Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Meyrink >

Der weiße Dominikaner

Gustav Meyrink: Der weiße Dominikaner - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
titleDer weiße Dominikaner
authorGustav Meyrink
year1995
publisherLangen Müller
addressMünchen, Wien
isbn3-7844-2538-0
pages7-258
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20030101
modified20030104
modifiergerd.bouillon@t-online.de
noteKorrektur von Druckfehlern
firstpub1921
Schließen

Navigation:

Gegrüßt seist Du, Königin der Barmherzigkeit

Wieder sind Monate verflossen.

Die bösen Gerüchte über mich sind längst verstummt; die Leute in der Stadt halten mich wahrscheinlich für einen Fremden; sie beachten mich kaum, so lange habe ich wie ein Eremit zusammen mit meinem Vater hoch da oben unter dem Dache gehaust, fern von jeder Berührung mit ihnen.

Wenn ich mir jene Zeit vergegenwärtige, kann ich unmöglich glauben, daß sich tatsächlich mein Reifen vom Jüngling zum Manne nur innerhalb unserer vier Wände und so ganz und gar von der Außenwelt abgeschlossen vollzogen haben sollte.

Gewisse Einzelheiten, wie zum Beispiel der Umstand, daß ich mir neue Kleider, Schuhe, Wäsche und dergleichen doch wohl irgendwo in der Stadt besorgt haben mußte, lassen mich schließen: meine innere Abgestorbenheit damals war so tief gewesen, daß alltägliche Geschehnisse an meinem Bewußtsein vollkommen eindruckslos vorübergegangen sind.

Als ich am Morgen nach dem Tode meines Vaters – wie ich glaubte: zum erstenmal wieder – die Straße betrat, um die nötigen Vorbereitungen zum Begräbnis zu treffen, staunte ich, wie sich alles verändert hatte: ein schmiedeeisernes Gitter schloß den Zugang zu meinem Garten ab; durch die Stäbe hindurch sah ich einen großen Holunderbaum dort, wo ich einst das Reis gepflanzt hatte; die Bank war verschwunden, und an ihrer Stelle stand auf hohem Marmorsockel die vergoldete Statue der Mutter Gottes, übersät von Kränzen und Blumen.

Ich konnte mir den Grund dieser Veränderung nicht erklären, aber es berührte mich wie ein weihevolles Wunder, daß den Ort, wo meine Ophelia bestattet lag, jetzt ein Standbild der Maria schmückte.

Als ich später den Kaplan traf, erkannte ich ihn kaum, so alt schien er geworden. Mein Vater hatte ihn bisweilen besucht und mir jedesmal Grüße von ihm ausgerichtet, aber gesehen hatte ich ihn jahrelang nicht mehr.

Auch war er sehr erstaunt gewesen, als er mich erblickte, hatte mich aber verwundert betrachtet und nicht glauben wollen, daß ich es sei.

"Der alte Herr Baron hatte mich gebeten, nicht in sein Haus zu kommen", erklärte er mir, "er sagte, es sei nötig, daß Sie einsam blieben eine bestimmte Reihe von Jahren. Ich habe seinen mir unverständlichen Wunsch getreulich respektiert."

Ich kam mir vor wie jemand, der nach langer, langer Abwesenheit wieder in seine Geburtsstadt zurückgekehrt ist; – ich begegnete erwachsenen Menschen, die ich als Kinder gekannt hatte; ernste Mienen sah ich, wo früher ein jugendfrohes Lächeln gewesen; blühende Mädchen waren sorgenvolle Ehefrauen geworden.

Ich kann nicht sagen, daß das Gefühl des inneren Erstarrtseins mich damals verlassen gehabt hätte, es war nur etwas hinzu gekommen, wenn auch nur eine dünne angeflogene Schicht, was mich die Umwelt wieder mit mehr menschlichen Auge sehen ließ; ich erklärte es mir als den Hauch animistischer Lebenskraft, der von meinem Vater wie ein Vermächtnis auf mich übergegangen war.

Als hätte der Kaplan diesen Einfluß instinktiv empfunden, faßte er bald eine große Zuneigung zu mir und kam mich öfter des Abends besuchen. "Immer, wenn ich in Ihrer Nähe bin", sagte er, "ist mir, als säße mein alter Freund vor mir."

