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Der Wille zur Macht II

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Der Wille zur Macht II - Kapitel 4
Quellenangabe
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authorFriedrich Nietzsche
titleDer Wille zur Macht II
publisherAlfred Kröner Verlag in Leipzig
seriesNietzsches Werke Taschen-Ausgabe
volumeBand X
year1922
firstpub1884/88
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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2. Das Individuum.

 

766.

Grundfehler: die Ziele in die Heerde und nicht in einzelne Individuen zu legen! Die Heerde ist Mittel, nicht mehr! Aber jetzt versucht man, die Heerde als Individuum zu verstehen und ihr einen höheren Rang als dem Einzelnen zuzuschreiben, – tiefstes Mißverständniß!! Insgleichen Das, was heerdenhaft macht, die Mitgefühle, als die werthvollere Seite unsrer Natur zu charakterisiren!

 

767.

Das Individuum ist etwas ganz Neues und Neuschaffendes, etwas Absolutes, alle Handlungen ganz sein Eigen.

Die Werthe für seine Handlungen entnimmt der Einzelne zuletzt doch sich selber: weil er auch die überlieferten Worte sich ganz individuell deuten muß. Die Auslegung der Formel ist mindestens persönlich, wenn er auch keine Formel schafft: als Ausleger ist er immer noch schaffend.

 

768.

Das »Ich« unterjocht und tödtet: es arbeitet wie eine organische Zelle: es raubt und ist gewaltthätig. Es will sich regeneriren – Schwangerschaft. Es will seinen Gott gebären und alle Menschheit ihm zu Füßen sehen.

 

769.

Jedes Lebendige greift so weit um sich mit seiner Kraft, als es kann, und unterwirft sich das Schwächere: so hat es seinen Genuß an sich. Die zunehmende »Vermenschlichung« in dieser Tendenz besteht darin, daß immer feiner empfunden wird, wie schwer der Andere wirklich einzuverleiben ist: wie die grobe Schädigung zwar unsre Macht über ihn zeigt, zugleich aber seinen Willen uns noch mehr entfremdet, – also ihn weniger unterwerfbar macht.

 

770.

Welcher Grad von Widerstand beständig überwunden werden muß, um obenauf zu bleiben, das ist das Maaß der Freiheit, sei es für Einzelne, sei es für Gesellschaften: Freiheit nämlich als positive Macht, als Wille zur Macht angesetzt. Die höchste Form der Individual-Freiheit, der Souveränität wüchse demnach, mit großer Wahrscheinlichkeit, nicht fünf Schritt weit von ihrem Gegensatze auf, dort wo die Gefahr der Sklaverei gleich hundert Damoklesschwertern über dem Dasein hängt. Man gehe daraufhin durch die Geschichte: die Zeiten, wo das »Individuum« bis zu jener Vollkommenheit reif, das heißt frei wird, wo der classische Typus des souveränen Menschen erreicht ist: oh nein! das waren niemals humane Zeiten!

Man muß keine Wahl haben: entweder obenauf – oder unten, wie ein Wurm, verhöhnt, vernichtet, zertreten. Man muß Tyrannen gegen sich haben, um Tyrann, d.h. frei zu werden. Es ist kein kleiner Vortheil, hundert Damoklesschwerter über sich zu haben: damit lernt man tanzen, damit kommt man zur »Freiheit der Bewegung«.

 

771.

Der Mensch, mehr als jedes andre Thier, ursprünglich altruistisch: – daher seine langsame Entwicklung (Kind) und hohe Ausbildung, daher auch die außerordentliche, letzte Art von Egoismus. – Die Raubthiere sind viel individueller.

 

772.

Zur Kritik der »Selbstsucht«. – Die unfreiwillige Naivetät des La Rochefoucauld, welcher glaubt, etwas Kühnes, Freies und Paradoxes zu sagen – damals war die »Wahrheit« in psychologischen Dingen Etwas, das erstaunen machte – Beispiel: »les grandes âmes ne sont pas celles qui ont moins de passions et plus de vertus que les âmes communes, mais seulement celles qui ont de plus grands desseins«. – Freilich: John Stuart Mill (der Chamfort den edleren und philosophischeren La Rochefoucauld des 18. Jahrhunderts nennt –) sieht in ihm nur den scharfsinnigsten Beobachter alles Dessen in der menschlichen Brust, was auf »gewohnheitsmäßige Selbstsucht« zurückgeht, und fügt hinzu: »ein edler Geist wird es nicht über sich gewinnen, sich die Nothwendigkeit einer dauernden Betrachtung von Gemeinheit und Niedrigkeit aufzulegen, es wäre denn, um zu zeigen, gegen welche verderblichen Einflüsse sich hoher Sinn und Adel des Charakters siegreich zu behaupten vermag.«

 

773.

