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Der Zauberlehrling oder die Teufelsjäger

Hanns Heinz Ewers: Der Zauberlehrling oder die Teufelsjäger - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorHanns Heinz Ewers
titleDer Zauberlehrling oder die Teufelsjäger
publisherGeorg Müller
year1917
isbn
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131021
projectid45c12322
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XII.

Vexilla regis prodeunt infern
Verso di noi.

Dante, Inferno, Can. 34.

 

Die Bauern hielten ihr Wort. Nacht für Nacht standen sie um das Haus und schliefen nicht. Sie wechselten sich ab, wie Wachtposten, alle drei Stunden zogen andere auf. Tagsüber stand ein Bursch vor seiner Zimmertüre, wenn er ausging, folgte ihm dicht ein gutes Dutzend, starke Knüppel in den Händen. Anfangs machte es ihm Spass, sie herumzuführen; er kletterte Abhänge hinauf und hinunter, hielt sie auf den Beinen, stundenlang. Sie schnauften, aber sie wichen nicht. Auf die Landstrasse liessen sie ihn nicht kommen, stellten sich breit vor ihm auf und versperrten den Weg. Dennoch hätte er leicht genug entkommen können, es gehörte kaum viel Geschicklichkeit dazu, diese Tölpel hinters Licht zu führen.

Aber er wollte gar nicht. Etwas hielt ihn zurück, eine Neugier, ein gieriges Bedürfnis, irgendeines zu erwarten, das kommen würde. So lief er herum, ruhelos, fuhr auf dem See, strich durch die Gassen, stieg kreuz und quer durch die Olivengärten. Dann wieder legte er sich lange Stunden ins Gras und träumte.

Keiner aber von den Burschen sprach mit ihm. Das quälte ihn; er musste irgendeinen haben, mit dem er redete. Raimondi ekelte ihn an und mit dem Knechte Angelo konnte er ja mit dem besten Willen nicht sprechen. Selbst die Ziege Marfa hatte er nun verloren, seit er wusste, dass sie dem Knechte gehörte; er gab ihr Zucker, wie er immer tat, aber er nahm sie nicht mehr mit aus und sprach nicht mehr zu ihr.

Endlich gebrauchte er eine kleine List. Er hungerte die Burschen aus, brachte sie um den geistlichen Trost, der ihr tägliches Brot war. Abends, wenn das ganze Dorf zu Raimondis Haus kam, um die Heilige zu der Halle des Propheten zu holen, ging er aus. Dann machte er seine wildesten Ausflüge, flog wie ein Ball durch das Tal von Scodra. Die Folge war, dass man die gewandtesten Burschen vom ganzen Dorfe für diese Stunde aussuchte – die mussten nun fern bleiben der Versammlung. Das verdross sie sehr, namentlich den jungen Ulpo, der sie führte.

Frank Braun trat zu ihm, eines Abends als er aus dem Hause kam: er zeigte mit der Hand auf die Spitze über der Kreuzplatte. »Siehst du, mein Junge, da werden wir nun herumklettern, fünf Stunden lang. Macht es euch Freude?«

Ulpo blickte hinauf, aber er antwortete nicht

»Ich will dir was sagen, Bursche,« fuhr der Deutsche fort, »wir wollen Frieden schliessen. Ihr braucht mir nicht mehr nachzulaufen, ich gehe mit euch in die Versammlung. Heute, morgen – jeden Tag, wenn ihr wollt. Aber ich habe eine Bedingung, weisst du. Es langweilt mich, wenn ihr immer hinter mir herlauft, wie stumme Schatten, und das Maul nicht aufreisst. Ihr sollt antworten, wenn ich euch frage!«

Der Bursche sah verlegen drein. Dann drehte er um und sprach mit dem Schuster Ratti, der in der Türe stand. Der zuckte die Achseln, spie aus und kaute an seinem grauen Schnauzbart – war es nicht eine grosse Sünde mit dem Versucher zu reden? Jedenfalls müsste man den Propheten fragen –

In diesem Augenblick trat Teresa aus dem Hause.

»Heilige Schwester,« sagte der junge Ulpo, »der Herr will in die Versammlung kommen –«

Das Mädchen unterbrach ihn. »Ja, er soll hinkommen.« sagte sie.

Sie wagten kein Wort mehr. Die Burschen nahmen ihn in die Mitte und geleiteten ihn zur Halle, stolz, wie auf eine eroberte Kriegsbeute. Sie führten ihn hinauf auf das Podium, stellten ihm einen Stuhl hin, froh wie Kinder, ihre grossen Kerzen wieder in die Hand nehmen zu dürfen.

So sass er da, Abend für Abend.

Dafür sprachen sie mit ihm, tagsüber, wenn er ausging. Sie richteten selbst kein Wort an ihn, aber sie antworteten doch, wenn er sie anredete. »Seid ihr zwölf jetzt stets als Wachen bestimmt?« fragte er Ulpo.

Der Bursche nickte. »Ja, für den ganzen Tag. Für die Nacht sind zwei andere Gruppen da, die sich ablösen.«

»Und ihr arbeitet nicht mehr?«

Ulpo sah ihn gross an. »Arbeit ist Sünde, jetzt, wo das Himmelreich so nahe ist. Niemand arbeitet mehr im Dorfe. So hat es der Prophet angeordnet.«

Frank Braun seufzte leicht. »Also da seid ihr schon?« dachte er. »So ist es doch immer das Gleiche! Wen des Herrn Geist erweckt, für den wird die Arbeit zur Sünde.«

Ein andermal fragte er: »Nehmt ihr nicht mehr die Geisseln? Abend für Abend hängen sie an der Wand und schlafen still.«

Giovanni Ulpo sagte: »Die heiligen Wunden sollen schmerzen, aber sie sollen auch heilen – das sind die Worte des Propheten. Nun aber sind sie bald vernarbt.« Er öffnete Jacke und Hemd und blickte wohlgefällig auf die verkrusteten Striemen. »Zum nächsten Sonntag soll das Blut wieder fliessen in einer neuen Schlacht gegen den Satan.«

»Nun, es ist doch eine kleine Abwechslung.« lachte der Deutsche.

* * *

Der Prophet hatte manche Vorbereitungen getroffen zu dieser neuen Schlacht. Aber sie reizten Frank Braun wenig und er hatte keine Lust zuzusehen. Sein Kontrakt mit den Burschen gab wirklich zu sehr alle Vorteile auf ihre Seite und er beschloss, ihn nicht mehr einzuhalten. Er wartete bis zum Abend, dann erklärte er, dass er heute nicht zur Halle gehen würde, sie sollten sich also bereit halten, mit ihm spazieren zu gehen. Er lachte, als er sah, wie niedergeschmettert die Burschen waren, und freute sich seiner kleinen Bosheit.

Nun kamen sie und baten, und er liess sie bitten. Schliesslich gab er doch nach, erklärte ihnen, dass er zu Hause bleiben wollte; sie könnten ihn dort bewachen in seinem Zimmer: da möchte wohl die Hälfte genügen. Die Burschen losten und sechs zogen freudig ab mit der Prozession; recht betrübt blieben die andern zurück, darunter Ulpo. Drei stellten sich unter sein Fenster, drei blieben vor seiner Türe.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch. Er schrieb einen langen Brief an Don Vincenzo und zerriss ihn, als er fertig war. Dann schrieb er an Aloys Drenker und zerriss auch diesen Brief.

Es klopfte; auf sein Herein trat Ulpo ins Zimmer und die andern Burschen, die vor der Türe standen. Sie stammelten ein paar Worte, baten durch das Fenster mit ihren Kameraden sprechen zu dürfen. Er fragte, warum sie nicht hinunter gegangen seien vor das Haus? – Sie hätten es nicht gewagt: er hätte derweil das Zimmer verlassen und sich irgendwo verbergen können –

Sie riefen die andern herauf, dann machte Ulpo den Vorschlag, dass noch vier zur Halle gehen sollten – – die andern beiden würden genügen, einer vor der Türe, der andere vor dem Fenster.

