Leibe der Ginevra Gerelli.

Und ich sann nach, und es war wirklich wahr, dass ich nichts liebte in der Welt – ausser dieser Frau.

Nichts, gar nichts – – nur dich, mein schwarzes Tier.

Ich lachte und ich sagte der Fürstin, dass es doch noch ein Ding gäbe, das ich liebte. Mein schwarzer Pudel, zu Hause, am Rhein.

Da richtete sie sich auf, und des frühen Tages giftiges Licht sprang in ihre Augen. Grün wurden sie und bitterböse und grausam. Und sie sagte, ich müsse nach Hause fahren am Tage noch und müsse den Hund töten.

Ich müsse dich töten, sagte sie.

Ich weigerte es, da weinte sie und jammerte. Sie lag an meinem Halse und sie bat und flehte, ich solle dich töten, dich töten.

Und sie riss sich los und sagte, sie wolle selbst fahren und wolle es selbst tun.

Aber meine Sinne waren trunken von dieser Nacht und von aller Liebe und allem heissen Duft. Und ich rief, dass sie eher mich töten müsse, wie meinen schwarzen Hund.

Sie schlug mich und schalt, und sie schrie, dass ich sie nicht liebe. Ich wusste wohl, dass ich nur ein Wort zu sagen brauchte, nur sagen, dass ich es tun wolle. Sie würde es doch vergessen haben zum Abende.

Aber ich konnte es nicht sagen. Nicht einmal sagen konnte ich, was sie wollte. Sie raste und ihr Schrei gellte in mein Ohr. Oh, ich hätte sie morden mögen, da sie nicht abliess, mich zu quälen.

Da nahm ich den langen Dolch, der auf dem Tische lag. Ich drückte ihr den Griff in die Hand und bot ihr meine Brust. Sie möge nur zustossen, rief ich. Dann würde sie auch meinen Hund töten – denn er möchte wohl sterben vor Gram, wenn ich nicht mehr heim käme.

Die Fürstin Ginevra hob ihren Arm – einmal, zweimal hob sie den Arm gegen meine Brust. Und wieder hob sie ihn, ein drittes Mal, gegen die eigene Brust. Aber sie stiess nicht zu.

Sie lachte – wie wohl einer lachen mag, der seine Mutter erschlug. Sie sprang auf vom Bett und ging an den Schrank. Sie zog den Kasten heraus, der ihre Juwelen hielt und nahm das silberne Halsband. Sie warf es mir zu, wie ein Stück Brot dem Bettler.

Sie sagte: »Da, Knabe, bring das deinem Hunde!«

Und wieder lachte die nackte Fürstin Ginevra Gerelli und wandte sich und warf keinen Blick zurück und schritt aus dem Raum.

Hier, Ali, mein schwarzer Pudel, hier ist dein Halsreif. Ascanio von Tagliacozzo schuf ihn, Cellinis Schüler. Trag ihn, mein liebes Tier – – es kleben Tränen daran.

Tränen von mir – den du lieb hast.

Denn ich liebte diese schöne Frau. Ich weiss nicht, wie andere Männer lieben, aber es deucht mich, dass keiner je sie besser liebte als ich. Ich machte einen Tempel aus ihrem Leibe –

Und sie jagte mich fort.

Nun bin ich wieder zu Hause, bin bei dir. Willst du mich trösten? – Weisst du, es ist gut, einen grossen Schmerz zu haben, weil man alle die kleinen vergisst.«

* * *

Frank Braun lachte. »Nein, es ist nicht wahr, was ich sage. Man vergisst nichts, weder die grossen noch die kleinen Schmerzen. Alle kommen wieder, zu irgendeiner Stunde tauchen sie auf, in endloser Reihe. Und martern und quälen.

Nur die Freuden schwinden – im Augenblick. Aber die Schmerzen bleiben. Des Menschen Seele ist ein goldener Gral mit blitzenden Steinen. Aber drinnen kriechen schwarze Würmer.

Weisst du das, Teresa?

Sie fressen uns auf, dich und mich und alle Menschen, die eine Seele haben. Ich weiss nicht, ob du eine Seele hast, und ich wünschte, du hättest keine, mein armes Kind. – Aber mir gab ein schlimmer Teufel eine Seele, nun lauf ich damit herum mein Leben lang.

