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Der weiße Dominikaner

Gustav Meyrink: Der weiße Dominikaner - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
titleDer weiße Dominikaner
authorGustav Meyrink
year1995
publisherLangen Müller
addressMünchen, Wien
isbn3-7844-2538-0
pages7-258
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20030101
modified20030104
modifiergerd.bouillon@t-online.de
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firstpub1921
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Die Auferstehung des Schwertes

Unvergeßlich sind mir die Eindrücke, die ich empfand, als ich eines Tages daran ging, den Nachlaß meines Vaters und meiner Vorfahren zu besichtigen.

Stockwerk für Stockwerk nahm ich in Augenschein: mir war, als stiege ich hinab von Jahrhundert zu Jahrhundert bis tief ins Mittelalter hinein. Kunstvoll eingelegte Möbel, die Schubladen voll Spitzentücher; blinde Spiegel im schimmernden Goldrahmen, aus denen ich mir entgegenblickte, grünlich milchig wie ein Gespenst; dunkelgewordene Porträts von Männern und Frauen in altertümlichen Gewändern, der Typus wechselnd, wie er der Zeit eigentümlich gewesen, und doch immer eine gewisse Familienähnlichkeit in allen Gesichtern, die manchmal abzunehmen schien, von Blond überging ins Brünette, um dann plötzlich wieder in voller Ursprünglichkeit hervorzubrechen, als habe der Stamm sich seines Wissens erinnert.

Goldene, juwelengeschmückte Dosen, einige noch Spuren von Schnupftabak enthaltend, als seien sie gestern noch in Gebrauch gewesen; Perlmutterfächer, seidene, zerschlissene, fremdartig geformte Stöckelschuhe, denen ich im Geiste, als ich sie nebeneinander stellte, jugendliche weibliche Gestalten entsteigen sah: die Mütter und Frauen unserer Ahnen; Stäbe mit gelbgewordenen Elfenbeinschnitzereien; Ringe mit unserem Wappen, bald winzig eng, wie für Kinderfinger bestimmt, dann wieder solche von einer Größe, als hätten Riesen sie getragen; Spinnrocken, daran das Werg durch das Alter so dünn geworden war, daß es unter dem Hauch eines Atems zerfiel.

In manchen Zimmern lag der feine Staub so hoch, daß ich bis zu den Knöcheln darin waten mußte und Wulste sich anhäuften, wenn ich die Türen öffnete; aus meinen Fußstapfen leuchteten Blumenornamente und Tiergesichter auf, wie ich mit meinen Schritten die Teppichmuster bloßlegte.

Die Betrachtung all dieser Sachen nahm mich derart gefangen, daß ich wochenlang damit zubrachte und zuweilen dem Bewußtsein, es lebten noch Menschen außer mir auf dieser Erde, völlig entrückt war.

Als halbwüchsiger Junge hatte ich einst bei einem Schulausflug das kleine Museum unserer Stadt besucht, und ich weiß noch, welche Anspannung und Müdigkeit uns befallen hatte, als wir die vielen altertümlichen, uns innerlich so fremden Gegenstände besichtigen; wie gänzlich anders war das hier! Jedes Ding, das ich in die Hand nahm, wollte mir erzählen; ein eigentümliches Leben ging von ihm aus: Vergangenheit meines eigenen Blutes hing daran und wurde mir zum seltsamen Gemisch aus Gegenwart und Einst. – Menschen, deren Knochen längst in Gräbern moderten, hatten hier geatmet, Voreltern, deren Leben ich in mir trug, in diesen Räumen gewohnt, ihr Dasein als wimmernde Säuglinge angetreten, es im Todeskampf röchelnd beschlossen, hatten geliebt und getrauert, gejubelt und geseufzt, ihr Herz an Dinge gehängt, die jetzt noch so herumstanden, wie sie verlassen worden waren und voll heimlichen Flüsterns wurden, wenn ich sie anfaßte.

