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Der weiße Dominikaner

Gustav Meyrink: Der weiße Dominikaner - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
titleDer weiße Dominikaner
authorGustav Meyrink
year1995
publisherLangen Müller
addressMünchen, Wien
isbn3-7844-2538-0
pages7-258
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20030101
modified20030104
modifiergerd.bouillon@t-online.de
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firstpub1921
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Das Gespräch um Mitternacht

So wie die weltvergessene kleine Stadt, umgürtet vom wandelnden Flusse, einer ruhevollen Insel gleich in meinem Herzen lebt, so ragt als Eiland, umströmt von den Fluten der Unrast aus jenen Jugendtagen, die mir Ophelia heißen, das Andenken eines Gespräches, das ich eines Nachts belauschte.

Ich hatte, wie damals wohl stündlich, von meiner Geliebten geträumt, da hörte ich, daß der Baron in seinem Studierzimmer einem Besucher die Türe öffnete; und an der Stimme erkannte ich den Kaplan.

Er kam zuweilen, auch in später Stunde noch, denn sie waren alte Freunde, und sie unterhielten sich dann bei einem Glase Wein zumeist bis tief nach Mitternacht über allerlei philosophische Fragen, berieten wohl auch, wie meine Erziehung zu gestalten sei, kurz, sie sprachen über Dinge, die mir wenig am Herzen lagen.

Der Baron duldete nicht, daß ich die Schule besuchte.

"Unsere Schulen sind Hexenküchen, in denen der Verstand so lange verbildet wird, bis das Herz verdurstet ist. Wenn das glücklich gelungen ist, bekommt man das Zeugnis der Reife", pflegte er zu sagen.

Daher gab er mir immer nur Bücher zu lesen, die er aus seiner Bibliothek sorgsam auswählte, nach dem er zuvor in mir geforscht hatte, wie meine Wißbegier jeweils beschaffen war, aber er prüfte mich niemals, ob ich sie auch wirklich gelesen hatte.

"Was dein Geist will, daß in deinem Gedächtnis haften bleibe", war sein Lieblingsspruch, "das wirst du dir merken, denn er gibt dir zugleich die Freude daran. Der Schulmeister aber ist wie der Tierbändiger; der eine meint, es sei wichtig, daß Löwen durch Reifen springen, der andere schärft den Kindern ein, daß der gottselige Hannibal sein linkes Auge in den pontinischen Sümpfen verlor; der eine macht aus einem Wüstenkönig einen Zirkusclown, der andere aus einer Gottesblume ein Sträußchen Petersilie."

Ein ähnliches Gespräch mochten die beiden Herren auch jetzt wieder geführt haben, denn ich hörte den Kaplan sagen:

"Ich würde mich fürchten, ein Kind so dahintreiben zu lassen wie ein Schiff ohne Steuer; ich glaube, es müßte stranden."

"Als ob nicht die meisten Menschen strandeten!" rief der Baron erregt dazwischen. "Ist vielleicht jemand nicht gestrandet, vom höheren Standpunkte des Lebens aus gesehen, wenn er nach einer hinter Schulfenstern vertrauerten Jugend – sagen wir mal: Rechtsgelehrter geworden ist, sich verheiratet, um seinen Essig auf Kinder zu vererben, dann krank wird und stirbt? Glauben Sie, daß sich seine Seele zu solchem Zweck den komplizierten Apparat, Menschenleib genannt, geschaffen hat?!"

"Wohin kämen wir, wenn alle so dächten wie Sie!" wendete der Kaplan ein.

"Zum segenreichsten und schönsten Zustand des Menschengeschlechtes, der sich denken läßt! Jeder würde anders wachsen, keiner wäre dem andern gleich, jeder wäre en Kristall, dächte und fühlte in anderen Farben und Bildern, liebte anders und haßte anders, wie der Geist in ihm will, daß er tue. Den Satz von der Gleichheit der Menschen muß der Feind aller Buntheit, der Satan, erfunden haben."

"So glauben Sie also doch an den Teufel, Baron. Sie leugnen es sonst immer!"

