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Der weiße Dominikaner

Gustav Meyrink: Der weiße Dominikaner - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
titleDer weiße Dominikaner
authorGustav Meyrink
year1995
publisherLangen Müller
addressMünchen, Wien
isbn3-7844-2538-0
pages7-258
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20030101
modified20030104
modifiergerd.bouillon@t-online.de
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firstpub1921
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Ophelia

Nach wie vor traben die Kinder hinter mir drein, wenn ich abends durch die Straßen ziehe, erhobenen Hauptes und stolz auf das Ehrenamt derer von Jöcher, jetzt, wie ich weiß: der Ahnherr ist auch der meinige; aber ihr Spottlied: "Taubenschlag, Taubenschlag, Taubenschlag", klingt merklich dünner; die meisten von ihnen begnügen sich damit, taktmäßig die Hände zu klatschen, oder sie singen bloß: "Trara."

Gar die Erwachsenen! Die ziehen den Hut als Dank auf meinen Gruß, während sie früher nur genickt haben, und wenn sie mich vom Grabe meiner Mutter kommen sehen, wohin ich täglich gehe, stecken sie hinter mir die Köpfe zusammen und flüstern miteinander; es hat sich im Städtchen herumgesprochen, daß ich der leibliche Sohn des Freiherrn von Jöcher bin und nicht nur sein Adoptivkind!

Frau Aglaja knickst wie vor einer Prozession, so oft ich ihr begegne, und benützt jede Gelegenheit, das Wort an mich zu richten und sich nach meinem Befinden zu erkundigen!

Wenn sie mit Ophelia geht, laufe ich immer davon, damit wir nicht beide rot zu werden brauchen, daß die Alte so unterwürfig tut.

Der Drechslermeister Mutschelknaus erstarrt förmlich, wenn er mich erblickt; glaubt er noch ungesehen entkommen zu können, so schießt er zurück in seine Höhle wie eine entsetzte Maus.

Ich fühle, wie unsäglich er darunter leidet, daß gerade ich, der jetzt für ihn ein überirdisches Wesen bedeutet, der Mitwisser seines nächtlichen Geheimnisses sein muß.

Nur einmal habe ich ihn in seiner Werkstatt besucht, in der Absicht, ihm zu sagen, daß er sich doch wahrhaftig vor mir nicht zu schämen brauchte; ein zweitesmal getraue ich es mir nicht mehr. Ich wollte ihm sagen, wie hoch ich ihn schätzte, daß er sich so für seine Familie aufopfert.

Ich wollte die Worte meines Vaters gebrauchen, "daß jeder Beruf edel sei, den die Seele für würdig hielte nach dem Tode fortzuführen", und freute mich schon im Herzen darauf, welchen erlösenden Eindruck sie auf ihn machen würden, aber ich kam gar nicht zu solcher Rede.

Er riß einen Vorhang vom Fenster und warf ihn über den Sarg, damit ich die Hasen nicht sehen solle, breitete die Arme aus, beugte den Oberkörper rechtwinkelig vor und blieb in dieser chinesischen Stellung, das Gesicht zur Erde gerichtet, stehen, ohne mich anzusehen, und wie eine Litanei unaufhörlich die sinnlosen Worte murmelnd:

"Seine Durchlauchtig Hochwohlgeboren der Herr Freiherr geruhen allerhöchstens –"

Wie mit Wasser begossen lief ich wieder hinaus, denn alles, was ich daherstotterte, war verkehrt. Ich mochte es anstellen, wie ich wollte, immer klang es nach Hochmut, was ich über die Lippen brachte, immer "geruhte ich"; das einfachste, schlichteste Wort, an ihn gerichtet, kehrte um an seiner Sklavenaura, verletzte mich selbst wie ein Pfeil, trug den häßlichen Beigeschmack der Herablassung.

Sogar mein stummes Weggehen bürdete mir die Gefühlslast auf, mein Benehmen habe hochfahrend geschienen.

Der Oberregisseur Paris ist der einzige unter den Erwachsenen, der sein Benehmen mir gegenüber nicht geändert hat.

Meine dumpfe Angst vor ihm ist noch größer geworden; es geht ein lähmender Einfluß von ihm aus, gegen den ich machtlos bin. Ich fühle, er liegt im Baß und der befehlenden Lautheit seiner Rede verborgen. Ich will mir einreden, es sei dumm von mir, so etwas zu glauben, denn ich brauchte ja nicht zu erschrecken, wenn er mich plötzlich anschrie. Und was wäre auch weiter dabei, wenn er es täte! Aber jedesmal, wenn ich ihn drüben in Ophelias Zimmer deklamieren höre, macht mich der tiefe Klang seiner Stimme erbeben, und mich packt eine rätselhafte Furcht; ich komme mir so schwach und klein vor mit meinen beschämend hohen, knabenhaften Tonfall!