Da war ein gläserner Eckschrank mit Schaumünzen in roten Samtetuis, goldene, die noch hell und glanzwach waren, mit Rittergesichtern, silberne, schwarz geworden, als seien sie gestorben, alle in Reihen gelegt, jede mit einem Zettel versehen, die Schrift unleserlich und verblichen; eine morsche und dennoch heiße Gier gingen von ihnen: "sammle, sammle uns, wir müssen vollzählig werden"; Eigenschaften, die ich nie gekannt, flatterten auf mich zu, schmeichelten und bettelten: "nimm uns auf, wir werden dich glücklich machen."

Ein alter Lehrstuhl mit wundervoll geschnitzten Armen, scheinbar die Ehrwürdigkeit und Ruhe in Person, lockte mich, ihn ihm zu träumen, versprach mir: "Ich will dir Geschichten erzählen aus alten Tagen", dann als ich mich ihm anvertraut, drosselte mich eine wortlose, greisenhafte Qual, als sei es die graue Sorge selbst, auf deren Schoß ich mich gesetzt, meine Beine wurden schwer und steif, als sei ein Gelähmter ein Jahrhundert lang hier gefesselt gewesen und wolle sich erlösen, indem er mich in sein Ebenbild verwandle.

Je weiter ich vordrang in die tiefer gelegenen Gemächer, desto finsterer, ernster, prunkloser der Eindruck.

Rohe, derbe Eichentische; ein Herd statt feiner Kamine; getünchte Wände; Zinnteller; ein rostiger Kettenhandschuh; steinerne Krüge; dann wieder eine Kammer mit vergittertem Fenster; Pergamentbände umhergestreut, von Ratten zernagt; tönerne Retorten, wie sie die Alchimisten gebraucht haben; ein eiserner Leuchter; Phiolen, darin Flüssigkeiten zu Kesselstein geworden waren: der ganze Raum erfüllt von der trostlosen Aura eines Menschenlebens enttäuschter Hoffnungen.

Der Keller, in dem der Chronik nach unser Urahn, der Laternenanzünder Christophorus Jöcher, gelebt haben soll, war mit einer schweren Bleitüre verschlossen. Keine Möglichkeit, sie aufzubrechen. Als ich meine Forschungen in unserem Hause beendet hatte und – gleichsam nach einer langen Reise ins Reich der Vergangenheit – wieder einzog in meine Wohnstube, hatte ich das Gefühl, als sei ich geladen bis in die Fingerspitzen mit magnetischen Einflüssen; die vergessene Atmosphäre da unten begleitete mich wie eine Gespensterschar, der die Kerkertür ins Freie geöffnet worden ist, Wünsche, die das Dasein meinen Vorfahren unerfüllt gelassen, waren ans Tageslicht geschleppt, wachten auf und suchten mich in Unruhe zu stürzen, bestürmten mich mit Gedanken: "Tue das, tue jenes; dieses ist noch unvollendet, jenes nur halb geschehen; ich kann nicht schlafen, ehe du es nicht statt meiner vollbracht hast!" Eine Stimme flüsterte mir zu: "Geh noch einmal hinunter zu den Retorten; ich will dir sagen, wie man Gold macht und den Stein der Weisen bereitet; ich weiß es jetzt, damals ist es mir nicht gelungen, denn ich bin zu früh gestorben", – dann wieder vernehme ich leise, tränenschwere Worte, die aus Frauenmund zu kommen scheinen: "Sag du meinem Gatten, ich habe ihn trotz allem immer geliebt; er glaubt es nicht, er hört mich jetzt nicht, da ich tot bin, dich wird er verstehen!" – "Rache! Verfolg seine Brut! Erschlag sie! Ich will dir sagen, wo sie ist. Gedenke meiner! Du bist der Erbe, du hast die Pflicht der Blutrache!" zischt ein glühheißer Atem mir ins Ohr; mir ist, als hörte ich den Kettenhandschuh klirren. – "Geh ins Leben hinaus! Genieße! Ich will noch einmal die Erde schauen mit deinen Augen!" sucht mich der Zuruf des Gelähmten im Lehnstuhl zu betören. Wie ich sie aus meinem Hirn vertreibe die Schemen, scheinen sie zu bewußtlosen Fetzen eines elektrisch umherirrenden Lebens zu werden, das von den Gegenständen des Zimmers aufgesogen wird: spukhaft kracht es in den Schränken; ein Heft, das auf dem Bort liegt, raschelt; die Dielen knistern, als ginge ein Fuß darüber hin; eine Schere fällt vom Tisch und bohrt sich mit einer Spitze in den Boden, als wolle sie eine Tänzerin nachahmen, die auf der Zehenspitze stehen bleibt.