»Geht doch alle sechs!« sagte Frank Braun. »Ich verspreche euch, das Haus nicht zu verlassen.«

Aber sie trauten ihm nicht. Ulpo riss sechs Schnitzel Papier von einer alten Zeitung, vier grosse und zwei kleine. Sie losten und wieder zog Ulpo einen kleinen Fetzen. Die hellen Tränen stürzten ihm aus den Augen, schweigend nahm er seinen Platz vor der Türe wieder ein. Frank Braun hörte ihn mit langen Schritten auf und abgehen auf dem Flure, dazwischen sein schlecht unterdrücktes Seufzen.

Eine Stunde verging und wieder eine.

Spät genug ging er hinunter zum Abendessen; er rief die beiden Burschen ins Gastzimmer und lud sie ein, mit ihm zu speisen. Pasquale ass, aber Giovanni Ulpo vermochte nicht einen Bissen herunter zu würgen; auch die Milch liess er stehn. »Alle sind da, alle.« seufzte er. »Nur wir nicht!«

Frank Braun nahm eine Krone aus der Tasche. »Bild oder Schrift?« rief er. »Noch einer darf gehen.«

»Einer ist nicht genug hier.« sagte Ulpo.

Der Deutsche lachte. »Zwei sind auch nicht genug. – Glaubt ihr nicht, dass ich mit euch beiden fertig würde? – Aber ich will heute nicht fortgehen. Ich will rudern. Einer von euch soll mich rudern.«

»Bild!« rief Giovanni Ulpo. Aber die Münze warf die Schrift. Pasquale sprang auf und lief zur Tür hinaus.

Der andere brach in Tränen aus. »Nun bin ich allein zurück! Ich allein! – Und ich habe alle Verantwortung.«

Frank Braun zog ihn am Arme auf. »Komm, mein Junge! Die Nacht ist schön, wir wollen rudern!« Draussen griff er den Burschen an den Handgelenken, drehte sie herum, zog beide Arme hinten hoch zwischen den Schultern. So führte er ihn zum Boote, hielt ihn fest, trotz allem Zappeln und Schreien. Er nahm den Strick des Kahnes und band ihm die Hände auf dem Rücken fest.

»Siehst du, nun bist du mein Gefangener!« lachte er. »Schweig nur, dein Schreien nützt dir nichts; die Brüder singen und keiner hört dich. Oder glaubst du, dass dir der alte Raimondi helfen könne, oder Angelo der Knecht?«

»Schlagt mich tot, Herr,« wimmerte Ulpo, »schlagt mich tot!«

»Nein,« sagte Frank Braun, »warum soll ich dich totschlagen? Du bist ein Narr und ein braver Bursch! Komm, rudere mich ein wenig im See, dann will ich dich begleiten zu den Teufelsjägern!« Er löste ihm die Bande und sprang ins Boot.

Einen Augenblick stutzte Giovanni Ulpo, stand verwirrt da, atemlos, ohne ein Glied zu rühren. Dann sprang er ihm nach, stürzte in die Knie und küsste seine Hände.

Frank Braun stiess ihn zurück. »Nimm die Riemen!« befahl er. Aber er liess ihn nur wenige Schläge machen. »Fahr nur zurück, armes Tier, warum soll ich dich quälen?«

Langsam ging er mit dem Burschen zu Pietros Halle.

Maria Grazia sagte ihre Seele; sie warteten am Eingang bis sie zu Ende war. Dann führte Ulpo den Fremden hinauf, alle machten ihnen bereitwillig Platz. Sein Gesicht strahlte vor Glück, aber auch seine Kameraden grinsten, froh genug, den Mann, den sie bewachen sollten, nun sicher bei sich zu haben. Sie boten ihm einen Stuhl, gerade vor ihnen, aber Frank Braun lehnte ab, setzte sich neben sie auf die erste Bank, dicht an der Wand.

Alles, was gewöhnlich vorging in der Versammlung, war schon abgewickelt, man war zu Ende mit dem Beten und Singen und Seelesagen. Der Prophet erhob sich, um das Abendmahl zu reichen, Girolamo füllte ein gutes Dutzend kupferner Kessel mit Wein. Pietro betete und weihte sie und die Buben und Mädchen liefen durch die Versammlung und boten jedem zu trinken. Scuro, der Knecht, nahm allein einen grossen Kessel und leerte ihn in mächtigen Zügen: allem Wein hatte er abgeschworen, seit ihn der Herr gerettet hatte, aber vom Blute des Lammes konnte kein Frommer genug trinken. Auch Teresa trank, und Frank Braun sah, wie ihr das Blut in die bleichen Wangen stieg. Dann reichte sie den Kupferkessel dem kleinen Gino, der wie immer zu ihren Füssen hockte.

Frank Braun schaute über die Versammlung, das ganze Dorf drängte sich in der Scheune. Nur Raimondi fehlte. Und natürlich Angelo – der war bei seiner Ziege.

Auch Sibylla Madruzzo vermisste er. Und es fiel ihm ein, dass er sie auch an den letzten Abenden nicht mehr gesehen hatte. War sie krank?

Die Schwärmer tranken. Immer von neuem füllten sich die Kupferkessel und wandelten unter der betenden Hand des Propheten ihren Inhalt in des Heilandes Blut. Die Kinder lachten verstohlen, manche Frauen lallten und sangen die Kehrreime ihrer Lieder. Aber die Männer sassen auf den Bänken und standen herum und tranken schweigend. Die Pechfackeln warfen ihr rotes Licht auf die heissen Köpfe und liessen die braunen Züge noch röter und wilder leuchten. Ihr Schein brach sich an den kupfernen Gefässen, die wie glänzende Kugeln durch die Menge rollten, und an den weissen Pappschildern mit den frommen Sprüchen, die den Augen weh taten. Ein dicker Qualm und stickiger Dunst lag überall und machte das Atmen fast unerträglich; aber niemand schien es zu bemerken ausser ihm. Er führte die Lippen an einen Spalt in der Holzwand und versuchte von da ein wenig frische Luft zu bekommen.

Ronchi schlug mit einem Stabe auf den Boden und die Musik setzte ein; Triangel, Harmonika und Tamburin schrien ihre hetzenden Schreie. Die Musikanten auf der rechten und die zwölf Burschen auf der linken Seite begannen zu singen:

»Ob wir auch Sünder sind allzumal:
Jesus starb!
Ob der Teufel auch schreitet durchs Erdental:
Jesus starb!
Wir greifen die Waffen, wir nehmen die Krone,
Wir eilen zu Hilfe dem Menschensohne
Und nehmen die himmlische Wonne zum Lohne,
Jesus starb!«

Sie sangen den Vers dreimal, dann erst fiel die Gemeinde ein. Und nun sangen alle, immer wieder und wieder dieselben Worte. Sie schlugen dazu in die Hände und stampften mit den Füssen den Takt. Immer aufgeregter und wilder, immer schneller wurde ihr Singen, ging über in lautes Heulen und Schreien.

 

Frank Braun sah gespannt auf die Menge und beobachtete die seltsame Wirkung dieser rhythmischen Töne, die den Taumel steigerten von einer Minute zur andern. Worin lag nur diese geheimnisvolle Macht der Musik?

Die Musik war ein Hauch vom Jenseits, das war gewiss. Sie war nur Form und war nie Stoff, war geboren aus dem ungeheuren Meere des Negativen, das man Gefühl nannte. Sie gab viele tausend Bilder von allen möglichen Erregungen und Aeusserungen des Willens, aber nie die Erscheinung selbst, nur ein schemenhaftes Innerstes, das kein Wesen mehr hatte. Sie war nie ein Abbild der Erscheinung, nur eines des Willens und war recht eigentlich das Ding an sich. Sie erweckte Gefühle, deren Möglichkeit man nicht kannte und deren Bedeutung man nicht begriff, sie gab uns Dinge, die man nie sah und auch nie sehen würde.