Morphologie der Selbstgefühle.

Erster Gesichtspunkt: inwiefern die Mitgefühls- und Gemeinschafts-Gefühle die niedrigere, die vorbereitende Stufe sind, zur Zeit, wo das Personal-Selbstgefühl, die Initiative der Werthsetzung im Einzelnen noch gar nicht möglich ist.

Zweiter Gesichtspunkt: inwiefern die Höhe des Collektiv-Selbstgefühls, der Stolz auf die Distanz des Clan's, das Sich-ungleich-fühlen, die Abneigung gegen Vermittelung, Gleichberechtigung, Versöhnung eine Schule des Individual-Selbstgefühls ist: namentlich insofern sie den Einzelnen zwingt, den Stolz des Ganzen zu repräsentiren: – er muß reden und handeln mit einer extremen Achtung vor sich, insofern er die Gemeinschaft in Person darstellt. Insgleichen: wenn das Individuum sich als Werkzeug und Sprachrohr der Gottheit fühlt.

Dritter Gesichtspunkt: inwiefern diese Formen der Entselbstung thatsächlich der Person eine ungeheure Wichtigkeit geben: insofern höhere Gewalten sich ihrer bedienen: religiöse Scheu vor sich selbst Zustand des Propheten, Dichters.

Vierter Gesichtspunkt: inwiefern die Verantwortlichkeit für das Ganze dem Einzelnen einen weiten Blick, eine strenge und furchtbare Hand, eine Besonnenheit und Kälte, eine Großartigkeit der Haltung und Gebärde anerzieht und erlaubt, welche er nicht um seiner selbst willen sich zugestehen würde.

In summa: die Collektiv-Selbstgefühle sind die große Vorschule der Personal- Souveränetät. Der vornehme Stand ist der, welcher die Erbschaft dieser Übung macht.

 

774.

Die maskirten Arten des Willens zur Macht:

  1. Verlangen nach Freiheit, Unabhängigkeit, auch nach Gleichgewicht, Frieden, Coordination. Auch der Einsiedler, die »Geistesfreiheit«. In niedrigster Form: Wille überhaupt dazusein, »Selbsterhaltungstrieb«.
  2. Die Einordnung, um im größeren Ganzen dessen Willen zur Macht zu befriedigen: die Unterwerfung, das Sich-unentbehrlich-machen, -nützlich-machen bei Dem, der die Gewalt hat; die Liebe, als ein Schleichweg zum Herzen des Mächtigeren, – um über ihn zu herrschen.
  3. Das Pflichtgefühl, das Gewissen, der imaginäre Trost, zu einem höheren Rang zu gehören, als die thatsächlich Gewalthabenden; die Anerkennung einer Rangordnung, die das Richten erlaubt, auch über die Mächtigeren; die Selbstverurtheilung; die Erfindung neuer Werthtafeln (Juden: classisches Beispiel).

 

775.

Das Lob, die Dankbarkeit als Wille zur Macht. – Lob und Dankbarkeit bei Ernte, gutem Wetter, Sieg, Hochzeit, Frieden: – die Feste brauchen alle ein Subjekt, gegen welches hin sich das Gefühl entladet. Man will, daß Alles, was einem Gutes geschieht, einem angethan ist: man will den Thäter. Ebenso vor einem Kunstwerk: man begnügt sich nicht an ihm: man lobt den Thäter. – Was ist also Loben? Eine Art Ausgleichung in Bezug auf empfangene Wohlthaten, ein Zurückgeben, ein Bezeigen unserer Macht, – denn der Lobende bejaht, urtheilt, schätzt ab, richtet: er gesteht sich das Recht zu, bejahen zu können, Ehre austheilen zu können. Das erhöhte Glücks- und Lebensgefühl ist auch ein erhöhtes Machtgefühl: aus dem heraus lobt der Mensch (– aus dem heraus erfindet und sucht er einen Thäter, ein » Subjekt« –). Die Dankbarkeit als die gute Rache: am strengsten gefordert und geübt, wo Gleichheit und Stolz zugleich aufrecht erhalten werden soll, wo am besten Rache geübt wird.

 

776.

Zum »Macchiavellismus« der Macht.