Es hilft nichts, daß ich mich beruhigen will: er weiß nicht, kann es gar nicht wissen, daß wir uns lieben, Ophelia und ich, und er klopft nur auf den Busch, der dumme Komödiant, wenn er mich auf der Straße immer so tückisch ansieht; ich kann es mir vorsagen, so oft ich will – das demütigende Bewußtsein werde ich nicht los: im Banne hält er dich ja doch, und du heuchelst dir nur Mut vor, wenn du dich bisweilen zwingst, ihm fest in die Augen zu blicken. Feige Furcht vor dir selber ist es und bleibt es und sonst nichts.

Ich wünsche mir oft, er möchte wieder so herausfordernd frech räuspern wie damals, damit ich Gelegenheit hätte, einen Streit mit ihm vom Zaum zu brechen; aber er tut es nicht mehr; er lauert. Ich glaube, er spart seinen Baß auf, bis der Zeitpunkt gekommen ist, und ich zittere innerlich, daß ich dann unvorbereitet sein könnte.

Auch Ophelia ist hilflos in seine Hand gegeben. Ich weiß es. Obwohl wir nie darüber sprechen.

Wenn wir nachts heimlich beisammen sind am Fluß in dem kleinen Gärtchen vor unserem Hause, und, uns in Liebesseligkeit umschlungen haltend, miteinander zärtlich flüstern, so zucken wir doch jedesmal in jähem Entsetzen zusammen, so oft es sich irgendwo leise rührt in unserer Nähe, und eines weiß vom andern, daß es nur die immerwährende Furcht vor jenem Menschen ist, die unsere Ohren so unnatürlich schärft.

Nicht einmal seinen Namen getrauen wir uns auszusprechen.

Wir weichen ängstlich jedem Thema aus, das dahin führen könnte.

Wie ein Verhängnis ist es, daß ich ihm täglich in die Arme laufen muß, ob ich nun absichtlich später oder früher abends aus dem Hause gehe.

Wie ein Vogel komme ich mir vor, um den eine Schlange immer engere Kreise zieht.

Aber er scheint darin eine Art Vorbedeutung zu wittern; er schwelgt in dem sicheren Gefühl, seinem Ziel von Tag zu Tag näher zu kommen. Ich sehe es an dem hämischen Aufblitzen in seinen kleinen, bösartigen Augen.

Was dieses Ziel wohl für ihn sein mag? Ich glaube, er weiß es selber nicht genau, ebensowenig wie ich es mir vorzustellen vermag.

Noch ist es für ihn ein Problem, und das beruhigt mich; weshalb bliebe er denn regelmäßig, sich die Unterlippe benagend, im Grübeln versunken stehen, wenn ich an ihm vorüberhaste?

Er fixiert mich auch nie mehr; er weiß, er hat es nicht mehr nötig; seine Seele hat die meinige in ihrer Gewalt auch so.

Uns nachts belauschen kann er nicht, dennoch habe ich mir einen Plan erdacht, damit wir uns nicht ewig ängstigen müssen.

Am Fuße der Palisadenbrücke liegt ein alter Kahn, halb ans Land gezogen; ich habe ihn heute geholt und in der Nähe unseres Gartens festgebunden.

Wenn der Mond hinter Wolken tritt, will ich Ophelia hinüberrudern ans jenseitige Ufer; dann lassen wir uns langsam stromabwärts treiben um die Stadt herum.

Der Fluß ist zu breit, als daß uns jemand sehen, geschweige denn erkennen könnte!

Ich habe mich in das Zimmer geschlichen, das die Schlafkammer meines Vaters von der meinigen trennt, und zähle die Schläge meines Herzens, ob es denn nicht bald vom Turm der Marienkirche zehnmal dröhnen wird und dann noch das eine-, das elftemal dazu – beredt und jauchzend: "Jetzt, jetzt kommt Ophelia hinunter in den Garten."

Die Zeit scheint mir still zu stehen, und in meiner Ungeduld fange ich an, ein seltsames Spiel mit meinem Herzen zu treiben, bei dem sich mir allmählich die Begriffe verwirren wie im Traum.

Ich rede ihm zu, es möge schneller schlagen, damit auch die Uhr auf dem Turme rascher wurde. Es scheint mir ganz selbstverständlich, daß eines dem andern folgen müsse. Ist denn mein Herz nicht auch eine Uhr? frägt mich ein Gedanke. Und warum sollte sie nicht mächtiger sein können als jene da draußen auf dem Turm, die doch nur ein totes Metall ist und nicht lebendiges Fleisch und Blut wie das meinige!

Warum sollte sie ihr nicht die Zeit vorschreiben können?

Und wie eine Zusage, daß ich recht habe, fällt mir plötzlich ein Satz ein, den mir einmal mein Vater aus einem Gedicht vorlas: "Vom Herzen gehen die Dinge aus, sind herzgeboren und herzgefügt –"

Nur verstehe ich jetzt den furchtbaren Sinn, der in den Worten liegt, die damals an meinem Ohr vorüberrauschten. Ich erfasse ihn in einer Bedeutung, die mich tief erschreckt; in mir das Herz, mein eigenes Herz, gehorcht nicht, wenn ich ihm zurufe: schlage schneller! So lebt also einer in mir, der stärker ist als ich, der mir die Zeit und mein Schicksal vorschreibt!