Denen, die an sie glaubten, gab sie das Glück.

Wie der Rausch ein Glück gab, wie es die Wollust tat – denen, die an sie glaubten.

Nicht das letzte Glück, das nur die Ekstase gab – aber doch ein Glück.

Unser Glück aber lag bei den Ahnen, unser Glück war ein Hinabtauchen in vergessene Zeiten, war eine grosse Wandlung des Bewusstseins.

Und es war gewiss, dass die Musik eines der besten Mittel war, dahin zu gelangen –

Der Prophet riss ihn aus seinen Gedanken Er hielt eine Ansprache, nur wenige Worte Er sagte, dass man den Satan bekämpfen müsse, mit den Waffen aus der Rüstkammer des Erlösers, und wer nun wolle, der möge vortreten. Die zwölf Burschen legten ihre Kerzen auf den Boden, warfen Röcke und Hemden ab und nahmen von der Rückwand Geisseln, Ruten und Peitschen. Sie knieten nieder vor dem Christusbilde, der Prophet gab einem jeden noch einmal des Lammes Blut zu trinken.

Dann hoben sie die Arme auf, standen ruhig einen Augenblick.

Der Schneider gab das Zeichen. Die Musik setzte ein und die Geisseln fielen auf die nackten Körper. Und zugleich füllte die Halle aus allen Kehlen das Wundenlied:

»Des wunden Kreuzgotts Bundesblut,
Die Wunden – Wunden – Wundenflut,
Ihr Wunden, ja, ihr Wunden,
Macht Wunden – Wunden – Wundenmut
Und Wunden, Herzenswunden, Wunden!
Geisselwunden! Dornenwunden!
Nagelschrunden! Speerschlitzwunden!
Grüss euch Gott, ihr Wunden!«

Niemand schlug sich selbst, eines jeden Peitsche fiel auf des andern Leib. Sie schlugen ohne Erbarmen, rücksichtlos, zum Ruhme des Herrn, ihre Augen verdrehten sich, ihre Körper krümmten sich unter den furchtbaren Schlägen. Und nach dem Takte hoben sie die Beine, sprangen auf und nieder, tanzten rund im Kreise herum.

Frank Braun sah auf Teresa. Sie hatte sich aufgerichtet im Stuhl, beugte Leib und Kopf weit vor und liess kein Auge von den frommen Tänzern. Gino kniete neben ihr, zuweilen nahm sie aus seinen Händen das Kupfergefäss und tat einen tiefen Zug von dem heiligen Tranke.

»Schlagt zu!« schrie sie. »Schlagt euch stärker! – Oh Wunden! Wunden – Wunden!«

Die zwölf Burschen rasten auf dem Podium, ihr Blut floss zu Boden und spritzte an die Wände. Einer fiel, die andern rissen ihn wieder hoch. Und immer wilder klatschten die Geisseln auf ihre Körper.

Andere drangen auf das Podium, entkleideten sich, griffen zu den Ruten und mischten sich unter die Tänzer.

Matilda Venier war die erste der Frauen, die hinauftrat; ihr folgten vier, fünf andere. Hier und dort brach einer zusammen; man schleppte ihn zur Seite, sogleich trat ein anderer an seine Stelle.

Teresa stiess Carmelina Gaspari, die vor ihr stand, in die Seite. »Geissele dich,« rief sie, »geissele dich!« Das junge Mädchen zuckte zusammen, aber gehorsam entkleidete sie sich, der Prophet gab ihr eine Peitsche. Ihr Körper zitterte, ohne sich zu regen blieb sie stehen, dicht vor dem Stuhle der Heiligen.

Neben ihr entkleidete sich Girolamo Scuro. Seine Nüstern flogen, sein Maul stand weit auf und zeigte das blanke, riesige Gebiss. Er drehte Hemd und Rock zusammen zu einem Bündel und setzte sich darauf; dann zog er die Stiefel aus, erhob sich und legte die Hose ab. Völlig nackt stand er nun da. Er riss eine Geissel von der Wand, kniete nieder vor dem Christusbilde und betete. Dann sprang er mit wildem Geheul unter die Tänzer. Und wo seine Peitsche hintraf, da riss die Haut in Fetzen.

Erschöpft hatte sich die Frau des Venier zurückgezogen, heftig atmend kauerte sie auf der ersten Bank. Aber der Anblick des rasenden Riesen schien ihr neue Kräfte zu geben. Heiss sprang sie auf, in einem Augenblick streifte sie die Röcke von den Beinen. Und nackt wie er, sprang sie in den Kreis der Teufelsjäger, bereit, ihr Blut von Kopf zu den Füssen hinzugeben für den Erlöser.

Und wie diese beiden, so mischten sich andere völlig nackt unter die Menge. Wozu Hosen und Röcke, die ja nur da waren den halben Leib zu schützen, den sonst der Geissel blutige Gnadenhiebe treffen konnten! Fort mit den Kleidern, mit allem – fort, es war ein frommes Werk –

Und alle stampften und schrien und schwangen die Peitschen. Immer mehr drängten sich hinzu, man schob die Bänke zu den Wänden hin, hob sie aufeinander, um Platz zu schaffen. Und jeder freie Raum füllte sich mit den Tanzenden. Keiner schloss sich aus, nur Greise und alte Weiber, kleine Buben und Mädchen sassen und standen eng zusammengedrängt an den Wänden.

Nackt kniete der Prophet vor dem Christusbilde, ein Regen von Geisselhieben fiel auf seinen blutigen Rücken. Er schien sie kaum zu fühlen, wand sich nicht, zuckte nicht einmal; die Stirne auf dem Boden lag er in inbrünstigem Gebet vor dem Gekreuzigten.

Frank Braun liess kein Auge von der Heiligen. Ihre Augen standen weit auf, tranken gierig die wilde Szene. Und er glaubte in ihnen noch einmal das grausige Bild zu sehen: alle diese wahnsinnigen nackten Tänzer, die ihren Leib zerrissen zur Ehre des Reiches Gottes. Ihre Lippen öffneten sich, laut sang sie in die Halle:

»Geisselwunden, Dornenwunden!
Nagelschrunden, Speerschlitzwunden!
Grüss euch Gott, ihr Wunden!«

»Gib, gib!« rief sie. Sie riss dem Buben den Kupferkessel aus den Händen und schlürfte lange. Dann erhob sie sich.

Ihr Blick fiel auf Carmelina, die immer noch zitternd und bebend, nackt bis zur Hüfte, neben ihr stand.

