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Der Zauberlehrling oder die Teufelsjäger

Hanns Heinz Ewers: Der Zauberlehrling oder die Teufelsjäger - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHanns Heinz Ewers
titleDer Zauberlehrling oder die Teufelsjäger
publisherGeorg Müller
year1917
isbn
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131021
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IV.

Verirrte Seele
Von Golgatha,
Satan ist gütig;
Heloise ist da!

G. Carducci, Hymne an den Satan.

 

Teresa kniete auf der kleinen Beichtbank; ihre Stirne lag auf den gefalteten Händen. Ihre Augen waren fest geschlossen, sie sah den alten Pfarrer nicht, der in seinem Lehnstuhl vor ihr sass.

Sie erzählte.

Ihre Worte kamen ohne Pause, klanglos, still, in stetem, ruhigem Flusse. Geduldig, ohne sie zu unterbrechen, horchte der Greis. Seine Augen suchten herum an den Wänden seines Zimmers, hafteten schliesslich an einem kleinen, goldgerahmten Bild, das farbenfroh und unbeholfen genug das heimatliche Val di Scodra darstellte. Er sah den runden See tief unten im Kessel, sah die braunen Dächer, die wie rostige Moosflecke auf dem Grün des Abhanges klebten.

Er seufzte. Wie lange war es doch her, seit er dort herumstieg mit seiner gelben Ziege! Und dort sass nun dieser Deutsche –

Dieser Deutsche, den er selbst dahin geschickt. Und der nun sein armes Beichtkind –

Teresa schwieg. Langsam hob sie den Kopf, blickte ihn an – ratlos, tief fragend.

Der alte Mann sah ihre Augen unter den Wimpern leuchten, gross und blau. – War sie denn nicht auch eine Deutsche?

Er dachte an ihre Mutter. Eines Lehrers Kind – eines von siebzehn. So mochte sie froh genug sein, als Raimondi um sie freite, ein Feldwebel der Kaiserjäger. Aber dann, gleich nach der Heirat, starben seine Eltern; er nahm seinen Abschied und zog mit der jungen Frau nach Val di Scodra. War es nicht ein Grab, in das er sie brachte? Sie war allein, hatte nicht einen Menschen, mit dem sie ein Wort nur sprechen konnte, nicht einen. Aber nicht die Sprache war es, die sie trennte von den Leuten des Tales, die lernte sie schnell genug. Nur das kleine bisschen Bildung trennte sie, wie gering es auch war, dennoch weit von diesen Tieren der Berge, liess sie als eine Fremde erscheinen, als einen Eindringling, den man hassen musste.

Nur ihr Töchterlein blieb ihr, Teresa. Und vierzehn Jahre lang lebte sie für diese; still, demütig, in ewiger wehmütiger Sehnsucht, die keine Hoffnung mehr kannte. Sie verblühte schnell und verblich, und was endlich starb nach manchen Jahren, war nur ein kläglicher Schatten der schönen Maria von Brixen.

Minuten verrannen. Er antwortete seinem Beichtkinde nicht – wusste nicht, was er ihm sagen sollte. – – Wo war denn die Sünde des Mädchens?

Wohl – o gewiss – es war eine Sünde. Aber welche? Wo begann sie? Und wie sollte er sie fassen?

Wieder bewegten sich ihre Lippen. Unendlich leise kamen die Worte; er hörte sie kaum, las sie mehr ab von ihrem Munde: »Hochwürden – ist es wahr? – – Sandte ihn die Madonna?«

Er erschrak, ein leichter Schweiss trat ihm auf die Stirne. Und er grübelte wieder: »Wo ist ihre Sünde?«

Dann, schnell, unvermittelt, stellte er eine Frage. – »Geht er oft zu dem Amerikaner?«

»Nein.« sagte das Mädchen.

Der Priester wunderte sich. »Nein?« wiederholte er. »War er nie da?«

»Doch.« antwortete sie.

»Erzähl mir alles, was du davon weisst,« forderte er.

Sie sagte gelehrig: »Er war einmal da, abends; gerade um sieben Uhr trat er in den Saal. Ich weiss es genau, ich sah ihn eintreten, da ich zufällig am Fenster stand und hinausblickte.« Sie wurde rot, unterbrach sich. »Nein, Hochwürden, nein – verzeiht mir – das war nicht zufällig. Wenn er ausgeht, treibt es mich in mein Zimmer und ans Fenster. Ich stehe da und schaue ihm nach. Sehe zu, wohin er geht, wie er bald hier ist im Tale und bald da. – Ich will es nicht tun und ich muss doch.« Sie senkte den Kopf, ihre Augen blieben trocken, aber ihre Stimme weinte.

»Weiter!« drängte der Pfarrer.

Teresa sagte: »Er war kaum eine Stunde dort. Dann kam er zurück zum Abendessen. Da erzählte er dem Vater, wo er gewesen sei. Und er sagte, dass sie alle Dummköpfe seien, die Teufelsjäger, und dass der Vater und Angelo, unser Knecht, die einzigen Vernünftigen seien im Dorfe, weil sie den Unfug nicht mitmachen. – Das ist alles.«

Der Alte schöpfte tief Atem. Es war, als sei eine schwere Last von ihm genommen, er fühlte sich befreit von einer grossen Angst. Er wusste nicht, was er fürchtete, aber dieser dumpfe Druck quälte ihn nun schon Wochen lang. Und nun schien er fort. Es deuchte ihn, als ob das Uebel, das noch da war, nur ein geringes sei, zu dem andern, unbekannten, dem er entronnen.

Aber immer noch wusste er nicht, was er dem Mädchen sagen sollte. So suchend begann er wieder zu fragen, forschte sie aus nach allem was der Fremde treibe.

