Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hanns Heinz Ewers >

Der Zauberlehrling oder die Teufelsjäger

Hanns Heinz Ewers: Der Zauberlehrling oder die Teufelsjäger - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorHanns Heinz Ewers
titleDer Zauberlehrling oder die Teufelsjäger
publisherGeorg Müller
year1917
isbn
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131021
projectid45c12322
wgs
Schließen

Navigation:

X.

Was nützt das Gebet des Hohenpriesters
um Regen, wenn der Rabbi
Chaninaber Dosa es rückgängig
machen kann?

Talmud, Joma Fol. 53, Taanith. 24

 

Frank Braun warf einen Blick auf das zerwühlte Bett – es war gewiss, dass er nicht mehr würde schlafen können. Der Morgen brach an und sein schwindsüchtiger Schein mischte sich mit dem grünen Lichte der Lampe.

O dieses fahle Leuchten des frühen Morgens, ehe die Sonne herauf war! O dieses kalte, trostlose, vor der Zeit geborene Licht!

Mechanisch kleidete er sich an, zitternd und fröstelnd. Dann ging er die Treppe hinab.

Wohin wollte er denn?

Einerlei, nur weg von Val di Scodra. Er trat in das Wirtszimmer und schrieb auf einen Zettel: »Ich bin zur Stadt.« – Nein, er wollte nicht länger zögern. Er wollte gleich gehen, zu Fuss, seine Sachen konnte er ja immer noch holen lassen. Er legte das Papier auf den Tisch und trat vor die Türe.

Das Licht tat ihm weh, er schloss die Augen. Er seufzte schwer und nahm seinen Weg; leer, zerschlagen, jämmerlich elend, wie diese blutlose Luft, die der Frühwind trieb.

Er stieg den Berg hinauf; setzte Schritt vor Schritt, hastig, automatisch. Er wusste kaum wohin er ging und warum er ging – er ging nur. Eine Bewegung war es und nichts sonst, ein Steigen und Schreiten, aufwärts, durch taunasse Büsche.

Irgendein Nebel lag um ihn und legte sich kühl und eng um seine Brust. Es schmerzte ihn, wenn er Atem holte.

Dann blieb er stehen und dachte nach. Aber es machte ihm Mühe zu überlegen und er wusste nicht, was er denken sollte. Endlich fiel ihm auf, dass er die Bergstrasse schon vor einer Weile passiert hatte. Er musste wieder zurück, dies war der Weg nach Cimego.

Aber er mochte nicht zurückgehen. ›So geh ich eben nach Cimego,‹ dachte er.

Er sah nicht rechts und nicht links und lief weiter. Immer den Weg nach, still, schwer atmend, gedankenlos.

Stundenlang.

Der Tag kam, aber die Sonne brach nicht durch die dicken Wolken. Es war kalt da oben, und doch nässte seine Haut ein heisser Schweiss. Da erinnerte er sich, dass der Gendarm von einer Köhlerhütte gesprochen hatte. Aber er fand sie nicht.

So lief er weiter. Er sah einen Ziegenpfad links eine Schlucht hinabsteigen und ging ihm nach. ›Er wird abkürzen.‹ dachte er.

Dann verlief er sich und verlor den Pfad. Er kroch die Abhänge hinab und stieg in die Täler, wieder hinauf und hinab. Doch die Füsse schmerzten und die Lungen stachen bei jedem Atemzuge.

Unter einer verkrüppelten Tanne setzte er sich nieder. Er wollte nur einen Augenblick ruhen und stützte den Rücken an den Stamm. Irgend ein weisses Rad kreiste in seinem Kopfe und er fiel zur Seite.

Als er wach wurde, fror ihn jämmerlich. Ein feiner Regen fiel, bis auf die Haut war er durchnässt. Es schien ihm längst Mittag vorbei zu sein, hastig sprang er auf. Er lief nun, um sich ein wenig zu erwärmen und begann wieder nach dem Wege zu suchen. Da er ihn nicht fand, beschloss er immer geradeaus zu gehen und sich möglichst in der Höhe zu halten, in der er sich befand. So schleppte er sich weiter.

Einmal fiel ihm ein, dass er doch rufen könnte, vielleicht war irgendein Hirt in der Nähe. Aber er vergass es wieder. Müde, sinnlos, abgetrieben schleppte er sich durch Stunden und lange Stunden.

Dann wurde es dämmerig, da machte er eine letzte Anstrengung. Er sprang und lief; nun schrie er auch, aber niemand hörte ihn. Als es dunkel war, setzte er sich auf die Steine nieder. ›Es ist gleichgiltig,‹ dachte er, ›ob ich nun sitze oder laufe. Ich will hier warten – vielleicht kommt jemand.‹

Tief unten aus der Schlucht kam ein leiser Schall. Er horchte gespannt und erkannte den Ton: Ziegenglocken. Er schrie nun wieder, aber niemand antwortete, nicht einmal ein Echo warf ihm seine Worte zurück. ›Ich muss hinunter.‹ dachte er. Er stand auf, seine Glieder waren so steif geworden, dass er sie kaum zu rühren vermochte. ›Ich muss hinunter.‹ wiederholte er. ›Ich muss doch hinunter.‹

Er stieg hinunter. Es war sehr finster; das half ihm und machte ihn blind für alle Gefahr. Er hielt sich an Felskanten und an Wolfsmilchsträuchern; manchmal glitt er, rutschte lange Strecken, überschlug sich auch. Einmal fiel er mit der Stirne auf und schlug sich blutig, zerriss sich am Stechginster Hände und Gesicht.

Unten standen Büsche; er drängte sich durch, so gut es gehen mochte. Er schrie wieder; aber er hörte keine Antwort, auch die Ziegenherde musste längst fort sein. Die Schlucht war eng und führte rasch hinab; er fand einen Giessbach und trat hinein. Er schob und tastete sich weiter, kroch auf allen vieren.

Dann sah er plötzlich, nicht weit unter sich, ein paar Lichter. Er suchte nun rechts und links, endlich fand er den Ziegenpfad, der längs des Baches lief. Er folgte ihm und kam nun hinaus aus dem Engpass.

Er trommelte an die Türe der ersten einsamen Hütte und bat um Einlass. Aber das alte Weib öffnete nicht, rief ihm durchs Fenster zu, er solle sich fortscheren.

»Wie heisst das Dorf?« fragte er. Aber sie schloss das Fenster. Er ging weiter, fand auf der Strasse einen Bauern mit einem Ochsenkarren. Von ihm erfuhr er, dass er dicht bei Cimego sei.

»So fahrt mich zum Grenzgendarmen.« sagte er. Der Bauer wollte nicht; da griff er in die Tasche und gab ihm Geld. Nun erst bemerkte er. wie seine Kleider in Fetzen um ihn hingen. Aber er lachte nicht einmal mehr.

»Donnerwetter!« schrie Herr Aloys Drenker. »Donnerwetter! – Sie sind es? Ich glaubte, einen Landstreicher schlimmster Sorte zur Einquartierung zu bekommen.« Er half ihm vom Ochsenwagen und griff ihm unter die Arme, als er sah, wie er schwankte. »Was ist Ihnen?« fragte er erschreckt.

»Ich glaube, ich habe ein wenig Fieber.« sagte Frank Braun.

