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Der Zauberer im Sululande

Henry Rider Haggard: Der Zauberer im Sululande - Kapitel 11
Quellenangabe
authorHenry Rider Haggard
titleDer Zauberer im Sululande
publisherVerlag Ullstein
yearo.J.
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10. Kapitel

Am folgenden Morgen hatte ich eine Unterredung mit Indaba-Zimbi. Erst sagte ich ihm, daß ich im Begriff stände, Stella zu heiraten.

»Oh!« sagte er, »das dachte ich mir, Macumazahn. Habe ich dir nicht gesagt, daß du auf dieser Reise Glück finden würdest? Viele Menschen müssen zufrieden sein, den Stern von weitem zu beobachten, dir ist es gegeben, ihn auf dem Herzen zu tragen. Aber denke daran, Macumazahn, denke daran, daß Sterne untergehen.«

»Kannst du dein Krächzen nicht wenigstens für einen Tag lassen!« antwortete ich ärgerlich, denn seine Worte sandten einen Furchtschauer in mein Herz.

»Ein wahrer Prophet muß das Böse sowohl als das Gute verkünden, Macumazahn. Ich sage nur, was mir die Gedanken beherrscht. Aber was schadet das? Was ist das Leben anders als Verlust, ein Verlust nach dem andern, bis das Leben selbst verlorengeht? Aber im Tode mögen wir alle die Dinge, die wir verloren haben, wiederfinden. So lehrte dein Vater, Macumazahn, und in seiner Milde lag Weisheit. Oh, ich glaube nicht an den Tod; er ist ein Wechsel, das ist alles, Macumazahn. Sieh wie jetzt der Regen fällt, die Regentropfen, die einstmals Wasser in den Wolken waren, fallen nun Seite an Seite. Sie sinken in die Erde; gleich wird die Sonne hervorkommen, die Erde wird trocken werden, die Tropfen sind verschwunden. Ein Narr sieht hin und sagt, die Tropfen sind tot, sie werden nie wieder eins sein, sie werden nie wieder Seite an Seite fließen. Aber ich bin ein Regenmacher und kenne des Regens Weise. Es ist nicht wahr. Die Tropfen ziehen nach dem Flusse und werden dort wieder ein Wasser. Sie werden beim Wolkennebel wieder hinauf in die Wolken steigen, und dort dasselbe sein, was sie gewesen sind. Wir sind die Regentropfen, Macumazahn. Wenn wir fallen, das ist unser Leben. Wenn wir in die Erde sinken, das ist Tod, und wenn wir wieder hinauf gen Himmel gezogen sind, was ist das, Macumazahn? Ich bin kein Christ, aber ich bin alt und habe beobachtet und vielleicht Dinge gesehen, die Christen nicht sehen. Nun, ich habe gesprochen. Sei glücklich mit deinem Stern, und wenn er untergeht, dann warte, Macumazahn, bis er wieder aufgeht. Es wird nicht lange dauern; eines Tages wirst du dich schlafen legen, und deine Augen werden beim Erwachen einen andern Himmel sehen, und dort wird dein Stern leuchten, Macumazahn.«

Diesmal gab ich keine Antwort. Ich konnte es nicht ertragen, von so etwas zu reden. Aber ach, wie oft habe ich in den späteren Jahren an Indaba-Zimbi und sein schönes Gleichnis gedacht und Trost daraus geschöpft. Es war ein seltsamer Mann, dieser alte regenmachende Wilde, und in ihm steckte mehr Weisheit als in manchem gelehrten Atheisten – diesen geistigen Zerstörern, die im Namen des Fortschritts und der Menschheit die Hoffnung vom Leben trennen möchten und uns in einer einsamen, selbstgemachten Hölle wandernd zurücklassen.

»Indaba-Zimbi«, sagte ich, indem ich den Gegenstand wechselte, »ich habe dir etwas zu sagen«, und ich erzählte ihm von Hendrikas Drohungen.

