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Der weiße Dominikaner

Gustav Meyrink: Der weiße Dominikaner - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
titleDer weiße Dominikaner
authorGustav Meyrink
year1995
publisherLangen Müller
addressMünchen, Wien
isbn3-7844-2538-0
pages7-258
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20030101
modified20030104
modifiergerd.bouillon@t-online.de
noteKorrektur von Druckfehlern
firstpub1921
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Das mennigrote Buch

An meine Schläfen hämmert das Fieber. Wie Meer und Luft grenzen innere und äußere Welt aneinander.

Hilflos treibe ich an den Sturzwellen meines Blutes einher, bald hinabgerissen in gähnende Trichter voll Finsternis tiefster Bewußtlosigkeit, bald schwebend in blendender Helle, emporgeschleudert einer weißglühenden Sonne zu, die meine Sinne versengt.

Eine Hand hält die meinige fest; wenn mein Blick sie losläßt und ermüdet vom Zählen der vielen, feinen Maschen in der Spitzenmanschette, aus der sie hervorragt, den Ärmel hinaufwandert, kommt mir dämmrig ins Hirn: es ist mein Vater, der da an meinem Bett sitzt.

Oder ist es nur ein Traum?

Ich kann nicht mehr unterscheiden, was Wachsein ist und was Phantasieren, aber immer, wenn ich seine Augen auf mir ruhen fühle, muß ich die Lider schließen in quälendem Schuldbewußtsein.

Wie alles gekommen ist? – Ich kann mich nicht mehr erinnern; die Fäden meines Gedächtnisses sind abgerissen an jenem Zeitpunkt, wo ich noch wußte, daß der Schauspieler auf mich einschrie.

Klar ist mir nur das eine: irgendwann, irgendwo beim Schein einer Lampe habe ich auf seinen Befehl einen Schuldschein ausgefüllt und mit dem gefälschten Namenszug meines Vaters unterschrieben. – So täuschend ähnlich war die Schrift gewesen, daß, als ich sie anstarrte, ehe er das Papier zusammenfaltete und einsteckte, ich einen Augenblick geglaubt hatte, mein Vater habe sie mit eigener Hand unterzeichnet.

Warum ich es getan habe? – Es scheint mir so selbstverständlich, daß ich selbst jetzt, wo mich die Erinnerung an die begangene Tat zerfleischt, es nicht ungeschehen machen möchte.

Ob nur eine Nacht seitdem verflossen ist oder ein Menschenalter?

Kommt mir doch vor, als habe die Wut des Schauspielers sich ohne Unterlaß ein ganzes Jahr meines Lebens über mich ergossen.

Dann endlich hat er wohl an meiner Widerstandslosigkeit eingesehen, es sei zwecklos, weiter zu rasen, denn irgendwie muß er mich überzeugt haben, durch Fälschung einer Unterschrift könnte ich Ophelia retten.

Der einzige Lichtblick jetzt in meiner Fieberqual ist, daß ich bestimmt weiß: um mich vom Verdacht eines geplanten Mordes zu befreien, habe ich es nicht begangen.

Wie ich dann nach Hause gekommen bin, ob es schon Morgen war oder noch Nacht, ist mir vollkommen entschwunden.

Mir dämmert auf, ich hätte an einem Grabe gesessen, weinend und verzweifelt, und nach dem Duft von Rosen zu schließen, der mich jetzt, wo ich daran denke, wieder umströmt, glaube ich fast, es war das meiner Mutter. Oder kommt er von dem Blumenstrauß dort auf der Decke meines Bettes?

Wer mag ihn wohl hingelegt haben?

"Um Gottes willen, ich muß doch die Laternen auslöschen gehen", fährt es mir wie ein Peitschenhieb plötzlich durch alle Nerven. "Ist es denn nicht schon heller Tag?!"

Und ich will aufspringen, aber ich bin so schwach, daß ich kein Glied rühren kann.

Matt sinke ich wieder zurück.

"Nein, es ist noch Nacht", tröste ich mich, denn vor meinen Augen ist es mit einemmal wieder tiefste Dunkelheit.

