Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Henry Rider Haggard >

Der Zauberer im Sululande

Henry Rider Haggard: Der Zauberer im Sululande - Kapitel 2
Quellenangabe
authorHenry Rider Haggard
titleDer Zauberer im Sululande
publisherVerlag Ullstein
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20161221
projectid362d83f3
Schließen

Navigation:

1. Kapitel

Mancher erinnert sich vielleicht, daß Allan Quatermain auf einer der letzten Seiten seines Tagebuches, das er kurz vor seinem Tode geschrieben hatte, seiner Frau Erwähnung tut, und daß er angibt, er habe an einer andern Stelle Genaueres über sie geschrieben.

Als sein Tod bekannt wurde, händigte man mir seine Papiere aus, da ich seine literarischen Arbeiten veröffentlicht hatte. Unter dem Nachlasse fand ich zwei Manuskripte. Die folgende Erzählung ist das eine davon. Das andere ist eine schmucklose Wiedergabe von Ereignissen, bei denen Herr Quatermain nicht persönlich beteiligt war – eine Sulunovelle, die ihm der Held derselben lange Jahre, nachdem das traurige Ereignis geschehen, selbst erzählt hatte. Aber damit haben wir vorderhand nichts zu tun.

Ich habe oft die Absicht gehabt (so fängt Quatermains Manuskript an), alles, was mit meiner Heirat zusammenhing, niederzuschreiben und über den Tod meines geliebten Weibes zu berichten. Viele Jahre sind seitdem vergangen, die Zeit hat den Schmerz etwas gemildert, obgleich er, weiß Gott, noch immer bitter genug ist. Zwei- oder dreimal habe ich schon den Versuch gemacht, alles zu Papier zu bringen. Einmal gab ich es auf, weil das Schreiben mich so niederdrückte, ein andermal mußte ich ganz plötzlich auf Reisen gehen, und beim drittenmal hatte ein Kaffernjunge mein Manuskript grade sehr geeignet gefunden, um das Küchenfeuer damit anzumachen.

Nun, wo ich hier in England bin und Muße habe, will ich den vierten Versuch machen. Wenn er gelingt, wird die Geschichte vielleicht manchen interessieren, wenn ich selbst schon lange tot und begraben bin. Sie ist aufregend genug und regt mancherlei Gedanken in einem an.

Ich bin der Sohn eines Missionars. Mein Vater war ursprünglich Pfarrer in einer kleinen Gemeinde in Oxfordshire. Er war schon einige Jahre mit meiner lieben Mutter verheiratet als er dorthin übersiedelte, und er hatte vier Kinder, von denen ich das jüngste war. Nur schwach entsinne ich mich des Platzes, an dem wir lebten. Es war ein altes, langes, graues Haus mit dem Blick auf die Straße. Irgendein großer Baum stand im Garten. Er war hohl, und wir Kinder pflegten darin zu spielen und uns auch große Stücke von seiner Borke loszumachen. Wir schliefen alle in einer Art von Dachstube, und meine Mutter kam immer und küßte uns, wenn wir im Bette lagen. Ich wachte dabei gewöhnlich auf und sah, wie sie sich über mich beugte, das Licht in der Hand. Gerade über meinem Bette sprang ein seltsames Stück Balken aus der Wand heraus. Einmal war ich furchtbar erschrocken, weil mich mein ältester Bruder mit den Händen daran hängen ließ. Das ist alles, auf das ich mich in unserem alten Hause besinnen kann. Es ist schon seit Jahren niedergerissen, sonst würde ich hinreisen, um es noch mal zu sehen.

Die Straße ein wenig weiter hinab lag ein großes Haus mit breitem eisernen Torweg, und auf den Torpfeilern saßen zwei steinerne Löwen, die sahen so scheußlich aus, daß ich mich vor ihnen fürchtete. Man konnte das Haus sehen, wenn man durch die Stäbe des Tores sah. Es war ein düster aussehendes Gebäude, mit einer hohen Eibenhecke umzogen; aber zur Sommerszeit wuchsen einige Blumen um die Sonnenuhr auf dem Grasplatze. Dieses Haus wurde die Halle genannt, und Gutsbesitzer Carson lebte darin. Einstmals zu Weihnachten – es muß jene Weihnachten gewesen sein, ehe mein Vater auswanderte, denn sonst würde ich mich nicht mehr darauf besinnen – gingen wir Kinder zur Weihnachtsfeier nach der Halle. Dort war große Gesellschaft, und Diener mit roten Westen standen an den Türen. In dem Eßzimmer, das mit dunklem Eichenholz getäfelt war, stand der Weihnachtsbaum. Herr Carson stand grade davor. Er war ein großer dunkler Mann, sehr ruhig in seinen Bewegungen und trug einige Petschafte an seiner Weste. Wir hielten ihn für alt, aber in Wirklichkeit ist er damals nicht über vierzig Jahre alt gewesen. Er war, wie ich später hörte, in seiner Jugend viel herumgereist und hatte sich da ungefähr vor sechs oder sieben Jahren mit einer Dame verheiratet, die halb spanisch war – eine Papistin nannte mein Vater sie. Ich kann mich ihrer sehr gut entsinnen. Sie war klein und sehr hübsch, hatte eine rundliche Gestalt, große schwarze Augen und glänzend weiße Zähne. Sie sprach englisch mit einem seltsamen Akzent.

