Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Unbekannte Autoren >

Der wunderbare Hund

Unbekannte Autoren: Der wunderbare Hund - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer wunderbare Hund
authorAnonymus
translatorCosmo Pierio Bohemo
year1993
publisherFriedenauer Presse
addressBerlin
isbn3-921592-78-x
titleDer wunderbare Hund
pages3-8
created19990523
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Die VIII. Klasse

Erzählt, wie der Rozum dem Seil-Tänzer agieren hilft und endlich wegen ein paar Hühnern jämmerlich und elend abgefertigt worden ist.

Sobald wir nun unsere hungrigen Mägen in der Stadt befriedigt hatten, habe ich einen ziemlichen Durst bei mir empfunden; weil mir aber mein Herr nichts Rechtes zu trinken gab, so erwischte ich eine ziemliche Kanne voll Bier, und habe solche unter dem Lachen der Umstehenden rein ausgesoffen.

Mein neuer Herr aber verfügte sich zu dem Herrn Bürgermeister und erlangte da um gebührenden Zins, sich des Rathauses am folgenden Sonntag zu bedienen, sowohl die Leute mit seinem künstlichen Seil-Tanzen, Taschenspielen und Komödien-Agieren zu belustigen, als ihnen das Geld aus ihren Beuteln in den seinigen zu gaukeln.

Als der Sonntag kam, schlug unser Greger fast an allen Gassen Zettel an, ungefähr dieses Inhalts:

 

»Kund und zu wissen sei hiermit allen Liebhabern fremder und freier Künste und Geschwindigkeiten, daß allhier ein berühmter und kunstreicher Seil-Tänzer und Taschenspieler angekommen ist, welcher von einem edlen, ehrenfesten und wohlweisen Rat dieser Stadt Erlaubnis bekommen hat, heute Nachmittag um vier Uhr präzise seine Künste um Geld den Zuschauern auf dem Rathaus zu zeigen und zu präsentieren.

Es wird erstlich zu sehen sein ein künstlicher Seil-Tänzer, welcher einen kuriosen Tanz auf dem Seil, auf Eiern und mit angebundenem Degen vollführt. Zum anderen allerhand künstliche Sprünge, auch durch den Reifen über zwölf blanke Degen, und viel anderes mehr. Drittens eine Jungfrau, die 140 Fäden im stetigen Umdrehen in eine Nadel einfädeln wird. Viertens allerhand Geschwindigkeiten aus der Tasche. Fünftens auf dem Kopf stehen und in Gesundheit aller Zuschauer ein Glas Wein austrinken. Sechstens über ein Pferd mit gleichen Füßen springen. Siebentens dabei auch eine schöne Komödie vorstellen. Achtens ein künstliches Ballett von vier Mohren. Neuntens einen kuriosen Bauern-Tanz. Zehntens allerhand artige, von einem Hund niemals gesehene Künste, welcher auf den zwei hinteren Beinen allerhand Tänze machen, Bier und Wein trinken, Schildwacht stehen, Tabak schmauchen und andere unzählbare Künste mehr kann.

Wer nun Lust und Liebe hat, die abgemeldeten und noch viele andere Kunst-Stücke mehr zu sehen, der verfüge sich um vier Uhr nachmittags auf das Rathaus, so wird er um drei polnische Groschen wohl und aufs beste kontentiert werden.«

 

Als nun die Leute aus der Vesper gingen, nahm unser Pickelhering, welcher sich gebührendermaßen gekleidet hatte, eine Trompete, setzte sich auf ein Pferd und ritt blasend die Stadt auf und ab, die Leute herzulocken.

Hinter ihm führte mich des Gauklers ältester Sohn an einem Strick.

Unsere Trabanten waren ein Haufen Kinder, die uns nachliefen.

Weil ich nun sah, daß meine Hunds-Person auch mit agieren sollte, also lief ich neben meinen Pickelhering herbei und machte allerhand künstliche Pferd-Sprünge, daß die Buben, deren uns sehr viele nachliefen, an mir genug zu lachen, zu schreien und zu sehen hatten; und als wir schier an das Rathaus kamen, so tanzte ich auf den hinteren Beinen.