Sie gab ihm geduldig Antwort. »Er arbeitet tagsüber, und oft tief in die Nacht. Dann geht er spazieren. Zuweilen auch rudert er auf dem See.«

Der Alte fragte: »Fischt er?«

Da sagte sie: »Nein, er fischt nicht. Er ist gut zu allen Tieren. – Aber er quält die Menschen –«

Sie stockte, aber der Pfarrer winkte ihr fortzufahren. »Wenn er eine Raupe auf dem Wege sieht, nimmt er sie auf und trägt sie ins Gras, dass sie niemand zertreten möge. Er schalt mich, weil ich ein Spinnweb wegnahm von seinem Fenster, und er füttert mit seinem Brote die Hühner und Tauben. Alle unsere Tiere laufen ihm nach, die grosse Ziege klettert die Treppen hinauf und kommt zu ihm ins Zimmer, zusammen mit unserm Kater.«

Der Alte lächelte. Er sah das Gesicht des blonden Deutschen, so jung, so froh und lachend. »Er ist doch ein grosses Kind,« dachte er.

Das Mädchen sagte: »Aber die Menschen schlägt er. Einmal, als der Knecht das Maultier schirrte, sah er, dass die Gurten zu eng waren und dass das Leder dem Tiere die wunde Haut scheuerte. Da fasste ihn ein Zorn, er riss die Riemen herunter und schlug sie dem Knechte ins Gesicht.«

»Er hat recht getan.« sagte der Pfarrer.

Das Mädchen hob die Augen; diese kleine Zustimmung richtete sie auf, füllte sie mit froher und stiller Gewissheit. Dann, wieder zweifelnd, senkte sie den Kopf.

»Auch mich schlug er.« murmelte sie.

»Auch dich?« fragte der Pfarrer rasch.

»Ja.« sagte sie tonlos. »Sonst bekümmert er sich nie um mich, sieht mich kaum, weiss oft nicht einmal, dass ich da bin. Aber eines Morgens, als er frühstückte, kam ich ins Gastzimmer. Ich hatte in der Falle eine Maus gefangen, nahm sie heraus und warf sie dem Kater hin. Da sprang er auf und schlug mich ins Gesicht. Dann jagte er dem Kater die Maus ab und liess sie laufen.«

Der Alte fragte: »Und was tatest du?«

Verwundert sah sie ihn an. »Ich? – Nichts. Er schrie und schalt mich aus. Er sagte, wenn Mäuse da wären, so möge der Kater sich selbst so viele fangen wie er wolle, das sei seine Sache. Und wenn ich in der Falle welche finge, so möge ich sie ersäufen, oder sie totschlagen. Aber ich solle Tiere nicht unnütz quälen. – Er fragte mich, ob ich das verstehe? Und da ich keine Antwort gab, griff er meine Hände und presste sie zusammen, dass ich glaubte, die Knochen brächen. Ich schrie nicht, aus Trotz, aber ich sank vor ihm in die Knie. Er aber gab nicht nach, bis ich ihm versprach, nie wieder dem Kater eine Maus zu geben.«

»Und hast du das gehalten?« fragte der Alte.

»Ja.« sagte das Mädchen rasch. »Ich musste es ihm geloben bei der Madonna.« Sie stockte wieder, suchte nach Worten. Nach einer Weile fuhr sie fort: »Dann liess er mich los und ich ging hinaus. Aber ich hörte, wie er noch vor sich hinsprach – das tut er oft. Hochwürden. Und jetzt sagte er etwas Merkwürdiges, das ich nicht verstand. Er sagte es wie zu mir, obwohl ich gar nicht mehr da war. Er sagte leise: ›Du darfst ja quälen. Aber doch nicht unnütz. Quälen ist gut. Es ist eine Kunst – und vielleicht die grösste. Aber die Menschen sind dumme Tiere: sie quälen, ohne es zu wissen.‹ – So sagte er.«

Sie schwieg, ihre Augen suchten eine Antwort. Aber der alte Pfarrer blieb stumm. Wieder sah er des Fremden Gesicht, doch hatte es jetzt diesen starren Ausdruck, der ihn bannte und ängstigte.

Sie stand auf, trat auf ihn zu. »Was soll ich tun?« fragte sie.

Aber der Alte schüttelte den Kopf. »Ich weiss es nicht.« murmelte er.

Da warf sie sich auf die Knie ihm zu Füssen, bettete ihren Kopf in seinen Schoss. Sie schluchzte, und er fühlte, wie ihre Tränen seine Soutane netzten. Er wollte ihr helfen und konnte doch nicht. Schweigend legte er seine Hand auf ihr Haupt, strich leicht ihre Locken.

Plötzlich hob sie sich, griff seine Hand. Ihr Atem flog und er spürte ihren heissen Druck. »Hochwürden,« rief sie, »ist es wahr? – – Sandte ihn die Madonna?«

Und in ihren Augen leuchtete ihr Wunsch und ihre Sehnsucht und diese heisse Bitte um ein Ja.

Er fühlte es wohl. Und er sah in ihren Augen des Fremden drittes Bild: den Jüngling, träumerisch, glühend, alle Himmel stürmend. Und er wusste, dass dieses Bild ihre ganze Seele füllte.

Das Wort drängte sich auf seine Lippen, fast gewaltsam. Aber er bezwang sich, wandte den Blick ab und sagte: »Ich weiss es nicht.«

Er hörte ihren tiefen Seufzer und ihr Schmerz stach ihn wie sein eigener. Ihre Finger lösten sich, um gleich wieder zuzugreifen, krampften sich nun in seine Hände.