"Ich glaube an den Teufel so, wie ich an die ertötende Kraft des Nordwinds glaube! – Wer aber kann mir die Stelle im Weltall zeigen, wo die Kälte entspringt? – Dort müßte der Teufel thronen. – Das Kalte läuft nur dem Warmen nach, denn es will selber warm werden. Der Teufel will zu Gott kommen, der eisige Tod zum Feuer des Lebens; das ist der Ursprung aller Wanderung. – Es soll einen absoluten Nullpunkt der Kälte geben? – Gefunden hat ihn noch keiner. Es wird ihn auch nie einer finden; so wenig wie jemand den absoluten magnetischen Nordpol finden kann; wenn er einen Stabmagneten verlängert oder zerbricht, immer wird der Nordpol dem Südpol entgegengesetzt sein, einmal wird die Stelle, die beide in der Erscheinung trennt, kürzer sein und das anderemal länger, berühren werden sich die Pole nie, oder der Stab müßte ein Ring werden und der Magnet aufhören, ein Stabmagnet zu sein. – Ob man die Quelle des einen Poles in der Endlichkeit sucht oder die des andern, – man begibt sich immer auf eine Wanderung in die Unendlichkeit. Sehen Sie dort an der Wand das Bild: Das 'Abendmahl' von Leonardo da Vinci! Dort ist auf Menschen übertragen, was ich vorhin in bezug auf Magnete sowohl, wie auf die Erziehung durch die Seele, sagen wollte. Bei jedem Jünger des 'Abendmahls' ist die Mission, die seine Seele hat, in symbolischer Hand- und Fingerstellung angedeutet; bei allen ist die rechte Hand in Tätigkeit, ob sie sich nun auf den Tisch stützt, dessen Kante in sechzehn Teile geteilt ist, was die sechzehn Buchstaben des alten römischen Alphabets bedeuten könnte, oder ob sie verbunden ist mit der linken Hand. Bei Judas Ischariot allein agiert die Linke und die Rechte ist geschlossen! – Johannes der Evangelist, von dem Jesus sagte, er werde bleiben, weshalb unter den Jüngern die Rede ging, er werde nicht sterben, – hat beide Hände gefaltet, das heißt: er ist ein Magnet, der keiner mehr ist; er ist ein Ring in der Ewigkeit; er ist kein Wanderer mehr.

Mit solchen Fingerstellungen hat es eine eigene Bewandtnis! Sie bergen die tiefsten Mysterien der Religionen.

Im Orient finden Sie auf allen Götterstatuen, aber auch auf den Gemälden fast sämtlicher unserer großen mittelalterlichen Meister sehen Sie sie wiederkehren.

In unserer Familie, dem Stamme der Freiherren von Jöcher, hat sich die Legende vererbt, unser Ahnherr, der Laternenträger Christopher Jöcher, sei aus dem Osten eingewandert und habe von dort das Geheimnis mitgebracht, durch eine Art Fingergestikulation die Schemen der Toten herbeizurufen und sie auch zu allerlei Zwecken willfährig zu machen.

Eine Urkunde, die ich besitze, besagt, er sei Mitglied eines uralten Ordens gewesen, der sich einmal nennt: 'Schi-Kiai', das ist auf deutsch: 'Die Lösung der Leichname', und dann an anderer Stelle wieder: 'Kieu-Kiai', das ist: 'Die Lösung der Schwerter'.

Von Dingen wird da berichtet, die Ihrem Ohr sehr sonderbar klingen mögen; mit Hilfe der Kunst, die Hände und Finger geistlebendig zu machen, sei der oder jener des Ordens samt seinem Leichnam aus dem Grabe verschwunden, und wieder andere hätten sich in der Erde in Schwerter verwandelt.

Fällt Ihnen da nicht eine merkwürdige Übereinstimmung auf, Hochwürden, mit der Auferstehung Christi? – Insbesondere, wenn Sie die rätselhaften Handgesten auf den Bildwerken des Mittelalters und des asiatischen Altertums damit in Verbindung bringen?"

