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Der Wille zur Macht II

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Der Wille zur Macht II - Kapitel 2
Quellenangabe
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authorFriedrich Nietzsche
titleDer Wille zur Macht II
publisherAlfred Kröner Verlag in Leipzig
seriesNietzsches Werke Taschen-Ausgabe
volumeBand X
year1922
firstpub1884/88
correctorreuters@abc.de
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Einleitung

Ende Winter 1888 beendete mein Bruder die Gesammtconception seines Hauptwerkes, den »Willen zur Macht«, dessen Entstehung wir in der Einleitung und dem Nachbericht des IX. Bandes von Schritt zu Schritt verfolgt haben. Mit welchen Gefühlen mag nun der Autor dieses Werk abgeschlossen haben? Sicher mit den Empfindungen einer ungeheuren Erhebung, eines Siegesgefühls ohne Gleichen! Aber ebenso sicher mit einer unaussprechlichen Sehnsucht nach jenen höheren Menschen, denen dies Werk geweiht sein sollte. – Seit dem Zarathustra suchte er nach ihnen. »Wenn ich mich jetzt nach einer langen freiwilligen Vereinsamung wieder den Menschen zuwende: und wenn ich rufe: wo seid ihr, meine Freunde? – so geschieht dies um großer Dinge willen.«

»Ich will einen neuen Stand schaffen: einen Ordensbund höherer Menschen, bei denen sich bedrängte Geister und Gewissen Raths erholen können; welche gleich mir nicht nur jenseits der politischen und religiösen Glaubenslehren zu leben wissen, sondern auch die Moral überwunden haben.«

Welche Anschauungen sollten nun wohl diese von ihm gesuchten höheren Menschen haben oder zu welchen sollten sie geführt werden? Ich glaube, daß der Autor des »Willens zur Macht« ungefähr folgende Gedankengänge bei ihnen voraussetzte:

Jahrtausende lang haben die außerordentlichen Menschen daran gearbeitet, die uns umgebende Welt sich erklärbar zu machen. Sie waren Schöpfer von Allem, was uns umgiebt – von Allem aber auch, was in uns lebt. Aber die Größten selbst wagten bisher nicht, sich selbst zuzumessen, daß sie mit ihrem Willen zur Macht sich die ganze Welt denkbar, fühlbar, erklärbar gemacht hatten. Das war ihre größte Bescheidenheit, daß sie all ihre höchsten Zustände als passiv erlitten und nicht als aktiv aufzufassen wagten. Deshalb wurden die lebenbejahenden Griechen, die ihre natürlichen Triebe verklärten und vergöttlichten, Schöpfer einer Götterwelt von Gestalten der größten Schönheit und Kraft, denen sie nicht nur ihre höchsten Augenblicke zuschrieben, sondern auch alles Furchtbare und Unerklärliche in ihrem Geschick aufbürdeten; – deshalb schufen die lebenverneinenden Christen, die ihre natürlichen Triebe in Laster verwandelt hatten, eine jenseitige Welt, wo ihre für das Leben unmöglichen Ideale Erfüllung und Belohnung finden sollten. Nun hat aber der Mensch immer mehr das Weltall und die Kräfte des Weltalls sich zu unterjochen gesucht, und je mehr er es versuchte, sich diese Welt erklärbar und dienstbar zu machen, desto mehr sah er auch, gerade vermöge der Methode der Wissenschaft, daß es die höchsten Geister der Menschen gewesen sind, die diese Welt für die Menschheit immer neu geschaffen haben, indem sie ihr immer wieder einen neuen Sinn unterlegten. Aber alles Das, was jene herrlichen Vorfahren schufen, war im Verhältniß zu dem, was sie wirklich für wahr hielten, d.h. was für ihre Lebensbedingungen wahr sein mußte. Nun fragt es sich jetzt: sind unsere heutigen Anschauungen noch den Lebensbedingungen, d.h. dem Aufwärtssteigen der Menschheit gemäß? Und wenn wir nun auch die größte Dankbarkeit für Alles festhalten, was die Religion, Moral und Philosophie bisher geschaffen hat, so fühlen wir doch, daß jetzt unserm Erkennen und unsern Lebensbedingungen außerdem noch andere und neue Werthe entsprechen müssen. Wir haben die bisherigen Werthe zwar für den Schwachen, Durchschnittlichen und Elenden als nützlich erkannt, aber schädlich für die einzelnen Hervorragenden, weil sie in ihrer Selbstsicherheit, in ihrer Kraft unsicher wurden und anstatt immer mehr zur Vollkommenheit zu gelangen, durch die bisher allein herrschenden Ideale der Mittelmäßigkeit zurückgehalten und entkräftet wurden; denn was für die Mittelmäßigen die größte Wohlthat sein kann, wird für die Höchsten oft zum Gift, – aber auch umgekehrt!

So dachte sich der Autor des »Willens zur Macht«, daß die höheren Menschen, zu denen er sprechen wollte, denken sollten; an sie wollte er sich wenden und ihnen zurufen: Auf, auf, ihr höheren Menschen, schafft euch neue Wege und neue Werthe, die nur für die Höchsten und Stärksten gelten sollen und die Welt mit allem Schweren nicht verkleinern, sondern als das Beste und Wünschenswertheste erscheinen lassen. Eure Vorfahren haben die Welt nach ihren Gedanken gebaut, und weil ihre Geister noch mannigfach beengt waren, eine jenseitige Welt darüber erhoben und erschaffen. Nun macht ihr höchsten Menschen aus dieser unserer Erde eine verklärte heroische Welt voller Kämpfe und Siege in allem Geistigen und Körperlichen. Und aus euch selbst macht das Beste, was in eurer Macht liegt! macht euch zu Gottmenschen, die den Glauben an den Menschen wieder möglich machen! Denn dies war die Sehnsucht, die mein Bruder durch sein ganzes Leben verfolgt hat, daraufhin zielten alle seine Pläne und Absichten: daß der vollkommene, das Leben rechtfertigende Mensch, daß der Übermensch uns zu theil werde.