Der Gendarm nickte. »Das scheint mir auch so!« Er führte ihn und schrie nach der Magd. Er setzte den Kranken auf einen Stuhl und entkleidete ihn vorsichtig, dann wusch er ihm Schmutz und Blut ab mit dem heissen Wasser, das die Magd in hölzernem Kübel holte. Er reichte ihm ein frisches Hemd und brachte ihn zu Bett.

Frank Braun sah immer diese grossen plumpen Hände, die ihn hier anfassten und da, zärtlich, fast mütterlich, mit unendlicher Sorgfalt. Sie waren rot und hart, waren gute und starke Hände, die zu jeder Arbeit taugen mochten. Und er fühlte sich sicher und geborgen in diesen Händen.

Der Gendarm trat an sein Bett und reichte ihm ein hohes Glas. »So!« sagte er. »Grog! Das wird Ihnen gut tun. Trinken Sie, so lange er heiss ist.«

Er gab nicht nach, bis sein Freund das Glas geleert hatte. Er brachte ihm ein zweites und ein drittes Glas und Hess ihn trinken ohne abzusetzen. »Das beste Mittel.« lachte er. »Hol mich der Teufel, das einzige Mittel.«

Frank Braun sank zurück, er wollte ihm danken, aber die Zunge war schwer und versagte den Dienst. Er lallte ein paar Laute, dann schlief er ein.

– Der Grenzer sass an seinem Bette, als er erwachte. Das Fieber schien verschwunden und er fühlte sich frisch genug. Doch taumelte er, als er aufstehen wollte, und musste sich wieder niederlegen.

»Es ist gleich Mittag.« sagte der Gendarm. »Ich werde sehen, ob das Essen fertig ist, Sie werden gewiss Hunger haben.«

Den hatte er, einen wilden, grossen Hunger. Er sah sich um, sein Bett nahm die eine Wand der kleinen einfenstrigen Stube ein. In der Mitte standen ein Tisch und ein paar Stühle, an der andern Wand ein niedriger Schrank, auf dem ein paar ausgestopfte Eulen Staub sammelten. Die Wände waren dicht behangen mit alten Säbeln, Musketen und Pistolen, dazwischen prahlten Pfeifen und Pulverhörner.

Aloys Drenker brachte ihm eine Hühnersuppe. »Selbst gekocht!« rief er stolz. Er trug Eier auf und das Huhn, dazu einen starken Rotwein. Und er freute sich, dass es seinem Kranken so gut schmeckte.

»Ich muss nun ausreiten.« sagte er. »Aber Sie sollen mir versprechen, ruhig liegen zu bleiben.«

Frank Braun versprach es. Das Fieber kehrte wieder; bald schlief er ein wenig, bald lag er wach, in Schweiss gebadet. Zum Abend wurde er ruhiger; doch blieb er aufgeregt und fast schlaflos die Nacht. Dann wieder lag er ein paar Tage ohne Bewusstsein.

Als er erwachte, sah er, dass der Gendarm ihm kalte Umschläge um die Stirne machte. Drenker sagte ihm, dass er recht besorgt gewesen sei und den Pfarrer habe rufen lassen. Der sei schon zweimal dagewesen.

»Es ist immer besser,« entschuldigte er sich, »so für alle Fälle! Und dann versteht er auch ein bisschen was von Medizin.«

Bald darauf kam dieser Pfarrer, ein dicker, verschwollen er Herr, der schnupfte und etwas schielte. Er meinte, es sei wohl eine Lungenspitzenentzündung, aber nun schon bald überwunden. Frank Braun mochte ihn nicht leiden, er schloss die Augen und steckte die Ohren in die Kissen. Als der Pfarrer draussen war, bat er den Gendarm, ihn nicht wieder herzulassen.

Aloys Drenker lachte: »Mir solls recht sein. Wenn er nicht nötig ist – um so besser!«

Er war wirklich nicht mehr nötig. Das Fieber liess nach und mit ihm die Stiche in der Brust. Nach ein paar Tagen konnte Frank Braun aufstehen für einige Stunden.

Der Gendarm tat für seinen Kranken, was er konnte. Er erzählte ihm Schmugglergeschichten und wurde nicht müde, neuen Grog zu brauen, oder heissen Würzwein. Und seine Kur half, das war nicht zu leugnen.

Frank Braun berichtete ihm von der wunderbaren Heilung der Sibylla Madruzzo, auch von der Beichte von Veniers Frau.

Der Gendarm fuhr auf: »Diese Kanaille! Und geschlagen hat sie das Kind auch noch?« Er war wütend und erklärte, dass er gleich hinreiten wollte und Ordnung stiften. Frank Braun riet ihm, das lieber noch ein wenig aufzuschieben; aber der Grenzer wollte nur schwer einsehen, dass er jetzt dem Kinde nur schaden könnte.

»Ach was!« schrie er. »Dieser gottverfluchte Firlefanz der Teufelsjäger! Ungebrannte Holzasche – das ist das beste Mittel für den ganzen Wahnsinn. Ich bin grade kein Schriftgelehrter, aber das weiss ich doch, was der Apostel sagt: – ›Soll ich euch mit der Rute kommen?‹«

Frank Braun sagte: »Na, mit der Rute würden Sie nur Jubel erwecken; die ist tägliches Brot geworden im Tale von Scodra.«

Aloys Drenker schüttelte bedenklich den Kopf. »Ja, was soll man denn tun?« Dann erzählte er von seinem Abenteuer mit der Matilda Venier. »Ich war der Dumme, wirklich das war ich.« brüllte er. »Sie hielt mich fest durch die Nächte in dem verdammten Loch von Val di Scodra und derweil zog ihr Mann mit dicken Ballen über den Pascherweg von Sampiglio nach Brescia hin. Recht gut wusste er Bescheid, was seine Frau machte, und ich war der Betrogene und nicht er! Ihm hat sie gewiss nichts Neues erzählt in der Scheune des Mister Peter, ihm nicht. Aber ich schlag ihm den Schädel ein, wenn er dem Kinde ein Haar krümmt.«

Frank Braun versuchte ihn zu beschwichtigen; er glaube, dass Venier viel zutunlicher sei zu der kleinen Fiametta wie die Mutter. Doch der Grenzer war nicht abzubringen von seinem Vorsatz: er würde hinreiten, morgen schon, um Ordnung zu schaffen in dem verfluchten Schweinestall.

Aber ein dienstliches Telegramm hielt ihn ab; es befahl ihm, sogleich nach Spologna zu reiten, einem kleinen Dorfe dicht an der Grenze. »Das gilt der Bande des Faluppio,« rief er, »derselben, der auch Venier früher angehörte. Unser Hauptmann hat gewiss einen Schlag vor, das werden Sie sehen!« Er fuhr in seine Stiefel; fünf Minuten später schlugen die starken Eisen seines Gaules auf die kleinen ausgewaschenen Steine der Strasse.

* * *

Frank Braun war allein. Die alte Magd sorgte für ihn; der Gendarm hatte ihm einen alten Pallasch auf die Kissen gelegt, das war seine Schelle. Er ratterte mächtig auf den Holzboden, wenn er die Magd wünschte.

Mit einiger Not bekam er ein glattes Brett, das musste als Tisch dienen im Bette. Er liess sich Feder und Papier bringen und begann wieder zu schreiben.