Von ihm also gehen die Dinge aus!

Ich entsetze mich vor mir selber.

"Ich wäre ein Zauberer und hätte die Macht über jegliches Geschehen, kennte ich mich nur selber, und hätte ich nur ein wenig Gewalt über mein Herz", das weiß ich mit einemmal klar.

Und ein zweiter, ungerufener Gedanke spricht in die Rede des ersten hinein und sagt:

"Erinnerst du dich an die gewisse Stelle in einem Buch, das du vor Jahren im Findelhaus gelesen hast? Stand nicht darin: 'Oft, wenn jemand stirbt, bleiben die Uhren stehen'? Das ist so: Der Sterbende verwechselt unter dem Albdruck des Todes die Schläge seines langsam werdenden Herzens mit denen einer Uhr; die Angst seines Körpers, den die Seele verlassen will, flüstert: 'wenn die Uhr dort aufhört zu ticken, bin ich tot', und wie unter einem magischen Befehl bleibt auch die Uhr stehen, wenn das Herz seinen letzten Schlag tut. Hängt eine Uhr im Zimmer eines Menschen, an den der Sterbende denkt, so ist sie es, die blind dem der Todesangst entsprungenen Worte folgt, denn wohin jemand in der Todesminute denkt, dort ist er selber wie ein ausgesandter Doppelgänger."

So ist es also die Furcht, der mein Herz gehorcht! Sie ist mächtiger noch als das Herz! Wenn es mir gelänge, sie zu bannen, so hätte ich die Gewalt über all die Dinge, die vom Herzen ausgehen, über Schicksal und Zeit!

Und ich wehre mich mit angehaltenem Atem gegen eine plötzlich über mich hereinbrechende Angst, die mich erwürgen will, weil ich hineintaste in ihre Schlupfwinkel.

Ich bin zu schwach, ihrer Herr zu werden, denn ich weiß nicht, wo und wie ich sie packen soll; sie tut statt meiner dem Herzen Gewalt an, preßt es zusammen, um es zu zwingen, daß es mein Schicksal nach ihrem Willen und nicht nach dem meinigen formt.

Ich suchte mich zu beruhigen, indem ich mir vorsagte: Solange ich nicht mit Ophelia zusammen bin, droht ihr keine Gefahr – aber ich bin zu schwach, dem Ratschlusse meines Verstandes zu folgen: heute nicht hinunter in den Garten zu gehen.

Ich verwerfe ihn im selben Augenblick, wo ich ihn gefaßt habe. Ich durchschaue die Fallstricke, die mir mein Herz legt, und dennoch tappe ich mitten hinein; meine Sehnsucht nach Ophelia ist stärker als jegliche Vernunft.

Ich trete ans Fenster und schaue hinunter auf den Fluß, im mich zu sammeln und Mut zu fassen, – um gewappnet zu sein, der Gefahr, die ich jetzt unabwendbar kommen fühle, weil ich Angst vor ihr habe, ins Auge sehen zu können, aber der Anblick des stummen, gefühllosen, unaufhaltsam dahinströmenden Wassers wirkt so furchtbar auf mich, daß ich das Dröhnen der Turmuhr eine Weile lang gar nicht bemerkte.

Das dumpfe Gefühl: "Der Fluß trägt herbei, das Schicksal, dem du nicht mehr entrinnen kannst", hat mich fast betäubt.

Dann weckt mich der vibrierende, metallische Klang, und Furcht und Beklemmung sind wie weggewischt.

Ophelia!

Ich sehe ihr helles Kleid im Garten schimmern.

"Mein Bub, mein lieber, lieber Bub, ich habe solche Angst um dich gehabt, den ganzen Tag!"

"Und ich um dich, Ophelia!" will ich sagen, aber sie umarmt mich, und ihre Lippen schließen die meinen.

"Weißt du, daß ich glaube, wir sehen uns heute zum letztenmal, mein lieber, armer Bub?!"

"Um Gottes willen! Ist etwas geschehen, Ophelia? Komm, komm rasch in das Boot, dort sind wir sicher."

"Ja. Gehen wir. Dort sind wir vielleicht sicher – vor ihm."

Vor ihm! Es ist das erstemal, daß sie "ihn" erwähnt! Ich fühle am Zittern ihrer Hand, wie grenzenlos ihre Furcht vor "ihm" sein muß!

Ich will sie fortziehen zum Kahn, aber sie bleibt einen Augenblick widerstrebend stehen, als könne sie sich von dem Ort nicht losreißen.

"Komm, komm, Ophelia", drängte ich, "ängstige dich nicht. Gleich werden wir drüben am andern Ufer sein. Die Nebelschleier –"

"Ich ängstige mich nicht, mein Bub. Ich will nur" – sie stockt.

"Was ist dir, Ophelia?" Ich umschlinge sie mit meinen Armen. "Hast du mich nicht mehr lieb, Ophelia?"