Ich hörte, wie der Kaplan unruhig wurde, mit schnellen Schritten im Zimmer auf und ab ging, dann stehen blieb und mit gepreßter Stimme ausrief:

"Was Sie mir da sagen, Herr Baron, klingt mir zu sehr nach Freimaurertum, als daß ich, der ich doch katholischer Priester bin, es ohne Widerspruch hinnehmen könnte. Was Sie den ertötenden Nordwind nennen, das ist für mich Freimaurerei und alles, was damit zusammenhängt. Ich weiß sehr wohl, und wir haben ja oft genug über dieses Thema gesprochen, daß alle großen Maler und Künstler ein gemeinsames Band umschloß, das sie die Zunft nannten, und daß sie ihre Zusammengehörigkeit einander über Länder hinweg kundgaben, indem sie geheime Zeichen – zumeist durch Fingerstellungen und Handgesten – auf den Figuren ihrer Bilder oder durch den Winkblick von Wolkengesichtern, bisweilen auch durch Farbenwahl – anbrachten. Die Kirche hat ihnen oft genug, ehe sie ihnen Aufträge für Heiligenbilder erteilte, das feierliche Versprechen abgenommen, derlei zu unterlassen, aber immer wieder wußten sie es zu umgehen. Man verargt es der Kirche, daß sie sagt, wenn auch nicht vor jedermanns Ohren: die Kunst sei vom Teufel. Ist das für einen strenggläubigen Katholiken so unverständlich? Wo man doch weiß, daß die Künstler ein offenbar gegen die Kirche gerichtetes Geheimnis besaßen und behüteten?

Ich kenne einen Brief eines damaligen großen Malers, worin dieser einem spanischen Freunde gegenüber offen die Existenz des geheimen Bundes eingesteht."

"Auch ich kenne jenen Brief", fiel der Baron lebhaft ein. "Der Maler schreibt darin so ungefähr – ich habe den Wortlaut nicht mehr gegenwärtig –: 'Geh zu dem und dem, einem Manne namens X, und bitte ihn fußfällig, er möge mir nur einen einzigen Wink geben, damit ich endlich Einblick bekomme, wie das Geheimnis weiter zu handhaben ist. Ich will nicht bis ans Lebensende nur ein Maler sein!' Was geht daraus hervor, lieber Kaplan? Doch wohl, daß jener berühmte Künstler, so hoch er auch äußerlich eingeweiht gewesen sein mag, in Wirklichkeit nur ein Blinder war. Daß er Freimaurer war, und das heißt für mich so viel wie: er war ein Handlanger im Ziegeleischupfen, der nur außen am Bau herumklettert, und zur Zunft gehörte, ist nicht zu bezweifeln. Auch haben Sie ganz recht, wenn Sie sagen, alle Architekten, Maler, Bildhauer, Goldschmiede und Ziseleure damaliger Zeit sind Freimaurer gewesen. Aber, und darauf kommt es hier an: sie kannten nur die äußeren Riten und begriffen sie bloß im ethischen Sinne; sie waren nur Werkzeuge jener unsichtbaren Macht, die Sie als Katholik irrtümlicherweise für den Meister der 'Linken Hand' halten; Werkzeuge waren sie, nichts sonst, zu dem einzigen Zweck, gewisse Geheimnisse in symbolischer Form der Nachwelt aufzubewahren, bis die Zeit reif sein wird. Doch sie blieben stecken auf dem Wege und kamen nicht vorwärts, weil sie immer hofften, ein Menschenmund könne ihnen den Schlüssel geben, der das Tor aufsperrt; sie ahnten nicht, daß er in der Betätigung der Kunst selber vergraben liegt; sie begriffen nicht, daß Kunst einen tiefern Sinn birgt, als bloß Bilder zu malen oder Dichtwerke zu schaffen, nämlich den: eine Art überfeinerten Tast- und Wahrnehmungsgefühls im Künstler selbst zu erwecken, dessen erste Kundgebung 'richtiges Kunstempfinden' heißt. Auch ein heute lebender Künstler, sofern sich ihm durch seinen Beruf die inneren Sinne erschließen für die Einflüsse dieser Macht, wird in seinen Werken jene Symbole wieder auferstehen lassen können; er braucht sie durchaus nicht aus dem Munde eines Lebenden erfahren zu haben, braucht keineswegs in diese oder jene Loge aufgenommen zu sein! In Gegenteil: tausendmal klarer als Menschenzunge spricht der 'unsichtbare Mund'. Was ist wahre Kunst denn anderes als das Schöpfen einer aus dem ewigen Reiche der Fülle?!