Mein Herr aber stand auf einer an das Rathaus gelehnten Leiter, fraß Werk, und spie Rauch und Feuer aus. Unter ihm war der kleinste Junge und spielte auf der Trommel.

Als nun ziemlich viele Leute zusammengekommen waren, verfügten wir uns auf das Rathaus.

Es wollten uns aber wenig nachfolgen, entweder daß die meisten kein Geld hatten oder doch auf solche Lust ein so geringes aus Kargheit oder Geiz nicht aufwenden oder wagen wollten; da doch mein Herr ziemlich lange gewartet hatte und sich sehr wenig Leute einstellen wollten, wurde mir endlich die Zeit selbst lange.

Es lag aber die Trommel vor mir auf der Erde; deshalb wollte ich zwar die Schlegel anfassen, eines für die Langeweile auf der Trommel zu spielen, welches ich vordem sehr wohl gekonnt. Es wollte aber wegen Ungeschicklichkeit meiner Pfoten nicht angehen; darum setzte ich mich vor die Trommel und schlug mit meinen Füßen einen Marsch, so gut es angehen wollte.

Mein Herr, der immer zusah, sagte zu mir: »Harre, harre, Rozum. Kannst du diese Kunst? Wart, wart, ich will dir ein wenig zum Handwerk helfen.«

Hiermit richtete er mich auf, band mir die Trommel, wie es sich am besten schicken wollte, an, ließ mir die beiden Schlegel an die Pfoten binden und ließ mich eines aufspielen. Welches mir auch so wohl abging, daß er dem Pickelhering befahl, mich auf der Gasse herumzuführen, ob vielleicht ein so künstlicher Hund mehr Spectatores herbeilocken möchte als sie.

Und das geschah auch in der Tat. Denn als ich auf der Gasse die Trommel rührte, liefen die Leute, die dergleichen Wunder vorher niemals gesehen hatten, so häufig zu, als ob sie toll gewesen wären.

In einer Viertelstunde war das Rathaus schon ziemlich angefüllt.

Daher mein Herr seine Possen auch anfing, welche ihm sehr gut vonstatten gingen.

Ich selbst agierte so wohl, daß sich alle Leute über mich verwunderten.

Und auf solche Weise half ich meinen Herrn bestens ernähren, welcher mich ja billig hätte wohl halten sollen.

 

Den andern Tag reisten wir aus der Ursache weiter, weil er von einem gehört hatte, daß ein Edelmann in der Nähe wäre, welcher eben dergleichen Hund gehabt hätte, welcher ihm aber davongelaufen sei.

Worauf mein Herr mutmaßte, daß ich eben derselbe Hund sein müßte.

Und damit er nicht etwa um einen ihm so nützlichen Hund kommen möchte, deshalb machte er sich mit mir aus dem Staube.

Er ließ mich auch nicht eher agieren, als bis wir in eine namhafte Stadt in Groß-Polen kamen.

Von da zogen wir in eine berühmte Wallfahrt, da ich denn alle Heiligen um Fürbitte anrief, daß mich Gott wieder wollte zu einem Menschen werden lassen. Und dieses tat ich in meinen Gedanken so inbrünstig, daß mir wider Hunds-Gewohnheit die Tränen aus den Augen herausflossen. Es wollte aber gleichwohl nichts helfen.

Mein Herr, der ein rechter Knauser und Knicker war, hielt mich dazu sehr übel. Denn ich mußte mich mit trockenem Brot behelfen und bekam kaum Wasser genug zu trinken, außer wenn ich agierte und etwa eine Gesundheit trinken sollte, welches mir denn sehr zu Herzen ging, weil Amtleute und Schösser nicht gewohnt sind, sich so schlecht zu behelfen.

Als wir da abreisen wollten, ließ mein Herr zwei Hühner abbraten, willens, solche mit auf den Weg zu nehmen.

Aber der Geruch davon machte mir das Maul über alle Maßen wäßrig, alldieweil ich schon lange Zeit meinen Magen mit keinem solchen Traktament versehen hatte.

