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Der wunderbare Hund

Unbekannte Autoren: Der wunderbare Hund - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer wunderbare Hund
authorAnonymus
translatorCosmo Pierio Bohemo
year1993
publisherFriedenauer Presse
addressBerlin
isbn3-921592-78-x
titleDer wunderbare Hund
pages3-8
created19990523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die VII. Klasse

Zeigt an, wie der Spanier einem Seil-Tänzer sein Leben erhalten hat, von demselben aufgenommen und von ihm Rozum genannt worden ist.

Diese meine üble Abfertigung verdroß mich nicht wenig, ich mußte aber gleichwohl daran denken, daß es in der Welt nicht anders hergehe. Es heißt:

Wer treulich dient und sich wohl hält,
Der hat viel Neider in der Welt.
Hier hat's das bös Gesind' getan,
Bis es mich hat gebracht davon.

Darum ich mich wohl zu erinnern wußte, daß ich vordem nicht einmal gesehen hatte, wie hoch die Fuchsschwänzer und Verleumder gehalten werden, und wie schimpflich öfters getreue aufrichtige Diener belohnt worden sind.

 

In diesen und dergleichen Gedanken wanderte ich immer durch den Wald, bis ich endlich an einen sehr dicken Busch kam, in welchem ich etwas rauschen hörte; weil ich aber befürchtete, es möchte ein Bär oder Wolf darin stecken, schlich ich fein sachte vorbei, um nicht vermerkt zu werden.

Im Vorbeigehen aber hörte ich eine Menschen-Stimme, welche mir ganz groß und grausam vorkam, daß ich mir alsbald einbildete, es müßten unfehlbar Räuber dahinter stecken, welches auch in der Tat sich also befand, denn es steckten eben zwei solche Diebe darin.

Deswegen stand ich still, um zu vernehmen, was für Leute es wären, und hörte, wie einer zu dem andern sagte: »Mich wundert, daß der Seil-Tänzer so lange ausbleibt.«

»Laß dich nicht verlangen«, sagte der andere, »er wird wohl noch kommen, seine dürren Kracken können so geschwind nicht fortkommen, als du wohl vermeinen möchtest. Halte nur deine Teschinke oder Büchse fertig, fasse ihn recht, daß er nicht mehr weit laufen kann. Meine Büchse aber will ich zur Reserve halten. Wenn er nur selbst recht getroffen würde, daß er fallen muß, so wird das andere unbewehrte Lumpen-Gesindel gewiß bald ausreißen; ich glaube fest, wir werden eine gute Beute erschnappen, weil ich selbst gesehen habe, was der Kerl für Geld eingenommen hat.«

Als sie dieses und dergleichen noch mehr redeten, hörte man von ferne einen Wagen kommen.

»Ins Gewehr«, sagte der eine Strauchhahn, »die Beute kommt gefahren.«

Ich stellte mich allernächst an sie, hinter einen großen Baum, begierig zu sehen, was endlich hieraus werden wollte, und entschloß mich, den Mord, wo möglich, zu hindern.

Indessen kam der Seil-Tänzer vor seinem Wagen hergegangen, auf seiner Achsel hatte er eine Büchse, und an der Seite einen Säbel.

Als er fast an das dicke Gebüsch kam, schlug der Mörder an, willens, dem armen Seil-Tänzer seinen Rest zu geben.

Ich aber sprang dem Strauchhahn auf den Hals mit einem grausamen Geschrei.

Ich kann nicht wissen, ob mein grimmiger Anfall oder des Räubers Schrecken oder beides zugleich verursacht hat, daß die Büchse zu zeitig und also ohne des Seil-Tänzers Schaden losgegangen ist.

Gewiß ist es, daß hierdurch der Seil-Tänzer unbeschädigt gewarnt worden ist; der sich denn bald hinter seinen Wagen retiriert und sein Gewehr fertiggemacht hat.

Der andere Strauchhahn aber, obwohl er über meinen unvermuteten Anfall sehr erschrocken war, nichtsdestoweniger ergriff er seinen Säbel, willens, mir eines damit zu versetzen.

Weil ich mir aber dieses vorher schon eingebildet hatte, erwischte ich ihn jählings, nachdem ich seinem Gesellen ein paar gute Löcher gebissen und ihm also zu einem ferneren Anfall ziemlich feige gemacht hatte.

Dennoch liefen sie auf den Wagen zu, der Verwundete zwar nur mit blankem Säbel, der andere aber mit seiner fertigen Büchse, diesen verfolgte ich und ergriff ihn beim Bein, daß er mitsamt der Büchse über und über fiel.

Durch welchen Fall des Seil-Tänzers Diener Mut faßte, dem Mörder die Büchse nahm und ihm selbige an den Kopf schlug.