Voll Unruhe gehe ich auf und ab; "es ist die Erbschaft der Toten", fühlte ich; ich zünde die Lampe an, denn die Nacht steigt auf, und die Dunkelheit macht meine Sinne zu scharf; die Schemen sind wie die Fledermäuse: "das Licht wird sie verscheuchen; es geht nicht an, daß sie noch länger mein Bewußtsein plündern!"

Die Wünsche der Verstorbenen habe ich stumm gemacht, aber die Unrast der gespenstischen Erbschaft will mir nicht aus meinen Nerven weichen.

Ich krame in einem Spind, um mich abzulenken: ein Spielzeug, das mir einst mein Vater zu Weihnachten geschenkt, fällt mir in die Hände: eine Schachtel mit Glasdeckel und Glasboden; Figuren aus Holundermark, Männlein und Weiblein und eine Schlange sind darin; wenn man mit einem Lederbausch über das Glas fährt, werden sie elektrisch, verbinden sich, fahren auseinander, hüpfen, kleben bald oben, bald unten, und die Schlange freut sich und macht die absonderlichsten Windungen. "Auch die da drin glauben, sie leben", denke ich bei mir, "und doch ist es nur die eine Allkraft, die ihnen Bewegung verleiht!" Dennoch kommt es mir nicht in den Sinn, das Beispiel auf mich selbst zu beziehen: ein Tatendurst überfällt mich plötzlich, und ich bringe ihm kein Mißtrauen entgegen; der Lebenstrieb der Verstorbenen naht sich unter anderer Maske.

"Taten, Taten, Taten müssen vollbracht werden!" fühle ich; "ja, das ist es! Nicht das, was die Vorfahren selbstsüchtig wollten, daß geschähe" – so suchte ich mir einzureden –, "nein, etwas viel Größeres soll ich tun!"

Wie Keime hat es in mir geschlummert, jetzt bricht es auf, Samenkorn um Samenkorn: du mußt ins Leben hinaus, Taten vollbringen für die Menschheit, der du doch angehörst als ein Teil! Sei ein Schwert im allgemeinen Kampf gegen das Medusenhaupt!

Unerträgliche Schwüle herrscht im Zimmer; ich reiße das Fenster auf: der Himmel ist ein bleiernes Dach geworden, ein undurchdringliches schwärzliches Grau. Fern am Horizont zuckt Wetterleuchten. Gott sei Dank, ein Gewitter zieht auf. Seit Monaten kein Tropfen Regen, die Wiesen verdorrt, bei Tage klirren die Wälder im zitternden Hauch der verdurstenden Erde.

Ich gehe zum Teich und will schreiben. Was? Wem? Ich weiß es nicht. Vielleicht dem Kaplan, daß ich zu verreisen gedenke, um mir die Welt anzusehen?

Ich schneide eine Feder, setze an, da übermannt mich Müdigkeit; ich lasse den Kopf auf den Arm sinken und schlafe ein.

Die Platte des Tisches gibt echogleich, verstärkend wie ein Resonanzleben, die Schläge meines Pulses wieder, dann wird ein Hämmern daraus, und ich bilde mir ein, ich schlüge mit einem Beil die Metalltüre im Keller auf. Wie sie aus den verrosteten Angeln fällt, sehe ich einen alten Mann herauskommen und wache im selben Augenblick auf.

Bin ich denn wirklich wach? Da steht doch der alte Mann leibhaftig im Zimmer und blickt mich an mit greisenhaft erloschenen Augen!

Daß ich die Feder noch in der Hand halte, beweist mir, daß ich nicht träume und bei klarem Bewußtsein bin.