Wohl gibt es Menschen, die mit vollem Recht den Namen 'Künstler' führen dürfen und doch nur besessen sind von einer finsteren Kraft, die Sie von Ihrem Standpunkt aus ruhig als 'der Teufel' bezeichnen dürfen. Was sie schaffen, gleicht aufs Haar dem Höllenreich Satans, wie es sich der Christ vorstellt; ihre Werke tragen den Hauch des eisigen, erstarrenden Nordens, wohin doch schon das Altertum den Sitz der menschenhassenden Dämonen verlegte; die Ausdrucksmittel ihrer Kunst sind: Pest, Tod, Irrsinn, Mord, Blut, Verzweiflung und Verworfenheit. – –

Wie sollen wir uns nun solche Künstlernaturen erklären? Ich will es Ihnen sagen: ein Künstler ist ein Mensch, in dessen Hirn das Geistige, das Magische das Übergewicht über das Materielle erlangt hat. Das kann auf zweierlei Weise geschehen: bei den einen – nennen wir sie die 'teuflischen' – ist das Gehirn durch eine Ausschweifung, durch Lustseuche, durch ererbte oder angewöhnte Laster im Begriffe zu entarten; dann wiegt es sozusagen leichter auf der Waagschale des Gleichgewichtes, und das 'Schwerer- oder Offenbarwerden in der Erscheinungswelt' und das Herabsinken des Magischen tritt von selber ein: die Waagschale des Geistigen senkt sich herab, nur weil die anderen leichter und nicht, weil sie selber schwerer wird. In diesem Falle haftet dem Kunstwerk der Geruch der Fäulnis an. Es ist, als trüge der Geist ein Kleid, leuchtend im Phosphorschein der Verwesung.

Bei den anderen Künstlern – ich will sie die 'Gesalbten' nennen – hat sich der Geist, wie der Ritter Georg, die Macht über das Tier erkämpft: bei ihnen senkt sich die Waage des Geistes in die Erscheinungswelt hernieder kraft eines eigenen Gewichtes. Dann trägt der Geist das goldene Gewand der Sonne.

In beiden aber ist das Gleichgewicht der Waage verschoben zugunsten des Magischen; beim Durchschnittsmenschen hat nur das Tier Gewicht; die 'Teuflischen' wie die 'Gesalbten' werden bewegt vom Winde des unsichtbaren Reiches der Fülle, der eine vom Nordwind, der andere vom Hauch des Morgenrots. Der Durchschnittsmensch hingegen bleibt ein starrer Klotz.

Wer ist nun jene Macht, die sich der großen Künstler bedient wie eines Werkzeugs, das den Zweck hat, die symbolischen Riten der Magie der Nachtwelt aufzubewahren?

Ich sage Ihnen: es ist dieselbe, die einst die Kirche schuf. Sie baut zwei lebendige Säulen zu gleicher Zeit, die eine weiß, die andere schwarz. Zwei lebendige Säulen, die einander so lange hassen werden, bis sie erkennen, daß sie nur die Pfeiler für einen künftigen Triumphbogen sind.

Erinnern Sie sich der Stelle im Evangelium, wo Johannes sagt: 'So aber die vielen anderen Dinge sollten geschrieben werden, achte ich, die Welt würde die Bücher nicht begreifen, die zu beschreiben wären.'

Wie erklären Sie, Hochwürden, daß nach Ihrem Glauben dem Willen Gottes gemäß wohl die Bibel auf unsere Zeiten kam, die Überlieferung jener 'andern' Dinge hingegen nicht?

Ist sie 'verloren' gegangen? So wie ein Knabe sein Taschenmesser 'verliert'?

Ich sage Ihnen, jene 'andern Dinge' leben heute noch, haben immer gelebt und werden immer lebendig bleiben und stürben auch alle Münder, die sie sagen, und alle Ohren, in die sie gesprochen werden könnten. Der Geist wird sie immer wieder flüsternd beleben und sich neue Künstlerhirne schaffen, die schwingen, wenn er es will, und sich neue Hände bauen, die schreiben, so wie er es befiehlt.

Das sind jene Dinge, um die Johannes wußte und weiß – die Geheimnisse, die bei 'Christus' waren und die er einbegriff, als er Jesum, sein Werkzeug, sagen ließ: 'Ehe denn Adam war, war Ich'.

