Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hanns Heinz Ewers >

Der Zauberlehrling oder die Teufelsjäger

Hanns Heinz Ewers: Der Zauberlehrling oder die Teufelsjäger - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHanns Heinz Ewers
titleDer Zauberlehrling oder die Teufelsjäger
publisherGeorg Müller
year1917
isbn
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131021
projectid45c12322
wgs
Schließen

Navigation:

II

»Dem Indra tropfe der Trank.«

Relig. d. Veda.

 

Frank Braun musste einige Tage warten bis zum Posttage. Die Post ging nur einmal wöchentlich nach Val di Scodra – oder vielmehr, sie fuhr auf der Bergstrasse darüber hinweg, weit zur Grenze hin. Hoch über dem Dorf machte sie Halt und lud die wenigen Briefe und Pakete aus. Jemand wartete dort und trug alles hinunter ins Tal.

»Nehmen Sie nicht die Post.« riet ihm der Oberkellner. »Fahren Sie mit unserm Automobil. Wir veranstalten Ausflüge, alle paar Tage jetzt in der Saison, sowie genug Beteiligung ist. Sie lassen dann bei Val di Scodra halten und steigen aus.«

»Wird man meine Koffer mitnehmen können?«

»Warum denn nicht! Es ist ein schwerer Opelwagen, vierundsechzig Pferdekräfte. Mit der Post werden Sie hinauf sieben bis acht Stunden gebrauchen, so aber sind Sie in kaum zwei Stunden da.«

»Gut also.«

– Das Auto stieg in die Berge über weite, staubige Serpentinen. Die Reisenden schwatzten und lachten, gewillt den teuren Ausflug nach besten Kräften auszukosten. Ein dicker Herr aus Dresden hatte seinen Baedeker genau durchgelesen, jede neue Bergspitze, jeden Wasserfall nannte er stolz bei Namen. Wenn ein Ochsenkarren vorüberkam, wenn irgendeine scharfe Kurve den Abhang besonders deutlich zeigte, kreischten die Damen; das Hochzeitspärchen, das vorne sass, rückte dann noch enger zusammen.

Frank Braun starrte in die Landschaft, gleichgiltig, gelangweilt. Kein Wort sprach er.

»Sehen Sie dort – rechts – da ragt der Monte Terlago auf!« erklärte ihm sein Nachbar. Aber er bekam keine Antwort.

Das Auto hielt. »Hier ist Val di Scodra! Sie müssen aussteigen!« rief der Chauffeur. Er sprang ab, schnallte die Koffer los und stellte sie auf die Landstrasse.

Frank Braun kletterte aus dem Wagen. »Wo liegt das Dorf?«

»Dort unten. Erst ein wenig weiter die Strasse hinauf hat man einen Ausblick ins Tal. Ich habe aber gleich hier gehalten, weil hier der Pfad hinabführt.«

»Und wie bekomme ich mein Gepäck ins Dorf?«

Der Chauffeur lachte. »Ja, das werden Sie nun wohl einstweilen auf der Strasse liegen lassen müssen. Gehen Sie nur hinunter und lassen Sie es dann holen. – Es liegt ja sicher genug da – übrigens ist auch jemand da, der aufpassen kann. – He, Alte!« rief er. »Komm doch einmal her!«

Frank Braun wandte sich um, er sah ein altes Bettelweib, das an das Auto getreten war und höchst gewissenhaft einem Reisenden um den andern die hohle Hand hinstreckte. Sie beeilte sich nicht, wartete, bis auch der letzte ihr seinen Kreuzer gab; dann erst kam sie näher. Ihr Rücken war von irgendeinem Leiden gekrümmt; wie ein Bogen spannte er sich steif nach vorne hin, so dass der Kopf mit den wirren, grauen Haaren sich kaum über Hüfthöhe hinaushob. Sie pflegte das Gesicht zur linken Seite zu drehen und schielte merkwürdig von unten herauf.

»Hallo, Sibylla Madruzzo,« rief der Chauffeur, »so kommt doch! Ihr sollt auf die Koffer da am Wegrand aufpassen. Der Herr geht zum Dorfe und lässt sie später holen. – So, setzt Euch oben drauf, das ist das beste.«

Frank Braun gab der Bettlerin ein paar Nickelstücke. »Wie lange Zeit werde ich gebrauchen?«

Die Alte bewegte die Lippen, sie hob den kurzen Krückstock und machte mit den Fingern ein paar absonderliche Zeichen.

»Sie ist stumm.« erklärte der Chauffeur. »Aber der Weg führt steil den Berg hinab. Ich denke, Sie werden in dreiviertel Stunden unten sein.« Er grüsste, drehte die Kurbel an und sprang rasch auf seinen Sitz. In dichten Staubwolken verschwand sein Wagen.

