Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hanns Heinz Ewers >

Der Zauberlehrling oder die Teufelsjäger

Hanns Heinz Ewers: Der Zauberlehrling oder die Teufelsjäger - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorHanns Heinz Ewers
titleDer Zauberlehrling oder die Teufelsjäger
publisherGeorg Müller
year1917
isbn
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131021
projectid45c12322
wgs
Schließen

Navigation:

XIII.

»Do hedde sich der konnick kostlick uth
gemacket mit sammeten paltrocken und
kostlick mit gulden ketten, die gulden krone
up sin hoevet. Und die konnickin iss auch
kostlick gerüstet gewest mit sammeten rock,
sie hau auck ein gulden krone up irem
hoevet.«

H. Gresbeck, Summarische ertzelungk der
wiederdope und wat sich binnen der stal
Monster zugetragen im jair MDXXXV.

 

»Wer die Kraft des Reigens kennet,
wohnet in Gott, den er weiss
wie Liebe tötet. Allah hu!«

Dschalaleddin Rumi.

 

Frank Braun ging in seine Zimmer; sie schienen kahl und unwohnlich, nun nichts mehr, darinnen war, das ihm gehörte. Eine Ungeduld fasste ihn, ein heisser Wunsch fort zu kommen aus Val di Scodra. Warum war er. nicht gleich gegangen, am Morgen schon? Dann wäre er nun längst aus den schmutzigen Händen der Bauern! – Und zum ersten Male fasste ihn eine Angst.

Still, unbestimmt, langsam hinaufkriechend in die Kehle.

Er blickte hinaus – nun standen schon zehn Burschen da. Und Ratti lief auf sie zu vom Dorfe her, mit kurzen hastigen Schritten. Er trug seinen hohen Lederhelm und der kurze Säbel schlug ihm um die Beine.

Sie steckten die Köpfe zusammen und flüsterten. Dann gingen Ulpo und Pasquale in das Haus, kamen die Treppe hinauf und klopften an seine Türe.

»Was wollt ihr?« fragte er.

Sie baten ihn mitzukommen zu dem Begräbnis des Gino. »Nein!« schrie er. »Ich werde nicht gehen!« Aber er besann sich – war es nicht besser, sich mitten unter die Menge zu mischen? Gewiss würde dieses Begräbnis nicht vorübergehen ohne eine neue wilde Aufregung – da würde man nicht so auf ihn acht geben und er möchte leicht eine Gelegenheit finden zu entwischen.

»Liegt euch soviel daran dabei zu sein?« sagte er schnell. »Also gut, ich werde mit euch kommen. – Holt mich nur ab, wenn es Zeit ist.«

Die zwei gingen; er warf sich aufs Bett, überlegte, wie er fliehen könnte. Er rief den Knecht, wiederholte noch einmal alles, was er ihm gesagt hatte, und schärfte ihm Vorsicht ein. Gott sei Dank, er schien es begriffen zu haben.

Wie sollte er es nur anstellen wegzukommen von dem Begräbnis? Er brütete die abenteuerlichsten Pläne aus. Sollte er Angelo ins Dorf schicken, derweil alle draussen auf dem Friedhof waren, Feuer legen lassen in fünf, sechs Häusern? Da möchten sie schon zurückrennen und ihn vergessen im Augenblicke. Und es wäre doch ein Spass, von oben her zuzusehen wie Val di Scodra in Flammen aufging! Und ein hübscher Abschied!

Aber er lachte nicht einmal; eine atemlose Unruhe fasste ihn, die ihm die kindischsten Gedanken überlegenswert machte. Er wollte fort aus dem Tale, er musste fort – – es gab irgend etwas, vor dem er fliehen musste um jeden Preis.

Es kostete ihn eine starke Anstrengung, sich zu sammeln, einen Augenblick nur ruhig nachzudenken. Er beschloss, bei Ginos Begräbnis sich möglichst weit nach hinten zu stellen, erst ruhig stehen zu bleiben und sich dann, ganz allmählich, Schritt um Schritt rückwärts gehend, dem Ausgange des Friedhofes zu nähern. Dann, wenn alle sangen, alle sich geisselten oder sonst einen Unfug machten, wollte er rasch entschlüpfen. Hinauf rennen zur Landstrasse und ihr folgen – irgendwo musste ihn das Auto ja einholen. Er war nass von Schweiss, als ob er jetzt schon ein paar Stunden getrabt wäre auf der staubigen Strasse.

Man schlug an die Türe – er schrak heftig zusammen. Er erkannte Ulpos Stimme, sprang auf und steckte Kopf und Hände in das Waschbecken. Die frische Kühle tat ihm wohl, er fühlte sich ein wenig ruhiger: »Geht nur hinunter,« rief er, »ich komme gleich nach.«

Vor dem Hause traf er die zwölf Burschen unter Rattis Führung. »Wie seht ihr denn aus?« rief er sie an.

Jeder hatte sich in ein grosses Leintuch gehüllt, durch einen Riss in der Mitte schaute der Kopf heraus; in den Händen trugen sie die starken Kerzen. »Der Prophet hat es so befohlen.« erklärte Ulpo.

Ratti trat an ihre Spitze mit gezogenem Säbel, sie folgten in Reih und Glied. Frank Braun ging zuletzt, zwischen Pasquale und Giovanni Ulpo. Sie bogen links ab an der Kirche. »Geht ihr nicht zum Friedhofe?« fragte er.

»Nein, zum Hause des Propheten.« antwortete Ulpo.

Noch war niemand auf den Gassen zu sehen. Rattis Hund lag an der selben Stelle, er blickte neugierig auf, aber er rührte sich nicht. Sie stiegen vorbei an der Scheune; erst im Garten des Amerikaners sah er durch das Buschwerk ein paar Leute stehen.