Es war ein Spiel, wie alle Wissenschaft, und zwecklos wie jedes Spiel. Der eine legte Patiencen und der andere entzifferte Keilschriften. Der baute ein logisches System seiner Weltanschauung und der rechnete aus, wieviel »a« in der Bibel vorkommen. Gott, man unterhält sich eben dabei!

Dann war da noch etwas anderes. Er fühlte nun wohl, dass seine – wie alle – Arbeit zwecklos war und kindisch. Aber nun war sie einmal angefangen: ein angeschlagener Akkord, und er musste ihn auflösen. War es nicht Zelter, dem die Geschichte mit dem Schusterjungen passierte? Der Bengel sang immer:

»Wir winden dir den Jungfernkranz.« Und noch einmal: »Wir winden dir den Jungfernkranz.« Und wieder und immer wieder, nur die eine Zeile und kein Wort mehr. Zelter ging hinter ihm und schrie wütend: »Aus veilchenblauer Seide! Aus veilchenblauer Seide!« Worauf ihm der Bub zurief: »Wenn Sie den Jungfernkranz singen wollen, dann fangen Sie'n sich ooch alleene an!«

Er lachte. Weiss Gott, der Schusterjunge war ihm viel sympathischer als Goethes Freund! Ihm genügte der Jungfernkranz und er hatte weiter keine Ambitionen; er tat, was er wollte, und war ein freier Mensch. Dem armen Zelter aber sass der Satan im Nacken, er musste die veilchenblaue Seide spinnen und war ein elender Sklave seiner Kunst.

Und Frank Braun wusste wohl, dass es nichts nützte, sich zu wehren. Man muss enden, man muss, und kein Widerstand nützt.

Er seufzte lachend und spann seine veilchenblaue Seide.

– Die Paläontologen spielten Osterhäschen. Die Mutter Vorzeit hatte ihnen hübsche Ostereier in die Erde versteckt und nun schnüffelten die artigen Kinder überall herum und suchten. »Kalt.« rief die Mama, da machten sie ein betrübtes Gesicht. »Warm!« rief sie, da leuchteten ihre Augen.

Aber es war ein köstliches Spiel, diese Wissenschaft. Den Neandertaler fand man vor fünfzig Jahren, und die Begeisterten schrien, dass er das ›Missing Link‹ sei, der Affenmensch; das war das allerschönste Osterei, das es gab, und der wurde König, der es fand. Aber die neidischen Ekel sagten, dass er gar nicht echt sein; er sei krankhaft, sagten sie, und anormal – so haben aller Zeiten Dummkopfs ja immer das genannt, was sie gar nicht begreifen konnten. Und sie stritten herum und das Ende war, dass sie alle beide unrecht hatten: echt war er wohl, der Neandertaler, aber doch nicht das ›Missing Link‹! Es war ein schönes Osterei, aber doch nicht das grosse goldene.

Also das Uebergangsglied war er nicht: das musste noch weiter zurückliegen – so um eine kleine Million von Jahren. Im Tertiär lag es gewiss und da musste man suchen.

Man suchte auch und fand alle möglichen hübschen Eier. Aber immer noch nicht das gelobte. Und so, um sich die Zeit zu vertreiben, sah man diese genauer an. Alle Neandertaler glichen in einem Stücke den Menschen von heute: im Gebiss. Affenhaft aber war das Fehlen des Kinnes, affenhaft waren die mächtigen Augenbrauenwülste. Darum, überlegte man, musste der Uebergangsmensch, nach dem man suchte, auch im Gebiss äffischer sein: eine starke Gorillaschnauze haben und mächtige Eckzähne.

Ach, wenn man nur wüsste, wo das Ei lag! Da man es nicht fand, überlegte man weiter und ging einen recht guten Weg. Man fand, dass das einfache Gebiss das ursprüngliche war, und sah diese hübsche Regel überall bestätigt. Mit einem Normalgebiss begannen die Säugetiere und hielten es bei in dem Hauptast. Erst in den Nebenästen begünstigte diese oder jene besondere Anpassung die eine oder andere Zahngruppe: Eckzähne, Backzähne oder Schneidezähne. So stellte man fest: der Mensch hat das einfache, ursprüngliche Gebiss und der Orang ein abgeirrtes, und also ist der Mensch der Vater des grossen Affen und nicht umgekehrt. Und man schloss: wenn das so ist, so muss der Schatz im Tertiär in allem andern noch viel affenähnlicher sein als der Neandertaler – – dabei aber doch das menschliche Gebiss haben.

So also musste der Urahne aussehen: Affenzüge und Menschengebiss.

Die Söhne dieses urväterlichen Menschenaffen aber teilten sich. Der artige Abel behielt das Gebiss und legte die Affenzüge ab, der böse Kain aber entwickelte mächtig die starken Zähne und verlor zur Strafe an Schädel und Hirn.

Die guten Kinder, die Paläontologie spielten, malten hübsche Bilderchen, wie das goldene Ei wohl aussehen würde – wenn sie es finden möchten. Und da sie gar so brav waren, rief die Mama sie nach Heidelberg und sagte:

›Heiss – Heiss!‹ Richtig, da fanden sie das Ei und waren unendlich froh und stolz, weil es genau so aussah wie sie es hingemalt hatten.

Sie fanden den Heidelberger Menschen: er war viel affenhafter wie der vom Neandertal und er hatte doch das einfache menschliche Gebiss. Die braven Kinder sagten: »Aetsch!« und machten eine lange Nase den andern, die falsche Bilderchen gemacht hatten.

Nun war der Heidelberger der Stammvater aus urgrauer Zeit. Und von ihm und seinen Brüdern stammten alle, die Riesen von Cro-Magnon, die Galley-Hillleute, die Grimaldiner und die Neandertaler.

– Ach, die Neandertaler! Wie oft war er als Junge in diese Höhle hinein geklettert – die alte Leiter war morsch und zerbrochen und der Strick verfault. Das erhöhte den Reiz, es kam ihm so ungeheuer gefährlich vor. Da hatte er gesessen und geträumt: er wäre der Neander und würde verfolgt und dürfte sich nicht rühren in seinem Versteck. Und um es echter zu machen, sang er laut des Verfolgten Lied: ›Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren, lob ihn, o Seele, vereint mit den himmlischen Chören – –‹ Dann, da er Stimmen hörte von unten her, brach er ab und dachte: ›Das sind die Sbirren!‹ Aber es war nur die Mutter, die sehr unzufrieden war, weil jeder Aufstieg in die Neanderhöhle ein Paar neue Hosen kostete. – Später hatte er gar kein Interesse mehr für den frommen Liederdichter, aber um so mehr für den alten Menschen, der dessen Namen trug. Nun borgte er Schaufel und Spaten aus einem Bauernhause, oder Hammer und Axt von den Steineklopfern am Wege. Wenn ein Affenmensch da war – warum nicht noch mehr, dachte er. Und grub und suchte eifrig nach dem goldenen Ei.