Ich denke mir, ich muß damals ein merkwürdig aussehendes Kind gewesen sein, und ich weiß, daß mein Haar schon damals auf dem Kopfe grade in die Höhe stand, so wie jetzt noch, denn ich habe eine Skizze, die meine Mutter von mir gemacht hat, und darin kommt diese Sonderbarkeit stark zum Ausdruck. Bei Gelegenheit dieser Weihnachtsfeier entsinne ich mich, daß Frau Carson sich an einen großen, fremdländisch aussehenden Herrn wandte, der neben ihr stand, und indem sie ihm mit ihrer goldenen Lorgnette zärtlich auf die Schulter klopfte, sagte sie: »Sieh, Vetter – sieh, der komische kleine Junge mit den großen braunen Augen; sein Haar ist wie – wie nennt ihr das? – wie eine Scheuerbürste. Oh, was für ein drolliger kleiner Kerl!«

Der große Herr zog an seinem Schnurrbart, dann nahm er Frau Carsons Hand in die seine und fing an, damit mein Haar glatt zu streichen, bis ich ein Geflüster hörte:

»Laß meine Hand los, Vetter. Thomas sieht aus – wie ein Donnerwetter.«

Thomas war der Name Herrn Carsons, ihres Gatten.

Nachher verbarg ich mich, so gut ich konnte, hinter einem Stuhle, denn ich war blöde, und beobachtete die kleine Stella Carson, des Squires einziges Kind, wie sie den Kindern die Geschenke vom Baume austeilte. Sie war als Weihnachtsengel ausstaffiert, mit weichem, weißem Stoff um ihr liebliches kleines Gesichtchen, und hatte große dunkle Augen, die mich schöner deuchten als irgend etwas, was ich je gesehen. Endlich kam an mich die Reihe, ein Geschenk zu erhalten – und närrisch genug, wenn man die späteren Ereignisse in Betracht zieht – war es ein großer Affe. Sie nahm ihn von einem der unteren Zweige des Baumes herab und sagte: »Das ist mein Weihnachtsgeschenk für dich, kleiner Allan Quatermain.«

Während sie das tat, berührte ihr Ärmel, der mit Baumwollwatte beklebt und mit irgend etwas Glänzendem bestreut war, eine der Wachskerzen – wie es kam, weiß ich nicht – und fing Feuer. Sie stand ganz still. Ich denke mir, sie war vom Schreck gelähmt, und die Damen, die nahe dabei standen, schrien laut auf, aber taten nichts. Dann riß mich ein Impuls hin – vielleicht wäre es richtiger, Instinkt zu sagen, wenn ich mein Alter bedenke. Ich warf mich auf das Kind, und indem ich mit den Händen auf das Feuer schlug, glückte es mir, es auszulöschen, ehe es weiter um sich griff. Meine Fäuste waren so arg verbrannt, daß sie noch lange nachher immer verbunden werden mußten, aber außer einer einzigen Brandwunde am Halse war die kleine Stella Carson nicht verletzt.

Das ist alles, auf das ich mich von jenem Weihnachtsfeste besinnen kann. Was sich nachher zutrug, habe ich vergessen, aber noch heutigen Tages sehe ich oft im Schlafe das süße Gesichtchen der kleinen Stella und den Ausdruck starren Schreckens in ihren dunklen Augen, als das Feuer an ihrem Arme hinauflief. Das ist jedoch weiter nicht wunderbar, denn ich hatte derjenigen das Leben gerettet, die bestimmt war, mein Weib zu werden.