* * *

Frank Braun stieg den Berg hinab. Es fiel ihm auf, wie anders hier die ganze Natur war. Vor ein paar Stunden noch war er am Ufer der Garda gegangen – unter Palmen. Unter schwindsüchtigen, langweiligen, gestutzten Hotelpalmen freilich, aber es waren doch Palmen. Bambusbüsche deckten den kleinen Zierteich, Magnolien und breitblättrige Bananen wuchsen auf den Beeten. Verschnittene Pinien, spindeldürre Zypressen ragten hier und da auf, dann und wann auch ein starker Eukalyptus. Zitronen wuchsen unter Schutzdächern am Berghange und weithin zogen sich die Kulturen verkrüppelter Oelbäume am See hin.

Hier war nichts von alledem, weit hinter ihm lag der Süden. Und der Frühling, der unten am See in voller Pracht stand, wagte hier kaum erst anzuklopfen mit bescheidenem Finger.

Ziemlich steil führte der schmale Weg hinab. Ein paar Ziegen begegneten ihm, die das dünne Gras zwischen den Felsen suchten. Dann, bei einer Wendung, blieb er stehen. Hier war endlich ein Ausblick; von einem breiten Steine konnte er hinabsehen. Fast kreisrund lag dort unten ein kleiner See. Ihm gegenüber, und auch nach beiden Seiten hin, fielen die Felswände glatt in das Wasser hinab, es sah aus, als ob kaum ein Hund da noch vorbeilaufen könnte. Zu seinen Füssen weitete sich das Tal ein wenig – da stand das Dorf. Unregelmässig lagen die Dächer verstreut – braunrote Klumpen verwitterter Ziegel. Hier war ein Haufen von Häusern zusammengeballt – da standen zwei – oder eines nur – wie es gerade die ebene Fläche erlaubte. Langsam stieg das Dorf nach Nordosten zu die Berge hinauf – ganz hinten leuchtete matt noch ein letztes, grösseres Dach. Mitten im Dorfe lag die kleine Kirche, von ihr führte ein breiter Weg über den buschbestandenen Abhang der Nordseite weiter hinauf, lief zu einer starken Platte, die fast über dem See hing. Sie schien ganz frei und eben, am äussersten Ende trug sie drei mächtig aufragende Kreuze. Das grösste, ein wenig erhöht, in der Mitte – da hing der Erlöser; zu beiden Seiten ragten die Kreuze der Schacher. Es musste wohl ein Kalvarienberg sein, deutlich sah er auf dem Wege die vierzehn Stationen.

Langsam schritt er tiefer hinab. Er traf einen Buben, der eine Kuh grasen Hess. »Wo ist das Gasthaus des Raimondi?« fragte er. Aber der Bengel starrte ihn an, wie ein Gespenst, zog seine Kuh am Stricke in den Busch hinein und gab keine Antwort.

Er ging weiter. Kleine Fluren waren eben in den Abhang geschnitten, unten sah er einen Oelgarten, hie und da rankten ein paar alte Reben zwischen verschnittenen Weidenstämmen. Ein Knecht bearbeitete den Boden mit dem Spaten.

»Wo ist das Gasthaus des Raimondi?« fragte Frank Braun. Der Bursche rührte sich nicht. Er hatte ein breites, bartloses, hartes Gesicht, über die Massen dumm und hässlich. Ein verschmitztes, starres Bauernlächeln lag über dem weitoffenen Munde.

Frank Braun wiederholte seine Frage.

»Ich bin nicht von hier –« grinste der Knecht.

Der Deutsche wurde ungeduldig. »Zum Henker – du wirst doch wissen wo das Gasthaus ist!« Er gab ihm ein paar Kreuzer. »Da! Führe mich hin!«

Der Knecht nahm seinen Spaten über die Schulter und schritt voran.

»Wie heisst du?« fragte Frank Braun.

Er grinste, aber antwortete nicht.

»Nun, es scheint, dass man dich alles zweimal fragen muss! Wie du heisst, will ich wissen!«

»Angelo.« sagte er. »– Aber ich bin nicht von hier.«

»Das weiss ich bereits. Also woher bist du?«

Der Bursche hob den Spaten und wies nach Norden. »Daher!« Dann besann er sich und zeigte nach Westen. »Nein – daher! – Aus Turazzo.«

Ein Haus lag vor ihnen, dicht am See. Eine breite Steintreppe führte zu einer kleinen Veranda; Crimson Rambler kroch dicht darüber, aber noch blühte keine der kleinen, roten Rosen. Der Knecht stellte seinen Spaten an die Wand und schickte sich an durch die niedrige Seitentüre in den Stall zu treten.

»Dienst du hier?« fragte Frank Braun.

»Ja.«

»Aber du solltest mich doch zu Raimondis Gasthaus führen.«

»Das ist hier.«

»Hier? – Also du dienst bei ihm, Bursche? – Und vorhin wolltest du nicht einmal wissen, wo er wohnt?«

Der Knecht lachte blöde. »Ich bin nicht von hier.« Dann stapfte er in seinen Stall; ein frohes Ziegenmeckern empfing ihn.