Doch gleich darauf sehe ich von neuem Helligkeit und die Strahlen der Sonne an der weißen Wand spielen; und abermals fällt der Vorwurf der Pflichtversäumnis über mich her.

Es ist die Fieberwelle, die mich ins Meer des Phantasierens zurückreißt, sage ich mir; aber ich bin wehrlos dagegen, daß ein rhythmisches, wie aus dem Traumreich emportauchendes, mir altbekanntes Händeklatschen immer deutlicher und lauter an mein Ohr schlägt. Mit seinem Takt, schneller und schneller, wechseln zugleich Nacht und Tag, Tag und Nacht ohne Übergang, und ich muß laufen, laufen, damit ich noch zurecht komme, die Laternen anzuzünden, auszulöschen, anzuzünden, auszulöschen.

Die Zeit rast hinter meinem Herzen her und will es empfangen, aber es ist immer mit seinem Pulsschlag um einen Schritt voraus.

"Jetzt, jetzt werde ich in der Brandung des Blutes versinken", fühle ich; "es strömt aus seiner Kopfwunde des Drechslermeisters Mutschelknaus und quillt zwischen seinen Fingern hervor als ein Gießbach, wie er mit der Hand danach greift.

Gleich werde ich darin ertrinken! Ich hasche im letzten Moment nach einem Pfosten, der an einer Ufermauer eingeschlagen ist, um mich festzuklammern, und beiße die Zähne zusammen mit einem Rest schwindenden Besinnens:

"Halte deine Zunge fest; sonst verrät sie im Fieber, daß du die Unterschrift deines Vaters gefälscht hast."

Wacher als je bei Tage, lebendiger als je im Traum bin ich plötzlich.

Mein Ohr ist so scharf, daß ich das leiseste Geräusch vernehme, ob nah, ob fern.

Weit, weit drüben in den Baumwipfeln am jenseitigen Ufer zwitschern die Vögel, und in der Marienkirche höre ich deutlich die Stimme der Betenden murmeln.

Ob es wohl Sonntag ist?

Seltsam, daß die sonst so dröhnenden Orgelklänge das Flüstern in den Stühlen nicht verschlingen können. Seltsam, daß die lauten Geräusche diesmal den leisen, schwachen nichts zuleide tun?!

Was für Türen schlagen denn da im Hause? Ich dachte, die Stockwerke sind unbewohnt? Nur altes, verstaubtes Gerümpel, glaubte ich, stünde dort unten in den Zimmern.

Sind es unsere Ahnen, die da plötzlich lebendig geworden sind?

Ich beschließe hinunter zu gehen; ich bin ja so frisch und gesund, warum sollte ich es nicht tun?

Gleich darauf fällt mir ein: dazu müßte ich meinen Körper mitnehmen, und das geht nicht gut, ich kann doch nicht im Hemde am hellichten Tag meinen Vorfahren einen Besuch machen!

Da klopft es an die Türe; mein Vater geht hin, öffnet sie ein wenig und sagt durch die Spalte ehrerbietig hinaus: Nein, Großpapa, es ist noch nicht an der Zeit. Wie du weißt, dürft Ihr erst zu ihm, bis ich gestorben bin.

Das wiederholt sich im ganzen neunmal.

Als es zum zehntenmal geschieht, weiß ich: diesmal steht der Urahn draußen.

Ich habe mich auch nicht geirrt, das sehe ich an der tiefen, ehrfurchtsvollen Verbeugung, die mein Vater macht, als er die Tür weit öffnet.

Er selber geht hinaus, und an den schweren, langsamen Schritten, in die hinein das Stapfen eines Stabes klingt, höre ich: es kommt jemand an mein Bett.

Sehen kann ich ihn nicht, denn ich habe die Augen geschlossen. Ein inneres Gefühl sagt mir, ich dürfe sie nicht öffnen.

Aber durch die Lider hindurch ganz deutlich wie durch Glas sehe ich mein Zimmer und alle Gegenstände, die darin sind.

Der Urahn schlägt meine Bettdecke zurück und legt mir die rechte Hand, den Daumen abgespreizt, wie ein Winkelmaß an den Hals.

