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Der Zauberer im Sululande

Henry Rider Haggard: Der Zauberer im Sululande - Kapitel 12
Quellenangabe
authorHenry Rider Haggard
titleDer Zauberer im Sululande
publisherVerlag Ullstein
yearo.J.
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11. Kapitel

Ich möchte wissen, ob viele Ehepaare so glücklich sind, als wir es waren. Die Zyniker, deren es immer mehr gibt, behaupten, daß wenige Illusionen die Flitterwochen überdauern. Nun, ich kann darüber nichts sagen, denn ich habe nur einmal geheiratet und kann nur von meiner beschränkten Erfahrung reden. Aber auf alle Fälle überlebte sie unsere Illusion, oder vielmehr die große Wahrheit, deren Schatten sie ist, sie lebte in meinem Herzen weiter durch alle die Jahre des äußerlichen Getrenntseins und überbrückte den keine Antwort spendenden Abgrund, der uns von der Ewigkeit trennt. Aber vollkommenes Glück ist auf dieser Welt selbst für eine Stunde unerlaubt. So wie unser Hochzeitstag durch die eben beschriebene Szene getrübt wurde, so wurde unser Eheleben durch seine eigenen Sorgen getrübt.

Drei Tage nach unserer Hochzeit hatte Herr Carson einen Schlaganfall, der ihm schon lange gedroht hatte. Wir kamen zum Mittagbrot in die Mittelhütte und fanden ihn sprachlos auf dem Sofa liegend. Zuerst dachte ich, er stürbe, aber das war nicht der Fall. Im Gegenteil erlangte er binnen vier Tagen seine Sprache und den teilweisen Gebrauch seiner Glieder zurück. Aber sein Gedächtnis erholte sich nie wieder, obgleich er Stella und manchmal auch mich erkannte. Seltsamerweise besann er sich auf die kleine Tota am besten, obgleich er manchmal dachte, es wäre seine eigene Tochter in ihrer Kindheit, und sie fragte, wo ihre Mutter wäre. Der alte Mann wurde allmählich schwächer. Dieser Zustand dauerte sieben Monate lang, aber er starb nicht. Natürlich konnte bei seinem Zustande kein Gedanke daran sein, daß wir den Babyan-Kral verließen, ehe alles vorüber war. Und das bekümmerte mich tief, denn ich hatte ein nervöses Vorgefühl, daß Stella durch ihr Dortbleiben einer Gefahr ausgesetzt war, und dann machte es auch ihr Gesundheitszustand wünschenswert, daß wir so bald als möglich eine zivilisierte Region erreichten. Jedoch es war nicht zu ändern.

Zuletzt kam das Ende sehr plötzlich. Wir saßen eines Abends neben Herrn Carsons Bett in der Hütte, wo er sich zu unserem Erstaunen aufrecht hinsetzte und mit starker, voller Stimme sprach.

»Ich höre dich«, sagte er. »Ja, ja, ich vergebe dir. Arme Frau! Du hast auch gelitten«, und er fiel tot zurück.

Ich zweifle nicht, daß er seine verlorene Frau meinte, deren Bild durch seine sterbenden Sinne gehuscht war. Stella war natürlich bei dem Verluste von Kummer überwältigt. Bis ich kam, war ihr Vater ihr einziger Gesellschafter gewesen, und deshalb war das Band zwischen ihnen, wie man sich wohl denken kann, viel fester als sonst wohl zwischen Vater und Tochter. Sie trauerte so tief, daß ich Sorge um ihre Gesundheit hatte. Und wir waren nicht die einzigen, die sich grämten; all die Eingeborenen der Ansiedlung nannten Herrn Carson »Vater«, und wie einen Vater beklagten sie ihn. Die Luft hallte wider von dem Wehklagen der Frauen, und die Männer gingen mit gesenkten Häuptern umher und sagten: »Die Sonne ist an ihrem Himmel untergegangen, und nur der Stern (Stella) ist geblieben.« Nur Indaba-Zimbi trauerte nicht. Er sagte, es wäre das beste, daß der Inkoos gestorben wäre, denn was wäre das Leben wert, wenn man wie ein Klotz daläge – und außerdem wäre es für alle besser gewesen, wenn er früher gestorben wäre.

Am folgenden Tage begruben wir ihn auf dem kleinen Kirchhofe nahe beim Wasserfall. Es war ein trauriges Geschäft, und Stella weinte viel, trotz allem, was ich versuchte, um sie zu trösten.

An jenem Abend, als ich vor der Hütte saß und rauchte – denn das Wetter war heiß, und Stella hatte sich drinnen hingelegt – kam der alte Indaba-Zimbi heran, grüßte und kauerte sich zu meinen Füßen.

»Was ist denn, Indaba-Zimbi?« sagte ich.

»Sag, Macumazahn, wann ziehst du nach der Küste?«

»Ich weiß nicht«, antwortete ich. »Der Stern kann jetzt noch nicht reisen, wir müssen eine Weile warten.«

»Nein, Macumazahn, du mußt nicht warten, du mußt gehen, und der Stern muß sein Heil versuchen. Sie ist stark. Es ist nichts. Es wird alles gut gehen.«

»Warum sagst du das alles? Warum müssen wir gehen?«

»Aus diesem Grunde, Macumazahn«, und er blickte vorsichtig um sich und sprach leise. »Die Paviane sind zu Tausenden zurückgekommen, das ganze Gebirge ist voll von ihnen.«

»Ich wußte gar nicht, daß sie gegangen waren«, sagte ich.