Der Wille zur Macht erscheint

a) bei den Unterdrückten, bei Sklaven jeder Art als Wille zur » Freiheit«: bloß das Loskommen scheint das Ziel (moralisch-religiös: »nur seinem eignen Gewissen verantwortlich«; »evangelische Freiheit« u.s.w.);

b) bei einer stärkeren und zur Macht heranwachsenden Art als Wille zur Übermacht; wenn zunächst erfolglos, dann sich einschränkend auf den Willen zur » Gerechtigkeit«, d.h. zu dem gleichen Maaß von Rechten, wie die herrschende Art sie hat;

c) bei den Stärksten, Reichsten, Unabhängigsten, Muthigsten als » Liebe zur Menschheit«, zum »Volk«, zum Evangelium, zur Wahrheit, Gott; als Mitleid; »Selbstopferung« u.s.w.; als Überwältigen, Mit-sich-fortreißen, In-seinen-Dienst-nehmen, als instinktives Sich-in-Eins-rechnen mit einem großen Quantum Macht, dem man Richtung zu geben vermag: der Held, der Prophet, der Cäsar, der Heiland, der Hirt; (– auch die Geschlechtsliebe gehört hierher: sie will die Überwältigung, das In-Besitz-nehmen, und sie erscheint als Sich-hingeben. Im Grunde ist es nur die Liebe zu seinem »Werkzeug«, zu seinem »Pferd«, – seine Überzeugung davon, daß ihm das und das zugehört, als Einem, der im Stande ist, es zu benutzen).

»Freiheit«, »Gerechtigkeit« und » Liebe«!!! –

 

777.

Liebe. – Seht hinein: diese Liebe, dieses Mitleid der Weiber – giebt es etwas Egoistischeres?... Und wenn sie sich opfern, ihre Ehre, ihren Ruf, wem opfern sie sich? Dem Manne? Oder nicht vielmehr einem zügellosen Bedürfnisse? – Das sind genau so selbstsüchtige Begierden: ob sie nun Anderen wohlthun und Dankbarkeit einpflanzen...

Inwiefern eine derartige Hyperfötation Einer Werthung alles Übrige heiligen kann!!

 

778.

»Sinne«, »Leidenschaften«. – Die Furcht vor den Sinnen, vor den Begierden, vor den Leidenschaften, wenn sie so weit geht, dieselben zu widerrathen, ist ein Symptom bereits von Schwäche: die extremen Mittel kennzeichnen immer anormale Zustände. Was hier fehlt, resp. angebröckelt ist, das ist die Kraft zur Hemmung eines Impulses: wenn man den Instinkt hat, nachgeben zu müssen, d.h. reagiren zu müssen, dann thut man gut, den Gelegenheiten (»Verführungen«) aus dem Wege zu gehn.

Ein »Anreiz der Sinne« ist nur insofern eine Verführung, als es sich um Wesen handelt, deren System zu leicht beweglich und bestimmbar ist: im entgegengesetzten Falle, bei großer Schwerfälligkeit und Härte des Systems, sind starke Reize nöthig, um die Funktionen in Gang zu bringen.

Die Ausschweifung ist uns ein Einwand nur gegen Den, der zu ihr kein Recht hat; und fast alle Leidenschaften sind in schlechten Ruf Derentwegen gebracht, die nicht stark genug sind, sie zu ihrem Nutzen zu wenden –.

Man muß sich darüber verstehn, daß gegen Leidenschaft eingewendet werden kann, was gegen Krankheit einzuwenden ist: trotzdem – wir dürften der Krankheit nicht entbehren, und noch weniger der Leidenschaften. Wir brauchen das Anormale, wir geben dem Leben einen ungeheuren choc durch diese großen Krankheiten.

Im Einzelnen ist zu unterscheiden:

1) die dominirende Leidenschaft, welche sogar die supremste Form der Gesundheit überhaupt mit sich bringt: hier ist die Koordination der innern Systeme und ihr Arbeiten in Einem Dienste am besten erreicht, – aber das ist beinahe die Definition der Gesundheit!

2) das Gegeneinander der Leidenschaften, die Zweiheit, Dreiheit, Vielheit der »Seelen in Einer Brust«: sehr ungesund, innerer Ruin, auseinanderlösend, einen inneren Zwiespalt und Anarchismus verrathend und steigernd –: es sei denn, daß Eine Leidenschaft endlich Herr wird. Rückkehr der Gesundheit

3) das Nebeneinander, ohne ein Gegeneinander und Füreinander zu sein: oft periodisch, und dann, sobald es eine Ordnung gefunden hat, auch gesund. Die interessantesten Menschen gehören hierher, die Chamäleons; sie sind nicht im Widerspruch mit sich, sie sind glücklich und sicher, aber sie haben keine Entwicklung, – ihre Zustände liegen neben einander, wenn sie auch siebenmal getrennt sind. Sie wechseln, sie werden nicht.

 

779.

Die Quantität im Ziele in ihrer Wirkung auf die Optik der Werthschätzung: der große Verbrecher und der kleine. Die Quantität im Ziele des Gewollten entscheidet auch bei dem Wollenden selbst, ob er vor sich dabei Achtung hat oder kleinmüthig und miserabel empfindet. –

Sodann der Grad der Geistigkeit in den Mitteln in ihrer Wirkung auf die Optik der Werthschätzung. Wie anders nimmt sich der philosophische Neuerer, Versucher und Gewaltmensch aus gegen den Räuber, Barbaren und Abenteurer! – Anschein des »Uneigennützigen«.