»Was hält man sonst nicht aus von Noth, Entbehrung, bösem Wetter, Siechthum, Mühsal, Vereinsamung! Im Grunde wird man mit allem Übrigen fertig, geboren wie man ist, zu einem unterirdischen und kämpfenden Dasein; man kommt immer wieder einmal an's Licht, man erlebt immer wieder seine goldene Stunde des Siegs – und dann steht man da, wie man geboren ist, unzerbrechbar, gespannt, zu Neuem, zu noch Schwererem, Fernerem bereit, wie ein Bogen, den alle Noth immer nur noch straffer anzieht. – Aber von Zeit zu Zeit gönnt mir – gesetzt, daß es himmlische Gönnerinnen giebt, jenseits von Gut und Böse – einen Blick, gönnt mir Einen Blick nur auf etwas Vollkommenes, zu-Ende-Gerathenes, Glückliches, Mächtiges, Triumphirendes, an dem es noch etwas zu fürchten giebt! Auf einen Menschen, der den Menschen rechtfertigt, auf einen complementären und erlösenden Glücksfall des Menschen, um deswillen man den Glauben an den Menschen festhalten darf!«

Aber auch für uns Mittelmäßige öffnet sich eine neue Welt von Glück, auch uns soll der das Leben rechtfertigende Mensch vor Augen stehen. Wir dürfen aber dabei den guten Muth zu uns selber haben, wir werden uns prüfen, worin wir unser Bestes leisten, wodurch wir unserm Leben so viel Werth wie nur möglich geben können; wir werden die »kleine Eitelkeit« ablegen und uns klar werden, daß wir nicht selbst Werke der höchsten Vollkommenheit leisten, auch nicht Führer und Entdecker sein können, und werden glücklich sein, daß wir vielleicht in einem »großen Typus untertauchen« dürfen. Unser Stolz wird wieder darin liegen, den Höchsten zu dienen, Schüler und Werkzeug zu sein, oder einer machtvollen, ausgezeichneten Institution anzugehören, z. B. Deutschlands Officiercorps oder Beamtenthum (auf beides hat der Philosoph Nietzsche immer wieder als auf unsern gerechtfertigtsten Stolz hingewiesen); oder zu jenen Gelehrten, Ärzten und Lehrern der alten und neuen Welt zu gehören, die gleichfalls die Instinkte unseres tüchtigen Militärs im Leibe haben und denen mein Bruder nachrühmt, »daß sie befehlen können und wieder auf eine stolze Weise gehorchen; daß sie in Reih und Glied stehen, aber fähig sind, jederzeit auch zu führen; daß sie die Gefahr dem Behagen vorziehen; das Erlaubte und Unerlaubte nicht in einer Krämerwage wiegen; dem Mesquinen, Schlauen, Parasitischen mehr feind sind, als dem Bösen«. Eine solche Gesinnung und Handlungsweise wollte der Philosoph Nietzsche wieder rechtfertigen oder dazu erziehen, – denn sie führt zur Höhe.

Professor Simmel bemerkt dazu: »Es kommt bei Nietzsche darauf an, ›daß man gegen Mühsal, Härte, Entbehrung, selbst gegen das Leben gleichgültiger wird; daß die männlichen, die kriegs- und siegsfrohen Instinkte die Herrschaft haben über andere Instinkte, z. B. über die des Glücks' und anderswo: ›alle Denkweisen, welche nach Lust und Leid, d. h. nach Begleitzuständen und Nebensachen, den Werth der Dinge messen, sind Naivetäten, auf welche Jeder, der sich gestaltender Kräfte bewußt ist, nicht ohne Spott, auch nicht ohne Mitleid herabblicken wird.‹ Damit hat die sittliche Aufgabe eine ganz neue Formulirung erfahren. Kein Moralgesetz, das eine abstrakte Vernunft uns auferlegt, das den ganzen lebendigen Menschen einem einseitigen Ideal opferte, der Vernunft oder dem Gemüth, der Religion oder dem Staat; sondern auf die Kräfte und Eigenschaften, die die Gattung Mensch höher entwickeln, kommt alles an, – aber nicht darauf, ob das Ich oder das Du sich dabei wohlfühlt oder nicht. Der Altruismus, der nur nach dem Glücke des Nächsten fragt, darf so wenig ein Endziel sein, wie der Egoismus, der dem eigenen Glück nachläuft. Über die enge Alternative des gewöhnlichen sittlichen Bewußtseins: ob man für das eigene Wohl oder das des Anderen sorgen soll – geht Nietzsche weit hinweg. Die Vollendung des Menschen, die objektive Höhe seiner Qualitäten ist zum Ziel gemacht. Es ist ein völlig sachliches, über alle Subjektivität und ihre bloßen Gefühle erhobenes Ideal, dessen Inhalt freilich menschliche Qualitäten und ihre Steigerungen bilden. Daß die Menschen von adliger Gesinnung, von sieghafter Stärke des Leibes und der Seele, von vertieftem Denken und Wollen seien, das ist das objektiv Werthvolle, damit schließt sich die ethische Zielsetzung – nicht aber damit, daß diese Vollkommenheiten nun erst rückwirkend Jemanden »erfreuten«. Der Anspruch »sich auszuleben«, der unter der Berufung auf Nietzsche eine bloße Genußsucht zu verstecken pflegt, offenbart so seine ganze Rechtlosigkeit: das Recht, nach dem Glücke des Du nicht zu fragen, fordert, daß man auch nach dem Glück des Ich nicht frage, sondern nur nach den Beschaffenheiten der Seele, nach ihren Energien, ihren Tiefen, ihren Schönheiten, die unsere Gattung auf die Stufe höherer Vollendung führen und jenseits alles persönlichen Genießens oder Leidens stehen.« –

Das Frühjahr 1888 verlebte mein Bruder zum ersten Mal in Turin. Er hatte zunächst nur an einen kurzen Aufenthalt gedacht, fühlte sich aber vom dortigen Klima so günstig beeinflußt, daß er dort längere Zeit Aufenthalt nahm. Von der Stadt selbst war er ganz entzückt und schreibt darüber an unsere Mutter: »Hier giebt es eine herrliche trockene Luft, die ich noch nicht in einer Stadt gefunden habe. Sehr anregend, sehr Appetit machend; es gab Tage, wo ich wie im Engadin zu sein glaubte. Die Nähe des Hochgebirges ist dabei der entscheidende Faktor: auf drei Seiten von Turin hat man die Schneealpen vor sich. Hübsch in der Ferne natürlich: aber doch so, daß man mitten in der Stadt direkt in die Hochgebirgs-Welt hineinschaut: wie als ob die Straßen darin endeten. – Turin ist eine prachtvolle und vornehme Stadt, mit schönen Plätzen und Palästen überhäuft. Eigentlich ist es die einzige Stadt, in der ich gern lebe. Ihr Stolz sind die herrlichen hochraumigen Portict. Säulen- und Hallengänge, die alle Hauptstraßen entlang laufen, so großartig, wie man im ganzen Europa seinen Begriff hat, überdies weit hin die Stadt durchziehend, in einer Gesammtausdehnung von 10020 Meter (d.h. zwei Stunden gut zu marschiren). Damit ist man gegen jedes Wetter geschützt: und eine Sauberkeit, eine Schönheit von Stein und Marmor, daß man wie in einem Salon zu sein glaubt.«