Frank Braun stieg die Treppe hinauf, öffnete die Türe und blickte in das Zimmer.

»Niemand da?« rief er. Er trommelte mit der Faust auf den Tisch. Aber es kam niemand. Er trat ans Fenster und blickte hinaus über den See, über den kleinen Platz vor dem Hause, über die Strasse – – nirgends sah er einen Menschen. Er wartete eine Weile und rief von neuem – vergebens.

Vielleicht hatte ihn der blöde Knecht doch in ein falsches Haus geführt? Er ging hinaus und wanderte über die Gassen. Vorbei an den Häusern und Höfen. Er blickte durch ein paar offene Türen und Fenster, trat hier und da in einen Garten. Nirgends war ein Mensch in dieser toten Stille – ein einziger starker, schwarzer Hund lag auf der Gasse und blinzelte ihn verwundert an.

»Verwunschenes Dorf!« dachte er.

Von Osten drang ein verworrenes Geräusch zu ihm her. Er ging darauf zu, langsam stiegen die Häuser hier höher hinauf. Bald genug unterschied er–es war ein Singen – dann die gezogenen Töne der Harmonika. Und dazwischen zerhackte Klänge von Tamburin und Triangel.

»Des Amerikaners Konzert.« dachte Frank Braun. »Da also ist das ganze Dorf heute versammelt.« Er überlegte, ob er zu der Versammlung gehen sollte, schliesslich schüttelte er den Kopf. »Ein andermal!«

Er wandte sich und ging wieder zurück. Hinten im See, ganz am andern Ende, sah er ein Boot liegen. Eine kleine Bucht schob sich da in die Felsen, die ein wenig zurücktraten, er sah das Schilf vorne, dahinter einen schmalen dreieckigen Landstreifen. Hinten sprang ein Giessbach hoch herunter in selbstgesprengtem Spalt – der mochte das bisschen Land da angeschwemmt haben. Er sah, wie ein Mädchen sich hob in dem Kahn, dann sich niederbückte, wie sie die Reusen aus dem Schilfe hob und vorsichtig am vorderen Ende die langen Weidenkörbe aufnahm.

Da war also wieder jemand, der nicht in der Versammlung war! – Oben: Sibylla Madruzzo, das krumme und stumme alte Bettelweib – dann der kleine Bub mit seiner Kuh und Angelo, der Knecht, – der ja freilich nicht von hier war! – Und nun das Mädchen.

Gemächlich schritt Frank Braun zurück, dem See zu. Auf der breiten Bank vor dem Hause, in das er zuerst getreten war, sass ein graubärtiger Mann in Hemdsärmeln, bequem vornübergebeugt, die Ellenbogen auf den runden Steintisch gestützt.

»Wieder einer. Der fünfte, der nicht bei Mister Peter ist!« lachte der Deutsche. »Ich habe dem Dorfe unrecht getan, es ist doch noch Leben da.«

»Guten Abend.« sagte er. »Seid Ihr Peppino Raimondi?«

Der Gastwirt stand auf, brummte etwas und schaute ihn verwundert an. Dann nahm er die Pfeife aus den Zähnen und sagte: »Wo kommt Ihr denn her, Herr?«

»Ich möchte hier bleiben und bei Euch wohnen.« antwortete Frank Braun. »Ihr seid doch Raimondi, was? – Don Vincenzo wies mich an Euch.«

Der Wirt nickte. »Ja, ja, schönes Wetter.« sagte er.

»Kann ich bei Euch wohnen?« wiederholte Frank Braun.

»Ja, ja! Der Frühling kommt.« brummte jener.

»Ob ich bei Euch wohnen kann?« rief Frank Braun noch lauter. Dann fiel ihm ein, dass ja der Pfarrer schon von des Wirtes Schwerhörigkeit gesprochen hatte. Er hatte keine Lust zu schreien, so nahm er ein Stück Papier und schrieb seine Wünsche auf.

Raimondi nahm das Blatt, setzte seine Brille auf und las bedächtig, langsam, Wort um Wort.

Dann sah er ihn über die Gläser hin an und fragte: »Ihr wollt ein paar Monate in Val di Scodra bleiben? Wollt zwei Stuben? – Wollt bei mir wohnen?«

Frank Braun nickte.

Aber der alte Wirt begriff es noch immer nicht. »Hier – hier bleiben? – Ein paar Monate? – Herr, ist das Euer Ernst?«

Da schrie ihm der andere ins Ohr: »Ja, ja, ja!«

Raimondi kratzte sich den Kopf und sagte: »Ja – ich verstehe sehr gut! – Bitte, Herr – –warten Sie einen Augenblick.« Er nahm seinen Rock von der Bank und zog ihn an.

»So –« fuhr er fort. »Also Sie wollen hier bleiben? Einige Monate? – Ja und was wollen Sie denn bezahlen?«

»Was wollen Sie haben?« gab Frank Braun zurück.