»Hochwürden,« stammelte sie, »Hochwürden! – Oder aber – oder – –«

Sie brach ab, aber er verstand ihre Frage wohl. – Welche Macht sandte diesen Fremden? Die Madonna – oder – –? Und ratlos, ohnmächtig, wie das Mädchen, antwortete er wiederum: »Ich weiss es nicht.«

Sie brach zusammen, fiel über seine Knie. Ein Schluchzen griff sie, warf ihren armen Leib; es schien dem Pfarrer, als müsse sie in Stücke brechen hier zu seinen Füssen. Ein unendliches Mitleid fasste ihn, er nahm ihren Kopf und richtete sie auf.

»Liebst du ihn denn so?« fragte er gütig.

Da hauchte sie: »Ja, Vater, mehr als mein Leben.«

Er küsste leise ihre Stirn. »So geh, mein Kind. Nimm dein Schicksal auf dich. Es ist Gottes Fügung.«

Sie sah ihn an, dankbar, unfähig eines Wortes. Dann bedeckte sie seine Hände mit Tränen und heissen Küssen.

* * *

Frank Braun kam spät herunter, er hatte bis zum Morgengrauen gearbeitet. Er frühstückte, schaute dabei versonnen durchs Fenster. Teresa bediente ihn, sie stand still neben ihm und wartete auf einen Blick.

Aber er sah sie kaum. Er hatte nicht bemerkt, dass sie fort war und bemerkte nun nicht, dass sie wieder zurück war. Er ass schnell und stand auf.

Am Abende, und am nächsten Tage, immer stand sie neben ihm, wenn er speiste. Sie wagte es nicht, ihn anzureden, bediente ihn stumm wie eine Sklavin.

Einmal sagte sie leise: »Ich soll Ihnen Grüsse bestellen vom Pfarrer.«

Er sah auf. »Von welchem Pfarrer?«

»Von Don Vincenzo.« sagte sie.

Er nickte gleichgiltig. »Ach so. – Danke schön.«

Seine Gedanken waren weit fort – nach einer Weile erst fielen ihm ihre Worte auf. Er sah sie an – und sah, dass sie schön war.

»Du hast den Pfarrer gesehen?« fragte er.

Sie senkte die Augen nicht, erwiderte seinen Blick. »Ja, vor vier Tagen war ich in der Stadt.«

Er fragte: »Du hast gebeichtet?«

Da nickte sie. Dann, leise genug: »Er hat gesagt, es sei Gottes Fügung.«

Frank Braun lachte. »So? Das hat er gesagt? – Er auch?!« – Er schlug sie leicht auf die Wange und ging hinaus.

Zuweilen plauderte er nun mit ihr, aber er rührte sie nicht an. Er war freundlich und gut zu ihr, wie zu einem hübschen Buben, dessen Gegenwart er duldete. Manchmal, wenn er die Laute nahm, rief er sie. Dann durfte sie still bei ihm sitzen und lauschen.

Oder er stieg in den Kahn und gab ihr die Riemen. Sie ruderte und schweigend sass er vor ihr, sann und träumte auf das Wasser. Und er gewöhnte sich daran, dass sie neben ihm lief, wenn er spazieren ging, geduldig, aufmerksam, wie ein wohlerzogener Hund.

Eines Abends, als sie im Boote sassen, fiel ihm ein, dass sie ja Deutsch sprach. Das war ihm lieb, er fühlte das Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen über seine Arbeit. Aber er dachte deutsch und wenn er zu ihr in ihrer Sprache reden würde, so hätte ihn das mehr daran erinnert, dass sie ihn doch nicht verstehe. Nun aber erzählte er alles, was er dachte. Er fragte ihren Rat und antwortete auch gleich für sie. Das half ihm, er sah klarer, schärfer, wenn er so laut zu ihr sprach.

Teresa hörte ihm zu, ernst, geduldig, stundenlang. Sie begriff wenig genug von alledem, aber es schien ihr ein Grosses und Wunderbares zu sein.

Sie sass vor ihm und schwieg, glücklich, selig in dem Gefühle, dass ihr Herr zu ihr sprach.

* * *

Frank Braun zählte die Tage nicht. Der Frühling schied und der Sommer lag im Tale, das sah er wohl. Er ging mit dem Mädchen durch die Fluren und fühlte: ein Gemeinsames war zwischen ihm und den Leuten, die das Land bestellten. Ihre Hände warfen die Saat, eggten und pflügten, schufen alles, was da wuchs. Und so wuchs sein Werk. Er war heiter und froh in der starken Kraft seines Schaffens, liess auf seinem Boden die Früchte zur Sonne reifen.

Manchmal, am Tage, wenn das Mädchen im Garten war, oder weit im See, rief er die weisse Ziege oder den Kater. Keines hatte einen Namen, aber er hatte die Ziege Marfa und den Kater Fritzi getauft. Und die Tiere hörten auf diese Namen, kamen schnell die Treppe hinauf, wenn er sie rief, stiessen an die Türe. Dann liess er sie ins Zimmer, setzte sich und las ihnen vor.

Aber die Ziege liess ihm keine Ruhe, stiess ihn leicht an und schnupperte an seiner Tasche, wo er den Zucker trug. »Geh nur, Marfa,« sagte er, »du hast kein Interesse für Rassefragen.«

Dann wieder, mitten in der Nacht, ging er hinüber zu Teresa. Er weckte sie, setzte sich auf den Bettrand und sprach zu ihr. Sie lauschte, ernst, still, wie immer. Dann ging er wieder. Manchmal auch blieb er, nahm sie lachend in seine Arme. Und sie schloss die Augen und zitterte vor Glück.