Er lauschte mit unbewegtem, Gesichte und nickte von Zeit zu Zeit, während die Erzählung fortschritt, mit seiner weißen Locke. Aber ich sah, daß er dadurch beunruhigt war.

»Macumazahn«, sagte er endlich, »ich habe dir gesagt, daß das eine böse Person ist. Sie ist mit Pavianmilch genährt, und die Paviannatur ist in ihren Adern. Solche Geschöpfe sollten getötet und nicht behalten werden. Sie wird Unheil anstiften, wenn sie kann. Aber ich werde auf sie achten, Macumazahn. Sieh, der Stern wartet auf dich; geh, oder sie wird mich hassen, wie Hendrika dich haßt.«

So ging ich und gerne, denn wie anziehend auch Indaba-Zimbis Weisheit war, so fand ich doch tieferen Sinn in Stellas einfachstem Worte. Den ganzen übrigen Tag verbrachte ich in ihrer Gesellschaft, und den größten Teil der zwei folgenden Tage. Endlich kam am Sonnabend der Vorabend unserer Hochzeit. Es regnete in jener Nacht, deshalb gingen wir nicht aus, sondern verbrachten den Abend in der Hütte. Wir saßen Hand in Hand und sagten wenig, aber Herr Carson sprach viel und erzählte uns Geschichten aus seiner Jugend und von Ländern, die er besucht hatte. Dann las er laut aus der Bibel und wünschte uns gute Nacht. Ich küßte Stella ebenfalls und ging zu Bett. Ich erreichte meine Hütte durch den überdeckten Gang, und ehe ich mich auszog, öffnete ich die Tür, um zu sehen, wie die Nacht wäre. Es war sehr dunkel, und der Regen fiel noch immer, aber als das Licht in die Dunkelheit hinausstrahlte, schien es mir, als ob sich eine dunkle Gestalt fortschliche. Der Gedanke an Hendrika durchzuckte mich; war es möglich, daß sie hier draußen herumlungerte? Nun hatte ich nichts von Hendrika und ihren Drohungen an Herrn Carson oder Stella erzählt, weil ich sie nicht beunruhigen wollte. Auch wußte ich, daß Stella an dieser seltsamen Person hing, und ich wollte nicht ihr Vertrauen in sie erschüttern, bis es unumgänglich notwendig war. Eine oder zwei Minuten lang stand ich zögernd, dann beschloß ich, daß, wenn Hendrika da draußen war, sie auch draußen bleiben sollte; ich ging hinein und legte die starke hölzerne Stange vor, die dazu diente, die Tür zu versichern. Seit den letzten paar Nächten hatte sich der alte Indaba-Zimbi angewöhnt, in dem verdeckten Gange, der mein einziger anderer Zugang war, zu schlafen. Als ich zu Bett ging, war ich über ihn weggestiegen, er lag in seine Decke eingewickelt und schlief allem Anscheine nach fest. So schien es mir klar, daß ich nichts zu befürchten hätte, ich schlug mir die Sache sogleich aus dem Sinn, der ja, wie man sich denken kann, vollauf mit andern Dingen beschäftigt war.