"Dies ist das Stockwerk", sagt er eintönig, wie ein Geistlicher die Litanei spricht, "darin dein Großvater gestorben ist und der Auferstehung harrt. Der Leib des Menschen ist das Haus, in dem seine toten Ahnen wohnen.

In manches Menschen Haus, in manches Menschen Leib erwachen die Toten, ehe die Zeit ihrer Auferstehung reif ist, zu einem kurzen, gespenstischen Leben; dann raunt der Volksmund von 'Spuk', dann spricht der Volksmund von 'Besessenheit'."

Er wiederholt den Griff mit Daumen und Handfläche auf meiner Brust:

"Und hier liegt dein Urgroßvater eingesargt."

So geht es den ganzen Körper hinab über Magengrube, Lenden, Schenkel und Knie bis zu den Fußsohlen.

Als er auf sie seine Hände legt, sagt er: "Und hier wohne ich! Denn die Füße sind das Fundament, auf dem das Haus ruht; sie sind die Wurzel und verbinden den Leib deines Menschen mit der Mutter Erde, so du wanderst.

Heut' ist der Tag, der auf die Nacht deiner Sonnenwende gefolgt ist. Dies ist der Tag, da die Toten in dir beginnen aufzuerstehen.

Und ich bin der erste."

Ich höre, wie er sich an mein Bett setzt, und aus dem Rauschen von Buchenblättern, die er von Zeit zu Zeit umschlägt, errate ich: er liest mir vor aus der Familienchronik, die mein Vater so oft erwähnt.

Im Tone einer Litanei, die meine äußeren Sinne einschläfert, – meine inneren hingegen zu immer ansteigendem, manchmal fast unerträglichem Wachsein aufreizt, dringt es in mich ein:

"Du bist der Zwölfte, ich war der Erste. Bei 'eins' fängt man zu zählen an und hört bei 'zwölf' auf. Dies ist das Geheimnis der Menschwerdung Gottes.

Du sollst der Wipfel des Baumes werden, der das lebendige Licht schaut; ich bin die Wurzel, die die Kräfte der Finsternis in die Helligkeit schickt.

Aber du bist ich und ich bin du, wenn das Wachstum des Baumes vollendet sein wird.

Der Holunder ist der Strauch, der im Paradies der Baum des Lebens hieß. Noch heute geht unter den Menschen die Sage, er sei zauberkräftig. Schneide seine Zweige ab, seinen Wipfel, seine Wurzel, stecke ihn verkehrt in die Erde, und siehe: was Wipfel war, wird Wurzel werden, was Wurzel war, wird Wipfel treiben – so innig ist jede seiner Zellen durchdrungen von der Gemeinsamkeit des 'Ich' und 'Du'.

Darum habe ich ihn als Sinnbild in das Wappen unseres Geschlechtes gesetzt! Darum wächst er als Wahrzeichen auf dem Dach unseres Hauses!

Hier auf Erden ist er nur ein Gleichnis, wie alle Form nur ein Gleichnis ist, aber im Reiche der Unverweslichen heißt er der erste unter allen Bäumen. Zuweilen auf deinen Wanderungen hier und drüben hast du dich alt gefühlt, – das war ich, das Fundament, die Wurzel, der Urahn, den du in dir gefühlt hast.

Wir heißen beide Christopher, denn ich und du sind ein und dasselbe. –

Ich war ein Findelkind wie du; doch ich habe den großen Vater und die große Mutter gefunden auf meinen Wanderungen und den kleinen Vater und die kleine Mutter nicht mehr: du hast den kleinen Vater und die kleine Mutter gefunden, aber den großen Vater und die große Mutter – noch nicht!

Darum bin ich der Anfang und du bist das Ende; wenn wir beide einander durchdringen werden, – dann ist der Ring der Ewigkeit geschlossen für unser Geschlecht.

Die Nacht deiner Sonnenwende ist der Tag meiner Auferstehung. Wenn du alt wirst, werde ich jung, je ärmer du wirst, desto reicher werde ich ...

