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Der weiße Tod

Rudolf Stratz: Der weiße Tod - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorRudolf Stratz
titleDer weiße Tod
publisherDeutsche Buchgemeinschaft G.m.b.H.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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created20061129
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VIII

Vom Speisesaal war der Baron von Gündlingen in die niedrige Bierhalle an der Seite des Hotels getreten.

Dort saßen am reservierten Tisch die großen Gletschermänner, die angestaunten Helden ihrer Sektionen und Vereine, die in der Fachpresse als Autoritäten über neue, unvermutete Aufstiege, führerlose Gipfelbezwingungen, Hochtouren zur Winterzeit und ähnliche Wagestücke berichteten.

Mit kurzem Gruß setzte er sich in ihre Mitte. Wenn er auch sonst die Berührung mit der Welt mied, so pflegte er doch den Kreis dieser Gleichgesinnten aufzusuchen, von denen man stets Wichtiges über Schneeverhältnisse, Wetter und Führer und neue Ereignisse der Saison erfahren konnte.

Und innerlich fern blieb er ihnen ja doch. Denn hier tauschte man keine andern Gedanken, keine andern Empfindungen aus, als sie der Alpensport erzeugt. Er war das Band, das diese an Beruf und Heimat, an Stand und Alter so verschiedenen, vom Gletscherbrand kupferfarbig gebräunten Firnwanderer zusammenhielt. Da saß ein Tiroler Advokat, ein Mann mit kühn geschnittenem, blondbärtigem Gesicht und adlerscharfen Augen, dem der tolle Wagemut aus jeder Bewegung des kraftvollen Körpers sprühte. Neben ihm, die glimmende Virginia im Mund, der Wiener Elegant, der am Nachmittag die Nachricht von der Rückkehr der Matterhornersteigerin gebracht. Durch Salben aller Art hatte er seine Gesichtshaut hell zu erhalten gewußt, die auf Touren stets mit Wildleder bekleideten Hände waren weiß und seine Kleidung, das bunte Hemd und der taubengraue Bummelanzug von auffallender Gewähltheit. In seinem Auge blitzte das Monokel. Man behauptete, daß er es bei der Traversierung des Matterhorns nach Breuil im Schneesturm, als der Führer neben ihm, vom Steinfall getroffen, zusammenbrach, unverwandt balanciert habe und es bei seinen unglaublichsten Kletterkunststücken im Gesicht zu bewahren wisse.

Neben dem schweigsamen, gleichgültig dreinblickenden böhmischen Grafen der Staatsanwalt aus Hamburg, ein robuster Herr im Lodengewand und Jägerscher Normalwolle. Während seiner Ferienzeit gab der sonst so würdevolle schnauzbärtige Herr nichts auf sein Äußeres. Auf den Bergen oben müsse man ja doch nolens volens wie ein Ferkel umherlaufen, und was hier unten die Hotelsimpel, die Chausseeflöhe und Paßbummler von seinem Kostüm hielten, sei ja ganz gleich! Hier wolle er seine Ruhe in den paar Wochen, wo er nichts vom Reichsstrafgesetzbuch und seinem persönlichen Feind, der Sozialdemokratie, zu hören brauche. Das haarbuschige Männchen an seiner Seite vertilgt unglaubliche Mengen Bier. Das ist ein Münchener Maler, der nicht nur aus Passion in die Berge geht, sondern ihre weltentrückte Pracht in Farbe und Leinwand wieder auferstehen läßt. Wenn der langbärtige Zwerg, die mächtige Eisaxt auf der Schulter, suchend in dem einsamen Geröll umherbuscht, könnte man ihn für einen Gnomen halten, der sich durch irgendwelches Wunder in das neunzehnte Jahrhundert herübergerettet hat. Aber sein Durst ist so goldecht und gediegen, daß Zweifel an seiner urbayrischen Menschlichkeit nicht aufzukommen vermögen.