Das nächste Ereignis, auf das ich mich deutlich besinnen kann, ist, daß meine Mutter und meine drei Brüder an Fieber erkrankten, wie ich später hörte, infolge der Vergiftung unseres Brunnenwassers durch irgendeinen böswilligen Menschen, der ein totes Schaf hineingeworfen hatte.

Es muß während der Zeit ihres Krankseins gewesen sein, daß Squire Carson eines Tages in das Pfarrhaus kam. Das Wetter war noch kalt, denn im Studierzimmer brannte ein Feuer, und ich saß davor und schrieb mit Bleistift Briefe auf ein Stück Papier, während mein Vater im Zimmer auf und ab ging und vor sich hinsprach. Später erfuhr ich, daß er für das Leben seiner Frau und Kinder betete. Da kam ein Mädchen in das Zimmer und sagte, es wäre jemand da, der ihn zu sprechen wünschte.

»Es ist der Squire, Herr Pastor«, sagte sie, »und er sagt, er wünscht dringend, Sie zu sehen.« »Es ist gut«, antwortete mein Vater bedrückt, und gleich darauf trat Squire Carson ein. Sein Gesicht war bleich und abgezehrt, und seine Augen flammten so zornig, daß ich mich vor ihm fürchtete.

»Verzeihen Sie mir, daß ich Sie zu solcher Zeit störe, Quatermain«, sagte er mit heiserer Stimme, »aber morgen verlasse ich den Ort für immer, und ich wollte Sie noch sprechen, ehe ich gehe – ich muß Sie sprechen.«

»Soll ich Allan fortschicken?« sagte mein Vater, auf mich weisend.

»Nein, lassen Sie ihn bleiben. Er wird nichts verstehen.« Und das tat ich zu jener Zeit auch nicht, aber ich behielt jedes Wort, und nach Jahren begriff ich ihre Bedeutung.

»Erst sagen Sie mir«, fuhr er fort, »wie geht es ihnen?« und er zeigte mit dem Daumen nach oben.

»Meine Frau und zwei von den Knaben sind hoffnungslos«, antwortete mein Vater mit Stöhnen. »Ich weiß noch nicht, wie's mit dem dritten wird. Des Herrn Wille geschehe!«

»Des Herrn Wille geschehe«, wiederholte der Squire feierlich. »Und nun Quatermain, hören Sie – meine Frau ist fort.«

»Fort!« antwortete mein Vater. »Mit wem?«

»Mit ihrem ausländischen Vetter. Aus einem Briefe, den sie hinterließ, geht hervor, daß sie immer ihn liebte und nicht mich. Sie heiratete mich, weil sie mich für einen reichen englischen Lord hielt. Nun hat sie mein Vermögen verbraucht, oder wenigstens den größten Teil davon, und ist gegangen. Ich weiß nicht wohin. Glücklicherweise wollte sie ihre neue Laufbahn nicht durch das Kind erschweren; sie hat mir Stella gelassen.«

»Das kommt davon, wenn man eine Papistin heiratet, Carson«, sagte mein Vater. Das war seine Schwäche; er war ein so guter, barmherziger Mann, wie nur je einer gelebt hat, aber in solchen Dingen war er hart. »Was wollen Sie nun anfangen – ihr nachreisen?«

Carson lachte bitter als Antwort darauf.

»Ihr nachreisen!« sagte er; »weshalb sollte ich das denn tun? Wenn ich sie träfe, würde ich sie oder ihn, oder alle beide töten, wegen der Schande, die sie auf meines Kindes Namen gebracht haben. Nein, ich will ihr Gesicht nie wieder sehen. Ich habe ihr vertraut, sage ich Ihnen, und sie hat mich verraten. Mag sie ziehen und ihr Schicksal finden. Aber ich gehe auch. Ich bin des Lebens müde.«

»Aber Carson«, sagte mein Vater, »Sie wollen doch nicht –«

»Nein, nein; das nicht. Der Tod kommt früh genug. Aber ich will diese zivilisierte Welt, die eine lebendige Lüge ist, verlassen. Wir wollen geradewegs in die Wildnis gehen, mein Kind und ich, und unsere Schande verbergen. Wohin? Das weiß ich selbst noch nicht. Irgendwohin, wo es keine weißen Gesichter, keine glatten, gelehrten Zungen gibt.«

»Sie sind nicht gescheit, Carson«, antwortete mein Vater. »Wie wollen Sie denn leben? Wie Stella erziehen? Seien Sie ein Mann und überwinden Sie es.«

»Ich will ein Mann sein, und ich werde es überwinden, aber nicht hier, Quatermain. Erziehung! War nicht sie – jene Frau, die mein Weib war – war sie nicht vorzüglich erzogen? Die klügste Frau hier in der ganzen Gegend? Zu klug für mich, Quatermain – um die Hälfte zu klug. Nein, meine Stella soll in einer andern Schule groß werden; wenn es möglich ist, soll sie sogar ihren Namen vergessen. Leben Sie wohl, alter Freund, leben Sie für ewig wohl. Versuchen Sie nicht, mich aufzufinden. Von nun an werde ich für Sie und alle, die ich kannte, tot sein«, und mit diesen Worten war er gegangen.