Hast du die Augen geöffnet, dann mußte ich die meinen schließen, hast du die deinen geschlossen, dann wurde ich sehend; – so war es bisher.

Wir standen einander gegenüber wie Wachen und Schlaf, wie Leben und Tod, und konnten uns nur auf der Brücke des Traumes begegnen.

Bald wird es anders sein; die Zeit bricht an! Die Zeit deiner Armut, die Zeit meines Reichtums. Die Nacht der Sonnenwende war die Grenzscheide.

Wer nicht reif ist, der verschläft sie; oder er irrt umher in der Dunkelheit; in ihm muß der Ahnherr im Grabe liegen bis zum großen jüngsten Tag.

Die einen, das sind die Vermessenen, die nur an ihren Leib glauben – und Sünden begehen um des Vorteils willen – die Unadligen, die ihren Stammbaum verachten; – die anderen, das sind die, die zu feig sind, eine Sünde zu begehen, um des Gewinnes eines ruhigen Gewissen willen. –

Du aber bist aus adeligem Blut, und wolltest ein Mörder werden um der Liebe willen.

Schuld und Verdienst muß dasselbe werden, sonst bleiben beide eine Bürde; und ein Beladener kann nie ein Freiherr sein.

Der Meister, den sie den weißen Dominikaner nennen, hat dir alle Sünden vergeben, auch die zukünftigen, denn er wußte, wie alles kommen wird; – du aber wähntest, es sei in deine Hand gegeben, eine Tat zu begehen oder zu unterlassen. – Er ist von je frei von Schuld oder Verdienst und daher frei von jeglichem Wahn. Nur wer noch wähnt, wie du und ich, der lädt die eine Bürde auf sich oder die andere.

Frei davon werden wir nur auf die Art, wie ich dir gesagt habe. Er ist der kommende große Wipfel aus dem Ur: – aus der großen Wurzel.

Er ist der Garten, du und ich und ihresgleichen sind die Bäume, die in ihm wachsen.

Er ist der große Wanderer und wir sind die kleinen. Er steigt aus der Ewigkeit herab in die Unendlichkeit; wir wandern aus der Unendlichkeit empor in die Ewigkeit.

Wer die Grenzscheide überschritten hat, der ist ein Glied in einer Kette geworden, – einer Kette, gebildet aus unsichtbaren Händen, die einander nie mehr loslassen bis ans Ende der Tage; er gehört hinfort einer Gemeinschaft an, in der jeder einzelne eine nur für ihn allein bestimmte Mission hat. –

Nicht sind auch nur zwei in ihr, die da einander gleich wären, so wie schon unter den Menschentieren der Erde nicht zwei sind, die dasselbe Schicksal hätten.

Der Geist dieser Gemeinschaft durchdringt unsere ganze Erde; er ist ihr jederzeit allgegenwärtig, er ist der Lebensgeist im großen Holunderbaum.

Aus ihm sind die Religionen aller Zeiten und Völker entsprossen; sie wandeln sich, er aber wandelt sich nie.

Wer ein Wipfel geworden ist und die Wurzel 'Ur' bewußt in sich trägt, der tritt bewußt in diese Gemeinschaft ein durch das Erleben des Mysteriums, das da heißt:

'Die Lösung mit dem Leichnam und dem Schwert.'

Tausende und Abertausende sind einst im alten China dieses geheimnisvollen Vorganges teilhaftig geworden, doch nur spärliche Berichte sind bis auf unsere Zeit gekommen.

Höre von solchen:

Es sind da gewisse Umwandlungen genannt Schi-Kiai, das ist die Lösung der Leichname, und andere genannt Kieu-Kiai, das ist die Lösung der Schwerter.

Die Lösung der Leichname ist der Zustand, in dem die Gestalt des Verstorbenen unsichtbar wird und dieser selbst zu dem Range eines Unsterblichen gelangt.

In manchen Fällen verliert der Leib bloß das Gewicht oder behält das Aussehen eines Lebenden.

Bei der Lösung der Schwerter bleibt im Sarge an der Stelle des Leichnams ein Schwert zurück.

Diese sind die gefeiten Waffen, bestimmt für die Zeit des letzten großen Kampfes.