"Du weißt, wie lieb ich dich habe, mein Christl!" sagt sie einfach und schweigt lange.

"Wollen wir nicht in den Kahn gehen?" dränge ich sie wieder flüsternd. "Ich sehne mich so nach dir!"

Behutsam macht sie sich von mir los, geht einen Schritt zu der Bank zurück, wo wir immer zu sitzen pflegen, und streichelt sie, in Gedanken verloren.

"Was ist dir, Ophelia? Was tust du? Hast du einen Schmerz? Hab' ich dir weh getan?"

"Ich will nur – ich will nur Abschied nehmen von der lieben Bank! Weißt du noch, mein Bub, hier haben wir uns doch zum erstenmal geküßt!"

"Du willst von mir gehen?" schreie ich fast hinaus. "Ophelia, Gott im Himmel, das darf ja nicht sein! Es ist etwas geschehen, und du sagst es mir nicht! Glaubst du denn, ich könnte leben ohne dich?"

"Nein, sei ruhig, mein Bub, es ist nichts geschehen!" tröstet sie mich leise und versucht zu lächeln, aber wie das Mondlicht ihr hell ins Gesicht scheint, sehe ich, daß ihre Augen voll Tränen stehen. "Komm, mein lieber Bub, komm, du hast recht, gehen wir in den Kahn!"

Bei jedem Ruderschlag, den ich tue, wird mir leichter ums Herz; je breiter der Wasserweg wird, der sich zwischen uns und die dunkeln Häuser mit ihren glühenden, spähenden Augen legt, desto sicherer sind wir vor Gefahr.

Endlich tauchen die Weidenbüsche aus dem Nebel, die das ersehnte jenseitige Ufer umsäumen; das Wasser wird still und seicht, und wir treiben kaum merklich unter hängenden Zeigen dahin.

Ich habe die Ruder eingezogen und sitze neben Ophelia auf der Steuerbank. Wir halten uns zärtlich umschlungen.

"Warum warst du vorhin so traurig, mein Lieb; warum hast du gesagt, du wolltest Abschied nehmen von der Bank? – Nicht wahr, du wirst doch nie von mir gehen?"

"Einmal muß es ja doch sein, mein Bub! – Und die Stunde kommt immer näher. – Nein, nein, sei jetzt nicht traurig. – Es ist vielleicht noch lange bis dahin. Denken wir nicht daran."

"Ich weiß, was du sagen willst, Ophelia." Die Tränen steigen mir auf und verbrennen mir fast die Kehle. "Du meinst, wenn du in die Hauptstadt gehst und Schauspielerin wirst, daß wir uns dann nie mehr sehen werden! – Glaubst du, ich dächte nicht Tag und Nacht voll Entsetzen daran, wie dann alles sein wird! – Ich weiß bestimmt, daß ich diese Trennung nicht aushalten könnte. – Aber du hast doch selbst gesagt, vor einem Jahr ist es nicht möglich, daß du fort mußt?"

"Nein, vor einem Jahr – kaum."

"Und bis dahin habe ich mir bestimmt etwas ausgedacht, daß ich zusammen mit dir in der Hauptstadt sein kann. – Ich werde meinen Vater so lange bitten und nicht aufhören, ihn anzuflehen, bis er mir erlaubt, dort zu studieren. – Wenn ich dann selbständig bin und einen Beruf habe, heiraten wir uns und gehen nie mehr voneinander! – Hast du mich denn nicht mehr lieb, Ophelia, daß du so gar kein Wort sprichst?" – fragte ich geängstigt.

Aus ihrem Schweigen erfühle ich ihre Gedanken, und es gibt mir einen Stich ins Herz.

Sie denkt daran, daß ich doch so viel jünger bin als sie und all das nur Luftschlösser sind.

Ich fühle es auch, aber ich will nicht, ich will – ich will nicht denken, daß wir uns je trennen müßten! Ich will mich berauschen, indem ich sie und mich an die Möglichkeit eines Wunders glauben mache.

"Ophelia, hör mich an! ..."

"Bitte, bitte, sprich jetzt nicht!" fleht sie. "Laß mich träumen!"

So sitzen wir dicht aneinander geschmiegt und schweigen lange.

Es ist, als läge der Kahn still und die weißen steilen Sandbrüche vom Mondlicht grell beschienen glitten an uns vorüber.

Plötzlich zuckt sie leise zusammen, als erwache sie aus dem Schlafe.

Ich fasse beruhigend ihre Hand, denn ich glaube, irgend ein Geräusch habe sie erschreckt.

Da fragt sie:

"Willst du mir etwas versprechen, mein Christl? –"

Ich suche nach Worten der Beteuerung, – will ihr sagen, daß ich mich ihretwegen foltern ließe, wenn es sein müßte.

"Willst du mir versprechen, daß du mich – daß du mich unter der Bank im Garten begräbst, wenn ich tot sein werde?"

"Ophelia!"