»Ganz verrückt«, sagte mein Vater mit einem schweren Seufzer. »Sein Kummer hat ihm den Verstand verwirrt. Aber er wird sich's noch anders überlegen.«

In demselben Augenblick kam die Kinderfrau hereingestürzt und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Meines Vaters Gesicht wurde leichenblaß. Er klammerte sich am Tisch fest, um sich zu halten, und dann taumelte er aus dem Zimmer. Meine Mutter lag im Sterben!

Es war einige Tage später, genau weiß ich nicht wie lange, da nahm mich mein Vater bei der Hand und führte mich in das große Zimmer, das meiner Mutter Schlafzimmer gewesen war. Da lag sie tot im Sarge, mit Blumen in der Hand. An der Wand entlang waren drei kleine weiße Betten zurecht gemacht, und auf jedem derselben lag einer meiner Brüder. Sie sahen alle aus, als ob sie schliefen, und alle hatten Blumen in der Hand. Mein Vater sagte mir, ich sollte sie alle küssen, weil ich sie niemals wiedersehen würde, und ich tat es auch, obgleich ich mich fürchtete. Ich weiß nicht warum. Dann nahm er mich in seine Arme und küßte mich. »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen; der Name des Herrn sei gelobt.«

Ich weinte sehr, und er nahm mich mit nach unten. Dann habe ich nur noch eine unklare Erinnerung an schwarz gekleidete Männer, die schwere Lasten nach dem grauen Kirchhof trugen.

Dann kommt die Vision eines großen Schiffes und weiten unruhigen Wassers. Mein Vater konnte nach dem Verlust, der ihn getroffen hatte, es nicht länger ertragen, in England zu leben, und hatte beschlossen, nach Südafrika auszuwandern. Wir müssen zu jener Zeit arm gewesen sein – ich glaube, daß mein Vater durch meiner Mutter Tod einen großen Teil seines Einkommens einbüßte. Auf jeden Fall reisten wir mit den Zwischendeckspassagieren, und das außerordentliche Mißbehagen der Reise und die rohe Art unserer Auswanderungsgenossen sind mir noch in der Erinnerung. Endlich nahte sich die Fahrt ihrem Ende, und wir erreichten Afrika, das ich für viele, viele Jahre nicht verlassen sollte. Zu jenen Zeiten hatte die Zivilisation im südlichen Afrika noch keine großen Fortschritte gemacht. Mein Vater ging ins Land hinein und wurde ein Missionar unter den Kaffern, in der Gegend, wo jetzt die Stadt Cradock liegt, und hier wuchs ich zum Mann heran.

Einige Burenfarmer wohnten in der Nähe, und nach und nach entstand eine kleine Ansiedlung von Weißen um unser Missionshaus. – Ein betrunkener schottischer Hufschmied und Stellmacher war so ziemlich der interessanteste Charakter. Er konnte, wenn er nüchtern war, die Gedichte des schottischen Dichters Burns hersagen, und die »Ingoldsby-Legenden« wußte er Wort für Wort auswendig. Von ihm habe ich die Vorliebe für diese amüsanten Schriften übernommen, die mich niemals verlassen hat. Aus Burns habe ich mir nie sehr viel gemacht, wahrscheinlich wegen des schottischen Dialekts, der mir unangenehm war. Das wenige, was ich gelernt habe, verdanke ich meinem Vater, aber ich hatte nie sehr viel Neigung für Bücher, und er nicht viel Zeit, mich zu unterrichten. Auf der anderen Seite war ich immer ein scharfer Beobachter der Natur und der Menschen. Als ich zwanzig Jahre alt war, konnte ich Holländisch und drei oder vier Kafferndialekte geläufig sprechen, und ich glaube nicht, daß irgend jemand in Südafrika die Denk- und Handlungsweise der Eingeborenen besser verstand als ich. Auch war ich ein guter Schütze und gut zu Pferde, und ich denke – und meine spätere Laufbahn hat das auch bewiesen –, ich war ein gut Teil zäher als die Mehrzahl der Männer. Zäh war ich damals und bin es noch heute, ein kleiner schlanker Mann, und nichts schien mich zu ermüden. Ich konnte alle möglichen Anstrengungen und Entbehrungen ertragen, und nie ist mir ein Eingeborener begegnet, der mich im Ertragen von Mühseligkeiten übertroffen hätte. Jetzt ist das natürlich etwas anderes; ich spreche von meiner Jugendzeit.