Bei Gelegenheit erzählte er mir ausführlich, was sich die Jahre über in der Stadt begeben hatte.

Ich rufe eine solche Spanne Zeit wieder in die Gegenwart zurück:

"Erinnern Sie sich noch, Christopher, daß Sie mir einst als kleiner Junge sagten, der weiße Dominikaner hätte Ihnen die Beichte abgenommen? Ich wußte anfangs nicht recht, ob Ihnen Ihre Phantasie nicht einen Streich gespielt hätte, denn, was Sie mir erzählten, überstieg meine Glaubenskraft. Ich schwankte lange zwischen Zweifeln und der Annahme, es könnte sich um einen Fall von Teufelsspuk oder von Besessenheit – wenn Ihnen das besser klingt – handeln. Heute freilich, wo so Unerhörtes geschehen ist, gibt es für mich nur eine Erklärung: wir gehen hier in unserer Stadt einer Zeit der Wunder entgegen!"

"Was ist denn alles vorgefallen?" fragte ich, "ich war ein halbes Menschenleben lang, wie Sie wissen, von der Welt wie abgeschnitten."

Der Kaplan überlegte. "Es ist am besten, ich berühre gleich die letzten Epochen; ich wüßte sonst nicht, wo beginnen. Also: es fing damit an, daß immer mehr Leute behaupteten, sie hätten um Neumond den gewissen Schatten, den unsere Kirche der Sage nach bisweilen werfen soll, mit eigenen Augen gesehen. Ich trat dem Gerücht entgegen, wo ich konnte, bis ich selbst – ja ich selbst! – Zeuge der Tatsache wurde. Aber, gehen wir weiter; es erschüttert mich immer aufs tiefste, wenn ich darauf zu sprechen komme. Genug: ich sah den 'Dominikaner' selbst! Ersparen Sie mir die Schilderung; was ich erlebt habe, ist für mich das Heiligste, was ich mir denken kann."

"Halten Sie den Dominikaner für einen Menschen, der über besondere Kräfte verfügt, oder glauben Sie, Hochwürden, er sei – etwas der Art, wie eine Geistererscheinung?"

Der Kaplan zögerte. "Offen gestanden: ich weiß es nicht! Er erschien mir in dem Ornat eines Papstes. Ich glaube – ja, ich glaube fest: es war ein Hellgesicht in die Zukunft hinein; ich hatte eine Vision des kommenden großen Papstes gehabt, der 'flos florum' heißen wird. Bitte, fragen Sie mich nicht weiter! Später entstand das Gerede, der Drechslermeister Mutschelknaus hätte aus Gram darüber, daß seine Tochter verschollen ist, den Verstand verloren. Ich ging der Sache nach und wollte ihn trösten: Aber – er tröstete mich. Ich sah sehr bald, daß ich einen Begnadeten vor mir hatte! Heute wissen wir ja, daß er ein Wundertäter ist."

"Der Drechslermeister ein Wundertäter?!" fragte ich erstaunt.

"Ja wissen Sie denn nicht, daß unsere kleine Stadt auf dem besten Wege ist, ein Wallfahrtsort zu werden!" rief der Kaplan verblüfft, "Mensch, haben Sie die ganze Zeit darüber geschlafen, wie der Mönch von Heisterbach? Haben Sie denn das Muttergottesbild unten im Garten nicht gesehen?"

"Ja, ich kenne es", gab ich zu, "aber welche Bewandtnis hat es damit? – Ich habe bis jetzt nicht bemerkt, daß viele Leute hingepilgert wären!"

"Das kommt daher", erklärt der Kaplan, "weil zurzeit der alte Mutschelknaus durchs Land wandert und durch Auflegen der Hände Kranke heilt. In Scharen ziehen ihm die Menschen nach; das ist auch der Grund, weshalb die Stadt gegenwärtig wie ausgestorben ist. Morgen zum Marienfest kommt er wieder in die Stadt."

"Hat er Ihnen nie erzählt, daß er spiritistischen Sitzungen beiwohnt?" fragte ich vorsichtig.