»Doch«, sagte er, »sie gingen gleich nach der Hochzeit, alle, bis auf einen oder zwei; und jetzt sind zurück all die Paviane der ganzen Welt, glaube ich. Ich sah eine ganze Klippe schwarz von ihnen.«

»Ist das alles?« sagte ich, denn ich merkte, daß er noch etwas im Hintergrunde hatte. »Ich fürchte mich nicht vor einer Rotte von Pavianen.«

»Nein, Macumazahn, das ist nicht alles, die Pavianfrau Hendrika ist mit ihnen.«

Nun war seit Hendrikas Ausweisung nichts von ihr gesehen und gehört worden, und obgleich sie und ihre Drohungen mich anfangs verfolgt hatten, so waren sie nachgerade aus meinen Gedanken entschwunden, die vollständig durch Stella und meines Schwiegervaters Krankheit absorbiert waren. Ich stutzte. »Woher weißt du das?« fragte ich.

»Ich weiß es, weil ich sie gesehen habe, Macumazahn. Sie ist verkleidet, sie ist in Paviansfelle gehüllt, und ihr Gesicht ist dunkel gefärbt. Aber obgleich sie noch ziemlich weit entfernt war, habe ich sie doch an ihrer Gestalt erkannt, und ich sah das weiße Fleisch ihres Armes schimmern, als das Fell beiseite rutschte. Sie ist zurückgekommen, Macumazahn, mit all den Pavianen der ganzen Welt, und sie ist zurückgekommen, um Unheil zu stiften. Verstehst du nun, warum du fort mußt?«

»Ja«, sagte ich, »obgleich ich nicht einsehe, wie sie und die Paviane uns schaden können. Ich denke, 's ist besser, zu gehen. Wenn es nötig ist, so können wir in den Wagen irgendwo auf der Reise kampieren. Höre, Indaba-Zimbi, sag dem Sterne nichts davon; ich will nicht, daß sie erschrickt. Und höre weiter. Sprich mit den Hauptleuten und sieh, daß rings um die Hütten und Gärten Wachen aufgestellt werden und dort Tag und Nacht auf Posten stehen. Morgen wollen wir die Wagen bereitmachen, und übermorgen wollen wir reisen.«

Er nickte mit seiner weißen Locke und folgte meinem Wunsche und ließ mich nicht wenig beunruhigt zurück. Es war eine merkwürdige Geschichte. Daß diese Frau die Fähigkeit hatte, mit den Pavianen zu sprechen, das wußte ich. Das war nicht so wunderbar, denn die Buschmänner behaupten, sie könnten das ebenfalls, und sie war von Pavianen aufgezogen. Aber, daß sie imstande war, sie zusammenzurufen, und durch die Gewalt menschlichen Willens und menschlicher Klugheit sie herbeizog, um ihrem Rachewerke zu dienen, schien mir so unglaublich, daß nach einigem Überlegen meine Furcht nachließ. Dennoch beschloß ich zu reisen. Und alles in allem war die Reise in einem Ochsenwagen nicht eine so schreckliche Sache für eine gesunde Frau, die an allerhand Strapazen gewöhnt war. Mir gefiel auch die Geschichte von Hendrikas Rückkehr mit einer ganzen Herde von Pavianen ganz und gar nicht.

So ging ich zu Stella hinein, und ohne ihr ein Wort von der Paviangeschichte zu sagen, erzählte ich ihr, daß ich die Sache überdacht hätte und zu dem Beschluß gekommen wäre, daß es unsere Pflicht wäre, ihres Vaters Befehle buchstäblich nachzukommen und die Babyan-Krale sofort zu verlassen. Unser ganzes Gespräch brauche ich nicht zu wiederholen, aber das Ende war, daß sie mir beistimmte und erklärte, sie könnte die Reise ganz gut machen, und sie wäre nun, da ihr lieber Vater tot wäre, ganz froh, fortzukommen.

Am folgenden Morgen war ich früh auf, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Die Verzweiflung der Leute, als sie hörten, daß wir sie verlassen wollten, war mitleiderregend. Ich konnte sie nur dadurch beruhigen, daß ich sagte, wir wollten nur eine Reise machen und würden im nächsten Jahre zurückkehren. »Sie hätten im Schatten ihres Vaters, der nun tot wäre, gelebt«, erklärten sie, »seit sie klein gewesen wären, hätten sie in seinem Schatten gelebt. Er hatte sie aufgenommen, als sie ausgestoßen waren, als Wanderer, ohne eine Matte, um darauf zu liegen, ohne eine Decke, um sich darein zu hüllen, und sie waren in seinem Schatten dick geworden. Dann war er gestorben, und der Stern, ihres Vaters Tochter, hatte mich, Macumazahn, geheiratet, und sie hatten geglaubt, daß ich ihres Vaters Stelle einnehmen und sie in meinem Schatten leben lassen würde. Was sollten sie tun, wenn niemand da war, um sie zu beschützen? Die andern Stämme hätten aus Furcht vor dem weißen Manne nicht gewagt, sie anzugreifen. Wenn er ging, würden sie aufgefressen werden«, und so weiter. Ach, da war nur zu viel Grund für ihre Befürchtungen.