Ali, mein schwarzer Pudel, hatte auch eine Seele. Und seine Seele liebte meine Seele. Nun ist er tot und seine arme Seele fliegt einher durch alle Welt und ich suche sie. – Aber ich finde sie nie.

Ich weiss nicht, vielleicht starb sie auch, als mein Hund starb. Vielleicht fressen sie die Würmer in meinem Garten, wie sie seinen Leib fressen.

Soll ich dir sagen, wie er starb?

Einmal war ich zu Hause, wieder einmal. Wir gingen aus, am alten Schlosse vorbei, den Graben entlang. Da kam ein Wagen und darin sass mein guter Freund. Er hielt an und wir sprachen zusammen. Mein Pudel aber mochte den Wagen nicht leiden und die Pferde nicht, weil ihn, vor Jahren einmal, der Kutscher mit der Peitsche schlug. Als wir einander die Hand reichten und Lebewohl sagten, bat ich meinen Freund, einen Augenblick zu warten, ich wollte den Hund an die Leine nehmen. Er aber lachte und winkte dem Kutscher und fuhr davon. Da jagte der Pudel wild in die Pferde und bellte sie an. Eines trat ihn, er fiel, und der Wagen ging über ihn hin. Da lag er und richtete sich auf mit den Vorderbeinen, mit zerbrochenem Rückgrat. Und suchte den Leib nachzuschleppen und sah mich an. Ich hob ihn auf und trug ihn nach Hause in meinen Armen, eine halbe Stunde weit. Der Arzt kam und untersuchte ihn und schüttelte den Kopf. Er lag in meinen Armen auf den weichen Fellen am Kamin, wo wir so oft gelegen. Er klagte nicht und er jammerte nicht. Er sah mich an und leckte die Tränen, die auf meine Hände fielen.

So starb er.

Ich grub ihm ein Grab in meiner Mutter Garten. Eine grosse Yucca wächst darauf. Manchmal denke ich, dass sie tief hinunter reicht mit drei langen Wurzeln. Zwei stecken in den Höhlen seiner Augen, die dritte aber treibt aus seinem Herzen. Und die starken Wurzeln saugen und trinken, und mein toter Freund wird immer kleiner und immer geringer und die grosse Yucca immer mächtiger und immer schöner und herrlicher. Hundert weisse Glocken läutet ihr starker Stab.

Dann meine ich wohl: sie ist mein Freund.

Aber ich kann nicht zu ihr sprechen. Die Yucca ist blind und böse – so sind alle Wesen, die blind sind. Sie haben keine Seele.

Nein, nein, die Yucca ist nicht mein schwarzer Hund. Sie hat ihn gefressen, wie er tot im Grabe lag.

Siehst du, kleines Mädchen, so herrlich sieht sie aus – und so schlecht ist sie doch!«

– Teresa sah, wie seine Augen leuchteten. Die Lippen zogen sich zusammen, schmerzlich, doch voll hoher Sehnsucht, es schien ihr, als ob er zwischen den Zähnen eine halboffene, glührote Rose halte. Seine Arme hoben sich leicht, wie zum greifen: irgendein grosser Traum wuchs in des Jünglings Seele. Er aber wollte ihn fassen und formen und zum Leben küssen.

Und das Mädchen dachte, dass sie glücklich wäre, wenn sie nur ein kleines Stäubchen sein könnte in dem grossen Wirbel dieser Träume.

Lange blieb er so und sprach kein Wort und regte sich nicht. Doch die Flamme brannte in seinen Augen und es war, als brenne sie tief hinab in die Brust. Seine Wangen wurden bleich und fielen ein und es schien dem Mädchen, als könne sie durch die Haut die harten Knochen sehen. Die Rose aber tropfte aus seinen Zähnen und fiel herab, wie ein grosser Blutstropfen.

Aengstlich sah sie weg und barg ihr Haupt auf seinen Knien. Sie fühlte wie seine Finger sich auf ihre Locken legten.

* * *

Da sagte er: »Ali, mein lieber Hund, ich komme zurück. Nach vielen Jahren komme ich zurück. So leg dich zu mir auf die weissen Felle – siehst du das Feuer im Kamin? Warte, ich will Scheite ins Feuer geben.