"Nur ganz im Anfang war er Spiritist, jetzt hält er sich fern davon. Ich glaube, es war ein Übergangsstadium für ihn. Daß ich die Sekte enorm verbreitet hat, ist ja leider der Fall. Ich sage: 'leider'; muß es wohl sagen, denn wie vertrügen sich die Lehren dieser Leute mit denen der Kirche! Andererseits frage ich mich: was ist besser, die Pest des Materialismus, die über die Menschheit gekommen ist, oder dieser fanatische Glaube, der da urplötzlich aus dem Boden wächst und alles zu verschlingen droht? Man steht da wirklich zwischen Scylla und Charybdis."

Der Kaplan sah mich fragend an und schien eine Antwort von mir zu erwarten; ich schwieg – ich mußte wieder an das Medusenhaupt denken.

"Eines Tages rief man mich aus der Pfarrei", fuhr er fort. "Der alte Mutschelknaus zeiht durch die Straßen; er hat einen Toten auferweckt!" schrie alles aufgeregt durcheinander. Ein höchst seltsames Geschehnis hatte sich ereignet. Der Leichenwagen war durch die Stadt gefahren, da hatte der Alte dem Kutscher befohlen, zu halten. 'Hebt den Sarg heraus!' befahl er mit lauter Stimme. Wie unter einer Suggestion stehend, gehorchten die Leute ohne Widerspruch. Dann schraubte er selber den Deckel auf. Die Leiche des Krüppels, den Sie ja kennen – er lief als Kind immer mit seinen Krücken vor den Hochzeitszügen her – lag darin. Der Alte beugte sich über ihn und sagte wie einst Jesus: 'Stehe auf und wandle!' – Und – und" – der Kaplan schluchzte vor Rührung und Ergriffenheit, "und der Krüppel erwachte aus dem Todesschlaf! Ich habe dann den alten Mutschelknaus gefragt, wie alles das denn zugegangen sei. Sie müssen wissen, Christopher, daß es fast unmöglich ist, etwas aus ihm herauszubekommen; er befindet sich beinahe ununterbrochen in einem Zustand der Verzückung, der sich von Monat zu Monat immer mehr vertieft. Heute gibt er überhaupt keine Antwort auf Fragen mehr.

Damals gelang es mir noch, einiges von ihm zu erfahren. 'Die Mutter Gottes ist mir erschienen', sagte er, als ich ihn in drang, 'sie ist aus der Erde gestiegen von der Bank im Garten, wo der Holunderbaum steht.' Und als ich ihm zuredete, mir doch zu schildern, wie die Heilige ausgesehen habe, sagte er mit einem seltsam stillseligen Lächeln: 'Genau wie meine Ophelia.' 'Und wie sind Sie auf den Einfall gekommen, den Totenwagen halten zu lassen, lieber Mutschelknaus?' hatte ich weiter geforscht; 'hat es Ihnen die Mutter Gottes befohlen?' 'Nein, ich habe gewußt, daß der Krüppel nur scheintot war.' 'Wie konnten Sie das denn wissen? Nicht einmal der Arzt hat es gewußt!' 'Ich habe es gewußt, weil ich selber einmal hätte lebendig begraben werden sollen', war die seltsame Antwort des Alten; das Unlogische in seiner Erklärung konnte ich ihm nicht begreiflich machen. 'Was man an sich selbst erlebt hat, das weiß man bei anderen. Es war eine Gnade, die mir die Jungfrau Maria erwiesen hat, daß man mich als Kind lebendig hat begraben lassen wollen; sonst hätte ich nie wissen können, daß der Krüppel nur scheintot war', wiederholte er in allen möglichen Varianten, aber nie auf den Kernpunkt der Sache eingehend, als ich Genaues erfahren wollte; wir redeten aneinander vorbei."

"Und was wurde aus dem Krüppel?" fragte ich den Kaplan. "Lebt er noch?"

"Nein, das ist das Sonderbare – der Tod hat ihn noch in derselben Stunde ereilt. Zufolge des Geschreies der Menge wurde ein Wagenpferd scheu, raste über den Marktplatz, warf den Krüppel zu Boden, und das Rad zerbrach ihm die Wirbelsäule."