Gar nichts fand er und hörte betrübt auf, wenn die Dämmerung kam. Aber er blieb in seiner Höhle, wenn die Schatten lang fielen und sein Wachskerzchen unruhig flackerte. Immer betrachtete er den engen Spalt an der Seitenwand; kein Mensch konnte sich durchzwängen, aber wohl konnte man Steine weit hineinwerfen. Und er dachte, dass dieser Spalt unendlich lang sei, stundenlang konnte man da hineinkriechen in den Bauch der Erde. Dann aber öffnete er sich und wurde weiter, lief in eine gewaltige Höhle aus. Und aus dieser Höhle trat man in ein tiefes Tal. Es war rund wie ein alter Krater und die Felswände überdachten es und spitzten sich kegelförmig zu; nur in der Mitte zeigte ein Loch den blauen Himmel. Darunter war ein kleiner See; mächtige Schachtelhalme wuchsen an seinen Ufern und Farrenwälder zogen sich zu den Abhängen hin.

Hier hausten die Neandertaler. Sie waren geblieben durch die Jahrtausende – fischten und jagten, kämpften um ihr Leben mit den mächtigen Sauriern. Ach, wer nur einmal durch den engen Spalt könnte?

– Frank Braun zeichnete mit hilfloser Feder merkwürdige Dinge auf das Papier. Er musste immer dazu schreiben, was es war, sonst hätte er es selbst nicht erkennen können. So schrieb er ›Brontosaurus‹ und ›Hatteria‹ und ›Plesiosaurus‹ und ›Neandertaler‹. Aber er fand doch, dass der eine seiner Neandermenschen eine ausserordentliche Aehnlichkeit mit Pietro Nosclere hatte, und dass der andere dem Girolamo Scuro glich. Nur im Gebiss war der Knecht viel stärker: – er war abgeirrt und affenähnlicher geworden –

* * *

Vier Tage blieb der Gendarm weg. Frank Braun lag im Bette, er schrieb und träumte. Und er genoss diese stille Freude: Rekonvaleszent zu sein, ohne eigentlich krank gewesen zu sein. Dazwischen stand er auf, schritt langsam durch die Gassen des alten Dorfes. Als der Grenzer zurückkam, lag er im Fenster.

»Nun, haben Sie einen guten Fang getan?« rief er ihm zu.

Aloys Drenker sprang von seinem Gaul. »Ach was.« brummte er. »Vier Nächte haben wir im Regen gelegen für nichts und wieder nichts! Die Kerle hatten Wind bekommen – keine Laus hat sich sehen lassen. Aber wir werden sie doch noch kriegen!«

– Frank Braun blieb noch ein paar Tage bei seinem Gastfreunde. Er fühlte sich wieder ganz gesund, aber der Grenzer wollte ihn nicht ziehen lassen; man dürfe die Kur nicht vor der Zeit abbrechen, sagte er. Und er füllte ihn an mit Wein und Grog und nahm tüchtig mit von der guten Medizin – aus Kameradschaft. Eines Morgens kam er früh an sein Bett. »So!« sagte er. »Wenn Sie nun wollen, so können Sie mitreiten. Ich muss zur Stadt Und will Sie mitnehmen.«

Frank Braun beeilte sich aufzustehen, die Magd brachte ihm das Frühstück. – Der Gaul stand angebunden vor dem Hause, aber er sah den Gendarm nicht. »Wo ist Herr Drenker?« fragte er die Magd.

»Schon voraus.« sagte sie. »Ich sollte Ihnen sagen, dass Sie sich nicht beeilen und nur in Ruhe frühstücken möchten; Sie würden ihn schon einholen. Er wartet auf Sie. – Das Pferd kennt den Weg.«

Er ritt langsam den Berg hinauf; nach einer guten Stunde erst traf er den Grenzer, der zu Fuss ging und mächtig schnaufte.

»Nun, und Ihr Gaul?« fragte er verwundert.

Drenker lachte. »Sie sitzen ja drauf. – Ich gehe zu Fuss.« Frank Braun wollte absteigen, aber der Gendarm litt es nicht. Er nahm das Pferd am Zügel und führte es. »Na, Tierchen, du wirst auch zufrieden sein, dass du einmal fünfzig Kilo weniger den Berg hinauf zu schleppen hast. Aber warte nur, wenn wir in Val di Scodra ankommen, bin ich auch um ein paar Kilo leichter.«

Er schnaufte und schwitzte, aber er schritt weit aus mit seinen schweren Stiefeln. »Das wäre noch schöner, wenn ein alter Kaiserjäger nicht mehr bergsteigen könnte! Wir haben andere Partien gemacht, glauben Sie mir, und feldmarschmässig.«

Unter der Spitze des Teldo rasteten sie; dann ging es weiter. Auf der Landstrasse über dem Scodratale stieg Frank Braun ab und der Grenzer hob sich in den Sattel. Sie reichten einander die Hände.

»Grüssen Sie das verdammte Dreckloch!« lachte der Gendarm. »In ein paar Tagen bin ich da, Sie werden schon sehen, wie ich den Herrschaften aufgeige.«

Dann ritt er davon. Frank Braun setzte sich auf den Stein, auf dem die Sibylla zu sitzen pflegte.

So zog er also noch einmal hinunter zum Tale von Scodra. Hierher war er geflohen vor nun bald fünf Monaten – in ein stilles Versteck, in das er sich verkroch. Und war dann wieder geflohen, geflohen vor sich selber. Ach, auch im verborgensten Loche fand ihn dieser Feind.

Was wollte er noch im Dorfe? Er musste wegfahren mit der nächsten Post. Jeder Stein erinnerte ihn an seine jämmerliche Niederlage. Fort! Die Koffer packen und dann fort! Irgend wohin – –

Die Teufelsjäger –? Wie gleichgiltig sie ihm doch waren. Und damit hatte er spielen wollen?

Oder Teresa? – Ach Gott, Teresa –

Langsam stieg er hinab.

Heulten sie wieder? Er hörte die wirren Klänge der Musik des Amerikaners, erkannte das Fastenlied. – »Immer das Fastenlied,« dachte er, »können sie denn gar nichts anderes singen?«

Aber der Lärm kam nicht von der Scheune her, kam von unten herauf, dicht vom See her. Hatten sie eine Prozession gemacht? – Er beschleunigte seine Schritte.

Nun sah er sie, sie standen alle um Raimondis Haus. Männer, Weiber und Kinder, rings im Halbkreise. Der Schneider Ronchi stand auf dem Tische und leitete die Musik, zu seinen Füssen spielte die kleine Fiametta Venier.

Er bahnte sich einen Weg durch die Reihen, niemand achtete auf ihn. »Was gibt es?« fragte er hastig. Aber sie sangen weiter. In der Türe traf er den jungen Ulpo, fasste ihn am Arm. »Was ist hier los?« fragte er.

Der Bursche sah ihn erstaunt an. »Was los ist? – Wir verehren die Heilige?« Dann rannte er hinaus.

Eng gedrängt standen die Menschen auf der Treppe. Ebenso im Gastzimmer. Raimondi schenkte grosse Gläser voll Milch und Himbeerwasser aus, er reichte sie herum und nahm jedem ein Nickelstück ab. »Wo ist Teresa?« rief er ihm zu.