Man muss immer neue Scheite hineinwerfen, sonst stirbt es. Das Feuer frisst und ist unersättlich. Aber gib ihm nur immer und immer zu fressen, so wird es ewig leben. Solch ein Feuer, mein schwarzes Tier, brennt da irgendwo in meinem Hirne. Unersättlich ist es.

– Viele Jahre war ich nun da draussen in vielen Landen. Ich bin ein Renegat, weisst du, und bin aus allen Lagern entwichen.

Immer war es gut zu Beginn und ich glaubte an die neue Fahne. Aber da war keine, die nicht für eine Lüge in der Luft wehte. So brach ich meine Eide – um nicht meineidig zu werden an mir selbst.

Das ist alles.

Mit vielen Brüdern trank ich und ich küsste viele Frauen. Aber die Frauen waren Dirnen und die lieben Brüder erbärmliche Schufte Sie nahmen mein Geld und assen mein Brot, sie tranken meinen Wein und gaben mir Gift ins Glas.

Ich sass zu den Füssen kluger Männer: und ihr Mut war eine Lüge.

Ich ritt ins Feld mit fröhlichen Reitern: und ihr Mut war eine Lüge.

Ich grub den Boden mit braunen Bauern: und ihr Fleiss war eine Lüge.

Ich schwärmte zur Nacht mit Malern und Dichtern: und ihre Kunst war die frechste Lüge von allen.

Hart wurde meine Hand von tausend Händedrücken und meine Lippe wund von tausend Küssen. Aber ein jeder Kuss und ein jeder Handschlag war eine Lüge am letzten Ende. Alle Tage kamen die Lügen und jede arme Nacht. Selbst in die Träume schlichen sich die Lügen.

Ich watete in einem Sumpfe roter Lügen und nirgend war ein festes Land. Wo ich den Fuss hinsetzte, brach er ein, tiefer sank ich mit jedem Schritte. Wenn ich gen Abend ging, stak ich im Schlamm, wenn ich gen Morgen zog, klebte ich im Moor. Ueberall sank ich ein und nirgend führte ein Weg hinaus.

Dann, weisst du, als es dunkel war, hing ich am Baum – mir selbst geweiht von mir selber. Ein Fetzen Land und die Erde darauf, und rings um mich der Sumpf. Da hing ich am Baume und lauschte. Etwas aber sass in den Zweigen und sang.

Und ich verstand, dass es nur zwei Dinge gab, und das eine war Ich. Das andere aber war alles – das nicht Ich war.

Und es war ein Ding und nicht viele tausend Dinge, wie ehedem. Ein grosses Ding und doch kleiner als das andere war – das Ich selbst war.

Doch es sang aus den Zweigen:

›In hoher Freude leben wir, feindlos in der Welt der Feindschaft; unter Feindschaft erfüllten Menschen leben wir ohne Feindschaft.

In hoher Freude leben wir, gesund unter Kranken; unter den Kranken weilen wir ohne Krankheit.

In hoher Freude leben wir, ohne Trachten unter den Trachtenden. Unter den trachtenden Menschen leben wir ohne Trachten.

In hoher Freude leben wir, denen nichts angehört. Fröhlichkeit ist unsere Speise, wie der lichtstrahlenden Götter.‹

Ich lauschte den süssen Worten. Und ich fühlte wohl, dass das andere Ding, das nicht – Ich war –, nicht war: dass es das Nichts war. So war nur noch ein Ding in der Welt: Ich war. Und ausser mir war das Nichts und das Uebernichts.

Wieder sang es durch die dunkle Nacht. Aber nicht ein anderes sang, sondern mein Herz war eine Laute, wie das Israels, des Engels. Mein Herz war eine Laute und sang. Und war ein helles Licht und leuchtete in die Nacht. Und war eine rote Wunde und blutete aus süssen Wonnen das grosse Opfer.

So aber sang die Laute:

›Wo unerschöpfliches Licht, die Welt darinnen die Sonne gesetzt ist: in die trage mich, Flamme, in die unvergängliche Welt der Unsterblichkeit. Dir selber tropfe dein Blut.

Wo man nach Lust sich bewegt, am dreifachen Firmament, an des Himmels dreifachem Himmel, wo die Lichtwelten sind, dort lass mich ewig sein. Dir selber tropfe dein Blut.