Beide gingen ins Haus, setzten sich an den Tisch. Der Wirt begann zu handeln. Was denn der Gast verlange? Zwei Stuben? Gleich zwei? – Ja, wenn er es nicht anders wolle, dann müsse man es eben einrichten. Und was er zum Frühstück wolle? – Auch Eier? – Gut also – zwei Eier – –

Er flocht immer ein paar deutsche Worte in seine Rede – da sprach Frank Braun ihn deutsch an. Aber der Alte verstand nur wenig. Nein, nein, er hatte alles vergessen – – in den Jahren. Früher – ja, früher! Als er noch Kaiserjäger war. Und seine selige Frau – die war eine Deutsche gewesen – aus Brixen. Die Pfeife da – von ihrem Vater stammte sie noch her. – Aber seine Tochter, ja – die Teresa – die sprach so gut Deutsch wie der Kaiser selbst – Gott erhalte ihn!

»Jemand muss meine Koffer herunterschaffen.« sagte Frank Braun.

Koffer – Koffer habe er auch? Und wo sie denn seien? Auf der Landstrasse oben – – o, er sei mit dem Automobil gekommen? Nun, der Knecht müsse sogleich hinaufgehen, die Post zu holen. – Wie? – Ja, ja, der Postmeister, das sei er. Er zog eine Schublade auf, nahm eine Handvoll Karten heraus und ein paar Bogen mit Freimarken.

»Sehen Sie – das ist die Post von Val di Scodra.« Dann ging er ans Fenster und rief dem Knechte. »Angelo! Angelo! Leg dem Maultier den Lastsattel auf. Und vergiss die Stricke nicht. Du musst die Koffer herunter holen, die auf der Landstrasse stehen. Die alte Sibylla bewacht sie.«

Der Knecht nickte und schritt dem Stalle zu. – »Sag mal, warum bist du denn nicht in der Versammlung?« rief ihm Frank Braun nach.

Angelo grinste: »Ich bin nicht von hier.«

»Gewiss! Ich konnt es mir denken!« lachte der Deutsche. »Und so musst du wohl dein Leben hier für dich leben.« Dann folgte er dem Alten die Treppen hinauf.

Der Wirt stiess ein paar Türen auf. – »Es sind genug Zimmer im Hause.« sagte er. »Welche wollen Sie, Herr?«

Drei Stuben lagen zur Seeseite hin, aber nur eine schien bewohnt, die beiden andern standen beinahe leer. Frank Braun wählte die erste und den anstossenden Raum. »Wer wohnt hier?« fragte er. Er sah ein Muttergottesbild mit einem kleinen Weihwasserbecken zur rechten und einem ewigen Lämpchen zur linken Seite. Frische Buchsbaumzweige steckten im Rahmen.

»Meine Tochter.« gab der Wirt zurück. »Aber sie muss dann ausziehen.«

»Also gut.« sagte Frank Braun.

Er half Raimondi die Sachen des Mädchens in das dritte Zimmer tragen. Dann stellte er die Möbel um, nach seinem Behagen. »Gehen Sie nur überall herum.« sagte der Alte. »Nehmen Sie das, was Sie haben wollen.«

Der Deutsche ging hinunter und wieder hinauf, suchte sich zusammen, was ihm gefiel. Er rückte einen alten Lehnsessel ans Fenster, schob Holzleisten unter die Füsse des wackligen Tisches. Er schleppte auch einen kleinen Weinkorb heran, den er als Papierkorb benutzen wollte –

»Da, tragen Sie die Uhr hinaus.« sagte er zu dem Wirte und zeigte auf die alte Pendule, die über der Türe hing.

»Warum denn?« fragte jener.

»Ich mag keine Uhr im Zimmer. Keine Uhr und keinen Kalender. – Immer das Datum wissen, immer die Stunde – nein, ich lebe anders.«

»Aber sie geht ja gar nicht.« beteuerte der Alte.

»Sie geht nicht? – Dann mag sie bleiben. – Eine Lampe?«

»Ja, eine Lampe ist auch da.« – Der Alte brachte sie.

Endlich war er fertig. »Bringen Sie mir Wasser!« rief er. Der Wirt ging hinunter und füllte die grossen Krüge. Aber er trug sie nicht selbst hinauf, gab sie dem Knecht, der eben mit dem Maultier vom Berge kam.

Angelo schleppte die Krüge hinauf, dann die Koffer und Taschen.

Frank Braun begann auszupacken. Schnell, gewandt – eine gewohnte Arbeit. Er war fertig, ehe die Sonne sank. Wusch sich und ging hinunter.

* * *

Im Gastzimmer, neben dem Wirt, sass ein dicker, schnauzbärtiger Grenzgendarm, trank in mächtigen Zügen aus der Korbflasche. »Auf Ihr Wohl!« rief er dem Fremden auf deutsch zu.

»Danke.« sagte Frank Braun.