Ich ging zu Bett und lag eine Zeitlang wach, indem ich an das große mir bevorstehende Glück dachte und an die Wege der Vorsehung, die es in mein Bereich gebracht hatten. Noch vor wenigen Wochen wanderte ich in der Wüste, ein sterbender Mann, trug ein sterbendes Kind und nannte kaum etwas in der Welt mein eigen als einen Vorrat von vergrabenem Elfenbein, den ich niemals wiederzusehen erwartete. Und nun war ich eben im Begriffe, eines der bezauberndsten, lieblichen Mädchen der Welt zu heiraten – ein Mädchen, das ich mehr liebte als ich je für möglich gehalten, und das mich wiederliebte. Und gerade, als ob das noch nicht Glück genug gewesen wäre, sollte ich mit ihr ein beträchtliches Vermögen bekommen, das groß genug war, uns in den Stand zu setzen, daß wir jedem Lebensplane, den wir angenehm fanden, folgen konnten. Als ich so lag und über das alles nachdachte, ängstigte ich mich vor meinem großen Glück. Des alten Indaba-Zimbis melancholische Prophezeiungen kamen mir ins Gedächtnis zurück. Bis dahin hatte er immer richtig prophezeit. Wie würde es, wenn diese auch einträfen? Es überlief mich kalt, als ich daran dachte, und ich betete zu dem höchsten Wesen über uns, daß es uns schützen möge, damit wir leben und uns lieben könnten. Und nie war ein Gebet nötiger. Während die Worte noch auf meinen Lippen waren, schlief ich ein und träumte einen furchtbaren Traum. Ich träumte, daß Stella und ich nebeneinander standen, um getraut zu werden. Sie war in Weiß gekleidet und strahlte vor Schönheit, aber es war eine wilde, geisterhafte Schönheit, die mich erschreckte. Ihre Augen schienen wie Sterne, eine bleiche Flamme spielte in ihren Zügen, und der Wind, der wehte, bewegte ihr Haar nicht. Und das war noch nicht alles, denn ihr weißes Kleid waren Leichentücher, und der Altar, vor dem wir standen, war aus Erde gebildet, die aus einem Grabe, das zwischen uns gähnte, aufgehäuft war. So warteten wir auf einen, der uns trauen sollte, aber niemand kam. Plötzlich sprang aus dem offenen Grabe Hendrikas Gestalt. In ihrer Hand war ein Messer, mit dem sie nach mir stieß, aber Stellas Herz durchbohrte, die ohne einen Schrei rückwärts in das Grab fiel und im Fallen noch nach mir blickte. Dann sprang Hendrika hinter ihr her in das Grab. Ich hörte ihre Füße schwer aufschlagen.

»Wach auf, Macumazahn, wach auf!« rief die Stimme Indaba-Zimbis.

Ich erwachte und sprang aus dem Bett, während kalter Schweiß an mir herablief. In der Dunkelheit an der andern Seite der Hütte hörte ich wütendes Kämpfen. Glücklicherweise verlor ich den Kopf nicht. Gerade neben mir stand ein Stuhl, auf dem Streichhölzer und eine Binsenkerze lagen. Ich zündete ein Streichholz an und hielt es an die Kerze. Nun sah ich bei dem glimmenden Licht zwei Gestalten, die übereinander auf der Erde rollten, und zwischen ihnen glänzte ein Stahl. Das Fett schmolz, und das Licht brannte hell. Es waren Indaba-Zimbi und Hendrika, die da miteinander kämpften, und was schlimmer war, die Frau überwältigte den Mann, so stark wie er war. Ich stürzte auf sie zu. Nun war sie obenauf, nun hatte sie sich von seinem festen Griff losgewunden, und nun blitzte das große Messer, das sie in der Hand hielt, auf.

Aber ich war hinter ihr, und indem ich meine Hände unter ihren Armen durchstreckte, zog ich sie mit aller Gewalt zurück. Sie fiel nach rückwärts, und bei der Anstrengung, sich zu retten, ließ sie glücklicherweise das Messer fallen. Dann warfen wir uns auf sie. Himmel! Die Kraft dieser Teufelin! Keiner, der es nicht erlebt hat, würde es glauben. Sie focht und kratzte und biß und bewältigte beinahe uns alle beide. So gelang es ihr, sich frei zu machen. Sie stürzte auf das Bett zu, sprang darauf, und von da geradenwegs bis an das Dach der Hütte. Niemals sah ich einen ähnlichen Sprung und konnte nicht begreifen, was sie vorhatte. In dem Dach waren die sonderbaren Löcher, die ich beschrieben habe. Sie waren dazu da, das Licht hereinzulassen, und mit überhängenden Traufen bedeckt. Sie sprang genau so wie ein Affe, und indem sie den Rand eines dieser Löcher ergriff, versuchte sie sich hindurchzuziehen. Aber hier verließen sie die Kräfte, die von dem langen Kampfe erschöpft waren. Einen Augenblick schwang sie sich hin und her, dann ließ sie los und fiel bewußtlos auf die Erde.

