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Der Zauberer im Sululande

Henry Rider Haggard: Der Zauberer im Sululande - Kapitel 3
Quellenangabe
authorHenry Rider Haggard
titleDer Zauberer im Sululande
publisherVerlag Ullstein
yearo.J.
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2. Kapitel

Als ich meinen Vater begraben und seinen Nachfolger installiert gesehen hatte – die Station gehörte der Missionsgesellschaft –, machte ich mich daran, einen Plan zur Ausführung zu bringen, den ich schon lange ins Auge gefaßt hatte, der aber bis dahin unausführbar war, weil er eine Trennung von meinem Vater bedingt hätte. Kurz gesagt, ich wollte eine Entdeckungsreise durch die Länder, die jetzt als Freistaat und Transvaal bekannt sind, machen und so weit nordwärts, wie ich vermochte, vordringen. Es war ein abenteuerliches Vorhaben, denn wenngleich die eingewanderten Buren angefangen hatten, in diesen Gegenden Ansiedlungen zu gründen, so waren sie für alle praktischen Zwecke noch unerforscht. Aber ich stand nun allein in der Welt, und es kam nicht darauf an, was aus mir wurde; so beschloß ich, es zu wagen, wurde ich doch von einer allgewaltigen Abenteuerlust angetrieben, und die ist mir, so alt ich auch bin, noch verblieben und wird vielleicht noch einmal die Ursache meines Todes sein. Demgemäß verkaufte ich verschiedene Sachen und Vorräte, die wir auf der Station hatten, und behielt nur die beiden besten Wagen und zwei Paare Ochsen. Den Ertrag legte ich in solchen Gütern an, die bei Handelsreisen Mode waren, und in Gewehren und Munition. Die Flinten würden jeden modernen Forschungsreisenden zur Heiterkeit anregen; aber so wie sie waren, gelang es mir doch, ein gutes Teil Beute damit zu erlegen. Die eine war eine einläufige Flinte mit glattem Lauf, für Zündhütchen eingerichtet. Wir nannten sie ein Rohr. Es schleuderte eine Kugel von drei Unzen im Gewicht und wurde mit einer Handvoll groben schwarzen Pulvers geladen. Manch einen Elefanten habe ich mit diesem Rohr getötet, obgleich es mich jedesmal, wenn ich es abfeuerte, zurückwarf, und ich es infolgedessen ungern benutzte. Die beste von allen war wohl eine doppelläufige Flinte Nr. 12, aber sie hatte französische Schlösser. Auch einige alte Waldbüchsen waren da, die vielleicht ungefähr auf fünfzig Meter trafen. Ich nahm sechs Kaffern mit mir und drei gute Pferde, von denen gesagt wurde, sie wären gesalzen – das heißt, gegen Krankheit gefeit. Unter den Kaffern war ein alter Mann namens Indaba-Zimbi, was übersetzt »eiserne Zunge« bedeutet. Ich vermute, er bekam den Namen wegen seiner durchdringenden Stimme und unerschöpflichen Beredsamkeit. Dieser Mann war in seiner Weise eine bedeutsame Persönlichkeit. Er war ein berühmter Zauberer bei einem benachbarten Volksstamme gewesen und kam durch folgende Umstände zur Station, die vielleicht erwähnenswert sind, da er eine wichtige Rolle in dieser Geschichte spielt. Zwei Jahre vor meines Vaters Tode hatte ich Gelegenheit, die ganze Gegend nach einigen verlorenen Ochsen zu durchsuchen. Nach langem und erfolglosem Forschen kam mir der Gedanke, ich könnte vielleicht an dem Orte, wo die Ochsen von einem Häuptlinge großgezogen worden waren, Nachfrage halten. Ich habe den Namen des Mannes vergessen, aber sein Kral lag ungefähr fünfzig englische Meilen von der Station entfernt. Der Häuptling bewirtete mich auf das beste, und am nächsten Morgen wollte ich ihm, ehe ich aufbrach, meine Ehrerbietung bezeugen. Ich war nicht wenig überrascht, einige hundert Männer und Frauen um ihn versammelt zu finden, und alle beobachteten ängstlich den Himmel, an dem sich die Gewitterwolken in bedrohlicher Weise auftürmten.

