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Der Zauberer im Sululande

Henry Rider Haggard: Der Zauberer im Sululande - Kapitel 8
Quellenangabe
authorHenry Rider Haggard
titleDer Zauberer im Sululande
publisherVerlag Ullstein
yearo.J.
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7. Kapitel

Hendrika gehorchte und führte die Pferde an den Baum heran. »Nun, Herr Allan«, sagte Stella, »nun müssen Sie auf meinem Pferde reiten, und der alte schwarze Mann muß das andere nehmen. Ich will gehen, und Hendrika trägt das kleine Kind. Oh, sorgen Sie sich nicht, sie ist sehr stark und könnte Sie oder mich tragen.«

Hendrika grunzte Zustimmung. Es tut mir leid, daß ich die Art ihres Sprechens nicht durch einen etwas höflicheren Ausdruck wiedergeben kann. Manchmal grunzte sie wie ein Affe, manchmal schnalzte sie wie ein Buschmann, und manchmal tat sie beides zugleich und wurde durchaus unverständlich.

Ich sprach gegen die vorgeschlagene Anordnung und sagte, daß wir gehen wollten, was aber nur eine Redensart war, denn ich glaube nicht, daß ich eine Meile weit gekommen wäre; aber Stella wollte nicht darauf hören, sie ließ mich nicht einmal meine Elefantenflinte tragen, sondern nahm sie selbst. So stiegen wir mit einiger Mühe auf, und Hendrika nahm die schlafende Tota in ihre langen sehnigen Arme.

»Paß auf, daß die ›Pavianfrau‹ nicht mit dem kleinen weißen Mädchen in die Berge entwischt«, sagte Indaba-Zimbi zu mir in Kaffernsprache.

Unglücklicherweise verstand Hendrika seine Rede. Ihr Gesicht faltete sich und wurde von Wut belebt. Sie setzte Tota nieder und sprang buchstäblich auf Indaba-Zimbi, wie ein Affe springt. Aber müde und erschöpft, wie der alte Herr war, war er für sie doch zu schnell. Mit einem Ausruf wahren Schreckens rutschte er auf der andern Seite vom Pferde, und die spaßhafte Folge davon war, daß in einer Sekunde Hendrika den Sitz einnahm, den er freigemacht hatte. Jetzt erst begriff Stella die Geschichte.

»Komm herunter, du Wilde, komm herunter!« sagte sie, indem sie mit dem Fuße aufstampfte.

Das seltsame Geschöpf schwang sich vom Pferde, kroch buchstäblich vor ihrer Herrin auf der Erde und brach in Tränen aus.

»Verzeihung, Fräulein Stella«, schnalzte und grunzte sie in schauderhaftem Englisch, »aber er nannte mich eine babyanfrou (Pavianfrau).«

»Sagen Sie Ihrem Diener, daß er Hendrika gegenüber keine solchen Worte gebraucht, Herr Allan«, sagte Stella zu mir. »Wenn er es tut«, fugte sie flüsternd hinzu, »wird Hendrika ihn sicherlich töten.«

Ich erklärte es Indaba-Zimbi, der, da er sehr erschrocken war, sich herabließ, abzubitten. Aber von jener Stunde an war zwischen den beiden Haß und Krieg.

Nachdem der Frieden also wieder hergestellt war, brachen wir auf, und die Hunde folgten uns. Ein schmaler Wüstenstreifen trennte uns noch von dem Abhange des Hügels – vielleicht war er zwei englische Meilen breit. Wir durchschritten ihn und erreichten schönes Wiesenland, denn hier kam ein ganz bedeutender Fluß von den Felsen hernieder; aber er floß nicht durch das öde Land, er wandte sich rechts, den Fuß des Hügels entlang. Diesen Fluß mußten wir an einer Furt durchschneiden. Hendrika schritt kühn hindurch und hielt Tota in ihren Armen. Stella sprang von Stein zu Stein, wie ein Rehbock; ich sagte mir innerlich, daß sie das anmutigste Geschöpf wäre, das ich je gesehen hätte. Hiernach ging der Weg um einen schön bewachsenen Vorsprung des Kegels, der, wie ich erfuhr, als Babyan-Cap oder Pavianshaupt bekannt war. Natürlich konnten wir nur im Schritt weiter kommen, so war unser Vorrücken nur langsam. Stella ging eine Weile schweigend, dann sprach sie.

»Erzählen Sie mir, Herr Allan«, sagte sie, »wie es zuging, daß ich Sie sterbend in der Wüste fand.«

So fing ich an und erzählte ihr alles. Ich brauchte über eine Stunde dazu, und sie hörte aufmerksam zu und tat dann und wann eine Frage.