Der Gendarm schnäuzte sich. »Wissen Sie, das war ein gescheiter Gedanke, dass Sie hierher – –« Aber er stockte, lachte, trank wieder – der Gedanke schien ihm doch nicht so ganz gescheit zu sein. »Immerhin – es ist sehr gut,« fuhr er fort, »sehr gut! – Was hab ich dir gesagt, Raimondi,« brüllte er dem Wirte zu, »was hab ich gesagt? – Kommen die Betbrüder nicht, kommt ein anderer! – Na, und da ist er nun! Hätts ja selbst nicht geglaubt – aber da ist er, das ist nun wahr! Und bringt dir mehr Geld ein als alle Teufelsjäger zusammen!«

Frank Braun horchte auf. »Als – wer?« fragte er.

»Als die Teufelsjäger!« lachte der Gendarm. »Sie müssen nämlich wissen, in diesem verrückten Dorf hat ein Amerikaner – –«

»Ja, ich weiss.« unterbrach ihn der andere. »Ich habe davon gehört. Sie nennen sich also Teufelsjäger?«

»Ja, Herr!« bestätigte der Grenzer. »Weil sie nämlich den Teufel verjagen und mit Stumpf und Stiel ausrotten wollen – mit ihrem Beten und Singen. Diese wälschen Fack'n! – Na, wenn ich hier wäre, würds anders werden! – Was, alter Freund?« – Er stiess den Wirt lachend vor den Bauch. – »Ich jage auch den Teufel – aber besser, verdammt noch mal!« Er hob sein Glas hoch. »Komm her, alter, roter Alkoholteufel – wir haben keine Angst vor dir.« Er leerte es in einem Zuge und setzte es klirrend auf den Tisch zurück. Dann wischte er sich den Schnurrbart. »So – das Beelzebübchen da wäre vernichtet. – Was, Raimondi, wir sind die wahren Teufelsjäger!«

»Die Leute trinken also nicht?« fragte Frank Braun.

»Nicht einen Tropfen!« rief der Gendarm. »Wollen fromme Christen sein und erklären den Wein für Teufelswerk, den doch unser Herrgott wachsen liess. – Der alte Noah soff sich alle Tage toll und voll und war doch ein Patriarch. – Seit nun bald zwei Monaten haben die Kerls keinen Schritt mehr ins Wirtshaus gesetzt – – ich bin des Alten einziger Gast und ein schlechter dazu. – Ich zahle nämlich nicht, müssen Sie wissen.« Er hustete in überstürztem Lachen.

»Trink nur, Drenker.« sagte der Wirt seufzend. »Für seinen alten Regimentskameraden muss man ja wohl seinen Keller offen halten.«

»Na, hab dich nur nicht,« rief der Grenzer, »ich komme selten genug her ins Dorf. Alle drei Wochen, auf ein paar Stunden, wenn mans möglich machen kann. – Die verdammten Pascher lassen einem ja keine Ruhe in den Bergen.«

Ein Lichtschein drang durch die Türe, die ein junges Mädchen öffnete. Sie trug zwei grosse Kerzen ins Gastzimmer und stellte sie auf den Tisch.

»Ihre Tochter?« fragte Frank Braun den Wirt.

»Ja, das ist die Teres, seine Tochter!« sagte der Grenzer. »Ein braves Mädchen. Komm her Teres!« Aber das Mädchen drehte sich gleich herum und ging wieder hinaus, ohne ein Wort zu sprechen.

»Bring das Essen,« rief ihr der Vater nach, »die Gäste haben Hunger.«

Nach einer Weile kam sie zurück, breitete ein weisses Leintuch über den Tisch und trug die Gedecke auf. Dann stellte sie das Essen auf den Tisch.

Frank Braun bot ihr guten Abend, aber sie nickte kaum. Sie nahm auch nicht am Tische Platz, sondern setzte sich an das andere Fenster auf die Bank, zog ihr Nähzeug heraus.

Er betrachtete sie. Sie war hoch gewachsen und schlank – wohl zwanzig Jahre alt. Schwarzhaarig wie der Vater, aber mit grossen blauen Augen – – man sah wohl, dass ihre Mutter eine Deutsche war. Er rief sie an, bat sie, ihm Brot zu geben. Sie brachte das Brot, aber sie antwortete nicht auf seine Fragen. Sah ihn gross und misstrauisch an, ging dann zurück zu ihrem Platze.

Er ass und trank und plauderte mit dem Gendarm, während Raimondi neben ihm sass und schweigend seine Pfeife rauchte. Er beobachtete das schöne Mädchen – bemerkte wohl, wie sie hin und wieder, rasch und verstohlen, einen fragenden Blick auf ihn warf. Dann sah er, wie sie einen Brief aus der Tasche zog, ihn las und dazwischen wieder still zu ihm hinblickte.