Zunächst hatte er sich, wie er an Brandes schreibt, mit freudigster Arbeitskraft an den »Willen zur Macht« begeben und an eine neue Gruppirung des gesammten Stoffs gedacht, was sicherlich der beste Beweis seiner Unternehmungslust und Kraft war. Während dieser Arbeit aber wurde er plötzlich auf ein bestimmtes Thema hingewiesen. Indem er die Modernität prüfte, trat das Problem Richard Wagner ihm besonders nah. Er hatte zunächst beabsichtigt dieses Problem im ersten Buch des »Willens zur Macht« in dem Kapitel »Modernität« ausführlich zu behandeln, – daß er es herausgriff und zu einer besondern Schrift gestaltete, scheint verschiedene Ursachen gehabt zu haben. Diese ganze Angelegenheit soll in der Einleitung einer Einzelausgabe vom »Fall Wagner« und »Nietzsche contra Wagner« ausführlich dargestellt werden. Der »Wille zur Macht« hat sich in der vorliegenden, völlig neugestalteten Ausgabe so ausgedehnt (was nicht vorauszusehen war), daß für diese beiden Schriften im zehnten Band kein Raum mehr vorhanden ist.

Mit der Conception des »Falls Wagner« vergiengen die letzten Wochen in Turin; da es aber im Anfang Juni in Turin einige sehr heiße Tage gab, so machte sich mein Bruder eilends nach Sils-Maria auf, von wo ihm die Nachricht gekommen war, daß auch dort bereits der Sommer eingezogen wäre. In der That traf er auch dort bei seiner Ankunft heißes, fast schwüles Wetter, dann aber kam ein plötzlicher Wetterumschlag; fünf Wochen lang gab es beständig Regen, düsteren Himmel und Kälte, Nachts fror es sogar manchmal, was meinem Bruder außerordentlich schlecht bekam. Sein Zimmer war nicht zu heizen, infolge dessen erkältete er sich stark und bekam eine heftige Influenza mit Augen- und Kopfschmerzen. Da er nun außerdem auf seine großen Wanderungen verzichten mußte und sich natürlich langweilte, so schrieb und las er den ganzen Tag und übermüdete seine armen Augen. Das Druckmanuskript zum »Fall Wagner« hat er zweimal vollständig abgeschrieben; das erstemal war es mit den von Kälte erstarrten Händen, schmerzenden Augen und »verflucht kritzeliger Feder« so schlecht geschrieben, daß weder der Verleger noch, wie er scherzhaft sagte, er selbst es lesen konnte. Diese ganze Zeit schadete der Gesundheit meines Bruders außerordentlich, denn seine ganze Constitution war, wie er immer sagte, auf hellen Himmel und Sonnenschein eingerichtet.

Sobald nun das schöne Wetter wieder begann, nahm er seine Arbeit mit voller Arbeitslust, Kraft und verdoppeltem Eifer wieder auf. Es scheint fast unglaublich, was er bei Gunst und Ungunst der Witterung von Mai bis Dezember 1888 geschrieben hat. Wer die ungeheure Arbeit dieser Zeit verfolgt und der unbeschreiblichen Anstrengung seiner armen Augen sowie der mancherlei widrigen Zufälle und peinlichen Angriffe gedenkt, der wird begreifen, daß dieses letzte halbe Jahr die Kraft dieses wunderbaren Geistes verzehren mußte.

Er beginnt im Mai 1888 mit einer neuen Anordnung des gesammten Materials zum »Willen zur Macht«, verfaßt den »Fall Wagner«, »die Götzendämmerung«, die »Dionysos-Dithyramben«, arbeitet im Sommer nochmals das Material zu seinem theoretisch-philosophischen Hauptwerk um, formt aus dem Inhalt des zweiten Buches des Willens zur Macht: Kritik des Christenthums, der Moral und der Philosophie, aus der Erkenntnißtheorie des dritten Buches und aus dem Wichtigsten des vierten Buches: Zucht und Züchtung, ein neues, weniger umfangreiches Werk, das er »Umwerthung aller Werthe« nennt. In wenigen Wochen schreibt er das I. Buch, den »Antichrist, Versuch einer Kritik des Christenthums«, und auch noch Vieles zu den nächsten Büchern: II. Der freie Geist, Kritik der Philosophie als einer nihilistischen Bewegung; III. Der Immoralist, Kritik der verhängnißvollsten Art von Unwissenheit, der Moral; IV. Dionysos, Philosophie der Ewigen Wiederkunft. Sodann verfaßt er eine Lebensbeschreibung »Ecce homo«, ausdrücklich nur für sich und seine Freunde, dazwischen »Nietzsche contra Wagner«.

Von diesen aufgezählten Schriften enthält dieser zehnte Band noch die »Götzendämmerung«, den »Antichrist« und die »Dionysos-Dithyramben«. Alle drei Schriften sind von meinem Bruder nicht selbst veröffentlicht, doch hat er von der »Götzendämmerung« noch selbst die Korrekturen gelesen und sie druckfertig erklärt. Das Nähere über diese Schriften findet man im Nachbericht dieses Bandes.

Ich lege besonderen Accent darauf hervorzuheben, daß mein Bruder den »Antichrist« nicht selbst veröffentlicht hat und daß er wahrscheinlich ursprünglich in einer milderen Tonart niedergeschrieben wurde. Ich will damit nicht behaupten, daß wenn diese Schrift von ihm selbst herausgegeben worden wäre, sie andere Grundzüge getragen hätte, aber ich glaube, daß, in einem ruhigeren Gemüthszustand verfaßt, der Inhalt vielmehr der Ausdrucksweise von »Jenseits von Gut und Böse« entsprochen haben würde. Dort vergaß er nämlich nie zu erwähnen, welche Wohlthat das Christenthum als Religion für die große Masse immer gewesen ist und noch sein kann.