* * *

Eines Abends schlug es an seine Türe. Angelo, der Knecht stolperte herein, keuchte, überstürzte sich, hoch vollgestopft von seiner wichtigen Sendung. Der Herr möge ins Dorf kommen zu dem Hause des Mariano Venier. Seine Frau, die Matilda, sei schwer krank und läge im Sterben. Da möge der Doktor gleich kommen.

»Ich bin nicht Arzt.« sagte Frank Braun.

Aber der Knecht rührte sich nicht. Frank Braun wiederholte, dass er nichts verstände von dieser Kunst und nicht helfen könnte. Da zuckte Angelo mit der Schulter, resigniert, als ob er er sagen wollte: »Nun, was gehts mich an?« – Er drehte um und brummte: »Ich bin nicht von hier.«

Von unten her hörte Frank Braun ein hastiges, lautes Sprechen. Gleich darauf trat der Wirt ins Zimmer und mit ihm Teresa.

Raimondi sagte: »Der Venier steht unten und will nicht fort! Gehen Sie doch zu seiner Frau, Herr!«

»Aber was soll ich denn dort?« rief der Deutsche. »Ich sage Euch, ich bin nicht Arzt!«

Raimondi nickte höflich mit dem Kopfe. »Aber Sie sind doch Doktor?« sagte er.

»Freilich!« rief Frank Braun. »Aber ich bin kein Mediziner. Ich sage Euch, ich kann der Frau nicht helfen.«

Der Wirt nickte wieder, kratzte sich am Kinn und spie aus. »Gewiss nicht!« bestätigte er. »Aber die Leute werden es nicht glauben. Sie meinen, weil Sie ein Doktor sind, müssten Sie auch kurieren können.« Und man sah ihm an, dass er selbst durchaus diese Meinung teilte und dass es ihm sehr unlieb wäre, wenn der fremde Doktor, den er beherbergte, nicht gehen würde. Er nahm einen neuen Anlauf: »Jetzt ist der Amerikaner da und will sie gesund beten. Soviel können Sie doch auch noch, wie der!«

Aber Frank Braun fühlte gar keinen Ehrgeiz, sich mit dem Amerikaner zu messen. »Nein,« sagte er, »ich habe weder Zeit noch Lust zu solchen Albernheiten.«

Da trat das Mädchen zu ihm. »Gehen Sie zu der armen Frau,« bat sie. »Vielleicht können Sie ihr doch helfen.«

Er lachte. »Aber Kind, ich wiederhole dir, dass ich es durchaus nicht kann!«

Sie blieb ernst, sah ihn gross an. »Doch!« beharrte sie. »Du kannst alles!« Sie griff seinen Arm. »Ich bitte dich, geh zu der armen Frau!«

Er seufzte. Achselzuckend zog er die Schublade auf und nahm ein paar Fläschchen und Schachteln heraus. Opiumtropfen, Chinin, Pyramidon – was er so da hatte. Triumphierend sah der Wirt ihm zu, brachte ihn die Treppen hinunter. »Der Doktor kommt!« rief er dem Bauern entgegen.

Es war ein schmutziger, untersetzter Kerl, schwarzhaarig, mit niederer Stirn und leichtem Kropfansatz. Hastig lief er vor ihm her, Frank Braun folgte mit langen Schritten. Venier führte ihn in sein Haus, dann durch die Diele ins Schlafzimmer.

Viele Menschen waren dort, die laut beteten. Er erkannte den starken, rotkröpfigen Knecht, auch Sibylla, die alte, krumme Bettlerin von der Landstrasse. ›So bist du auch fromm geworden?‹ dachte er. Als er eintrat unterbrach man den Gesang, schnell schritt er zu dem Bette.

Die Luft im Raume war schwül zum Ersticken. »Oeffnet das Fenster.« befahl er. Venier ging zum Fenster. Aber sein Weib richtete sich auf im Bette. »Nein!« schrie sie. »Lass es geschlossen! Pietro Nosclere hat gesagt, es müsse geschlossen sein!«

Frank Braun wandte sich zur Seite. Neben ihm stand der Amerikaner. Er war schwarz gekleidet, trug einen langen Rock, der eng am Halse geschlossen war, wie bei einem innern Missionar. Sein Gesicht war bartlos; die Augen, klein, stechend, tief in den Höhlen liegend, schielten ein wenig. Der Schädel war prognathisch, das Kinn fehlte, die Nase schien plattgedrückt. Dagegen standen nach beiden Seiten mächtig die grossen Ohren ab, angewachsen an den Läppchen. Alte Skrofelnarben zogen sich über den Hals; seine Bewegungen waren hastig, fast epileptisch. Frank Braun dachte: ›Da könnte ich leichter eine Diagnose stellen, als bei der Kranken.‹

»Geben Sie den Puls.« sagte er. Doch die Frau zog den Arm unter die Bettdecke, sah ihn hasserfüllt an.

Er wandte sich an den Bauern, froh einen Grund zum Gehen zu haben. »Du siehst, deine Frau will nicht.« fuhr er fort. »Wie kann ich da helfen?«

Da sagte der Amerikaner: »Gib deine Hand, Schwester.« Gehorsam hob sie den Arm.

Er fühlte ihren Puls, sah, dass sie ein starkes Fieber hatte. Er liess sich eine Kerze geben, um besser sehen zu können in der Dämmerung, dann hiess er sie den Mund aufsperren. Die Zunge und die ganze Mundhöhle waren stark belegt. Sie hustete und röchelte.

»Also krank ist sie gewiss,« dachte er, »das steht fest!« Er hatte keine Ahnung, was ihr fehlte und überlegte, was er nun tun solle.