Wo Wunsch und Belieben, wo des rötlichen Himmels Fläche, wo Götterspeise und Sättigung, dort lass mich ewig sein. Dir selber tropfe dein Blut.

Wo Freude und Wonne, Genuss und Geniessen wartet wo des Wunsches Wünsche erlangt sind, dort lass mich ewig sein. Dir selber tropfe dein Blut.

So sang die Laute, die mein Herz war.

Und dann fühlte ich, wie mein Ich zerrann.

Denn ich schwebte in dem ersten Wasser der Glückseligkeit.

Kein Gegensatz mehr zwischen Ich und Nicht-Ich: eines ward ich mit dem Nichts.

Das Nichts war die Gottheit und Ich war in dem Nichts und in der Gottheit.

So, zum ersten Male fühlte ich Gottes Nähe und er war das Nichts, in das ich zerrann. Mit mir berührte sich Gottes Geist und zeugte in mir das Kind der Zeiten.

Denn das ist Gottes Wesen, dass es durch alle Ewigkeiten den Sohn gebären will.

So rauschten die Schauer Gottes und aus heiligen Quellen tropfte das zweite Wasser.

Wie der Tropfen verdunstet auf sonndurchglühtem Stein, so zerrannen im Nichts die beiden Gewaltigen: Raum und Zeit.

Es war keine Vergangenheit und war keine Zukunft, war nur eines, der Augenblick. In dem ungeheuren Augenblicke versank alles Geschehen.

Und der Augenblick wuchs und spannte sich über alle Zeiten und Räume und war eine Flamme und ein Klang und eine Wunde.

Und die Flamme sang das Lied, und der Klang tropfte das Blut, und die rote Wunde brannte himmelhoch: so wuchs aus der Gottheit des Nichts das dritte Wasser, das das grosse Licht war.

Das Licht aber hob sich und alles schwebte. Nur ein Glanz war überall. Es lässt sich nicht sagen, was war, denn das kann keiner sagen, der je es erschaute, wie das Nichts ist, das der Gottheit ewiges Sein ist.

Alles ist Licht und Glanz, wo das dritte Wasser ist. Und ist herrlich über alle Maassen.

Und ist doch nur ein jämmerlich Ding vor dem letzten Wasser. Denn das letzte Wasser – das ist Gott selbst. Nicht ein Zerrinnen in ihm, nein, ein Wachsen und Werden zu Gott. Und wer es fühlt, der ist Gott.

Ich aber sah, wie es kam. Näher und näher, aus mir und in mir und zu mir hin von allen Seiten –

Und ich fühlte mich nahe dem Hauche des höchsten Wassers.

Da glühten viele Legionen riesiger Würmer aus dem Sumpfe. Und brachen heraus und zogen heran, unzählbar aus allen Ewigkeiten, rote, glührote Lügen. Und alles zerbrach und der Glanz zerstob und in grässlichem Dunkel versank alles – und die feurigen Würmer.

So starb, ehe er vollendet, der grosse Augenblick.

Der Strick riss, an dem ich hing und ich lag am Boden auf feuchter Erde unter dem Erlenbaum. Die roten Lügen der Welt frassen den heiligen Strick, und die Vollendung starb und alle Erlösung.

Und es gab wieder zwei harte Dinge, die sich stiessen: Ich und das andere. Alles war, wie es einst war, und ich war elender, wie ich gewesen. Nun, da ich alle Himmel weit offen gesehen.

Gesehen – o nur gesehen!

Denn die roten Lügen frassen das letzte, heilige Wasser.

Da wuchs in mir der grosse Hass. Ich sprang auf und griff das Pferd, das neben mir graste. Ich stieg auf das schwere, schwarze Pferd und ritt dahin.

Hinter mir aber und mir zu Diensten ritten die vier gewaltigen Reiter.

Die Krone trug der erste und den sieghaften Bogen und ritt ein weisses Ross.

Das Schwert trug der zweite und ritt ein rotes Ross, der nahm allen Frieden.

Die Wage trug der dritte, die strenge Wage. Das war der, der das schwarze Ross ritt.

Der vierte aber war der Tod. Und er ritt ein fahles Ross und die Hölle flog in seinem Mantel.

