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Der Zauberer im Sululande

Henry Rider Haggard: Der Zauberer im Sululande - Kapitel 14
Quellenangabe
authorHenry Rider Haggard
titleDer Zauberer im Sululande
publisherVerlag Ullstein
yearo.J.
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13. Kapitel

Sowohl Stella als Tota waren zu ermüdet, um fortgebracht werden zu können, so kampierten wir die Nacht in der Heimat der Paviane, wurden aber von ihnen nicht gestört. Stella wollte nicht in der Höhle schlafen, sie sagte, der Platz ängstige sie so; also machte ich ihr unter einem Dornenbaume eine Art Bett zurecht. Da dieses felsenumgrenzte Tal einer der heißesten Orte war, in denen ich je gewesen bin, so dachte ich, es würde nichts schaden; aber als ich am andern Morgen beim Sonnenaufgang einen Schleier miasmatischen Nebels über der Erdoberfläche hängen sah, wurde ich anderer Meinung. Jedoch schienen sich weder Stella noch Tota schlechter zu befinden, und so brachen wir nach Hause auf. Ich hatte schon am vorigen Tage einige der Leute zurückgeschickt, um aus den Kralen eine Leiter zu holen. Mit Hilfe dieser Leiter war der Abstieg leicht. Stella stieg nun auf der Höhe der Klippe aus der Tragbahre, denn wir fanden es nötig sie zu tragen, kletterte die Leiter hinab und am Fuße derselben wieder in die Tragbahre hinein. Nun also, wir erreichten die Krale ganz gut und sahen nichts mehr von Hendrika, und, wäre dies eine Geschichte, so würde ich hier zweifellos damit endigen: »und wir lebten von da an glücklich und in Frieden.« Aber ach, so ist es nicht. Wie soll ich es schreiben?

Meiner lieben Frau Lebenskraft schien vollständig zu versagen, nun die Gefahr vorüber war, und innerhalb der ersten zwölf Stunden nach ihrer Rückkehr sah ich, daß ihr Gesundheitszustand ein derartiger war, daß wir jeden Gedanken an ein baldiges Verlassen der Krale aufgeben mußten. Die körperliche Anstrengung, die Seelenangst, der Schrecken, dem sie während jener entsetzlichen Nacht ausgesetzt gewesen war, zusammen mit ihrem zarten Gesundheitszustande hatten sie vollständig niedergedrückt. Um die Sache noch schlimmer zu machen, wurde sie von einem Fieberanfall ergriffen, den sie sich zweifellos in der ungesunden Atmosphäre jenes verfluchten Tales zugezogen hatte. Mit der Zeit schüttelte sie das Fieber ab, aber es ließ sie sehr schwach und völlig unfähig, das Schwere, das ihr bevorstand, zu überstehen.

Ich glaube, sie wußte, daß sie sterben würde; sie sprach immer von meiner Zukunft, niemals von unserer. Es ist mir unmöglich, zu beschreiben, wie süß sie war, wie sanft, wie geduldig und ergeben. Auch habe ich nicht die Absicht, es zu tun, es ist zu traurig. Aber dies will ich sagen, ich glaube, daß, wenn je eine Frau, während sie auf der Erde lebte, an die Vollkommenheit heranreichte, dann war es Stella Quatermain.

Die entscheidende Stunde rückte näher. Mein Knabe Harry wurde geboren, und seine Mutter lebte, um ihn zu küssen und zu segnen. Dann sanken ihre Kräfte. Wir taten, was wir konnten, aber wir hatten wenig Erfahrung und konnten sie nicht vom Tode erretten. Durch eine ganze bange Nacht wachte ich mit brechendem Herzen an ihrem Lager.

Der Morgen dämmerte, die Sonne stieg im Osten auf. Ihre Strahlen, die auf den Peak hinter uns fielen, reflektierten in vollem Glänze auf der Wölbung des westlichen Himmels. Stella erwachte aus ihrer Ohnmacht und sah das Licht. Sie flüsterte mir zu, die Türe der Hütte zu öffnen. Ich tat es, und sie heftete ihre sterbenden Augen auf den Glanz des Morgenhimmels. Sie blickte mich an und lächelte, wie nur ein Engel lächeln kann. Dann hob sie mit einer letzten Anstrengung ihre Hand und zeigte nach dem strahlenden Himmel, indem sie flüsterte:

»Dort, Allan, dort!«

Es war vorüber, und mein Herz war gebrochen, und mit gebrochenem Herzen muß ich wandern bis ans Ende. Diejenigen, welche ähnliches erduldet haben, werden meinen Schmerz verstehen; ich kann ihn nicht beschreiben. In solchem Frieden und zu solcher Stunde möchte ich ebenfalls sterben!