"Nur du allein darfst mich begraben und nur dort. Hörst du!? – Niemand darf dabei sein und niemand darf wissen, wo ich liege! – Hörst du! Ich habe diese Bank so lieb. – Dort wird mir immer sein, als wartete ich auf dich!"

"Ophelia, bitte, sprich nicht so! – Warum denkst du jetzt an den Tod? Wenn du einmal stirbst, gehe ich doch mit dir! – Fühlst du dich denn ...?"

Sie läßt mich nicht zu Ende sprechen.

"Christl, mein Bub, frag mich nicht jetzt; versprich mir, um was ich dich bitte!"

"Ich verspreche es dir, Ophelia; ich verspreche es dir feierlich, wenn ich auch nicht begreifen kann, was du damit meinst."

"Ich danke, ich danke dir, mein lieber, lieber Bub! Jetzt weiß ich auch, du wirst es halten."

Sie preßt ihre Wange dicht an die meine, und ich fühle, wie ihre Tränen auf mein Gesicht tropfen.

"Du weinst, Ophelia! – Willst du mir denn nicht anvertrauen, warum du so unglücklich bist? – Vielleicht haben sie dich zu Hause gequält! – Bitte, bitte, sag es mir doch, Ophelia! – Ich weiß ja nicht mehr vor Jammer, was ich tun soll, wenn du so stumm bist!"

"Ja, du hast recht, ich will nicht mehr weinen. – Es ist so schön hier, so still und so märchenhaft feierlich. Ich bin auch so unsagbar glücklich, daß du bei mir bist, mein Bub!"

Und wir küssen uns wild und heiß, bis uns die Sinne schwinden.

Voll froher Zuversicht sehe ich mit einem Male in die Zukunft. Ja, es wird, es muß doch alles so kommen, wie ich es mir in stillen Nächten ausgemalt habe.

"Glaubst du, daß du Freude haben wirst", frage ich sie voll heimlicher Eifersucht, "an deinem Beruf als Schauspielerin? Denkst du dir es wirklich so schön, wenn die Leute dir zuklatschen und dir Blumen auf die Bühne werfen?" Ich kniete vor ihr; sie hat die Hände im Schoß gefaltet und blickt sinnend über die Wasserfläche in die Ferne.

"Ich habe noch nicht ein einzigesmal darüber nachgedacht, mein Christl, wie das alles wohl sein mag. – Ich finde es widerwärtig und häßlich, so vor die Menschen hinzutreten und ihnen eine Begeisterung oder eine seelische Qual vorzuspielen. – Häßlich, wenn ich all das heuchle, und schamlos, wenn ich echt empfinde, um eine Minute später die Maske abzuwerfen und den Dank dafür in Empfang zu nehmen. – Und daß ich es Abend für Abend tun soll und immer um dieselbe Stunde, – es kommt mir vor, als sollte ich meine Seele prostituieren."

"Dann darfst du es nicht tun!" rufe ich, und alles strafft sich in mir vor Entschlossenheit. "Morgen, gleich in der Früh, will ich mit meinem Vater sprechen. Ich weiß, er wird dir helfen; ich weiß es bestimmt! – Er ist ja so unendlich gut und weichherzig. – Er wird nicht dulden, daß sie dich zwingen ..."

"Nein, Christl, das wirst du nicht tun!" unterbricht sie mich ruhig und fest. "Nicht meiner Mutter wegen will ich, daß du es nicht tust, der dadurch alle ihre eitlen Pläne zerstört würden. – Ich habe sie – nicht lieb, ich kann nichts dafür! ... Ich schäme mich ihrer" – setzt sie mit abgewandtem Gesicht halblaut hinzu – "und das wird immer zwischen uns stehen. ... Aber meinen – meinen Ziehvater habe ich lieb. Warum sollte ich es nicht offen heraussagen, daß er nicht mein wirklicher Vater ist!

Du weißt es ja doch, wenn wir auch nie darüber gesprochen haben. – Es hat's mir niemand gesagt, aber ich weiß es; ich habe es schon als Kind gefühlt. Deutlicher gefühlt, als man es wissen kann! Er ahnt nicht, daß ich nicht seine Tochter bin. Ich wäre glücklicher, wenn er es wüßte. – Dann hätte er mich nicht mehr so lieb und marterte sich meinetwegen nicht mehr zu Tode.

Oh, du weißt nicht, wie oft ich schon als Kind nahe daran war, es ihm zu sagen. Aber zwischen ihm und mir steht eine furchtbare Mauer. Meine Mutter hat sie aufgerichtet. – Solange ich denken kann: – ich habe kaum ein paar Worte allein mit ihm reden, als kleines Mädchen nie auf seinem Schoß sitzen, ihn niemals küssen dürfen. 'Du machst dich schmutzig, faß ihn nicht an!' – hat es immer geheißen. – Ich sollte immer die helle Prinzessin sein, und er war der schmutzige, verächtliche Sklave. – Es ist ein Wunder, daß diese scheußliche, giftige Saat in meinem Herzen nicht Wurzel gefaßt hat.