Es ist wohl wünschenswerth, über die Stellung meines Bruders zum Christenthum noch einiges Persönliche aus seinem Leben hinzuzufügen. Bei der zarten Rücksicht, die er auf seine Umgebung nahm, ist es begreiflich, daß er sich im Allgemeinen wenig darüber ausgesprochen hat. Er schreibt deshalb an Freiherrn von Gersdorff 1871:

»Jene Auseinandersetzung über Religion und Philosophie, von der Du mir erzählst, gehört gewiß zu den traurigsten Nothwendigkeiten des Lebens: ist man einmal dazu getrieben, so wappne man sich mit Weisheit und Milde. Es ist so überaus schwer, bei solchen Anfechtungen von aller Bitterkeit sich frei zu halten: während doch, bei der großen Dunkelheit des Daseins, hier das eigentliche Bereich des Mitleidens ist. – Das ist die feste Brücke, die auch über solche Klüfte geschlagen werden kann.

»Auch ist es eine edle Kunst, in solchen Dingen zur rechten Zeit zu schweigen. Das Wort ist ein gefährliches Ding und selten bei derartigen Anlässen das rechte. Wie Vieles darf man nicht aussprechen! Und gerade religiöse und philosophische Grundanschauungen gehören zu den pudendis. Es sind die Wurzeln unseres Denkens und Wollens: deshalb sollen sie nicht an's grelle Licht gezogen werden. –«

Dazu hatte er eine wirkliche Vorliebe für aufrichtige fromme Christen. Gerade das Letztere werden ihm alle Die bezeugen, die mit ihm zusammen in Basel gewesen sind. Er stand den Frömmsten der Frommen, die mit ihrem Christenthum wirklich Ernst machten, in herzlicher Zuneigung gegenüber und sie ihm. Er schreibt deshalb: »Wenn ich dem Christenthum den Krieg mache, so steht mir dies zu, weil ich von dieser Seite aus keine Fatalitäten und Hemmungen erlebt habe, – die ernstesten Christen sind mir immer gewogen gewesen. Ich selber, ein Gegner des Christenthums de rigeur, bin ferne davon, es dem Einzelnen nachzutragen, was das Verhängniß von Jahrtausenden ist –.« Es war rührend, daß einer dieser aufrichtigsten Christen, Herr Adolf V...., mir einmal sagte, daß es ein Vorwurf für das gegenwärtige Christenthum wäre, daß ein Mensch wie mein Bruder kein frommer Christ sein könnte. Es hat ihm auch keine Ruhe gelassen, und einmal ist er noch um zehn Uhr nach dem Abendgebet zu meinem Bruder gekommen, um ihn zu bekehren. Aber diese ausgezeichneten frommen Menschen vergaßen, daß Alles, was sie ihm sagen konnten, er schon als Kind und Knabe ebenso tief und innig empfunden hatte. Er schreibt später einmal: »mit zwölf Jahren habe ich Gott in seinem Glanze gesehen«, – und vielleicht war gerade seine tiefe Frömmigkeit und Religiosität, die in dem gegenwärtigen Christenthum keine Befriedigung finden konnte, der Grund, daß er schon von seiner Jünglingszeit an ihm fern und immer ferner gegenüberstand. Er hat, wie er oft betonte, deshalb keine Kämpfe durchgemacht, aber es war ihm ungemein schmerzlich, den Glauben an Gott aufgeben zu müssen. »Vielleicht sind wir heute deshalb die gründlichsten Atheisten, weil wir am längsten uns gesträubt haben, es zu sein.« Und niemals ist mit innigeren Worten der Verlust des Glaubens an den christlichen Gott beklagt worden, als mein Bruder es gethan hat. Er schreibt deshalb im Frühjahr 1882:

» Excelsior! – Du wirst niemals mehr beten, niemals mehr anbeten, niemals mehr im endlosen Vertrauen ausruhen – du versagst es dir, vor einer letzten Weisheit, letzten Güte, letzten Macht stehen zu bleiben, und deine Gedanken abzuschirren – du hast keinen fortwährenden Wächter und Freund für deine sieben Einsamkeiten – du lebst ohne den Ausblick auf ein Gebirge, das Schnee auf dem Haupte und Gluthen in seinem Herzen trägt, – es giebt für dich keinen Vergelter, keinen Verbesserer letzter Hand mehr – es giebt keine Vernunft in dem mehr, was geschieht, keine Liebe in dem, was dir geschehen wird, – deinem Herzen steht keine Ruhestatt mehr offen, wo es nur zu finden und nicht mehr zu suchen hat, – du wehrst dich gegen irgend einen letzten Frieden, du willst die ewige Wiederkehr von Krieg und Frieden: – Mensch der Entsagung, in Alledem willst du entsagen? Wer wird dir die Kraft dazu geben? Noch hatte Niemand diese Kraft!« –

Aber schon damals deutete er seine höchste Hoffnung an: welcher Gewinn für die Menschheit aus diesem schwersten Verlust entstehen könnte: »Es giebt einen See, der es sich eines Tages versagte, abzufließen, und einen Damm dort auswarf, wo er bisher abfloß: seitdem steigt dieser See immer hoher. Vielleicht wird gerade jene Entsagung uns auch die Kraft verleihen, mit der die Entsagung selber ertragen werden kann; vielleicht wird der Mensch von da an immer höher steigen, wo er nicht mehr in einen Gott ausfließt.« –

Verhaßt waren ihm alle jene unklaren Auseinandersetzungen über das Christenthum, die in ihrem Urtheil auf Wissenschaftlichkeit Anspruch machten und dabei jede logische Schlußfolgerung vermissen ließen. Als er eines Tages von der Kanzel herab sozusagen Schopenhauerische Philosophie predigen hörte, – ich meine Schopenhauer in die christlichen Lehren und Vorstellungen hineininterpretirt –, konnte er sich bei aller Bewunderung für den Philosophen und jenen Prediger, den er als Persönlichkeit hochachtete, des peinlichen Gefühls nicht erwehren, daß damit doch eine Täuschung verbunden sei. Alle diese Künste, mit dem heutigen Christenthum die verschiedenartigsten religiösen Vorstellungen zu vermischen und sich deshalb damit einverstanden zu erklären, waren seiner intellektuellen Rechtschaffenheit zuwider. Jedenfalls ist eine der Wurzeln, aus welcher seine Stellung zum Christenthum hervorgewachsen ist, gerade diese seine ererbte Redlichkeit und Rechtschaffenheit. »Das Christenthum meiner Vorfahren zieht in mir seinen Schluß, – eine durch das Christentum selber großgezogene, souverän gewordene Strenge des intellektuellen Gewissens wendet sich gegen das Christentum: in mir richtet sich, in mir überwindet sich das Christenthum.«