Ja, es ist eine traurige Geschichte, aber wo wir auch wandern mögen in der Welt, wir kommen nie aus dem Bereiche der Totenglocke. Für mich, wie für meinen Vater vor mir, und für die Millionen, die gewesen sind und noch sein werden, gibt es nur das eine Trostwort: »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen.« Laßt uns denn unsere Häupter unter dieser Hoffnung beugen und mit demütigem Herzen hinzufügen: »Der Name des Herrn sei gelobt.«

Ich begrub sie an ihres Vaters Seite, und die Tränen des Volkes, das sie geliebt hatte, stiegen auf gen Himmel. Selbst Indaba-Zimbi weinte.

In der zweiten Nacht nach dem Begräbnis konnte ich nicht schlafen. Ich stand auf, kleidete mich an und ging in die Nacht hinaus. Der Mond schien hell, und bei seinen Strahlen schlug ich den Weg nach dem Gottesacker ein. Ich ging schweigsam hin, und als ich näher kam, schien es mir, als hörte ich einen klagenden Laut jenseits der Mauer. Ich blickte hinüber. Neben Stellas Grab gekauert und den Rasen mit der Hand losreißend, als ob sie die, die darin lag, ausgraben wollte, hockte Hendrika. Ihr Gesicht war wild und hager, ihre Gestalt so abgezehrt, daß, als das Fell, das sie trug, beiseite rutschte, die Schulterknochen gleich unter der Haut zu liegen schienen. Plötzlich blickte sie auf und sah mich. Indem sie ein entsetzliches, wahnsinniges Lachen ausstieß, faßte sie mit ihrer Hand nach dem Gürtel und zog ihr großes Messer daraus hervor. Ich dachte, sie wollte mich angreifen, und bereitete mich darauf vor, mich so gut als möglich zu verteidigen, denn ich war unbewaffnet. Aber sie machte keinen Versuch es zu tun. Indem sie das Messer hoch hob, hielt sie es einen Augenblick still, im Mondenlicht blitzend, dann stieß sie es in ihre eigene Brust und fiel der Länge nach auf die Erde.

Ich sprang über die Mauer und rannte zu ihr hin. Sie war noch nicht tot. Gleich darauf öffnete sie ihre Augen, und ich sah, daß der Wahnsinn daraus entschwunden war.

»Macumazahn«, sagte sie, indem sie englisch sprach, aber mit dicker, schwerer Stimme, wie jemand, der halb vergessen hat und halb sich entsinnt – »Macumazahn, jetzt besinne ich mich. Ich bin wahnsinnig gewesen. Ist sie wirklich tot, Macumazahn?«

»Ja«, sagte ich, »sie ist tot – und du tötetest sie.«

»Ich tötete sie!« stöhnte das sterbende Weib, »und ich liebte sie. Ja, ja, ich weiß es jetzt. Ich wurde wieder ein Tier und zog sie zu den Tieren, und nun bin ich wieder eine Frau, und sie ist tot, und ich tötete sie – weil ich sie so sehr liebte. Ich tötete sie, die mich von den Tieren rettete. Ich bin noch nicht tot, Macumazahn. Nimm mich und foltere mich zu Tode, langsam, sehr langsam. Es war die Eifersucht auf dich, die mich toll machte, und nun habe ich sie getötet, und sie kann mir niemals mehr vergeben.«

»Bitte um Vergebung von oben«, sagte ich; denn Hendrika war eine Christin gewesen, und die Qual ihrer Gewissensbisse rührte mich.