Ich kehrte um Mittag zu den Hütten zurück, um zu essen. Stella sagte, daß sie am Nachmittage packen wollte, so hielt ich es nicht für nötig, sie vor dem Alleinausgehen zu warnen, da ich von Hendrika und den Affen nichts erwähnen wollte, so lange ich es vermeiden konnte. Ich sagte ihr jedoch, daß ich, sobald ich irgend könnte, zurückkehren würde, um ihr zu helfen. Dann ging ich hinab zu den Kralen der Eingeborenen, um das Vieh, das Herrn Carson gehört hatte, von dem der Kaffern auszusondern, da ich beabsichtigte, es mit mir zu nehmen. Es war eine große Herde, und das Geschäft nahm eine lange Zeit in Anspruch. Endlich, kurz vor Sonnenuntergang, gab ich es auf, ließ Indaba-Zimbi dort, um die Arbeit zu vollenden, stieg auf mein Pferd und ritt heimwärts.

Als ich ankam, gab ich das Pferd einem der Stalljungen und ging in die Mittelhütte. Von Stella war nichts zu sehen, obgleich die Dinge, mit deren Einpacken sie beschäftigt gewesen war, an der Erde umherlagen. Dann ging ich in die Schlafhütte und von da durch alle die andern, aber ich entdeckte keine Spur von ihr. Dann ging ich hinaus und rief einem Kaffern im Garten zu, ob er seine Herrin gesehen hätte.

Er antwortete »ja«. Er hatte gesehen, daß sie Blumen trug und nach dem Kirchhof hingegangen war, indem sie das kleine weiße Mädchen – meine Tochter, wie er sie nannte – bei der Hand hielt, als die Sonne »dort« stand, und er zeigte nach einer Stelle am Horizonte, wo sie ungefähr vor anderthalb Stunden gestanden hatte. »Die zwei Hunde waren bei ihnen«, fügte er hinzu. Ich wandte mich um und lief nach dem Gottesacker, der ungefähr eine englische Viertelmeile von den Hütten entfernt lag. Natürlich war kein Grund, sich zu ängstigen – augenscheinlich war sie gegangen, um Blumen auf ihres Vaters Grab zu legen. Und dennoch ängstigte ich mich.

Als ich nahe an den Kirchhof herankam, begegnete ich einem der Eingeborenen, die auf meinen Befehl rings um die Krale aufgestellt waren, um den Platz zu bewachen, und bemerkte, daß er sich die Augen rieb und gähnte. Natürlich hatte er geschlafen. Ich fragte ihn, ob er seine Herrin gesehen hätte, und er antwortete verneinend, was unter den Verhältnissen nicht wunderbar war. Ohne stillzustehen, um ihn zu schelten, befahl ich ihm, zu folgen, und ging weiter, dem Gottesacker zu. Da auf Herrn Carsons Grabe lagen die welkenden Blumen, die Stella hingebracht hatte, und da in der frischen Erde war die Spur von Totas aus Fell verfertigten Schuhen. Aber wo waren sie?

Ich lief von dem Kirchhof weiter und rief mit voller Stimme, aber keine Antwort erfolgte. Inzwischen war der Eingeborene nützlicher beschäftigt gewesen, ihre Spur aufzufinden. Er verfolgte sie ungefähr hundert Schritte weit, bis er an ein Mimosengebüsch kam, das zwischen dem Flusse und dem alten Marmorbruch, gerade über dem Wasserfall und am Eingange der Schlucht lag. Hier hielt er inne, und ich hörte ihn einen bestürzten Schrei ausstoßen. Ich eilte zur Stelle, drängte mich durch die Bäume und gewahrte folgendes: Der kleine offene Raum in der Mitte der Lichtung war der Schauplatz eines Kampfes gewesen. Dort, in der weißen Erde, waren die Spuren von drei Paar menschlichen Füßen – zwei beschuht, eines nackend – Stellas, Totas und Hendrikas. Und dies war noch nicht alles. Dort, dicht dabei, lagen die Überreste der zwei Hunde – weiter waren sie nichts mehr – und eines Pavians, der noch nicht ganz tot war und von den Hunden in die Kehle gebissen war. Rings um uns her war die Spur zahlloser Paviane. Das ganze Entsetzen über das, was geschehen, durchzuckte mein Hirn.

Meine Frau und Tota waren von den Pavianen weggeschleppt worden. Aber getötet worden waren sie nicht, sonst hätten wir ihre Überreste neben denen der Hunde finden müssen. Sie waren fortgeschleppt worden. Die Ungeheuer, die nach dem Befehle der Affenfrau Hendrika handelten, hatten sie nach irgendeiner verborgenen Höhle geschleppt, um sie dort zu halten, bis sie starben – oder um sie zu töten!