»Schnell!« sagte Indaba-Zimbi. »Laß uns die Teufelin festbinden, ehe sie wieder zum Leben kommt.«

Ich fand, das war ein guter Rat, und so nahmen wir einen Zügel, der in der Ecke des Zimmers lag, und banden damit ihre Hände und Füße in solcher Weise fest, daß selbst sie sich kaum davon befreien konnte. Dann trugen wir sie in den Gang, und Indaba-Zimbi setzte sich über sie, das Messer in der Hand, denn ich hatte keine Lust, zu dieser Stunde der Nacht das Haus zu alarmieren.

»Weißt du, wie ich sie fing, Macumazahn?« sagte er. »Seit mehreren Nächten schlief ich hier mit einem offenen Auge, denn ich dachte, sie hätte einen Plan gemacht. Heute nacht blieb ich ganz wach, obgleich ich tat, als ob ich schliefe. Eine Stunde, nachdem du zu Bett gegangen warst, ging der Mond auf, und ich sah durch das Loch im Dache einen Lichtstrahl in die Hütte fallen. Plötzlich verschwand dieser Lichtstrahl. Erst dachte ich, daß eine Wolke über den Mond zöge, aber ich horchte und hörte ein Geräusch, als ob sich jemand durch eine enge Stelle zwängte. Dann war er hindurch und hing an den Händen. Dann sah ich das Licht wieder hereinfallen, und im Schimmer desselben sah ich die Pavianfrau sich vom Dache schwingen und gerade dabei, sich in die Hütte herabzulassen. Sie hing mit beiden Händen und hatte im Munde ein großes Messer. Sie ließ sich herab, und ich lief hin, um sie dabei zu ergreifen, und faßte sie um die Taille. Aber sie hörte mich kommen, und indem sie ihr großes Messer ergriff, schlug sie in der Dunkelheit nach mir und verfehlte mich. Dann kämpften wir miteinander, und das übrige weißt du. Du warst heute nacht beinah tot, Macumazahn.«

»Ja, beinahe«, sagte ich noch mit Herzklopfen und zog die Fetzen meines Nachtgewandes so gut um mich, wie ich konnte. Dann zuckte die entsetzliche Erinnerung an den Traum durch meinen Kopf. Vermutlich war er hervorgerufen durch Hendrikas Herabspringen auf die Erde – in meinem Traume war es ein Grab gewesen, in das sie sprang. Das Ganze war in einer Sekunde an mir vorübergezogen. Nun ja, Träume sind schnell; und vielleicht ist die Zeit selbst nichts als ein Traum, und Ereignisse, die weit voneinander zu liegen scheinen, ereignen sich gleichzeitig.

Wir verbrachten den Rest der Nacht damit, Hendrika zu bewachen. Bald kam sie zu sich und kämpfte wütend, um den Zügel zu zerreißen. Aber er war selbst für sie zu stark, außerdem saß Indaba-Zimbi höchst unzeremoniöserweise auf ihr, um sie ruhig zu halten. Endlich gab sie es auf.