»Ich erbitte keine Vergebung«, sagte sie. »Mag Gott mich für immer quälen, weil ich sie tötete; mag ich für ewige Zeiten ein Tier werden, bis sie kommt und mich findet und mir vergibt! Ich sehne mich nur nach ihrer Vergebung.« Und indem sie in einer solchen Herzensangst wehklagte, daß das körperliche Leiden vergessen schien, starb Hendrika – die Pavianfrau.

Ich ging zu den Kralen zurück, und indem ich Indaba-Zimbi weckte, sagte ich ihm, was geschehen war, und bat ihn, jemanden hinzusenden, um die Leiche zu bewachen, da ich vorschlug, sie am nächsten Tage zu begraben. Aber am nächsten Morgen war sie verschwunden, und ich fand heraus, daß die Eingeborenen, als sie von dem Geschehnis gehört hatten, den Leichnam ergriffen und ihn mit allen Zeichen des Hasses den Geiern zum Fraße hingeworfen hatten.

Eine Woche nach Hendrikas Tode verließ ich die Babyan-Krale. Mir war der Platz jetzt verhaßt; es war eine vom Unglück verfolgte Stätte. Ich sandte nach Indaba-Zimbi und sagte ihm, daß ich ginge. Er antwortete, daß es gut wäre. »Der Ort hat seinen Zweck erfüllt«, sagte er. »Hier hast du Freude gefunden, die dir bestimmt war, und hast die Dinge erduldet, die dir zu leiden auferlegt waren. Ja, und obgleich du es jetzt nicht weißt, so sind die Freude und das Leid wie Sonnenschein und Sturm dasselbe und ruhen zuletzt in demselben Himmel, von dem sie kamen. Nun geh, Macumazahn.«

Ich fragte ihn, ob er mit mir käme.

»Nein«, antwortete er, »unsere Pfade liegen künftighin getrennt, Macumazahn. Wir begegneten uns zu einem bestimmten Zwecke. Dieser Zweck ist erfüllt. Nun geht jeder seinen eigenen Weg. Du hast noch viele Jahre vor dir, Macumazahn; meine Jahre sind wenige. Wenn wir jetzt Abschied nehmen, so ist es zum letztenmal. Mag sein, daß wir uns wieder begegnen, aber nicht in dieser Welt. Von nun an hat jeder von uns einen Freund weniger.«

»Schwerwiegende Worte«, sagte ich.

»Wahre Worte«, antwortete er.

Nun, ich habe von dem übrigen nur wenig zu schreiben. Ich ging und ließ den alten Indaba-Zimbi zur Beaufsichtigung des Ortes da und schenkte ihm Vieh und solche Dinge, die ich nicht gebrauchte.

Tota nahm ich natürlich mit mir. Glücklicherweise hatten ihre Nerven den Schlag inzwischen überwunden. Das Baby Harry, wie er später genannt wurde, war ein schönes, kräftiges Kind, und ich war so glücklich, eine ehrbare Kaffernfrau zu finden, deren Mann in dem Paviankampfe gefallen war, die bereit war, als Kinderfrau mitzugehen.

Langsam und eine Strecke weit von dem ganzen Volke begleitet, zog ich aus den Babyan-Kralen. Mein Weg nach Natal ging an dem Saume des schlechten Landes hin, und in der ersten Nacht spannte ich unter demselben Baume aus, wo Stella, mein verlorenes Weib, uns vor Durst sterbend gefunden hatte.

Ich schlief in jener Nacht nicht viel. Und dennoch war ich froh, daß ich nicht vor elf Monaten in der Wüste gestorben war. Ich fühlte damals, und habe es von Jahr zu Jahr mehr empfunden, während ich durch die einsame Wildnis des Lebens wandere, daß ich zu einem bestimmten Zwecke gerettet worden war. Ich hatte meines Lieblings Liebe gewonnen, und für eine kurze Spanne Zeit waren wir zusammen glücklich gewesen. Unser Glück war zu vollkommen, um zu dauern. Sie ist jetzt für mich verloren, aber sie ist verloren, um wieder gefunden zu werden.

Hier nahm ich am folgenden Morgen von Indaba-Zimbi Abschied.

