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Der Wille zur Macht II

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Der Wille zur Macht II - Kapitel 8
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authorFriedrich Nietzsche
titleDer Wille zur Macht II
publisherAlfred Kröner Verlag in Leipzig
seriesNietzsches Werke Taschen-Ausgabe
volumeBand X
year1922
firstpub1884/88
correctorreuters@abc.de
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3. Der vornehme Mensch.

 

935.

Typus: Die wahre Güte, Vornehmheit, Größe der Seele, die aus dem Reichthum heraus: welche nicht giebt, um zu nehmen, – welche sich nicht damit erheben will, daß sie gütig ist; – die Verschwendung als Typus der wahren Güte, der Reichthum an Person als Voraussetzung.

 

936.

Aristokratismus. Die Heerdenthier-Ideale – jetzt gipfelnd als höchste Werthansetzung der »Societät«: Versuch, ihr einen kosmischen, ja metaphysischen Werth zu geben. – Gegen sie vertheidige ich den Aristokratismus.

Eine Gesellschaft, welche in sich jene Rücksicht und Delikatesse in Bezug auf Freiheit bewahrt, muß sich als Ausnahme fühlen und sich gegenüber eine Macht haben, gegen welche sie sich abhebt, gegen welche sie feindselig ist und herabblickt.

Je mehr ich Recht abgebe und mich gleichstelle, umso mehr gerathe ich unter die Herrschaft der Durchschnittlichsten, endlich der Zahlreichsten. Die Voraussetzung, welche eine aristokratische Gesellschaft in sich hat, um zwischen ihren Mitgliedern den hohen Grad von Freiheit zu erhalten, ist die extreme Spannung, welche aus dem Vorhandensein des entgegengesetzten Triebes bei allen Mitgliedern entspringt: des Willens zur Herrschaft ...

Wenn ihr die starken Gegensätze und Rangverschiedenheiten wegschaffen wollt, so schafft ihr die starke Liebe, die hohe Gesinnung, das Gefühl des Für-sich-seins auch ab.

*

Zur wirklichen Psychologie der Freiheits- und Gleichheits-Societät. – Was nimmt ab?

Der Wille zur Selbstverantwortlichkeit, Zeichen des Niedergangs der Autonomie; die Wehr- und Waffentüchtigkeit, auch im Geistigsten: die Kraft zu commandiren; der Sinn der Ehrfurcht, der Unterordnung, des Schweigen-könnens; die große Leidenschaft, die große Aufgabe, die Tragödie, die Heiterkeit.

 

937.

Augustin Thierry las 1814 Das, was de Montlosier in seinem Werke De la monarchie française gesagt hatte: er antwortete mit einem Schrei der Entrüstung und machte sich an sein Werk. Jener Emigrant hatte gesagt: Race d'affranchis, race d'esclaves arrachés de nos mains, peuple tributaire, peuple nouveau, licence vous fut octroyée d'être libres, et non pas à nous d'être nobles; pour nous tout est de droit, pour vontre tout est de grâce, nous ne sommes point de votre communauté; nous sommes un tout par nous-mêmes.

 

938.

Wie sich die aristokratische Welt immer mehr selber schröpft und schwach macht! Vermöge ihrer noblen Instinkte wirft sie ihre Vorrechte weg und vermöge ihrer verfeinerten Über-Cultur interessirt sie sich für das Volk, die Schwachen, die Armen, die Poesie des Kleinen u. s. w.

 

839.

Es giebt eine vornehme und gefährliche Nachlässigkeit, welche einen tiefen Schluß und Einblick gewährt: die Nachlässigkeit der selbstgewissen und überreichen Seele, die sich nie um Freunde bemüht hat, sondern nur die Gastfreundschaft kennt, immer nur Gastfreundschaft übt und zu üben versteht – Herz und Haus offen für Jedermann, der eintreten will, seien es nun Bettler oder Krüppel oder Könige. Dies ist die echte Leutseligkeit: wer sie hat, hat hundert »Freunde«, aber wahrscheinlich keinen Freund.

