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Der wunderbare Hund

Unbekannte Autoren: Der wunderbare Hund - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer wunderbare Hund
authorAnonymus
translatorCosmo Pierio Bohemo
year1993
publisherFriedenauer Presse
addressBerlin
isbn3-921592-78-x
titleDer wunderbare Hund
pages3-8
created19990523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die II. Klasse

Enthält in sich des Hundes erste Wanderschaft.

Ich hatte tausenderlei Gedanken und Anschläge, ehe ich aus unserm Dorf nach einem andern laufen wollte.

Endlich fiel mir ein, ich sollte allerlei Hunde-Künste lernen und so üben, daß ich darin auch perfektioniert werden möchte; wodurch ich mich bei jedermann beliebt machen könnte.

Sobald mir dieses eingefallen war, sobald versuchte ich auf den hinteren Beinen zu gehen.

Obgleich es anfänglich nicht hat angehen wollen, so habe ich jedoch durch fleißige Übung solches dermaßen erlernt, daß ich nicht nur aufrecht gehen, sondern auch tanzen und andere Possen machen konnte.

Darauf lief ich nun aus unserm Dorf hinaus und kam spät auf den Abend in einem andern Dorf an, und weil ich in dem Wirts-Hause einzukehren einige Bedenken trug, so verkroch ich mich in einer Scheuer und schlief darin.

 

Des anderen Tages lief ich weiter und kam gegen Mittag wieder in ein anderes Dorf, allwo mich mein Magen des ihm billig gebührenden Tributs erinnerte. Ich wußte mir aber nicht zu helfen noch zu raten, wie ich denselben kontentieren möchte.

Ich hätte zwar den Bauern die Hühner erwürgen und auffressen können, zu diesem Traktament aber fehlte mir der Koch. Darum trieb mich der Hunger so weit, daß ich anfing, den Bauern die Küchen und Töpfe zu visitieren.

Als ich mich nun in das nächste Haus hineingeschlichen hatte, stellte ich mich in einen finsteren Winkel bei der Küchen-Tür, um zu hören, ob jemand in der Küche wäre.

Aus dem säuischen Schmatz merkte ich, daß Leute darin essen täten, da streckte ich meine Ohren aus, um zu vernehmen, was weiter passieren möchte; endlich vernahm ich diese Worte:

»Mutter, ich habe euch schon viele Male fragen wollen, und habe doch allezeit besorgt, ihr möchtet deswegen böse werden; doch kann ich's nicht länger anstehen lassen: Mein, sagt mir doch, warum eßt ihr immer so verstohlen und allein in der Küche?«

»Liebe Haduscha«, sagte die Mutter, »ich tue solches nicht ohne wichtige Ursachen: Denn erstlich, wenn ich mich in der Küche ziemlich gestopft habe, so esse ich hernach bei Tisch desto weniger, auf daß das Gesinde ein Exempel der Mäßigkeit habe und sich nicht befresse wie die Schweine; denn sie möchten krank davon werden: Wer würde uns hernach die Arbeit verrichten?

Zum anderen siehst und weißt du selber, wie karg und knauserig dein Vater ist; wenn er sehen sollte, daß ich eine so starke Mahlzeit täte, so würde er nur sitzen, von der Mäßigkeit predigen, und ich müßte täglich hören, daß ich ihn arm fresse; auch hörst du ja täglich von ihm, wie er dem Gesinde von dieser Tugend öfters predigt. Sollte er nun wissen, daß ich bisweilen so ein gutes Bißchen zu mir nehme, besorgte ich mich, er möchte eine viel schärfere Straf-Predigt halten als neulich der Herr Johannes, da ihm die Knechte den schönen Hasen vor dem Fenster weggestohlen hatten.

Zum dritten siehst du ja selber, wie genau der Junker auf uns achtgibt und wie wenig Gutes er uns gönnt. Der nichtsnutzige Bauernschinder hat ja erst kürzlich gesagt, delikate Speisen sind den Bauern gar ungesund. Weißt du denn nicht mehr, wie es unserm Schwager Hansen gegangen war, da er seine Kind-Taufe ausgerichtet und den Tisch mit sechs Essen besetzt hatte? Mußte er nicht deswegen sechs Taler Strafe geben? Und als er bat, der Junker möchte ihm doch etwas nachlassen, sagte der Junker: ›Kannst du deine Gevattern mit sechs Speisen traktieren, so kannst du mir auch sechs Taler geben. Ich als eure Obrigkeit könnte es nicht verantworten, wenn ich euch so in Wollust und in Fressen und Saufen leben ließe. Denn wenn der Mensch zuviel frißt und säuft, so wird er geil, und dann folgt Unzucht und Ehebruch darauf. Haltet euch dafür fein mäßig, ihr Bauern, und arbeitet fleißig, so könnt ihr auch der Obrigkeit zu rechter Zeit die Zinsen abführen.‹