»Das ist alles sehr wunderbar«, sagte sie, als ich fertig war, »sehr wunderbar, in der Tat. Wissen Sie, ich wollte heute mit Hendrika und den Hunden einen Ritt machen und wollte zu Mittag zu Hause sein, da mein Vater krank ist und ich ihn nicht gern so lange allein lasse. Aber grade als ich umkehren wollte, es war ungefähr hier, wo wir jetzt sind – ja, dies hier war der Strauch, da sprang ein Bock auf, und die Hunde jagten ihn. Ich folgte ihnen im Galopp, und als wir an den Fluß kamen, durchschwamm der Bock, statt wie sie gewöhnlich tun, sich links zu wenden, den Fluß und wollte nach dem schlechten Lande jenseits. Ich folgte ihm, und ungefähr hundert Schritte von dem großen Baume entfernt töteten ihn die Hunde. Hendrika wollte, ich sollte gleich umkehren, aber ich sagte, daß wir erst noch im Schatten des Baumes rasten wollten, denn ich wußte, daß eine Wasserquelle in der Nähe war. Nun also, wir ritten hin, und da sah ich Sie alle wie tot liegen; aber Hendrika, die in manchen Dingen sehr klug ist, sagte, Sie wären nicht tot – und das übrige wissen Sie. Ja, es ist sehr wunderbar.«

»Das ist es in der Tat«, sagte ich. »Nun sagen Sie mir, Fräulein Stella, wer ist Hendrika?«

Ehe sie antwortete, wandte sie sich um, um zu sehen, ob sie nicht in der Nähe wäre.

»Ihre Geschichte ist sehr seltsam, Herr Allan. Ich will sie Ihnen erzählen. Sie müssen wissen, daß alle die Gebirge und das Land dahinter voller Paviane sind. Als ich ein Mädchen von zehn Jahren war, pflegte ich häufig allein in den Bergen und Tälern herumzuschweifen und die Paviane zu beobachten, wie sie zwischen den Felsen spielten. Eine Pavianfamilie war da, die ich ganz besonders beobachtete – sie pflegte in einer Kluft ungefähr eine englische Meile von unserem Hause entfernt zu leben. Der alte Pavianmann war sehr groß, und eins der Weibchen hatte ein graues Gesicht. Aber der Grund, warum ich sie beobachtete, war, weil ich sah, daß sie bei sich ein Geschöpf hatten, das wie ein Mädchen aussah, denn seine Haut war ganz weiß, und was noch seltsamer war, sobald das Wetter kühl wurde, schützten sie es gegen die Kälte durch einen Pelzstreifen, den sie ihm um den Hals banden. Die alten Paviane schienen dieses Wesen besonders gern zu haben und saßen oft da, die Arme um seinen Hals geschlungen. Fast einen ganzen Sommer hindurch beobachtete ich diesen weißhäutigen Pavian, bis mich endlich die Neugierde überwältigte. Ich bemerkte, daß er, obgleich er mit den andern Pavianen zwischen den Klippen umherkletterte, zu einer gewissen Stunde kurz vor Sonnenuntergang mit ein oder zwei viel kleineren Pavianen in eine kleine Höhle gebracht wurde, während die übrige Familie fortging, um Futter zu holen, nach den Maisfeldern, vermute ich. Dann faßte ich den Entschluß, daß ich den weißen Pavian fangen und nach Hause bringen wollte. Aber das konnte ich freilich nicht allein tun, so zog ich einen Hottentotten – einen Mann, der, wenn er nicht betrunken war, sehr klug war und der in unserm Orte lebte – ins Vertrauen. Er wurde Hendrik genannt und hatte mich sehr gern; aber lange Zeit wollte er nichts von meinem Plane wissen, weil er sagte, die Paviane würden uns töten. Endlich bestach ich ihn mit einem Messer, das vier Klingen hatte, und an einem Nachmittage brachen wir auf, Hendrik trug einen derben Sack, der aus Fell gemacht war, und um seine Öffnung lief ein Strick, so daß wir ihn fest zusammenziehen konnten.