 

940.

Die Lehre μηδέν άγαν wendet sich an Menschen mit überströmender Kraft, – nicht an die Mittelmäßigen. Die έγχράτεια und άσχησις ist nur eine Stufe der Höhe: höher steht die »goldene Natur«.

» Du sollst« – unbedingter Gehorsam bei Stoikern, in den Orden des Christenthums und der Araber, in der Philosophie Kant's (es ist gleichgültig, ob einem Oberen, oder einem Begriff).

Höher als » du sollst« steht: » Ich will« (die Heroen); höher als »ich will« steht: » Ich bin« (die Götter der Griechen).

Die barbarischen Götter drücken nichts von der Lust am Maaß aus, – sind weder einfach, noch leicht, noch maasvoll.

 

941.

Der Sinn unsrer Gärten und Paläste (und insofern auch der Sinn alles Begehrens nach Reichtümern) ist: die Unordnung und Gemeinheit aus dem Auge sich zu schaffen und dem Adel der Seele eine Heimath zu bauen.

Die Meisten freilich glauben, sie werden höhere Naturen, wenn jene schönen ruhigen Gegenstände auf sie eingewirkt haben: daher die Jagd nach Italien und Reisen u. s. w., alles Lesen und Theater-Besuchen. Sie wollen sich formen lassen – das ist der Sinn ihrer Cultur-Arbeit! Aber die Starken, Mächtigen wollen formen und nichts Fremdes mehr um sich haben!

So gehen auch die Menschen in die große Natur, nicht um sich zu finden, sondern um sich in ihr zu verlieren und zu vergessen. Das » Außer-sich-sein« als Wunsch aller Schwachen und Mit-sich-Unzufriedenen.

 

942.

Es giebt nur Geburtsadel, nur Geblütsadel. (Ich rede hier nicht vom Wörtchen »von« und dem Gothaischen Kalender: Einschaltung für Esel.) Wo von »Aristokraten des Geistes« geredet wird, da fehlt es zumeist nicht an Gründen, Etwas zu verheimlichen; es ist bekanntermaaßen ein Leibwort unter ehrgeizigen Juden. Geist allein nämlich adelt nicht; vielmehr bedarf es erst Etwas, das den Geist adelt. – Wessen bedarf es denn dazu? Des Geblüts.

 

943.

Was ist vornehm?

– Die Sorgfalt im Äußerlichsten, insofern diese Sorgfalt abgrenzt, fernhält, vor Verwechslung schützt.

– Der frivole Anschein in Wort, Kleidung, Haltung, mir dem eine stoische Härte und Selbstbezwingung sich vor aller unbescheidenen Neugierde schützt.

– Die langsame Gebärde, auch der langsame Blick. Es giebt nicht zu viel werthvolle Dinge: und diese kommen und wollen von selbst zu dem Werthvollen. Wir bewundern schwer.

– Das Ertragen der Armuth und der Dürftigkeit, auch der Krankheit.

– Das Ausweichen vor kleinen Ehren, und Mißtrauen gegen Jeden, welcher leicht lobt: denn der Lobende glaubt daran, daß er verstehe, was er lobe: verstehen aber – Balzac hat es verrathen, dieser typisch Ehrgeizige – comprendre c'est égaler.

– Unser Zweifel an der Mittheilbarkeit des Herzens geht in die Tiefe; die Einsamkeit nicht als gewählt, sondern als gegeben.

– Die Überzeugung, daß man nur gegen Seines-Gleichen Pflichten hat, gegen die Andern sich nach Gutdünken verhält: daß nur inter pares auf Gerechtigkeit zu hoffen (leider noch lange nicht zu rechnen) ist.

– Die Ironie gegen die »Begabten«, der Glaube an den Geburtsadel auch im Sittlichen.

– Immer sich als Den fühlen, der Ehren zu vergeben hat: während nicht häufig sich Jemand findet, der ihn ehren dürfte.

– Immer verkleidet: je höherer Art, um so mehr bedarf der Mensch des Incognito's. Gott, wenn es einen gäbe, dürfte, schon aus Anstandsgründen, sich nur als Mensch in der Welt bezeigen.

