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Der weiße Dominikaner

Gustav Meyrink: Der weiße Dominikaner - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
titleDer weiße Dominikaner
authorGustav Meyrink
year1995
publisherLangen Müller
addressMünchen, Wien
isbn3-7844-2538-0
pages7-258
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20030101
modified20030104
modifiergerd.bouillon@t-online.de
noteKorrektur von Druckfehlern
firstpub1921
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Das Nessoshemd

Wie der Schrei des Adlers, die Luft auf Bergeshöhen erschütternd, eine Schneewächte löst, die rollend zur Lawine wächst und den Glanz verborgen gelegener Eisflächen enthüllt, so reißen die Worte des Urahns ein Stück meines Ichs in mir los.

Den Psalm verschlingt ein heulendes Sausen im Ohr, der Anblick des Zimmers erlischt vor meinen Augen, und ich glaube hinabzustürzen in den grenzenlosen Weltraum.

"Jetzt, jetzt werde ich zerschellen!" Aber das Fallen will kein Ende nehmen; mit immer größerer, rasender Schnelle saugt mich die Tiefe ein, und ich fühle, wie mein Blut das Rückgrat emporschießt und die Schädeldecke als leuchtende Garbe durchbricht.

Ich höre das Krachen der Knochen, dann ist alles vorbei; ich stehe auf den Füßen und weiß: es war eine Sinnestäuschung, ein magnetischer Strom hat mich durchdrungen von den Sohlen bis zum Haupte und in mir die Empfindung erweckt, als stürzte ich in einen bodenlosen Schlund.

Voll Staunen blicke ich umher und wundere mich, daß die Lampe so ruhig auf dem Tisch brennt und nichts sich verändert hat! Komme ich mir selbst doch vor wie verwandelt, als hätte ich Flügel und könne sie nicht gebrauchen.

"Ein neuer Sinn hat sich mir erschlossen", weiß ich, und doch kann ich lange nicht ergründen, worin er besteht und wieso ich ein anderer bin, bis mir langsam zum Bewußtsein kommt: ich halte einen runden Gegenstand in der Hand.

Ich blicke hin: nichts zu sehen; ich öffne die Finger: das Ding verschwindet, aber ich höre nicht, daß etwas zu Boden fiele; ich balle die Faust: und es ist wieder da, kalt, rund wie eine Kugel und hart.

"Es ist der Knauf des Schwertes", errate ich plötzlich; ich taste und finde die Klinge, ihre Schärfe ritzt mir die Haut.

Schwebt das Schwert in der Luft? Ich entferne mich einen Schritt von der Stelle, wo ich stand, und fasse nach ihm. Diesmal greifen meine Finger glatte, metallene Ringe, die eine Kette bilden, um meine Hüften geschlungen, daran die Waffe hängt.

Eine tiefe Verwunderung beschleicht mich, die erst weicht, als mir allmählich klar wird, was sich begeben hat: der innere Tastsinn, der Sinn, der im Menschen am festesten schläft, ist erwacht; die dünne Scheidewand, die das jenseitige Leben vom irdischen trennt, ist für immer durchbrochen.

Seltsam! So winzig schmal ist die Schwelle zwischen beiden Reichen, und doch hebt keiner den Fuß, sie zu überschreiten! Dicht an die Haut grenzt die andere Wirklichkeit, aber wir fühlen sie nicht! Hier, wo die Phantasie neues Land erschaffen könnte, macht sie halt.

Die Sehnsucht nach Göttern und die Furcht, mit sich allein zu sein und Schöpfer seiner eigenen Welt zu werden, ist es, die den Menschen hemmt, die magischen Kräfte zu entfalten, die in ihm schlummern; Gefährten will er haben und eine Natur, die machtvoll ihn umgibt; Liebe und Haß will er üben, Taten begehen und an sich erleben! Wie könnte er es, machte er sich selbst zum Schöpfer neuer Dinge?!

"Du brauchst nur die Hand auszustrecken, und du wirst das Antlitz deiner Geliebten berühren", lockt es mich heiß, aber mir graut bei dem Gedanken, daß Wirklichkeit und Phantasie dasselbe ist. Die Furchtbarkeit der letzten Wahrheit grinst mir ins Gesicht!

Schrecklicher noch als die Möglichkeit, ich könnte ein Opfer dämonischer Berührung werden oder hinaustreiben ins uferlose Meer des Irrsinns und der Halluzinationen, ist mir die Erkenntnis: es gibt nirgends Wirklichkeit, weder dort noch hier, es gibt nur Phantasie!

Ich erinnere mich der angstvollen Worte: "Hast du die Sonne gesehen?", die einst mein Vater sprach, als ich ihm erzählte von meiner Wanderung auf den Berg; "wer keine Sonne sieht, der gibt das Wandern auf; er geht ein in die Ewigkeit."

"Nein; ich will ein Wanderer bleiben und dich wiedersehen, Vater! Mit Ophelia will ich vereint sein und nicht mit Gott! Ich will die Unendlichkeit und nicht die Ewigkeit. Was ich mit geistigen Augen und Ohren sehen und hören gelernt habe, das, will ich, soll auch Wirklichkeit sein in meinem Gefühlssinn. Verzicht leiste ich, ein mit Schöpferkraft gekrönter Gott zu werden; aus Liebe zu euch will ich ein erschaffender Mensch bleiben; ich will das Leben mit euch teilen zu gleichen Teilen."

Wie zum Schutze vor der Versuchung, meine Arme in Sehnsucht auszustrecken, umklammere ich den Schwertgriff:

"Deiner Hilfe, Meister, vertraue ich mich an! Sei du der Schöpfer alles dessen, was mich umgibt."