Frank Braun dachte: » Dir also hat die Post einen Brief gebracht heute abend, dir, mein Kind! – Und er ist ganz gewiss von Don Vincenzo, deinem Beichtvater! Und er warnt dich darin vor mir. – Wie, mein Kind? – Darum also bist du so misstrauisch.«

Er lächelte und dachte: »Alter Mann – wie dumm du doch bist. Ich würde sie ja nicht ansehen und nicht anrühren, dein armes, kleines Beichtkind. – Nun aber – warum reizt du mich, Pfarrer? Bist so alt und weisst nicht, dass man nur das will – was verboten ist? – Und – du und ich, alter Mann? – – Welch ein ungleicher Kampf um dies Kind da!! – O, wie dumm du doch bist.«

Er sah hinüber und begehrte sie im Augenblicke. Diese Stirn war steil und nicht hoch, sie sprang zurück an beiden Schläfen. Die dichten schwarzen Brauen wölbten sich über den tiefblauen Augen, die die langen Wimpern beschatteten. Und die Nüstern der geraden Nase blähten sich und zitterten bei jedem Atemzuge. Ihr Mund schien ihm ein wenig zu gross, und die Lippen, leicht aufgeworfen, leuchteten wie starke Granatblüten in dem wachsbleichen Gesicht. Eine Demut, eine stille Sanftmut lag auf diesen weichen Zügen, aber darunter schien irgendein anderes zu schlummern.

Ein Genialisches vielleicht. Dieses Mädchen mochte einmal eine gute Künstlerin werden. Oder auch eine grosse Kokotte – –

Er sah, wie ihre Brust sich hob und senkte in zu engem Mieder. Er zog sie aus mit gierigen Blicken, riss ihr das Tuch vom Nacken und den schweren Silbergürtel vom Leibe –

Da fing sie seinen Blick. Sie wurde rot – eine Scham machte sie die Lider schliessen und ein rascher Hass hob sie von neuem. Ihre Hand zitterte. Sie stand auf, blieb stehen, steckte den Brief in die Tasche. Dann wandte sie sich; rasch, festen Schrittes ging sie durchs Zimmer. Klatschend fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.

Frank Braun starrte ihr nach. Langsam verlor sich der wilde, gierige Zug. Seine Lippen glätteten sich, die Augen nahmen einen stillen verträumten Ausdruck an.

»Armes, schönes Kind.« murmelte er. Dann fuhr er mit der Hand durchs Haar und schüttelte wild den Kopf, als wolle er alle Gedanken fortjagen.

»Ich will singen!« rief er. »Und du, Wirt, bring uns von deinem besten Wein!«

Er lief auf sein Zimmer, nahm die Guitarre von der Wand und kam zurück. »Auf Ihr Wohl, Herr Drenker!« rief er. Er stiess mit dem Gendarmen an, dann mit dem Wirt. »Es ist gut, dass doch wieder einmal ein paar Leute im Dorfe sind, die wissen, wozu der Wein gut ist! Was gilt die Wette, ich trinke Sie unter den Tisch!«

»Bravo!« lachte der Grenzer. »Aber wetten Sie lieber nicht. Sie wissen nicht, was Aloys Drenker leistet.«

Frank Braun rief: »Ich will wetten! – Also Ihr Helm gegen meine Guitarre?«

»Mein Helm – –?«

»Ja – fürchten Sie sich?«

»Ich? Aber, lieber Herr –«

»Also angenommen?«

»Angenommen!« brummte der Grenzer und hob sein Glas. Bedächtig stand er auf, löste die Koppel von seinem dicken Leibe und stellte den schweren Säbel in die Ecke.

»So.«

Frank Braun stimmte die Guitarre. »Was wollt ihr hören?«

»Ist ganz gleich.« rief der Gendarm. »Was Sie eben können.«

Der Deutsche sang. Freche Studentenlieder. Dann lüsterne Couplets, die er aufgelesen irgendwo in wüsten Tingeltangeln. Und Soldatenlieder, strotzend von derben Zoten – begeistert brüllte der Grenzer den Kehrreim mit.

Unerschöpflich war er. Verse napolitanischer Strassensänger, triefend von Kot, andalusische Coplas, deren schwermütige Melodien den obszönen Inhalt noch stärker heraushoben. Matrosenlieder, die wie geile Schreie abgesperrter Affen nach Weiberfleisch brüllten, Strophen vom Montmartre, in denen Wort und Ton sich geschickt verbanden zu witzig zyninischen Spitzen –

Der Wirt verstand nur wenig, brummte still die Melodien mit, sog an seinem Glase und an der Pfeife. Aber der Gendarm wieherte vor Lachen, schlug mit der breiten Faust auf den Tisch, dass die Flaschen sprangen. Und er brüllte den Kehrreim:

»Kommt 'ne verheira-tö-te
Oder 'ne andre Kröte
Durch den dustern, dustern, dustern Wald – –«

Ein Glas leerte er um das andere.

Und nicht eines blieb ihm Frank Braun schuldig. Lächelnd, still, als sei es klares Wasser, goss er den Wein hinunter. Immer ein Glas auf einmal – dann griff er wieder in die Saiten.