– Die Fähigkeit zum otium, der unbedingten Überzeugung, daß ein Handwerk in jedem Sinne zwar nicht schändet, aber sicherlich entadelt. Nicht »Fleiß« im bürgerlichen Sinne, wie hoch wir ihn auch zu ehren und zu Geltung zu bringen wissen, oder wie jene unersättlich gackernden Künstler, die es wie Hühner machen, gackern und Eier legen und wieder gackern.

– Wir beschützen die Künstler und Dichter und wer irgend worin Meister ist: aber als Wesen, die höherer Art sind, als diese, welche nur Etwas können, als die bloß «produktiven Menschen«, verwechseln wir uns nicht mit ihnen.

– Die Lust an den Formen; das In-Schutz-nehmen alles Förmlichen, die Überzeugung, daß Höflichkeit eine der großen Tugenden ist; das Mißtrauen gegen alle Arten des Sich-gehen-lassens, eingerechnet alle Preß- und Denkfreiheit, weil unter ihnen der Geist bequem und tölpelhaft wird und die Glieder streckt.

– Das Wohlgefallen an den Frauen, als an einer vielleicht kleineren, aber feineren und leichteren Art von Wesen. Welches Glück, Wesen zu begegnen, die immer Tanz und Thorheit und Putz im Kopfe haben! Sie sind das Entzücken aller sehr gespannten und tiefen Mannsseelen gewesen, deren Leben mit großer Verantwortlichkeit beschwert ist.

– Das Wohlgefallen an den Fürsten und Priestern, weil sie den Glauben an eine Verschiedenheit der menschlichen Werthe selbst noch in der Abschätzung der Vergangenheit zum Mindesten symbolisch und im Ganzen und Großen sogar tatsächlich aufrecht erhalten. – Das Schweigen-können: aber darüber kein Wort vor Hörern.

– Das Ertragen langer Feindschaften: der Mangel an der leichten Versöhnlichkeit.

– Der Ekel am Demagogischen, an der »Aufklärung«, an der »Gemütlichkeit«, an der pöbelhaften Vertraulichkeit.

– Das Sammeln kostbarer Dinge, die Bedürfnisse einer hohen und wählerischen Seele; Nichts gemein haben wollen. Seine Bücher, seine Landschaften.

– Wir lehnen uns gegen schlimme und gute Erfahrungen auf und verallgemeinern nicht so schnell. Der einzelne Fall: wie ironisch sind wir gegen den einzelnen Fall, wenn er den schlechten Geschmack hat, sich als Regel zu gebärden!

– Wir lieben das Naive und die Naiven, aber als Zuschauer und höhere Wesen; wir finden Faust ebenso naiv als sein Gretchen.

– Wir schätzen die Guten gering, als Heerdenthiere: wir wissen, wie unter den schlimmsten, bösartigsten, härtesten Menschen oft ein unschätzbarer Goldtropfen von Güte sich verborgen hält, welcher alle bloße Gutartigkeit der Milchseelen überwiegt.

– Wir halten einen Menschen unserer Art nicht widerlegt durch seine Laster, noch durch seine Thorheiten. Wir wissen, daß wir schwer erkennbar sind, und daß wir Alle Gründe haben, uns Vordergründe zu geben.

 

944.

Was ist vornehm? – Daß man sich beständig zu repräsentiren hat. Daß man Lagen sucht, wo man beständig Gebärden nöthig hat. Daß man das Glück der großen Zahl überläßt: Glück als Frieden der Seele, Tugend, comfort, englisch-engelhaftes Krämerthum à la Spencer. Daß man instinktiv für sich schwere Verantwortungen sucht. Daß man sich überall Feinde zu schaffen weiß, schlimmsten Falls noch aus sich selbst. Daß man der großen Zahl nicht durch Worte, sondern durch Handlungen beständig widerspricht.

 

945.