»Wie lange hat sie nicht geschlafen?« fragte er unsicher.

Der Amerikaner antwortete: »Seit drei Nächten nicht. Und seit gestern nun sind wir hier und beten mit ihr. Wenn Jesus will, so wird er unsere Schwester heilen. Alles Heil kommt vom Blute des Lammes.«

»Gewiss.« nickte Frank Braun. Er dachte: »Auf keinen Fall wird es schaden, wenn sie ordentlich schläft; ich will ihr etwas Opium geben.«

»Wasser!« rief er. »Ich will ihr eine Medizin geben.«

Die Frau schrie, schlug mit den Händen um sich. »Nein, nein, er will mich vergiften!« Dann begann sie laut zu singen und alle Anwesenden fielen ein.

»O Sünder, sieh das Gotteslamm
An dem Kreuz, an dem Kreuz, an dem Kreuz,
Das unsere Schulden auf sich nahm,
An dem Kreuz, an dem Kreuz, an dem Kreuz.
O sieh sein Blut, o hör den Schrei:
Es macht dich los von Sklaverei,
Von Satansbanden wirst du frei
An dem Kreuz, an dem Kreuz, an dem Kreuz!«

Der Bauer winkte leicht mit dem Kopfe und Frank Braun folgte ihm in den vorderen Raum. Venier nahm die Wasserkaraffe vom Bord und stellte sie auf den Tisch.

»Geh und schick mir Mister Peter her.« sagte Frank Braun. Er füllte zwei Gläser halb mit Wasser und gab Opiumtropfen hinein.

Dann kam der Amerikaner. »Was wünschen Sie, Doktor?« fragte er.

»Hier steht die Medizin.« sagte der Deutsche. »Ich gehe nun fort und du wirst sie der Kranken geben. Bleibst du die ganze Nacht hier?«

»Ja,« sagte Pietro Nosclere, »wir werden wachen und beten.«

»Also gut.« fuhr Frank Braun fort. »Das eine Glas gibst du ihr gleich. Sie wird die Medizin eher nehmen, wenn du sie ihr reichst. – Hoffentlich wird sie sich darnach ruhiger fühlen und bald einschlafen. Wenn sie wieder erwacht, wirst du ihr das andere Glas geben. Hast du mich verstanden?«

Mister Peter nickte. »Wirst du es auch tun?« fragte der andere.

Da schwieg der Amerikaner. Aber man sah ihm leicht seine Absicht an: die Gläser zu nehmen – und sie auszugiessen, sowie nur jener den Rücken kehrte.

Frank Braun ärgerte sich. Er griff die Schulter Pietros und schüttelte ihn. »Sieh mich an!« herrschte er. »Du wirst das tun, was ich dir sage! Ich will es, verstehst du?«

Der Amerikaner murmelte: »Ja, ich werde es tun.« Er nahm die Gläser und ging zurück zu der Kranken.

* * *

Am nächsten Tage traf Frank Braun den Bauer vor seinem Hause. »Nun, wie gehts Eurer Frau?« fragte er.

Mariano Venier antwortete misstrauisch: »Sie haben ihr nicht geholfen. – Ich werde nichts bezahlen.«

»Ich habe ja nichts verlangt.« sagte der Deutsche. »Und ich will auch gar kein Geld. Ich will nur wissen, wie es der Kranken geht.«

Venier wurde höflicher. »Es geht ihr besser, Herr; sie wird wohl gesund werden. Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind.« Schnell fügte er hinzu: »Aber gerettet hat sie der Amerikaner.«

Dann drehte er um und eilte in sein Haus.

– Das Dorf war voll von der Heilung der Matilda Venier. Man sagte, dass sie unrettbar verloren gewesen, und dass selbst die Kunst des berühmten deutschen Arztes vergeblich gewesen sei. Mister Peter aber habe bei ihr gewacht und gebetet drei Nächte lang und habe ihren Leib gerettet, der schon in den Klauen des Teufels war.

* * *

Teresa kam in sein Zimmer. »Nicht wahr, Sie haben die Matilda gerettet – und nicht der Amerikaner?«

Frank Braun dachte: ›Sie wird sich schon selbst gerettet haben.‹ Aber er sagte: »Es wird wohl der Amerikaner gewesen sein. Er hat so schön gebetet.«

Das Mädchen wusste nicht, ob er im Ernste spräche. »Nein, nein!« beharrte sie.

»Doch, doch!« unterbrach er sie. »Ich sagte dir ja, dass ich kein Arzt wäre.« – »Herein!« rief er, als er ein leichtes Pochen an der Türe vernahm.

Das Mädchen öffnete. Als sie Pietro sah, erschrak sie, lief schnell hinaus.

Der Amerikaner kam näher. Frank Braun begrüsste ihn und bot ihm einen Stuhl.

Verlegen rieb sich Mister Peter mit den grossen, roten Händen über die Hosen. Dann begann er stotternd, sagte, dass er komme, um sich bei ihm zu bedanken für die Heilung der Schwester. Zwar sprächen alle Leute im Dorfe, er selbst habe die Frau des Venier gerettet, weil es ja niemand gesehen habe, dass ihm der Doktor die Medizin gegeben; er selbst aber wisse es besser.

»So haben Sie die Leute aufgeklärt?« fragte Frank Braun.

»Nein,« sagte Mister Peter, »noch nicht. Aber ich werde es tun, Sonntagnachmittag, in der Versammlung. Ich werde verkünden, dass nicht ich, sondern der deutsche Doktor unsere Schwester gerettet hat.«

Frank Braun sah ihn an. »Das wirst du nicht tun.« sagte er ruhig.