»Du tätest besser, zu warten, weißer Mann«, sagte der Häuptling, »um die Regendoktoren den Blitz bekämpfen zu sehen.«

Ich fragte, was er meinte, und erfuhr, daß dieser Mann, Indaba-Zimbi, den Posten eines Hauptzauberers bei dem Stamme eingenommen hatte, obgleich er kein Abkömmling desselben war, da er in dem Lande, das jetzt als Sululand bekannt ist, geboren war. Aber ein Sohn des Häuptlings, ein Mann von ungefähr dreißig Jahren, war neuerdings als Rivale mit übernatürlichen Kräften aufgetreten. Das erregte Indaba-Zimbi über die Maßen, und ein Kampf entbrannte zwischen den beiden Zauberern, der schließlich zu einer Forderung führte, daß sie beim Blitzen ihre Kräfte erproben wollten. Folgende Bedingungen waren aufgestellt: Die Rivalen mußten das Kommen eines schweren Gewitters abwarten, ein gewöhnliches würde nicht genügen. Dann mußten sie, jeder ein Assagai in der Hand, sich fünfzig Schritte voneinander entfernt aufstellen, und zwar auf einem Stück Land, wo, wie man beobachtet hatte, die Blitze fortdauernd herniederfuhren; und durch Ausübung ihrer geheimen Kräfte und Beschwörungen der Blitze sollte jeder den Tod von sich fern zu halten und dem andern zuzufügen versuchen. Die Bedingungen dieses sonderbaren Wettstreites waren schon vor einem Monat vereinbart, aber kein der Sache würdiger Gewittersturm hatte sich zeigen wollen. Nun glaubten die lokalen Wetterpropheten, es würde sich einer zusammenbrauen. Ich fragte, was dann geschähe, wenn keiner von den beiden Männern erschlagen würde, und erfuhr, daß sie dann auf das nächste Gewitter warten müßten.

Wenn sie jedoch zum zweitenmal der Gefahr entgingen, dann sollten sie für gleich mächtig, gelten und von dem Stamme bei wichtigen Gelegenheiten gleichzeitig um Rat gefragt werden. – Die Aussicht, bei einem so ungewöhnlichen Anblick Zuschauer zu sein, überwog meinen Wunsch, zu gehen, und ich nahm des Häuptlings Einladung, den Streit zu beobachten, an. Noch vor Mittag bedauerte ich es, denn obgleich der westliche Himmel dunkler und dunkler wurde und die regungslose Luft das Nahen eines Sturmes verkündete, so kam er doch nicht. Um vier Uhr schien es wirklich, als ob er bald losbrechen müßte. »Beim Sonnenuntergang«, sagte der Häuptling, und in Gemeinschaft mit der ganzen Versammlung begab ich mich auf den Schauplatz des Kampfes. Der Kral war auf der Spitze eines Hügels erbaut und unter ihm senkte sich das Land ganz allmählich dem Ufer eines Flusses zu, der ungefähr eine halbe englische Meile entfernt war. Diesseits des Ufers war das Stück Land, von dem die Eingeborenen sagten, daß es ›vom Blitze geliebt‹ würde. Hier faßten die Zauberer Posto, während sich die Zuschauer auf der Hügelseite ungefähr zweihundert Schritte weit weg gruppierten, was nach meinem Dafürhalten eigentlich zu nahe war, um angenehm zu sein. Als wir eine Weile dort gesessen hatten, überkam mich die Neugierde, und ich erbat vom Häuptling die Erlaubnis, die Arena zu inspizieren. Er sagte, ich möchte es auf meine eigene Gefahr hin tun. Ich sagte ihm, daß das Feuer von oben weißen Männern nichts täte, und ging und fand, daß die Fläche aus Eisenerz bestand, das nur dünn mit Gras bedeckt war, was natürlich den Grund für das Anziehen der Blitze gab, wenn die Gewitter den Flußlauf entlang zogen. An jedem Ende von dieser Eisensteinarena saß einer der Kämpfer, Indaba-Zimbi blickte nach Osten, und sein Gegner nach Westen, und vor jedem brannte ein kleines Feuer, das aus wohlriechenden Wurzeln gemacht war. Zum Überfluß waren sie auch noch mit all den Zeichen ihres Gewerbes ausstaffiert: Schlangenhäute, Fischschuppen, und ich weiß nicht was sonst noch, und um ihre Hälse hingen Ketten, die aus Pavianzähnen und Knochen von Menschenhänden gemacht waren. Erst ging ich nach dem westlichen Ende, wo des Häuptlings Sohn stand. Er zeigte mit seinem Assagai auf den näherkommenden Sturm und rief ihn mit sehr erregter Stimme an.

