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Der weiße Dominikaner

Gustav Meyrink: Der weiße Dominikaner - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
titleDer weiße Dominikaner
authorGustav Meyrink
year1995
publisherLangen Müller
addressMünchen, Wien
isbn3-7844-2538-0
pages7-258
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20030101
modified20030104
modifiergerd.bouillon@t-online.de
noteKorrektur von Druckfehlern
firstpub1921
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Die Wanderung

In jener Nacht hatte ich ein seltsames Erlebnis; andere würden es einen Traum nennen, denn für all das, was die Menschen erleben, während der Leib schlummert, kennen sie nur diese eine unzulängliche Bezeichnung.

Wie immer, bevor ich einschlief, hatte ich die Hände gefaltet, um, wie Barton es nannte, "das Linke auf das Rechte zu legen."

Nach und nach im Laufe der Jahre wurde mir erst durch die Erfahrung klar, wozu diese Maßnahme diente. Mag sein, daß jede beliebige andere Handstellung denselben Zweck erfüllt, wenn damit die Vorstellung verknüpft ist: der Körper werde festgebunden.

So oft ich mich seit dem ersten Abend im Hause des Barons auf diese Weise schlafen gelegt, immer war ich morgens mit dem Gefühl erwacht, ich hätte im Schlummer eine weite Strecke Wegs durchwandert, und jedesmal fiel's mir wie ein Stein vom Herzen, wenn ich sah, daß ich entkleidet und nicht mit staubigen Schuhen – wie einst im Waisenhaus – im Bette lag und keine Schläge zu befürchten brauchte; nie jedoch hatte ich mich tagsüber erinnern können, wohin ich im Träume gewandert war. In jener Nacht geschah es zum erstenmal, daß die Binde von meinen Augen fiel.

Daß mich der Drechslermeister Mutschelknaus kurz vorher in so merkwürdiger Weise wie einen Erwachsenen behandelt hatte, mag wohl die geheime Ursache gewesen sein, daß ein bis dahin im Schlummer befangenes Ich in mir – vielleicht jener "Christopher" – zum Bewußtsein erwachte und anfing zu sehen und zu hören.

Ich träumte zuerst – so begann es –, ich sei lebendig begraben und konnte weder Hand noch Fuß rühren; dann aber füllte ich mit gewaltigen Atemzügen meine Brust und sprengte dadurch den Deckel des Sarges; und ich schritt auf einer einsamen, weißen Landstraße dahin, die noch furchtbarer war als das Grab, dem ich entronnen, denn ich wußte, sie würde niemals ein Ende nehmen. Ich sehnte mich nach meinem Sarge zurück, und da stand er auch schon quer über der Straße.

Er war weich anzufühlen wie Fleisch und hatte Arme und Beine, Hände und Füße wie ein Leichnam. Als ich hineinstieg, bemerkte ich, daß ich keinen Schatten warf, und als ich prüfend an mir herunter blickte, hatte ich keinen Körper; dann fühlte ich nach meinen Augen, aber ich hatte keine Augen; als ich nach meinen tastenden Händen schauen wollte, sah ich keine Hände.

Wie sich der Sargdeckel langsam über mir schloß, war mir, als sei mein Denken und Fühlen als Wanderer auf der weißen Landstraße das eines uralten, wenn auch noch ungebeugten Mannes gewesen; dann beim Herabsinken des Sargdeckels verschwand es, wie Wasserdampf sich verflüchtigt, und ließ als Bodensatz die halb blinde, halb dumpfe Denkweise zurück, die das Hirn jenes im Leben wie ein Fremdling stehenden, halbwüchsigen Jungen, der ich war, zu erfüllen pflegte.

Als der Deckel ins Schloß fiel, erwachte ich in meinem Bette.

Das heißt, ich glaubte zu erwachen.

Es war noch dunkel, aber ich fühlte an dem betäubenden Duft des Holunders, der durch das offene Fenster in die Stube drang, daß der erste Hauch des kommenden Morgens aus der Erde stieg und es höchste Zeit für mich sei, die Laternen in der Stadt auszulöschen. Ich griff nach meinem Stab und tastete mich die Treppen hinab. Dann, als meinem Amte Genüge geschehen war, ging ich über die Palisadenbrücke und stieg auf einen Berg; jeder Stein am Wege kam mir bekannt vor, und doch konnte ich mich nicht entsinnen, jemals hier gewesen zu sein.