Raimondi blickte auf, verstand nicht und nickte aufs Geratewohl. Aber ein Weib, das vor ihm stand, sah ihn gehässig an und sagte: »Die heilige Teresa ist oben.«

Mühsam arbeitete er sich die Treppen hinauf. »Lasst mich durch!« bat er. Ich muss sie sehen.« Manche kehrten sich nicht daran, hielten ihren Platz, den sie hatten und sangen weiter; andere aber rückten zusammen, so gut es gehen mochte. Er stiess und drängte, Fuss um Fuss musste er sich durchkämpfen.

Der Gesang verstummte, er hörte nun ein leises Gebet und erkannte Pietros Stimme. Er sprach leise, fast flüsternd und Frank Braun verstand nur abgerissene Worte: ›Dank dem Lamme‹ hörte er und ›neue grosse Gnade‹ und ›Finger des Herrn‹.

»Lasst mich durch!« zischte er. »Lasst mich durch!«

Endlich stand er vor ihrer Türe. Das Zimmer war dicht gefüllt mit Menschen; aber alle knieten, so konnte er gut über sie wegsehen. Der Raum sah wie eine kleine Kapelle aus, ausser dem Madonnenbilde hing an der andern Seite noch ein Bild des heiligen Franziskus; unter beiden brannten grosse Kerzen. Das Fenster war geschlossen und dicht mit weissen Tüchern behangen, die mit Latten gestützt zu einer Art von Baldachin sich nach vorne zogen. Darunter, auf einem langen Korbsessel, ruhte Teresa.

Das Licht war matt genug, es dauerte eine Weile, bis seine Augen sich daran gewöhnt hatten. Er sah das Mädchen, halb sitzend, halb liegend, die Augen starr auf den Cruzifix gerichtet, den ihr der Amerikaner vorhielt. Ein weisses Gewand bedeckte den ganzen Leib; die Hände lagen auf den beiden Lehnen, die nackten Füsse ruhten auf einem Schemel, neben dem der taubstumme Gino kauerte.

Und Frank Braun sah grosse rote Wundmale auf ihren Händen und Füssen.

Pietro Nosclere kniete nieder, beugte das Haupt und küsste inbrünstig die blutigen Male ihrer Füsse. Ihm folgte der alte Ulpo, dann Matilda Venier. Alle drängten heftig heran, aber Girolamo Scuro hielt Zucht und stiess sie zurück. Von der linken Seite liess er die Leute vortreten, einen nach dem andern, dann abtreten nach rechts hin. Es entstand ein Drücken und Stossen, aber schliesslich kam eine Ordnung in die Menge; viele mussten zum Hause hinaus, so dass ein Weg frei wurde auf dem Gange und der Treppe. Nun zogen sie der Reihe nach in langem Gänsemarsche durch die Haustüre, die Treppe hinauf und durch den Gang in das Zimmer, um die blutigen Füsse zu küssen, die des Herrn Zeichen trugen. Dann zurück, die Treppe hinab und hinaus, langsam schiebend, in unendlicher Geduld.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Frank Braun sah sich um, es war Angelo, der Knecht. Der Wirt hatte ihn geschickt, ihm die Schlüssel seines Zimmers zu bringen. Schnell schlüpfte er durch die Leute, öffnete und trat ein. Da lag alles noch so, wie es gelegen hatte vor vierzehn Tagen, kein Buch schien verrückt.

Er trat an das Fenster und sah in den Abend hinaus. Unten stand die Menge, aufgestellt in Reih und Glied, geduldig wartend, bis sie eintreten durfte. Das Blut stieg ihm heiss in die Schläfen, seine Gedanken verwirrten sich.

Er fühlte wohl, dass ein Grosses geschehen war. – Durch ihn? Trotz ihm? Das wusste er nicht. Aber es war geschehen und war nun eine grosse Erfüllung. War ein Wunder, das viele Wunder versprach.

Er sass still und hörte den leisen Bittgesang der Leute. Aber er fasste die Worte nicht und es war nur ein dumpfes Tönen, ein Klangfallen und Steigen, das ihn seltsam einlullte.

Er sass still durch lange Zeit. Und eine gute Wärme füllte seine Brust, und seine Augen leuchteten und sein Mund sprach inbrünstig: » Ah – ah – meine Geliebte trägt die Stigmata des Herrn

* * *

Dann sah er draussen eine Bewegung. Alle kamen heraus aus dem Hause und wichen zurück, der Schneider Ronchi und Giovanni Ulpo ordneten sie. Keiner sprach ein lautes Wort, aber aller Augen hingen gespannt auf der Türe.

Und langsam und vorsichtig trug man den Sessel heraus, auf dem Teresa ruhte. Vier lange Stäbe schoben sie kreuzweise darunter, so dass die Enden gleichmässig herausstanden, dann luden acht junge Burschen die Last auf ihre Schultern. So zogen sie ab, in stiller schweigender Prozession.

Frank Braun sah ihnen nach, dann stürzte er die Treppe hinab. Er lief durch eine Seitengasse und stellte sich an der Kirche auf, um sie vorbeiziehen zu sehen. Vorauf eilten die Kinder, oft rückwärts laufend und immer wieder stehen bleibend und sich umschauend. Dann kam der krumme Schuster Lucilio Ratti, der Polizeidiener des Dorfes; er trug seinen alten Lederhelm mit der hohen Kokarde und hielt den kurzen blankgeputzten Säbel über der Schulter. Neben ihm schritt, doppelt so lang wie er, der Knecht Scuro. Ihnen folgte unter der Führung des Schneiders, die Musik, neun Männer und sieben Frauen – aber sie spielten nicht, schritten still und schweigend, wie alle andern. Hinter ihnen ging Pietro Nosclere, zwei alte Männer waren mit ihm. Die acht Burschen folgten, die Teresas Sessel trugen; sie hielt auf ihrem Schosse den Cruzifix, ihre Augen waren fest geschlossen. Gino lief nebenan mit dem Fussbänkchen, seine linke Hand hielt einen Zipfel ihres Kleides. Hinter ihr kamen die Weiber in langem Zuge, darnach die Männer –

Er sah ihnen nach, sie gingen an der Kirche vorbei, wandten sich nach rechts und zogen hinauf zu Pietros Halle. Langsam schritt er zurück.

An der Stalltüre traf er Angelo; der fragte lachend: »Der Herr ist wieder zurück?«

»Ja,« sagte Frank Braun, »wie du siehst.« Er wollte ihn fragen, was vorgefallen wäre, aber er besann sich – Angelo war ja nicht von hier. So sagte er nur: »Na – und du bekümmerst dich um nichts?«

Angelo grinste. »Um was soll ich mich bekümmern?«

Frank Braun trat ins Haus, er fand den Wirt im Gastzimmer, wie er die Einnahme durchzählte. Er setzte sich zu ihm. »Nun erzählen Sie, Raimondi; was ist hier vorgegangen, während ich fort war?«

Der Wirt kramte in der Schublade und holte eine Rechnung heraus. »Sie waren ja nicht da,« sagte er, »aber Sie hatten doch nicht gekündigt. Ich habe die Zimmer gleich abgeschlossen, niemand ist darin gewesen – ich habe sie für Sie freihalten müssen. Sonst hätte ich sie ja wohl an einen andern Fremden vermieten können – –«

Frank Braun griff in die Tasche. »Bemühen Sie sich nicht weiter.« rief er. »Ich will gerne zahlen. Wieviel wollen Sie?« – Er warf ihm das Geld auf den Tisch. Der Wirt zählte es und seufzte – warum hatte er nicht mehr gefordert?