Vor der Türe des Hauses nahmen die Burschen Aufstellung; Ratti allein überschritt die Schwelle und Frank Braun folgte ihm. Die Fenster der Diele waren verhangen, der Raum war dunkel, nur von wenigen Kerzen matt erleuchtet. Als er die Augen ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt hatte, sah er hinten auf zwei Stühlen einen kleinen, braunen Sarg stehen. Er trat näher; da lag, in weisse Tücher gehüllt, der kleine Gino.

Sie hatten ihm das Gesicht gewaschen, nur in den Haaren klebte noch geronnenes Blut. Die Hände lagen versteckt unter dem Leintuch.

Ronchi trat heran. Er hob einen Stuhl auf die Bank und setzte zwei Leuchter darauf mit brennenden Kerzen; nun fiel ihr warmer Schein auf das bleiche Gesichtchen. Auch der Schneider war in ein weisses Tuch gehüllt.

Frank Braun sah sich um – da waren noch mehr Leute in dieser Umhüllung, Männer und Frauen. Niemand sprach, wie weisse Schatten glitten sie durch den düstern Raum.

Dann hörte er flüsternde Stimmen von der Treppe her. Er blickte auf zu den weissen Gestalten, da kamen Venier und seine Frau, Scuro, Alvassi, der Schmied, und der alte Ulpo. Dann die Cornaro, Maria Grazia und Celestina Nosclere. So füllte sich der Raum.

Hinter ihnen schritt der Prophet herab. Er sah wunderlich genug aus, eine grellrote Wolldecke umschlang ihn, ungeschickt über die linke Schulter geworfen und um den Leib mit einem Frauengürtel zusammen gehalten. Auf dem Kopfe trug er, aus Pappe geschnitten und mit Goldpapier beklebt, eine grosse Krone, in der Rechten führte er einen kurzen Stab, der mit Oellaub dicht umwunden war und wohl ein Zepter vorstellen sollte.

Der Prophet schritt langsam dem Sarge zu blieb dort stehen und schaute zurück. Nun kam die Heilige die Treppe hinab. Sie trug dasselbe weisse Gewand wie gestern und sie schien es nicht abgelegt zu haben in der Nacht. Es war voll von Staub und Schmutz und klebte dicht von schwarzroten Blutflecken. Ihre Haare fielen tief herab, auf dem Kopfe trug sie eine goldene Krone, wie der Prophet. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Lippen bewegten sich im Gebet; sie schritt langsam und mühevoll, als ob sie zusammenbräche unter ihren Schmerzen. Carmelina Gaspari und Linda Vuoto führten sie, trugen sie fast und stützten sie zärtlich.

Die Heilige schritt zu dem Sarge, eilig brachten ihre Frauen einen Stuhl. Aber sie wies ihn zurück, kniete nieder und lehnte Kopf und Hände auf den kleinen Sarg.

Der Prophet trat vor. Er sprach ein paar halblaute Worte – von Opfer – von Erlösung – von der Gnade des Heilandes – von ewiger Herrlichkeit. Dann kniete er zur Seite der Heiligen. Alle knieten und alle beteten stumm, kein leises Wort flog durch den Raum.

Ronchi öffnete die Tür und winkte mit dem Arm. Die zwölf Burschen traten ein mit ihren Kerzen, knieten am Eingang nieder und beteten. Nach wenigen Minuten schickte Ronchi sie hinaus und winkte andere herein. Die knieten schweigend, beteten und gingen wieder, abgelöst von neuen Scharen. Das ganze Dorf kam, verrichtete seine Andacht und betete für die arme Seele des Knaben, der seinen Leib geopfert hatte für ihre Erlösung.

Endlich erhob sich der Prophet. Die beiden Mädchen kamen und richteten die Heilige auf. Sie legte die Arme auf ihre Schultern; so stand sie zwischen ihnen, sah still zu, wie Venier und Alvassi den kleinen Sarg nahmen und hinaustrugen.

Frank Braun ging vor die Türe, dort ordnete der Schneider den Zug. Und die Leute von Val di Scodra sahen seltsam genug aus in den weissen Tüchern. Alle waren barhaupt und barfuss, aber alle trugen irgendeine Waffe in der Hand. Die meisten hatten Geisseln und Ruten, andere trugen Spaten, Aexte, oder auch Sensen und lange Mistgabeln. Es war, als ob sie zum wilden Kriege auszögen.

»Wollen sie damit heute den Satan bekämpfen?« dachte er. »Das mag blutig genug werden.«

Ratti setzte sich an die Spitze des Zuges mit gezogenem Säbel. Ihm folgte die Musik mit ihren Instrumenten – aber sie spielte nicht, auch sang niemand. Es war still ringsum, selbst die Kinder schwiegen. Hinter der Musik trugen die beiden Männer den Sarg, zu dessen Seiten sechs kleine, weisse Mädchen schritten. Dann folgte der Prophet, hinter ihm ging die Heilige mit ihren Frauen. Die zwölf Burschen kamen und endlich die Menge, die Ronchi führte und Girolamo Scuro.

Frank Braun blieb stehen am Hause, wandte sich dann langsam dem Garten zu. Er glaubte sich schon gedeckt hinter den dichten Büschen; plötzlich aber sah er den jungen Ulpo zurücklaufen. »Kommt mit uns, Herr!« sagte der Bursche.

Er biss sich in die Lippen, doch blieb ihm nichts übrig, als schweigend zu folgen. Sie schritten rasch aus, bis sie den Zug einholten. Missmutig ging er in den Reihen der Kerzenträger, gleich hinter der Heiligen. Der Gottesacker lag dicht bei des Amerikaners Garten, aber der Eingang war von der andern Seite; so musste man hinunter gehen in das Dorf, an der Kirche vorbei.

Der Friedhof war nicht eben, er senkte sich herab in schmalen Terrassen, auf der untersten lag die kleine, offene Grube, die für Gino bestimmt war. Die Leute drängten heran, aber Ronchi wies sie fort; gehorsam stiegen sie höher hinauf, um von dort zu schauen. Pasquale sprang in das Grab, die beiden Träger reichten ihm den leichten Sarg hinunter.