So ritten wir und zwanzig harte Hufe stampften auf nackte Leichen. Die vier Reiter schwiegen, ich aber lachte laut durch die dunkle Nacht.

– So war mein Traum. Und es war doch nur das Leben, das ich träumte.

Wie ich aber wach war, schlang ich mit Gier alles, was böse war. Und ich sah, dass alles, was die Hölle gab, gross war und schön, so schön wie das, was aus dem Himmel kam. Nur was die Erde gab, war nicht gut und nicht böse: so war es hässlich und klein.

Ich aber war nur ein Mensch. So blieb ich unrein für des Himmels Brot und blieb doch zu schwach für der Hölle heisses Blut. Und ging und ass die Speise der Menschen und lebte ihr Leben und tat ihre Taten.

Und alles war verfault und verrottet, was ich tat, und mein Atem stank nach verwestem Aase.

Da floh ich noch einmal in die stille Höhle und war allein mit mir selbst drei Tage lang und drei lange Nächte. Und lag krank und zerrissen und verbrannt in giftiger Fäulnis.

Dann aber brach ich alle Ekel aus. Und so, weisst du, ward ich sehr gesund.

Nun bin ich frei. Alle Liebe starb und aller gute Hass. Und nichts gibt es mehr für mich in aller Welt, nichts mehr. – Nur du, mein Tier, lebst noch, ein müder Traum aus der toten Zeit. Wie ein Schatten huscht er vorbei, rasch wie ein Wind – einmal, alle hundert Jahre.

Nun bin ich frei. Alle Ketten fielen und alle Rosen und stark und sicher gehe ich meinen Weg. Ein guter Panzer liegt um mein Herz, und das Feuer muss stark brennen, das ihn schmelzen mag.

Die Ratten flohen und ich bin gefeit.

Den Frieden habe ich und die grosse Ruhe. Das ist das letzte, das ein Mensch erreichen mag. Ich aber habe es, denn ich bin frei.

Und selten, selten nur zeigt die zerschlagene Sehnsucht ihr blutwundes Haupt. Ich lasse sie sagen und singen, und ich denke, dass sie zu einem Fremden spricht. Zu einem, der längst tot ist – nicht aber zu mir.

Nur traurig macht mich ihr seltsam Lied, das ich kaum mehr verstehe.

– Ali, du bist mein lieber Freund. Du bist meine Seele und meine Sehnsucht. Du bist das, was zurück blieb von allem zerschlagenen Glück.

Komm, gib deinen Kopf, lass mich deine schwarzen Locken streicheln, mein altes Tier. Frierst du? Ich will neue Scheite ins Feuer werfen. Glaub mir, es war ein schlimmer Kampf. Aber keiner erschlug mich, und ich sitze da und mein Auge fliegt durch alle Weiten. Nur die alten Wunden bluten und brennen – –«

* * *

Seine Rede erstarb, eng und fest schlossen sich die Lippen. Das Mädchen hob den Blick, und er schien ihr grösser und viel älter. Hoch aufgerichtet sass er da, das Haupt in den Nacken geworfen, die Augen scharf geradeaus spähend. Sein Gesicht war bleich und die Züge herb und hart. Sie erschrak und es schien ihr, als ob er auf den Knien mit beiden Händen ein grosses, nacktes Schwert halte.

Dann sah sie, wie seine Lippen zuckten. Und sie sah, wie sich die Augen trübten und wie zwei Tränen langsam über die hohlen Wangen schlichen. Sie tropften hinab und ihr war, als ob sie wie glühende Nadeln scharf in ihr Herz sprängen.

Sie schluchzte laut und griff seine Hand und grub ihren Kopf in seinen Schoss. Und weich und leicht, wie ein treuer Hund, leckte sie seine Hand.

Er merkte es wohl, er zitterte und wollte die Hand ihr wegziehen. Aber es tat so wohl und so gut, nichts deuchte ihn so schön, wie diese weiche Liebkosung uralter Tage.