»Leb wohl, Macumazahn«, sagte er, indem er mir mit seiner weißen Locke zunickte. »Lebe wohl für eine Zeitlang. Ich bin kein Christ; dein Vater konnte mich nicht dazu machen. Aber er war ein weiser Mann, und als er sagte, daß die, welche sich liebten, sich wieder finden würden, sprach er keine Lüge. Und ich bin in meiner Art auch ein weiser Mann, Macumazahn. Und ich sage, es ist wahr, daß wir uns wieder begegnen werden. Alle meine Prophezeiungen für dich sind wahr geworden, und diese eine soll auch wahr werden. Ich sage dir, daß du zu den Babyan-Kralen zurückkehren sollst und mich nicht finden wirst. Ich sage dir, du sollst zu einem ferneren Lande reisen als zu den Babyan-Kralen, und dort wirst du mich finden. Leb wohl!« Und er wandte sich ab und ging.

Von meiner Reise nach Natal hinunter ist wenig zu sagen. Ich erlebte mancherlei Abenteuer, aber sie waren alltäglicher Natur, und zuletzt kamen wir wohlbehalten in Port Durban an, das ich nun zum erstenmal besuchte. Sowohl Tota als mein Baby überstanden die Reise gut. Und hier kann ich gleich Totas ferneres Geschick erwähnen. Ein Jahr lang blieb sie unter meiner Obhut. Dann wurde sie von einer Dame adoptiert, der Frau eines englischen Obersten, der am Kap stationiert war. Sie wurde von ihren Adoptiveltern mit nach England genommen, wo sie zu einem reizenden, sehr hübschen Mädchen heranwuchs und zuletzt einen Geistlichen in Norfolk heiratete. Aber ich sah sie niemals wieder, obgleich wir uns oft schrieben.

Ehe ich zu meinem Geburtslande zurückkehrte, war sie ebenfalls nach dem Lande der Schatten versammelt und hinterließ drei Kinder. Oh, all dies trug sich vor so langen Jahren zu, als ich jung war, und jetzt bin ich alt.

Vielleicht interessiert es den Leser, etwas über Herrn Carsons Vermögen zu erfahren, das natürlich an seinen Enkel Harry hätte fallen müssen. Ich schrieb nach England, um das Besitztum in seinem Namen zu reklamieren, aber der Rechtsanwalt, dem ich die Sache übertragen hatte, sagte, daß meine Heirat mit Stella, da sie nicht von einem ordinierten Geistlichen vollzogen worden war, nach englischem Gesetze nicht gültig wäre und Harry deshalb nicht erben könne. Törichterweise gab ich mich damit zufrieden, und die Erbschaft ging an einen Vetter meines Schwiegervaters über; aber seit ich in England lebe, habe ich gehört, daß diese Ansicht sehr angezweifelt wird und daß aller Wahrscheinlichkeit nach der Gerichtshof die Heirat für vollständig bindend erklärt haben würde, da sie feierlich und der Gewohnheit des Ortes, wo sie stattfand, gemäß vollzogen worden war. Aber jetzt bin ich so reich, daß es nicht der Mühe lohnt, die Sache nochmals aufzurühren. Der Vetter ist tot, sein Sohn ist jetzt im Besitze, so mag er's behalten.

Einmal, und nur einmal, habe ich die Babyan-Krale wieder besucht. Ungefähr fünfzehn Jahre nach meines Lieblings Tode, als ich ein Mann in mittleren Jahren war, unternahm ich eine Expedition nach dem Zambesi und spannte eine Nacht am Eingange des wohlbekannten Tales aus, unter dem Schatten des großen Peaks. Ich bestieg mein Pferd und ritt ganz allein das Tal hinauf, indem ich mit einer seltsamen Unglücksahnung bemerkte, daß der Weg überwachsen war und mit Ausnahme der Musik der Wasserfälle der Platz so still war wie der Tod. Die Krale, die links vom Flusse gelegen hatten, waren verschwunden. Ich ritt weiter hin; die Maisfelder waren mit Unkraut überwuchert, die Wege ganz mit Gras bedeckt. Bald erreichte ich den Ort. Dort lagen, von Gras überwachsen, die niedergebrannten Überreste der Krale, und da unter der Asche, im Mondlicht leuchtend, lagen die weißen Gebeine der Menschen.

Nun war mir alles klar.