Alpenblumen, schneeflockiges Wollgras und würziger Speik wuchsen in den tauschweren, unter dem dämmrigen Scheine der Luft noch schwarzgrünen Höhenwiesen.

Dann klaffte der Himmel am Rande der Ferne auf, und das belebende Blut der Morgenröte floß in die Wolken.

Blauschillernde Käfer und große Wildfliegen mit gläsernen Flügeln stiegen schwirrend, wie von unhörbarem Zauberruf erweckt, plötzlich aus der Erde und blieben in Menschenhöhe regungslos in der Luft schweben, alle die Köpfe der erwachenden Sonne zugekehrt.

Ein Frösteln tiefster Erschütterung lief mir die Glieder hinab, als ich dies stumme, grandiose Gebet der Kreatur sah, fühlte und begriff.

Ich kehrte um und ging wieder der Stadt zu. Mein Schatten, riesengroß, seine Füße untrennbar an die meinen geheftet, glitt mir voraus.

Der Schatten, das Band, das uns an die Erde bindet, das schwarze Gespenst, das uns entsteigt und den Körper trifft!

Die Straßen lagen in blendender Helle, als ich in sie einbog.

Die Kinder zogen lärmend zur Schule. "Warum singen sie nicht: 'Taubenschlag, Taubenschlag, Taubenschlag! Trarara Taubenschlag!'?" wachte ein Gedanke in mir auf. "Sehen sie mich nicht? Bin ich ihnen so fremd geworden, daß sie mich nicht mehr kennen? Ja, ich war ihnen von jeher fremd", kam es mir schreckhaft neu plötzlich zum Bewußtsein. "Ich war doch nie ein Kind gewesen! Auch nicht im Findelhaus, als ich noch ganz klein war. Spiel, wie sie, habe ich nie gekannt. Wenigstens nur insofern, als hätte es ganz mechanisch mein Körper betrieben, ohne daß meine Lust mit dabei gewesen wäre; in mir wohnt ein uralter Mann, und nur mein Leib scheint jung zu sein! Der Drechslermeister hat das wahrscheinlich geahnt, deshalb sprach er gestern zu mir wie zu einem Erwachsenen!"

Ich erschrak plötzlich: "Gestern war doch Winterabend gewesen, wie kann heute Sommermorgen sein?! Schlafe ich, bin ich ein Nachtwandler?" Ich blickte nach den Laternen: sie waren blind – wer aber sonst hätte sie auslöschen können?! So war ich also doch leibhaftig, als ich sie auslöschte! – Aber vielleicht bin ich jetzt tot und habe in Wirklichkeit erlebt und nicht nur geträumt, daß ich im Sarg lag?!

Ich wollte es erproben, trat an einen der Schuljungen heran und fragte ihn: "Kennst du mich?" Er gab keine Antwort und lief durch mich hindurch wie durch leere Luft.

"So bin ich also tot", nahm ich gleichmütig zur Kenntnis. "Da muß ich schnell die Laternenstange zu Hause abgeben, ehe ich verwese", mahnte mich mein Pflichtgefühl, und ich stieg hinauf zu meinem Pflegevater.

Drin in seiner Stube fiel mir die Stange aus der Hand und machte viel Lärm.

Der Baron hörte es – er saß in seinem Lehnstuhl –, drehte sich um und sagte: "Ma, da bist du ja endlich!"

Ich freute mich, daß er mich wahrnahm, denn ich schloß daraus, daß ich doch unmöglich gestorben sein könne.

Der Baron sah aus wie immer, hatte auch denselben Rock mit dem altmodischen maulbeerfarbenen Spitzenjabot an, den er an Feiertagen zu Hause zu tragen liebte, aber irgend etwas war an ihm, das mir unfaßbar fremd vorkam. Lag es an seinem Kropf? Nein. Der war nicht größer und nicht kleiner als sonst.