Nun also, wir kamen an den Platz und verbargen uns sorgsam hinter den Bäumen am Fuße der Klippe, wir beobachteten die Paviane, die herumspielten und sich angrunzten, bis sie endlich, der Gewohnheit gemäß, das weiße und drei andere kleine Babys ergriffen und in die Höhle steckten. Dann kam der alte Mann heraus, sah sich sorgfältig um, rief seine Familie zusammen und verschwand mit ihr über dem Gipfel der Klippe. Nun krochen wir langsam und vorsichtig über die Felsen, bis wir an die Öffnung der Höhle kamen und blickten hinein. All die vier kleinen Paviane schliefen ganz fest, den Rücken uns zugekehrt und die Arme gegenseitig um den Hals gelegt; das weiße lag in der Mitte. Nichts konnte für unsern Plan besser sein. Hendrik, der mittlerweile mit allem Eifer bei der Sache war, kroch wie eine Schlange in die Höhle und stülpte die Öffnung des Fellsackes über den Kopf des weißen Pavians. Das arme kleine Ding wachte auf und machte einen herzhaften Sprung, wodurch es natürlich grade in dem Sacke verschwand. Dann zog Hendrik die Schnur zu, und gemeinsam knoteten wir sie so fest, daß ein Entfliehen für unsern Gefangenen unmöglich war. Inzwischen waren die andern Paviankinder schreiend aus der Höhle gestürmt, und als wir herauskamen, waren sie nirgends mehr zu sehen.

»Kommen Sie flink, Fräulein«, sagte Hendrik; »die Paviane werden bald zurückkommen!«

Er hatte den Sack auf die Schulter genommen, und darin stieß der weiße Pavian heftig mit den Füßen und schrie wie ein Kind. Seine Schreie zu hören war ganz schrecklich.

Wir kletterten an der Seite der Klippe hinab und liefen dann so schnell wir konnten nach Hause. Als wir an den Wasserfall gelangten, noch ungefähr 300 Schritte von der Gartenmauer, hörten wir hinter uns eine Stimme, und da sprang die ganze Pavianfamilie von Fels zu Fels und lief über das Gras, angeführt von dem alten Manne.

»Laufen Sie, Fräulein, laufen Sie!« rief Hendrik, und ich lief wie der Wind und ließ ihn weit zurück. Ich stürmte in den Garten, wo einige Kaffern arbeiteten, und schrie: »Die Paviane, die Paviane!« Zum Glück hatten die Leute ihre Stöcke und Speere bei sich und kamen grade zur Zeit, um Hendrik zu retten, der bald eingeholt war. Und die Paviane kämpften noch einen guten Kampf darum und liefen erst, als der alte Affe mit einem Assagai getötet war, davon.

Im Kral ist eine kleine Hütte, wo mein Vater zuweilen Eingeborene einsperrt, die sich schlecht betragen haben. Sie ist sehr stark und hat ein vergittertes Fenster. Dorthin trug Hendrik den Sack, und nachdem er ihn aufgebunden hatte, legte er ihn auf die Erde und lief fort, indem er die Tür hinter sich zumachte. Im nächsten Augenblick war das kleine Ding aus dem Sack und rannte wie toll in der Steinhütte hin und her. Es sprang an die Fenstergitter, hielt sich daran fest und stieß mit dem Kopf dagegen, bis er blutete. Dann fiel es auf die Erde und saß da, indem es wie ein Kind schrie und sich nach vorn und hinten bog. Es war so traurig anzusehen, daß ich auch zu weinen anfing.

Grade da trat mein Vater herzu und fragte, was all der Lärm zu bedeuten hätte. Ich sagte ihm, daß wir einen jungen weißen Pavian gefangen hätten, und er wurde ärgerlich und sagte, wir müßten ihn wieder freigeben. Aber als er durch die Gitterstäbe des Fensters blickte, fiel er vor Erstaunen fast um.

»Oh, oh«, sagte er, »das ist kein Pavian, das ist ein weißes Kind, das die Paviane gestohlen und großgezogen haben!«

Nun, Herr Allan, können Sie ja selbst entscheiden, ob mein Vater recht oder unrecht hat. Sie sehen Hendrika – wir nannten sie so nach Hendrik, der sie fing – sie ist ein Mädchen, kein Affe, und doch hat sie viele Eigentümlichkeiten der Affen und sieht auch wie einer aus. Sie sahen, wie sie zum Beispiel klettern kann, und Sie hören, wie sie spricht. Auch ist sie sehr wild, und wenn sie ärgerlich oder eifersüchtig ist, so gebärdet sie sich wie toll, dabei ist sie aber so klug wie nur irgend jemand. Ich denke mir, daß sie als ganz kleines Kind von den Pavianen gestohlen und von ihnen genährt sein muß, und daß sie ihnen deshalb so ähnlich ist.