»Komm, Feuer, und verzehre Indaba-Zimbi! Höre mich, Sturmteufel, und lecke Indaba-Zimbi mit deiner roten Zunge! Speie auf ihn mit deinem Regen! Wirble ihn weg mit deinem Atem! Mache ihn zunichte – schmilz das Mark in seinen Knochen!

Dringe bis in sein Herz und verbrenne die Lügen darin!

Zeige allem Volke, wer der wahre Zauberer ist!

Laß mich nicht zuschanden werden vor den Augen dieses weißen Mannes!«

So sprach er, oder vielmehr so sang er und rieb die ganze Zeit seine breite Brust – denn er war ein sehr stattlicher Mann – mit einer schmutzig aussehenden Mischung von Medizin.

Nach einem Weilchen wurde ich des Gesanges überdrüssig und ging über den Eisenstein hin nach dem Fleck, wo Indaba-Zimbi bei seinem Feuer saß. Er sang überhaupt nicht, aber seine Verrichtungen machten viel mehr Eindruck. Er starrte unverwandt nach dem östlichen Himmel, der vollständig wolkenlos war, und winkte ihm ab und zu mit dem Finger. Dann wandte er sich um und zeigte mit der Spitze seines Assagais auf seinen Gegner. Eine Zeitlang sah ich ihm schweigend zu. Er war ein seltsam welker Mann, scheinbar über fünfzig Jahre alt, und hatte dünne Hände, die aber wie aus Eisen zu sein schienen. Seine Nase war viel schärfer als sie sonst bei diesen Rassen vorkommt, und er hatte eine drollige Angewohnheit, den Kopf, wenn er sprach, schräg zu halten, gerade wie ein Vogel, und das gab ihm im Vereine mit der übermütigen Laune, die in seinem Auge versteckt saß, ein höchst komisches Aussehen.

Ein weiteres seltsames Ding war, daß er eine einzige Locke aus weißem Haar zwischen seiner schwarzen Wolle hatte. Endlich sprach ich zu ihm:

»Indaba-Zimbi, mein Freund«, sagte ich, »du magst ein tüchtiger Zauberer sein, aber du bist sicherlich ein Narr, 's ist nichts nütze, dem blauen Himmel zuzuwinken, während dein Feind den Sturm in Trab setzt.«

»Du magst sehr klug sein, aber glaube ja nicht, daß du alles verstehst, weißer Mann«, antwortete der alte Geselle mit hoher krähender Stimme und mit einem Grinsen.

»Sie nennen dich eiserne Zunge«, fuhr ich fort; »du solltest sie lieber rühren, oder der Sturmteufel wird dich nicht hören.«

»Das Feuer von oben läuft am Eisen herunter, drum halte ich meine Zunge lieber stille. Ach, laß ihn nur beschwören, ich werde ihn gleich aus dem Text bringen. Sieh nur, weißer Mann.«

Ich blickte hin, und am östlichen Himmel erstand eine Wolke. Erst war sie klein, aber tiefschwarz, und sie wuchs mit ungeheurer Geschwindigkeit. Das war merkwürdig genug, aber ich hatte ähnliches schon früher sich ereignen sehen, so setzte es mich nicht gar zu sehr in Erstaunen. Es ist in Afrika durchaus nichts Ungewöhnliches, daß zwei Gewitter zu gleicher Zeit von verschiedenen Himmelsgegenden heranziehen.

»Halte dich ein bißchen dazu, Indaba-Zimbi«, sagte ich, »der große Sturm kommt geschwind heran und wird dann bald dein Baby verschlingen«, und ich zeigte nach Westen.

»Babys wachsen manchmal zu Riesen heran, weißer Mann«, sagte Indaba-Zimbi, indem er fortdauernd eifrig winkte. »Sieh jetzt auf mein Wolkenkind.«

Ich sah hin; daß östliche Gewitter dehnte sich von der Erde weit über den Himmel aus und glich in der Form einem riesigen Manne. Da war sein Kopf, seine Schultern, seine Beine; ja, er sah aus wie ein mächtiger Riese, der über den Himmel wanderte. Das Licht der untergehenden Sonne brach unter dem Saume der westlichen Sturmwolken hervor und schoß mit leuchtendem Glanze über den Zwischenraum, und indem es auf die heranrückende Gestalt fiel, hüllte es deren Mitte in zauberhaften, über alle Beschreibung schönen Farbenschimmer; aber unter und über diesem Strahlengürtel waren seine Füße und sein Kopf so schwarz wie Jett. In dem Augenblicke, als ich hinsah, fuhr ein greller Blitzstrahl aus dem Haupte der Wolke; er umzingelte dasselbe wie mit einer Krone von lebendigem Feuer und verschwand.