Ich danke Gott, daß er es nicht zugelassen hat! ... Manchmal, da denke ich wieder: wäre ich doch wirklich solch gefühlloses, hochmütiges Scheusal geworden, dann zerrisse mich dieses unbeschreibliche Mitleid mit ihm nicht, und ich grolle dem Schicksal, daß es mich davor bewahrt hat.

Oft quillt mir jeder Bissen im Munde, wenn ich daran denke, daß er sich, um ihn zu beschaffen, die Hände blutig gearbeitet hat. Gestern noch bin ich mitten beim Essen vom Tisch aufgesprungen und hinunter gelaufen zu ihm. –

Mir war das Herz so voll, daß ich glaubte, diesmal würde ich ihm alles, alles sagen können. Ich wollte ihn bitten: jag uns beide hinaus wie fremde Hunde, die Mutter und mich; wir sind es nicht besser wert; und ihn, 'ihn, diesen niederträchtigen, grauenhaften Erpresser, der wahrscheinlich mein wirklicher Vater ist, erwürg! Erschlag ihn mit deinem starken, ehrlichen Handwerkerhänden!' – Ich wollte ihm zuschreien: Hasse mich, wie nur ein Mensch hassen kann, damit ich endlich frei werde von diesem furchtbaren brennenden Mitleid.

Wieviel tausendmal habe ich wohl gebetet: Herr Gott im Himmel, schicke ihm Haß ins Herz! –

Aber, ich glaube, eher fließt der Strom hier bergauf, ehe dieses Herz des Hassens fähig würde ...

Ich hielt schon die Klinke der Werkstattür in der Hand, da spähte ich noch einmal durchs Fenster hinein. Er stand am Tisch und schrieb mit Kreide meinen Namen darauf. Das einzige Wort, das er schreiben kann!

Da hat mich der Mut verlassen, ich weiß, wie es unabwendbar hätte kommen müssen!

Entweder er hätte, ohne mich anzuhören, immerwährend gestammelt: 'Mein gnädiges Fräulein Tochter Ophelia!', wie er es jedesmal tut, wenn er mich sieht, oder er hätte mich verstanden und – und – wäre wahnsinnig geworden!

Siehst du, mein Bub, deshalb darf es nicht sein, daß du mir hilfst!

Soll ich das einzige, worauf er hofft, in Trümmer schlagen!? Soll ich schuld sein, daß sein armer Geist vollends in Nacht versinkt? Nein, mir bleibt nur das eine: das zu werden, wofür er Tag und Nacht sich abmartert: ein leuchtender Stern in seinen Augen – in den meinen freilich geistig eine Hure.

Weine nicht, mein lieber, guter Bub! So weine doch nicht! Hab' ich dir weh getan? Komm her! Sei wieder gut. Hättest du mich denn mehr lieb, wenn ich anders dächte? Ich hab' dich erschreckt, mein armer Christl. Schau, vielleicht ist alles gar nicht so schlimm, wie ich es geschildert habe! Vielleicht bin ich nur sentimental und sehe alles verzerrt und vergrößert. Wenn man so tagsüber die 'Ophelia' immerfort deklamieren soll, so bleibt etwas davon in einem zurück. Das ist ja das Schändlichste an dieser elenden Komödiantenkunst, daß die Seele in einem krank davon wird.

Schau, vielleicht geschieht ein schönes, großes Wunder, und ich falle in der Hauptstadt durch mit Pauken und Trompeten, dann wäre mit einem Schlag alles, alles gut."

Sie lachte laut und herzlich und küßte mir die Tränen fort, aber sie verstellte sich nur um mich zu trösten, ich fühlte es zu genau, als daß ich in ihre Fröhlichkeit hätte einstimmen können.

In meinem tiefen Schmerz um sie mischt sich ein Empfinden, das sie fast zerschmettert. Sie ist, das begreife ich voll Weh, nicht nur an Jahren älter – nein, ich bin ein Kind gegen sie.

Die ganze Zeit, seit wir uns kennen und lieben, hat sie mir ihrem Gram und alle ihre Qual verschwiegen. Und ich? Ich habe bei jeder Gelegenheit meine winzigen, knabenhaften Sorgen vor ihr ausgeschüttet.

Mir ist, als sägte die grausame Erkenntnis, daß auch ihre Seele reifer und älter ist als die meine, heimlich die Wurzel aller meiner Hoffnungen ab.

Sie mußte wohl ähnliches fühlen, denn so zärtlich und heiß sie mich auch immer und immer wieder küßte und an sich zog, ihre Liebkosungen schienen mir plötzlich die einer Mutter zu sein.

Ich sage ihr, was ich nur an Innigkeit zu erfinden vermag, in meinem Hirn aber jagen sich die Gedanken und nehmen die abenteuerlichsten Formen an: "Irgend etwas muß ich tun! Nur Taten allein können mich ihr ebenbürtig machen. Wie kann ich ihr nur helfen? Wie kann ich sie retten?"