»Zieh dich aus!« schrie sie. Carmelina gehorchte und streifte die Röcke ab. Die Heilige wandte sich zur Musik. »Und ihr, ihr?« rief sie. »Wollt ihr Gott nur mit den Instrumenten dienen?« Alle sprangen auf, aber Teresa trat ihnen entgegen. »Nicht alle zugleich!« sagte sie. »Komm du, Linda, und du, Clementina Cornaro. – Du auch, Tullio Tramonte! Ihr andern bleibt sitzen und spielt!«

Tullio zog sich aus, ein hagerer Bursche von siebzehn Jahren. Und die Cornaro riss die Kleider vom Leibe, ein starkes üppiges Weib mit brandrotem Haar. Aber das Mädchen zögerte, streifte langsam und ängstlich das Kleid ab und behielt ihr Hemd und den Rock. Teresa eilte zu der Fünfzehnjährigen. »Du hast Furcht, Linda!« schrie sie. »Du fürchtest dich vor des Erlösers Gnade!« Sie zog ihr das Hemd von den Schultern, fasste den Rock und riss ihn hinab. »Der Herr wird dich segnen, das Blut deiner Lenden wird deine Sünden abwaschen.«

Sie stiess Carmelina zu den dreien und nahm eine schwere Hundepeitsche von der Wand. »Kniet nieder!« befahl sie. »Beugt den Kopf zur Erde und betet zum Herrn!«

Die vier Leiber waren blank und rein, keiner trug Spuren von früheren Narben und Wunden. Aber in der Heiligen schwachen Arm legte des Herrn Gnade eine Kraft, die ihre Schläge furchtbarer machte als die des riesigen Knechtes. In wenigen Minuten waren die Leiber bedeckt mit Blut, die Haut barst und hing in Fetzen. Die vier wälzten sich auf dem Boden, schrien und heulten in wehen Qualen. In verzweifeltem Schmerze fasste Carmelina mit den Zähnen die volle Schulter der Cornaro und biss sich hinein, die aber umfing den Burschen mit heissen Armen und grub ihre Nägel tief in sein Fleisch. Sie wanden sich zu einem wirren Knäuel, umschlangen sich mit Armen und Beinen, dampften von Schweiss und Blut. Und unablässig sauste die schwere Peitsche der Heiligen auf das zerschlagene Fleisch.

»Grüss euch Gott, ihr Wunden!«

Der Prophet sprang auf, wankte, taumelte, fiel dann nieder vor Teresa. »Schlag du mich!« winselte er. Und die Peitsche wand sich ihm in blutigen Striemen um Arme und Brust.

Nun drängte Scuro heran und die Venier. »Mich auch! Mich auch!« Sie knieten nieder und empfingen die Gnadenstreiche der Heiligen. Sie aber rief laut: »Lasset uns freuen und fröhlich sein und ihm die Ehre geben, denn die Hochzeit des Lammes ist kommen, und sein Weib hat sich bereitet!«

Alle drängten heran, jeder verlangte nach den seligen Schlägen ihrer Peitsche. Wieder war es Ronchi, der Ordnung schuf. Zu drei und drei liess er alle herantreten und niederknien, und der Heiligen Arm erlahmte nicht. Jeder Rücken empfing ihrer Geissel Hiebe und es war, als ob ihre Streiche aufleuchteten aus dem wunden Fleische und rot und breit sich abzeichneten vor allen andern.

Dabei vergass sie nicht die, deren Leib noch unberührt war. Immer wieder rief sie zur Musik hin. »Zieh dich aus, Silvia! – Komm her, Alessandro Ricciuli.« Es schien, als ob ihre Augen höher leuchteten bei denen, die noch kein Blut befleckte, als ob ihre Stimme lauter jauchzte, wenn sie diese weissen, nackten Leiber in ein feuchtes rotes Gewand hüllte. »Grüss euch Gott, ihr Wunden! Grüss euch Gott, ihr Wunden!«

Und sie wurde nicht müde. Immer wuchtiger, immer schrecklicher fielen ihre Streiche, als ob sie die Halle ertränken wolle in einem Meere von Blut. Ihr weisses Gewand, um die Hüften zusammen gewunden mit einem breiten Stricke, war bedeckt mit Blut, die gelösten Haare flogen und warfen die schwarzen Wellen nach vorne bei jedem Hiebe.

Die Plätze in den Ecken und längs der Wände füllten sich von Ermatteten, immer leerer wurde das Podium. Einer kroch hinab nach dem andern, totmatt, halb bewusstlos, niedergebrochen; wie verendende Tiere lagen sie herum. Sie griffen nach den Kesseln, schlürften verlechzend den heiligen Wein. Zu Rattis Füssen lag auf dem Bauche totwund Giovanni Ulpo, sein Rücken schien eine einzige grässliche Wunde. Aber die Heilige hatte nicht genug, ein wirres Lachen brach aus ihrem Blutrausche. »Niemand mehr?« schrie sie. »Verlangt niemand mehr nach der Gnade des Herrn?« Sie hob die Peitsche hoch und winkte damit. »Der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme, und wer will, der nehme das Wasser des Lebens!«

Ein alter Mann trat zitternd heran, mühsam versuchte er die Jacke auszuziehen. Auf Krücken humpelte ein Weib heran, zwei andere Greisinnen folgten ihr. Girolamo half ihnen, und die Heilige peitschte unerbittlich das armselige Fleisch.

Sie stand unter dem Christusbilde, die blutige Peitsche in der Hand. Ihr Blick flog über die Halle und suchte irgendein vergessenes Opfer. Und plötzlich schrie sie laut in frommer Eingebung:

» Lasset die Kindlein zu mir kommen!«

Die Frau des Venier griff nach ihrer Tochter, aber Fiametta entfloh und verbarg sich unter der Bank. Die Kinder kreischten und schrien, krochen unter die Röcke der Mütter, versteckten sich hinter den Balken. Aber man fasste sie doch.

Scuro zog die kleine Fiametta an einem Beine heraus und hielt sie fest. Die Mutter riss ihr die Kleider vom Leibe, splitternackt brachten sie das dünne, magere Geschöpf zu der Heiligen. »Knie nieder!« befahl Teresa. »Bete!« Ratti brachte seine Kinder, die Cornaro ihr rotblondes Mädchen. Ueberall zogen die Mütter die heulenden, zappelnden Kleinen hervor, rissen ihnen die armen Kleider vom Leibe und schleppten sie hinauf. Teresa stand ruhig, wie eines Raubvogels Blick jagte ihr Auge durch den Saal. »Dort!« rief sie. »Fangt ihn! Nicolino Gaspari sitzt da oben!« Der zehnjährige Bube war einen Tragbalken hinauf geklettert, hing geduckt hinter einem Pappschild. Die rote Pechfackel, die an der andern Seite stak, stiess ihm den beissenden Qualm in die tränenden Augen und röstete ihn fast.

Scuro rannte durch den Saal. Er sprang in die Höhe, fasste beide Beine des Buben und riss ihn herunter. Er entkleidete den Heulenden und warf ihn über die Köpfe der Leute auf den Haufen der Kinder. »Singt!« schrie die Heilige. »Singt!« Und ihre rasende Stimme hub an:

»Des wunden Kreuzgotts Bundesblut –«

Die Menge heulte das Wundenlied und übertönte das jämmerliche Geschrei des Haufens kleiner Leiber. Unbarmherzig sauste die fromme Peitsche und die Heilige gab wohl acht, dass kein Streich fehlte, und dass jeder der zuckenden Leiber einen blutroten Streifen trug zum Zeichen von des Herren grosser Gnade.

Frank Braun sah die Heilige die Geissel heben und sie inbrünstig küssen. Die Kinder krochen und flohen schreiend hinab, sie aber schritt gross und hoch daher und ihre nackten Füsse wateten in Blut. Er sah sie eines der Kindlein greifen, sah, wie sie ihre Lippen auf den blutigen Striemen drückte, den ihre Hand geschlagen. – Seine Arme zitterten in seltener Erregung und er empfand tief die grosse Wesenseinheit von Wollust, Religion und Grausamkeit. Diese wilde Grausamkeit, die die Sinne peitschte, das war ja alle Phantasie niederer Kultur, die den Menschen seinem Gotte näher brachte. Diese Raserei blutdürstigen Wahnsinns, dieser Anblick blutiger, gequälter Opfer, der Rausch des starken Weines, der jagende Tanz und die nie rastende, lärmende Musik – – mit allen möglichen Mitteln zogen und rissen die Menschen zur Tiefe, hinab zu den letzten Gründen, zu dem Urbewusstsein der Welt, zum blinden Willen, der ihr wahrstes Wesen war. Weg von allen Höhen und hinab zum letzten Ursprung aller Dinge. – Hinab zu Gott!