Dann noch ein mit Schmissen übersäter Berliner Regierungsreferendar, ein paar junge Männer aus Wien und Triest, alles in allem eine gediegene Gesellschaft von Fachmännern, die sich mit Ernst und Eifer über allerhand Dinge von Interesse, die Vorzüge der Purtschellerschen Steigeisen vor denen Wannerscher Observanz, die Technik des Vorauswerfens des Pickels beim Abklettern und derlei unterhalten.

Dabei ist die Gegenwart eines Laien wenig erwünscht, und als Herr von Randa eintrat, den Baron begrüßte und von ihm aufgefordert wurde, an der Tafelrunde teilzunehmen, trat eine kurze Pause höflichen Schweigens ein. –

Dann aber sah man, daß der neue Ankömmling als Weltmann sich zurückhaltend verhielt und in keiner Weise die Unterhaltung an sich zu reißen versuchte. So kam das Gespräch wieder in Fluß und wandte sich dem nächstgelegenen Objekte, den Bergen von Zermatt, zu. Natürlich nur den Bergen über 4000 Meter, einzelne schwierige Ausnahmen, wie etwa der Abstieg von dem kleinen Riffelhorn nach der Gletscherseite, abgerechnet. Ernste und schwierige Dinge kamen da zur Frage ... die Tücken des so harmlos ausschauenden Lyskamm, dessen Wächte, die über den schmalen Grat überhängenden Schneemassen, unter dem Tritt des Wanderers nachgeben und so bei einer einzigen Gelegenheit fünf Menschen, zwei Touristen und die drei Führerbrüder Knubel, in den Abgrund stürzen ließen, vom Steinfall am Zinnal Rothorn, von der bösen Dent-Blanche, in deren jähe Eiswände man fünf Stunden hintereinander Stufen hauen muß, um die Spitze zu erreichen, von den vereisten Platten des Weißhorns ...

»Also ist eigentlich das Matterhorn gar nicht das Schlimmste?« erkundigte sich Herr von Randa.

Einige der anwesenden Klubmänner lächelten bitter. Sie gehörten zu der Schar der Mißvergnügten, die das Anbringen von Seilen, Stiften und Leitern an einem schweren Berg als eine persönliche Beleidigung der wahren firmen Gipfelsteiger betrachten. Das Matterhorn, belehrten sie erbost den Frager, sei derart mit Tauen behängt und mit Eisen beschlagen, daß einem die Augen davon übergingen. Zum Glück aber könne man den Firn nicht auch so zurichten wie den geduldigen Fels, und darum seien noch Lyskamm und vor allem Dent-Blanche würdige und gefährliche Berge, auf die sich nicht der erste beste mit geschlossenen Augen von zwei gut bezahlten Führern heraufzerren lassen könne. »Ach was!« sagte Baron Gündlingen mit seiner tiefen ehernen Stimme, »laßt jedem seine Freud' ... ich geh auch ganz gern mal auf einen leichten Berg!«

Herr von Randa wandte sich zu ihm: »Haben Sie schon so einen Berg in petto, Verehrtester?«

Der andre nickte. »Da will ich morgen 'rauf!« sprach er und wies mit der Hand in die Nacht hinaus, wo sich offenbar irgendwo der von ihm gemeinte Berg erhob.

»Wie hoch ist denn der Berg?«

»Ich glaub' ... 4400 ... oder so was ...«

»Da ist er wohl sehr gefährlich?«

»Gefährlich gar nicht!« sagte der Baron und wischte sich den Bierschaum vom Bart, »aber mühsam und anstrengend schon. Da ist schon mancher auf halbem Weg umgekehrt.«

»Aber es gehen wohl viele Leute hinauf?«

»Jetzt bei der schönen Jahreszeit viele! Die Aussicht ist prächtig! Ich fürchte ... das ganze Chalet ist morgen abend voll, wenn ich hinkomm ...«

Herr von Randa rückte näher: »Also da müssen Sie doch in Gesellschaft da hinaufsteigen?«

Der Gletschermann nickte. »So ein Berg is für alle. Ich kann niemand verbieten, vor oder hinter mir zu klettern, wenn's ihm Spaß macht ... aber freilich ... auf Schwatzen und unnützes Getu' laß ich mich nicht ein.«