Endlich vornehme Manieren, Haltung, Tapferkeit, Selbstvertrauen, – wie verändern sie die Werthung Dessen, was auf diese Art erreicht wird!

*

Zur Optik der Werthschätzung:

Einfluß der Quantität (groß, klein) des Zweckes.

Einfluß der Geistigkeit in den Mitteln.

Einfluß der Manieren in der Aktion.

Einfluß des Gelingens oder Mißlingens.

Einfluß der gegnerischen Kräfte und deren Werth.

Einfluß des Erlaubten und Verbotenen,.

 

780.

Die Kunstgriffe, um Handlungen, Maaßregeln, Affekte zu ermöglichen, welche, individuell gemessen, nicht mehr »statthaft«, – auch nicht mehr »schmackhaft« sind:

die Kunst »macht sie uns schmackhaft«, die uns in solche »entfremdete« Welten eintreten läßt;

der Historiker zeigt ihre Art Recht und Vernunft; die Reisen; der Exotismus; die Psychologie; Strafrecht; Irrenhaus; Verbrecher; Sociologie;

die » Unpersönlichkeit« (sodaß wir als Media eines Collectivwesens uns diese Affekte und Handlungen gestatten – Richtercollegien, Jury, Bürger, Soldat Minister, Fürst, Societät, »Kritiker« –) giebt uns das Gefühl, als ob wir ein Opfer brächten...

 

781.

Die Präokkupation mit sich und seinem »ewigen Heile« ist nicht der Ausdruck einer reichen und selbstgewissen Natur: denn diese fragt den Teufel danach, ob sie selig wird, – sie hat kein solches Interesse am Glück irgendwelcher Gestalt, sie ist Kraft, That, Begierde, – sie drückt sich den Dingen auf, sie vergreift sich an den Dingen. Christenthum ist eine romantische Hypochondrie Solcher, die nicht auf festen Beinen stehn.

Überall, wo die hedonistische Perspektive in den Vordergrund tritt, darf man auf Leiden und eine gewisse Mißrathenheit schließen.

 

782.

Die »wachsende Autonomie des Individuums«: davon reden diese Pariser Philosophen, wie Fouillée: sie sollten doch nur die race moutonnière ansehen, die sie selber sind. Macht doch die Augen auf, ihr Herren Zukunfts-Sociologen! Das Individuum ist stark geworden unter umgekehrten Bedingungen: ihr beschreibt die äußerste Schwächung und Verkümmerung des Menschen, ihr wollt sie selbst und braucht den ganzen Lügenapparat des alten Ideals dazu! ihr seid derart, daß ihr eure Heerdenthier-Bedürfnisse wirklich als Ideal empfindet!

Der vollkommene Mangel an psychologischer Rechtschaffenheit!

 

783.

Scheinbar entgegengesetzt die zwei Züge, welche die modernen Europäer kennzeichnen: das Individualistische und die Forderung gleicher Rechte: das verstehe ich endlich. Nämlich, das Individuum ist eine äußerst verwundbare Eitelkeit: – diese fordert, bei ihrem Bewußtsein wie schnell sie leidet, daß jeder Andere ihm gleichgestellt gelte, daß er nur inter pares sei. Damit ist eine gesellschaftliche Rasse charakterisirt, in welcher tatsächlich die Begabungen und Kräfte nicht erheblich auseinandergehn. Der Stolz, welcher Einsamkeit und wenige Schätzer will, ist ganz außer Verständniß; die ganz »großen« Erfolge giebt es nur durch Massen, ja man begreift es kaum noch, daß ein Massen-Erfolg immer eigentlich ein kleiner Erfolg ist: weil pulchrum est paucorum hominum.

Alle Moralen wissen Nichts von »Rangordnung« der Menschen; die Rechtslehrer Nichts vom Gemeinde-Gewissen. Das Individual-Princip lehnt die ganz großen Menschen ab und verlangt, unter ungefähr Gleichen, das feinste Auge und die schnellste Herauserkennung eines Talentes; und weil Jeder Etwas von Talenten hat, in solchen späten und civilisirten Culturen, – also erwarten kann, sein Theil Ehre zurückzubekommen –, deshalb findet heute ein Herausstreichen der kleinen Verdienste statt wie niemals noch: es giebt dem Zeitalter einen Anstrich von grenzenloser Billigkeit. Seine Unbilligkeit besteht in einer Wuth ohne Grenzen nicht gegen die Tyrannen und Volksschmeichler, auch in den Künsten, sondern gegen die vornehmen Menschen, welche das Lob der Vielen verachten. Die Forderung gleicher Rechte (z. B. über Alles und Jeden zu Gericht sitzen zu dürfen) ist anti-aristokratisch.