Aber um fortzufahren. Mein Vater sagte, daß es unsere Pflicht wäre, Hendrika auf jede Gefahr hin zu behalten. Das Schlimmste war, daß sie drei Tage lang nichts essen wollte, und ich dachte, sie würde sterben, denn die ganze Zeit saß sie da und jammerte. Am dritten Tage jedoch ging ich an die Gitterstäbe des Fensters und hielt ihr eine Tasse Milch und etwas Obst hin. Sie sah es erst lange an, dann kroch sie stöhnend heran, nahm die Milch aus meiner Hand und trank sie gierig, und dann aß sie die Früchte. Von der Zeit nahm sie gern Nahrung zu sich, aber nur, wenn ich sie fütterte. Aber ich muß Ihnen von Hendriks schrecklichem Ende erzählen. Von dem Tage an, da wir Hendrika gefangen hatten, schwärmte der ganze Platz von Pavianen, die augenscheinlich damit beschäftigt waren, die Krale zu bewachen.

Eines Tages ging Hendrik allein nach den Bergen, um irgendwelche Arzneikräuter zu sammeln. Er kam nicht wieder zurück; so gingen wir den nächsten Tag, ihn zu suchen. Bei einem hohen Felsen, den ich Ihnen zeigen kann, fanden wir seine zerstreuten und zerstückelten Glieder, die Stücke seines Assagai und vier tote Paviane. Sie hatten ihn erfaßt und in Stücke gerissen.

Mein Vater war darüber sehr erschrocken, aber dennoch wollte er Hendrika nicht fortlassen, weil er sagte, daß sie menschlich wäre und daß es unsere Pflicht wäre, sie zu behalten. Und das taten wir auch – wenigstens bis zu einem gewissen Grade. Nach der Ermordung Hendriks verschwanden die Paviane aus der Nachbarschaft und sind erst kürzlich zurückgekehrt, so daß wir damals wagten, Hendrika herauszulassen. Mittlerweile hatte sie mich sehr liebgewonnen, und dennoch lief sie bei der ersten Gelegenheit fort. Aber am Abend kehrte sie zurück. Sie hatte die Paviane gesucht und konnte sie nicht finden. Bald nachher fing sie zu sprechen an – ich lehrte sie – und von jener Zeit an hat sie mich so lieb, daß sie mich nie verlassen will. Ich glaube, ich würde sie töten, wenn ich sie verließe. Sie bewacht mich den ganzen Tag, und des Nachts schläft sie in meiner Hütte an der Erde. Einstmals rettete sie auch mein Leben, als ich von der Strömung im Flusse fortgerissen wurde; aber sie ist eifersüchtig und haßt sonst jeden. Sehen Sie, wie sie Sie wild anstarrt, weil ich mit Ihnen spreche!«

Ich sah hin, Hendrika trottete mit dem Kinde in ihren Armen und starrte mich in düsterer Weise aus den Ecken ihrer Augen an.

Während ich über des Pavianmädchens seltsame Geschichte nachsann und fand, daß sie eine recht unbequeme Person wäre, machte der Pfad eine plötzliche Wendung.

»Sehen Sie!« sagte Stella, »dort ist unser Haus. Ist es nicht schön?« Und schön war es in der Tat. Hier an der westlichen Seite des großen Berges war eine Bucht in das Gebirge geschnitten, die ungefähr achthundert oder tausend Schritte breit und ein Kilometer tief sein mochte. Am Ende des Einschnittes erhob sich die blanke Klippe zu einer Höhe von einigen hundert Fuß, und über ihr türmte sich der große Babyan Peak gen Himmel. Die Erdfläche, von den Armen des Gebirges umschlungen, war wie durch geschickte Menschenhand in drei Terrassen angelegt, von denen sich immer eine über der andern erhob. Zur Rechten und Linken der obersten Terrasse waren Bergspalten, und aus jeder dieser Spalten fiel ein Wasserfall, nicht eben von bedeutender Höhe, aber von beträchtlichem Umfange. Diese beiden Flüsse flossen zu beiden Seiten des eingeschlossenen Raumes ab, der eine nach Norden und der andere, dessen Laufe wir gefolgt waren, um den Fuß des Gebirges herum. Bei jeder Terrasse bildeten sie einen Wasserfall, so daß der sich nahende Reisende gleichzeitig den Anblick von acht Wasserfällen hatte. Am Flußufer entlang zu unserer Linken waren Kaffernkrale, die in ordentlichen Gruppen mit Verandas gebaut waren, nach der Basuto-Art, und ein sehr großer Teil der ganzen Landfläche war bebaut. All dieses bemerkte ich sofort, ebensowohl wie die außerordentliche Güte und Tiefe des Bodens, der seit vielen, vielen Jahren von den Berghöhen heruntergespült war. Dann folgte ich mit den Blicken dem vorzüglichen Fahrwege, auf dem wir uns nun befanden und der sich von Terrasse zu Terrasse hinaufwand, und mein Auge haftete auf dem diese ganze Szene krönenden Wunder. Denn in der Mitte der obersten Plattform oder Terrasse, die vielleicht acht oder zehn Morgen umfaßte und fast völlig von Hainen aus Orangenbäumen umgeben war, glänzten Gebäude, wie ich ähnliche noch nie gesehen hatte. Sie bildeten drei Gruppen, eine in der Mitte und eine zu jeder Seite ein wenig zurücktretend, aber wie ich nachher entdeckte, war der Plan zu allen derselbe. In der Mitte war ein Gebäude, das wie eine gewöhnliche Suluhütte konstruiert war – das heißt in der Form eines Bienenkorbs, nur war es fünfmal so groß als irgendeine Hütte, die ich je gesehen hatte, und aus Blöcken von behauenem weißen Marmor gebaut, die mit außerordentlicher Kenntnis des Gewölbebaues zusammengefügt waren und mit der höchsten Genauigkeit und Vollendung. Von dieser Mittelhütte liefen drei überdeckte Gänge nach anderen Gebäuden ähnlichen Charakters, nur kleiner, und jede Gruppe war mit einer Marmormauer von ungefähr vier Fuß Höhe umgeben. Natürlich waren wir vorläufig noch zu weit entfernt, um all diese Details zu gewahren, aber das allgemeine Äußere sah ich sofort, und es setzte mich in kein geringes Erstaunen. Selbst der alte Indaba-Zimbi, den die Pavianfrau nicht gerührt hatte, ließ sich herab, Erstaunen zu zeigen.