Zur richtigen Zeit brach der Tag an – mein Hochzeitstag. Indem ich Indaba-Zimbi daließ, um die fast zu meiner Mörderin Gewordene zu bewachen, ging ich und holte einige Eingeborene aus den Ställen, und mit ihrer Hilfe brachten wir Hendrika nach der Gefängnishütte – derselben Hütte, in die man sie gesperrt hatte, als sie, ein Paviankind, von den Felsen gebracht worden war. Hier schlössen wir sie ein, und indem ich den alten Indaba-Zimbi außen als Wache zurückließ, kehrte ich zu meiner Schlafstelle zurück und kleidete mich in die besten Kleider, die in Paviankralen aufzutreiben waren. Aber als ich auf mein Spiegelbild blickte, war ich entsetzt. Ich war mit Schmarren bedeckt, die von Hendrikas Nägeln herrührten. Ich pflasterte sie zu, so gut als ich konnte, und ging dann zu einem Spaziergange ins Freie, um meine Nerven zu beruhigen, die durch die Ereignisse der vergangenen Nacht und durch die, welche der Tag bringen würde, nicht wenig erschüttert waren.

Als ich zurückkehrte, war es Frühstückszeit. Ich ging in die Speisehütte, und dort wartete Stella, um mich zu begrüßen; sie war in ein einfaches Kleid gehüllt mit Orangenblüten an ihrer Brust. Sie kam scheu auf mich zu; und dann fuhr sie, als sie den Zustand meines Gesichtes gewahrte, zurück.

»Aber Allan! Was hast du denn gemacht!« fragte sie.

Als ich eben antworten wollte, trat ihr Vater, auf seinen Stock gelehnt, herein, und als er mich erblickte, stellte er dieselbe Frage.

Dann sagte ich ihnen alles, sowohl von Hendrikas Drohungen als von ihrem wütenden Versuche, sie zur Ausführung zu bringen. Aber meinen entsetzlichen Traum erzählte ich nicht.

Stellas Gesicht wurde so blaß wie die Blumen an ihrer Brust, aber das ihres Vaters wurde sehr finster.

»Du hättest davon schon eher reden sollen, Allan«, sagte er. »Ich sehe jetzt ein, daß ich unrecht tat, als ich dieses gottlose, rachsüchtige Geschöpf zu zivilisieren versuchte, welches, wenn es menschlich ist, all die bösen Leidenschaften der Tiere, die es genährt haben, in sich trägt. Nun, ich werde gleich heute ein Ende damit machen.«

»Oh, Vater«, sagte Stella, »laß sie nicht töten. Es ist schon alles schrecklich genug, aber das wäre noch schrecklicher. Ich habe sie sehr gern gemocht, und so schlecht wie sie ist, mich hat sie lieb gehabt. Laß sie nicht an meinem Hochzeitstage töten.«

»Nein«, sagte ihr Vater, »sie soll nicht getötet werden, denn obgleich sie den Tod verdient, will ich ihr Blut nicht an unseren Händen haben. Sie ist ein Tier und ist der Natur der Tiere gefolgt. Sie soll dorthin zurückkehren, wo sie hergekommen ist.«

Weiter wurde zur Zeit nichts gesagt, aber als das Frühstück – das eigentlich eine Komödie war – vorüber war, sandte Herr Carson nach seinem obersten Manne und gab ihm gewisse Befehle.