Ebenso fremd ist ihm das verschwundene Individuum, das Untertauchen in einen großen Typus, das Nicht-Person-sein-wollen: worin die Auszeichnung und der Eifer vieler hohen Menschen früher bestand (die größten Dichter darunter); oder »Stadt-sein« wie in Griechenland; Jesuitismus, preußisches Officier-Corps und Beamtenthum; oder Schüler-sein und Fortsetzer großer Meister: wozu ungesellschaftliche Zustände und der Mangel der kleinen Eitelkeit nöthig ist.

 

784.

Der Individualismus ist eine bescheidene und noch unbewußte Art des »Willens zur Macht«; hier scheint es dem Einzelnen schon genug, freizukommen von einer Übermacht der Gesellschaft (sei es des Staates oder der Kirche). Er setzt sich nicht als Person in Gegensatz, sondern bloß als Einzelner; er vertritt alle Einzelnen gegen die Gesammtheit. Das heißt: er setzt sich instinktiv gleich an mit jedem Einzelnen; was er erkämpft, das erkämpft er nicht sich als Person, sondern sich als Vertreter Einzelner gegen die Gesammtheit.

Der Socialismus ist bloß ein Agitationsmittel des Individualismus: er begreift, daß man sich, um Etwas zu erreichen, zu einer Gesammtaktion organisiren muß, zu einer »Macht«. Aber was er will, ist nicht die Societät als Zweck des Einzelnen, sondern die Societät als Mittel zur Ermöglichung vieler Einzelnen: – das ist der Instinkt der Socialisten, über den sie sich häufig betrügen (– abgesehen, daß sie, um sich durchzusetzen, häufig betrügen müssen). Die altruistische Moral-Predigt im Dienste des Individual-Egoismus: eine der gewöhnlichsten Falschheiten des neunzehnten Jahrhunderts.

Der Anarchismus ist wiederum bloß ein Agitationsmittel des Socialismus; mit ihm erregt er Furcht, mit der Furcht beginnt er zu fasciniren und zu terrorisiren: vor Allem – er zieht die Muthigen, die Gewagten auf seine Seite, selbst noch im Geistigsten.

Trotzalledem: der Individualismus ist die bescheidenste Stufe des Willens zur Macht.

*

Hat man eine gewisse Unabhängigkeit erreicht, so will man Mehr: es tritt die Sonderung heraus nach dem Grade der Kraft: der Einzelne setzt sich nicht ohne Weiteres mehr gleich, sondern er sucht nach seines Gleichen, – er hebt Andere von sich ab. Auf den Individualismus folgt die Glieder- und Organbildung: die verwandten Tendenzen sich zusammenstellend und sich als Macht bethätigend: zwischen diesen Machtcentren Reibung, Krieg, Erkenntniß beiderseitiger Kräfte, Ausgleichung, Annäherung, Festsetzung von Austausch der Leistungen. Am Schluß: eine Rangordnung.

Recapitulation:

  1. Die Individuen machen sich frei;
  2. sie treten in Kampf, sie kommen über »Gleichheit der Rechte« überein (– »Gerechtigkeit« als Ziel–);
  3. ist das erreicht, so treten die thatsächlichen Ungleichheiten der Kraft in eine vergrößerte Wirkung (weil im Großen Ganzen der Friede herrscht und viele kleine Kraft-Quanta schon Differenzen ausmachen, solche, die früher fast gleich null waren). Jetzt organisiren sich die Einzelnen zu Gruppen; die Gruppen streben nach Vorrechten und nach Übergewicht. Der Kampf, in milderer Form, tobt von Neuem.

Man will Freiheit, solange man noch nicht die Macht hat. Hat man sie, will man Übermacht; erringt man sie nicht (ist man noch zu schwach zu ihr), will man » Gerechtigkeit«, d. h. gleiche Macht.

 

785.

Berichtigung des Begriffs »Egoismus«. – Hat man begriffen, inwiefern »Individuum« ein Irrthum ist, sondern jedes Einzelwesen eben der ganze Proceß in gerader Linie ist (nicht bloß »vererbt«, sondern er selbst –), so hat das Einzelwesen eine ungeheuer große Bedeutung. Der Instinkt redet darin ganz richtig. Wo dieser Instinkt nachläßt, – wo das Individuum sich einen Werth erst im Dienst für Andere sucht, kann man sicher auf Ermüdung und Entartung schließen. Der Altruismus der Gesinnung, gründlich und ohne Tartüfferie, ist ein Instinkt dafür, sich wenigstens einen zweiten Werth zu schaffen, im Dienste anderer Egoismen. Meistens aber ist er nur scheinbar: ein Umweg zur Erhaltung des eigenen Lebensgefühls, Werthgefühls.