Beide Lösungen sind eine Kunst, die die vorgeschrittenen Männer des Weges den begünstigten Jüngeren mitteilen.

Die Überlieferung aus dem oberen Buche des Schwertes sagt:

Bei der Weise der Lösung der Leichname geschieht es, daß man stirbt und wieder zum Leben kommt. Es geschieht, daß das Haupt abgehauen ist und von einer Seite zum Vorschein kommt. Es geschieht, daß die Gestalt vorhanden ist, aber daß die Knochen fehlen.

Die Höchsten unter den Gelösten nehmen in Empfang, aber sie handeln nicht; die übrigen lösen sich am hellen Tage mit den Leichnamen. Sie bringen es dahin, daß sie fliegende Unsterbliche werden. Wenn sie wollen, können sie am hellen Tage auf trockenem Boden versinken.

Einer von diesen war ein Eingeborener von Hooinan und hieß Tung-Tschung-khiu. In seiner Jugend übte er das Einatmen der geistigen Luft und läuterte dadurch seine Gestalt. Er wurde ungerechterweise beschuldigt und in dem Gefängnis gebunden. Sein Leichnam löste sich und verschwand.

Lieu-ping-hu hat keinen Namen und keinen Jünglingsnamen. Gegen das Ende der Zeiten von Han war er Ältester von Ping-hu in Kieu-Kiang. Er übte die Kunst eines Arztes und kam bei den Krankheiten und Kümmernissen der Menschen zu Hilfe, als ob es seine eigene Krankheit wäre. Auf einer Wanderung begegnete er dem unsterblichen Menschen Tscheu-tsching-schi, der ihm den Weg des verborgenen Daseins enthüllte. Später löste er sich mit dem Leichnam und verschwand."

Ich hörte am Rauschen der Blätter, daß der Ahnherr einige Seiten überschlug, ehe er fortfuhr:

"Wer es besitzt, das mennigrote Buch, die Unsterblichkeitspflanze, das Erwecken des geistigen Atems und das Geheimnis, wie man die rechte Hand lebendig macht, der löst sich mit dem Leichnam.

Ich habe dir Beispiele von Menschen vorgelesen, die sich gelöst haben, damit dein Glaube gestärkt wird durch das Hören, daß es andere vor dir gab, die es vollbrachten.

Zum selben Zwecke steht im Buch der Schriften das Ergebnis von der Auferstehung des Jesus von Nazareth.

Nun aber will ich dir berichten vom Geheimnis der Hand, vom Geheimnis des Atems und vom Lesen des mennigroten Buches.

Es heißt das mennigrote Buch, weil nach uraltem Glauben in China das Rot die Farbe der Gewänder der höchsten Vollkommenen ist, die zum Heile der Menschheit auf Erden zurückbleiben.

So wie ein Mensch den Sinn eines Buches nicht erfassen kann, wenn er es nur in der Hand hält, oder die Seiten umblättert, ohne sie zu lesen, so bringt ihm auch der Ablauf seines Schicksals keinerlei Gewinn, so er den Sinn nicht erfaßt; die Geschehnisse folgen einander wie die Blätter eines Buches, die der Tod umwendet; er weiß nur: sie erscheinen und verschwinden, und mit dem letzten ist das Buch zu Ende.

Er weiß nicht einmal, daß es von neuem aufgeschlagen wird immer wieder, bis er endlich lesen lernt. Und solange er das nicht kann, ist das Leben für ihn nur ein wertloses Spiel, gemischt aus Freude und Leid.

Wenn er aber endlich die lebendige Sprache darin zu begreifen beginnt, dann schlägt sein Geist die Augen auf und fängt zu atmen an und liest mit.

Dieses ist die erste Stufe auf dem Wege zur Lösung des Leichnams, denn der Leib ist nichts anderes als erstarrter Geist; er löst sich, wenn der Geist zu erwachen beginnt, wie Eis in Wasser zergeht, wenn dieses zu sieden beginnt.