Ich sage Ihnen – mögen Sie sich nun bekreuzigen oder nicht: die Kirche hat mit Petrus begonnen, vollendet wird sie erst durch Johannes! Was das heißt? Lesen Sie einmal das Evangelium, als sei es eine Prophezeiung, was aus der Kirche werden wird! Vielleicht geht Ihnen dann ein Licht auf, was es – in diesem Sinne gesehen – bedeutet, daß Petrus Christum dreimal verleugnet hat und sich ärgerte, als Jesus von Johannes sagte: 'Ich will, daß er bleibe.' Zu Ihrem Troste will ich hinzufügen: Wohl wird, das glaube ich und sehe es kommen, die Kirche sterben, aber sie wird neu auferstehen und so, wie sie sein sollte. Noch ist keiner und nichts auferstanden, das nicht vorher gestorben wäre: nicht einmal Jesus Christus.

Ich kenne Sie zu gut als ehrlichen Menschen, der es mit seiner Pflicht genau nimmt, als daß ich nicht wüßte, Sie hätten sich oft und oft gefragt: Wie durfte es nur geschehen, daß unter den Geistlichen, sogar unter den Päpsten, Verbrecher sein konnten, Unwürdige ihrer Weihe, Unwürdige, den Namen Mensch zu tragen? Ich weiß auch, Sie hätten gesagt, würde Sie jemand um eine Erklärung solcher Tatsachen gebeten haben: 'Sündlos und unbefleckbar ist nur das Amt und nicht der, der das Amt bekleidet.' Glauben Sie ja nicht, lieber Freund, daß ich etwa zu denen gehöre, die über eine solche Erklärung höhnen oder siebengescheit eine verächtliche aalglatte Heuchelei dahinter wittern; dazu erfasse ich den Sinn der Priesterweihe zu tief.

Ich weiß genau, vielleicht besser als Sie, wie groß die Zahl katholischer Geistlicher ist, die heimlich im Herzen den bangen Zweifel tragen: 'Ist es wirklich die christliche Religion, die berufen sein soll, die Menschheit zu erlösen? Deuten nicht alle Zeichen der Zeit darauf hin, daß die Kirche morsch wird? Wird es wirklich kommen, das tausendjährige Reich? Wohl wächst wie ein riesiger Baum das Christentum, wo aber bleiben die Früchte? Immer größer von Tag zu Tag wird die Schar derer die den Namen Christen tragen, aber immer weniger und weniger sind dessen würdig!'

Woher kommt dieser Zweifel, frage ich Sie. Aus Glaubensschwäche? Nein! Er wächst folgerichtig aus dem unbewußten Erkenntnisgefühl, daß zu wenige unter den Priestern sind, die feurig genug wären, um den Weg der Heiligung zu suchen, wie es die Yogis und Sadhus Indiens tun. Es sind ihrer zu wenige, die das Himmelsreich mit Gewalt nehmen. Glauben Sie mir: es gibt mehr Pfade zur Auferstehung, als die Kirche sich träumen läßt! Das laute Hoffen auf die 'Gnade' tut's freilich nicht. Wieviele von ihrem Stande sind es denn, die von sich sagen können: 'Wie der Hirsch nach frischem Wasser schreit, schreit meine Seele, Gott, nach dir'? Sie alle hoffen heimlich auf die Erfüllung der apokryphen Prophezeiung, die da sagt: zweiundfünfzig Päpste werden erscheinen, jeder trägt einen verborgenen lateinischen Namen, der seine Tätigkeit auf Erden umschreibt; der letzte wird das 'flos florum' heißen, das ist 'Blüte der Blüten', und unter seinem Zepter bricht das tausendjährige Reich an.

Ich prophezeie Ihnen – und ich bin doch eher ein Heide als ein Katholik –, daß er Johannes heißen und die Spiegelung Johannis, des Evangelisten, sein wird, von Johannes dem Täufer, dem Schutzpatron der Freimaurer, die die Geheimnisse der Taufe mit Wasser behüten, ohne sie selber zu kennen, werden die Kräfte über die untere Welt ihm übertragen sein.

So wird aus zwei Säulen eine Triumphpforte werden!

Aber schreiben Sie heute in ein Buch: 'An die Spitze der Menschheit als Führer gehört weder ein Soldat noch ein Diplomat, weder ein Professor noch ein – Haubenstock, sondern einzig und allein ein Priester' – und ein Wutschrei wird durch die Welt gehen, wenn das Buch erscheint. Schreiben Sie hinein: 'Die Kirche ist nur ein Stückwerk, ist nur die eine Hälfte eines in zwei Teile zerbrochenen Schwertes, solange nicht ihr Stellvertreter zugleich auch der vicarius Salomonis, der Ordensoberste, ist', und man wird das Buch auf dem Scheiterhaufen verbrennen.