Er hat dem Christenthum viel Nachdenken geschenkt – so viel, daß er glaubte, seine Freunde und Bekannten damit zu ermüden; so schreibt er einmal an Peter Gast: »Mir fiel ein, lieber Freund, daß Ihnen an meinem Buche die beständige innerliche Auseinandersetzung mit dem Christenthume fremd, ja peinlich sein muß; es ist aber doch das beste Stück idealen Lebens, welches ich wirklich kennen gelernt habe; von Kindesbeinen an bin ich ihm nachgegangen, in viele Winkel, und ich glaube, ich bin nie in meinem Herzen gegen dasselbe gemein gewesen. Zuletzt bin ich der Nachkomme ganzer Geschlechter von christlichen Geistlichen.«

Es ist vollständig unrichtig, daß mein Bruder das Christenthum gehaßt habe – ich meine jene milde und schöne Jesus-Lehre, die für den Mühseligen und Beladenen ein solcher Trost sein kann, die übrigens keine Glaubenslehre, sondern eine Anweisung zum Handeln ist, wie mein Bruder so richtig erkannt hat. Daher auch seine Vorliebe für den Katholicismus, der nicht nur eine Rangordnung der Seelen anerkennt, sondern auch »die guten Werke« betont und nicht wie der Protestantismus den Hauptaccent auf den so unkontrollirbaren »Glauben« legt.

Er schätzte die Wirkung der religiösen Erhebung auf Schwache und Leidende gerade bei dem Christenthum und dem Buddhismus sehr hoch und findet dafür so schöne Worte: »Religion und religiöse Bedeutsamkeit des Lebens legt Sonnenglanz auf solche immergeplagte Menschen und macht ihnen selbst den eigenen Anblick erträglich: sie wirkt wie eine epikurische Philosophie auf Leidende höheren Ranges zu wirken Pflegt, erquickend, verfeinernd, das Leiden gleichsam ausnützend, zuletzt gar heiligend und rechtfertigend. Vielleicht ist am Christenthum und Buddhismus Nichts so ehrwürdig als ihre Kunst, noch den Niedrigsten anzulehren, sich durch Frömmigkeit in eine höhere Schein-Ordnung der Dinge zu stellen und damit das Genügen an der wirklichen Ordnung, innerhalb deren sie hart genug leben, – und gerade diese Härte thut noth! – bei sich festzuhalten.«

Bis zum Ende seines Denkens hat er eine zarte Liebe für den Stifter des Christenthums behalten, und sein ganzer Zorn wendet sich gegen Paulus und Solche, die ihm ähnlich sind, welche er dafür verantwortlich macht, die milde Lehre des Bergpredigers für die Niedriggeborenen in ihr Gegentheil verkehrt zu haben, sie zu einer Weltreligion gemacht zu haben, die alle vornehmen Werthe und alle vornehm gearteten, starken und mächtigen Menschen schädigen mußte und geschädigt hat. Dafür kann er nicht Worte der Entrüstung genug finden! Deshalb schreibt er im »Jenseits von Gut und Böse«: »Wer aber mit umgekehrten Bedürfnissen, nicht epikureisch mehr, sondern mit irgend einem göttlichen Hammer in der Hand auf diese fast willkürliche Entartung und Verkümmerung des Menschen zuträte, wie sie der christliche Europäer ist (Pascal zum Beispiel), müßte er da nicht mit Grimm, mit Mitleid, mit Entsetzen schreien: »Oh, ihr Tölpel, ihr anmaaßenden mitleidigen Tölpel, was habt ihr da gemacht! War das eine Arbeit für eure Hände! Wie habt ihr mir meinen schönsten Stein verhauen und verhunzt! Was nahmt ihr euch heraus!« – Ich wollte sagen: das Christenthum war bisher die verhängnißvollste Art von Selbst-Überhebung. Menschen, nicht hoch und hart genug, um am Menschen als Künstler gestalten zu dürfen; Menschen, nicht stark und fernsichtig genug, um, mit einer erhabenen Selbst-Bezwingung, das Vordergrund-Gesetz des tausendfältigen Mißrathens und Zugrundegehns walten zu lassen; Menschen, nicht vornehm genug, um die abgründlich verschiedene Rangordnung und Rangkluft zwischen Mensch und Mensch zu sehen: – solche Menschen haben, mit ihrem »Gleich vor Gott«, bisher über dem Schicksale Europa's gewaltet, bis endlich eine verkleinerte, fast lächerliche Art, ein Heerdenthier, etwas Gutwilliges, Kränkliches und Mittelmäßiges herangezüchtet ist, der heutige Europäer ...«

Von Jahr zu Jahr steigerte sich die Besorgniß meines Bruders um die Zukunft der Menschheit, daß sie immer kleinlicher und kümmerlicher würde. Um also die zornige Stimmung begreifen zu können, die aus dem »Antichrist« spricht, muß man sich immer die zwei Hauptpunkte vor Augen halten, die die Empfindungen meines Bruders dem Christenthum gegenüber bestimmen. Der eine ist, daß durch die Aufrichtung des christlichen Ideals als alleiniges Ideal, den stärker gerathenen Ausnahmen und Glücksfällen des Typus Mensch der Untergang droht. »Was wir am Christenthum bekämpfen? Daß es die Starken zerbrechen will, daß es ihren Muth entmuthigen, ihre schlechten Stunden und Müdigkeiten ausnützen, ihre stolze Sicherheit in Unruhe und Gewissensnoth verkehren will, daß es die vornehmen Instinkte giftig und krank zu machen versteht, bis sich ihre Kraft, ihr Wille zur Macht rückwärts kehrt, gegen sich selber kehrt, – bis die Starken an den Ausschweifungen der Selbstverachtung und der Selbstmißhandlung zu Grunde gehen; jene schauerliche Art des Zugrundegehens, deren berühmtestes Beispiel Pascal abgiebt.« Er liebte Pascal als einen ihm Gleich-Gearteten; sein Zu-Grunde-gehen empfand er als das eines geliebten Freundes, ja als ob es ihn selbst bedrohe.