»Und warum denn nicht?« Pietro rückte auf einem Stuhle hin und her. »Warum denn nicht? – Ich muss es sagen. Es ist die Wahrheit. Man soll der Wahrheit alle Ehre geben.«

»Du wirst es nicht sagen. Ich werde hinkommen und aufpassen. Und wenn du es sagst, so werde ich aufstehen und allen erklären, dass du lügst.«

Der Amerikaner sprang auf von seinem Stuhle, aber Frank Braun fasste ihn am Arme und drückte ihn wieder nieder. »Bleib nur sitzen,« fuhr er fort, »du wirst mich gleich verstehen. – Nicht ich heilte die Frau des Mariano Venier: du tatest es!«

Pietro griff mit beiden Händen an den Kopf. »Ich?« stammelte er. »Ich? – Aber Sie gaben mir doch die Medizin?«

Frank Braun log. »Nein, ich gab dir nur klares Wasser. Ich bin kein Arzt. Ich kann nicht heilen. Nur du hast die Kranke gerettet – du und dein Gebet. – Dir gab der Herr Jesus die Macht der Gnade, nicht mir!«

Pietro drehte seinen Hut in den Händen. Mühsam grübelte er, langsam bildeten sich in seinem Hirne die Gedanken. Frank Braun wiederholte ihm noch einmal eindringlich das alles; dann erst begriff er.

Er stand auf, seine Augen glühten. »Herr Doktor,« fragte er, »ist das wirklich wahr?« Frank Braun griff die ausgestreckte Hand und schüttelte sie kräftig. »Ja! Das ist wirklich wahr!« Und er dachte: ›Warum sollte ich nicht lügen, wenn es dir so gut gefällt?‹

Eine seltsame Lust kitzelte ihn, wie er den Amerikaner betrachtete. Der hob die Brust, dehnte die schmalen Schultern, es war, als ob er wüchse im Augenblicke. Er streckte die Hand aus, öffnete halb die Lippen, als wollte er zu seiner Gemeinde sprechen.

Frank Braun dachte: »Du solltest mir dankbar sein, mein Junge. Nun glaubst du erst an dich.«

Er geleitete ihn zur Türe; der Amerikaner schritt schwankend, unsicher, fast wie ein Berauschter. Auf seinen dünnen, blutleeren Lippen lag ein stolzes, triumphierendes Lächeln. Aber es verschwand im Augenblicke, wie er den andern ansah, wie er sich nur dessen Daseins wieder bewusst wurde. Er zweifelte nicht an sich, aber mit dem grossen Glauben zu sich selber gewann er noch einen andern Glauben: den an die überlegene Macht des Fremden.

Demütig sagte er: »Ich danke Ihnen, Herr Doktor.«

Frank Braun erwiderte: »Nichts zu danken. – Nächstens werde ich in deine Versammlung kommen.« Er winkte mit der Hand. – »Fahr wohl, Elias.«

Pietro öffnete die Türe, grüsste. – Plötzlich blieb er stehen, fragte stotternd: »Herr – warum nennen Sie mich – Elias?«

Frank Braun dachte: ›Hässlicher Narr! – Fühlst du dich nicht schon als Prophet?‹ – Und er sagte: »Geh nur. Ich werde es dir ein andermal sagen.«

Kaum war Pietro aus dem Hause, als Teresa wieder in sein Zimmer trat.

Sie schien aufgeregt, ihre Wangen brannten. Atemlos fragte sie: »Was hat er gesagt? Weshalb kam er her?«

Frank Braun antwortete: »Was gehts dich an? – Er kam zu mir und nicht zu dir.«

Aber sie zitterte, keuchte. »Ich will nicht, dass er hierher kommt! Er soll nicht kommen!« – Sie trat dicht zu ihm, griff seinen Arm.

Er sah sie scharf an, da zuckte sie zusammen. Leise, wie entschuldigend sagte sie: »Er hat den bösen Blick.«

Frank Braun zog sie zu sich hin, setzte sie leicht auf sein Knie. Sie wollte sprechen, aber er winkte ihr ab, bedeutete sie still zu sein. Er lehnte ihren Kopf an seine Schulter, dann strich er schnell mit der Hand über ihre Schläfen. Sie wehrte sich nicht, ruhig atmend lag sie an seiner Brust.

Er hielt sie mit der Linken, während seine Rechte die einschläfernden Striche machte. Er beobachtete sie scharf, sein Blick grub sich in ihre Augen. Dann plötzlich stockte das leichte Blinzeln ihrer Lider, die Bindehäute röteten sich leicht, die Augen standen weit offen.

Befriedigt nickte er. Er stellte sie auf, sie blieb auf dem Flecke stehen. Er erhob sich, nahm ihren Arm, ihre Hand. Alle Glieder zeigten grosse Nachgiebigkeit, machten automatisch die Bewegungen, die er wünschte, verharrten steif in der Stellung, die er ihnen gab. Grosse Tränen tropften aus den Augen der Kataleptischen.

Er stach sie heftig mit einer Nadel in die Arme, ihr Gesicht zeigte keinen Ausdruck des Schmerzes. Das genügte ihm, er hatte wenig Lust zu oft wiederholten Spielereien. Rasch schloss er mit dem Finger ihre beiden Augenlider.

Ihre Augen öffneten sich wieder, schlossen sich dann von neuem. Standen noch einmal weit auf und blieben schliesslich halb geöffnet stehn. Die Augäpfel waren krampfhaft nach oben gerichtet, die Lider in heftig schwingender, zitternder Bewegung. Ihr Kopf hing tief auf die Brust herab, das leichte Geräusch einer schluchzenden Bewegung drang aus der Stimmritze. Er hob ihren Arm: wie Blei fiel er herab. Er nahm ihren Ellenbogen und suchte den Nerv, drückte ihn stark. Sofort zogen sich die Muskeln, die dieser Nerv bediente, heftig zusammen, ihre Hand formte sich zu einer Kralle.