»Nein ... das sollen Sie ja auch nicht!« rief der andre eifrig, »es wäre ja nur ... für den Fall ... daß es Ihnen nicht sehr unangenehm ist ...« Der Baron schaute ihn an: »Was meinen S' denn eigentlich?«

»Gott« – Herr von Randa zögerte – »ich hab' nu mal meiner Frau versprochen, mit ihr die eine oder andre Bergtour zu machen ... eigentlich mit der versteckten Absicht, es ihr bei der Gelegenheit gründlich abzugewöhnen. Glauben Sie denn, daß sie da hinaufkommt?«

»... 's kann sein!« sagte der Baron kurz, »aber meist kriegen es die Damen und auch sonst weiche Leut' bei 2500 Meter 'rum mit der Bergkrankheit zu tun ... Schwindel, Übelkeit und derlei Zeug ...«

»So?« meinte der andre sinnend, »nu sagen Sie mal ehrlich, lieber Baron, wär' es Ihnen sehr zur Last, wenn wir, meine Frau und ich, uns Ihnen morgen anschlössen? Es ist doch eine ganz andre Sache, mit Ihnen so was zu riskieren, als bloß mit den Führern!«

Der andre wandte sich zur Seite, um sein ärgerliches Erstaunen zu verbergen, und schwieg kurze Zeit.

»Weiß Ihre Frau Gemahlin denn schon davon?« fragte er endlich kurz.

»Nee! aber die geht gleich mit! Und da Sie ihr ja schon einmal aus der Not geholfen haben ... und, wie Sie sagen, Sie doch in Gesellschaft hinauf müssen ... aber natürlich ... es kostet Sie nur ein Wort ... und ich verzichte ...«

Ein Wort nur ... freilich! Aber dies Wort war mehr als unhöflich! ... Und taktlos dazu! Wie sollte er es motivieren, daß er Elisabeth allein gerne auf ihrer Hochgebirgsfahrt geleitet hatte und es jetzt abschlug, wo ihr Gatte mit ihr war? Das mußte ja den Verdacht erwecken, als seien damals Dinge zwischen ihnen vorgefallen, die jener nicht wissen durfte.

Ein Zorn regte sich in ihm gegen die Plumpheit des Schicksals, das seinen Vorsatz zunichte machte, ein Zorn gegen den Mann neben ihm, der so gar nichts von der Gefahr ahnte, die über seinem Haupte hing, ein Zorn gegen sich selbst, daß er nicht die Kraft fand, mit einer wenn auch rücksichtslosen Weigerung die Sache zu enden.

Aber was verschlug es schließlich weiter, wenn sie noch einmal einen Tag unter den Augen ihres Gatten beisammen blieben? So kühl wie heute abend konnten sie sich auch morgen begegnen, einander fremd bleiben und fremd auseinander gehen.

Herr von Randa wollte sich erheben. »Nehmen Sie mir meine Fehlbitte nicht übel«, sagte er sichtlich etwas verletzt, »ich bin offenbar mit den Gepflogenheiten der Bergtouren noch nicht so ganz vertraut!«

Der andre schaute ihn prüfend an. »Das wollt' ich Sie eben fragen! Waren Sie denn schon mal auf 'nem hohen Berg?«

Der schmächtige blonde Mann zuckte ärgerlich lachend die Achseln. »Aber, Bester! ... das ja nu freilich nicht! Aber es handelt sich doch um meine Frau! ... Na ... und daß ich so weit mitkomme, wie meine Frau gehen kann, das werden Sie hoffentlich einem gesunden kräftigen Menschen wie mir glauben!«

»Sind Sie denn schwindelfrei?«

»Vollkommen! Dafür garantiere ich!« »Sie sollten's doch lieber erst anderswo versuchen ...« Der finstere Gletschermann murmelte das vor sich hin. Aber als er den erneuten Ärger im Gesicht des andern sah, setzte er gelassen hinzu: »Indes ... ! Passieren kann auf dem Berge nichts, und des Menschen Wille ist sein Himmelreich! Ich bin also morgen zu Ihrer Verfügung ...«

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