Wir sollten nach dem Gottesdienste getraut werden, den Herr Carson an jedem Sonntagmorgen in der großen Marmorhütte hielt, die zu diesem Zwecke bestimmt war. Derselbe fing um zehn Uhr an, aber schon lange vorher kamen all die Eingeborenen des Orts in Trupps heran und sangen dabei, um bei der Hochzeit des »Sterns« zugegen zu sein. Es war ein hübscher Anblick, sie zu sehen, die Männer in all ihren Staat gekleidet und Schilde und Speere in den Händen tragend, die Frauen und Kinder trugen grüne Baumzweige, Farnkräuter und Blumen. Endlich um halb zehn Uhr erhob sich Stella, drückte meine Hand und überließ mich meinen Gedanken. Wenige Minuten vor zehn erschien sie wieder mit ihrem Vater und war in einen weißen Schleier gehüllt, ein Orangenzweig lag auf ihrem dunklen lockigen Haare, und Orangenblüten trug sie in der Hand. Mir schien sie wie ein Traum der Lieblichkeit. Mit ihr kam die kleine Tota, in einem Zustande großer Freude und Erregung. Sie war Stellas einzige Brautjungfer. Dann gingen wir alle durchs Freie nach der Kirchenhütte. Der freie Raum davor war mit Hunderten von Eingeborenen angefüllt, die zu singen anfingen, als wir vorbeigingen. Aber wir gingen hinein in die Hütte, die dichtgedrängt voller Eingeborener war, die dort immer zum Gottesdienst kamen. Hier las Herr Carson wie gewöhnlich die Bibeltexte vor, obgleich er sich niedersetzen mußte, um es zu tun. Als er fertig war – und mir schien es endlos – flüsterte er mir zu, daß er uns vor der Hütte angesichts des ganzen Volkes trauen wollte; so gingen wir hinaus und stellten uns im Schatten eines großen Baumes auf, der dicht vor der Hütte stand, und blickten gerade auf den Fleck, wo sich die Eingeborenen versammelt hatten.

Herr Carson hielt seine Hand in die Höhe, um Stillschweigen zu gebieten. Dann sagte er, indem er im Dialekt der Leute sprach, daß er uns nach christlicher Sitte und vor den Augen all der Leute zu Mann und Frau machen wollte. Dann las er uns die Heiratsformel vor, und das tat er schön und feierlich. Wir sagten die Worte, ich steckte den Ring – es war ihres Vaters Siegelring, denn wir hatten keinen andern – an Stellas Finger, und es war geschehen.

Dann sprach Herr Carson. »Allan und Stella«, sagte er, »ich glaube, daß die Zeremonie, die wir vollzogen haben, euch vor Gott und den Menschen zu einem Ehepaare macht, denn alles, was dazu gehört, um eine Heirat bindend zu machen, ist, daß sie in der Weise vollzogen wird, die der Sitte des Landes gemäß ist, in dem beide Teile wohnen. Und gemäß der Sitte, die hier seit fünfzehn Jahren oder mehr herrscht, habe ich euch im Angesicht des ganzen Volkes getraut, und zum Zeichen davon werdet ihr euch beide in das Register einschreiben, das ich von den Heiraten geführt habe, die die Leute meines Volkes, welche sich zum Christentum bekannt haben, eingegangen sind. Aber im Falle, daß doch ein gesetzlicher Mangel dabei sein könnte, fordere ich wieder von euch beiden das feierliche Versprechen, daß ihr bei der ersten Gelegenheit die Trauung nochmals in einem zivilisierten Lande nachholt. Versprecht ihr das?«

»Wir tun es«, antworteten wir.

Dann wurde das Buch herausgebracht, und wir unterschrieben unsere Namen. Zuerst schrieb meine Frau nur »Stella«, aber ihr Vater sagte, sie möchte zum ersten- und letztenmal im Leben Stella Carson schreiben, dann setzten einige der Indunas oder Hauptleute und der alte Indaba-Zimbi ihre Zeichen darunter. Indaba-Zimbi zog sein Zeichen in der Form eines kleinen Sternes, eine humoristische Hindeutung auf Stellas dort üblichen Namen. Dieses Register liegt eben, während ich schreibe, vor mir. Es ist mit einer Locke von meines Lieblings Haar, die zwischen seinen Blättern liegt, mein liebstes Besitztum: da sind all die Namen und Zeichen, wie sie vor vielen; vielen Jahren im Schatten des Baumes im Babyan-Krale in der Wildnis aufgeschrieben wurden, aber ach, und ach, wo sind die, die sie geschrieben haben?