Noch von vielen merkwürdigen Heilungen des Drechslermeisters erzählte mir der Kaplan; er schilderte in beredten Worten, wie die Nachricht von der Erscheinung der Mutter Gottes sich über das ganze Land verbreitet hatte, trotz Hohn und Spottreden der sogenannten Aufgeklärten, wie sich fromme Legenden gebildet und daß schließlich der Holunderbaum im Garten zum Mittelpunkt aller Wunder geworden war.

Hunderte, die ihn berührt hatten, seien genesen, Tausende, innerlich Abgefallene, reuig zum Glauben zurückgekehrt.

Ich hörte nur mehr mit halber Aufmerksamkeit zu; mir war, als sähe ich durch eine Lupe die winzigen und doch so allgewaltigen Triebräder des geistigen Weltgeschehens ineinandergreifen. Der Krüppel, durch ein Wunder in derselben Stunde zum Leben erweckt und gleich darauf wieder dem Tode überliefert – konnte es ein offenkundigeres Wahrzeichen geben, daß hier eine blinde, selber krüppelhafte und dennoch wirkungsvolle, unsichtbare Macht am Werke gewesen war? Und dann der Ausspruch des Drechslermeisters! Äußerlich kindisch und unlogisch, innerlich betrachtet: einen Abgrund von Weisheit erschließend. Und auf welch wunderbar einfache Weise der Alte den Fallstricken der Meduse – den Irrlichtern des Spiritismus – entronnen war: Ophelia, das Idealbild, an das er seine ganze Seele gehängt, ist für ihn die gnadenspendende Heilige geworden, ein Teil seiner selbst, aus ihm herausgetreten, lohnt ihm tausendfältig alle dargebrachten Opfer, tut Wunder, erleuchtet ihn, zieht ihn zum Himmel empor und wird ihm sichtbar als die Gottheit! Die Seele ein Lohn ihrer selbst! Die Reinheit des Herzens: eine Führerin zum Übermenschentum – die Trägerin aller Heilkraft. Und wie ein geistiges Kontagium überträgt sich sein lebendig und formgewordener Glaube sogar auf die stummen Geschöpfe des Pflanzenreiches: der Holunderbaum läßt Kranke genesen. Aber noch sind da gewisse Rätsel, deren Lösung ich nur dunkel raten kann: warum ist es der Ort, wo Ophelias Gebeine ruhen, von dem die Kraft ihren Ausgang nimmt, und nicht ein beliebig anderer? Warum ist der Baum, den ich gepflanzt habe mit dem innerlichen Gefühl, die Welt des Lebens dadurch zu bereichern, warum ist gerade er auserwählt, ein Mittelpunkt überirdischen Geschehens zu sein? Daß die Verwandlung Ophelias zur Mutter Gottes sich auf dieselbe magisch-gesetzmäßige Weise vollzogen haben mußte, wie einstmals ähnlich in der spiritistischen Sitzung, stand für mich außer Zweifel. Wo aber bleibt der todbringende Einfluß des Medusenhauptes? fragte ich mich. Sollte Satan und Gott, philosophisch besehen, als letzte aller Wahrheiten und Paradoxen ein und dasselbe sein – Zerstörer und Erbauer das gleiche?

"Halten Sie es von Ihrem Standpunkt als katholischer Geistlicher für möglich, Hochwürden, daß der Teufel die Gestalt einer heiligen Person annehmen kann, etwa die Jesu oder der Maria?"

Einen Augenblick sah mich der Kaplan starr an, dann verschloß er sich mit den Handflächen die Ohren und rief: "Hören Sie auf, Christopher! Diese Frage hat Ihnen der Geist Ihres Vaters eingegeben. Lassen Sie mir meinen Glauben! Ich bin zu alt, um solche Erschütterungen noch zu vertragen. Ich will in dem Glauben an die Göttlichkeit der Wunder, die ich gesehen und begriffen habe, einst ruhig sterben können. Nein, sage ich Ihnen, nein und abermals nein: mag der Teufel alle Gestalten annehmen können – vor der heiligen Jungfrau und ihrem und Gottes Sohn muß er halt machen!"

Ich nickte und schwieg; der Mund war mir geschlossen. Wie damals in der "Sitzung", als ich innerlich die höhnischen Worte des Medusenhauptes hörte: "Sag Ihnen doch alles, was du weißt!" Ja, es bedarf eines großen kommenden Führers, der vollendeter Herr ist über das Wort und es gebrauchen kann, um die Wahrheit zu enthüllen, ohne die zu töten, die es hören: sonst wird alle Religion nur ein scheintoter Krüppel bleiben – fühle ich.