Es mag wunderbar scheinen, daß ich in solcher Umgebung nicht völlig wild und unbändig wurde, aber davor wurde ich durch das Beisammensein mit meinem Vater bewahrt. Er war einer der sanftmütigsten und feinsten Männer, die mir je vorgekommen sind; selbst der wildeste Kaffer liebte ihn, und sein Einfluß auf mich war ein äußerst günstiger. Er pflegte sich immer als ein der Natur nicht ganz gut gelungenes Menschenexemplar hinzustellen. Ich wollte, es gäbe mehr seiner Art. Jeden Abend, wenn seine Arbeit vollendet war, nahm er sein Gebetbuch und setzte sich auf die kleine Plattform vor unserem Hause und las sich die Abendpsalmen vor. Manchmal war es nicht hell genug, aber für ihn machte das keinen Unterschied, denn er kannte sie alle auswendig. Wenn er fertig damit war, blickte er hinaus über das bebaute Land, wo die Missionskaffern ihre Hütten hatten.

Aber ich weiß, daß er die nicht sah, sondern statt dessen die graue englische Kirche und die Gräber, die dort nebeneinander vor dem Eibenbaume, dicht bei dem kleinen Pförtchen lagen. Dort auf jener Plattform starb er auch. Er war nicht ganz wohl gewesen, und als ich an dem einen Abende mit ihm sprach, wanderten seine Gedanken immer zurück nach Oxfordshire und zu meiner Mutter. Er sprach viel von ihr und sagte, daß sie in all den langen Jahren ihm keinen einzigen Tag aus dem Gedächtnis entschwunden wäre, und daß er sich an dem Gedanken freute, dem Lande, in dem sie weile, immer näher zu kommen. Dann fragte er mich, ob ich mich der Nacht entsänne, als Squire Carson in sein Zimmer gekommen wäre und ihm erzählt hätte, daß seine Frau ihm davongelaufen sei und daß er die Absicht hätte, seinen Namen zu ändern und sich in einem weltabgeschiedenen Lande zu vergraben.

Ich sagte, ich entsänne mich dessen genau.

»Ich möchte wissen, wo er hinging«, sagte mein Vater, »und ob er und sein Töchterchen Stella noch leben. Ja, ja! Ich werde ihn niemals wiedersehen. Aber das Leben spielt oft seltsam, Allan, und du magst ihnen wohl nochmals begegnen. Wenn es je geschieht, dann bring ihm viele herzliche Grüße.«

Danach verließ ich ihn. Wir hatten mehr als gewöhnlich von den Raubgelüsten der Kafferndiebe zu leiden gehabt, die uns unsere Schafe über Nacht stahlen, und ich hatte beschlossen, den Kral zu bewachen und zu sehen, ob ich ihrer habhaft werden könnte, wie mir's früher schon öfter geglückt war. Und von dieser meiner Angewohnheit, des Nachts zu wachen, hatte ich auch zuerst meinen dortigen Namen Macumazahn bekommen, der übersetzt werden kann mit: »er, der mit einem offenen Auge schläft«. So nahm ich meine Flinte und stand auf, um zu gehen. Aber er rief mich zurück, küßte mich auf die Stirn und sagte: »Gott segne dich, Allan. Ich hoffe, daß du manchmal an deinen alten Vater denken und daß du ein gutes und glückliches Leben fuhren wirst.«

Ich entsinne mich, daß mir sein Ton damals nicht sehr gefiel, aber ich schrieb ihn einem Anfall schwermütiger Laune zu, der er im Laufe der Jahre mehr und mehr unterworfen war. Ich ging zum Kral hinab und wachte bis eine Stunde vor Sonnenaufgang, dann kehrte ich, da sich keine Diebe blicken ließen, zur Station zurück. Als ich nahe herankam, wunderte ich mich, eine Gestalt in meines Vaters Lehnstuhl sitzen zu sehen. Zuerst dachte ich, es müßte ein betrunkener Kaffer sein, und dann, daß mein Vater vielleicht dort eingeschlafen wäre. Und das war er auch in der Tat, denn er war tot!

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.