»Aha«, kicherte der alte Indaba-Zimbi, »mein kleiner Junge setzt seinen Mannesring auf«, und er tippte an den grünen Ring auf seinem eigenen Kopfe, den die Eingeborenen erwerben, wenn sie ein gewisses Alter, eine gewisse Würde erreichen. »Nun, weißer Mann, wenn du nicht ein größerer Zauberer bist als wir beide, dann tätest du besser, wegzugehen, denn der Feuerkampf wird sogleich beginnen.«

Ich hielt das für einen guten Rat.

»Viel gutes Glück sei mit dir, mein schwarzer Onkel«, sagte ich. »Und ich hoffe, die Sünde eines nutzlos verbrachten Lebens lastet zu guter Letzt nicht auf dir.«

»Du sorge nur für dich selbst, und denk an deine eigenen Sünden, junger Mann«, antwortete er mit einem grimmigen Lächeln und nahm eine Prise Schnupftabak; und gerade in dem Augenblicke fuhr, aus welcher Wolke weiß ich nicht, ein Blitzstrahl ungefähr dreißig Schritte von mir entfernt in den Boden. Das war genug für mich, ich nahm die Beine unter die Arme und hörte nur noch des alten Indaba-Zimbi trockenes und vergnügtes Kichern.

Ich erkletterte den Hügel, bis ich zu dem Fleck kam, wo der Häuptling mit seinen Indunas war, und setzte mich neben ihn. Ich blickte in des Mannes Gesicht und sah, daß er um seines Sohnes Sicherheit aufs äußerste besorgt war und keineswegs auf seine Kraft vertraute, die ihn befähigte, dem Zauber Indaba-Zimbis zu widerstehen. Er sprach mit leiser Stimme zu dem Induna, der ihm zunächst saß. Ich tat so, als ob ich nicht hinhörte und alle meine Aufmerksamkeit der neuen Szene vor mir widmete; aber zu jenen Zeiten hatte ich sehr scharfe Ohren und verfolgte den Gang der Unterhaltung.

»Höre!« sagte der Häuptling, »wenn der Zauber von Indaba-Zimbi über meinen Sohn den Sieg davonträgt, so will ich ihn nicht mehr länger dulden. Ich bin fest überzeugt, wenn er meinen Sohn erschlagen hat, so wird er mich auch töten und wird sich an meiner Stelle zum Häuptling machen. Ich fürchte Indaba-Zimbi. Oh!«

»Häuptling«, antwortete der Induna, »Hexenmeister sterben wie Hunde sterben, und wenn die Hunde erst einmal tot sind, dann bellen sie auch nicht mehr.«

»Und erst einmal tot«, sagte der Häuptling, »dann können die Zauberer auch nicht mehr zaubern«, und er bog sich nieder und flüsterte in des Indunas Ohr und blickte auf den Assagai in seiner Hand.

»Gut, mein Vater, gut!« sagte der Induna sofort. »Es soll heute nacht geschehen, wenn der Blitz es nicht zuvor besorgt.«

»Eine schlechte Aussicht für den alten Indaba-Zimbi«, sagte ich zu mir selbst. »Sie haben die Absicht, ihn zu töten.« Dann dachte ich eine Zeitlang nicht weiter daran, die Szene vor mir war zu furchtbar.

Die beiden Gewitter fuhren heftig aufeinander los. Zwischen beiden war ein Streifen blauen Himmels, und von Zeit zu Zeit glühte ein blendender Strahl auf und sprang von Wolke zu Wolke über. Ich entsinne mich, daß sie mich an den heidnischen Jupiter und seine Donnerkeile erinnerten. Das Gewitter, das wie ein Riese geformt und von dem Glanze der untergehenden Sonne umgürtet war, würde einen vortrefflichen Jupiter ausgemacht haben, und ich bin überzeugt, daß die Blitze, die aus ihm hervorzuckten, durch gar keine andern, selbst nicht in mythologischen Zeiten, übertreffen werden konnten. Seltsamerweise waren die Blitze bisher noch von keinem Donnerschlage gefolgt. Eine todesähnliche Stille lagerte sich auf dem Platze, das Vieh stand schweigsam auf der Hügelseite, und selbst die Eingeborenen waren vor Ehrfurcht stumm. Dunkle Schatten krochen an den Hügeln entlang, der Fluß zur Rechten und Linken war durch Wolken verhüllt, aber vor uns und hinter den Kämpfenden leuchtete es gerade unter dem engen Stück offenen Himmels wie ein silberner Streifen. Nun war der westliche Himmel über und über durch Linien von unerträglicher Helle durchzuckt, während das tintenschwarze Haupt des Wolkenriesen im Osten immer von einem weißen und rötlichen Glanz überflutet wurde, der wie Pulsschläge kam und ging, als ob flammendes Blut von dem Herzen des Sturmes hineingetrieben würde.