Am nächsten Morgen weckte mich in aller Frühe das Läuten der Glocken von den Türmen, und ich hörte gedämpften Chorgesang, aus dem eine verhaltene wilde Erregung klang, immer näher kommen:

"Maria, du Gebenedeite unter den Weibern!"

Ein unheimliches Brummen ging durch die Mauern des Hauses, als würden die Steine lebendig und begännen auf ihre Weise in den Gesang einzustimmen.

Früher war es das Surren der Drehbank, das den Durchlaß erfüllte – jetzt ist die Qual der Arbeit schlafen gegangen, und wie ein Echo erwacht in der Erde die Hymne der Gottesmutter, dachte ich bei mir, als ich die Treppe hinunterstieg.

Ich stand im Haustor, und an mir vorbei zog, voran der alte Mutschelknaus, eine dichtgedrängte, ganze Berge von Blumen tragende Menge festlich gekleideter Menschen durch die schmale Gasse.

"Heilige Maria, bitt für uns!"

"Gegrüßt seist du, Königin der Barmherzigkeit!"

Der Alte war bloßfüßig und barhaupt, sein Kleid das eines wandernden Mönches, einst weiß gewesen, jetzt ärmlich und mit zahlreichen Flicken besetzt, sein Gang unsicher und tastend wie der eines blinden Greises.

Sein Blick streifte mich, blieb eine Sekunde lang an meinem Gesicht haften, aber keine Spur des Erkennens oder der Erinnerung war darin zu lesen; seine Augachsen standen parallel, als sähe er durch mich und die Mauern hindurch tief hinein in eine andere Welt.

So ging er langsamen Schrittes, mehr gezogen, so schien es mir, von einer unsichtbaren Macht, als aus eigenem Impulse, zu dem eisernen Gitter, das den Garten abschloß, öffnete es und trat zu der Marienstatue.

Ich mischte mich unter die Menge, die ihm in ehrfurchtsvoller Entfernung scheu zögernd nachdrängte und vor dem Gitter halt machte. Das Singen wurde leiser und leiser, aber eine beständig von Minute zu Minute sich steigernde Erregung wuchs darin. Bald wurde es nur mehr ein wortloses Vibrieren von Tönen; eine unbeschreibliche Spannung lag in der Luft.

Ich hatte mich auf einen Mauervorsprung geschwungen, von dem aus ich alles genau übersehen konnte.

Der Alte stand lange regungslos vor der Statue. Es war ein unheimlicher Anblick; ich hatte die seltsame Empfindung: wer von beiden wird zuerst lebendig werden! Eine gewisse dumpfe Angst, ähnlich wie einstmals in der Spiritistensitzung, überfiel mich, und wieder hörte ich die Stimme Ophelias in meinem Herzen: "Sei auf deiner Hut!"

Gleich darauf sah ich, daß sich der weiße Bart des Alten zitternd bewegte, und aus dem Zucken seiner Lippen erriet ich, daß er mit der Statue sprach. In der Menge hinter mir trat plötzlich Totenstille ein, auch der halblaute Gesang der Nachdrängenden verstummte wie auf ein gegebenes Zeichen.

Ein leises, rhythmisch sich wiederholendes Klirren war das einzige Geräusch, das übrig blieb.

Ich suchte mit den Augen den Ort, woher es kam: scheu in eine Mauernische gedrückt, als verberge er sich vor dem Blicke des Drechslermeisters, stand dort ein fetter alter Mann, auf dem kahlen Schädel einen Lorbeerkranz, mit der einen Hand halb das Gesicht verdeckend, die andere weit vorgestreckt, eine große Blechbüchse haltend. Neben ihm in schwarzem Seidenkleid, bis zur Unkenntlichkeit geschminkt: Frau Aglaja.