»Mein Volk«, sagte Herr Carson, als der Gesang beendet war und wir uns vor ihnen allen geküßt hatten, »mein Volk, Macumazahn und der Stern, meine Tochter, sind nun Mann und Frau, um in einem Kral zu leben, um aus einer Schüssel zu essen, um Glück und Unglück zu teilen, bis sie ins Grab sinken. Höre nun, mein Volk, ihr kennt diese Frau«, und indem er sich umwandte, zeigte er auf Hendrika, die, von uns ungesehen, aus der Gefängnishütte hergeführt worden war.

»Ja, ja, wir kennen sie«, sagte ein kleiner Kreis von Hauptleuten, die den primitiven Gerichtshof bildeten und nach der Sitte der Eingeborenen sich in einem Ringe vor uns auf die Erde gekauert hatten. »Wir kennen sie, sie ist die weiße Pavianfrau, sie ist Hendrika, die Dienerin des Sterns.«

»Ihr kennt sie«, sagte Herr Carson, »aber ihr kennt sie nicht vollständig. Tritt heran, Indaba-Zimbi, und sage den Leuten, was sich letzte Nacht in Macumazahns Hütte zugetragen hat.«

Demgemäß trat der alte Indaba-Zimbi heran, und indem er sich niederkauerte, erzählte er seine rührende Geschichte mit großer Lebendigkeit und vielen Gebärden und schloß damit, daß er das große Messer hervorholte, vor dem mich seine Wachsamkeit gerettet hatte.

Dann wurde ich aufgerufen, und in wenigen kurzen Worten bestätigte ich seine Geschichte; und mein Gesicht tat das ebenfalls in den Augen der Männer.

Dann wandte sich Herr Carson zu Hendrika, die in verdrossenem Schweigen dastand, die Augen auf die Erde geheftet, und fragte sie, ob sie irgend etwas zu sagen hätte.

Sie blickte kühn auf und sagte:

»Macumazahn hat mich der Liebe meiner Herrin beraubt. Ich würde ihn seines Lebens beraubt haben, das wenig wert ist im Vergleich zu dem, das ich durch seine Hand verloren habe. Es ist mir nicht geglückt, und das tut mir leid, denn wenn ich ihn getötet hätte und keine Spur hinterlassen, so würde der Stern ihn vergessen und wieder auf mich geschienen haben.«

»Niemals«, murmelte Stella in mein Ohr; aber Herr Carson wurde vor Zorn ganz blaß.

»Mein Volk«, sagte er, »ihr hört die Worte dieser Frau. Ihr hört, wie sie mir vergilt, mir und meiner Tochter, die sie zu lieben behauptete. Sie sagt, sie hätte einen Mann töten können, der ihr nie Böses getan hat, den Mann, der der Gatte ihrer Herrin werden sollte. Wir retteten sie von den Pavianen, wir zähmten sie, wir nährten sie, wir unterrichteten sie, und so zahlt sie uns zurück. Sagt, mein Volk, welchen Lohn sollen wir ihr geben?«

»Den Tod«, sagte der Kreis der Indunas und zeigte mit dem Daumen nach unten, und die ganze versammelte Menge wiederholte: »Den Tod.«

»Den Tod«, wiederholte der oberste Induna, indem er hinzufügte: »Wenn du sie rettest, mein Vater, so werden wir sie mit unsern eigenen Händen erschlagen. Sie ist eine Paviansfrau, eine Teufelsfrau; o ja, wir haben dergleichen schon früher gehört; laß sie töten, ehe sie mehr Unheil anrichtet.«

Jetzt war es Stella, die hervortrat und in rührenden Worten um Hendrikas Leben flehte. Sie bat um Milde für ihre Wildheit, erwähnte ihrer langen Dienste, der Liebe, die sie ihr immer erwiesen hätte. Sie sagte, daß ich, dessen Leben bedroht gewesen wäre, ihr vergäbe, und sie, meine Frau, die fast zur Witwe geworden wäre, ehe sie meine Frau wurde, vergäbe ihr ebenfalls; sie sollten ihr auch vergeben, sie weggehen lassen und sie nicht erschlagen und ihren Hochzeitstag nicht mit Blut beflecken.