Ich ließ meine Augen durch die Stube schweifen – auch hier alles unverändert. Kein Ding fehlte, keines war hinzugekommen. Das "Abendmahl" von Leonardo da Vinci, der einzige Zimmerschmuck, hing an der Wand wie immer. Alles an derselben Stelle. Halt! stand denn nicht gestern noch die grüne Gipsbüste Dantes mit dem strengen, scharfen Mönchsgesicht links auf dem Bord? Hat sie jemand umgestellt? Jetzt steht sie rechts!

Der Baron bemerkte meinen Blick und lächelte.

"Du warst auf dem Berg?" fing er an und deutete auf die Blumen in meiner Tasche, die ich unterwegs gepflückt hatte.

Ich stammelte eine Entschuldigung, aber er winkte freundlich ab: "Ich weiß, es ist schön da oben; ich gehe auch oft dorthin. Du warst schon viele Male dort, aber du hast es immer wieder vergessen; junges Hirn kann nichts behalten, das Blut ist noch zu heiß. Es wäscht die Erinnerung fort. – Hat dich das Wandern müde gemacht?"

"Das auf dem Berg nicht, aber das Wandern auf der – auf der weißen Landstraße", sagte ich, unsicher, ob er auch davon wisse.

"Ja, ja, die weiße Landstraße!" murmelte er sinnend, "die kann selten einer vertragen. Nur einer, der zum Wandern geboren ist. Weil ich das an dir bemerkte – damals im Findelhaus – hab' ich dich zu mir genommen. Die meisten Menschen fürchten sich vor der Landstraße mehr als vor dem Grab. Sie legen sich lieber wieder in den Sarg, denn sie meinen, das wäre der Tod und sie hätten dort Ruhe; in Wirklichkeit ist jener Sarg das Fleisch, das Leben. Daß einer auf Erden geboren wird, ist nichts anderes, als daß er lebendig begraben wird! Besser als das ist, man lernt auf der weißen Landstraße wandern. Nur darf man nicht an das Ende der Landstraße denken, sonst hält man es nicht aus, denn sie hat kein Ende. Sie ist unendlich. Die Sonne auf dem Berg ist ewig. Ewigkeit und Unendlichkeit ist zweierlei. Bloß für den, der in der Unendlichkeit die Ewigkeit sucht und nicht das 'Ende', bloß für den ist Unendlichkeit und Ewigkeit dasselbe. Das Wandern auf der weißen Landstraße muß des Wanderns halber geschehen, aus Freude am Wandern, und nicht, um eine vergängliche Rast mit einer andern zu vertauschen.

Ruhe – nicht 'Rast' – ist nur in der Sonne auf dem Berge. Sie steht still und alles dreht sich um sie. Schon ihr Vorbote, das Morgenrot, strahlt Ewigkeit aus, darum beten es die Käfer und Fliegen an und bleiben starr in der Luft, bis die Sonne kommt. Deshalb bist du ja auch nicht müde geworden, als du auf den Berg stiegst."

"Hast du", fragte er plötzlich und blickte mich scharf an, "hast du die Sonne gesehen?"

"Nein, Vater, ich bin umgekehrt, bevor sie aufging."

Er nickte befriedigt. "Das ist gut. Sonst hätten wir nichts mehr miteinander zu schaffen gehabt", setzte er leise hinzu.

"Und dein Schatten ging dir voraus, dem Tale zu?"

"Ja. Selbstverständlich –"

Er überhörte meine erstaunte Antwort.

"Wer die Sonne erblickt", fuhr er fort, "der will nur noch die Ewigkeit. Er ist für das Wandern verloren. Das sind die Heiligen der Kirche. Wenn ein Heiliger hinübergeht, ist diese Welt und auch die andere für ihn verloren. Aber auch, was schlimmer ist: die Welt hat ihn verloren; sie ist verwaist! – Du weißt, wie's tut, ein Findelkind zu sein, – bereite nicht auch andern das Schicksal, weder Vater noch Mutter zu haben! – Wandere! Zünde Laternen an, bis die Sonne von selber kommt."

"Ja!" stammelte ich und dachte voll Grauen an die furchtbare weiße Landstraße.

"Weißt du, was es bedeutet, daß du dich wieder in den Sarg gelegt hast?"

"Nein, Vater."

"Es bedeutet, daß du eine Weile noch das Schicksal derer teilen sollst, die lebendig begraben sind."