Der Prophet trat vor und Ronchi winkte allen zu noch grösserer Stille. Aber ehe noch Pietro begann, rief die Heilige laut: »Habt ihr ein Kreuz? Habt ihr ein Kreuz für Gino?«

Sie sahen sich an, der Schneider schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er, »daran hat niemand gedacht.«

Die Heilige blickte sich um und wandte sich an die Gemeinde. »Ihr sollt ein Kreuz machen,« sagte sie, »ein grosses Kreuz – grösser als eines auf dem Kirchhofe. So gross – wie die dort oben!« Sie zeigte mit der Hand hinauf zu der Kreuzesplatte. »So gross sollt ihr es machen!«

Ronchi sagte: »Ja, Schwester, wir werden es tun. Morgen werden wir es machen.«

Aber sie rief heftig: »Nicht erst morgen! Heute sollt ihr es machen! Jetzt gleich!«

Girolamo Scuro warf sein weisses Leintuch ab. Er fasste den neben ihm stehenden Alvassi am Arm: »Komm, wir wollen das Kreuz bauen.« Ronchi folgte ihnen und noch ein vierter. Sie schwangen sich über die niedere Mauer in den anstossenden Garten des Propheten. Frank Braun sah ihnen nach. Sie gingen zur Scheune, dort stand an der Rückwand das Holz Pietros aufgeschichtet. Scüro wählte einen langen, vierkantigen Balken, sie schnitten ihn ab und nagelten mit starken Haken ein schmales Brett darauf, gaben ihm zur Stütze vier kleine Schrägbalken. Ronchi aber ging in die Halle und kam wieder mit einem Stück weisser Pappe und einem Fetzen Goldpapier. Er schnitt grosse Buchstaben daraus, klebte sie auf und heftete die Pappe oben auf das Kreuz. Die goldenen Lettern glitzerten in der Sonne: I. N. R. I.

Unterdessen stellte Ratti die Musik am Grabe auf und dazu seine zwölf Burschen. Sie begannen ihren Sang und die Gemeinde fiel ein. Sie sangen das brünstige Lied vom Corpus Domini. Dann kniete der Prophet zum stillen Gebet nieder und alle folgten seinem Beispiel. Scuro und die andern kamen zurück, sie legten ihr Kreuz zur Erde, knieten und beteten mit den andern. Der Prophet stand auf Und segnete stumm das Grab, er nahm seine Krone ab und warf drei Hände voll Erde auf den Sarg. Venier nahm eine Schaufel, füllte sie mit Erde und reichte sie der Heiligen; sie griff hinein und küsste die Erde. »Gino ist glücklich,« flüsterte sie, »er ist auf ewig bei Gott.« Sie warf ihre Erde, dann kniete sie schluchzend nieder.

Alle traten heran, so wie sie Ronchi winkte. Sie warfen das Grab zu und häuften einen kleinen Hügel darauf. Wieder sangen sie ein Lied, wieder sprach der Prophet ein leises Gebet. Dann gingen sie. Die Frauen richteten die Heilige auf; wankend schritt sie zwischen ihnen her. Und der Zug setzte sich in Bewegung, langsam zogen sie durch die glühheisse Sonne, zurück zu des Propheten Halle – ihrer aller Heimat.

Als sie auf dem Platze vor der Kirche waren, blieb die Heilige stehen. Sie machte sich los, reckte sich und rief laut durch die Stille: »Wo ist das Kreuz?«

Ein paar Leute stürzten zurück, sie aber schritt die Treppe zur Kirche hinauf. Auf der obersten Stufe wandte sie sich und rief wieder: »Jauchzet und frohlocket! Das Lamm hat überwunden! Ihr sollt tanzen und singen zum Preise des Herrn! – Die Musik soll spielen!«

Die Musikanten traten auf die Kirchentreppe und spielten, niemand aber hob die Beine zum Tanz. Was ihnen das Natürlichste erschien in der dunklen Fackelnacht der Halle, kam ihnen unmöglich vor am hellen, sonnenglänzenden Tage.

Die Heilige sah es wohl. »Holt Wein!« rief sie. »Holt die kupfernen Kessel. Der Prophet wird euch zu trinken geben vom Blute des Lammes. Und singet dazu, singet!« – Der Gesang schwoll an und füllte das Tal.

Scuro rannte weg mit einigen Weibern, sie brachten die Kessel. »Bruder,« sagte er zu dem Propheten, »es ist kein Wein mehr im Saale.«

Die Heilige hörte es. »Lauft zu meines Vaters Hause!« rief sie.

Ratti sagte: »Dein Vater ist nicht da. Er ist zur Stadt, Schwester.«

Sie stiess ihn zurück. »Lauft hin!« befahl sie. »Geht zum Keller und öffnet die Türe!«

Sie rasten hinunter zum See, allen voran mit langen Sätzen der riesige Knecht. Und sie brachten den Wein, sechs grosse Körbe voll.

Der Prophet reckte die Hände zum Himmel: »Heiliger Vater, segne in Gnade Elias, deinen Knecht. Wandle den Wein zu deines Sohnes Blut, der am Marterholze starb zur Vergebung unserer Sünden!« Er fuhr mit den Armen über die Körbe und wandelte aller Flaschen Inhalt zugleich.

Da wandte sich der Schneider an die Heilige. »Segne auch du den Wein, heilige Schwester.«

Sie streckte ihre Arme aus über die Körbe, ihre Lippen murmelten ein Gebet. Die goldene Krone funkelte in der Sonne – ah, sie war wohl eine Hohepriesterin! Ronchi zitterte, starrte sie gebannt an.

»Giesst ein!« befahl der Prophet.

Der Schneider sprang gierig hinzu, griff eine Flasche, schlug ihr den Hals ab und füllte einen Kessel. Rasch führte er ihn zum Mund und trank. Seine Augen strahlten in heissem Glauben.

