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Der Weltkrieg. Band II: Vom Kriegsausbruch bis zum uneingeschränkten U-Bootkrieg

Karl Theodor Helfferich: Der Weltkrieg. Band II: Vom Kriegsausbruch bis zum uneingeschränkten U-Bootkrieg - Kapitel 23
Quellenangabe
authorKarl Theodor Helfferich
titleDer Weltkrieg. Band II: Vom Kriegsausbruch bis zum uneingeschränkten U-Bootkrieg
publisherUllstein
year1919
firstpub
correctorreuters@abc.de
sender Wilfried Pieroth
created20170810
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Friedensbemühungen und U-Bootkrieg

Das berühmte Wort des Generals von Clausewitz: »Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln« will nicht besagen, daß während des Kriegszustandes der Krieg die Politik ersetze. Clausewitz selbst hat die Auffassung abgelehnt, als »ob der Krieg von dem Augenblick an, wo er durch die Politik hervorgerufen ist, an ihre Stelle treten, als etwas von ihr ganz Unabhängiges sie verdrängen und nur seinen eigenen Gesetzen folgen« könnte. Er hat ausdrücklich betont, daß, da der Krieg von einem politischen Zweck ausgeht, dieses erste Motiv, das ihn ins Leben gerufen hat, auch die erste und höchste Rücksicht bei seiner Leitung bleiben muß, daß die Politik also den ganzen kriegerischen Akt durchziehen und einen fortgesetzten Einfluß auf ihn ausüben werde, wozu er allerdings die Einschränkung macht: »soweit es die Natur der in ihm explodierenden Kräfte zuläßt«. Aber die Politik muß nicht nur die höchste Rücksicht bei der Leitung des Krieges bleiben, wie es dem Verhältnis von Zweck und Mittel entspricht, sondern es muß ihr auch freistehen, neben dem außerordentlichen Mittel des Krieges, d. h. der militärischen Gewaltanwendung, sich aller anderen ihr während des Kriegszustandes überhaupt noch zu Gebote stehenden Mittel zu bedienen. Wenn man diese anderen Mittel nichtkriegerischer Art unter dem Namen der »Diplomatie« zusammenfaßt, so heißt das: Die Diplomatie als Mittel der Politik ist durch den Kriegszustand nur so weit ausgeschaltet, als ihre praktische Anwendung durch den Kriegszustand unmöglich gemacht ist; im übrigen gehen auch während des Kriegszustandes die kriegerischen und diplomatischen Aktionen als Mittel der Politik nebeneinander her. Aufgabe der Staatslenker – und zwar eine meist nur mangelhaft gelöste Aufgabe – ist es, für die Einheitlichkeit und das planmäßige Ineinandergreifen der beiden Arten von Mitteln zu sorgen, die Mittel dem Zweck anzupassen und, soweit es sich als nötig herausstellt – denn die Politik bleibt die Kunst des Möglichen – den Zweck nach den Möglichkeiten, die ihr die Mittel bieten, zu modifizieren – das was man kurz die »Einheit von Politik und Kriegführung« nennt.

 

Kriegführung und Diplomatie

Der Krieg, der im Sommer 1914 über uns hereinbrach, war für uns die Fortsetzung der Politik der Verteidigung unseres Rechtes auf nationale Existenz und auf friedliche Entfaltung unserer Volkskraft gegenüber einer Koalition, die uns schon vor Kriegsausbruch dieses Recht auf dem Wege der diplomatischen Einkreisung zu verkümmern gesucht hatte. Gegenüber einer uns und unsern Verbündeten an Menschen und Machtmitteln weit überlegenen Koalition. Gerade die Übermacht der Feinde war für uns in besonderem Maße eine Nötigung, jedes für die Erreichung unseres Kriegszwecks geeignete Mittel in Wirksamkeit zu setzen, sowohl auf den Gebieten der eigentlichen Kriegführung wie auf dem Gebiete der Diplomatie. Gleichzeitig brachte diese Nötigung zur äußersten Anspannung aller Mittel in verstärktem Maße die Gefahr, daß die Einheit von Politik und Kriegführung verlorengehe. Wenn wir den Krieg nicht nur militärisch, sondern auch diplomatisch zu führen hatten, wenn wir angesichts der Gefahr, von der feindlichen Übermacht militärisch und wirtschaftlich erdrückt zu werden, genötigt waren, mit diplomatischen Mitteln Friedensmöglichkeiten zu erschließen und einem weiteren bedrohlichen Zuwachs für die feindliche Koalition vorzubeugen, so konnten sich daraus Konflikte ergeben mit der Notwendigkeit der Einsetzung aller militärischen Erfolg versprechenden Kriegsmittel.

Diese Konfliktsgefahr ist praktisch geworden in der Frage des U-Bootkriegs.

Seit jenem Tirpitz-Interview vom Dezember 1914 hat die Hoffnung, mit unsern U-Booten England, die Seele und den Zusammenhalt der feindlichen Mächtekoalition, zu Tode treffen und damit den Krieg in kurzer Zeit zu einem guten Ende führen zu können, immer höhere Flammen geschlagen. Aber schon die ersten Versuche, dieses Kriegsmittel einzusetzen, zeigten seine Zweischneidigkeit; sie offenbarten die Gefahr, daß die Anwendung dieses Kriegsmittels die Neutralen, vor allem die Vereinigten Staaten, veranlassen könnte, sich auf die Seite unserer Gegner zu schlagen. Dadurch mußten nicht nur die Aussichten, ohne die kaum erreichbare völlige Niederwerfung unserer Feinde zum Frieden zu kommen, aufs äußerste beschränkt werden, sondern auch die feindliche Koalition eine Verstärkung erfahren, die zu unserm Verhängnis zu werden drohte.

So begleitete der Widerstreit von Friedensbemühung und U-Bootkrieg vom Ausgang des Jahres 1914 an das gewaltige Ringen an den Fronten und die aufopfernde Kriegsarbeit in der Heimat, er führte zu den schwersten Konflikten zwischen den für das Schicksal Deutschlands verantwortlichen Männern und wühlte unser Volk bis in seine Tiefen auf.

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