Für einen Augenblick taumelte ich förmlich unter dem Entsetzen des Schlags. Dann ermannte ich mich aus meiner Verzweiflung. Ich bat den Eingeborenen, zurückzulaufen und die Leute des Krals zu alarmieren, ihnen zu sagen, daß sie bewaffnet kommen und mir Flinten und Munition mitbringen möchten. Er ging wie der Wind, und ich wandte mich, um die Spur zu verfolgen. Einige Schritte weit war sie deutlich genug – Stella war geschleift worden. Ich konnte sehen, wo ihre Hacken den Boden gefurcht hatten; das Kind war vermutlich getragen worden – wenigstens waren keine Fußspuren da. Am Wasserrande verlor sich die Spur. Das Wasser war seicht, und sie waren darin aufwärts gegangen, oder wenigstens Hendrika und ihre Opfer, um die Spur zu verwischen. Ich konnte sehen, wo ein moosbewachsener Stein im Wasserbett neuerdings umgeworfen war. Ich lief am Flußufer in der Schlucht ein Stück entlang und hoffte sie zu erblicken. Sogleich hörte ich in den Klippen über mir ein Gekläff; es wurde von einem andern beantwortet, und dann sah ich, daß zahllose Paviane auf jeder Seite hinter den Felsen verborgen waren und sich langsam herniederschwangen, um den Pfad zu sperren. Unbewaffnet weiterzugehen, wäre nutzlos gewesen. Sie hätten mich gradeso wie die Hunde in Stücke gerissen. So wandte ich mich und floh nach den Hütten zurück. Als ich nahe herankam, sah ich, daß mein Abgesandter die Ansiedlung alarmiert hatte, denn Eingeborene mit Speeren und Kerries in der Hand liefen nach den Kralen hinauf. Als ich die Hütte erreichte, begegnete ich dem alten Indaba-Zimbi, der ein ernsthaftes Gesicht machte.

»So ist der Schlag gefallen, Macumazahn«, sagte er.

»Er ist gefallen«, antwortete ich.

»Behalte guten Mut, Macumazahn«, sagte er wieder. »Sie ist nicht tot und das kleine Mädchen auch nicht, und ehe sie sterben, werden wir sie finden. Denke daran, Hendrika liebt sie. Sie wird ihr nichts zuleide tun und es auch den Pavianen nicht gestatten. Sie wird versuchen, sie vor dir zu verstecken, das ist alles.«

»Gott gebe, daß wir sie finden mögen«, stöhnte ich. »Es wird schnell dunkel.«

»Der Mond geht in drei Stunden auf«, antwortete er; »wir wollen bei Mondenschein suchen. Es ist nutzlos, jetzt aufzubrechen; sieh, die Sonne sinkt. Laß uns die Männer versammeln, essen und alles bereitmachen. Eile langsam, Macumazahn.«

Da ich's nicht ändern konnte, so folgte ich seinem Rate. Ich konnte nichts essen, aber ich packte einige Nahrungsmittel zum Mitnehmen ein, machte Taue zurecht und eine rohe Art von Tragbahre. Wenn wir sie fanden, so würden sie kaum imstande sein zu gehen! Wie langsam die Zeit schlich! Es schienen Stunden, ehe der Mond aufging. Aber endlich kam er.

Dann brachen wir auf. Im ganzen waren wir ungefähr hundert Mann, aber wir besaßen nur fünf Gewehre, mein Elefantenrohr und vier andere, die Herrn Carson gehört hatten.

Wir erreichten die Stelle am Flusse, wo Stella ergriffen worden war. Die Eingeborenen sahen auf die zerrissenen Überreste der Hunde und die Zeichen der Gewalt, und ich hörte, wie sie sich zuschwuren, daß, ob Stella lebte oder nicht, sie nicht rasten wollten, bis sie jeden Pavian in Babyans Peak umgebracht hätten. Ich schwur den Eid nach, und, wie man sehen wird, hielten wir ihn.

Wir gingen den Fluß entlang und folgten der Spur der Paviane, so gut wir konnten. Aber der Fluß hinterließ keine Spur, und das harte, felsige Ufer nur wenig. Dennoch wanderten wir die ganze Nacht hindurch weiter durch die einsamen mondbeglänzten Täler und störten das Schweigen zu tausendfachem Echo durch unser Rufen. Aber keine Antwort erfolgte. Vergebens durchspähten unsere Augen die Seiten der Abgründe, die aus zerklüfteten Felsen, phantastisch aufeinandergetürmt, gebildet wurden; vergeblich suchten wir in den zahllosen Tälern, den mit Farnkraut bewachsenen Schluchten. Es war nichts zu finden.

Wie konnten wir erwarten, zwei menschliche Wesen aufzuspüren, die in den Schlupfwinkeln dieses unendlichen Gebirgslandes, das noch kein Mann erforscht haben soll, verborgen gehalten wurden? Sie waren verloren, und nach aller menschlichen Wahrscheinlichkeit für immer verloren.

So wanderten wir hoffnungslos hin und her, bis uns endlich der Morgen mit wunden Füßen und müde in der Nähe des Ortes wiederfand, von dem wir ausgegangen waren. Wir setzten uns nieder, um die Sonne aufgehen zu sehen, und die Leute aßen von dem, das sie sich mitgebracht hatten, und sandten nach den Kralen um mehr.

Ich saß mit brechendem Herzen auf einem Steine und kann meine Gefühle nicht beschreiben. Mag sich der Leser in meine Lage versetzen, dann kann er sich vielleicht eine Vorstellung davon machen. In meiner Nähe war der alte Indaba-Zimbi und starrte grade vor sich hin, als wenn er in das All sähe und nichts von dem, was um ihn vorging, gewahrte. Ein Gedanke durchzuckte mich. Dieser Mann hatte überirdische Gewalt Mehrmals hatte er während unserer Abenteuer prophezeit, und immer waren seine Prophezeiungen eingetroffen. Er hatte mir, als wir dem Sulu-Timpi entflohen, geraten, nordwärts zu steuern, weil ich dort den Ort eines weißen Mannes finden würde, der unter dem Schatten eines großen Berges lebte, der voller Paviane war. Vielleicht konnte er in dieser höchsten Not helfen – auf jeden Fall war es den Versuch wert.