Das Andere aber, was mein Bruder am Christenthum bekämpft, sind die unglücklichen Folgen der Lehre von der Gleichheit der Seelen vor Gott: »man hat die Menschheit den Satz von der Gleichheit erst religiös stammeln gelehrt, man hat ihr später eine Moral daraus gemacht: was Wunder, daß der Mensch damit endet, ihn ernst zu nehmen, ihn praktisch zu nehmen, – will sagen politisch, demokratisch, socialistisch, entrüstungspessimistisch.« Er machte diese Lehre des Christenthums sowohl für die französische Revolution verantwortlich, die den Glauben an bevorrechtete Menschen so tief erschüttert hat, als auch, wie wir aus sämmtlichen Aufzeichnungen sehen, für den gegenwärtigen Socialismus. (Man vergesse übrigens nicht, daß Goethe der französischen Revolution, sowie dem »Marterholz« mit fast gleichen Empfindungen wie Nietzsche gegenüberstand!) Dazu schwebte dem Autor des Antichrist immer jener entzückende Traum vor, was aus der Menschheit hätte werden können, wenn diese Lehre nicht allein seit 2000 Jahren über den Menschen geherrscht Hütte. Aber er verstand sehr wohl, daß es die Mächtigen jener Zeit selbst gewesen waren, die zur Entstehung und zu dieser höchsten Schätzung des Christenthums beigetragen hatten. Sie haben die höchste Macht so schlecht und in so verworfener Weise repräsentirt, daß der kleine, demüthige, tugendhafte Christ als das Werthvollere erscheinen mußte. Wären die römischen Imperatoren alle in der Art des Julius Cäsar gewesen, so würde sicherlich das Christenthum nie eine solche Macht gewonnen haben. (Der Christ durfte und sollte existiren, aber nicht als einziges Werthmaaß und höchstes Ideal.) Was der Philosoph des »Willens zur Macht« deshalb immer und immer lehrt, ist, daß die Vertreter der höchsten weltlichen sowie geistigen Mächte sich der ungeheuren Verantwortung bewußt sein sollen, daß sie am Marmor »Menschheit« arbeiten und das kostbarste Material auf Jahrhunderte, ja auf Jahrtausende hin verderben können.

Man hat mir öfters gesagt, daß man diesen Zorn meines Bruders gegen das heutige Christenthum nicht begriffe, – gegen dieses lauwarme gegenwärtige Christenthum, das keinen Starken mehr zerbricht. Es muß wohl in den letzten dreißig, vierzig Jahren immer kraft- und machtloser geworden sein, denn wir haben es noch in unserer Kindheit und Jugend als Macht erlebt und auch starke und treffliche Menschen gekannt, die dadurch in ihrem Charakter gebrochen worden sind. Und deshalb zittert in dem wunderbaren Stil des »Antichrist« – ebenso wie im »Fall Wagner« – jene tiefe Erregung nach, die ein tiefes und religiöses Gemüth empfindet, wenn es sich gegen Das wendet, was ihm einmal das Höchste und Theuerste gewesen ist. Nun steht es ihm als Feind gegenüber, den er bekämpfen muß, weil es mit seinem Einfluß die Lehren zu vernichten droht, die der Menschheit neue Führer und Herren geben soll. – Und nochmals muß ich meinen Bruder als eine der frömmsten und religiösesten Naturen bezeichnen, mir fehlen die rechten Worte, um dies deutlich zu machen. Professor Raoul Richter hat dies aber in einer Vorlesung in ausgezeichnetster Weise gethan: »Es ist eine weit verbreitete Ansicht – bis vor kurzem war es die allein herrschende –, daß Nietzsches einzige Beziehung zur Religion die der erbitterten Feindschaft und Gegnerschaft gewesen sei. Wer von Nietzsche nur wenig weiß, weiß doch, daß er dem Christenthum den Krieg bis aufs Messer erklärte, daß er einem seiner Bücher den Titel »Antichrist« gab. Wer aber tiefer in das Wesenhafte aller Religionen zu sehen lernte und auch in Nietzsche's Werken nicht nur als flüchtiger Gast einkehrte, dem wird es immer deutlicher, daß diese Philosophie theoretisch den Boden für eine reinere Religionsauffassung geebnet hat; daß Nietzsche selbst eine hervorragend religiöse Persönlichkeit gewesen ist, die praktisch das auswirkte, was ihre innere Überzeugung war; und endlich, daß der religiöse Einfluß seines Werkes und seiner selbst bereits zu keimen beginnt. Diese Leistungen sind so groß, daß ihnen gegenüber der Kampf gegen die Landes- und Staatsreligion als von untergeordneter Bedeutung für die religiöse Aktualität Nietzsche's fast zurücktritt.

»Ich behauptete: daß Nietzsche's Philosophie theoretisch den Boden für eine reinere Religionsauffassung geebnet habe. Wie ist das zu verstehen? Kurz gesagt dahin: daß sie den Kern der Religion befreite von allen unwesentlichen Zuthaten, Hüllen und Schalen, und damit darthat, daß, wenn auch all diese Zuthaten morsch, brüchig und unannehmbar geworden seien, der innerste Gehalt der Religion davon unberührt bleibe. Dieser innerste Gehalt aber ist kein Bekenntniß zu einer Anzahl von Dogmen, keine Zugehörigkeit zu einer Gemeinde, sondern jener innere Seelenzustand, in dem die Kräfte unseres Gemüths an die äußerste Grenze ihrer selbst gelangen, ist die Willens- und gefühlsmäßige Stellung des Menschen zum Zusammenhang alles Seienden, zur Totalität des Weltgeschehens. Diese Stellungnahme erhebt Nietzsche zur freiesten That der individuellen Persönlichkeit. Als solche macht er sie grundsätzlich unabhängig von der Organisation der Kirche, unabhängig von den Lehren des Stifters einer historischen, positiven Religion, unabhängig von dem Dasein eines Gottes, unabhängig von allgemeingültigen und verbindlichen Normen ...