Die Tugend (z. B. als Wahrhaftigkeit) als unser vornehmer und gefährlicher Luxus; wir müssen nicht die Nachtheile ablehnen, die er mit sich bringt.

 

946.

Kein Lob haben wollen: man thut, was einem nützlich ist oder was einem Vergnügen macht oder was man thun muß.

 

947.

Was ist Keuschheit am Manne? Daß sein Geschlechts-Geschmack vornehm geblieben ist; daß er in eroticis weder das Brutale, noch das Krankhafte, noch das Kluge mag.

 

948.

Der » Ehr-Begriff«: beruhend auf dem Glauben an »gute Gesellschaft«, an ritterliche Hauptqualitäten, an die Verpflichtung, sich fortwährend zu repräsentiren. Wesentlich: daß man sein Leben nicht wichtig nimmt; daß man unbedingt auf respektvollste Manieren hält, seitens Aller, mit denen man sich berührt (zum Mindesten so weit sie nicht zu » uns« gehören); daß man weder vertraulich, noch gutmüthig, noch lustig, noch bescheiden ist, außer inter pares; daß man sich immer repräsentirt.

 

949.

Daß man sein Leben, seine Gesundheit, seine Ehre auf's Spiel setzt, das ist die Folge des Übermuthes und eines überströmenden, verschwenderischen Willens: nicht aus Menschenliebe, sondern weil jede große Gefahr unsre Neugierde in Bezug auf das Maaß unsrer Kraft, unsres Muthes herausfordert.

 

950.

»Geradezu stoßen die Adler.« – Die Vornehmheit der Seele ist nicht am wenigsten an der prachtvollen und stolzen Dummheit zu erkennen, mit der sie angreift, – »geradezu«.

 

951.

Krieg gegen die weichliche Auffassung der » Vornehmheit«! – ein Quantum Brutalität mehr ist nicht zu erlassen: so wenig als eine Nachbarschaft zum Verbrechen. Auch die »Selbstzufriedenheit« ist nicht darin; man muß abenteuerlich auch zu sich stehen, versucherisch, verderberisch, – Nichts von Schönseelen-Salbaderei –. Ich will einem robusteren Ideale Luft machen.

 

952.

»Das Paradies ist unter dem Schatten der Schwerter« – auch ein Symbolon und Kerbholz-Wort, an dem sich Seelen vornehmer und kriegerischer Abkunft verrathen und errathen.

 

953.

Die zwei Wege. – Es kommt ein Zeitpunkt, wo der Mensch Kraft im Überfluß zu Diensten hat: die Wissenschaft ist darauf aus, diese Sklaverei der Natur herbeizuführen.

Dann bekommt der Mensch Muße: sich selbst auszubilden, zu etwas Neuem, Höherem. Neue Aristokratie. Dann werden eine Menge Tugenden überlebt, die jetzt Existenzbedingungen waren. – Eigenschaften nicht mehr nöthig haben, folglich sie verlieren. Wir haben die Tugenden nicht mehr nöthig: folglich verlieren wir sie (– sowohl die Moral vom »Eins ist noth«, vom Heil der Seele, wie der Unsterblichkeit: sie waren Mittel, um dem Menschen eine ungeheure Selbstbezwingung zu ermöglichen, durch den Affekt einer ungeheuren Furcht : : :).

Die verschiedenen Arten Noth, durch deren Zucht der Mensch geformt ist: Noth lehrt arbeiten, denken, sich zügeln.

*

Die physiologische Reinigung und Verstärkung. Die neue Aristokratie hat einen Gegensatz nöthig, gegen den sie ankämpft: sie muß eine furchtbare Dringlichkeit haben, sich zu erhalten.

Die zwei Zukünfte der Menschheit: 1) die Konsequenz der Vermittelmäßigung; 2) das bewußte Abheben, Sich-Gestalten.

Eine Lehre, die eine Kluft schafft: sie erhält die oberste und die niedrigste Art (sie zerstört die mittlere).

Die bisherigen Aristokraten, geistliche und weltliche, beweisen Nichts gegen die Nothwendigkeit einer neuen Aristokratie.

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