»Ja, in Hamburg, da bin ich gewesen
In Samt und in Seide gehüllt,
Meine Ehre, die hab' ich verloren,
Denn ich bin ja ein Mädchen für Geld!

Meine Schwester, die tut mir immer schreiben:
›Liebe Alma, o kehre doch zurück!
Deine Mutter liegt sterbend im Bette,
Sie beweinet dein elendes Glück.‹

Meiner Schwester, der tu ich immer schreiben:
›Liebe Schwester, ich kehre nicht zurück!
Meine Ehre ist längst ja verloren,
In der Heimat da blüht für mich kein Glück!‹

Ja in Hamburg, da bin ich gewesen
In Samt und in Seide gehüllt!
Meine Ehre, die hab' ich verloren,
Denn ich bin ja ein Mädchen für Geld!«

Er sang Bordellieder. Abgestandene, sentimentale Weisen, Hurenlieder, die mit Gefühlen hausierten, wie mit Jahrmarkthonigkuchen. Und Herr Aloys Drenker schluchzte und gluckste und seufzte und nahm einen tiefen Schluck nach jedem guten Seufzer.

»Hör zu, Gendarm! Ich sing dir das Lied der hallischen Dirnen!«

»Gestern Abend in dem Sturm
Ging ich um den roten Turm!«

– – Dann, wenn dem Grenzer die Wehmut hoch in den roten Hals stieg und dicke Tropfen den stieren Blick verschleierten, warf ihm Frank Braun plötzlich helle, höhnische, freche Strophen ins Gesicht.

»Mädchen mit den striffen, straffen Brüsten,
Warum sollt mich nicht nach dir gelüsten?
Bin so jung – – wie ein Aff!
Und mein Vater war ein Pfaff!«

Da grinste Aloys Drenker, blähte sich vor Vergnügen. Er suchte mit trunkenen Augen rings herum, als stände da irgendwo eine dicke Dirne, als wolle er hintatschen mit seinen plumpen, roten Fingern auf die straffen Brüste.

»Trink, du Schwein!« rief ihm der Deutsche zu.

Der Gendarm fuhr auf. Tief blau stieg ihm das Blut ins Gesicht, zugleich vor Wut und vor Scham. Aber er traf einen ruhigen, lächelnden Blick – da duckte er sich. »Prosit!« sagte er und trank.

Frank Braun gab ihm Bescheid. Wieder und wieder. Er legte die Guitarre auf die Bank und trank.

»Noch ein paar Flaschen.« sagte er.

»Nein – es ist genug.« lallte der Gendarm.

»Genug – schon? Geh, hol Wein, Raimondi!«

Der Wirt erhob sich; tappend, mühsam auf den Beinen sich haltend, wanderte er zum Keller – zum achten Male schon. Er kam zurück, stellte die Flaschen auf den Tisch. Aber er setzte sich nicht mehr; schweigend, ohne Gruss wankte er hinaus. Ging hinüber in seine Stube; man hörte, wie er schwer auf das Bett fiel.

Die beiden tranken. Es war, als ob Frank Braun jetzt erst beginne, so leicht hob er sein Glas. Keiner sprach mehr – sie tranken.

»Nein – nun nicht mehr.« murmelte der Grenzer.

»Trink, wenn du ein braver Kerl bist!« Er drängte ihm das volle Glas in die Hand. Und der Gendarm leerte es, langsam nippend, aufstossend, in kleinen Zügen. Der Arm fiel ihm herunter, das Glas zerschlug an der Tischkante. Schwer sank der mächtige Kopf vornüber.

Frank Braun lachte. Er stand auf, nahm die Guitarre und trat ans Fenster. Trübe Wolken lagen da und dort am Himmel, dazwischen warf der schmale Neumond ein mattes Licht über den See.

* * *

Schweigend sass er auf der Fensterbank, lange Zeit. Fast unbewusst nahm er das Instrument, griff leicht in die Saiten – Töne, leise Akkorde. Und von neuem wuchsen Lieder aus den verträumten Klängen und aus seiner Stimme, die leise und schwermütig hinauszitterte in diese stille Nacht.

Bretonische Lieder, Lieder, die das Meer gebar, und die Einsamkeit – und die grosse Sehnsucht –

»J'aime Paimpol et sa falaise,
Son vieux clocher, son grand pardon,
J'aime encore mieux la Paimpolaise
Qui m'attend au pays breton.«

Und irgendeine Felswand gab ihm im Echo ein leises Flüstern zurück: ›Au pays breton‹.

Das Wort lag ihm im Ohre, eindringlich, still lärmend, wie die Weise einer alten Spieluhr. Er lauschte auf diese Melodie, wie auf eine stille, versteckte Wahrheit, die unter Efeu und Steinen schlummert. Die Bretagne – ja – die Bretagne–. Und Tirol – ja –

Und plötzlich begriff er – instinktiv. Fand die feste Gewissheit dessen, was er tastend, zweifelnd in jahrelangem Forschen gesucht hatte. – Ein Grosses gewann er, in diesem Augenblicke: den festen Glauben an das Schlussglied dieser langen Kette neuer Gedanken.