»Ja!« rief er. »Ja – man schmeckt es wohl! – Heilige Schwester, ich schmecke das Wunder deines Segens: das ist Christi Blut, vermischt mit der Milch der Jungfrau!«

»Mariae Milch!« riefen sie. »Mariae Milch! Des Heilandes Blut und die heilige Milch der Madonna!«

Sie füllten die Kessel und tranken. Und des Herrn Blut und seiner Mutter Milch verliehen ihnen Kraft und liessen ihre Augen leuchten und machten den strahlenden Sommertag zu dunkelster Nacht.

»Tanzt!« rief die Heilige. »Jauchzet und singet!«

Nun, wo der heilige Trank mitten in den nüchternen Sonnentag eine Gasse gebrochen hatte für allen frommen Wahnsinn – nun wirkte auch die Musik.

Sie warfen die Peitschen und Geräte zu Boden, Hand in Hand schlossen sie sich zu Kreisen. Die zwölf Burschen in der Mitte, um sie ein anderer Kreis von Weibern. Und noch ein Kreis und ein vierter und fünfter – wie Wellen, die in stillem Wasser rund weiterlaufen, wenn man einen Stein hineinwirft. In der Mitte stand die Heilige und der Prophet, auch Ronchi; um sie herum schwang sich der Wirbel. Rechts herum drehte sich der erste und dritte, der fünfte und siebente Kreis, alle Männer – aber links herum sprangen die Weiber. So begann der Reigen. Sie sangen das Osterlied, heulten das ›Allelujah‹ aus vollen Kehlen und wiederholten es zehn-, zwölfmal bei jedem Verse.

»Der Heiland ist erstanden,
Befreit von Todesbanden,
Der als ein wahres Osterlamm
Für mich den Tod zu leiden kam.

Allelujah!

Nun ist der Mensch gerettet,
Der Satan angekettet,
Der Tod hat keinen Stachel mehr,
Der Stein ist weg, das Grab ist leer.

Allelujah!

Der Sieger führt die Scharen,
Die lang gefangen waren,
In seines Vaters Reich empor,
Das Adam sich und mir verlor.

Allelujah!

O wie die Wunden prangen,
Die er für mich empfangen!
Wie schallt der Engel Siegsgesang
Dem Starken, der den Tod bezwang!

Allelujah!«

Es war ein triumphierender Siegessang und lauter hätte der Engel Chor auch nicht schallen können. Ihr starker Glaube brach durch das Tal von Scodra, als wollte er die Felswände einreissen und in den See stürzen.

»Mein Glaube darf nicht wanken,
O tröstlicher Gedanken!
Ich werde durch sein Auferstehn
Gleich ihm aus meinem Grabe gehn.

Allelujah!

Die Nacht, die mich dort decket,
Bis mich der Himmel wecket,
Ist kurz, dann ruft mein Heiland mich
Ins Reich, wo niemand stirbt, zu sich.

Allelujah!

O Meer von Seligkeiten!
Ein Ort mir zu bereiten,
Ging mein Erlöser hin vor mir,
Erstandener, ich folge dir.

Allelujah!«

»Allelujah!« schrien sie. Sie waren bereit zu folgen, jeden Augenblick. Sie sprangen und rissen sich im Kreise, als wollten sie im wilden Reigen dem Erlöser folgen, einziehen in sein Reich, ihren Lobgesang vereinen mit dem der Heerscharen.

»Dann werd ich im Gerichte,
Vor deinem Angesichte
Von deinem Blute glänzend stehn
Und zu des Lammes Hochzeit gehn.

Allelujah!«

Ihre Begeisterung stieg, immer wieder sangen sie diese letzte Strophe. Hatten sie nicht alle des Lammes Blut getrunken? Und war ihr Leib nicht voll des Blutes, das sie selbst vergossen hatten für den Gekreuzigten? Wie musste der Herrgott sich freuen, wenn sie kamen, wie musste der Gerichtstag zum grossen Festtag werden für alle Himmel!

Und sie jauchzten und sprangen, glänzendweisse Scharen in der glühenden Sonne. –

Allelujah! Allelujah!

Manche fielen, man öffnete die Hände und liess sie hinaus, dann schlossen sich wieder die Kreise. Sie wurden kleiner und enger, aber ihr Gesang liess nicht nach in seiner wilden Raserei. Immer von neuem winkte Ronchi den Musikanten, mit neuer Kraft fielen sie ein, sowie nur um ein Geringes der Sang der Tanzenden nachliess. Einer nach dem andern brach erschöpft zusammen, kroch mühsam auf die Kirchentreppe, ächzte in heisser Beklemmung.

Aber der Prophet mischte sich in den Tanz und sein Eintritt gab dem letzten Kreise, der noch herumraste, neue Kräfte. Er fasste die Hände der Venier und der Cornaro und riss sie mit sich in schwindelndem Reigen. Dann liess er sie und drehte sich um sich selbst, wie ein blutroter, wahnsinniger Kreisel. Alle folgten ihm; Allelujah schrien sie, Allelujah!!

Sie tanzten und sangen und brachen nieder. Sprangen wieder auf und tanzten von neuem weiter.

Der Prophet blieb stehn, plötzlich, unvermittelt, mitten in rasendem Wirbel. Er streckte die Arme aufwärts, hob den Kopf und reckte sein Zepter zur Sonne. »Der Himmel steht offen!« schrie er. »Der Himmel hat seine Tore weit geöffnet. Ich sehe Christum sitzen auf dem Throne zur Rechten des Vaters!«

Alle blickten hinauf in die weissglühende Sonne. »Auch ich sehe ihn!« rief die Venier. »Der Erlöser breitet seine Arme aus Und segnet uns.« Die Gemeinde kniete und es war, als ob ein Schauer durch die Luft führe und sich niedersenkte auf sie.

»Ich fühle die Hand Gottes!« schrie Maria Grazia. Der junge Ulpo aber sprang auf vom Boden, blutiger Schaum trat ihm aus den Lippen. Er lief mit raschen Schritten hin zur Heiligen, kniete nieder, warf den Kopf zurück und schlug mit den Armen durch die Luft. Worte bildeten sich auf seinen Lippen, leise und heiser, wurden lauter dann und brachen stöhnend und krächzend heraus.