Ich fühle, daß ein grauenhafter, schwarzer Schatten in mir aufsteigt, daß ein formloses Etwas nach meinem Herzen greift; ich höre ein Flüstern wie von hundert zischenden Stimmen in meinem Ohr: ihr Ziehvater, der idiotische Drechsler, ist die Schranke! Reiße sie nieder! Mach ihn kalt! Wer sieht es? Feigling, warum fürchtest du dich?

Ophelia läßt meine Hände los. Sie fröstelt. Ich sehe, daß sie schaudert.

Hat sie meine Gedanken erraten? Ich warte, daß sie irgend etwas sagt, irgend etwas, das mir einen geheimen Wink gibt, was ich tun soll.

Alles wartet in mir: mein Hirn, mein Herz, mein Blut; das Flüstern in meinem Ohr schweigt und wartet. Wartet und lauscht in teuflischer Siegesgewißheit.

Da sagt sie – und ich höre, daß ihre Zähne vor innerer Kälte zusammenschlagen – sie murmelt es mehr, als sie es ausspricht:

"Vielleicht erbarmt sich seiner – der Todesengel!"

Der schwarze Schatten in mir wird plötzlich eine weiße, gräßliche Lohe, die mich erfüllt von Kopf bis zu Fuß:

Ich springe auf und greife nach den Rudern; als habe der Kahn nur auf dieses Zeichen gewartet, wird er von selber schneller und schneller, und wir treiben mitten in die Strömung hinein, dem Ufer der Bäckerzeile zu.

Die glühenden Augen der Häuser leuchten wieder aus der Finsternis.

In reißender Schnelle trägt uns der Fluß dem Wehr zu, wo er die Stadt verläßt.

Ich rudere aus Leibeskräften quer hinüber zu unserem Haus.

Weißer Gicht schäumt die Planken des Bootes entlang.

Jeder Ruderschlag, den ich tue, steigert meine wilde Entschlossenheit! Das Leder Riemen in den Dollen knirscht: Mord, Mord, Mord.

Dann habe ich einen Pfosten an der Ufermauer gepackt und hebe Ophelia hinauf. Sie wiegt in meinen Armen leicht wie eine Feder.

Ich empfinde es wie eine unbändige, tierhafte Freude, daß ich mit einem Schlage ein Mann bin an Körper und Seele, und trage Ophelia in raschem Lauf im Scheine der Laterne vorbei in die Dunkelheit des Durchlasses hinein.

Dort stehen wir noch lange und küssen uns in verzehrender, rasender Leidenschaft. Jetzt ist sie wieder meine Geliebte und nicht mehr die zärtliche Mutter.

Ein Geräusch hinter uns! Ich achte es nicht: was kümmert es mich!

Dann ist sie im Flur des Hauses verschwunden.

In der Werkstatt des Drechslermeisters ist noch Licht. Es schimmert durch die trüben Fenster. Die Drehbank surrt.

Ich lege eine Hand auf die Klinke und drücke sie vorsichtig nieder. Ein winziger Lichtstreifen leuchtet auf und verschwindet, wie ich die Tür leise wieder zuziehe.

Ich schleiche ans Fenster, um zu erspähen, wo der Alte steht.

Er ist über die Drehbank gebeugt, hält ein blitzendes Eisen in der Hand, und zwischen seinen Fingern hervor stieben weiße, papierdünne Holzspäne von ihm weg in das Halbdunkel des Zimmers hinein und häufen sich wie tote Schlangen um den Sarg. Ein fürchterliches Schlottern fährt mir plötzlich in die Kniekehlen.

Ich höre, wie mein Atem pfeifend geht.

Ich muß mich mit der Schulter gegen die Mauer stützen, um nicht vornüber zu fallen und die Glasscheibe des Fensters zu zerbrechen.

"Soll ich denn wirklich ein Meuchelmörder werden?!" gellt ein Jammerschrei in meiner Brust. "Hinterrücks den armen, alten Mann erschlagen, der voll Liebe wie ein Heiland um meine, um seine Ophelia sich ein ganzes Leben zermürbt hat?"

Da, mit einem Ruck bleibt die Drehbank stehen. Das Surren verstummt. Jähe Totenstille schnappt nach mir.

Der Drechsler hat sich aufgerichtet, den Kopf halb zur Seite gewendet scheint er zu horchen, dann legt er das Stemmeisen weg und kommt mit zögerndem Schritt zum Fenster. Näher und näher. Die Augen fest auf die meinen gerichtet.

Ich weiß, er kann mich nicht sehen, denn ich stehe in der Finsternis, und er ist im Licht; aber wenn ich selbst wüßte, er sähe mich, ich könnte nicht mehr entfliehen, denn alle Kraft hat mich verlassen.

So ist er langsam bis dicht ans Fenster gekommen und starrt in die Dunkelheit hinein.

Zwischen unsern Augen liegt kaum die Breite einer Hand, und ich kann jede Runzel in seinem Gesicht erkennen.

Der Ausdruck einer grenzenlosen Müdigkeit liegt darin; dann fährt er sich langsam mit der Hand über die Stirn und sieht halb erstaunt, halb sinnend auf seine Finger, wie einer, der Blut daran erblickt und nicht weiß, wie das kommt.