Die Heilige warf die Geissel zu Boden, trat nach vorne und winkte mit beiden Armen der Gemeinde. Sie kamen und schlossen einen dichten Kreis, viele blutige Leiber um die weisse Königin.

»Jesus Christus verlangt ein Opfer.« rief sie. »Wer will seinen Leib hingeben zur Erlösung des Herrn?«

Keiner gab eine Antwort. Sie standen stumm, mit offenen Mäulern, als verständen sie nicht, was die Heilige verlangte. Nur hier und dort brach aus den Ecken das Winseln und Wimmern der Kinder. Dann drängte sich der Prophet an ihre Seite.

»Wachet und betet!« schrie er. »Der Versucher ist nahe, der Antichrist! Immer noch sehe ich das Heer des Satans uns bedräuen; er will uns überwinden! Wir müssen kämpfen und streiten – wer will sein Leben lassen für Christus?«

Die Venier drängte sich vor: »Schlagt mich!« rief sie. »Erschlagt mich! Ich will gerne sterben für der Brüder Seelen!«

Und der junge Ulpo hob sich mühsam, taumelnd und wankend. »Opfert mich!« stammelte er. Nun mochte keiner zurückbleiben, sie schoben sich, rissen sich fort in heiligem Eifer. »Ich bin bereit!« – »Nimm mein Leben!« – »Ich sterbe gern!«

Unschlüssig blickte Teresa im Kreise herum. Da fiel ihr Auge auf Gino, der unter ihrem Stuhle hervorlugte. Dorthin hatte er sich verkrochen, als man die Kinder griff und heranschleppte und niemand hatte auf ihn geachtet. Sein Leib war rein von jedem Blutstropfen, unberührt, unbefleckt – der einzige unter allen.

Die Augen der Heiligen leuchteten, hoch reckte sie die Arme. »Der Herr gab mir ein Zeichen!« rief sie. »Dank sei dem Herrn und seiner Güte!« Sie winkte dem Knaben, er kroch hervor und schmiegte sich zutunlich an sie. Sie hob ihn hoch auf die Arme, umschlang ihn heiss und küsste ihn. Dann setzte sie ihn auf den Stuhl und kniete vor ihm nieder.

»Willst du deinen Leib geben für den, der am Kreuze für uns starb?« fragte sie laut und übersetzte ihm zugleich die Worte mit den Fingern. Der taubstumme Junge verstand wohl die Worte, aber nicht den Inhalt. Er nickte eifrig, fast fröhlich. Wieder schloss sie ihn in ihre Arme und bedeckte sein Gesicht mit heissen Küssen.

»Gino wird für euch sterben!« rief sie. »Ihn hat der Herr erwählt!«

Girolamo griff nach ihm, ihn zu entkleiden, da schrie der Junge und drängte sich an die Heilige.

»Lass ihn nur.« sagte Teresa. »Er braucht die Geissel nicht. Sein Opfer ist mehr wert wie alle eure Wunden!« Sie erhob sich, den Knaben im Arm. »Geht, bringt Nägel her und einen Hammer!«

Scuro machte sich auf, um nach Hause zu laufen, aber Ronchi hielt ihn zurück. Er hatte die Pappschilder angeschlagen und holte nun den schweren Hammer aus der Ecke. Dazu eine Handvoll langer, grosser Nägel.

Teresa nahm des Knaben Hand und kniete mit ihm vor dem Christusbilde. Sogleich warf sich auch der Prophet zur Erde, und im Augenblicke kniete die ganze Gemeinde. Er sprach vor und alle beteten mit ihm das heilige Gebet zu den fünf Wunden Jesu.

»O mein Jesu, ich küsse deine heiligen fünf Wunden und sage dir Dank für die vielen und grausamen Schmerzen, welche du um unserer Erlösung willen an all deinen Wunden erlitten hast. Ich bitte dich, lass das Blut und Wasser, welches aus deinem gebenedeiten Herzen geflossen ist, nicht an uns verloren gehen, sondern führe uns in dein Reich zur ewigen Seligkeit. Amen.«

Dann wandte sich die Heilige zu dem Knaben, bedeutete ihn mit sanften, zärtlichen Berührungen, sich niederzulegen auf den Rücken. Sie breitete seine Arme lang aus nach beiden Seiten, legte seine Hände hin und kreuzte die nackten Füsse übereinander. Da lag nun Gino, ahnungslos, was mit ihm geschehen solle, fröhlich wie bei einem Spiele. Teresa küsste die offenen Hände, dann winkte sie den Knecht heran. Girolamo nahm den Hammer, kniete nieder und setzte den langen Nagel auf die Handfläche. Im Augenblick zog der Knabe die Hände weg, sah entsetzt auf den Knecht und umschlang Teresa mit beiden Armen. Aber es gelang ihr, ihn zu beruhigen, sie küsste und streichelte ihn und streckte wieder seine Arme aus nach beiden Seiten hin. Sie beugte sich nahe über ihn, so dass er nur sie sehen konnte und nicht mehr den riesigen Mann mit dem roten Kropf, den er fürchtete.

Beruhigt liess der Knabe die Hände liegen, erlaubte es still, dass Scuro die Linke griff und fest auf den Boden hielt. Teresa wandte ein wenig den Kopf, sah, wie er mit dem Nagel die Mitte berührte und den Hammer erhob. »Schlag zu!« rief sie. Sie warf sich schreiend über Gino, küsste seinen Mund und grub ihre Zähne in die dünnen Lippen des Knaben. Und der Schlag fiel und heftete die kleine Hand fest auf den Boden.

Der Knabe stiess sie zurück mit dem rechten Arm, er krächzte jämmerlich und hob sich hoch. Ein furchtbares Entsetzen malte sich in seinen Zügen, mit seiner schwachen Kraft versuchte er die Linke loszureissen. Aber er zerrte vergebens und riss nur in seiner Wunde und vermehrte die Schmerzen.

Die Heilige sprang auf, ihre Brust flog in schnellen Stössen. Matilda Venier griff die Füsse des Knaben und hielt sie fest. Scuro schritt über ihn hinweg und fasste den andern Arm. »Macht schnell!« schrie Teresa. »Macht schnell!«

Wieder setzte Girolamo einen langen Nagel auf die Handfläche und schlug zu. Aber er schlug fehl, der Hammer rutschte aus und traf die mageren Finger. Gino hob sich hoch, jämmerlich röchelnd, mit einer verzweifelten Anstrengung gelang es ihm seine Linke herauszureissen aus dem Nagel, der sie hielt. Er warf sich herum, deckte die rechte Hand, die immer noch der Knecht festhielt in eisernen Klammern, mit seinem Kopf und dem Leib. Die Heilige sank auf ihre Knie und ihr lauter Schrei mischte sich mit dem fürchterlichen, heiseren Krächzen des Knaben. »Mach ein Ende!« schrie sie. »Schlag ihm den Schädel ein, Scuro! – Mach ein Ende!«

Und der Arm des riesigen Knechtes sauste herab. Dumpf dröhnend fiel der schwere Hammer auf des Knaben Kopf. Lautlos brach er zusammen.

Teresa schob sich auf den Knien zu ihrem Stuhle, hielt sich an der Lehne, faltete eng die Hände und betete zum Christusbilde. Dann liess sie kraftlos den Kopf sinken. Matilda Venier und Ronchi richteten sie auf und setzten sie nieder; sie hielt die Hand vor das Gesicht, durch ihren Leib ging ein krankhaftes Zucken. »Ist er tot?« flüsterte sie. »Ist er tot?«

Der Prophet nickte. »Ja, heilige Schwester. Er starb den Opfertod für den Herrn.«

Sie nahmen die kleine Leiche und trugen sie zur Seite, legten sie in die Ecke, dort, wo die Kerzen lagen. Sie standen starr und stumm und ein dumpfes Brüten lag in der weiten Halle.