»Indaba-Zimbi«, sagte ich, »du sagst, daß du deinen Geist durch die Tore der Unendlichkeit senden kannst, und siehst, was wir nicht sehen. Wenigstens weiß ich, daß du seltsame Dinge zu tun vermagst. Kannst du mir jetzt nicht helfen? Wenn du sie retten kannst und willst, will ich dir die Hälfte all des Viehs geben, das wir hier haben.«

»Ich sagte nie etwas Derartiges, Macumazahn«, antwortete er. »Ich tue Dinge, aber ich spreche nicht darüber. Auch suche ich keinen Lohn für das, was ich tue, wie ein gewöhnlicher Zauberer. Es ist gut, daß du mich gebeten hast, meine Weisheit zu gebrauchen, denn ich hätte es ungefragt nicht wieder getan – nein, selbst nicht des Sternes und deinetwegen, den ich liebe, denn wenn ich es getan hätte, so wäre mein Geist ärgerlich geworden. Bei den andern Angelegenheiten war ich selbst beteiligt, denn mein Leben war so gut betroffen wie deines, aber an dieser Sache habe ich keinen Anteil, und deshalb durfte ich meine Weisheit nicht gebrauchen, bis du es ratsam fandest, meinen Geist anzurufen. Aber mich vorher zu fragen, hätte auch nichts genützt, denn ich habe erst das Kraut gefunden, dessen ich bedarf«, und er holte eine Handvoll Blätter hervor, die ich nicht kannte. Die Pflanze hatte stachlige Blätter, die ganz ähnlich wie die der gewöhnlichen englischen Nessel geformt waren.

»Nun, Macumazahn«, fuhr er fort, »bitte die Leute, daß sie uns allein lassen, und dann folge mir gleich nach der kleinen Lichtung drunten beim Wasser.«

Ich tat es. Als ich das Wasser erreichte, sah ich Indaba-Zimbi ein kleines Feuer unter dem Schatten eines Baumes am Wasserrande anzünden.

»Setze dich dorthin, Macumazahn«, sagte er, indem er auf einen Stein dicht beim Feuer zeigte, »und sei über nichts, was du gewahrst, überrascht oder erschrocken.« Ich setzte mich nieder und paßte auf. Als das Feuer hell brannte, entkleidete sich der alte Bursche vollständig, dann ging er an das Wasser hin und tauchte darin unter. Dann kam er vor Kälte zitternd zurück, und indem er sich über das kleine Feuer bog, nahm er Blätter der Pflanze, die ich erwähnt habe, in den Mund und begann sie zu kauen, und während des Kauens murmelte er. Die meisten der übriggebliebenen Blätter warf er ins Feuer. Ein dichter Rauch stieg aus ihnen auf, und er hielt den Kopf in den Rauch und zog ihn in die Lungen, bis ich alle Anzeichen des Erstickens an ihm wahrnahm. Die Adern an seiner Kehle waren geschwollen, seine Brust schwoll an, er schnappte laut, und seine Augen, aus denen Tränen strömten, schienen ihm aus dem Kopfe treten zu wollen. Dann fiel er auf die Seite und lag bewußtlos. Ich war furchtbar erschrocken, und mein erster Gedanke war, zu seinem Beistande zu eilen, aber glücklicherweise entsann ich mich seiner Mahnung und saß stille.

Indaba-Zimbi lag an der Erde wie jemand, der vollständig tot ist. Seine Glieder hatten alle die äußerste Erschlaffung wie beim Tode. Aber als ich hinsah, gewahrte ich, wie sie steif würden, grade als ob rigor mortis eingetreten wäre. Dann sah ich sie zu meinem Erstaunen wieder schlaff werden, und gleichzeitig erschien auf seiner Brust ein Verwesungsfleck. Er wurde größer und größer; und in drei Minuten war der Mann allem Anscheine nach ein schwarzblauer Leichnam.

Ich saß und beobachtete diesen seltsamen Burschen und dachte darüber nach, ob ein weiterer natürlicher Prozeß eintreten würde. Vielleicht würde Indaba-Zimbi vor meinen Augen zu Staub zerfallen. Während ich weiter hinsah, bemerkte ich, daß die Entfärbung sich wieder verlor. Erst verschwand sie von den Extremitäten, dann von den größeren Gliedern, und zuletzt vom Rumpfe. Dann kam die dritte Phase der Erschlaffung, die zweite der Steifheit oder rigor, und die erste des Kollapsus nach dem Tode. Als alle diese in schneller Reihenfolge eingesetzt hatten, wachte Indaba-Zimbi ganz ruhig auf.

Ich war zu erstaunt, um zu sprechen, und sah ihn nur mit offenem Munde an.

»Nun, Macumazahn«, sagte er, indem er seinen Kopf wie ein Vogel auf die Seite legte und mit seiner weißen Locke in höchst komischer Weise nickte, »'s ist alles in Ordnung; ich habe sie gesehen.«

»Wen gesehen?« sagte ich.