Die Trinkernase, unförmlich und blau geworden, die Augen hinter Fettwülsten, kaum mehr sichtbar – kein Zweifel: es war der Schauspieler Paris. Er sammelte Geld ein von den Wallfahrern, und Frau Mutschelknaus half ihm dabei; ich sah, wie sie sich von Zeit zu Zeit hastig vorbeugte, scheu nach ihrem Gatten spähte, als fürchte sie, von ihm entdeckt zu werden, und den Leuten etwas zuflüsterte, die gleich darauf mechanisch in die Taschen griffen und, ohne den Blick vom Muttergottesbilde zu wenden, Münzen in die Blechbüchsen warfen.

Ein wilder Zorn ergriff mich, und ich bohrte meine Augen in das Gesicht des Komödianten; gleich darauf begegneten sich unsere Blicke, und ich sah, wie sein Kinn herabsank und die Züge aschgrau wurden, als er mich erkannte. Vor Schreck fiel ihm beinahe der Opferstock aus der Hand.

Von Ekel erfaßt wandte ich mich ab.

"Sie bewegt sich! – Sie spricht! – Heilige Maria, bitt für uns! – Sie redet mir ihm! Da! Da! – Sie neigt den Kopf!" Es lief plötzlich, ein heiseres, kaum verständliches, wie von Schauern jähes Entsetzens ersticktes Murmeln, von einem blassen Mund zum andern durch die Menge. "Da! Da! Jetzt wieder!" Ich glaubte, jeden Augenblick müsse ein einziger geller Schrei sich von den vielen hundert lebenden Lippen lösen und die furchtbare Spannung zerreißen, aber alle blieben wie gelähmt; nur hie und da hörte ich ein vereinzeltes irres Lallen: bitt für uns! Ich fürchtete, ein Tumult werde losbrechen; statt dessen sank die Menge nur um Kopfeslänge zusammen. Sie wollte in die Knie fallen, aber die Menschen standen zu eng aneinander gedrängt. Viele hatten die Augen geschlossen, sie waren ohnmächtig geworden, aber sie konnten nicht niederstürzen, sie waren wie eingekeilt; in ihrer Totenblässe sahen sie aus wie Leichen, die, aufrecht stehend unter den Lebenden, auf ein Wunder warteten, das sie auferweckte. Die Atmosphäre war so magnetisch erstickend geworden, daß ich das Einatmen der Luft wie das Würgen unsichtbarer Hände empfand.

Ein Schlottern ging mir durch den ganzen Körper, als wolle sich das Fleisch von den Knochen lösen; um nicht kopfüber von dem Mauervorsprung herabzufallen, klammerte ich mich an ein Fenstersims. Der Alte sprach mit schnell sich bewegenden Lippen; ich konnte es deutlich sehen; sein abgezehrtes Gesicht leuchtete wie in jugendlichem Rot, von dem Strahlen der aufgehenden Sonne übergossen. Dann wieder hielt er plötzlich inne, als habe er einen Zuruf aufgefangen, mit offenem Munde angestrengt lauschend und die Augen fest auf die Statue gerichtet, nickte mit verklärten Mienen, gab schnell eine leise Antwort, horchte abermals und hob zuweilen freudig die Arme.

Immer, wenn er den Kopf lauschend vorstreckte, ging ein gurgelndes Raunen, ein Röcheln mehr als ein Flüstern, durch die Menge: "Da! Da! – Sie bewegt sich. Da! Jetzt! – Sie hat genickt!" –, aber niemand drängte sich vor; eher ein entsetztes Zurückweichen wie vor Luftschlägen.

Ich faßte das Mienenspiel des Alten so scharf ins Auge, wie ich nur konnte: ich wollte von seinem Munde ablesen, was er sprach. Ich hoffte insgeheim – ich wußte nicht weshalb – den Namen Ophelia zu hören oder zu erraten. Aber immer nur nach langen, mir unverständlichen Sätzen formten seine Lippen ein Wort wie "Maria".

Da! Es erschütterte mich wie ein Blitzschlag:

die Statue hatte lächelnd das Haupt geneigt.

Nicht nur sie allein, sogar ihr Schatten auf dem hellen Sand hatte die Bewegung mitgemacht!

Vergeblich sagte ich mir vor: es ist eine Sinnestäuschung, die Bewegungen des Alten haben sich in meinen Augen unwillkürlich auf das Bild übertragen, haben den Anschein erweckt, als sei die Statue lebendig geworden.