»Die Geschäfte gehen gut, wie es scheint?« fragte Frank Braun. »Die Leute kommen wieder zu Ihnen?«

Raimondi nickte. »Es hat einen schweren Kampf gekostet. Als das mit Teresa passierte, kamen sie in Strömen ins Haus gelaufen, aber keiner wollte etwas verzehren. Da erklärte ich dem Amerikaner, dass ich keinen zur Tür herein liesse, der nicht etwas geniessen würde. Er hat mir eine lange Rede gehalten, aber ich blieb fest. So haben wir uns denn geeinigt: Wein trinken sie ja hier nicht, die Teufelsjäger, aber Milch und Fruchtsaft müssen sie eben nehmen. – Dazu bezieht dann der Amerikaner noch eine Menge Wein von mir, den er für das Abendmahl braucht.«

Er schob das Geld in einen alten Lederbeutel, legte ihn in die Schublade und schloss ab. »Wenn es jeden Tag so geht, bin ich zufrieden.«

Frank Braun sagte: »Na, und du trinkst auch Himbeersaft? – Geh in den Keller und hol ein paar Flaschen Vino Santo. Wir wollen trinken und du wirst mir alles erzählen.«

Die Gläser waren gefüllt, Raimondi brannte sich seine Pfeife an.

»Ja – was soll ich erzählen?« sagte er. »Teresa ist eben eine Heilige geworden. Mir solls recht sein – es bringt wenigstens Geld ins Haus.« Er spie aus in weitem Bogen.

Frank Braun starrte ihn an. Es bringt Geld ins Haus! – Hatte er das Wundertal von Scodra nicht auch von dem Standpunkt aus angesehen? Freilich, er wollte sich nicht damit begnügen für Nickelstücke Milch auszuschenken!

Und war er nicht richtig dieser Standpunkt? Geld – Geld, das war die grosse Macht, der nichts standhielt. Und wenn er aus dieser Goldgrube Schätze ohne Ende ziehen würde – – würde nicht schliesslich auch er glauben können an die Allmacht seines Reichtums? Wenn es für ihn keine Schranke mehr geben würde für die wildeste seiner Launen – würde da die Allmacht des Geldes nicht seine Allmacht sein? Und würde er nicht dahin gelangen – auch an sich selbst zu glauben?

Dieser armselige Geizbauer sammelte Heller, die ihm ein fremder Zufall zutrug. Er aber hatte den Samen gesät: nun blühten die Bäume. Warum sollte er die Früchte nicht pflücken?

Wohl hatte er sich getäuscht, als er meinte, dass die Sache selbst ihn befriedigen könnte. Vielleicht möchten Einzelheiten ihm Spass machen, aber der ganze grosse Schwindel würde ihn kaum berühren und seine erste Begeisterung War ein kindisches Strohfeuer. Nicht einen Augenblick würde er glauben können an seinen grossen Zauber.

Aber welcher Kaufmann glaubte denn an die Mission seines Hauses? Bei Festbanketten freilich schwatzte der Reeder in beschaulichen Toasten über das Netz seiner Linien, das die Welt umspannte, Völker verband und seines Landes Ruhm in fernste Zonen trug. Aber das alles war ihm doch recht gleichgiltig: Geld verdienen wollte der Mann und seine Aktionäre wollten ihre Dividenden haben. So war ihr Glauben!

Er kannte manche Leute, die es gut verstanden, Millionen zu verdienen. Aber nicht einen kannte er, der sie gut auszugeben verstand! – Das war viel schwerer – und er, o gewiss, er würde es können.

Ja, auch da war ein Königreich.

Er würde – er würde – –

Er besann sich und schüttelte die Träume ab. – Er nahm sein Glas auf: »Trink Raimondi, und erzähl mir.«

Der Wirt trank. »Ja, Herr,« begann er, »es ist nicht leicht zu sagen. An dem Tage, als Sie fortgingen, ist noch gar nichts geschehen, wenigstens habe ich nichts bemerkt. Ich fand Ihren Zettel auf dem Tisch und ging sogleich hinauf und schloss Ihre Zimmer ab.« Er unterbrach sich. »Ach, ich glaube, das Bett ist noch gar nicht gemacht worden!«

»Ich habe nicht nachgesehen.« antwortete Frank Braun. »Teresa machte es doch immer, war sie nicht mehr in meinem Zimmer?«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Nein, sie war nicht da. Ich hatte die Schlüssel in der Tasche und sie hat sie nicht einmal verlangt. – Ich muss nun das Bett selber machen.« Er wollte aufstehen, aber Frank Braun hielt ihn zurück.

»Dazu ist ja immer noch Zeit.« sagte er.

»Ich werde eine Magd halten müssen.« brummte Raimondi nachdenklich. »Angelo ist zu nichts zu gebrauchen im Hause, nur für das Feld taugt er und für den Stall. Und auf Teresa kann ich nun nicht mehr rechnen. Ich muss eine Magd nehmen – es wird zu viel Arbeit für mich hier werden. Ich will auch vor dem Hause einen Ausschank machen, weil ja doch nur immer ein Teil der Leute ins Haus hereinkann; da wird sichs schon auszahlen. Ich habe an die dicke Maria gedacht, die Tochter des Ulpo – aber es wird besser sein, wenn ich kein Mädchen vom Dorfe nehme. Die haben alle den Kopf voll mit ihrem frommen Getue. Ich will zur Stadt fahren und eine mieten, die sich auskennt, so eine freche Dirne, die nicht so leicht angesteckt wird von den Betbrüdern.«

Frank Braun wurde ungeduldig. »Mieten Sie in Gottesnamen, was Sie wollen, Raimondi. Aber jetzt erzählen Sie mir.«

Der Wirt sog an seiner Pfeife und spie bedächtig aus. »Gut, Herr, wie Sie wollen. Also an dem Tage geschah nichts. Die Teresa kam sehr spät herunter und ich schalt sie aus. Aber sie antwortete gar nichts, tat ihre Arbeit wie gewöhnlich und schwieg.«

»Hat sie nicht nach mir gefragt?«

»Nein, Herr. Ich sagte ihr, dass Sie weggegangen seien für ein paar Tage, aber sie hat nicht gefragt wohin. Nicht einmal hat sie von Ihnen gesprochen in der Zeit.« Er sah ihn lauernd an, dann fuhr er fort: »Das heisst – eigentlich hat sie überhaupt nicht gesprochen. Wenigstens zu mir nicht – nur zu ihren Betbrüdern und -Schwestern.