Freilich, die Wahrheit würden sie weder verbrennen noch in den Boden stampfen können! Sie wird immer wieder offenbar; so, wie die Schrift über dem Altar der Marienkirche unserer Stadt, von der das bunte Brett immer wieder abfällt.

Ich sehe Ihnen an, auch Ihnen geht es gegen den Strich, daß es ein heiliges Geheimnis geben sollte, das den Widersachern der Kirche zu eigen wäre und von dem die katholische Kirche nichts wüßte. Dennoch ist es so, nur mit der wesentlichen Einschränkung, daß jene, die es hüten, mit ihm nichts anzufangen wissen, ihre Gemeinschaft ist eben die anderer Hälfte des 'zerbrochenen Schwertes' und kann den Sinn nicht erfassen. Es wäre auch wirklich mehr als grotesk, anzunehmen, daß die wackeren Begründer der Gothaschen Lebensversicherung ein magisches Arkanum zur Überwindung des Todes besäßen."

Eine lange Pause entstand; die beiden alten Herren schienen ihren Gedanken nachzuhängen.

Dann hörte ich die Gläser klingen, und nach einer Weile fragte der Kaplan:

"Woher Sie nur all dieses seltsame Wissen haben mögen?"

Der Baron schwieg.

"Oder reden Sie nicht gern davon?"

"Hm. Je nach dem", wich der Baron aus. "Manches hängt mit meinem Leben zusammen, manches ist mir zugeflogen, manches habe ich – hm – ererbt."

"Daß man ein Wissen ererben kann, ist mir neu. Allerdings, von Ihrem seligen Herrn Vater erzählt man sich heute noch die merkwürdigsten Geschichten."

"Was zum Beispiel?" rief der Baronet erheitert. "Das interessiert mich lebhaft."

"Nun, man sagt, er sei – er sei –"

"Ein Narr gewesen!" ergänzte der Baron fröhlich.

"Nicht gerade ein Narr. Oh, durchaus nicht! Aber ein Sonderling höchsten Grades. Er soll, so sagt man – aber Sie dürfen nicht etwa denken, ich glaubte so was! – er soll eine Maschine zur Erweckung des Wunderglaubens bei – na ja – des Wunderglaubens – bei Jagdhunden erfunden haben!"

"Ha ha ha!" lachte der Baron los. So laut und herzlich und anhaltend, daß ich in meinem Bette angesteckt wurde und in das Taschentuch beißen mußte, um nicht zu verraten, daß ich zuhörte.

"Ich habe mir ja gleich gedacht, daß es Unsinn ist!" entschuldigte sich der Kaplan.

"Oh!", der Baron schnappte noch immer nach Luft, "oh, durchaus nicht! Die Sache stimmt schon. Ha ha! Warten Sie einen Augenblick! Ich muß mich erst auslachen. Also, mein Vater war wirklich ein Original, wie es wohl keines mehr geben wird. Er besaß ein ungeheures Wissen, und was ein Kopf ausdenken kann, das hat er ausgedacht. Eines Tages blickte er mich lange an, klappte ein dickes Buch zu, in dem er gerade gelesen hatte, warf es auf den Boden (seitdem hat er nie mehr ein Buch in die Hand genommen) und sagte zu mir:

"Bartholomäus, mein Junge, ich habe nunmehr erkannt, daß alles Blödsinn ist. Das Gehirn ist die überflüssigste Drüse, die der Mensch besitzt! Man sollte sie sich herausschneiden lassen wie die Mandeln. Ich gedenke heute ein neues Leben zu beginnen.'

Schon am nächsten Morgen übersiedelte er in ein kleines Schloß auf dem Lande, das wir damals besaßen, und verbrachte dort den Rest seiner Tage; erst kurz vor seinem Tode kehrte er heim, um friedlich zu sterben, hier, im Stockwerk unter uns.

So oft ich ihm im Schloß besuchte, immer zeigte er mir etwas Neues. Einmal war es ein ungeheures, wundervolles Spinnennetz an der Innenseite einer Fensterscheibe, das er behütete wie seinen Augapfel.