Das Schweigen wurde tiefer und tiefer, die Schatten schwärzer und schwärzer, und dann plötzlich fing die ganze Natur unter einem eisigen Winde zu stöhnen an. Der Sturm brauste heran, die glatte Oberfläche des Flusses wurde zu kleinen Wellen gekräuselt, das hohe Gras bog sich tief unter seiner Wucht, und gleichzeitig kam der zischende Ton heftigen Regens. Ah! Die Gewitter waren aneinandergeraten. Aus jedem brach ein schreckliches, blendendes Licht hervor, und nun schwankte der Hügel, auf dem wir saßen, unter dem Lärm des folgenden Donners. Das Licht verschwand vom Himmel, und Dunkelheit fiel über das Land, aber nicht für lange. Jetzt wurde die ganze Landschaft durch Blitze sichtbar, sie erschien und verschwand; in dem einen Augenblick war auf meilenweite Entfernung alles erkennbar; und im nächsten versanken selbst die Leute an meiner Seite in Dunkelheit. Der Donner rollte und krachte und dröhnte wie die Trompete des Jüngsten Gerichts, Wirbelwinde fuhren herum und schleuderten Staub und selbst Steine hoch in die Luft, und in leisem, anhaltendem Grundtone ertönte das Sausen des herabrauschenden Regens.

Ich hielt meine Hand vor die Augen, um sie vor dem schrecklichen Blenden zu schützen, und sah darunter hinweg auf den Streifen Eisenstein. Da Blitz auf Blitz folgte, so sah ich dann und wann die beiden Zauberer. Sie rückten langsam gegeneinander vor, und jeder zeigte mit dem Assagai in seiner Hand auf den Feind. Ich konnte jede ihrer Bewegung gewahren, und mir schien es, daß die unaufhörlichen Blitze fortdauernd in den Eisenstein um sie herum herniederfuhren. Plötzlich schwiegen Donner und Blitz für eine Minute, und alles wurde bis auf den Regen totenstill.

»'s ist vorbei, in einer oder der andern Weise, Häuptling«, rief ich in die Dunkelheit hinaus.

»Warte, weißer Mann, warte«, antwortete derselbe mit einer Stimme, die von Angst und Furcht gepreßt klang.

Kaum waren die Worte aus seinem Munde, als die Himmel wieder erleuchtet wurden, bis sie buchstäblich zu flammen schienen. Da standen die Männer, nicht vier Schritte voneinander entfernt. Ein großer Blitzstrahl fuhr zwischen ihnen hernieder, und ich sah sie unter dem Schlage schwanken. Indaba-Zimbi erholte sich zuerst – auf jeden Fall stand er, als der nächste Strahl herniederzuckte, kerzengerade da und zeigte mit der Spitze seines Assagais auf seinen Feind. Der Sohn des Häuptlings war noch auf den Beinen, aber er taumelte wie ein Betrunkener hin und her, und der Assagai war seiner Hand entfallen.

Dunkelheit, und dann wieder ein Strahl, noch schrecklicher, wenn das möglich war, wie irgendeiner der vorhergehenden. Mir schien er von Osten herzukommen, gerade über Indaba-Zimbis Haupte. Im nächsten Augenblicke sah ich des Häuptlings Sohn über und über von diesem Blitzstrahl umhüllt. Dann dröhnte der Donner, und der Regen stürzte wie ein Strom über uns, so daß ich nichts mehr sah.