"Meinst du den Drechslermeister Mutschelknaus?" forschte ich kindlich.

"Ich kenne keinen Drechslermeister dieses Namens; er ist noch nicht sichtbar geworden."

"Auch nicht seine Frau und – Ophelia?" fragte ich und fühlte, daß ich rot wurde.

"Nein. Auch Ophelia nicht."

"Seltsam!" dachte ich, "sie wohnen doch drüben, und er muß ihnen ja täglich begegnen."

Wir schwiegen beide eine Weile, dann schrie ich plötzlich jammernd auf:

"Aber das ist entsetzlich! Lebendig begraben sein!"

"Nichts ist entsetzlich, Kind, was man tut um seiner Seele willen. Auch ich bin zuweilen noch lebendig begraben. Oft bin ich auf Erden mit Menschen zusammengetroffen, die, in Elend, Jammer und Not geraten, sich bitter über die Ungerechtigkeit des Schicksals beklagten. Viele von ihnen hatten Trost gesucht in jener aus Asien herübergewehten Lehre – der Lehre vom Karma oder der Wiedervergeltung –, die da behauptet: keinem Wesen könne ein Leid geschehen, zu dem es nicht in einem früheren Dasein den Keim gelegt; – andere suchten Trost in dem Dogma von der Unerforschlichkeit der Ratschlüsse Gottes; – Trost gefunden hat weder der eine noch der andere.

Solchen Menschen habe ich eine Laterne angezündet, indem ich ihnen einen Gedanken" – er lächelte beinahe grimmig, aber dabei doch freundlich wie immer – "eingab – so fein eingab, daß sie glaubten, er sei ihnen von selber eingefallen! Ich stellte ihnen nämlich die Frage: 'Würdest du das Kreuz auf dich nehmen, heute nacht zu träumen, so deutlich als sei es Wirklichkeit, daß du tausend Jahre Dasein beispielloser Armut durchlebst, wenn ich dir jetzt die Gewißheit gäbe, du fändest als Belohnung dafür am nächsten Morgen beim Erwachen einen Sack voll Gold vor deiner Tür!'

'Ja! Natürlich!' – so lautete jedesmal die Antwort.

Dann beklag dich nicht über das Schicksal! – Weißt du denn, ob du diesen – wenn's hoch kommt nur siebzigjährigen – qualvollen Traum, Erdenleben genannt, nicht selbst gewählt hast in der Hoffnung, etwas weit Herrlicheres als einen Sack schäbigen Geldes beim Erwachen zu finden? Freilich, wer einen 'Gott mit unerforschlichen Ratschlüssen' als Ursache setzt, der wird ihn eines Tages als hämischen Teufel ernten.

Nimm das Leben weniger wichtig und die Träume ernster, da wird es bald besser um dich stehen, – dann kann der Traum zum Führer werden, statt, wie jetzt, in die Fetzen der Tageserinnerungen gehüllt ein harlekinbunter Narr zu bleiben.

Höre, mein Kind! Es gibt keinen leeren Raum. – In diesem Satz liegt das Geheimnis verborgen, das jeder enthüllen muß, der aus einem verweslichen Tier ein unsterbliches Bewußtsein werden will. Nur darf man den Sinn der Worte nicht bloß auf die äußere Natur anwenden, sonst bleibt man haften an der groben Erde; man muß ihn gebrauchen wie einen Schlüssel, der das Geistige erschließt; man muß ihn umdeuten! – Sieh da: es will einer wandern, die Erde aber hält seine Füße fest; was wird geschehen, wenn sein Wille, zu wandern, nicht erlahmt? Sein schöpferischer Geist – die Urkraft, die ihm eingehaucht worden ist bei Anbeginn – wird andere Wege finden, auf denen er wandern kann, und das in ihm, das zum Gehen keiner Füße bedarf, wird wandern trotz Erde, trotz Hindernis. –