»Der nächste Schritt führt weiter: von der Form zum Inhalt dieser Religion. Wie denkt sich Nietzsche die Beschaffenheit des Weltzusammenhangs und wie stellt sich sein Wille zu dem so beschaffenen Weltganzen? Ihm ist, so lauft die Grundlinie seiner Metaphysik, diese Welt nicht das planvolle Werk eines Schöpfers, auf Vernünftigkeit und Zweckmäßigkeit angelegt, nicht das Wert eines sittlichen Weltordners, der in oder außer der Welt hauste; ... auch steigt ihm die Welt nicht in's Unendliche auf nach ihr eigenen innewohnenden Gesetzen zu immer höheren und höheren Entwicklungsstufen, sondern ihm ist die Welt ein ungeheures Spiel von Kräften, von miteinander ringenden lebendigen Willensmächten, deren einzelne Gruppirungen von Ewigkeit zu Ewigkeit wiederkehren. Die ganze anorganische Natur, Luft, Erde, Wasser, Berg und Thal, Sonne und Mond, sie sind so gut wie Pflanze, Thier und Mensch, von innen gesehen Verkörperungen des Willens zur Macht. Und der Weltproceß besteht in dem ewigen Kampf der einzelnen Willenselemente, die sich zeitweise zur gemeinsamen Ausbeute der anderen zu Organismen, wie die Zellen zum Menschenleib, zu Organisationen, wie die Menschen zu Völkern zusammenschließen. Wohl stellt der jetzige Mensch nicht den Höhepunkt in der Machtorganisation der Natur dar, und über ihn hinaus sind Höherbildungen, sind Übermenschen wohl denkbar, aber Mensch wie Übermensch ist in dem unendlichen Ablauf des rollenden Zeitenrades schon unendlich oft dagewesen und wird noch unendlich oft wiederkehren.

»Und nun hat der religiöse Wille einer solchen Welt gegenüber Stellung zu nehmen von innen heraus. Da werden die eingangs erwähnten Möglichkeiten zu Wirklichkeiten. Denn wir stehen nun in der That vor einer bis auf's Mark entgotteten Welt. Und doch lehrt Nietzsche ihr gegenüber weder Gleichgültigkeit noch Verneinung. Ihm hat (nicht mein, nicht dein, nicht sein, sondern) das Leben den höchsten Werth. Daß die Kraft und Fülle in der Welt höher und höher steige, daß wir bewußt das thun, wozu unbewußt Alles drängt, das ist sein großes religiöses Bekenntniß. Amor fati, Liebe zum Unabwendbaren, ist die Formel dieser Losung.

»Freilich durch Beweise kann man Niemandem die Anerkennung abringen, daß diese Lebensbejahung religiöses Verdienst, ihr Gegentheil religiöse Sünde sei; denn der Werth des Lebens wie aller Werth beruht auf individueller Willensentscheidung; und seine Anerkennung läßt sich nicht erzwingen wie die Anerkennung der Wirklichkeitsbeschaffenheit, in deren Beurtheilung die Menschen nur dort auseinandergehen, wo die Verwicklung des Gegenstandes den Erkenntnißapparat nicht frei sich entfalten läßt. Während der Intellekt aber, je klarer er sich auswirkt, um so mehr durch den Stoff gebundene und um so gleichartigere Ergebnisse erzeugt (und nur im Stadium der Unklarheit, in Irrthum und Ungewißheit, von Mensch zu Mensch verschiedene Resultate zeitigt), wird der Wille (der auf niederer Stufe in allen Subjekten ziemlich gleichgerichtet ist), je mehr er sich auf sich selbst besinnt, um so »freier« und von den Zielen anderer Wesen in seiner Richtung unabhängiger. Man kann also auch für die religiöse Weltbewerthung nicht allgemein gültige Vorschriften geben, sondern nur selbst mit dem Willen vorangehen und den Willen Anderer in derselben Richtung zu biegen suchen.

»Und genau hier liegt der zweite beachtenswerthe Punkt in Nietzsche's Verhältniß zur Religion, der in die große Dimensionsfläche fällt, auf die allein wir hier Rücksicht nehmen. Nietzsche besaß die Begabung, auch den praktischen Schritt selbst zu vollziehen. Er entwickelte nicht nur gedanklich die Beschaffenheit des Weltgesetzes – von ihr sich ein Bild zu machen ist Vorbedingung für jede selbständige religiöse Stellungnahme –; er zergliederte nicht nur Wesen und Geltung unserer höchsten Werthungen im angegebenen Sinne, sondern er wurde auch, in unserer, nicht in seiner Sprache geredet, aus dem Philosophen zum Propheten. Die Gluthen, mit denen er sich selbst dem Weltganzen, wie er es sah, d. h. dem Leben in die Arme warf, die Beseligungen, die er dabei empfand, der unerbittliche Ernst und die in härtesten Leiden gestählte Unerschütterlichkeit, mit der er all sein Thun auf dieses Weltverhältniß einstellte, die niederschmetternde und zugleich emporreißende Wucht, mit der er in den Zarathustra-Predigten für seine Lehren warb, das alles legt Zeugniß dafür ab, daß wir in Nietzsche dem Gottesleugner einen hervorragend religiösen Typus, vielleicht den religiösen Typus unserer Zeit zu erblicken haben.

»Und die Culturwirkung dieser Religiosität beginnt zu keimen. Unsere Zeit durchzieht ein religiöses Sehnen von wunderbarer Kraft; ein stilles aber heißes Verlangen, das erst in der jüngsten Zeit sich an die Oberfläche wagt. Freilich, die Behaglichen, die Abgenutzten, die gröbere und feinere Weltlichkeit, die verspüren von diesem Drange nichts. Aber wie vielen unter den innerlich führenden Geistern brennt diese Sehnsucht im Busen! Wo in der Wissenschaft, wo in der Kunst, wo im Leben die Ziele über die Augenblicksinteressen hinausgeworfen werden, da entdeckt man leicht den religiösen Funken, der nur des befreienden Windstoßes harrt, um sich zu entflammen; allen voran bei der Elite unserer deutschen Jugend, nicht der vergoldeten aber unserer goldenen Jugend. Doch diese Sehnsucht verzehrt sich bald selbst; denn ihr mangelt der Stoff, den sie verzehren kann. Nicht nur mit der Kirche, auch mit dem Inhalt des Christenthums, das diesen Namen verdient und nicht erborgt, hat die Mehrzahl der »freien Geister« gebrochen. Da bleibt ihnen für das religiöse Leben nichts mehr zurück; sie meinen mit der Ablehnung der positiven Religion die Religion überhaupt verloren zu haben. So entsteht auch unter den Besseren, mit denen allein wir es hier zu thun haben, oft eine religiöse Gleichgültigkeit, nicht aus Mangel an religiösem Bedürfniß, sondern an religiöser Befriedigung. In der Aufrüttlung dieses Indifferentismus, in der Entbindung jener schlummernden, religiösen Kräfte besteht die erste und größte Culturthat Friedrich Nietzsches. Er zeigte uns die Möglichkeit einer Religion ohne Cultus, ohne Kirche, ohne Christenthum, ohne Jenseits (im engeren Sinn), ohne Gott; er hat uns eine das diesseitige Leben bejahende Religion vorgetragen und vorgelebt. Und hat er auch die Sinnlosigkeit des Weltgeschehens übertrieben und die Fehler des Christenthums durch ein Vergrößerungsglas erblickt, so hat er doch gerade durch die Bewältigung der ungeheuren Spannung zwischen dem Glauben an eine entidealisirte Welt und der leidenschaftlichen Liebe zu dieser Welt, zwischen einer entschiedenen Verwerfung der positiven Religion und einem ebenso entschiedenen Bedürfniß nach religiöser Bethätigung es auch dem erklärtesten Freigeist ermöglicht, Religion zu haben und damit unserer hyperkritischen Zeit das gute Gewissen zur Religion zurückgegeben.