'Siehst du, mein Sohn', erklärte er mir, 'hier hinter dem Netze zünde ich abends ein grelles Licht an, um die Insekten draußen anzulocken. Sie kommen in Scharen angesaust, können sich aber nicht ins Netz verfangen, denn die Fensterscheibe ist dazwischen. Die Spinne, die natürlich keine Ahnung hat, was Glas ist – denn wo käme so etwas im Freien vor! –, kann sich das nicht erklären und greift sich wahrscheinlich an den Kopf. Tatsache ist, daß sie Tag für Tag ein immer größeres und feineres Netz webt. Ohne daß diese natürlich den Mangel auch nur im geringsten behöbe! Auf diese Weise will ich dem Biest das schamlose Vertrauen auf die Allgewalt des Verstandes allmählich abgewöhnen. Später, wenn es auf dem Wege der Wiederverkörperung ein Mensch geworden sein wird, wird es mir für solche weise Erziehung Dank wissen, denn es bringt dann einen unterbewußten Schatz an Erfahrung mit, der für es von größtem Wert sein kann. Mir hat offenbar, als ich noch eine Spinne war, ein solcher Erzieher gefehlt, sonst hätte ich schon als Kind die Bücher weggeschmissen!'

Ein andermal führte er mich vor einen Käfig, in dem lauter Elstern waren. Er warf ihnen massenhaft Futter vor; sie stürzten sich gierig darauf, und jede stopfte aus Neid, die anderen könnten schneller fressen, sich in Windeseile Schnabel und Kropf derart voll, daß keine mehr schlucken konnte.

'Diesen Viechern verekle ich den Geiz und die Habsucht', erläuterte er. 'Hoffentlich lassen sie im späteren Leben auch die öde Sparerei bleiben, eine Eigenschaft, die von allen den Menschen am häßlichsten macht!'

'Oder', wendete ich ein, 'sie erfinden sich Rocktaschen und Geldschränke!', worauf mein Vater nachdenklich wurde und ohne ein Wort zu verlieren den Vögeln die Freiheit wiedergab.

'Gegen das da aber wirst du hoffentlich nichts einzuwenden haben!' brummte er stolz und führte mich auf einen Söller, auf dem eine Balliste – eine Art Steinschleudermaschine stand. 'Siehst du die vielen Köter da unten auf der Wiese? Da flacken sie herum und lassen den lieben Gott einen braven Mann sein! Das Handwerk werde ich ihnen legen!' Er nahm einen Kiesel und schleuderte ihn auf einen der Hunde, der sofort entsetzt aufsprang, nach allen Seiten spähte, woher das Geschoß wohl gekommen sein möchte, dann ratlos zum Himmel aufsah und sich nach längerer Unruhe wieder niederlegte. Nach seinem verzweifelten Gebaren zu schließen, mußte ihm dergleichen Unbill schon des öfteren widerfahren sein.

'Dies ist die Maschine, die, mit Geduld angewendet, in jedes Jagdhundes Herz, mag er noch so gottlos sein, unfehlbar den Keim dereinstigen Wunderglaubens lenken muß!' sagte mein Vater und warf sich in die Brust. 'Lach' nicht, vorwitziger Knabe! Nenne mir einen Beruf, der wichtiger wäre! Glaubst du, die Vorsehung verführe mit uns anders, als ich es hier tue mit den Kötern?'

Sehen Sie, ein solch hemmungsloses Kuriosum und doch voll Weisheit war mein Vater", schloß der Baron.

Nachdem sie sich beide herzlich ausgelacht hatten, fuhr er zu erzählen fort:

"Ein merkwürdiges Schicksal vererbt sich in unserer Familie. Glauben Sie aber, bitte, nicht, wenn Ihnen meine Worte vielleicht zu überhebend klingen werden, daß ich mich für etwas Besonderes oder für einen Auserwählten hielte! Allerdings habe ich eine Mission, aber eine sehr bescheidene. Freilich, mir scheint sie groß, und ich halte sie heilig!