Sinnvoll in der Wurzel ist jedes Menschen Schicksalsbuch, aber die Buchstaben darin tanzen wirr durcheinander für jene, die sich nicht die Mühe nehmen, sie ruhevoll zu lesen, einen nach dem andern und so, wie sie gesetzt sind.

Das sind die Hastigen, die Raffgierigen, die Ehrgeizigen, die Pflichtvorschützer, die Vergifteten vom Wahn: ihr Schicksal anders gestalten zu können, als es der Tod in das Buch geschrieben hat.

Doch wer dem Umblättern, dem müßigen Kommen und Gehen der Seite keine Beachtung mehr schenkt, sich nicht mehr darüber freut und nicht mehr darüber weint und wie ein aufmerksamer Leser gespannten Sinnes Wort um Wort zu verstehen strebt, dem wird alsbald ein höheres Schicksalsbuch aufgeschlagen, bis als letztes und höchstes für ihn als Erwählten das mennigrote Buch vor ihm liegt, das alle Geheimnisse birgt.

Das ist der einzige Weg, dem Kerker des Fatums zu entrinnen; jegliches andere Tun ist ein qualvolles, vergebliches Zappeln in den Schlingen des Todes. Die Ärmsten im Leben sind die, die vergessen haben, daß es eine Freiheit jenseits des Kerkers gibt, – die, im Käfig geborenen Vögeln gleich, zufrieden beim vollen Futternapf, das Fliegen verlernt haben. – Für sie gibt es nimmermehr eine Erlösung. – Unsere Hoffnung ist, daß es dem großen, weißen Wanderer, der auf dem Wege ist herab in die Unendlichkeit, gelingen möge die Fesseln zu brechen.

Das mennigrote Buch aber werden sie nimmermehr schauen.

Wem es aufgeschlagen wird, der läßt auch in höherem Sinne keinen Leichnam mehr zurück: er reißt ein Stück Erde hinein ins Geistige und löst es darin auf.

So arbeitet er mit am großen Werk göttlicher Alchimie; er wandelt Blei in Gold, er wandelt Unendlichkeit in Ewigkeit. – – –

Höre nun vom Geheimnis des geistigen Atems!

Er ist aufbewahrt im mennigroten Buch nur für jene, die Wurzel sind oder Wipfel; die 'Äste' haben keinen Teil daran, denn begriffen sie es, so verdorrten sie alsbald und fielen ab vom Stamm.

Wohl durchströmt auch sie der große geistige Atem, – denn wie könnte auch nur das kleinste Wesen leben ohne ihn – aber er geht durch sie hindurch wie bewegender Wind und hält nicht still.

Der leibliche Atem ist nur sein Gegenspiel in der äußeren Welt.

In uns aber soll er fest werden, bis er, ein Lichtschein geworden, die Maschen des Körpernetzes durchdringt und sich vereinigt mit dem großen Licht.

Wie das geschieht, kann niemand dich lehren; es wurzelt im Gebiete des feinsten Erfühlens.

Es heißt im mennigroten Buch: 'Hier liegt verborgen der Schlüssel aller Magie. Der Leib kann nichts, der Geist kann alles. Tu alles hinweg, was Leib ist, so wird dein Ich, wenn es völlig nackt geworden, als reiner Geist zu atmen beginnen.

Der eine fängt es auf diese Weise, der andere auf jene Weise, je nach dem Glauben, in dem er geboren wurde. Der eine durch brennende Sehnsucht nach dem Geiste, der andere durch das Beharren im Gefühl der Gewißheit: 'ich stamme aus dem Geiste und nur mein Leib aus der Erde.'

Wer keine Religion hat, wohl aber an die Überlieferung glaubt, der begleite all seiner Hände Werk, auch das Geringste, mit dem unablässigen Gedanken: ich tue es zu dem einzigen Zweck, daß das Geistige in mir bewußt zu atmen beginne.

So, wie der Leib, ohne daß du die geheime Werkstatt seiner Arbeit kennst, die eingeatmete irdische Luft verwandelt, so webt der Geist auf unbegreifliche Weise dir mit seinem Atem ein purpurnes Königsgewand: den Mantel der Vollendung.