Am Abende ging sie dorthin, zu der Halle des Mister Peter – jetzt ist nämlich jeden Abend grosse Versammlung, und jeden Abend ist Teresa dabei. Sie kam spät zurück – noch später wie die Nacht vorher mit Ihnen. – Ich lag noch wach und hörte wie sie die Treppe hinauf ging. Der nächste Tag verlief ebenso; nur arbeitete sie wenig und blieb meist auf ihrem Zimmer und las.«

Frank Braun fragte: »Was las sie?«

»Ich weiss nicht.« sagte der Wirt. »Ich habe mich nicht darum bekümmert. Ich rief sie zu irgendeiner Arbeit und da sie nicht hörte, ging ich sie holen. Da sass sie auf ihrem Bett und las, so eifrig, dass sie nicht einmal hörte, dass ich eintrat. Abends war sie wieder bei den Teufelsjägern. So ging es auch den nächsten und den übernächsten Tag – bis zum Freitag.«

»Zum Freitag?«

»Ja, am Freitag geschah es dann. Sie kam nicht herunter und als ich endlich ging, nach ihr zu sehn, lag sie krank im Bett. Ich fragte, was ich tun könnte für sie, aber sie antwortete nicht und schüttelte nur den Kopf. So Hess ich sie denn. Was dann geschah, weiss ich nicht, ich liess ihr durch den Knecht das Mittagessen hinauftragen, aber sie wies es zurück. Endlich, gegen Abend, hörte ich sie den Angelo rufen. Ich dachte, sie wollte nun essen, aber sie schickte ihn weg, den Amerikaner zu holen. Der kam und blieb über eine Stunde bei ihr. Dann kam er herunter und hielt mir eine lange Rede, aber ich verstand nicht viel, da er zu leise sprach. Ich fragte ihn, ob er nicht etwas verzehren wollte, da fing er an zu schreien – na, es endete damit, dass ich ihn zur Türe hinaus warf. Aber nach einer Viertelstunde kam er wieder und mit ihm kamen Venier und Ronchi und Ratti und die beiden Ulpo und andere mehr. Auch einige Weiber waren bei ihnen. Ich wollte keinen hineinlassen und hielt die Türe verschlossen, aber Girolamo Scuro schrie, dass er sie einbrechen würde. Ich hielte ihre Schwester gefangen, und man müsste sie befreien, rief er. Schliesslich legte sich der Amerikaner ins Mittel und sagte, dass sie alle etwas trinken würden, wenn ich Milch hätte. Da öffnete ich denn und gab ihnen Milch.

Sie liefen alle gleich die Treppe hinauf und ich hinter ihnen. Teresa lag in ihrem Bette – krank war sie, das war gewiss. Sie zeigten mir ihre Hände, die bluteten leicht an beiden Seiten, als ob sie durchstochen wären mit einem Nagel. Und so war es auch mit ihren Füssen. Ich ging hinab und holte Sublimat und Verbandwatte. Die Betbrüder wollten nichts davon wissen, aber ich wusch ihre Wunden aus; einen Verband liessen sie mich freilich nicht anlegen, nur die grosse Wunde an der Seite verband ich trotz ihrer Proteste. Uebrigens sind alle diese Wunden nicht gefährlich und gar nicht tief, nur die Haut ist verletzt und tropft ein wenig Blut. – Das ist eigentlich alles.«

Frank Braun fragte: »Und was geschah am nächsten Tag?«

»Am nächsten? Nichts Besonderes. Ihre Wunden blieben, sonst wurde sie besser. Sie stand auf, blieb aber meist in ihrem Zimmer. Der Amerikaner, den sie jetzt den Propheten Elias nennen, räumte mit ein paar Weibern ihr Zimmer um und schleppte dann jeden Abend die ganze Gesellschaft hierher. Darnach ziehen sie alle zusammen nach der Halle und da gibt dann die Teresa noch besondere Spässe zum besten. – Na, mir solls recht sein, so lange sie Gäste ins Haus bringt.«

Frank Braun biss sich auf die Lippen, um nicht auszubrechen; dieser Vater widerte ihn an. »Was für Spässe?« fragte er.

»Ich weiss nicht,« brummte der Wirt, »und will auch nichts davon wissen. Ich schere mich nicht darum. Mag sie allein ihre Albernheiten treiben.«

Frank Braun sah ihn scharf an: »Sagen Sie mal, Raimondi, was denken Sie denn von den seltsamen Wundmalen Ihrer Tochter?«

Wieder spie der Wirt aus. »Was ich denke? – Je nun – gar nichts! Ich will nichts zu tun haben mit alle dem. Man soll mich zufrieden lassen. Ich will meinen Wein verkaufen – oder Milch und Fruchtsaft, wenn das den Teufelsjägern besser schmeckt – und basta!« Er lachte breit. »Aber ich will Ihnen einmal etwas sagen. Ich war fünfzehn Jahre lang Soldat und weiss, wie viele Burschen sich das erste Glied vom Daumen oder Zeigefinger abhacken, um nicht dienen zu müssen. Oder sie kochen sich einen Absud aus Fingerhutblüten und Lorbeerblättern – gerade in unsern Bergtälern ist das sehr beliebt. Wenn sie dann zur Untersuchung kommen, sehen sie stier und starr und ihr Herz arbeitet wie eine Dampfmaschine. Aber unsere Doktoren sind schlau und lassen sich nicht so leicht was vormachen von solchen Schwindlern.«

Frank Braun stand auf, der Wirt ekelte ihn an. »Und in solchem Verdacht haben Sie Ihre Tochter?« Er wartete keine Antwort ab, ging schnell hinaus.

Er eilte die Treppe hinauf und öffnete Teresas Zimmer. Die Luft war schwül, schwer von Weihrauch und dem Schweissgeruch schmutziger Menschen. Er zwängte sich hinter den Baldachin, öffnete weit die Fenster und machte einen guten Durchzug. Alle Möbel waren herausgerückt auf den Flur, nur das Bett stand dicht an der Türe und daneben ein kleiner Stuhl. Da sah er seine Bücher liegen.

Er nahm sie auf und blätterte darin, überall fand er kleine Heiligenbilder als Lesezeichen. Es war augenscheinlich, dass Teresa die Bücher eifrig gelesen hatte, hier und da fand er, mit Bleistift an den Rand gekritzelt, kleine Bemerkungen von ihrer Hand. O ja, vorbereitet hatte sie sich – – wenn auch ein wenig anders, als ihr Vater glaubte.

Er setzte sich auf ihr Bett und grübelte. Hier hatte er gesessen, ehe er ging, hier hatte er das erste Gift in ihr Herz geträufelt.

Gift? – War es ein Gift, weil es aus seinem Munde kam? War es nicht möglich, dass er ihr wirklich ein höchstes Glück bot?

So hatte er doch zu ihr gesprochen – – und kann man nicht Wahrheiten sagen, die man selbst für Lügen hält?

Oder vielmehr – ein Ding war Lüge und Wahrheit zugleich, so wie Tugend und Sünde ein Ding war. Lüge bei ihm, Wahrheit bei ihr: und doch eines.

Wie war es nur gekommen? Wie nahmen seine wilden Lügen Gestalt an und jagten herum, lebendig und stark, voll von aller Urkraft? Er dachte nach. Er hatte ihr lange gesprochen von allen Heiligen, von ihrem Leben und ihren Wundern. Hatte ihr vorgelesen und erzählt von Ekstasen und von Visionen, von der seltsamen Gnade des Stigma. Ihre Seele war aufgeregt durch all das, was sie gehört und gesehn in des Amerikaners Halle, und ganz gewiss empfänglich für alles Wunderbare. Und ihr Glaube, immer gross und stark, wuchs nun ins Unermessene durch ihre Liebe zu ihm und durch all das Unerhörte, das ihre Augen sahen und ihre Ohren hörten. O gewiss – ihr Leib war wohl vorbereitet für jedes Wunder.