Deshalb habe ich meine Gedanken um Rat gefragt, wie ich doch solcher Hühner möchte teilhaftig werden, welches mir auch glückte. Denn als die Frau die Hühner in ein reines Papier eingepackt und solche beiseite gelegt hatte, ertappte ich dieselben unvermerkterweise und wanderte damit zur Tür, welche eben offenstand, hinaus; ich wußte auch keine bessere Gelegenheit, solche unvermerkt zu verzehren, als den Stall.

Dahin verfügte ich mich, zerriß das Papier, und fraß das eine Huhn ohne Brot auf.

Als ich das andere auch angreifen wollte, hörte ich wegen der verlorenen Hühner einen großen Lärm im Hause, und insbesondere hörte ich, ›der verfluchte Hund muß es getan haben‹, über welche Reden ich so sehr erschrocken bin, daß mir der Appetit zum andern Huhn ziemlich vergangen war.

Da hätte man meinen Herrn sollen fluchen hören: Da mußten alle hunderttausend, alle Stadt-Graben voll heraus; da war ein Gedonner und Gehagel, daß mir die Haare zu Berge standen.

Ich wußte nicht, wie ich davonkommen sollte, und besorgte mich doch auch, man möchte mich in dem Stall finden.

Kaum hatte ich dieses gedacht, da kam mein Herr mit der Karbatsche und verfolgte mich damit so jämmerlich, daß ich mit gutem Gewissen sagen kann, ich sei mein Lebtag nicht so übel traktiert worden.

Der leichtfertige, liederliche, undankbare Kuckuck hatte auch die Tür zugemacht, daß ich nicht hinaus konnte.

Endlich, da ich vermeinte, er würde mich gar zutodepeitschen, resolvierte ich mich zu wehren, sprang ihm deswegen auf den Leib, ergriff ihn beim Hals und warf ihn zu Boden, willens, ihn fast gar zu erwürgen; worüber er so jämmerlich zu schreien anfing, daß Greger und der Wirt hinzuliefen und eilends die Tür aufbrachen, um ihm zu helfen.

Als ich dieses sah, sprang ich zur Tür hinaus, willens durchzugehen.

Der kleine Trommelschläger aber verschloß mir die Haustür, damit ich da auch nicht hinaus konnte, welches mich so schrecklich verdroß, daß ich ihn bei den Hosen faßte und über und über warf; worüber er kein geringeres Geschrei als sein Vater machte.

Ich versuchte zwar, die Tür aufzumachen, aber ich konnte nicht, weil mir der Wirt gar zu jählings auf den Hals kam, welcher machte, daß ich mich wieder zurück in den Hof retirieren mußte.

Er fing entsetzlich an zu schreien: »Meine Büchse her, geschwind, geschwind meine Büchse her! Der Hund ist toll, ich will ihm den Rest geben, ehe er noch ein weiteres Unglück anrichten tut.«

Mit was für Schrecken ich diese Worte angehört habe, will ich jedermann selbst urteilen lassen.

Es schickte sich aber mein Glück, ehe die Büchse hergeholt wurde, endlich noch so gut, daß die Haustür durch andere Leute aufgemacht wurde; deswegen ich solches gleich erblickte, und ehe jemand darauf achtgab, rannte ich im vollen Courier auf dieselbige zu; und obschon der Wirt, der Pickelhering und andere mehr in dem Haus standen und auf mich zuschrien, so hatten sie doch nicht das Herz, mich anzugreifen, aus Sorge, ich möchte sie anfallen und einen Schaden zufügen. Sie wichen mir zwar aus, aber sie schmissen mir doch zuguterletzt noch Steine, Besen, Prügel, Bretter, und was ein jeder als erstes erwischen konnte, auf den Leib nach.

Dessenungeachtet lief ich doch behend zum Tor hinaus und kehrte mich nicht im geringsten weder an das Schreien noch Werfen, sondern marschierte immer meine Wege fort.

Und das war der höfliche Abschied, den mir mein anderer Herr gab.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.