 

786.

Geschichte der Vermoralisirung und Entmoralisirung.

Erster Satz: Es giebt gar keine moralischen Handlungen: sie sind vollkommen eingebildet. Nicht nur, daß sie nicht nachweisbar sind (was z. B. Kant zugab und das Christentum insgleichen), – sondern sie sind gar nicht möglich. Man hat einen Gegensatz zu den treibenden Kräften erfunden, durch ein psychologisches Mißverständnis;, und glaubt eine andere Art von ihnen bezeichnet zu haben; man hat ein primum mobile fingirt, das gar nicht existirt. Nach der Schätzung, welche überhaupt den Gegensatz »moralisch« und »unmoralisch« aufgebracht hat, muß man sagen: es giebt nur unmoralische Absichten und Handlungen.

Zweiter Satz: Diese ganze Unterscheidung »moralisch« und »unmoralisch« geht davon aus, daß sowohl die moralischen als die unmoralischen Handlungen Akte der freien Spontaneität seien, – kurz daß es eine solche gebe, oder anders ausgedrückt: daß die moralische Beurtheilung überhaupt sich nur auf Eine Gattung von Absichten und Handlungen beziehe, die freien. Aber diese ganze Gattung von Absichten und Handlungen ist rein imaginär: die Welt, an welche der moralische Maaßstab allein anlegbar ist, existirt gar nicht: – es giebt weder moralische, noch unmoralische Handlungen.

*

Der psychologische Irrthum, aus dem der Gegensatz-Begriff »moralisch« und »unmoralisch« entstanden ist: »selbstlos«, »unegoistisch«, »selbstverleugnend« – Alles unreal, fingirt.

Fehlerhafter Dogmatismus in Betreff des »ego«: dasselbe als atomistisch genommen, in einem falschen Gegensatz zum »Nicht-Ich«; insgleichen aus dem Werden herausgelöst, als etwas Seiendes. Die falsche Versubstanzialisirung des Ich: diese (in dem Glauben an die individuelle Unsterblichkeit) besonders unter dem Druck religiös-moralischer Zucht zum Glaubensartikel gemacht. Nach dieser künstlichen Loslösung und An-und-für-sich-Erklärung des ego hatte man einen Werth-Gegensatz vor sich, der unwidersprechlich schien: das Einzel- ego und das ungeheure Nicht-Ich. Es schien handgreiflich, daß der Werth des Einzel- ego nur darin liegen könne, sich auf das ungeheure »Nicht-Ich« zu beziehen, resp. sich ihm unterzuordnen und um seinetwillen zu existiren. – Hier waren die Heerden-Instinkte bestimmend: Nichts geht so sehr wider diese Instinkte, als die Souveränität des Einzelnen. Gesetzt aber, das ego ist begriffen als ein An-und-für-sich, so muß sein Werth in der Selbstverneinung liegen.

Also:

  1. die falsche Verselbständigung des »Individuums«, als Atom;
  2. die Heerden-Würdigung, welche das Atom- bleiben-wollen perhorrescirt und als feindlich empfindet;
  3. als Folgerung: Überwindung des Individuums durch Verlegung seines Ziels;
  4. nun schien es Handlungen zu geben, welche selbstverneinend waren: man phantasirte um sie eine ganze Sphäre von Gegensätzen herum;
  5. man fragte: in welchen Handlungen bejaht sich der Mensch am stärksten? Um diese (Geschlechtlichkeit, Habsucht, Herrschsucht, Grausamkeit u.s.w.) wurde der Bann, der Haß, die Verachtung gehäuft: man glaubte, daß es unselbstische Triebe giebt, man verwarf alle selbstischen, man verlangte die unselbstischen;
  6. Folge davon: was hatte man gethan? Man hatte die stärksten, natürlichsten, mehr noch, die einzig realen Triebe in Bann gethan, – man mußte, um eine Handlung fürderhin lobenswerth zu finden, in ihr die Anwesenheit solcher Triebe leugnen: – ungeheure Fälscherei in psychologicis. Selbst jede Art »Selbstzufriedenheit« hatte sich erst dadurch wieder möglich zu machen, daß man sich sub specie boni mißverstand und zurechtlegte. Umgekehrt: jene Species, welche ihren Vortheil davon hatte, dem Menschen seine Selbstzufriedenheit zu nehmen (die Repräsentanten des Heerden-Instinkts, z. B. die Priester und Philosophen), wurde fein und psychologisch-scharfsichtig, zu zeigen, wie überall doch die Selbstsucht herrsche. Christlicher Schluß: » Alles ist Sünde; auch unsre Tugenden. Absolute Verwerflichkeit des Menschen. Die selbstlose Handlung ist nicht möglich«. Erbsünde. Kurz: nachdem der Mensch seinen Instinkt in Gegensatz zu einer rein imaginären Welt des Guten gebracht hatte, endete er mit Selbstverachtung, als unfähig, Handlungen zu thun, welche »gut« sind.