»Und das ist nicht wenig, es ist sogar unendlich viel. Die religiöse Bethätigung ist die höchste Bethätigung des menschlichen Gemüthslebens, und da, wie immer mehr erhellt, das Gemüth, d. h. das Willens- und Gefühlsleben, den führenden Theil in unserem seelischen Dasein bedeutet, die höchste Funktion unseres geistigen Lebens überhaupt.« –

Wie ich schon erwähnte, hatte der Sommer 1888 in Sils-Maria eine für meines Bruders Constitution sehr ungünstige Witterung gehabt. Die kurze schöne Zeit benutzte er zur Ausarbeitung der »Götzendämmerung«, und einige besonders leuchtende Engadin-Tage zur Umarbeitung der »Dionysos-Dithyramben«. Sie erhielten damals ihre endgültige Fassung, zuweilen auch einen neuen Namen: »Die Lieder Zarathustra's, die er sich selbst zusang, daß er seine letzte Einsamkeit ertrüge«. Aber in der zweiten Woche des September wurde das Wetter im Engadin wieder so schrecklich, daß ihn die Regenströme zunächst abhielten, überhaupt abzureisen. Endlich machte er sich eilig nach Turin auf, wo er am 22. September anlangte. Er war gerade noch durch das Gebiet der norditalienischen Seen durchgeschlüpft, ehe eine große Überschwemmung den Verkehr auf längere Zeit unterbrach. Von Turin schreibt er: » wunderbare Klarheit, Herbstfarben, ein exquisites Wohlgefühl auf allen Dingen!«

In diesem gesteigerten Wohlgefühl ergreift ihn ein wahres Arbeitsfieber, er schreibt an der »Umwerthung aller Werthe« und beginnt seine persönlichen Erinnerungen aufzuschreiben: » Ecce homo, Wie man wird was man ist.« Er fängt die neue Schrift am 15. Oktober 1888 an, mit jener jubelnden Dankbarkeit gegen das Leben, die trotz aller Leiden, trotz aller schmerzlichen Erfahrungen der tiefste Grund seines ganzen Wesens war. Sein Geist ist in der höchsten Spannung, es kam wie eine Art Hellsichtigkeit über ihn, der Schleier fällt von seinen Augen: er sieht sich selbst, er sieht sein ganzes Leben, Werden, Wachsen mit wunderbarster Deutlichkeit, aber fast wie ein fremdes an sich vorüberziehn. Er sieht sich so, wie ihn vielleicht in Zukunft die Menschheit überhaupt sehen wird.

Der Bogen ist auf's höchste gespannt! – Jetzt hätten treue Freunde wie Freiherr von Gersdorff und Peter Gast oder Freiherr und Freifrau von Seydlitz kommen müssen, um ihn aus diesem Arbeitsfieber durch Musik und heitere geistreiche Unterhaltung herauszureißen, um den Bogen langsam, langsam wieder abzuspannen. Vor Allem hätte er seinen armen Augen Ruhe gönnen müssen, die seit Anfang Mai viele Hunderte von ersten, zweiten, dritten Niederschriften und die Druckmanuskripte von drei Werken schreiben mußten, und dazu noch die Correkturen lesen, was er sehr sorgfältig that, da er bis zuletzt immer noch im Text änderte und verbesserte. Aber Niemand kam ihm zu helfen – keinem Freunde sagte eine innere Stimme, wie nöthig er dem Freunde sei, keine Ahnung beschlich das liebende Mutterherz, daß sie sich zu dem geliebten Sohn aufmachen müsse!

So blieb er allein, und anstatt daß liebevoller Zuspruch und allerhand Bemühungen ihm Freude und Erleichterung verschafften, trafen ihn in seiner Einsamkeit Angriffe auf Angriffe, die gerade in diesem hochgesteigerten Zustand einer unglaublichen geistigen Produktivität furchtbar wirken mußten. Wenn er auch wie ein Held mit der äußersten Anspannung der Tapferkeit gegen all diese Erfahrungen und bitteren Angriffe, die ihn zu vernichten drohten, ankämpfte, so konnte er doch nur durch Schlafmittel (nicht Opium und Morphium, sondern Chloral und ein mir unbekanntes Mittel) die tiefe Erregung und die schwermüthigen Nächte der Schlaflosigkeit mildern. In dem Schlußband der Biographie »Das Leben Friedrich Nietzsche's« und in dem Buch »Der einsame Nietzsche« sind all die namenlos traurigen Vorgänge ausführlich geschildert. –

In den letzten Tagen des Jahres 1888 traf meinem Bruder infolge der Überarbeitung und Überanstrengung seiner Augen, der stärksten Gemüthserregung und des Gebrauchs verderblicher Schlafmittel, ein Schlaganfall. Eine Gehirnlähmung machte ihn von da an zu allein weiteren Schaffen unfähig, bis ein erneuter Schlaganfall am 25. August 1900 mir diesen geliebtesten Bruder, der selbst noch während der Zeit seiner geistigen Lähmung von dem Zauber der Güte und der Erhabenheit umflossen war, für immer entriß.

Weimar, September 1906.
Elisabeth Förster-Nietzsche.

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