Ich bin der elfte aus dem Geschlechte der Jöcher; den Ahnherrn nennen wir die Wurzel, wir andern zehn, die Freiherren, heißen die Äste, unsere Vornamen beginnen mit einem 'B', wie zum Beispiel Bartholomäus, Benjamin, Balthasar, Benedikt und so weiter. Nur die Wurzel, der Ahnherr Christopher, fängt mit 'Ch' an. In unserer Familienchronik steht, der Ahnherr habe vorausgesagt, die Krone des Stammbaumes – der zwölfte – werde wiederum Christopher heißen. 'Es ist seltsam', habe ich mir oft gedacht, 'alles, was er vorausgesagt hat, ist Wort für Wort eingetroffen, nur das letzte scheint nicht zu stimmen, denn ich habe doch keine Kinder!' Da geschah das Merkwürdige, daß ich von dem kleinen Jungen im Findelhaus, den ich jetzt adoptiert habe, hörte und ihn zu mir nahm, lediglich, weil er im Schlafe wandelte; eine Eigenschaft, die uns Jöchers allen anhaftet. Als ich dann erfuhr, er heiße Christopher, durchfuhr's mich wie ein Blitz, und ich mußte förmlich nach Luft ringen, als ich das Kind damals nach Hause nahm, so sehr hatte mir die Aufregung den Atem verschlagen. Mein Geschlecht wird in der Chronik mit einer Palme verglichen, bei der immer ein Ast abfällt, um dem nächsten Platz zu machen, bis schließlich nur übrig bleiben: die Wurzel, die Krone und der glatte Stamm, der keinerlei Seitentrieb ansetzt, so daß der Saft aus dem Boden frei aufsteigen kann zum Wipfel. Niemals hatte irgend ein Vorfahr mehr als einen Sohn und nie eine Tochter, so daß das Gleichnis der Palme ungetrübt blieb.

Ich als der letzte Ast wohne noch obendrein hier im Hause unter dem Dache; es hat mich herauf getrieben, ich weiß selbst nicht warum! Nie haben meine Ahnen länger als zwei Generationen im selben Stockwerk gewohnt.

Mein Sohn, freilich, ist der liebe Junge nicht. Hier bricht die Prophezeiung entzwei. Das stimmt mich oft traurig, denn ich hätte natürlich gerne gesehen, daß die Krone des Stammbaumes ein Sproß aus meinem Blute und meiner Vorfahren gewesen wäre! Wie es da mit der geistigen Erbschaft werden soll? Aber was ist Ihnen, Kaplan? Warum starren Sie mich so an?"

Ich entnahm aus dem Geräusche eines umfallenden Sessels, daß der Geistliche aufgesprungen sein mußte.

Von da an ergriff es mich wie ein sengendes Fieber, das sich steigerte bei jedem Worte des Kaplans.

"Baron! Hören Sie!" stieß er hervor. "Gleich, als ich eintrat, wollte ich es Ihnen sagen, aber ich schob es hinaus, bis ein günstiger Augenblick gekommen sein würde. Dann sprachen Sie, und im Laufe Ihrer Erzählung habe ich Momente lang den Zweck meines Kommens vergessen gehabt. Ich fürchte, ich reiße jetzt eine alte Wunde in Ihrem Herzen auf –"

"Reden Sie! Reden Sie!" drängte der Baron.

"Ihre verschollene Gattin –"

"Nein, nein, nicht verschollen, sie lief davon! Nennen Sie es, so wie es war!"

"Ihre Gattin also und die Unbekannte, die vor ungefähr fünfzehn Jahren tot hier am Flusse antrieb und in dem Grabe mit den weißen Rosen draußen im Friedhof, das nur ein Datum, aber keinen Namen trägt, bestattet liegt, sind eine und dieselbe Person gewesen! Und – jetzt jauchzen Sie, mein lieber, alter Freund! – Ihr Kind kann nur – es ist gar nicht anders möglich – der kleine Findling Christopher sein. Sie sagten ja selbst, Ihre Frau sei schwanger gewesen, als sie von Ihnen ging! Nein, nein! Nicht fragen, woher ich das wissen kann! Ich würde es Ihnen nicht sagen, selbst nicht, wenn ich dürfte! Nehmen Sie an, jemand hätte es mir in der Beichte gesagt. Jemand, den Sie nicht kennen –"

Ich hörte nicht mehr, was weiter gesprochen wurde. Mir war bald heiß, bald kalt.

Jene Mitternacht hat mir Vater und Mutter geschenkt, aber auch das traurige Bewußtsein, daß ich das Grab derer, die mich geboren, um drei weiße Rosen bestohlen habe.

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