Die Ansiedlung war irgendeinem mächtigen Feinde erlegen, ihre Bewohner dem Assagai zum Opfer gefallen. Die Ahnungen der Leute waren wahr geworden; die Babyan-Krale wurden nur noch von Erinnerungen bevölkert. Ich ging die Terrassen hinauf. Dort leuchteten die Dächer der Marmorhütten. Sie wollten nicht brennen und waren zu stark, um leicht niedergerissen zu werden. Ich trat in eine derselben hinein – es war unsere Schlafhütte gewesen – und zündete ein Licht an, das ich bei mir hatte. Die Hütten waren geplündert worden; Blätter aus den Büchern und Trümmer der wohlbekannten Möbel lagen umher. Dann entsann ich mich, daß da ein geheimer Fleck war, wo Stella ihre kleinen Schätze zu verwahren pflegte. Ich ging zu dem Steine und hob ihn auf. Es lag etwas darunter, in moderndes, dort übliches Zeug gewickelt. Ich wickelte es auf. Es war das Kleid, in dem meine Frau getraut worden war. In seiner Mitte lag der welke Zweig und die Blüten, die sie getragen hatte, und daneben ein kleines Papierpäckchen. Ich öffnete es; es enthielt eine Locke meines eigenen Haares. Ich entsinne mich, daß ich nach diesem Kleide gesucht hatte, als ich fortging, und daß ich es nicht finden konnte, da ich das geheime Fach im Erdboden vergessen hatte.

Das Kleid mit mir nehmend, verließ ich die Hütte für immer. Ich ließ mein Pferd an einen Baum gebunden und ging durch den zerstörten Garten zum Gottesacker. Da war er, Massen von Unkraut wuchsen dort, und über meines Lieblings Grabe erhob sich ein von selbst gewachsener Orangenbaum, dessen duftige Blütenblätter in Schauern auf den Hügel darunter fielen. Als ich näher kam, hörte ich ein Geräusch wie einen Krach. Ein großer Pavian sprang aus der Mitte des Kirchhofs auf und verschwand in dem Baume. Fast hätte ich glauben können, daß es der Geist Hendrikas wäre, der verdammt sei, über den Gebeinen der Frau, der ihre eifersüchtige Wut den Tod gegeben hatte, träge Wache zu halten.

Ich verweilte dort eine Zeitlang, von Gedanken bewegt, die ich nicht niederschreiben kann. Dann verließ ich mein totes Weib in ihrem langen Schlafe, wo die Wasser in melancholischem Tone unter dem Schatten des ewig dauernden Berges herniederrauschen, wandte mich und suchte den Fleck, wo wir uns zuerst unsere Liebe gestanden hatten. Der Orangenhain war nichts mehr als ein undurchdringliches Gebüsch; viele der Bäume waren tot, von Schlingpflanzen erstickt, aber einige blühten noch. Dort stand der eine, unter dem wir geweilt hatten, da war der Felsblock, der unser Sitz gewesen war, und dort auf ihm saß Stella, die Stella, die ich geheiratet hatte. Ach! Da saß sie, und auf ihrem aufwärts gewandten Gesicht lag derselbe durchgeistigte Ausdruck, den ich darauf gesehen hatte, nachdem wir uns zum erstenmal geküßt. Das Mondlicht schien in ihre dunklen Augen, der Wind wehte durch ihr lockiges Haar, ihre Brust hob und senkte sich, ein sanftes Lächeln spielte um ihre halbgeöffneten Lippen. Ich stand festgebannt und blickte auf all die Lieblichkeit, die einst mein eigen gewesen. Ich konnte nicht sprechen, und sie sprach kein Wort, sie schien mich nicht einmal zu sehen. Ich trat näher heran. Nun senkten sich ihre Augen. Einen Augenblick tauchten sie sich in die meinen, und ihre Botschaft drang in mein Herz.

Dann war sie verschwunden; nichts blieb als das zitternde Mondlicht, das hinfiel, wo sie gewesen war, nichts als die melancholische Musik des Wassers, der Schatten des ewigen Berges und in meinem Herzen der Schmerz und – die Hoffnung.

 

 

Von diesem Roman ist im Verlag Fehsenfeld, Freiburg i. Br., eine illustrierte Ausgabe erschienen.

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