Ja – ganz gewiss – nun würde er arbeiten können. Wie schwer doch das alles war – gestern noch. Ein ungeheures Material, mühselig zusammengesucht auf ewigen Reisen und in tausend Büchern. Wirr, unlösbar fast, ein ungeheures Labyrinth abenteuerlicher Hypothesen –

Jetzt sah er den Weg – jetzt hielt er das Ziel in der flachen Hand! – Ein Ball, den er leicht aufwarf mit sicheren Schlägen. Siegesgewiss schien ihm das Spiel –

Er hätte jemandem danken mögen – für diesen Glauben, den ihm der Augenblick schenkte.

Fast laut sagte er:

»Es gibt keine Germanen. Es gibt keine Slaven. Es gibt keine Romanen. Es gibt keine Kelten und keine Juden. Und weder Griechen, noch Albanier, noch Armenier –

Das ist alles Unsinn. Dumme, abgeschmackte, historische Lügen –

Es gibt nur drei Rassen in Europa –

Die nordische: langschädlig, blondhaarig, blauäugig – – meine Rasse.

Und die mittelländische – rund herum um ihr Meer – – –

Ja – und – zwischen ihnen – die Rasse der Berge. Ein Volk – alle: die wilden Kurden und die Stämme der Karpathen und des Balkan. Die Bergvölker der Alpen: in Tirol und in Salzburg, in der Schweiz und in Bayern. Dann die Auvergnaten – und endlich – das letzte Glied der langen, schmalen Reihe: die Leute der Bretagne – – Kurzschädlig – klein – brünett – –«

– – Ah, die Juden, die Juden – welch eine Granitsäule für seinen Bau! Ein kleiner Bruchteil – blauäugig, blond – nordische Rasse! Heine war einer davon, Heine! Wie oft hatte er sinnend und träumend sein Bild betrachtet. Irgendein Rätsel lag da, irgendein seltsames Geheimnis. – Nun aber hielt er es fest: – seine eigene Rasse war es, seine – –

Dann ein grösserer Teil – mittelländisches Blut – Spinoza – Da Costa – Disraeli –

Und endlich die Hauptmasse – Alpenvolk, Bergleute–hässlich und kurzschädlig –

Er verlor sich. Er zerschlug Rassen wie Flaschenscherben, tilgte mit einem lachenden Striche jahrtausendealte Fragen – –

So klar stand das alles nun vor ihm, so frei und klar.

Nun, da er den trunkenen Glauben hatte.

– Wie war es denn nur gekommen – jetzt gerade?

Woher kamen ihm diese alten Lieder vom Meer, die er seit manchen Jahren nicht mehr gesungen? Und woher kam ihm dieses seltsame Gefühl, dass hier so gut ihre Heimat sein müsse wie dort – in diesen Löchern der Berge nicht weniger wie in den Höhlen der Falaise?

Diese Lieder – schwermütig – einsam – sehnsüchtig – –

Wie diese Rasse der Berge. – Und fanatisch – schwärmerisch – ekstatisch – –

O ja, Don Vincenzo kannte sie gut, seine Landsleute!

Frank Braun stand auf, ein wirres Licht flackerte in seinen Augen. Er trat an den Tisch, goss ein Glas hoch voll und leerte es. Seufzend stellte er es dann zurück –

»Ah – zum Henker, kann man gar nicht mehr trunken vom Weine werden?!«

Er zog die Brieftasche heraus, entnahm ihr ein kleines Blättchen. Sorgfältig entfaltete er es, schüttete den Inhalt, ein feines, weisses Pulver, in den Wein. Und in Absätzen, kostend, prüfend mit der Zunge, leerte er dieses Glas.

Er setzte sich, schloss die Augen, stützte die Ellenbogen auf und legte den Kopf in die Hände. Langsam, wie der Pendel einer alten Uhr, wiegte sich der Oberkörper hin und her.

Endlich stand er auf, tiefseufzend. Schleppenden Schrittes ging er hinaus. Einen Augenblick blieb er stehen auf der Freitreppe, dann schritt er zum See hinab.

Ein leichter kühler Wind schlug ihm ins Gesicht. Und plötzlich, ohne Uebergang, verlor sich das klare Bild vor seinen Augen – wich einem wirren Meer flammenden Nebels. Eine heisse Blutwelle jagte in seinen Schläfen, schwoll an, in kurzen, taktmässigen Stössen. Raste durch den Körper, durch Beine und Arme, bis tief in alle Zehen und Fingerspitzen.

Diese Glut – diese höllische Glut – –

Er dehnte die Brust, schöpfte tief Atem, spannte weit die Arme.

Dann wandte er sich – auf dem Flecke.

– Oben, am dritten Fenster, sah er einen schwachen Lichtschimmer – –

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.