Alle sammelten sich um ihn, auch Frank Braun kam die Stufen herab und näherte sich dem Burschen.

Dort oben hatte er gestanden und dem Tanze zugesehen. Seine Flucht bekümmerte ihn nicht mehr, seit er mitten unter den Leuten war. Schon auf dem Friedhofe hatte er gesehn, dass es ihm leicht sein würde, zu entkommen; er brauchte nur umzudrehen und ruhig seiner Wege zu gehn. Niemand bekümmerte sich um ihn, sah ihn auch nur an. Und hier auf dem Kirchplatz vollends, als sie ihren wilden Tanz begannen, schien kein Auge auch nur einen Moment auf ihm zu ruhen. So blieb er – in der festen Gewissheit, immer gehen zu können, wann er nur wollte.

Neugierig blickte er auf Giovanni Ulpo; es war gewiss, dass seine Besessenheit nichts Visionäres hatte. Aber auch epileptisch war dieser Anfall gewiss nicht.

Der junge Bursche sprach nicht – er erbrach seine wirren Worte. Sie kamen einzeln, tief aus der Kehle, begleitet von Geifer und Blut. Und sie waren in irgendeiner fremden Sprache.

Frank Braun glaubte ein griechisches Wort zu hören, dann ein spanisches. Aber er konnte sich nicht Rechenschaft darüber geben, so schnell, so abgehackt stürzten die Laute aus dem verzerrten Munde.

Und dann, plötzlich, fiel des Burschen Blick auf den Deutschen. Ein jähes Entsetzen warf ihn zurück, vor seinen Augen schien sich ein grässlicher Abgrund zu öffnen. Und langsam, hell und klar, mit einer Stimme, die nichts gemein hatte mit der, die er sonst führte, sprach Giovanni Ulpo und zeigte auf ihn mit hoch erhobenem Finger:

»Et vidi bestiam – – Et apprehensa est bestia et cum ea pseudopropheta qui fecit signa coram ipsa; quibus reduxit eos qui acceperunt characterem bestiae et qui adoraverunt imaginem ejus. Vivi missi sunt hi due in stagnum ignis ardentis sulphure. Et ceteri occisi sunt in gladio sedentis super equum, qui procedit de ore ipsius: et omnes aves saturatae sunt carnibus eorum.«

Frank Braun suchte in seinem Gedächtnis. Alle Fächer riss er auf in fieberhafter Hast – – wo, wo lagen diese Worte? Und endlich fand er sie und zog sie hervor –

Er sah wohl: niemand verstand das Zungenreden des Burschen – das war ein Glückt Ah, sie möchten ihn sonst zu Stücken reissen! Und auch Ulpo verstand seine Worte nicht, mochte er ihren Sinn auch fühlen in seiner Besessenheit. – Nein, noch konnte er sicher sein!

Leise wiederholte er die Verse der Offenbarung:

»Und ich sah das Tier – – Und das Tier ward gegriffen und mit ihm der falsche Prophet, der die Zeichen tat vor ihm, durch welche er verführte, die das Malzeichen des Tieres nahmen und die das Bild des Tieres anbeteten; lebendig wurden diese beiden in den feurigen Pfuhl geworfen, der mit Schwefel brannte.

Und die andern wurden erwürget mit dem Schwert des, der auf dem Pferde sass, das aus seinem Munde ging; und alle Vögel wurden satt von ihrem Fleisch.«

Wie kam nur Giovanni Ulpo an die Worte der Vulgata, dieser Bauernbursche, der nie ein anderes Wort gehört hatte als den Dialekt seiner Berge? Es sei denn die rasch gemurmelten lateinischen Brocken des Priesters in der Messe! – Wie kam er nur dazu?

War es nicht wieder ein Rückfall in die Gefilde der Ahnen – – wie alles, was vorging in diesem Tale? War er vielleicht ein Urenkelkind irgendeines Pfaffen, wie Fiametta Venier des Gendarmen Tochter? Und sprach dieses Ahnen Rede aus Ihm?

Was war es nur, dieses: ϒ λώσσαις λαλεϊν Paulus, den Apostel, ärgerte es grimmig, denn die Zungenredner priesen nicht nur den Herrn, sie fluchten ihm noch mehr. Aber ob er dagegen eiferte, es blühte fort und lebte weiter in den Jahrtausenden. Die Camisarden in den Sevennen pflegten es weidlich und die Mormonen machten ein heiliges Studium daraus. In allen Methodistenkirchen konnte man es hören, jahraus, jahrein –

Was war es nur?

– Die Heilige streifte ihn mit ihrem Gewande. Sie schritt an ihm vorüber auf Ulpo zu und hob ihn auf: »Was hast du gesehen, Bruder?« fragte sie.

Er stammelte: »Der Boden ist rot von Blut. Und das Tier lebt und es ist der Hölle Rachen. Der Rachen öffnet sich weit und will uns verschlingen.«

Da schrie die Heilige: »Er hat recht! Giovanni Ulpo hat recht! Die Hölle will uns verschlingen.«

Sie stürzten heran, klammerten sich an sie, als wollten sie Schutz finden bei ihr vor aller Gefahr. »Die Hölle will uns verschlingen!« schrien sie.

Die Heilige reckte den Arm aus. »Der Prophet hat den Himmel offen gesehn und mit ihm die Schwester Matilda Venier. Christus hat uns gesegnet! Des Reiches Tore stehen offen und der Herr-Gott erwartet uns. Bereitet euch alle zum Wege des Herrn!« Sie ging rückwärts, stieg einige Stufen der Treppe hinauf, lehnte beide Arme über die Schultern ihrer Frauen. »Aber Bruder Ulpo, Giovanni Ulpo, des Vittorio Sohn, sah wie die Hölle sich öffnete! Der Satan missgönnt uns unseren Sieg und rüstet alle seine Scharen euch zu verschlingen. Blut bedeckt den Boden und nur durch Blut führt unser Weg! Seid ihr bereit, den Weg zu gehen, anzukämpfen gegen des Satans Macht?«

»Ja,« schrien sie, »ja! Du sollst uns führen!« Sie drängten sich heran auf die Stufen, griffen ihre Waffen auf, jeden Augenblick bereit, sich auf den wilden Feind zu stürzen, der sie angreifen wollte.