»Den Stern, deine Frau, und das kleine Mädchen. Sie sind sehr erschrocken, aber unverletzt. Die Pavianfrau bewacht sie. Sie ist verrückt, aber die Paviane gehorchen ihr und tun den beiden nichts zuleide. Der Stern schlief aus Erschöpfung; so flüsterte ich ihr ins Ohr, sie sollte sich nicht ängstigen, denn du kämest bald zu ihrer Hilfe herbei, und daß sie inzwischen so tun müßte, als ob sie sich freute, Hendrika bei sich zu haben.«

»Du flüstertest in ihr Ohr?« sagte ich. »Wie konntest du denn in ihr Ohr flüstern?«

»Bah! Macumazahn, wie konnte ich zu sterben scheinen und vor deinen Augen verwesen? Du weißt das nicht. Nun, ich will dir eins sagen. Ich mußte sterben, um die Tore des Alls zu passieren, wie du sie nennst. Ich mußte alle Gesundheit und Lebenskraft aus meinem Körper ziehen, um die Gewalt zu haben, mit dem Stern zu sprechen. Es war eine gefährliche Geschichte, Macumazahn, denn wenn ich die Sache hätte ein wenig weiter gehen lassen, dann mußte sie so bleiben, und dann war's zu Ende mit Indaba-Zimbi. Ihr weißen Leute, ihr wißt so viel, daß ihr denkt, ihr wißt alles. Aber das tut ihr doch nicht! Ihr starrt immer in die Wolken und gewahrt die Dinge nicht, die euch vor den Füßen liegen. Du glaubst mir jetzt noch kaum, nicht wahr, Macumazahn? Schön, ich werde es dir zeigen. Hast du irgend etwas bei dir, das der Stern berührt oder getragen hat?«

Ich dachte einen Augenblick nach und sagte, ich hätte eine Locke ihres Haares in meinem Notizbuch. Er sagte nur, ich solle sie ihm geben. Ich tat es. Dann ging er zum Feuer, zündete die Haarlocke im Feuer an und ließ sie zu Asche verbrennen, die er in seiner linken Hand sammelte. Diese Asche vermischte er mit dem Rest der Pflanzenblätter, von denen ich vorhin gesprochen, zu einer Art Brei.

»Nun, Macumazahn, mach deine Augen zu«, sagte er.

Ich tat es, und er rieb diesen Brei auf meine Augenlider. Erst brannte es etwas, dann wurde mir ganz schwindlig. Endlich ging auch diese Wirkung vorüber, und mein Hirn war wieder vollständig klar, aber ich konnte den festen Boden nicht mit meinen Füßen fühlen. Indaba-Zimbi führte mich ans Flußufer. Unter mir war eine Fläche von wundervollem klarem Wasser.

»Sieh da hinein, Macumazahn«, sagte Indaba-Zimbi, und seine Stimme klang hohl und wie von weitem in meine Ohren.

Ich sah hinein. Das Wasser wurde dunkel; es klärte sich dann auf, und ein Bild war darin. Ich sah eine Höhle, in der ein Feuer brannte. Gegen die Wand der Höhle lehnte sich Stella. Ihr Kleid war ihr beinah vom Leibe gerissen; sie sah entsetzlich blaß und ermüdet aus, und ihre Augenlider waren rot, wie vom Weinen. Aber sie schlief, und mir war's, als ob ihre Lippen im Traume meinen Namen sprächen. Dicht bei ihr, den Kopf auf ihre Brust gelegt, war die kleine Tota; über sie war ein Fell geworfen, um sie vor der Nachtkälte zu schützen. Das Kind war wach und schien vor Furcht zu stöhnen. Beim Feuer, und in solcher Stellung, daß das Licht voll auf ihr Gesicht fiel, und damit beschäftigt, irgend etwas in einem roh geformten Topfe zu kochen, saß die Pavianfrau Hendrika. Sie war in Pavianfelle gekleidet, und ihr Gesicht war mit irgendeiner dunklen Farbe eingerieben, die aber schon wieder abging. In den Pausen zwischen ihrem Kochen blickte sie mit wilden Augen nach Stella, und aus ihnen glühte Tollheit, gemischt mit einem Ausdrucke von Zärtlichkeit, der fast an Anbetung streifte. Dann starrte sie wieder auf das arme Kind und knirschte mit den Zähnen wie aus Haß. Augenscheinlich war sie auf Tota eifersüchtig. Um die Eingangswölbung der Höhle guckten die Köpfe vieler Paviane. Sofort machte Hendrika einem von ihnen ein Zeichen; scheinbar schien sie nicht zu sprechen oder zu grunzen, um Stella nicht zu erwecken. Das Tier sprang vorwärts, und sie gab ihm einen hölzernen Topf, der neben ihr lag. Es nahm ihn und ging weg. Das letzte, was ich sah, als die Vision langsam aus dem Wasser verschwand, war der undeutliche Schatten des Pavians, der mit einem Topf voll Wasser zurückkehrte.

Gleich darauf war alles verschwunden. Mir war nicht mehr so seltsam zumute. Unter mir war das Wasser, und neben mir stand Indaba-Zimbi lächelnd.

»Du hast Dinge gesehen«, sagte er.

»Das habe ich«, antwortete ich und machte keine weitere Bemerkung in der Angelegenheit. Was war da zu sagen? »Weißt du den Pfad zu der Höhle?« fragte ich.