Ich blickte weg, fest entschlossen, Herr meines klaren Bewußtseins zu bleiben, sah wieder hin: die Statue sprach! Beugte sich herab zu dem Alten! Es war kein Zweifel mehr!

"Sei auf deiner Hut" – was half es, daß ich mich an die innere Warnung mit aller Kraft erinnerte! Was half es, daß ich deutlich in meinem Herzen fühlte: das gestaltlose, mir so unendlich teure Etwas, von dem ich weiß: es ist die immerwährende Nähe meiner Heißgeliebten, bäumt sich auf, will das Äußerste wagen und Form erkämpfen, um schützend mit ausgebreiteten Armen vor mich hintreten zu können! Ein magnetischer Wirbel, machtvoller als mein Wille, begann mich zu umkreisen: alles, was an Religiosität und Frömmigkeit in meiner Kindheit in mich und ins geerbte Blut eingegangen war und wie tot gelegen, brach los, Zelle um Zelle; ein geistiger Sturm in meinem Körper fing an gegen meine Kniekehlen zu hämmern: "Ich will, daß du niederfällst und mich anbetest!"

"Es ist das Medusenhaupt", sagte ich mir, aber ich fühlte zugleich, daß alle Vernunft hier zerschellte. Da nahm ich meine Zuflucht zum letzten Mittel: "Widersteht nicht dem Übel!" Ich leistete keinen Widerstand mehr, ließ mich versinken in den Abgrund vollkommenen Willensverzichtes. So schwach wurde ich in diesem Augenblick, daß sogar mein Körper davon ergriffen wurde; meine Hände ließen den Halt los, und ich fiel auf die Köpfe und Schultern der Menge herab.

Wie ich dann zurückgekommen bin in das Tor meines Hauses, weiß ich nicht mehr. Die Einzelheiten absonderlicher Geschehnisse solcher Art gleiten oft an unserem Wahrnehmungsvermögen ab oder gehen hindurch ohne Spuren der Erinnerung.

Ich muß wohl wie eine Raupe über die Köpfe der enggedrängt stehenden Wallfahrer hinweggekrochen sein! Ich weiß nur, ich stand schließlich in die Tornische gedrückt, außerstande, mich vor- oder rückwärts zu bewegen, aber der Anblick der Statue war mir entzogen und somit dem Zauber ihres Einflusses entrückt: der magnetische Strom der Menge floß an mir vorbei.

"Zur Kirche!" erscholl dann ein Ruf vom Garten her, und ich glaubte die Stimme des Alten zu erkennen: "Zur Kirche!"

"Zur Kirche! Zur Kirche!" pflanzte es sich fort von Mund zu Mund. "Zur Kirche! Maria hat es befohlen!" und wurde alsbald zu einem erlösenden vielstimmigen Schrei, der die Spannung zerriß.

Der Bann wich; Schritt für Schritt, langsam wie ein riesiges Fabeltier mit hundert Füßen, das seinen Kopf aus einer Schlinge befreit, zog sich die Menge rücklings aus dem Durchlaß.

Die letzten hatten den Alten umringt, drängten an mir vorbei, rissen ihm Stücke aus dem Gewand, bis er fast nackt war, küßten sie, bargen sie wie Reliquien.

Als es menschenleer geworden war, ging ich über den fußhoch mit zertretenen Blumen bedeckten Durchlaß zu dem Holunderbaum.

"Kann es nicht sein, daß ich dich wiedersehe, Ophelia?! Nur ein einzigesmal!" flehte ich in mein Herz hinein. "Ein einzigesmal nur möchte ich wieder dein Antlitz sehen!"

Eine Luftwelle trug aus der Stadt her: "Gegrüßt seist du, Königin der Barmherzigkeit."

Unwillkürlich hob ich den Kopf.

Ein Licht von unsagbarer Helle verschlang die Statue vor mir.

Den winzigen Teil eines Augenblicks lang, so kurz, daß mir ein Herzschlag dagegen wie ein Menschenleben dünkt, war sie in Ophelia verwandelt und lächelte mich an, dann glänzte wieder starr und unbeweglich das goldene Gesicht des Marienbildes in der Sonne.

Ich hatte einen Blick in die ewige Gegenwart getan, die für Sterbliche nur ein leeres, unfaßbares Wort ist.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.