Das Schlimmste des Sturmes war vorbei, aber eine Zeitlang war die Dunkelheit so intensiv, daß wir uns nicht bewegen konnten, und ich war auch in der Tat wenig geneigt, die Sicherheit der Hügelseite, wo niemals Blitze einschlugen, aufzugeben und mich hinunter auf den Eisenstein zu wagen. Dann und wann zuckten noch einige Blitze, aber soviel wir auch ausspähen mochten, wir sahen keine Spur von einem der Zauberer. Ich für mein Teil glaubte, daß beide tot wären. Nun rollten die Wolken langsam fort, längs des Flußlaufes, und mit ihnen zog der Regen; und dann erwachten die Sterne und schienen auf uns herab. »Laßt uns gehen und nachsehen«, sagte der alte Häuptling, indem er sich erhob und das Wasser aus seinem Haar schüttelte. »Der Feuerkampf ist beendet; laßt uns gehen und sehen, wer gesiegt hat.«

Ich erhob mich und folgte ihm, und dabei triefte ich, als ob ich hundert Jahre mit all meinen Sachen auf dem Leibe geschwommen hätte, und nach mir kamen alle die Leute des Krals. Wir erreichten den Fleck; und selbst bei dieser Beleuchtung konnte ich sehen, wo der Eisenstein von den Blitzstrahlen zersprengt und geschmolzen war. Während ich mich umblickte, hörte ich plötzlich den Häuptling, der zu meiner rechten Seite stand, laut aufstöhnen und sah das Volk sich um ihn scharen. Ich trat hinzu, um zu sehen, was los war.

Da auf der Erde lag der Leichnam seines Sohnes. Es war ein schrecklicher Anblick. Sein Haar war vom Kopfe heruntergesengt, die Kupferringe an seinen Armen waren geschmolzen, der Griff des Assagai, der in der Nähe lag, war buchstäblich zu Fäden zersplittert, und als ich seinen Arm ergriff, schien mir jeder Knochen darin zerbrochen.

Die Männer mit dem Häuptling blickten stumm darauf hin, während die Frauen wehklagten.

»Groß ist die Zauberkraft des Indaba-Zimbi«, sagte endlich ein Mann. Der Häuptling wandte sich um und versetzte ihm mit dem Kerrie in seiner Hand einen heftigen Schlag.

»Groß oder nicht, du Hund, er soll sterben«, schrie er; »und das sollst du auch, wenn du sein Lob so laut verkündest.«

Ich sagte nichts, aber da ich es für wahrscheinlich hielt, daß Indaba-Zimbi das Los seines Feindes geteilt hatte, so ging ich, nach ihm zu suchen. Aber ich konnte nichts von ihm sehen, und endlich eilte ich, da ich vor Kälte und Nässe zitterte, nach meinem Wagen zurück, um die Kleider zu wechseln. Als ich ihn erreichte, war ich überrascht, einen fremden Kaffer auf dem Bock sitzen zu sehen. Der Mann war ganz in eine wollene Decke gehüllt.

»Hallo! Komm da herunter«, sagte ich.

Die Gestalt auf dem Sitze wickelte langsam die Decke auf und nahm mit großer Bedächtigkeit eine Prise Tabak. »Das war ein guter Feuerkampf, weißer Mann, nicht?« sagte Indaba-Zimbi mit seiner hohen krächzenden Stimme. »Aber er hatte nicht die geringste Chance gegen mich, der arme Junge. Er verstand nichts davon. Da siehst du, weißer Mann, was bei der Vermessenheit der Jugend herauskommt, 's ist traurig, sehr traurig; aber ich ließ die Blitze springen, nicht wahr?«

»Du alter Schwindler«, sagte ich, »wenn du nicht vorsichtig bist, dann wirst du bald erfahren, was bei Vermessenheit im Alter herauskommt, denn dein Herr ist mit dem Assagai hinter dir her, und du wirst deine ganze Zauberkraft nötig haben, um dem noch glücklich zu entkommen.«

»So, ist das wirklich wahr?« sagte Indaba-Zimbi, indem er höchst geschwind vom Wagen kletterte, »und all das um diese elende Geschichte. Aber ich danke dir, weißer Mann. Ich entlarvte ihn, und sie wollen mich töten. Schon gut, ich danke dir für den Wink. Binnen kurzem werden wir uns wiedersehen«, und wie ein Blitz war er verschwunden und keineswegs zu flink, denn gleich darauf kamen einige Leute an den Wagen heran.

Am folgenden Morgen brach ich nach Hause auf. Das erste Gesicht, das ich bei meiner Ankunft auf der Station sah, war das Indaba-Zimbis. »Wie geht's dir, Macumazahn?« sagte er, indem er seinen Kopf auf die Seite legte und seine weiße Locke schüttelte. »Ich höre, daß ihr Christen seid, und ich will eine neue Religion versuchen. Meine muß eine schlechte sein, da mein Volk mich für die Entlarvung eines Betrügers töten will.«

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