Aber Ronchi rief der Musik. Sie kamen und nahmen die Instrumente auf, Triangel, Tamburin und Harmonika. Sie erhoben die Stimme und sangen, wie erlöst von grässlichem Drucke fiel die Gemeinde ein. Und das Lied von der Braut Gottes jauchzte durch den Saal:

»Der Braut ist nichts als Lust bewusst;
Gott sieht an ihrer Schönheit Lust,
Sie glänzet in der Sonne.
Man führt sie in den Brautpalast,
Ins Freudenhaus, zur stolzen Rast,
Zu ihres Königs Wonne.
Klagen,
Zagen,
Sonnenhitze,
Donnerblitze
Sind verschwunden!
Gottes Lamm hat überwunden!«

Und während sie sangen, liess der Prophet von neuem alle Gefässe füllen mit frischem Weine. Er betete und breitete seine Hände aus, segnete den Wein und wandelte ihn. Den ersten Trunk bot er der Heiligen, aber sie schüttelte den Kopf und trank nicht. Regungslos sass sie in ihrem Stuhle. Doch die andern tranken. Sie suchten ihre Kleider zusammen und hingen sie über die blutigen Glieder und dabei tranken sie und hörten nicht auf mit ihrem Gesang:

»Gottes Lamm hat überwunden!«

Frank Braun erhob sich von seiner Bank. Sein Kopf schmerzte, ihm war, als hätte er selbst den Schlag empfangen, der des Knaben Kopf traf. Das alles drehte sich um ihn zu einem wirren Bild, halb blind tappte er die Wand entlang dem Ausgange zu. Er trat durch die Türe, wankte taumelnd gerade aus. Dann setzte er sich auf einen starken Haufen von Holzklaftern, der unter den hohen Linden vor Pietros Garten lag. Er rückte höher hinauf, legte sich nieder, schob den Arm unter den Kopf und starrte zum Himmel empor. Er versuchte nachzudenken, sich klar zu werden über das alles – aber es gelang ihm nicht. Nur Atem holen – tief Atem holen, die Lungen weit füllen mit der reinen, frischen Luft der Nacht –

Dann sah er die Leute aus der Halle treten. Still, schweigend kamen sie, allein und in Gruppen; zerstreuten sich da und dorthin in ihre Häuser. Keiner sprach zu dem andern, nicht einmal ›Gute Nacht‹ sagten sie einander. Er sah Venier kommen, zwei Kinder hielt er auf den Armen, Fiametta und der ältere Bube fassten seinen Rock. Er sah den buckligen Schuster Ratti und seine grosse, magere Frau; mit acht Kindern zogen sie heim. Alle brachten ihre Kinder, zerschunden und zerschlagen freilich – aber sie lebten doch! Und es war ihm, als ob diese Tiere an diesem Abende eine grössere Liebe zeigten zu ihrer Brut und sie zärtlicher in ihren Armen trugen.

Nur Gino blieb zurück, nur der kleine, taubstumme Gino. Das Gemeindekind, vaterlos und mutterlos – und da war keiner, der sich kümmerte um seinen armen, mageren Leib. »Armer, kleiner Junge!« dachte er.

Zuletzt kam der Prophet und seine Hausgenossen. Teresa schritt über die Schwelle, Carmelina Gaspari mühte sich, sie zu stützen. Aber selbst völlig entkräftet, schwankte sie, stolperte und fiel zur Erde. Linda Vuoto hob sie auf, und Ronchi übernahm es, die Heilige zu führen. Dann kam Scuro, ihm zu helfen, aber Teresa schrie auf und stiess ihn fort; nun trat der Amerikaner an ihre andere Seite Und stützte sie. Langsam, Schritt für Schritt, stiegen sie hinauf zu seinem Hause.

Er sah sie eintreten, einen nach dem andern, auch den jungen Ulpo, den sein Freund Pasquale führte. Der Knecht war der letzte, bedächtig schloss er die niedere Türe.

Frank Braun erhob sich und ging durch die Gassen. Kein Mensch war zu sehen, nun lag die Ruhe des Todes über Val di Scodra. Er ging nach Hause und hinauf in sein Zimmer. Er trat ans Fenster und sah hinaus – in dieser Nacht stand keine Wache da.

Er entkleidete sich, dann wusch er sich von Kopf zu den Füssen, rieb sich hart mit Schwamm und Tuch, als ob auch sein Leib befleckt sei mit Blut – wie alle andern in dieser Nacht.

Er ging zu Bett –

* * *

Aber er schlief nicht. Seine Gedanken jagten und liefen ihren Weg, zurück zu der Halle des Propheten. Er trat ein durch die offene Türe, taumelte fast zurück, so schwer schlug ihm der Dunst entgegen, dichter Qualm der Pechfackeln, heisser Rauch von Wein, Schweiss und Blut. Er ging hinein, öffnete das Fenster und setzte sich auf die Bank. Wie gut dieser Durchzug war, frische Nachtluft des Lebens, die in die dumpfe Höhle brach, wo aller Wahnsinn rauchte.

Hinten sah er Gino liegen, ein kleines elendes Häufchen zwischen den starken Weihekerzen. Das war es, was noch übrig war von der Teufelsschlacht dieser Nacht.

Noch einmal sah er das wilde Bild in dem roten Scheine der Fackeln. Der Prophet weihte den Wein und alle tranken. Alle sangen, alle tanzten, alle griffen zur Geissel. Und das Blut floss.

Wie beim Stierkampf war es. Erst kam die Cuadrilla, spielten und hüpften um den Stier die Toreadores mit bunten Tüchern. Dann, in der Garocha, floss das erste Blut und die Picadores fielen und die Mähren brachen zusammen mit aufgerissenen Leibern.

Aber die Banderilleros hefteten ihre Pfeile und dicke, rote Tropfen brachen aus des Stieres Rücken. Wie ein kleines, zierliches Vorspiel. So liess die Heilige die Kindlein kommen. Dann aber hob der Matador die Klinge. Und das Opfer fiel. Lautlos und stumm.

So fiel der Knabe von Girolamos Hand.

Wie beim Stierkampf war es. Man ekelte sich, schimpfte und schwor, nie wieder hinzugehen. Man verachtete laut das widerliche Schauspiel und fand nicht Worte des Hasses genug für den elenden Pöbel, der ihm zujauchzte. Die ganze Woche hindurch, bis zum Montage – noch um zwei Uhr schimpfte man beim Luncheon. Und dreiviertel Stunden später schrie man nach einem Wagen und fuhr zur Corrida, und um drei Uhr sass man in seiner Loge auf der Schattenseite. Und man sah die Gäule in ihre Eingeweide treten und sah den Sand rot werden vom Blute. Und man blieb doch, bis der letzte Stier gefallen.

Was war es nur? Was jagte uns zu der Arena und klebte uns fest auf die Bänke? Trotz all unserem besseren Wissen, trotz allem Denken, das uns ekeln machte vor uns selber?

Ah, die grausame Wollust der Väter, die rasende Blutgier, die der Ahnen Phantasie war Und die immer noch nicht in uns starb!

Die ewige dunkle Sehnsucht – zum Glück – zum Urbewusstsein – und zu Gott.

Und es lag wohl ein Sinn darin, wenn die Toreadores knieten vor dem Bilde der Madonna. Frömmer als sie konnte kein Mensch sein im frommen Spanien.

Religion, Wollust und Grausamkeit!

– Warum war er nicht aufgesprungen, als Teresa die Kindlein rief? Als ihre Peitsche blutig fiel auf die nackten, kleinen, mageren Leiber? Als sie Ginos Lippen zerbiss, als das trunkene Vieh des Knaben Hand auf den Boden nagelte? Und als der furchtbare Knecht den Hammer hob und ihn niedersausen liess, durch den schwachen Schädel tief hinein in des Knaben Hirn? – Was hielt ihn ab?