So deutlich wird meiner tastenden Hand das Gesicht am Knaufe bewußt, daß ich es tief in meinem Innersten zu erleben glaube. Es ist ein Sehen und Fühlen zugleich. Das Errichten meines Altars zur Aufbewahrung des Allerheiligsten.

Eine geheimnisvolle Kraft quillt daraus, die sich auf die Dinge überträgt und ihnen Seelen einhaucht.

Als hörte ich es in Worten, weiß ich: die Lampe dort auf dem Tisch ist das Ebenbild deines irdischen Lebens, das Zimmer deiner Einsamkeit hat sie beleuchtet, jetzt wird sie zum schwelenden Schein; ihr Öl geht zu Ende.

Es drängt mich, unter freiem Himmel zu sein, wenn die Stunde des großen Wiedersehens schlägt!

Eine Leiter führt zu dem flachen Dach, darauf ich oft als Kind heimlich saß, um staunend zu betrachten, wie der Wind weiße Gesichter und Drachengestalten in die Wolken blies. Ich klimme hinauf und setze mich auf das Geländer.

Versunken in Nacht und liegt die Stadt da unten.

Meine ganze Vergangenheit, Bild um Bild schwebt empor und schmiegt sich ängstlich an mich, als wolle sie mahnen: "Halte mich fest, nimm mich mit, auf daß ich nicht in Vergessenheit sterben muß und leben darf in deinem Gedächtnis."

Ringsum am Horizont zuckt das Wetterleuchten auf: ein glühendes, rasch spähendes Riesenauge, und die Häuser und Fenster werfen den Flammenschein auf mich, geben verräterisch das Fackelzeichen zurück: dort, dort! Dort steht er, den du suchst!

"Alle meine Diener hast du erschlagen, jetzt komme ich selbst", geht ein fernes Heulen durch die Luft; ich muß an die Herrin der Finsternis denken und an das, was mein Vater sagte über ihren Haß.

"Nessoshemd!" zischt ein Windstoß und reißt an meinem Gewand.

Donner brüllt sein ohrenbetäubendes "Ja."

"Nessoshemd!" wiederhole ich sinnend; "Nessoshemd?!"

Dann totenstilles Lauern; Sturm und Blitz beraten, was sie beginnen sollen.

Unten braust plötzlich laut der Fluß, als wolle er mich warnen: Komm herab zu mir! Verbirg dich!

Ich höre das entsetzte Rauschen der Bäume: "Die Windsbraut mit den Würgerhänden! Die Zentauren der Meduse, die wilde Jagd! Ducket die Köpfe, der Reiter mit der Sense kommt!"

In meinem Herzen klopft ein stilles Jubeln: Ich warte auf dich, mein Geliebter.

Die Glocke der Kirche wimmert auf, von einer unsichtbaren Faust getroffen.

Im Schein eines Blitzes leuchten fragend die Kreuze des Friedhofs auf.

"Ja, Mutter; ich komme!"

Ein Fenster, irgendwo, reißt sich los und birst mit klirrendem Schrei auf dem Pflaster: die Todesangst der Dinge, erschaffen durch Menschenhand.

Ist der Mond vom Himmel gefallen und irrt umher? Eine weißglühende Kugel tastet sich durch die Luft, schwankt, sinkt, steigt, wandert planlos und platzt mit donnerndem Krachen, urplötzlich wie von rasender Wut erfaßt; die Erde bebt in wildem Schrecken.

Immer neue tauchen auf; eine sucht die Brücke ab, rollt langsam und tückisch über die Palisaden, umkreist einen Balken, packt ihn brüllend und zerfetzt ihn.

"Kugelblitze!" ich habe in den Büchern meiner Kindheit von ihnen gelesen und die Schilderung ihrer rätselhaften Bewegung für Fabel gehalten, jetzt sind sie leibhaftig! Blinde Wesen, geformt aus elektrischer Kraft, Bomben des kosmischen Abgrundes, Köpfe von Dämonen ohne Augen, Mund, Ohren und Nasen, den Tiefen der Erde und der Luft entstiegen, Wirbel, kreisend um einen Mittelpunkt des Hasses, der ohne Organe des Wahrnehmens halbbewußt tastet nach Opfern für seine Zerstörungswut.

Mit welch furchtbarer Macht begabt wären sie erst, besäßen sie menschliche Gestalt! Hat meine stumme Frage sie angelockt, die glühende Kugel, daß sie plötzlich ihre Bahn verläßt und auf mich zufliegt? Aber sie kehrt um dicht am Geländer, gleitet hinüber zu einer Mauer, schwebt in ein offenes Fenster hinein und zu einem andern wieder heraus, wird länglich: und ein Feuerstrahl schlägt einen Trichter in den Sand unter Donnergetöse, daß das Haus zittert und der Staub bis zu mir heraufspritzt.

Sein Licht, blendend wie eine weiße Sonne, verbrennt mir die Augen; so grell beschienen ist eine Sekunde lang meine Gestalt, daß ihr Reflex meine Lider erfüllt und eingeätzt bleibt in meinem Bewußtsein.

"Siehst du mich endlich, Meduse?"

"Ja, ich sehe dich, Verfluchter!" – und eine rote Kugel steigt aus der Erde. Halbblind fühle ich: sie wird größer und größer; jetzt schwebt sie über meinem Kopf – ein Meteor grenzenloser Wut.

Ich breite die Arme aus: unsichtbarer Hände fassen die meinen mit dem "Griff" des Ordens, gliedern mich ein in die lebendige Kette, die in die Unendlichkeit reicht.

Verbrannt ist in mir das Verwesliche, durch den Tod in eine Flamme des Lebens verwandelt.

Aufrecht stehe ich im purpurnen Gewand des Feuers, gegürtet mit der Waffe aus Blutstein.

Gelöst bin ich für immer mit Leichnam und Schwert.

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