»Lethargie.« murmelte er. »Nur zu, mein Kind – es ist nicht gut, einen eigenen Willen zu haben!«

Er drückte sie zurück auf den Stuhl, setzte sich vor sie auf den Tisch und zündete eine Zigarette an.

Er schaute sie an, rauchte und grübelte. »Wie seltsam das doch ist,« dachte er, »sieht es nicht aus, als ob ich der Zauberer wäre? – Und doch weiss ich gut, dass nicht ich die Kraft habe, sondern nur du, mein Kind! – Und wenn ich je mit dir, oder mit dem Narren, den du nicht leiden magst, dem Amerikaner, etwas machen werde, so ist es doch immer nur eure Kraft, die es schafft und nicht die meine! Ich kann nur denken, ihr aber könnt handeln! – Die Wissenschaft sagt, dass ihr arme Kranke seid, und sie hat wohl recht. – Sie will euch heilen, wenn sie es kann. Ich aber bin kein Arzt und ich will euch nicht heilen. Eure Krankheit ist eine Kraft und ich will sie benutzen, wie ich es kann.« Er seufzte und warf seine Zigarette durch das offene Fenster. »Das heisst,« fuhr er fort, »wenn ich Lust habe. – Wer weiss, ob ihr mich morgen noch interessiert? – Vielleicht lohnt es sich der Mühe nicht, euch Puppen tanzen zu machen – wer kann das wissen? Vielleicht seid ihr nur dummes, hysterisches Dutzendzeug, Klinikfutter für neugierige Aerzte! – Denn, siehst du, mein Kind, auf der Bühne, wo ich Herr bin, soll es hoch hergehen! Haupt- und Staatsaktionen!« – Er zeigte mit der Hand durch das Fenster, auf das Dorf und den See. »Da schau her, mein Püppchen,« rief er, »da liegen deine Bretter! Willst du tanzen? Einen hübschen Pas de Deux mit deinem lieben Mister Peter? Das ganze Dorf stellt den Chor.« Er lachte laut. »Ah, es müsste ein hübsches Stück werden. – Denn ich bin kein Arzt. – Dank dem Himmel! Ich bin ein Charlatan. – Aber nur ein Charlatan kann Wunder wirken.«

Er schwieg, trat zu ihr hin. »Komm, mein Kind,« sagte er, »wir wollen einen Schritt weiter gehen.« Er legte ihr die Rechte auf den Kopf, strich mit dem Zeigefinger, löste einen leisen Reiz aus vom Scheitel her. Nach wenigen Augenblicken schlossen sich ihre Augen vollständig, dann holte sie tief Atem, die Lethargie verschwand. Mehr aus Gewohnheit, als um sich von dem Eintreten des dritten Zustandes ihres Schlafes zu überzeugen, machte er einige Versuche; stellte fest, dass durch einen leichten Hautreiz sich die Muskeln der Somnambulen zusammenzogen und ebenso leicht durch dieselbe Bewegung wieder lösten. Er sprach sie an, gab ihr ein paar Befehle; sie antwortete leise und führte sofort aus, was er wünschte.

Dann langweilte er sich, dachte daran, sie wieder zu erwecken. Und nur obenhin, ohne rechten Glauben an Erfolg, machte er einen weiteren Versuch.

Er befahl ihr, weit die Augen zu öffnen. Und plötzlich, ohne Uebergang, brachte er sein Gesicht ganz nahe an das ihre, sah sie starr, durchdringend an. Ihre Wangen röteten sich, alles Blut stieg ihr zu Kopf, die Pupillen dehnten sich mächtig. Er griff ihre Hand, ohne den Blick zu senken und zählte den Puls – hundertundfünfundzwanzig Schläge. – Und nun hing sie, klebte sie an seinem Blick.

Er ging rückwärts; das Mädchen folgte ihm, den Kopf weit vorgestreckt, die Schultern in die Höhe gezogen, die Arme lang am Körper herunterhängend. Eigentümlich leer schien ihr Gesicht, unbeweglich die Züge. Die Augen waren starr, nicht eine Fiber zuckte, nicht ein Wort kam über die hart geschlossenen Lippen. Versteinert war dieser Ausdruck und ihr Hirn trieb nur einen Gedanken: diesen leuchtenden Punkt, seine Augen, nicht zu verlieren – mochte es auch eine Welt kosten.

Und das war das Grosse: jetzt fühlte das Mädchen, was mit ihm geschah. Sie war bei hellem, klarem Bewusstsein, jede kleinste Bewegung prägte sich in ihr Hirn. Er schritt rasch auf sie zu, kniff sie in den Arm, nahm vom Tische ein scharfes Messer, stach sie zwei-, dreimal, dass das Blut hell floss. Sie sah es wohl und wusste, was er tat, aber sie spürte keinen Schmerz und es war ihr nicht unangenehm. Nicht einmal Angst fühlte sie – Unbeweglich, starr, hing sie an seinen Augen, wie ein kleiner Vogel an dem Blick der Schlange.

Frank Braun hielt sie an seinen Augen. Aber sein Blick wurde froh, still lächelnd, wie eine süsse Wärme fühlte er eine grosse Freude in sich wachsen. »Die Verzückung!« murmelte er. »O, das Mädchen ist gut – sie ist gut!«

Er nahm ihren Kopf in die Arme und blies sie leicht auf die Augen. Sofort wachte sie, der starre Ausdruck verlor sich, alle Beweglichkeit kehrte zurück. Sie schien erstaunt und verwirrt, aber nicht ängstlich. »Was hast du mit mir gemacht?« fragte sie.