Ein leiser Glanz von Hoffnung und Freude tritt mit einemmal in seine Züge, und er beugt das Haupt, geduldig und ergeben wie ein Märtyrer, der den Todesstreich erwartet.

Ich verstehe, was sein Geist da zu mir spricht!

Sein dumpfes Hirn weiß nicht, warum es ihn das alles tun läßt. Sein Leib ist nur die Gebärde seiner Seele, die da flüstert: "Erlöse mich um meiner liebenden Tochter willen!"

Jetzt weiß ich: Es muß sein! Der erbarmende Tod selber wird mir die Hand führen!

Darf ich denn zurückstehen hinter ihm an Liebe zu Ophelia?

Jetzt erst erfühle ich bis in die tiefsten Abgründe meines Innern, was Ophelia täglich erdulden muß unter der fressenden Pein des Mitleids in ihm, dem Erbarmungswürdigsten aller Elenden; zerfleischt es mich doch selbst, daß ich glaube, ich verbrenne wie in einem Nessushemd. – – –

Wie ich es werde vollbringen können? Ich bin nicht fähig es mir auszudenken.

Mit dem Eisen dort soll ich ihm den Schädel zertrümmern?

Soll ihm in die brechenden Augen schauen?

Soll seine Leiche in den Durchlaß schleppen und ins Wasser werfen? Und dann, die Hände besudelt mit Blut fürs ganze Leben, soll ich jemals wieder Ophelia küssen und umarmen?

Ich, ein Meuchelmörder, soll täglich meinem lieben, lieben Vater in das gütige Antlitz sehen!

Nein! Ich fühle: das werde ich niemals können.

Geschehen muß das Gräßliche, und ich werde es vollbringen, ich weiß es; aber mit der Leiche des Erschlagenen werde auch ich im Fluß versinken.

Ich raffe mich auf und schleiche zur Tür, bleibe stehen, bevor ich nach der Klinke greife, krampfe die Hände zusammen und will die Bitte in mein Herz hineinschreien:

"Herr, Allerbarmer, gib mir Kraft!"

Aber meine Lippen beten diese Worte nicht. Ohne daß ihnen mein Geist anders befehlen könnte, flüsterten sie:

"Herr, ist's möglich, so lasse diesen Kelch an mir vorübergehen!"

Da zerspellt ein eherner Klang die Totenstille und reißt die Worte von meinem Munde weg. Die Luft vibriert, die Erde zittert; die Turmuhr der Marienkirche hat aufgebrüllt.

Unter dem Leben ringsum und in mir ist's, als würde die Finsternis weiß.

Und wie aus weiter, weiter Ferne, vom Berge her, den ich kenne aus meinen Träumen, höre ich die Stimme des weißen Dominikaners, der mich gefirmt hat und mir meine Sünden vergeben – die vergangenen und die zukünftigen –, meinen Namen rufen: Christopher! Christopher!

Eine Hand hat sich schwer auf meine Schulter gelegt.

"Mordbube!"

Ich weiß, es ist der grollende Baß des Schauspielers Paris, der da, gedämpft und verhalten, voll Drohung und Haß in meinen Ohren wiederdröhnt, aber ich setze mich zur Wehr. Willenlos lasse ich mich in den Schein der Laterne schleppen.

"Mordbube!"

Ich sehe, wie seine Lippen geifern; die aufgequollene Trinkernase, die schlaffen Hängebacken, das naß glänzende, bespuckte Kinn, alles hüpft an ihm vor Triumph und höllischer Freude.

"Mord–bu–be!"

Er hat mich an der Brust gepackt und schüttelt mich bei jeder Silbe, die er hervorstößt, wie ein Bündel leerer Kleider.

Es kommt mir nicht in den Sinn, ihm Widerstand zu leisten oder gar mich loszureißen und zu entfliehen; ich bin schwach geworden wie ein kleines, sterbensmattes Tier.

Er deutet es als Schuldbewußtsein, das sehe ich ihm an, – aber wie wäre ich fähig, ein Wort zu sprechen! Meine Zunge ist schlaff.

Selbst wenn ich wollte, könnte ich ihm die Erschütterung nicht schildern, die ich durchgemacht habe. –

Was er auf mich einschreit, dann wieder heiser in meine Ohren bellt, wie ein Rasender, Schaum vor dem Mund, die Fäuste vor seinem Gesicht ballend – ich höre und sehe alles –, aber es bewegt mich nicht; ich bin erstarrt, hypnotisiert. Ich verstehe, daß er alles weiß, – daß er gesehen hat, wie wir aus dem Boot stiegen, – wie wir uns geküßt haben, – daß er erraten hat, ich wolle den Alten ermorden – "um ihn zu berauben", wie er schreit.

Ich verteidige mich nicht; ich erschrecke nicht einmal darüber, daß er unser Geheimnis kennt.

So mag einem Vogel zumute sein, der in den Fängen einer Schlange die Furcht vergessen hat. –

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