Der schöpferische Wille, das göttliche Erbteil im Menschen, ist eine saugende Kraft; dieses Saugen müßte – versteh das im übertragenen Sinne! – einen leeren Raum erzeugen im Raume der Ursachen, wenn nicht der Äußerung des Willens schließlich die Erfüllung folgen würde. – Sieh da: es ist einer krank und will gesund werden; solange er zu Arzneien seine Zuflucht nimmt, solange lähmt er jene Kraft des Geistes, die schneller und besser heilt als alle Medizin. Es ist, wie wenn einer mit der linken Hand schreiben lernen will: wenn er sich immer nur der rechten bedient, wird er es mit der linken niemals lernen. Jegliches Geschehen, das in unser Leben tritt, hat seinen Zweck; Sinnloses gibt es nicht; eine Krankheit, die den Menschen befällt, gibt ihm die Aufgabe: vertreibe mich mit der Kraft des Geistes, damit die Kraft des Geistes erstarke und wieder Herr werde über die Stofflichkeit, wie sie es einst gewesen vor dem 'Sündenfall'. Wer das nicht will und sich mit 'Arzneien' begnügt, der hat den Sinn des Lebens nicht erfaßt; er bleibt ein kleiner Junge, der die Schule schwänzt. – Wer aber nicht erlahmt im Befehlegeben mit dem Marschallstab des Geistes, die grobe Waffe mißachtend, die nur der Söldner führt, der wird immer wieder auferstehen; mag ihn der Tod auch noch so oft niederstrecken, zuletzt wird er dennoch König sein! – Darum soll der Mensch nie erlahmen auf dem Wege zu dem Ziel, das er sich gesetzt hat; wie der Schlaf nur eine kurze Rast bedeutet, so auch der Tod. – Man fängt eine Arbeit nicht an, um sie aufzugeben, sondern um sie zu vollenden; – ein begonnenes Werk, und sei es scheinbar noch so belanglos, halb getan und liegen gelassen, verwest und vergiftet den Willen, so wie eine unbegrabene Leiche die Luft eines ganzen Hauses verpestet.

Wir leben nur um der Vollendung unserer Seele willen; wer dieses Ziel unverrückbar im Auge behält und es beständig denkt und fühlt, so oft er etwas beginnt oder beschließt, dem wird gar bald eine seltsame, bis dahin ungeahnte Gelassenheit zuteil, und auf eine unbegreifliche Weise wird sich sein Schicksal verändern. – Für den, der schafft, als sei er unsterblich – nicht, um das Ding zu erlangen, nach dem sein Wunsch steht (das ist nur ein Ziel für geistig Blinde), sondern um des Tempelbaus seiner Seele willen, der wird den Tag schauen, und sei es erst nach Tausenden von Jahren, – wo er sagen kann: ich will und es steht da, was ich befehle, geschieht und bedarf der Zeit nicht mehr, um langsam zu reifen.

Dann erst ist der Punkt gekommen, wo der lange Weg aller Wanderungen endet. Dann kannst du der Sonne ins Antlitz sehen, ohne daß dein Auge verbrennt.

Dann kannst du sagen: ich habe ein Ziel gefunden, weil ich keines gesucht.

Dann werden die Heiligen an Erkenntnis arm sein gegen dich, den sie werden nicht wissen, was du weißt: das Ewigkeit und Ruhe dasselbe sein kann wie Wandern und Unendlichkeit!"

Die letzten Worte gingen weit über mein Fassungsvermögen hinaus; viel später erst, als mein Blut kalt geworden war und mein Leib mannhaft, wurden sie wieder klar und lebendig.

Damals hörte ich sie mit taubem Ohr; ich sah nur den Baron Jöcher und, wie vom Lichte eines Blitzes erhellt, erkannte ich plötzlich, was mir so fremdartig an ihm erschienen war, – etwas Seltsames: sein Kropf saß an der rechten Seite des Halses, statt links wie sonst.

Wohl klingt mir das heute fast lächerlich, – damals packte es mich wie namenloses Entsetzen. – Das Zimmer, der Baron, die Dantebüste auf dem Bord, ich selbst, – alles war in einem einzigen kurzen Augenblick für mich in ein Gespenst verwandelt, so schemenhaft und unwirklich, daß mir das Herz vor Todesangst erstarrte.

Damit endete mein Erlebnis in jener Nacht.