Er nickte mit dem Kopfe. »Ich verfolgte ihn noch nicht vollständig, weil er sich windet«, sagte er. »Aber ich weiß ihn. Wir werden die Seile gebrauchen.«

»Dann laß uns aufbrechen; die Leute haben gegessen.«

Er nickte wieder mit dem Kopfe, und indem ich zu den Männern hinging, befahl ich ihnen, sich bereitzumachen, und fügte hinzu, daß Indaba-Zimbi den Weg wüßte. Sie sagten, dann wäre alles in Ordnung, denn wenn Indaba-Zimbi den Stern »ausgerochen« hätte, dann würden wir ihn bald finden. So brachen wir ganz wohlgemut auf, und meine Laune hatte sich so weit gebessert, daß ich sogar imstande war, beim Gehen einen oder zwei gekochte Maiskolben zu essen.

Wir gingen das Tal hinauf und folgten dem Flußlaufe ungefähr eine englische Meile weit; dann wandte sich Indaba-Zimbi plötzlich zur Rechten, eine andere Schlucht entlang, von denen zahllose im Grunde der großen Berge waren.

Weiter stiegen wir von Schlucht zu Schlucht. Indaba-Zimbi, der uns führte, war niemals zweifelhaft; er ging Schluchten entlang und über kleine Bergrücken mit der Sicherheit eines Hundes, der einer warmen Spur folgt. Endlich, nach einem dreistündigen Marsche, kamen wir zu einem großen, schweigsamen Tale am nördlichen Abhänge des großen Peaks. Auf einer Seite dieses Tales war eine Reihe felsiger Kuppen, auf der andern stieg eine kahle Felswand in die Höhe. Ungefähr zwei englische Meilen weit marschierten wir an dieser Felswand entlang. Dann machte Indaba-Zimbi plötzlich Halt.

»Dort ist die Stelle«, sagte er, indem er auf eine sich öffnende Klippe wies. Diese Öffnung war ungefähr vierzig Fuß vom Erdboden entfernt und ellipsenförmig. Sie kann nicht mehr als zwanzig Fuß hoch und zehn Fuß breit gewesen sein, und war großenteils durch Farnkräuter und Strauchwerk, das an der Klippe wuchs, verborgen. So scharf mein Auge auch war, ich glaube nicht, daß ich sie je bemerkt hätte, denn da waren viele solcher Sprünge und Höhlungen in dem felsigen Antlitz des Berges. Wir gingen näher heran und betrachteten den Platz sorgfältig. Das erste, was ich bemerkte, war, daß der Felsen, der nicht ganz senkrecht war, durch das beständige Auf- und Niedersteigen der Paviane ausgetreten war; das zweite, daß etwas Weißes an einem Strauche dicht an der Spitze des Aufstiegs hing.

Es war ein Taschentuch.

Nun war kein Zweifel mehr in der Sache. Mit klopfendem Herzen begann ich den Aufstieg. Die ersten zwanzig Fuß weit war er verhältnismäßig leicht, denn der Felsen war schräg; die nächsten zehn Fuß waren sehr beschwerlich, aber doch für einen tatkräftigen Mann noch möglich, und ich erkletterte sie, gefolgt von Indaba-Zimbi. Aber die letzten zwölf oder fünfzehn Fuß konnten wir nur ersteigen, indem wir ein Seil um einen abgebrochenen Baum schlangen, der am Fuße der Öffnung wuchs. Das vollführten wir mit einiger Mühe, und der Rest war leicht. Ein oder zwei Fuß über meinem Kopfe flatterte das Taschentuch in der Luft. Indem ich mich an dem Seil festhing, ergriff ich es. Es war Stellas. Als ich es nahm, sah ich das Gesicht eines Pavians über den Rand der Klippe lugen, den ersten Pavian, den wir an dem Morgen sahen. Das Tier bellte auf und verschwand. Indem ich das Taschentuch in die Brusttasche steckte, stemmte ich meine Füße gegen die Felswand und klomm hinauf, so schnell ich konnte. Ich wußte, wir hatten keine Zeit zu verlieren, denn der Pavian würde geschwind die andern alarmieren. Ich erreichte die Schlucht. Es war ein überdeckter Weg, der vom Wasser gerissen war, und endigte in einer Gasse, die zu irgendeinem weiten offenen Raume führte. Ich blickte durch den Durchbruch und sah, daß die Gasse schwarz war von Pavianen. Zu Hunderten kamen sie heran. Ich nahm meine Elefantenflinte von der Schulter und wartete, indem ich den Leuten unten zurief, sie möchten mit möglichster Eile heraufkommen. Die Tiere strömten die dämmerige Höhlung entlang auf mich zu, bellend, grunzend und die riesigen Zähne fletschend. Ich wartete, bis sie auf fünfzehn Schritte heran waren. Dann feuerte ich die Elefantenflinte ab, die mit Bleistücken geladen war, und zwar mitten hinein. In dem engen Räume hallte der Schuß wie ein Kanonenschuß, aber sein Ton war schnell verschlungen durch den Schwall durchdringender, menschlich klingender Schreie, der nun folgte. Die Ladung der schweren Bleistücke hatte die Zahl der Paviane gelichtet, und wenigstens ein Dutzend lag tot oder sterbend in dem Durchgange. Einen Augenblick zögerten sie, dann kamen sie wieder mit entsetzlichem Geschrei vor. Zum Glück stand jetzt Indaba-Zimbi, der ebenfalls eine Flinte hatte, neben mir, sonst wäre ich in Stücke gerissen worden, ehe ich wieder laden konnte. Er feuerte beide Läufe hinein und hemmte dadurch ihr Vordringen. Wieder kamen sie heran, und trotz des Auftretens zweier Eingeborenen mit Flinten, die sie auf die Tiere abfeuerten, wären wir von den großen, wütenden Tieren überwältigt worden, wenn es mir nicht gelungen wäre, meine Elefantenflinte wieder zu laden. Als sie gerade dicht heran waren, feuerte ich mit noch größerer tödlicher Wirkung als vorher, denn auf die Entfernung hin schlug jede Kugel eine Gasse. Man konnte denken, wir führten eine Schlacht mit einer Schar Dämonen; und bei der Beleuchtung – denn der überhängende Felsenbogen machte es sehr dunkel – sahen die fletschenden Schnauzen und düster glühenden Augen der Affen gerade wie die der Teufel aus, wie mittelalterliche Phantasie sie darstellt. Aber der letzte Schuß war zu viel für sie; sie wichen zurück, zogen einige der Verwundeten mit fort und gaben uns dadurch Zeit, unsere Leute auf die Klippe kommen zu lassen. In wenigen Minuten waren alle da, und wir gingen durch den Gang, der in eine felsige Gasse mit schräg aufsteigenden Wänden auslief. Diese Gasse hatte etwas Wasser auf dem Boden; sie war ungefähr hundert Schritte lang, und die Abhänge auf jeder Seite waren mit steilen Klippen gekrönt. Ich blickte an den Abhängen in die Höhe; sie schwärmten förmlich von Pavianen, die grunzten, bellten, schrien und sich voller Wut mit ihren langen Armen gegen die Brust schlugen. Ich blickte den Wasserweg entlang; darin kam, von einer Meute oder auch einer Wache begleitet, Hendrika; ihr langes Haar flog, auf ihrem Gesicht stand Wahnsinn geschrieben, und in ihren Armen hielt sie die bewußtlose Gestalt der kleinen Tota.