"Ich muß diesen merkwürdigen Fremden schon einmal gesehen haben", überlege ich bei mir; "warum trägt er nur in dieser Jahreszeit eine Ohrenklappe aus Pelz?"

"Ich habe dreimal an die Türe geklopft; als niemand antwortete, bin ich eingetreten", sagt der Alte.

"Wer sind Sie? Wie heißen Sie?" frage ich verblüfft.

"Ich komme im Auftrag des Ordens."

Einen Augenblick lang bin ich im Zweifel, ob nicht ein Phantom vor mir steht: das greisenhafte Gesicht mit dem schüttern, eigentümlich geformten Bart paßt so gar nicht zu den muskulösen Arbeiterhänden! Wäre es ein Bild, das ich da sehe, würde ich sagen: es ist verzeichnet. Irgend etwas stimmt nicht in den Dimensionen! Und der rechte Daumen ist verkrüppelt; auch das kommt mir merkwürdig bekannt vor.

Heimlich fasse ich den Ärmel des Mannes, um mich zu überzeugen, ob ich nicht das Opfer einer Sinnestäuschung bin, und begleite die Bewegung mit der Geste: "Bitte, setzen Sie sich!"

Der Alte übersieht es und bleibt stehen.

"Wir haben Nachricht erhalten, daß dein Vater gestorben ist. Er war einer der unsrigen. Den Gesetzen des Ordens gemäß steht dir als seinem leiblichen Sohn das Recht zu, Aufnahme zu verlangen. Ich frage dich: machst du Gebrauch davon?"

"Es wäre mein größtes Glück, derselben Gemeinschaft anzugehören wie einst mein Vater, aber ich weiß nicht, welche Zwecke der Orden verfolgt und was sein Ziel ist. Kann ich darüber Näheres erfahren?"

Der glanzlose Blick des Greises irrt über mein Gesicht. "Hat dein Vater nie mit dir davon gesprochen?"

"Nein. Nur in Andeutungen. Ich kann wohl aus dem Umstande, daß er in der Stunde vor seinem Tode eine Art Ordensgewand anlegte, schließen: er muß einer geheimen Gesellschaft angehört haben; aber das ist wohl alles, was ich weiß."

"So will ich es dir sagen: Seit unvordenklichen Zeiten lebt ein Kreis von Männern auf Erden, der das Schicksal der Menschheit lenkt. Ohne ihn wäre längst das Chaos hereingebrochen. Alle großen Völkerführer sind blinde Werkzeuge in unserer Hand gewesen, sofern sie nicht Eingeweihte der Gemeinschaft waren. Unser Ziel ist, die Unterschiede zwischen Arm und Reich, zwischen Herr und Knecht, Wissenden und Unwissenden, Herrschenden und Unterdrückten aufzuheben und aus dem Jammertal, Erde genannt, ein Paradies zu schaffen, ein Land, in dem das Wort 'Leid' unbekannt ist. Die Bürde, unter der die Menschheit seufzt, ist das Kreuz der Persönlichkeit. Die Weltseele hat sich zersplittert in Einzelwesen, daraus entstand jegliche Unordnung. Aus der Vielheit die Einheit wiederherzustellen, ist unser Wollen.

Die edelsten Geister haben sich in unseren Dienst gestellt, und die Zeit der Ernte steht vor der Tür. Jeder soll sein eigener Priester werden. Die Menge ist reif, das Pfaffenjoch abzuschütteln. Schönheit ist der einzige Gott, zu dem die Menschheit hinfort beten wird. Aber noch bedarf sie tatkräftiger Männer, die ihr den Weg zur Höhe weisen. Darum haben wir Väter des Ordens Gedankenströme in die Welt geschickt, die wie Wildfeuer die Gehirne ergreifen, um den Größenwahn der Lehre vom Individualismus zu verbrennen. Krieg aller für alle! Aus Wildnis einen Garten zu schaffen, das ist die Aufgabe, die wir uns gestellt haben! Fühlst du nicht, wie alles in dir nach Tat schreit?! Warum sitzest du hier und träumst?! Auf, errette deine Brüder!"