Meine liebe Haduscha, wenn der Junker wüßte, daß ich so viele Hühner, Tauben, Kapaunen, Enten, Gänse, Eierkuchen, Kräpfel, Schnecken, Pfannkuchen und dergleichen Schnabel-Weide in meinen Magen schickte, ich müßte gewiß mehr Zins-Hühner geben. Ja, wenn wir den Zins und die Steuer nicht alsbald abführten, so sollte er wohl sprechen: ›Könnt ihr so stattlich leben und Hühner und Gänse fressen, so könnt ihr auch Zins und Steuer bezahlen.‹ Der Blaufuß denkt ohnedies, die Bauern können keine guten Bißlein vertragen. Ja, selbst Herr Johannes, wenn er's wüßte, würde mich bald aufbieten, da er doch nichts sagt und stummer als ein Hund ist, wenn die Edelleute miteinander Tag und Nacht fressen, saufen und speien.«

»Ja, Mutter«, sagte Haduscha, »der Junker bittet auch Herrn Johannes (das ist der Pfarrer) immer zu Gaste, und wenn der Pfarrherr nur dabei ist, so sind sie nicht üppig, sondern nur fröhlich im Herrn; Sie saufen sich nicht voll, sondern trinken sich nur ein christliches Räuschlein an; sie buhlen nicht mit dem Frauen-Volk, sondern küssen einander in Ehren, das kann ja niemand wehren.«

 

Das war der Diskurs der beiden Weibs-Personen, welcher vielleicht länger gewährt hätte, wenn nicht der Bauer gerufen haben würde: »Casha, gibst du noch nicht zu essen?«

Die Mutter spricht zu der Haduscha: »Geschwind, steck den Tiegel in den Ofen, denn der Vater ruft.«

»Wie ist's?« sagte der Bauer. »Wo steckst du denn?«

»Jetzt komm' ich gleich«, antwortet die Bauern-Frau, »tust du doch, als wenn du wolf-hungrig wärst; hab ich doch auch noch keinen Bissen gegessen, und mich hungert gleichwohl noch nicht.«

Und hiermit trugen die Bäuerin und ihre Tochter das Essen auf, welches ein großer Topf Wasser-Suppe und eine Schüssel voll Hafer-Brei war.

 

Nachdem sie beide aus der Küche waren, schlich ich hinein, visitierte den Tiegel in dem Ofen, so ich kaum in der Geschwindigkeit finden konnte, weil sie ihn hinter die Ziegelsteine gesetzt hatten.

In demselben fand ich noch ein halbes Huhn.

Weil ich nun nicht Zeit hatte, solches in der Küche zu verzehren, so faßte ich es ins Maul und wollte damit durchgehen.

Als ich aber bei der Stuben-Tür vorbeilief, kam die Bäuerin gleich heraus und wurde meines Diebstahls gewahr.

Zu meinem Unglück hatte sie ein Stück Holz in der Hand, mit welchem sie mich so willkommen hieß, daß ich laut zu jauchzen anfing und zugleich meine Beute fallenzulassen gezwungen wurde.

Auf diesen Tumult kam der Bauer auch heraus und fragte, wo der Hund das Huhn hergenommen habe?

»Was kann ich wissen«, sagte die Frau, »vielleicht hat er's aus des Junkers Küche gestohlen.«

»Ja, hat sich wohl«, sagte der Bauer. »Das Huhn ist ja noch ganz brenn-heiß. Ich hab's lang gedacht, du Bestie, du fräßest heimlich: Wart, ich will dich lehren Hühner fressen.«

Hiermit erwischte der Bauer einen Prügel und segnete damit der Frau das Essen, und zu jedem Schlag sagte er: »He, willst du noch mehr Hühner fressen? Willst du noch mehr Hühner fressen?«

Die Frau hingegen dankte ihm mit solchen Worten, welche der jetzigen Welt-Manier nach solche Weiber im Munde führen: Denn sie hieß ihn einen Mörder, einen Galgenvogel, Bettelhund, Läuseknicker, Hurenhengst, Schnudelbutzen, eine Knupf-Nase, Saurüssel, einen Bärenhäuter, Teufels-Braten, Mordbrenner, Krücken-Reiter, Sau-Magen, Lumpen-Hund, und was ihr mehr dergleichen Ehren-Titel einfielen.

Nachdem ich dieses eine Weile mit ziemlicher Lust angesehen hatte, so besorgte ich mich, es möchte die Reihe auch noch einmal an mich kommen, ging deswegen weiter und ließ die beiden Leute hadern, so lange sie wollten.

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