NB

Das Christenthum bezeichnet damit einen Fortschritt in der psychologischen Verschärfung des Blicks: La Rochefoucauld und Pascal. Es begriff die Wesensgleichheit der menschlichen Handlungen und ihre Werth-Gleichheit in der Hauptsache (– alle unmoralisch).

*

Nun machte man Ernst, Menschen zu bilden, in denen die Selbstsucht getödtet ist: – die Priester, die Heiligen. Und wenn man zweifelte an der Möglichkeit, »vollkommen« zu werden, man zweifelte nicht, zu wissen, was vollkommen ist.

Die Psychologie des Heiligen, des Priesters, des »guten Menschen« mußte natürlich rein phantasmagorisch ausfallen. Man hatte die wirklichen Motive des Handelns für schlecht erklärt: man mußte, um überhaupt noch handeln zu können, Handlungen vorschreiben zu können, Handlungen, die gar nicht möglich sind, als möglich beschreiben und gleichsam heiligen. Mit derselben Falschheit, mit der man verleumdet hatte, hat man nunmehr verehrt und veridealisirt.

Das Wüthen gegen die Instinkte des Lebens als »heilig«, verehrungswürdig. Die absolute Keuschheit, der absolute Gehorsam, die absolute Armuth: priesterliches Ideal. Almosen, Mitleiden, Aufopferung, Verleugnung des Schönen, der Vernunft, der Sinnlichkeit, moroser Blick für alle starken Qualitäten, die man hat: Laien-Ideal.

*

Man kommt vorwärts: die verleumdeten Instinkte suchen sich auch ein Recht zu schaffen (z. B. Luther's Reformation: gröbste Form der moralischen Verlogenheit unter der »Freiheit des Evangeliums«), – man tauft sie um auf heilige Namen;

: die verleumdeten Instinkte suchen sich als nothwendig zu beweisen, damit die tugendhaften überhaupt möglich sind; man muß vivre, pour vivre pour autrui: Egoismus als Mittel zum Zweck;

: man geht weiter, man sucht sowohl den egoistischen als den altruistischen Regungen ein Existenz-Recht zu geben: Gleichheit der Rechte für die einen, wie für die andern (vom Gesichtspunkt des Nutzens);

: man geht weiter, man sucht die höhere Nützlichkeit in der Bevorzugung des egoistischen Gesichtspunktes gegenüber dem altruistischen: nützlicher in Hinsicht auf das Glück der Meisten oder die Förderung der Menschheit u. s. w. Also: ein Übergewicht an Rechten des Egoismus, aber unter einer extrem altruistischen Perspektive (»Gesammt-Nutzen der Menschheit«); : man sucht die altruistische Handlungsweise mit der Natürlichkeit zu versöhnen, man sucht das Altruistische auf dem Grunde des Lebens; man sucht das Egoistische wie das Altruistische als gleich begründet im Wesen des Lebens und der Natur;

: man träumt von einem Verschwinden des Gegensatzes in irgend einer Zukunft, wo, durch fortgesetzte Anpassung, das Egoistische auch zugleich das Altruistische ist;

: endlich, man begreift, daß die altruistischen Handlungen nur eine Species der egoistischen sind, – und daß der Grad, in dem man liebt, sich verschwendet, ein Beweis ist für den Grad einer individuellen Macht und Personalität. Kurz, daß man, indem man den Menschen böser macht, ihn besser macht, – und daß man das Eine nicht ohne das Andere ist... Damit geht der Vorhang auf vor der ungeheuren Fälschung der Psychologie des bisherigen Menschen.

*

Folgerungen: es giebt nur unmoralische Absichten und Handlungen; – die sogenannten moralischen sind also als Unmoralitäten nachzuweisen. Die Ableitung aller Affekte aus dem Einen Willen zur Macht: wesensgleich. Der Begriff des Lebens: – es drücken sich in dem anscheinenden Gegensatze (von »gut und böse«) Machtgrade von Instinkten aus, zeitweilige Rangordnung, unter der gewisse Instinkte im Zaum gehalten werden oder in Dienst genommen werden. – Rechtfertigung der Moral: ökonomisch u.s.w.