Eine wilde Begeisterung ergreift mich. "Was soll ich tun?!" rufe ich. "Befiehl, was ich tun soll! Ich will mein Leben hingeben für die Menschheit, wenn es sein muß. Welche Bedingungen stellt der Orden, daß ich ihm angehören kann?"

"Blinden Gehorsam! Verzicht auf jedes eigene Wollen! Für die Allgemeinheit wirken und nicht mehr für dich selbst! Das ist der Weg aus der Wildnis der Vielheit ins gelobte Land der Einheit."

"Und woran soll ich erkennen, was ich zu tun habe?" fragte ich, von plötzlichem Zweifel ergriffen. "Ich soll ein Führer sein, was werde ich lehren?"

"Wer lehrt, der lernt. Frage nicht: was werde ich sprechen! Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand. Gehe hin und rede! Die Gedanken werden wir dir einflößen, darum sorge nicht! Bist du bereit, den Eid des Gehorsams zu leisten?"

"Ich bin bereit."

"So lege die linke Hand auf die Erde und sprich mir nach, was ich dir sagen werde!"

Wie betäubt, will ich gehorchen, beuge mich nieder, da packt mich plötzlich jäh das Mißtrauen. Ich zögere, blicke auf, die Erinnerung durchzuckt mich: das Gesicht des Alten, der da steht, habe ich als Schwertknauf, aus Blutstein geschnitten, gesehen; und der verstümmelte Daumen gehört zu der Hand des Landstreichers, der einst auf dem Marktplatz tot umfiel, als er mich erblickte.

Mir wird kalt vor Schreck, aber ich weiß jetzt, was ich zu tun habe; ich springe auf und schreie den Alten an:

"Gib mir das Zeichen!" und halte ihm die Rechte hin zum "Griff", den mich mein Vater gelehrt hat. Aber der da steht, ist kein lebender Mensch mehr: ein Gebilde aus Gliedern, die lose am Rumpf hängen wie bei einem Geräderten! Darüber schwebt der Kopf, vom Nacken getrennt durch einen fingerbreiten Streifen Luft; noch beben die Lippen unter dem entweichenden Atem. Ein scheußliches Wrack aus Fleisch und Bein.

Schaudernd bedecke ich meine Augen mit den Händen; als ich aufblicke, ist der Spuk verschwunden, aber frei im Raume hängt ein leuchtender Ring: darin mit feinen, durchsichtigen Umrissen wie ein blaßblauer Nebelhauch das Gesicht des Alten mit der Ohrenklappe.

Diesmal ist es die Stimme des Urahns, die aus seinem Munde kommt:

"Trümmer, Balken gestrandeter Schiffe, die auf dem Ozean der Vergangenheit treiben, hast du gesehen; aus seelenlosen Resten versunkener Gestalten aus vergessenen Eindrücken deines Geistes haben die lemurenhaften Bewohner des Abgrundes das Bild unseres Meisters zum Hirngespinst geformt, um dich zu täuschen, haben mit feiner Zunge zu dir geredet leere hochklingende Worte der Betörung, um dich hineinzulocken, Irrlichtern gleich, in die todbringenden Sümpfe der planlosen Taten, darinnen schon Tausende vor dir und größere als du elendiglich versunken sind. 'Selbstverzicht' nennen sie den Phosphorschein, mit dem sie ihre Opfer überlisten, die Hölle hat frohlockt, als sie ihn angezündet haben dem ersten Menschen, der ihnen vertraute. Was sie zerstören wollen, ist das höchste Gut, das ein Wesen sich erringen kann: das ewige Bewußtsein als Persönlichkeit. Was sie lehren, ist Vernichtung, aber sie kennen die Gewalt der Wahrheit, darum sind alle Worte, die sie wählen, Wahrheit – doch jeder Satz daraus geformt ist abgrundtiefe Lüge.

Wo Eitelkeit und Machtbegier in einem Herzen wohnen, da sind sie zur Hand und fachen diese trüben Funken an, bis sie glänzen wie helles Feuer und der Mensch wähnt, in selbstloser Liebe für seinen Nächsten entbrannt zu sein und hingeht und predigt, ohne berufen zu sein – ein blinder Führer wird und mit den Lahmen in die Grube stürzt.