Im Augenblick aber war der Schelm wieder auf den Beinen, und weil er sah, daß sie übermannt waren, ging er wieder zum Busch.

Sein verwundeter Gesell, als er dieses gewahr wurde, folgte bald nach.

Und ich verwunderte mich sehr, daß ihm der Seil-Tänzer nicht eine Kugel geschenkt hat, wie er es wohl hätte tun können. Ob ihn der Schrecken davon abgehalten oder ob er sich besorgt hat, es möchten ihn nach Lösung seiner Büchse noch mehr überfallen, daß er also solche zur höchsten Not hat sparen wollen, kann ich so eigentlich nicht wissen.

 

Als sie nun dieser augenscheinlichen Gefahr entgangen waren, packten sie des Seil-Tänzers Weib und Kinder in höchster Eil' auf den Wagen und jagten so geschwind durch den Wald, daß ich dachte, die Pferde würden sich zu Tode laufen.

Der Seil-Tänzer selbst und sein Pickelhering rannten auf ihrer Mutter Füllen dem Wagen in vollem Sporenstreich nach, und unsere Hunds-Person mit ihnen, bis wir ungefähr nach einer halben Stunde aus dem Wald kamen.

Da wir nun aus dem Wald waren, überlegten sie erst ihre überstandene Gefahr, da denn der Pickelhering, als er mich hinter ihm herzotteln sah, seinem Herr erzählte, daß ich allein ihnen aus so augenscheinlicher Lebens-Gefahr geholfen hatte.

Sein Herr aber wollte diesem keinen Glauben schenken, sondern sagte: »Der Hund gehört ohne Zweifel den Räubern zu, und weil er hier ist, werden seine Herren gewiß auch nicht gar weit mehr sein. Du, Kutscher, fahr wacker zu, damit uns die Schelme nicht vielleicht auch hier im freien Feld angreifen.«

Pickelhering beschwor seine Erzählung, so sehr er immer konnte. Der Seil-Tänzer aber hielt ihm noch immer Obstatt.

Als wir nun nicht mehr weit von einer Stadt waren, befahl der Seil-Tänzer, der Kutscher solle die Pferde ein wenig verschnaufen lassen.

Sie selbst setzten sich auf einen großen Stein, so an dem Wege lag. Ich aber lagerte mich nicht weit von ihnen, um ihre Rede zu vernehmen.

Als sie nun saßen und etwas ausruhten, fingen sie wieder an, von ihrer Gefahr zu reden.

Greger (so hieß der Pickelhering) rühmte mich abermals und rekommandierte mich seinem Herrn, bat zugleich, er wolle doch einen solchen stattlichen Hund nicht von sich lassen.

Der Seil-Tänzer aber sagte, was er mit einem so großen Hunde tun solle, er würde ihm so viel fressen als ein Kerl. Dazu wäre es ein ungewisses und gefährliches Ding, sich in dergleichen Räuber-Gefahr auf einen Hund zu verlassen.

Als ich diese abscheuliche Undankbarkeit vernahm, kam mir solches recht schmerzlich vor, und ich wäre auch aus großem Verdruß gewiß durchgegangen, wenn mich der Hunger und die Hoffnung nicht zurückgehalten hätten.

›O Schelm‹, dachte ich, ›sollte ich nicht verdient haben, von dir notdürftig unterhalten zu werden, da ich dir doch dein Leben erhalten habe?‹

Der Undank ist ein böses Tier;
Viel Schädliches quillt da hervor:
Denn anstatt des verdienten Lohns,
Trägt man oft Schand' und Spott davon.

Endlich gab mir der Hunger ein, ich sollte wieder meine Künste gebrauchen, weil ich mich erinnerte, daß ich vordem in der Schule gelernt habe, die Kunst findet allenthalben Nahrung.

Daher stellte ich mich auf die hinteren Beine, fing an zu tanzen und allerhand wunderbare Posituren zu machen.

Worüber des Seil-Tänzers Gesindel sich sehr verwunderte und zugleich beschloß, weil ich ihnen zu ihren Spielen als eine Person dienen könnte, mich zu behalten.

Gleich darauf versuchte der Seil-Tänzer allerhand Hunds-Exerzitien mit mir, die er etwa vordem mochte gesehen oder gehört haben, in welchen ich ihm so geschickt zu sein bedünkte, daß er sagte: »Ich hätte es nimmermehr vermeint, daß in einem Hund solche Geschicklichkeit hätte können gefunden werden; daher ist mir der Hund so lieb als ein Kerl, der noch so wohl agieren kann.«

Nach gehaltener Ruhe marschierten wir vollends in die Stadt hinein; unterwegs aber gaben sie mir den Namen Rozum, weil sie mich fast vernünftiger als einen Menschen zu sein schätzten.

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