»Ali, mein alter Freund!« flüsterte er. – »Mädchen, liebes Mädchen!«

Er hob sie auf, streichelte ihre Wangen. »Du bist sehr gut.« sagte er. Er sah ihre Augen und sah, dass sie geweint hatte. »Um mich?« fragte er. »Warum weinst du um mich? – Das ist wahr, man soll nicht so traurige Geschichten erzählen. Ich will singen, das ist schon besser. Gib mir die Laute.«

Er küsste sie leicht, dann hiess er sie hinausrudern aus den Weiden, weit in den See und den Mondschein. Er winkte ihr, dass sie die Riemen beilegte; dann sang er durch die blaue Nacht. Halblaut, träumerisch – sehnsüchtige Lieder, wie das Mädchen sie liebte.

Er sang für sie und sie fühlte es wohl. Ein leichter Wind trug sie über den See.

Er sang und er sah sie an und sah, dass sie glücklich war.

* * *

Ihr Gesicht, eben noch vom vollen Monde beschienen, verdunkelte sich plötzlich, während die vorgestreckten, gefalteten Hände noch in hellem Lichte erglänzten. Im nächsten Augenblick schien ihr Gesicht wieder hell, aber der Schatten, der sie getroffen, huschte nun über ihn selbst, verliess das Boot, lief über das Wasser und blieb dann, lang und breit, fast in der Mitte des Sees stehen. Verwundert blickte Frank Braun hinauf. Der Mond hing über dem Kamme der Nordseite, sein Schein fiel schräg auf den See, über der steilvorspringenden, überhängenden Platte hin, die die drei grossen Kreuze trug. ›Es ist der Schatten des Christusbildes.‹ dachte er. Aber er irrte sich, die Kreuze standen dicht an der Bergwand, lagen längst im tiefen Schatten.

Da griff das Mädchen seinen Arm, zeigte mit der Hand hinauf zu der Platte: »Dort, dort,« flüsterte sie, »schau dorthin!«

Er folgte ihrem Blick und sah, dicht am äussersten Ende, eine seltsame Gestalt. Sie schien schwarz und ihre Silhouette hob sich scharf von der Wand ab. Sie blieb einen Augenblick stehen, dann glitt sie weiter, immer dem letzten Rande der Platte entlang, ruhig, Schritt um Schritt.

»Rudere hin!« befahl er. Das Mädchen griff in die Riemen, mechanisch, gewohnt seinem Wort zu gehorchen. Aber die Arme versagten den Dienst, zitterten vor Angst. Frank Braun stiess sie fort, nahm selbst die Riemen auf. Sie kauerte vor ihm, umklammerte seine Knie.

Mit raschen Schlägen trieb er das Boot heran, versuchte nach Möglichkeit jeden Lärm zu meiden.

»Es ist der Amerikaner!« flüsterte Teresa. Frank Braun drehte das Boot bei und blickte hinauf.

Ja, es war Mister Peter. Die Augen weit offen, stand er am Abhang. Seine Lippen bewegten sich, die Arme hoben und senkten sich, als ob er eine Ansprache hielte. Das Gesicht schien reglos, ohne Bewegung, und nicht ein Wort kam aus seinem Munde.

Frank Braun fühlte, wie das Mädchen sich an ihn presste. Sie bebte vor Furcht, wimmerte und schluchzte. Er sah, wie sich ihre Lippen öffneten, um ihre Angst gellend hinaus zu schreien. Schnell schloss er ihr mit der Hand den Mund.

»Still, still!« flüsterte er. »Siehst du denn nicht, dass er im Schlaf wandelt? Du wirst ihn wecken und er wird sich zu Tode stürzen!«

Aber es war zu spät. Gellend, qualvoll drang der Schrei aus ihrer Brust, hallte laut wieder von allen Seiten des Tales. Befreit und erleichtert, dann erschreckt über ihre Tat, presste sie sich noch enger an ihn, biss sich fest in seinem Rock.

Der Amerikaner rührte sich nicht; sein Ohr, nur nach innen gerichtet, hatte nichts von dem Schrei gehört. Ruhig blieb er noch eine Weile stehn, heftig predigend; kniete dann nieder und betete inbrünstig mit ausgestreckten Armen. Endlich erhob er sich, ging zurück über die Platte und den breiten Stationsweg hinunter. Frank Braun folgte ihm mit dem Blick, bis er hinter den Büschen verschwand.

Schweigend ruderte er zurück, band das Boot an, trug das schwer auf ihm hängende Mädchen in das Haus.

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