»Oh!« sagte er, »dies ist ein Platz der Wunder. Wer sah denn je Krals aus weißem Steine gebaut?«

Stella beobachtete unsere Gesichter mit dem Ausdruck großen Vergnügens, sagte aber nichts.

»Baute Ihr Vater diese Krale?« stammelte ich endlich.

»Mein Vater? Nein, natürlich nicht«, antwortete sie. »Wie könnte ein einziger weißer Mann das vollbracht oder diesen Weg angelegt haben? Er fand sie, wie Sie sie sehen.«

»Wer baute sie denn?« fragte ich wieder.

»Ich weiß nicht. Mein Vater denkt, daß sie sehr alt sind, denn die Leute, die hier herum leben, wissen nicht, wie sie einen Stein auf den andern legen sollen, und diese Hütten sind so wundervoll gebaut, daß, obgleich sie seit langen Jahren gestanden haben müssen, kein Stein herausgefallen ist. Aber ich kann Ihnen den Bruch zeigen, wo der Marmor gebrochen ist; er ist ganz dicht hier bei, und dahinter ist der Eingang zu einem alten Bergwerk, und mein Vater glaubt, es war eine Silbermine. Vielleicht haben die Leute, die das Bergwerk ausnutzten, die Marmorhütten gebaut. Die Welt ist alt, und sicherlich haben viele Menschen darin gelebt und sind vergessen Krale von ganz ähnlicher Beschaffenheit, wie die von Herrn Quatermain beschriebenen, sind in dem Maricodistrikt im Transvaal entdeckt.

Dann ritten wir schweigend weiter. Ich habe manchen wundervollen Anblick in Afrika gehabt, und in dieser Sache wie in andern sind Vergleiche widerwärtig und wertlos, aber ich glaube nicht, daß ich je eine lieblichere Szene sah. Es war nicht ein einzelner Gegenstand – es war die Zusammenstellung des mächtigen Bergkegels, der hinaus in die unendliche Ebene schaute, die großen Klippen, die Wasserfälle, die in Regenbogenfarben funkelten, die Flüsse, die das reiche bebaute Land umgürteten, das goldgefleckte Grün der Orangenbäume, die leuchtenden Kuppeln der Marmorhütte und tausend andere Dinge. Dann lag über allem der Frieden des Abends und der unendliche Glanz des Sonnenuntergangs, der den Himmel mit wechselndem Farbenglanze schmückte, der Berge und Klippen in goldene und purpurfarbene Mäntel hüllte und auf dem stillen Antlitz des Wassers wie das Lächeln eines Gottes lag.

Vielleicht erhöhte auch der Kontrast und die Erinnerung an jene drei grauenhaften Tage und Nächte in der hoffnungslosen Wüste den Reiz, und vielleicht vervollständigte ihn die Schönheit des Mädchens, das neben mir schritt. Denn dessen bin ich sicher, von all den reizenden, lieblichen Dingen, die ich erblickte, war sie das reizendste, lieblichste. Ach, ich brauchte nicht lange Zeit, um mein Schicksal zu finden. Wie lange wird es währen, bis ich sie endlich wiederfinde!

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