Zitternd vor Schreck erwachte ich gleich darauf in meinem Bett. Heller Tag schien durch die Gardinen. Ich lief ans Fenster, draußen: klarer Wintermorgen! Ich ging ins nächste Zimmer: drin saß der Baron in seinem gewöhnlichen Arbeitsrock an seinem Schreibtisch und las.

"Hast heute lange geschlafen, mein lieber Junge", rief er mir lachend zu, als er mich, noch im Hemde, die Zähne klappernd vor innerer Kälte, auf der Schwelle stehend, sah. "Hab' statt deiner die Laternen in der Stadt auslöschen gehen müssen. – Nach vielen vielen Jahren wieder einmal. – Aber was ist dir denn?"

Ein schneller Blick nach seinem Halse, und der letzte Rest von Furcht wich aus meinem Blut: der Kropf saß ihm wieder links wie immer, und auch die Dantebüste stand auf derselben Stelle wie sonst. In einer Sekunde hatte das Leben der Erde die Traumwelt verschluckt; ein Nachklingen im Ohr, als falle der Sargdeckel ins Schloß, – dann war auch das vergessen.

In fliegender Hast erzählte ich meinem Pflegevater, was mit mir geschehen war. – Nur die Begegnung mit dem Drechslermeister verschwieg ich.

Bloß einmal fragte ich so mitten-durch: "Kennst du den Herrn Mutschelknaus?"

"Natürlich", war die fröhliche Antwort, "er wohnt doch unten. – Übrigens ein ganz, ganz armer Teufel!"

"Und seine Tochter, das – das Fräulein Ophelia?"

"Auch – Ophelia kenne ich", sagte der Baron, plötzlich ernst werdend, und sah mich lang, fast traurig an, "auch Ophelia."

Schnell ging ich wieder auf das andere Thema über, denn ich fühlte, wie mir die Röte in die Wangen stieg: "Warum hast du denn in meinen Traum deinen – linken Hals auf der anderen Seite gehabt, Papa?"

Der Baron dachte lange nach, dann begann er, nach Worten suchend, als falle es ihm schwer, sich meinem noch unentwickelten Begriffsvermögen anzupassen:

"Weißt du, mein Junge, um das deutlich zu machen, müßte ich dir eine Woche lang einen überaus verwickelten Vortrag halten, den du doch nicht verstehen würdest. Laß dir's genügen, wenn ich dir einige Sätze mit Schlagworten an den Kopf werfe. – Ob sie in dein Hirn dringen werden? – Wahren Unterricht gibt nur das Leben und noch besser: der Traum.

Träumen lernen ist daher der Weisheit erste Stufe. Klugheit gibt das äußere Leben; Weisheit fließt aus dem Traum. Ob es nun ein wacher 'Traum' ist – dann sagen wir: 'ha, es ist mir etwas eingefallen' – oder: 'ein Licht ist mir aufgegangen' – oder ob es ein Schlaftraum ist: in diesem Fall werden wir durch gleichnishafte Bilder belehrt. – Auch alle wahre Kunst entspringt dem Reich des Traumes. Desgleichen die Gabe der Erfindung. Die Menschen reden mit Worten, der Traum mit lebendigen Bildern. Daß er sie aus den Geschehnissen des Tages nimmt, hat so manchen verleitet zu glauben, Träume seien sinnlos. Sie werden es freilich, wenn man ihnen keine Beachtung schenkt! Dann verkrüppelt das Traumorgan, wie ein Glied verkrüppelt, das wir nicht pflegen, und ein wertvoller Führer verstummt, – die Brücke zu einem andern Leben, das weit wertvoller ist als das irdische, fällt in Trümmer. Der Traum ist der Sieg zwischen Wachen und Schlafen; – er ist auch der Steg zwischen Leben und Tod.

Du darfst mich nicht für einen großen Weisen oder dergleichen halten, mein Junge, weil mein Doppelgänger dir heute nacht so vieles sagte, was dir wunderbar vorgekommen mag. – Noch bin auch ich noch nicht so weit, daß ich behaupten dürfte, er und ich seien ein und dieselbe Person.

Wohl bin ich ein bißchen besser in jenem Traumland zu Hause als so mancher andere, – ich bin sozusagen drüben und sichtbar geworden und bleibend, aber immer noch muß ich hier die Augen schließen, wenn ich sie drüben öffnen will, und umgekehrt. – Es gibt Menschen, die das nicht mehr nötig haben, wenn auch sehr, sehr wenige.