»Es hätte ja doch nichts genutzt!« seufzte er. »Was sollte ich tun gegen all die Wahnsinnigen!?« Aber er wusste wohl, dass er log. Nein, nein, es war nicht Angst und Furcht und war auch keine Ueberlegung, die ihn abhielt –

Es war ein anderes. War der ewige Zauber, der ihn festbannte auf seiner Bank, war der Fluch der Väter, dem kein Sterblicher entging –

Es war die siegende Macht des Blutes.

Er hatte den Atem angehalten, hatte die Augen weit aufgerissen. Hatte sich gereckt und den Kopf gehoben, dass ihm nicht ein Kleinstes entgehe von alle dem, was da vorging. Und ob er auch still sass auf seiner Bank, war er doch teilhaftig an allem, was nur geschah in des Propheten Halle.

Und war das viel mehr, als ein jeder der Leute, die nur begriffen, was sie gerade taten und nur teil hatten an dem, das sie anging. Er aber erlebte alles, was geschah und aller rasender Wahnsinn brannte in seiner Seele und spie heisse Flammen. Trunken waren jene und sprangen und sangen und schwangen die Geisseln und wussten doch kaum, was sie taten.

Ihn aber verliess nicht einen Augenblick dieses schreckliche, immer wache Bewusstsein. Und was immer geschah: er war es selbst, der es tat

* * *

Er lag still auf dem Rücken und rührte kein Glied. Sein Atem ging ruhig, sein Herz schlug so leise, dass er es selbst nicht fühlte. Es kam ihm vor, als ob ein Fremder dort ruhe, als ob er selbst weit ausserhalb sei und nichts zu schaffen habe mit diesem lang ausgestreckten Leibe.

Und er sagte laut: »Das ist die Zukunft.«

Plötzlich, unvermittelt kam ihm dieser Gedanke, flog durch die Nacht wie ein heller Meteor. Aber er verlor ihn nicht, hielt ihn wohl im Auge und fand die Stelle, wo er niederfiel. Nahm den braunen Stein, schliff ihn und fasste ihn gut. Denn es war ein Ding, das sich losriss aus seinem Stern, das weithin floh, durch unendliche Weiten und ein Eigenes ward.

Wie der Mensch! Im Anfang war er bei Gott und war ein Teil des unteilbaren Alls. Und er riss sich los trotz alledem, und aus dem Bewusstsein der Gemeinsamkeit erwuchs in Jahrbillionen das Bewusstsein des Gegensatzes: Ich – und die Welt! Aber noch klebte an diesem Ich ein Teil aller Welt, noch war es gebannt in dem Leibe, wuchs mit ihm und starb mit ihm und war nicht zu trennen von diesem Erdenreste. Und die grosse Sehnsucht der Befreiung lief den falschen Weg und tappte in schmählichem Dunkel. Lief zurück, immer wieder zurück, den Weg, den sie gekommen war, zum Ursprung und zur Gemeinschaft des Ich mit dem Nicht-Ich. Wusste nicht, dass das Ziel am andern Ende lag.

Die Seele war das Bewusstsein des Gegensatzes von Ich zum Nicht-Ich, aber dieses Bewusstsein nahm den Leib als einen Teil des Ich, ja als das Ich selbst. Und wusste nicht, dass er doch ein Teil des Nicht-Ich war. So aber war des Menschen Leib die unselige Brücke, die immer wieder zurückführte in die Welt, dessen Teil er war. Und alle die, welche die Sehnsucht trieb, zogen hinüber und schritten hinab – tiefer und tiefer, bis sie versanken in Gott.

Wie komisch war es doch, wenn die Frommen schrien: man müsse den Leib überwinden! So gut war das Wort und so schlecht das, was sie darunter verstanden. Sie überwanden den Leib nicht – sie stärkten vielmehr seine Kraft mit allem, was sie taten. Sie überwanden des Menschen Seele und wurden zum Tiere, sie überwanden das Tier und wurden zu Gott.

Aber die Zeit musste kommen für des Menschen freien Schritt. Wenn die Erkenntnis so tief wurde, so festgewurzelt und stark, dass ein jeder wusste, dass sein Leib nichts anderes war, wie irgendein Baum, der im Walde stand, wie ein Vogel, der in den Lüften flog: irgendein fremdes Ding, das weit aussen lag! Wenn ein jedes heiss fühlte, dass der Leib nichts gemein habe mit seiner Seele und so fremd ihm war, wie jeder Stein auf der Gasse. Wenn dem Bewusstsein gewiss ward, dass die Welt da draussen allumfassend war und nur eines nicht hielt: die Seele. Dann kam die grosse Zeit.

Ah, des Menschen Geist würde den Leib wohl pflegen, wie einen Tempel, wie ein gutes Haus, in dem er wohnte. Nur – – ein Fremder war er, ein Aussenstehendes und diese Erkenntnis allein war die grosse Ueberwindung des Leibes. Dann war die Brücke zerbrochen, die hinabführte, dann versank aller Wahnsinn der Väter, dann küssten Freiheit und Wahrheit glückselig die ewige Sehnsucht, die unter Tränen lachte über die dunklen Irrwege der Jahrtausende.

Er lächelte – beinahe war er glücklich in diesem Augenblicke. »Nun will ich zurückkehren in meinen Leib.« dachte er.

So schlief er ein.

* * *

Spät erwachte er. Er nahm den Bademantel, ging hinab und sprang in den See. Es fiel ihm ein, dass er nie einen der Leute von Val di Scodra hatte baden sehen. Nicht einmal die Buben plätscherten im Wasser.

Er kleidete sich an und ging in das Gastzimmer; er rief dem Wirte, aber niemand kam. Er suchte durch das ganze Haus, ging in Keller und Küche. Endlich traf er Angelo vor seinem Stall.

»Wo ist dein Herr?« fragte er.

»Er will eine Magd mieten.« antwortete der Knecht. »Er ist zur Stadt.«

»Zu Fuss?«

»Nein, mit der Post. Heute ist Posttag. Er ist vor einer Stunde fortgegangen.«

Frank Braun schnaubte ihn an. »Warum hast du mir das nicht gesagt? Ich wäre mitgefahren.«

Der Knecht grinste blöde. – »Geh, setz Wasser auf den Herd, ich will frühstücken.« befahl er ihm.

In diesem Augenblicke schrillte die helle Pfeife eines Autos durch das stille Tal. Frank Braun sah auf, dann wandte er sich, blickte nach der Westseite. Dort an einer schmalen Stelle zwischen den Felsen konnte man die Landstrasse sehen. Das Auto jagte vorbei – eine dichte Sandwolke zerstäubte am Abhang. Aber er hatte den Wagen wohl erkannt, es war der schwere Opel des Hotels.

»Wann kommt er zurück?« fragte er den Knecht. Angelo lachte und nickte.

Frank Braun fasste ihn am Arm und schüttelte ihn. »Hör zu, Bursche, so gut es gehen mag! Das Auto von der Stadt ist soeben vorbeigefahren, nach Turazzo hin –«

»Da bin ich her!« sagte Angelo.

»Gott sei Dank – so wird es dich also endlich einmal interessieren! Also wie lange bleibt es dort?«

»Wie soll ich das wissen?« grinste der Knecht.

»Aber du weisst doch, wann es gewöhnlich zurückkommt, wenn es morgens hingefahren ist?«

»Nachmittags.« sagte der Knecht.

»Wann – nachmittags?«

Angelo besann sich. »Ja,« sagte er, »ja – –«

»Sieht man die Sonne noch?« fragte ihn Frank Braun.

Wieder zögerte der Knecht. »Nein, man sieht sie dann nicht mehr. – Aber es ist doch noch ganz hell.« Er sprach zögernd, wie fragend; dieses seltsame Phänomen schien ihn zu bedrücken.