Sie sah uns, und Wutschaum kam aus ihrem Munde. Sie schrie laut. Für mich war der Ton nur ein unartikulierter Schrei, aber die Paviane verstanden ihn, denn sie fingen an, Felsblöcke auf uns hernieder zu rollen. Ein Block sprang an mir vorbei und tötete einen Kaffern hinter mir; ein anderer fiel von dem oberen Felsboden auf eines Mannes Kopf und erschlug ihn ebenfalls. Indaba-Zimbi erhob seine Flinte, um Hendrika zu erschießen; ich schlug sie hoch, so daß der Schuß über ihr hinsauste, und rief, er würde das Kind töten. Dann rief ich den Leuten zu, sie sollten von Seite zu Seite der schräg ansteigenden Gasse eine Linie bilden. Wütend über den Verlust ihrer zwei Kameraden, gehorchten sie, und indem ich mit Indaba-Zimbi und den zwei andern Leuten, die Flinten hatten, in dem Wasserwege blieb, gab ich Befehl zum Angriff.

Dann begann die eigentliche Schlacht, und es ist schwer zu sagen, wer wütender focht, die Eingeborenen oder die Paviane. Die Kaffern kletterten an den Abhängen entlang, und als sie herankamen, stürzten sich die Affen, aufgestachelt durch Hendrika, die hin und her stürmte und die unglückliche Tota als Schild vor sich hielt, in heller Wut auf sie. Unzählige wurden durch Assagais getötet, und viele andere fielen durch unsere Schüsse; aber dennoch kamen sie wieder heran. Und wir blieben auch nicht ohne Verluste. Gelegentlich rutschte ein Mann aus oder wurde durch den Griff eines Pavians zu Boden geschleudert. Dann stürzten sich die andern auf ihn wie Hunde auf eine Ratte und töteten ihn. Auf diese Weise verloren wir fünf Leute, und ich selbst trug einen Biß in den fleischigen Teil des linken Armes davon, aber zum Glück erstach ein Kaffer neben mir das Tier mit dem Assagai, ehe es mich zu Boden reißen konnte.

Endlich, und zwar ganz plötzlich, gaben die Paviane es auf. Eine Panik schien sie zu ergreifen. Trotz Hendrikas Geschrei dachten sie nicht mehr an den Kampf, sondern nur an Flucht; einige versuchten nicht mal mehr sich vor den Assagais der Kaffern zu retten, sondern verbargen einfach ihre scheußlichen Gesichter in den Klauen und stöhnten jämmerlich, indem sie darauf warteten, erschlagen zu werden.

Hendrika sah, daß die Schlacht verloren war. Indem sie das Kind aus ihren Armen gleiten ließ. stürzte sie gerade auf uns zu, das volle Bild schrecklichen Wahnsinns. Ich hob meine Flinte, konnte es aber nicht über mich gewinnen, sie zu erschießen. Alles in allem war sie doch nur ein verrücktes Ding, halb Affe, halb Frau. So sprang ich zur Seite, und sie flog gerade auf Indaba-Zimbi los, den sie umrannte. Aber sie hielt sich nicht mehr auf, um noch irgend etwas zu vollführen. Sie jammerte schrecklich, lief die Gasse entlang durch den Torbogen von vielen der überlebenden Paviane gefolgt und verschwand aus unserem Gesichtskreise.

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