Du erinnerst dich: du konntest dich selbst nicht sehen und hattest weder Leib noch Hände, noch Augen, als du dich auf der weißen Landstraße wieder in den Sarg legtest? – Aber auch das Schulkind konnte dich nicht sehen! Es ging sogar durch dich hindurch wie durch leere Luft!

Weißt du, woher das kommt? Du hast die Erinnerung an die Formen deines irdischen Körpers nicht mit hinüber genommen! – Wer es kann – so, wie ich es gelernt habe –, der wird drüben zuerst für sich selbst sichtbar, – er baut sich im Traumland einen zweiten Leib, der später sogar für andere wahrnehmbar ist, so seltsam dir das jetzt auch klingen mag! Man vollbringt das durch Methoden" – er deutete auf das "Abendmahl" von Leonardo da Vinci und schmunzelte –, "die ich dich, wenn dein Körper reif sein wird und nicht mehr festgebunden werden muß, lehren will. Wer sie kennt, der ist imstande, einen Spuk zu erzeugen. – Bei manchen Menschen geschieht dies 'Sichtbarwerden im andern Reich' von selbst und ohne Ordnung, doch fast immer wird nur ein Teil von ihnen drüben lebendig, meist die Hand. Die führt dann oft die sinnlosesten Taten aus – denn der Kopf ist nicht mit dabei – und Leute, die die Wirkung sehen, bekreuzigen sich und schwätzen von Teufelsspuk. – Du meinst: wie kann eine Hand etwas tun, ohne daß sein Besitzer darum weiß? – – Hast du noch nie gesehen, wie der Schwanz, der einer Eidechse abbrach, sich scheinbar in wütendem Schmerze krümmt, während die Eidechse selbst teilnahmslos daneben steht? – So ähnlich ist es!

Das Reich drüben ist genauso wirklich (oder 'unwirklich' – setzte er halb für sich hinzu) wie das irdische. – Jedes für sich ist nur eine Hälfte, erst beide zusammen ergeben ein Ganzes. – Du kennst ja die Sage von Siegfried, – sein Schwert war in zwei Teile zerbrochen; der listige Zwerg Alberich hat es nicht zusammenschmieden können, weil er eben ein Erdenwurm war, – aber Siegfried hat es gekonnt.

Das Schwert Siegfrieds ist ein Sinnbild für jenes doppelte Leben. Wie man es zusammenschweißt, daß es ein Stück wird, ist das Geheimnis, das einer wissen muß, wenn er ein Ritter werden will. –

Sogar wirklicher noch als dieses Reich hier auf Erden ist jenes drüben. Das eine ist eine Spiegelung des anderen, – besser gesagt: das irdische ist eine neue Spiegelung des 'Drüben', nicht umgekehrt; was Drüben rechts ist" – er deutete auf seinen Kropf, – "das ist hier links.

Verstehst du jetzt?

Jener andere war also mein Doppelgänger. Was er dir sagte, habe ich soeben erst aus deinem Munde erfahren; es kam nicht aus seinem Wissen, noch viel weniger aus meinem: – es kam aus deinem!

Ja, ja, mein Junge, schau mich nicht so erstaunt an, – es kam aus deinem! Oder vielmehr" – er fuhr mir liebkosend mit der Hand durchs Haar – "aus dem des – Christopher in dir! – Was ich dir sagen kann – ein Menschentier dem andern –, das dringt aus Menschenmund in Menschenohr und wird vergessen, wenn das Hirn verwest; das einzige Gespräch, aus dem du lernen kannst, ist das – Selbstgespräch. – Und was du hieltest mit deinem Doppelgänger, war – ein Selbstgespräch. – – Was ein Mensch dir sagen kann, ist einmal zu wenig und einmal zu viel. Das einemal kommt es zu früh, das anderemal zu spät, immer zu einer Zeit wo deine Seele schläft. – So, mein Junge", – er wandte sich wieder dem Schreibtisch zu – "jetzt zieh dich aber an, du wirst doch nicht den ganzen Tag im Hemde herumlaufen wollen."

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