Allmählich wird dein ganzer Körper durchdringen in einem tieferen Sinne als bei den Menschentieren; wohin sein Atem trifft, dort werden alle Glieder neu, um anderem Zweck zu dienen als bisher.

Dann kannst du diesen Atemstrom lenken, wie es dir beliebt. – Du kannst den Jordan aufwärts fließen machen, wie es in der Bibel heißt. Du kannst deines Körpers Herz still stehen lassen, kannst es langsam machen oder schnell und so das Schicksal deines Leibes selbst bestimmen; das Buch des Todes hat hinfort keine Gültigkeit für dich.

Jede Kunst hat ihre Gesetze, jede Königswahl ihr Gepräge, jede Messe ihren Ritus und alles was wird und wächst seinen bestimmten Gang.

Das erste Glied des neuen Leibes, das du erwecken sollst mit jenem Atem, ist die rechte Hand.

Zwei Laute sind es, die zuerst ertönen, wenn der Hauch auf Fleisch und Blut trifft; das sind die Schöpfungslaute I und A. I ist 'ignes', das ist das Feuer, und A ist 'aqua', das ist das Wasser.

Nichts ist gemacht, das nicht aus Wasser und Feuer gemacht wäre! Wenn der Hauch den Zeigefinger trifft, dann wird er starr und gleicht dem Buchstaben I. – Es 'kalziniert der Knochen', wie es in der Überlieferung heißt.

Trifft der Hauch den Daumen, so wird dieser starr, spreizt sich ab und bildet mit dem Zeigefinger den Buchstaben A.

Dann 'gehen von deiner Hand Ströme lebendigen Wassers aus', wie es in der Überlieferung heißt.

Stürbe ein Mensch in diesem Stande der geistigen Wiedergeburt, so wäre seine rechte Hand nicht mehr der Verwesung unterworfen.

Legst du die wachgewordene Hand an deinen Hals, so strömt das 'lebendige Wasser' in deinen Körper ein.

Stürbest du in diesem Stande, so wäre dein ganzer Körper unverweslich wie die Leiche eines christlichen Heiligen.

Doch du sollst dich lösen mit deinem Leichnam!

Das geschieht durch das Kochen des 'Wassers' und dieses durch das 'Feuer', denn jeglicher Prozeß, auch der geistige der Wiedergeburt, muß seine Ordnung haben.

Ich werde es an dir vollbringen, ehe ich für diesesmal von dir gehe."

Ich hörte, daß mein Uhrahn das Buch schloß.

Er stand auf und legte wiederum, so wie das erstemal, seine Hand einem Winkelmaße gleich an meinen Hals.

Ein Gefühl durchrieselte mich, als liefe ein Strom eiskalten Wassers meinen Körper hinab, bis in die Fußsohlen.

"Wenn ich es zum Kochen bringe, wird das Fieber in dir erwachsen, und du wirst das Bewußtsein verlieren", sagte er, "darum höre, ehe dein Ohr taub wird: Was ich an dir tue, das tust du selbst, denn ich bin und du bist nicht.

Kein anderer als ich könnte an dir tun, was ich tue; doch auch du könntest es allein an dir nicht tun. Ich muß dabei sein, denn ohne mich bist du nur ein halbes 'Ich' – so wie ich ohne dich nur ein halbes 'Ich' bin.

Auf diese Weise ist das Geheimnis der Vollbringung vor dem Mißbrauch durch Menschentiere geschützt."

Ich fühlte, wie der Ahnherr langsam seinen Daumen löste; dann fuhr er mit dem Zeigefinger schnell dreimal von links nach rechts über meinen Hals, als wolle er mir die Kehle durchschneiden.

Ein entsetzlicher, schriller Ton wie ein "I" schoß mir versengend durch Fleisch und Bein.

Mir war, als schlügen Stichflammen aus meinem Körper.

"Vergiß nicht: alles was geschieht, und alles was du tust und erleidest, trage es um der Lösung mit dem Leichnam willen!" – hörte ich die Stimme meines Ahnherrn Christopher noch einmal und wie aus der Erde herauf.

Dann verbrannte der letzte Rest meines Bewußtseins in den Gluten des Fiebers.

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