Er antwortete: »Du weisst es ja.« Dann hob er ihren Arm und küsste ihr das Blut von den Wunden. »Tat es weh?« fragte er.

Sie lächelte: »Nein, gar nicht! Aber warum hast du es getan?«

»Warum?« lachte er. »Warum? Ich weiss es nicht. Und wenn ichs wüsste und es dir sagte, so würdest du es doch nicht verstehen. – Darf ich nicht machen mit dir, was ich will?«

Sie küsste ihm beide Hände. »Doch,« sagte sie, »du darfst alles tun, was du willst.«

Er dachte: ›Wie rührend! Mit deiner gütigen Erlaubnis und der deines Vaters und deines Beichtvaters! – Nun, ich habe ja auch jetzt deine Erlaubnis erst nach dem Feste bekommen!‹ Aber er sagte: »Danke schön, du bist sehr lieb. – Nächstens wirst du mit mir in die Versammlung des Amerikaners gehen.«

Sie senkte die Augen und gab keine Antwort. Ihre Brust hob sich und er sah, wie sie kämpfte. Endlich sagte sie still: »Ja.«

»Doch noch ein bisschen Willen?« fragte er leise. »Komm her, mein Kind.«

Er zog sie an sich, fuhr ihr leicht mit der Hand über Kopf und Gesicht, über Schultern, Arme und Brust. Hier und da machte er einen leichten Strich, suchte irgendwo eine bequeme hypnogene Stelle. Endlich fand er eine, unten an der Maus des linken Daumens. Er drückte sie leicht, sofort fiel das Mädchen in Schlaf.

Aber er blies sie gleich wieder an und erweckte sie »Nun ist sie mein Ding.« dachte er.

– »Du, ich habe schrecklichen Hunger!« sagte er. »Gibt es nichts zu essen heute abend?«

»Doch, doch,« rief sie, »ich laufe gleich in die Küche! Im Augenblick ist alles fertig.«

»So eil dich.« sagte er. »Und dann wollen wir im Boote hinausfahren in den See. Du ruderst und ich will dir erzählen. Magst du?«

Sie fiel ihm um den Hals. »Ob ich mag!«

Er küsste sie leicht. »Aber weisst du, kein dummes Zeug von meinen Arbeiten da. – Ich will dir ein Märchen erzählen.«

Da jauchzte das Mädchen: »Ja – ja! Ein Märchen! Ein Märchen!«

* * *

Er trat ans Fenster, sah wie sie zum Garten eilte, die Erdbeeren zu pflücken. Da lief ein Bub auf sie zu, brachte ihr in beiden Händen grosse Büschen weisser Johannisranken. Er erkannte ihn, es war der kleine Junge, den er gesehen hatte, als er zum erstenmal hinabstieg in das Tal von Scodra. Er winkte ihm zu und fragte: »Wie heisst du?«

Teresa sah hinauf. »Er versteht nicht.« sagte sie. »Gino heisst er; er ist taubstumm.« Sie streichelte ihm die Wangen und machte ihm Zeichen mit den Fingern; da sah der Bub zum' Fenster hinauf, wurde rot und grüsste täppisch und verlegen.

Frank Braun fragte: »Er ist dein Schützling?«

Das Mädchen nickte. »Ja, das ist er wohl. Er ist ein Gemeindekind, hat weder Vater noch Mutter; niemand bekümmert sich um ihn.« Sie machte ihm wieder ein paar Zeichen mit den Händen; sein mageres Gesicht strahlte, rasch lief er zur Küche.

Der Deutsche stieg die Treppen hinab. Er warf einen Blick in die Küche, da lag der kleine Bube schon auf dem Boden neben dem Herde und schnitt Späne. Der Knecht trat hinein, nahm einen schweren Korb von den Schultern und schüttete die Holzkloben vor ihm auf die Erde. Marfa, die Ziege, lief hinter ihm her.

»He, Angelo!« rief ihn Frank Braun an. »Wie geht es der Frau des Venier?«

Der Knecht blieb stehen und zog die Achseln hoch, über sein Gesicht legte sich wie stets ein breites, blödes Grinsen.

Frank Braun sah dieses dumme Lachen – war es denn nicht möglich, diesen ewigen dumpfen Gleichmut ein einziges Mal aus dem Lot zu werfen? Eine übermütige kindische Lust fasste ihn, er sprang die Steintreppe hinab und schlug Rad vor dem Hause wie ein tollgewordener Kreisel. Dann zog er den grinsenden Knecht aus der Türe, stellte ihn in der Mitte auf und sprang Bock über ihn. Endlich stellte er sich auf den Kopf, lief dann auf den Händen hin und zurück, sang dazu und brüllte wie ein Besessener. Teresa kam aus dem Garten zurück, den Korb mit den Erdbeeren in der Hand; einen Augenblick starrte sie verwundert auf sein tolles Treiben, dann schrie sie hell auf und setzte sich lachend auf die Steinbank. Gino, der Bub, guckte aus der Türe, seine schwarzen Augen funkelten; er klatschte voller Freude in seine Hände.

Aber der Knecht stand stumm und dumm wie ein breiter Klotz auf seinem Fleck und rührte sich nicht. Frank Braun sprang auf die Füsse, schlug dann einen mächtigen Purzelbaum, der ihn dicht vor Angelo hinwarf.

»Nun, Angelo,« rief er, »gefällt dir das?«

Der Knecht grinste verlegen. »Herr,« stammelte er, »ich bin nicht von hier!«

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