Frank Braun lachte. »Man sieht sie nicht mehr, weil sie die Berge verdecken.« erklärte er. »Also gut, es kommt nach fünf Uhr vorbei, und das mag wohl stimmen. – Nun pass auf, Angelo. Um vier Uhr – weisst du, wanns vier Uhr ist?«

Der Knecht nickte: »O ja, wenn der Herr es mir sagt.«

»Wenn ich kann, will ich dirs sagen. Aber auf alle Fälle merk dir das: wenn die Sonne dort über den Bergen steht –« Er zeigte nach Westen hin und Angelo folgte seinem Blick. – »Also, wenn dort oben die Sonne steht über dem Monte Almego, dann trägst du meinen Handkoffer hinauf zur Landstrasse. Verstehst du? – Du darfst nicht warten, bis sie ganz fort ist über die Berge, du musst gehen, so lange sie noch über ihnen steht.«

Angelo nickte eifrig. »Das will ich schon treffen!« sagte er.

Frank Braun fuhr fort. »Oben setzt du dich auf die Strasse und wartest auf mich. Du darfst niemand sagen, dass ich abreise, hörst du?«

Der Knecht lachte, er wusste wohl, dass man den Fremden bewachte, wenn er sich auch nicht darum kümmerte, warum und weshalb.

»Fragt dich einer, was du mit meinem Koffer machst, so sagst du, du solltest ihn dem Autoführer abgeben! – Jetzt will ich packen, dann nimmst du den Koffer und verbirgst ihn in deinem Stall. – Aber so, dass es niemand sieht, verstehst du? Und auch, wenn du hinaufgehst, gib gut acht, dass keiner dich sieht!«

Angelo wurde ernst, die Heftigkeit, mit der der Herr sprach, liess ihm das alles ungeheuer wichtig erscheinen. »Ich werde den Ziegenpfad hinaufgehen.« sagte er leise.

Frank Braun nickte. »Ja, geh nur, und nimm Marfa mit!« Er gab ihm einen Zehnkronenschein. »Da nimm! Und wenn ich in dem Wagen sitze, bekommst du noch einen.«

Der Knecht hielt den Schein in losen Fingern, als wagte er nicht, ihn fest anzufassen »Herr,« stammelte er, »Herr –«

»Ist schon gut!« sagte Frank Braun.

Dann ging er ins Haus. Angelo kochte ihm Eier, brachte Milch, Brot und Schinken; so frühstückte er. »Zum letzten Male in Val di Scodra!« murmelte er. Es schmeckte ihm ausgezeichnet und er ass doppelt so viel wie sonst.

Er packte schnell den kleinen Koffer, dann pfiff er dem Knecht. Er ging vor ihm die Treppe hinunter und zur Türe hinaus – aber niemand war da. Er winkte Angelo, der einen grossen Sack über den Koffer geworfen hatte und ihn so mit wichtigem Grinsen in seinen Stall trug.

Langsam schritt er dem Dorfe zu. Wo waren nur seine Burschen? – Wurde er nicht mehr bewacht? Er bedauerte es fast; es hätte ihn mehr gereizt, ihnen einen kleinen Streich zu spielen, als so weggehen zu können, frei, vor aller Augen.

Er ging durch die Gassen, zwischen den Häusern. Nirgends war ein Mensch, leer und ausgestorben schien das ganze Dorf. Die Sonne brannte steil von oben herab; auf den runden Steinen vor der Kirche wälzte sich ein hässlicher, räudiger Hund.

Er kannte ihn wohl, es war Fido, des Nachtwächters Ratti Hund –

Und sonst nichts. Nicht einmal die Kinder spielten auf den Gassen. »Schläft denn das ganze Dorf noch?« dachte er. Er lauschte scharf auf irgendeinen Laut in dieser heissen Stille.

Dann ging er dem Ende des Tales zu, stieg hinauf zu des Amerikaners Scheune. Er öffnete die Tür und trat hinein. Niemand war da, aber er sah wohl, dass man Ordnung gemacht hatte. Die Bänke waren aufgeräumt, der Boden aufgewaschen. Die Kupferkessel und Kerzen waren hinausgeschafft, auch die Geisseln hingen nicht mehr an der Rückwand. Er suchte nach der Leiche des kleinen Gino – sie war verschwunden.

Er stieg durch das Fenster hinaus, blickte nach dem Hause des Propheten. Aber auch dort regte sich nichts. Grosse blaue Libellen spielten über dem Bach, der den Garten durchfloss.

Er ging den schmalen Pfad weiter, der dem Bach folgte, zwischen Weidenbüschen und Heckenrosen. Da sah er jemanden kauern und schritt rasch auf ihn zu.

Es war Giovanni Ulpo. Er stand in den Hosen, eifrig beschäftigt Brust und Rücken einzureiben mit einem stinkenden Schmalz. Er hatte sein blutiges Hemd gewaschen im Bache, dann zum Trocknen in die Zweige gehängt.

»Wo sind die Leute von Val di Scodra?« fragte Frank Braun. »Niemand ist auf den Gassen und das Dorf scheint ausgestorben.«

»Sie sind in ihren Häusern.« antwortete der Bursch. »Jeder bereitet sich vor und legt Festkleider an. So hat es der Prophet befohlen.«

»Ist heute ein Fest?«

Ulpo nickte. »Ja.« sagte er ruhig. »Das Fest der Heiligen. Die Heilige wird zum Himmel fahren.«

»Was wird sie?« fragte Frank Braun.

»Zum Himmel fahren. So hat sie selbst verkündet. Der Prophet hat es aufgeschrieben und Ratti und Ronchi haben es vorgelesen vor allen Häusern.«

»Was wird denn geschehen?«

»Ich weiss es nicht. Erst wird man Gino begraben. Man wird eine Prozession machen. Sonst weiss ich nichts.«

Frank Braun erinnerte sich, dass er auch Ulpo in der Nacht in das Haus Pietros hatte gehen sehen. »Warst du nicht auch bei dem Propheten heute nacht?« fragte er. »Was ist dort vorgegangen?«

»Nichts, Herr. – Wir haben gebetet und ich glaube, die Heilige hat die ganze Nacht durchgebetet. Ich aber war zu schwach und schlief ein. Dann ging ich weg bei der ersten Sonne.«

»Und sonst weisst du nichts?«

»Nichts, Herr.«

Frank Braun wandte sich zum Gehen. »Ach,« rief er, »und mich habt ihr vergessen? Oder hat der Prophet die Bewachung aufgehoben für den Festtag? – Und wenn ich nun weggehe heute?«

Der junge Ulpo sah auf, ein heftiger Schreck fasste ihn. Im Augenblicke sprang er auf und lief ohne ein Wort mit langen Schritten dem Hause des Propheten zu.

Frank Braun sah ihm nach. »Da habe ich eine dicke Dummheit gemacht!« dachte er.

Langsam ging er weiter, setzte sich dann an den Bach und sah einer grossen Spinne zu, die quer darüber ihr Netz gebaut hatte. Ein Marienkäferchen fing sich in den Fäden; er befreite es, ehe die Spinne kam. Aber zwei dicke Fliegen liess er ihr und sah zu, wie sie sie einspann und aussog.

Er ging weiter, schlug auf das Gras des Randes und freute sich, wenn die kleinen, grünen Frösche kopfüber ins Wasser sprangen. »Sie mögen die Spinne fressen.« dachte er.

Als er nach Hause kam, sah er Ulpo unter seinem Fenster stehen mit fünf andern Burschen. Sie sahen müde und zerschlagen aus, aber ihr Blick zeigte ihm, dass sie ihn wohl halten würden, wenn er Miene machte zu gehen, und dass sie nicht daran dachten, ihn frei zu geben.

»Da haben wir die Bescherung,« dachte er.

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