Nun hörte ihr Vater ihr willig genug zu, denn er hatte nicht die Absicht, Hendrika zu töten – er hatte ja sogar schon versprochen, es nicht zu tun. Aber die Leute wären anderer Ansicht; sie betrachteten Hendrika wie einen Teufel und hätten sie in Stücke gerissen, wenn man sie hätte nach ihrem Willen handeln lassen. Und die Sachlage wurde auch nicht durch Indaba-Zimbi gebessert, der schon einen großen Ruf wegen seiner Weisheit und Zauberkraft am Orte gewonnen hatte. Plötzlich erhob sich der alte Mann und hielt eine ganz leidenschaftliche Rede, worin er sie beschwor, Hendrika zu töten, da sonst noch mehr Unheil geschehen würde.

Zuletzt wurde die Sache sehr schlimm, denn zwei der Indunas traten vor, um das Urteil zu vollstrecken, und erst als Stella in Tränen ausbrach, trugen der Anblick ihres Schmerzes, Herrn Carsons Befehle und mein eigener Widerspruch den Sieg davon.

Die ganze Zeit über stand Hendrika völlig unbewegt. Endlich legte sich der Tumult, und der leitende Induna befahl ihr, wegzugehen, und versprach, daß sie, sobald sie ihr Antlitz wieder in den Kralen zeigte, wie ein Schakal totgestochen werden sollte. Dann sprach Hendrika mit leiser Stimme auf englisch zu Stella:

»Laß mich lieber töten, Herrin, es ist besser für uns alle. Ohne dich, die ich liebe, werde ich verrückt und wieder ein Pavian werden.«

Stella antwortete nicht, und sie machten sie frei. Dann schritt sie vor, und mit dem Ausdruck des Hasses auf die Eingeborenen blickend, wandte sie sich, ging an mir vorbei und flüsterte einen Kaffernspruch in mein Ohr, der wörtlich lautet: »bis zum nächsten Monde«, aber die Bedeutung des französischen »au revoir« hat.

Das ängstigte mich, denn es zeigte mir, daß sie meinte, sie wäre mit mir noch nicht fertig, und bewies, wie wenig angebracht unsere Barmherzigkeit war. Da sie sah, wie sich mein Gesicht veränderte, lief sie rasch fort, und als sie an Indaba-Zimbi vorbeieilte, riß sie ihm mit einer schnellen Bewegung ihr großes Messer aus der Hand. Als sie ungefähr zwanzig Schritte weit gegangen war, blieb sie stehen, blickte lange und ernsthaft auf Stella, stieß einen lauten Schrei, wie von Angst erpreßt, aus und entfloh. Wenige Augenblicke später sahen wir sie weit weg an einer fast senkrechten Klippe hinaufklettern – einer Klippe, die niemand außer ihr selbst und den Pavianen erklettern konnte. »Sieh«, sagte Indaba-Zimbi in mein Ohr, »sieh, Macumazahn, dort geht die Pavianfrau. Aber, Macumazahn, sie wird wiederkommen. Ah, willst du nicht auf meine Worte hören? Sind es nicht immer wahre Worte gewesen, Macumazahn?«, und er zog die Schultern in die Höhe und wandte sich ab.

Eine Zeitlang war ich sehr beunruhigt, aber auf alle Fälle war Hendrika jetzt fortgegangen, und Stella, mein geliebtes, liebliches Weib, saß an meiner Seite, und in ihrem Lächeln vergaß ich meine Furcht.

Was den Rest des Tages anbetrifft, was soll ich davon schreiben? – Es gibt Dinge, die zu glücklich, zu heilig sind, als daß man darüber schreiben könnte.

Wenigstens hatte ich, wenn auch nur für kurze Zeit, jene Ruhe gefunden, jene vollkommene Freude, welche wir beständig suchen und so selten erlangen.

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