Dann gab er ihr seine Suggestion und sie nahm sie an. Sie war Hypnotikerin und hysterisch genug, und er zweifelte keinen Augenblick, dass sie alles tun würde, was er ihr befahl. – Aber er hatte sie ja wieder eingeschläfert und hatte dann alles widerrufen?! Hatte seine Befehle aufgehoben und ihr gesagt, dass sie das alles vergessen müsse, im Wachen wie im Schlafen. Alles sollte ausgelöscht sein und vernichtet in ihrem Gedächtnisse und nie wieder sollte es glimmen in der stillen Asche verbrannter Erinnerungen.

Es fiel ihm ein, dass sie da nicht geantwortet hatte. O ja, er kannte Beispiele genug, wie ein bestes Medium, sonst eine Puppe in der Hand seines Lenkers, sich plötzlich weigerte, irgend etwas auszuführen, das durchaus gegen sein Gefühl ging. Er kannte auch andere seltene Fälle, wo ein posthypnotischer Befehl, einmal gegeben, fest wurzelte in dem Hirne des Mediums und durch keine neue Suggestion zu beseitigen war. – Sollte es hier so sein? Sollte das Mädchen den Befehl, der ihm einmal lieb war, ausgeführt haben – – auch gegen seinen späteren Willen?

Aber das, was dann vorging, war ein anderes, als das, was er ihr suggerierte. Was ihm Raimondi erzählt hatte, enthielt freilich alle seine Gedanken in den grossen Zügen und war doch ein anderes in allen Einzelheiten. War viel stiller und einfacher und entbehrte völlig all der tollen Schnörkel und Arabesken seiner Phantasie.

Nein, nein – – wie es einmal war, war es nicht sein Werk!

Was ihm blieb, war der Gedanke. Aber den Tempel hatte ein anderer gebaut.

Ein anderer – Teresa selbst.

Ein Wunder? – Nein, das war es immer noch nicht. Freilich stand sie nun völlig gleich mit der Maria von Morl, mit der heiligen Teresa, der Katharina Emmerich, der Marguerite Alacoque und der Louise Lateau. Mit all den heiligen Frauen, von denen er ihr erzählt. Und doch war im Grunde wenig verschoben: nur ein kleines Wörtchen musste man ändern.

Autosuggestion statt Fremdsuggestion. Das war alles.

Ja, das war alles. – Aber war es nicht wirklich – alles? – Alles?

Hatte sie nicht ein Ungeheures getan? Die Flamme ihres heissen Glaubens geschürt zu solchem Feuer, dass sie hinaussprang aus dem Hirn und hell brannte vor aller Augen?

Er biss nervös seine Nägel. Er hielt das Geheimnis in flacher Hand und mochte es doch nicht greifen. Er verstand bis in die letzte Faser das Wachsen des Wunders – – und eben weil er es verstand, musste er unfruchtbar bleiben auf ewig. Er konnte arbeiten und sich mühen, irgendein Einfachstes formen in seinem Hirne und ihm Leben geben und alle Glut und Kraft – es war doch immer eingeschlossen in seinem Schädel und konnte nie hinaus und ein Eigenes werden. Da lag die starre Grenze – und nur der Glauben führte hinüber.

Sie aber überschritt die Brücke leichten Schrittes. Wo er eindrang in das dunkle Neuland, da war es hell und ein sehr Bewusstes – sie aber blieb in dem Unbewussten und wandelte schlafsicher in dem, was jenseits lag. Wenn er hinausschauen wollte über die engen Grenzen der Natur, so musste er wühlen in fremden Hirnen: da nur blühten die Wunder, die er schuf. Und so lief er im Kreise, denn alles Jenseits ward zum klaren Diesseits vor seinen scharfen Augen. Sie aber schuf blind und ging im Traumlande aller Nebel. Alles Unbewusste trug sie in das Leben und ihr Leben ward ein Uebernatürliches mitten im Diesseits. So war ihr Weg.

Das war es: sie hatte keine Seele. Ihr fehlte das volle Bewusstsein des Gegensatzes von ihrem Ich zu der Aussenwelt: so war sie eines mit allem andern, das Nicht-Sie war. So aber war sie in Gott – – ja, so war sie Gott selbst.

Das war die Lösung des Geheimnisses: die alte, ewige Wahrheit der Mystiker. Wahrheit? – Für ihn gewiss nicht! Aber ob es auch eine grosse Lüge war für den Wissenden, so blieb die Wahrheit doch nicht geringer für den, der glaubte.

Und sie glaubte. Ihre Wahrheit war es. Sie aber war eins mit Gott – – und so geschah das Wunder – – –

* * *

Stunde verrann um Stunde, er hörte die Uhr im Gastzimmer schwer schlagen. Längst war die Nacht herein gebrochen, immer noch sass er auf ihrem Bette.

Dann vernahm er Stimmen vor dem Hause und Schritte, hastig sprang er auf und ging hinüber in sein Zimmer. Er hörte die Haustüre öffnen und schliessen, er ging ans Fenster und sah die Leute, die sich entfernten. Er erkannte keinen. Aber Schritte tönten nun von der Treppe her, er stellte sich an die Türe und lauschte. Zwei gingen da – er erkannte des Mädchens Schritt. Wer war der andere?

Sie sprachen nicht, aber er hörte, wie sie die Türe ihres Zimmers öffneten. Beide gingen hinein.

Und keiner kam zurück. – Wer war der andere?

Frank Braun zitterte. Er nagte an den Lippen und stampfte mit den Füssen auf. Mit langen Schritten durchlief er das Zimmer. Zum Kuckuck, was ging es ihn an, wer der andere war? War er etwa eifersüchtig auf Teresa?

Er lachte. Er ging an den Schreibtisch, zündete die Lampe an und setzte sich nieder. Aber nicht lange litt es ihn da. – Wer war es nur, der da bei dem Mädchen war? Und bei ihm blieb in der Nacht?

Pietro Nosclere?! – Das Blut stieg ihm in die Schläfen. Er? Er?

Er lachte bitter. Also dafür hatte er mit allem Feuer gespielt, um dem Propheten die Kastanien zu braten! Dafür alle Wetterwolken vom Himmel gerissen, dass in ihrem Nebel dieser stinkende Betbruder das süsse Mädchen mit schleimigen Lippen beleckte! – Das war das banale Ende seines gewaltigen Traumes?

Er rannte hinaus, riss heftig an der Klinke ihrer Türe. Sie war verschlossen; er schlug mit den Fäusten dagegen. »Aufmachen!« schrie er. »Wenn du nicht aufmachst, trete ich die Türe ein.«

Er hörte ein leises Flüstern, aber nichts rührte sich.

»Aufmachen!« brüllte er. »Aufmachen!«

Wieder kam keine Antwort. Da warf er sich mit beiden Schultern gegen die Türe. Das Schloss brach aus der Füllung, noch ein Stoss und weit flog die Türe auf.

Zwei grosse Kerzen brannten. Bei ihrem Scheine sah er Teresa, sie lag im Bette, ihre Hände umschlossen den Kruzifix. Auf dem Boden, am Fussende, kauerte der kleine Gino.

Ihr Blick traf ihn. »Was willst du?« fragte sie leise.

Frank Braun antwortete nicht. Er schloss die Tür, so gut es gehen wollte. Dann wankte er in sein Zimmer.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.