Der Heilige rief: »Verzaget nicht, Brüder und Schwestern! Christus ist der Erlöser, unter seinem Banner werdet ihr siegen! Der Teufel speit sein Höllenfeuer auf uns, stösst nach uns mit den Hörnern, greift nach uns mit langen Krallen! Lasst euch nicht fassen, kämpfet gegen seine unsichtbare Macht! Ueberall ist er um uns: schlagt ihn, tretet ihn, stosset ihn! Wehrt euch alle, kämpft gegen den Satan! Schlagt zu, schlagt zu und wehrt euch bis aufs Blut!«

Und die Venier schrie: »Ich sehe den Satan, den Schelm, den Seelenmörder! Da ist er, da steht er und streckt seine Arme nach mir aus!« Sie hob die Peitsche und schlug wie rasend in die Luft.

Alle stürzten heran. Sie schlugen mit den Spitzhacken gegen die Kirchenmauer, peitschten den Boden mit Geisseln, Stöcken und Ruten. Sie hoben Hämmer und Beile, stiessen mit den Spaten und den langen Heugabeln. Ratti bearbeitete mit seinem Säbel die Holztüre der Kirche, Alvassi warf seine Sichel hoch durch die Luft. Die langen Sensen leuchteten in der Sonne, die Harken und Spaten wirbelten über den Köpfen.

»Haut zu!« schrien sie. »Lasst euer Leben für Christo! – Seht ihr ihn dort, den Beelzebub, den Mörder!? – Auf ihn! Auf ihn! – Das ist der Zorn Gottes! – Herr, erbarme dich unser! – Die Hölle bricht los! – Haut zu!«

Der Prophet rief: »Wer sein Leben in Christo verliert, der wird es gewinnen, wer es behalten will, wird es verlieren! – Haut zu! So werden die Seelen erlöst und der Satan überwunden!«

Sie kämpften in der heissen Sonne. Schmutziger Schweiss brach aus ihren Poren, mischte sich mit dem Blut, das aus den aufgescheuerten Wunden brach. Aber sie wichen nicht und wankten nicht, unermüdlich tobten ihre Waffen.

Die Heilige rief ihre Frauen: »Ihr seid die barmherzigen Schwestern! Gehet hin und stärket die Streiter des Herrn!« Sie liess die Kessel füllen, segnete sie und liess sie von dem Propheten segnen. Und Linda und Carmelina nahmen sie auf, Maria Grazia und die kleine Silvia, Ronchis Tochter. Sie liefen zwischen den Kämpfern, stärkten ihre verschmachtenden Lippen mit des Heilandes Blut.

So tobte der rasende Kampf. Sie zerschlugen die starke Wand der Kirche, krachend fiel die Holztüre zusammen. »Er ist in der Kirche!« heulte der Schmied. »Der Satan verbirgt sich im Hause Gottes!«

Sie rasten hinein, zogen die Decken von dem Altare, zerfetzten die Bilder, rissen sie herab und zertrampelten sie mit den Füssen. Sie zerschlugen, was sie nur greifen konnten, legten die starken Aexte an die Tragbalken. Krachend stürzten sie zusammen, prasselnd fiel das alte Dach hinab und begrub fünf, sechs der Streiter Gottes. Da lag Pasquale mit zerbrochenen Beinen, aber mit ungeschwächter Kraft schwang sein Arm das Beil und hieb um sich.

»Haut zu! – Schlagt den Seelenmörder! – Lasst euer Leben für Christo!«

Scuro lief heran. Er kam von der Halle, vier brennende Pechfackeln trug er in den Händen. Und er warf sie in hohem Bogen in die zertrümmerte Kirche.

»Wir wollen ihn ausräuchern, den Hund, den Satan!«

Im Augenblicke fing das trockene, morsche Holzwerk Feuer, flammte auf wie Zunder und füllte die Kirche mit einem Meer von Rauch und Flammen. Sie stürzten heraus, retteten sich, so gut sie konnten, tobten draussen von neuem gegen die Wände.

Die Heilige trat mitten auf den Platz, auf ihren Wink sammelte Ratti die Musik. ›Herrgott, dich loben wir!‹ spielten sie. Triangel, Tamburin und Harmonika –

Sie liess alle heranrufen: »Ihr habt überwunden!« rief sie. »Brüder, Schwestern, ihr habt überwunden!« Sie lauschte auf, dann fuhr sie fort und hob ihre Stimme: »Hört ihr? Hört ihr? Droben spielen die himmlischen Chöre!« Wieder hielt sie inne, wieder lauschte sie. Und fanatisch jauchzend gellte sie: »Und dort, dort! In der Kirche! Der Satan stirbt – hört ihr ihn stöhnen und ächzen?«

Alle lauschten gespannt – wirklich, es drang ein jämmerliches Stöhnen aus der brennenden Kirche.