*

Gegen den zweiten Satz. Der Determinismus: Versuch, die moralische Welt zu retten, dadurch, daß man sie translocirt – in's Unbekannte. Der Determinismus ist nur ein modus, unsre Wertschätzungen eskamotiren zu dürfen, nachdem sie in der mechanistisch-gedachten Welt keinen Platz haben. Man muß deshalb den Determinismus angreifen und unterminiren: insgleichen unser Recht zu einer Scheidung einer An-sich-und Phänomenal-Welt bestreiten.

 

787.

Die absolute Notwendigkeit ganz von Zwecken zu befreien: sonst dürfen wir auch nicht versuchen, uns zu opfern und gehen zu lassen! Erst die Unschuld des Werdens giebt uns den größten Muth und die größte Freiheit!

 

788.

Dem bösen Menschen das gute Gewissen zurückgeben – ist das mein unwillkürliche« Bemühen gewesen? und zwar dem bösen Menschen, insofern er der starke Mensch ist? (Das Urtheil Dostoiewsky's über die Verbrecher der Gefängnisse ist hierbei anzuführen.)

 

789.

Unsre neue »Freiheit«. – Welches Freiheitsgefühl liegt darin, zu empfinden wie wir befreiten Geister empfinden, daß wir nicht in ein System von »Zwecken« eingespannt sind! Insgleichen, daß der Begriff »Lohn« und »Strafe« nicht im Wesen des Daseins seinen Sitz hat! Insgleichen, daß die gute und die böse Handlung nicht an sich, sondern nur in der Perspektive der Erhaltungs-Tendenzen gewisser Arten von menschlichen Gemeinschaften aus gut und böse zu nennen ist! Insgleichen, daß unsre Abrechnungen über Lust und Schmerz keine kosmische, geschweige denn eine metaphysische Bedeutung haben! (– jener Pessimismus, der Pessimismus des Herrn von Hartmann, der Lust und Unlust des Daseins selbst auf die Wagschale zu setzen sich anheischig macht, mit seiner willkürlichen Einsperrung in das vorkopernikanische Gefängniß und Gesichtsfeld, würde etwas Rückständiges und Rückfälliges sein, falls er nicht nur ein schlechter Witz eines Berliners ist.)

 

790.

Ist man über das »Warum?« seines Lebens mit sich im Reinen, so giebt man dessen Wie? leichten Kaufs dahin. Es ist selbst schon ein Zeichen von Unglauben an Warum, an Zweck und Sinn, ein Mangel an Willen, wenn der Werth von Lust und Unlust in den Vordergrund tritt und hedonistisch-pessimistische Lehren Gehör finden; und Entsagung, Resignation, Tugend, »Objektivität« können zum Mindesten schon Zeichen davon sein, daß es an der Hauptsache zu mangeln beginnt.

 

791.

Es gab bisher noch keine deutsche Cultur. Gegen diesen Satz ist es kein Einwand, daß es in Deutschland große Einsiedler gab (– Goethe z.B.): denn diese hatten ihre eigene Cultur. Gerade aber um sie herum, gleichsam wie um mächtige, trotzige, vereinsamt hingestellte Felsen, lag immer das übrige deutsche Wesen als ihr Gegensatz, nämlich wie ein weicher, mooriger, unsicherer Grund, auf dem jeder Schritt und Tritt des Auslandes »Eindruck« machte und »Formen« schuf: die deutsche Bildung war ein Ding ohne Charakter, eine beinahe unbegrenzte Nachgiebigkeit.

 

792.

Deutschland, welches reich ist an geschickten und wohlunterrichteten Gelehrten, ermangelt in einem solchen Maaße seit langer Zeit der großen Seelen, der mächtigen Geister, daß es verlernt zu haben scheint, was eine große Seele, was ein mächtiger Geist ist: und heutzutage stellen sich, beinahe mit gutem Gewissen und aller Verlegenheit bar, mittelmäßige und dazu noch übelgerathene Menschen an den Markt und preisen sich selber als große Männer, Reformatoren an; wie z. B. Eugen Dühring thut, wahrhaftig ein geschickter und wohlunterrichteter Gelehrter, der aber doch fast mit jedem Worte verräth, daß er eine kleinliche Seele herbergt und durch enge neidische Gefühle zerquetscht wird; auch daß nicht ein mächtiger, überschäumender, wohlthätig-verschwenderischer Geist ihn treibt, – sondern der Ehrgeiz! In diesem Zeitalter aber nach Ehren zu geizen, ist eines Philosophen noch viel unwürdiger als in irgend einem früheren Zeitalter: jetzt wo der Pöbel herrscht, wo der Pöbel die Ehren vergiebt!

 

793.

Meine »Zukunft«: – eine stramme Polytechniker-Bildung. Militärdienst: sodaß durchschnittlich jeder Mann der höheren Stände Officier ist, er sei sonst, wer er sei.

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