Sie wissen gar wohl, daß des Menschen Herz böse ist von Jugend auf und daß Liebe darin nicht wohnen kann, es sei denn, sie wäre geschenkt von oben. Sie wiederholen den Satz: 'Liebet euch untereinander', bis er stumpf wird; der ihn zuerst sagte, gab denen, die ihn hörten, damit ein magisches Geschenk; sie aber speien die Worte ins Ohr wie Gift – Unheil und Verzweiflung, Mord und Blutbad und Verwüstung wachsen daraus empor. Sie ahmen die Wahrheit nach wie die Vogelscheuche das Kruzifix am Wegesrand.

Wo sie sehen, daß ein Kristall sich bildet, der symmetrisch – ein Ebenbild Gottes – zu werden verspricht, da bieten sie alles auf, ihn zu zertrümmern. Keine Lehre des Ostens ist ihnen zu fein, als daß sie sie nicht vergröberten, irdisch machten, umstellten und durchlöcherten, bis sie das Gegenteil darstellt von dem, was gemeint war. 'Vom Osten kommt das Licht', sagen sie und meinen heimlich die Pest damit.

Die einzige Tat, die des Vollbringens wert ist: die Arbeit am eigenen Selbst, nennen sie Selbstsucht; Weltverbessern, aber nicht wissen wie, – Habsucht mit dem Namen 'Pflicht' bemänteln und Neid mit 'Ehrgeiz', das sind die Gedanken, die sie den irrenden Sterblichen einflößen.

Das Reich zersplitternden Bewußtseins ist ihr Zukunftstraum, Besessenheit allüberall ihre Hoffnung; sie predigen durch den Mund der Besessenen das 'tausendjährige Reich' wie einst die Propheten, aber daß das Reich 'nicht von dieser Welt' ist, solange die Erde sich nicht verwandelt und der Mensch durch die Wiedergeburt des Geistes – das verschweigen sie; sie strafen die Gesalbten Lügens, indem sie die Reife der Zeit vorwegnehmen.

Wenn ein Heiland kommen soll, äffen sie ihm vor; wenn er geht, äffen sie ihm nach.

Sie sagen: tritt als Führer auf! wohl wissend daß nur einer führen kann, der vollkommen geworden ist. Sie drehen es um und betrügen: führe, so wirst du vollkommen.

Es heißt: wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand; sie aber suggerieren: nimm ein Amt, und Gott wird dir den Verstand geben.

Sie wissen: das Leben auf Erden soll ein Zustand des Überganges sein, darum locken sie listig: 'mach ein Paradies aus dem Diesseits', doch wohl kennend die Vergeblichkeit solcher Mühe.

Sie haben die Schatten des Hades befreit und beleben sie mit fluidisch dämonischer Kraft, damit die Menschen glauben, die Auferstehung der Toten sei gekommen.

Nach dem Antlitz unseres Meisters haben sie eine Larve geformt, die spukhaft auftaucht da und dort, bald in den Träumen Hellsichtiger, bald in den Zirkeln der Geisterbeschwörer als stoffvortäuschende Gestalt, bald als automatisch sich bildende Zeichnung der Medien; John King – Johann der König – nennt sich das Gespenst denen, die neugierig nach seinem Namen fragen, damit der Glaube entstehe, es sei Johannes der Evangelist. Sie ahmen das Antlitz 'vor' für alle, die, wie du, reif geworden sind, es in Wahrheit zu schauen; sie bauen vor, um Zweifel säen zu können, wenn wie jetzt bei dir, die Stunde naht, wo es des nimmerwankenden Glaubens bedarf.

Du hast die Larve zertrümmert, da du den 'Griff' verlangtest; jetzt wird das wahre Antlitz für dich zum Knauf des magischen Schwertes, geschmiedet ohne Fuge aus einem Stück Blutstein; wer es empfängt, für den wird lebendig der Sinn des Psalmes: 'Gürte dein Schwert an deine Seite, zeuch einher der Wahrheit zu gut und der Elenden bei Recht zu erhalten, so wird deine rechte Hand Wunder vollbringen!'"

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