»Gelobt sei Jesus Christus!« brüllten sie. »Gelobt sei der Herr! Allelujah! Allelujah!«

Und sie sangen:

»Heilig, Herr Gott Zebaoth!
Heilig, Herr der Kriegesheere,
Starker Helfer in der Not!
Himmel, Erde, Luft und Meere
Sind erfüllt mit deinem Ruhm,
Alles ist dein Eigentum!«

Frank Braun stand immer noch nahe der Kirchentreppe, er lauschte atemlos auf die quälenden Töne, die von drinnen kamen. Von vier, fünf Stellen schienen sie zu kommen – ein Stöhnen hier, da ein verzweifeltes Aechzen. Dann, von links her, drangen ein paar Worte zu ihm. »Barmherziger Gott –« verstand er und wieder: »Christus, Christus, verlass mich nicht!«

»Himmel!« murmelte er. »Es ist des jungen Ulpo Stimme!– Sie haben ihn vergessen, er verbrennt lebendig!«

Ohne Ueberlegung sprang er die Stufen hinauf, bahnte seinen Weg durch die Türe über die flammenden Balken. Aber er kam nicht durch, sah nichts in dem dicken, beissenden Rauch, der ihm in die Augen schlug. Von allen Seiten versuchte er vorzudringen – und musste wieder zurück. Dann brach ein langes Brett aus dem Dach, schlug herunter und fiel ihm auf die Schulter, dass er in die Knie sank. Die Wände brannten hell und ihr Einsturz drohte in jedem Augenblick – Er musste zurück.

Schwächer wurde das Stöhnen und schwächer. Schrie noch einmal auf. Dann verstummte es. »Nun ist er erstickt!« flüsterte der Deutsche.

Und draussen sangen die Wilden den letzten Vers – Te deum laudamus.

Der Prophet sprach ein Dankgebet, knieend pries er den Herrn mit seiner Gemeinde. Die Heilige sagte: »Danket dem Herrn! Preiset und lobsinget ihm! Ihr werdet eingehen in das Himmelreich, wenn die Zeit erfüllet ist. Der Heiland selbst hat mir offenbart, was geschehen soll.«

Sie lauschten gespannt. Der Prophet fragte: »Was ist es, heilige Schwester?«

Sie aber sagte: »Küsset euch alle, Brüder, und Schwestern, der Augenblick ist da, wo das grosse Opfer gebracht wird!« Und sie trat hin zu dem Propheten, legte ihre Arme auf seine Schultern und küsste ihn auf beide Wangen. Dann küsste sie Ronchi, Ratti und alle ihre Frauen. Auch Scuro trat heran, da zögerte sie einen kleinen Augenblick. Dann aber hob sie beide Arme: »Küsse mich, Bruder.«

Alle küssten einander, alle traten zu der Heiligen und zu dem Propheten. Und sie grüssten: »Küsse mich, Schwester!« und: »Sei willkommen, Bruder, im Namen des Herrn.«

Jeder küsste die Heilige und jedem reichte sie Stirne und Wangen. Dann plötzlich riss sie sich los aus den frommen Umarmungen. »Eilet, eilet,« rief sie, »dass das Zeichen erfüllet werde!« Aber wieder umschlang sie ihre Frauen, küsste sie und benetzte mit warmen Tränen ihre Wangen. »Nehmet Abschied von mir! Nehmt Abschied.«

Es schien, als ob sie sich kaum trennen könnte von Carmelina und Linda Vuoto. Gestern noch hatte ihre grausame Geissel die Leiber der Mädchen zerfleischt und zerschlagen, nun aber lag sie in ihren Armen, zärtlich, weich, lächelnd unter heissen Tränen. »Nehmt Abschied.« sagte sie. »Es muss sein; Christus befiehlt es.« Sie liess ihnen beide Hände, die die Frauen mit Küssen bedeckten. Sie reckte sich, hob den Kopf und warf das Haar zurück.

»Wo ist das Kreuz?« fragte sie. »Bringt das Kreuz heran.«

Scuro schleppte es her. »Hier, heilige Schwester.« Die Heilige trat heran, legte die Hand auf den Querbalken und streichelte es leicht.

»Hört an, Schwestern und Brüder, was Christus mir offenbart hat: Er will, dass ich sterben soll für euch. Das ist das Pfand, das der Herr-Gott verlangt zur Erlösung eurer Seelen: mein Opfer!« Und leiser, fast zärtlich, fuhr sie fort: »Ihr müsst mich kreuzigen!«

Sie standen um sie, stumm und starr, mit weit offen hängenden Mäulern. Niemand sprach, selbst der Prophet bewegte die Lippen nicht. Aber die Heilige schwankte nicht.

»Hebt die Blicke!« rief sie. »Schaut dorthin!« Sie reckte den Arm, aller Augen folgten ihrer Bewegung und schauten nach der Kreuzesplatte. »Brüder! Schwestern! Seht ihr die drei Kreuze? Jesus Christus dort zwischen den Schächern? – Da sollt ihr nun ein viertes errichten – – dieses Kreuz. Und ich werde hängen und meinen Leib lassen zur Vergebung eurer Sünden und meiner! – So hat es der Herr-Gott bestimmt!«

Immer noch schwiegen sie, niemand wagte ein Wort. Und es schien, als ob in diesen Köpfen, die gewohnt waren, alles zu greifen ohne Frage, ohne Widerstand, etwas sich sträubte gegen dieses Letzte, Ungeheuerliche.

»Wollt ihr es tun?«

Und sie antworteten nicht.

»Seid ihr zagmütig? Wollt ihr euch stemmen wider des Herrn Wille und locken gegen den Stachel? – Wollt ihr, dass ich mit eigener Hand den Hammer führe, mich ans Holz zu heften?« – Sie griff fest die Hand des Knechtes, »Girolamo Scuro – du wirst es tun!«

»Heilige Schwester –« lallte der Riese, »heilige Schwester –«

Sie schrie: »Du wirst es tun, du wirst es tun! Die Hölle wird dich verschlingen, wenn du dich weigerst – du musst es tun, Girolamo!«

Und der rotkröpfige Knecht sagte – und seine Stimme klang dünn und hell wie die eines Knaben – »Ja, heilige Herrin!«

»Ich wusste es wohl,« sprach sie leise, »ich wusste es wohl. Deine Hand wird mich ans Kreuz heften – deine Hand!« Sie griff diese grosse furchtbare Hand, beugte sich und küsste sie demütig. Und langsam, sinnend und zweifelnd, fuhr sie fort: »Und doch – soll ich nicht sterben – durch diese Hand –«

Es war, als ob sie nach innen spräche, als ob sie frage und wieder antworte einem, das tief in ihr war.

Aber sie entriss sich ihren Gedanken. »Wie der Herr Jesus Christus es will – in seine Hände befehle ich meinen Leib – es wird geschehen nach seinem Willen!«

Sie wandte sich zu dem Propheten: »Bruder, führe uns hinauf! Auf dass erfüllet werde der Wille des Herrn!« Dann trat sie zurück zu ihren Frauen, schaute ruhig zu, wie der Prophet mit Ronchi und Ratti die Prozession ordnete.

Frank Braun hatte jedes Wort gehört, das sie sprach. Er stand still auf der Treppe, fast unfähig, ein Glied zu rühren. »Sie wird sich opfern,« flüsterte er, »sie wird hängen am Kreuze, um die Seelen der Brüder zu erlösen.« Sie – Teresa Raimondi – seine Geliebte – Die er geküsst hatte mit heissen, durstigen Lippen, die in seinen Armen gelegen, durch manche Stunde der Nacht –

Sie wird – hängen – dort oben – am Kreuze –

Er begriff es nicht, er fuhr sich mit den Händen über die Augen. Aber er träumte nicht – schon ordneten sie sich zum Zuge: Scuro und Venier hoben das gewaltige Kreuz.

Er erschrak, irgend etwas legte sich eng Um seine Kehle. Er schluckte nach Atem, krampfte die Fäuste zusammen –

Das also war das Ende seines Spieles?!

Und er war hilflos, machtlos, ein erbärmlicher, armseliger Wurm! Seine Geschöpfe aber, seine Puppen lebten und wuchsen riesengross, schritten weit über ihn hinweg und stiessen alle Himmel ein –

»Fort,« murmelte er, »fort – –«

Es war nicht mehr zu ertragen – er musste weg, ehe der Vorhang sich hob über dieser letzten entsetzlichen Szene.

Er riss sich zusammen. Er ging geradeaus, taumelnd, den Häusern zu. Er blickte rings um sich – dort die Gasse hinauf – die Gärten entlang, nach dem Friedhofe zu, das war das beste. Hinter den Büschen war er sicher – – Er ging die Strasse hinauf, hielt sich dicht an den Häusern. Noch hätte man ihn sehen können, so schritt er langsam, um nicht aufzufallen. Aber unwillkürlich wurde sein Gang hastiger, schneller und schneller. Dann lief er. Nun war er bei den grünen Weidenbüschen.

Da hörte er laut schreien.

» Haltet ihn! Greift den Fremden

Es war Teresas Stimme – und die Stimme – ihre Stimme, – hielt ihn fest auf dem Flecke, mitten im Lauf. Er stand gebannt, wie festgewurzelt in dem Boden, keinen Fuss konnte er mehr vor den andern setzen.

›Greift den Fremden!‹ hatte sie gesagt. – Den Fremden! – Das war er – der Fremde! – Sie, Teresa, hatte ihn so genannt.

Sechs Burschen liefen auf ihn zu, er rührte sich nicht. Girolamo Scuro schlug ihn auf die Schulter, griff fest seinen Rock und warf ihn herum. Er schnaufte und der rote Kropf blähte sich wie ein widriger, armloser Polyp.

Aber Frank Braun wehrte sich nicht, willenlos liess er sich zu der Heiligen führen. Sie sah ihn an und sein Auge las in ihrem Blick. Aber es lag nichts darin, was eine kleine Gemeinschaft mit irgend einem hatte, das vergangen war.

»Gebt acht auf ihn.« sagte sie still. »Es ist Gottes Wille, dass er zugegen ist, wenn ich sterbe.«

Da mischte eine heisse Wut sich in seine klägliche Angst. Ein Fluch und eine wilde Gotteslästerung jagten sein Blut. »Es ist Gottes Wille,« wiederholte er, »und – –«

Aber er sprach nicht weiter, seine Zähne zerbissen den Satz in ohnmächtiger Wut.

Dann plötzlich, in einem Augenblick, gebar sein heisses Hirn einen neuen Gedanken. Er stand still, rührte sich nicht, schloss die Augen, als möchten so auch die Nerven Ruhe halten. Und es gelang ihm wohl, er atmete leichter, seine Züge erhellten sich, um seine Lippen spielte ein freies Lächeln –

O, das war ja die leichte, die grosse Rettung! Warum nur hatte er nicht einmal daran gedacht? – Ach, alles hätte er wohl verhüten können! Ginos schmählichen Tod und den Giovanni Ulpos und der andern, die verbrannt waren in den Trümmern der Kirche!

Zu spät für sie, zu spät! – Aber doch früh genug für Teresa!

Rasch trat er auf sie zu. Er griff ihre linke Hand, suchte mit dem Finger nach der Maus des Daumens. Da war die Stelle! Diese kleine hypnogene Stelle, die sie Untertan machte seinem Willen.

Kräftig drückte er sie –

Sie zog ihre Hand nicht weg. Ruhig sah sie ihn an, und erstaunt. »Was willst du?« fragte sie.

Ein Fieber fasste ihn. »Ich – ich –« stammelte er.

Vielleicht hatte er sich geirrt? War es die andere Hand? Er griff ihre Rechte, drückte dieselbe Stelle.

Aber sie senkte die Augen nicht. »Was willst du?« wiederholte sie leise.

Seine Augen umschleierten sich, rings sah er rot. Seine Macht war verschwunden, weggewischt und zerbrochen! Armselig, jämmerlich stand er vor ihr – sie war frei, und alle kleinste Gemeinschaft war zerrissen. Wie einen schreienden letzten Verrat empfand er es.

»Fahr zur Hölle!« flüsterte er heiser.

– Schwer fasste ihn Alvassi am rechten Arme, Cornaro griff ihn am linken. Die starke Geissel schwang der eine und der andere, schleppte eine mächtige Heugabel mit langen eisernen Zinken. Rund herum stellten sich die jungen Burschen auf, jeder trug seine Waffe in der einen, die brennende Kerze in der andern.

So traten sie in den Zug –

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.